Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen

Part 2

Chapter 23,835 wordsPublic domain

Als der Michel endlich zum Tore eintrat, wollte gerade der Förster Rufmann herausgehen.

»Dieses Wirtshaus heißt heute beim Kehraus,« sprach der Mann lachend. »Der Gläserkasten steht im Vorhaus, die Kellertür ist verrammelt mit Waschzubern und die Weibsleute krauchen auf dem Fletz herum wie die Schildkröten.«

»Ich sag dir, Rufmann,« entgegnete der Wirt, »vom Herzen bin ich froh, daß sie den Toifel hinauswaschen.«

»Ja, hörst du, Wirt! Wenn das Wirtshaus den Fasching nimmer mag, dann weiß ich nicht, wer ihn sonst mögen soll.«

»Der Satan. In allem Ernst, Rufmann, es ist eine Schweinerei!«

»Einen Katzenjammer hast.«

»Kannst recht haben. Wenn auch nit just im Magen allein. Daß einer die Lumpenkomödie mitmachen muß! Und noch daran eine Freud merken lassen soll. Aber was kannst du machen, wenn du Wirt bist. Mich wundert nur allemal, daß so was erlaubt ist.«

»Weißt, der Wildfang im Menschen muß auch seinen Tag haben. Zum ewigen Gedächtnis, daß er vom wilden Tier abstammt. Hat er sich ausgetobt, dann ist er wieder für ein Jahr ein zahmes Menschenschaf.«

»Muß so was sein. -- Aber Paul, du wirst jetzt doch nit fort wollen. Geh, bleib ein bissel da bei mir!« Bei diesen Worten hing der Wirt sich in den Arm des Försters. »Wir gehen in mein Zimmer hinauf. Mußt ein bissel dableiben. -- Mariedl!«

Die Kellnerin rief er. Und während sie sich in der kleinen, mit Zirmholz vertäfelten Stube zurechtsetzen am lichten Tisch, zwackt der Förster die Saiten der Zither, die an der Wand hängt. Kommt schon die kleine bucklige Person hereingetrottet. Mit dem weißen Schürzenzipfel will sie sich den Schlaf aus den Augen reiben, auch das Mundwerk ist übernächtig, das Zeug geht nur noch mechanisch weiter: »Was schaffens, Herr von Rufmann? Bier? Wein?«

»Ein Glas Wein.«

»Weißen? Schwarzen? Was zu essen? Schnitzel, Nierenbraten, Geselchtes mit Kren --«

»Schau, daß du in dein Bett kommst!« fährt sie der Wirt an. »Nierenbraten! Geselchtes! Am Aschermittwoch! Geh und schlaf dich aus!«

Während er selbst hinabsteigt in den Keller, stimmt Rufmann an der Zither herum und seinen Baß dazu. »Jetzt gang ich ans Brünnele, trink aber nit ...«

Der Michel kam mit einer stark bestaubten Flasche und zwei Kelchgläsern. »So! Vom vielen Trinken drei Tag lang, da wird man durstig. Wohl komm dir’s, Paul!«

»Ich komm dir!« dankte der Förster, und nach dem Trunke: »Ist es wieder recht würdig ausgefallen, das Begräbnis?«

»Ha!« sagte der Wirt überlaut lustig und strich sich mit den Händen den Bart, was allemal ein Zeichen seiner Behaglichkeit war. »Der Scherenfanger hätt froh sein können, wenn ihm ein solches Begräbnis wär zuteil geworden, wie seiner Hoheit, diesem Schweinekerl.«

»Scherenfanger? den Kajetan meinst? Aber der hat doch keine Ehr’ verlangen können. Der hat sich ja selber das Leben genommen.«

»Derowegen, sage ich. Weit ist’s nit g’fehlt, daß sie beieinander liegen, der alte Kajetan und mein altes Faß. In der Staudenschlucht neben dem Kirchhof.«

Das fing der Förster auf, es schien ihn anzufassen, er vergaß der Zither. Er hatte den böhmischen Maulwurf- und Insektenvertilger recht gut gekannt, aber doch nicht so gut, daß er den Selbstmord hätte verstehen können. Damals, als er mit dem Mann den Versuch besprochen, wie man den Kieferspinner, diesen schrecklichen Waldverderber, vertilgen könnte, wie war der Kajetan da noch spaßhaft gewesen! Und als er jenen Ruppersbacher Maulwurfsfeinden die schaudervolle Hinrichtung des berüchtigten »Wiesengrundverderbers« vorgeschlagen! Der Maulwurf, wenn er gefangen werde, sei viel zu niederträchtig, als daß man ihm die ehrenvolle Todesart des Erschlagens antun dürfe; der müsse zum gerechten Lohn für seine heimtückische Wühlarbeit und zum abschreckenden Beispiel für seine Sippe eines ausnehmend grausamen Todes sterben; man solle ihn, den Maulwurf -- lebendig begraben! Das haben sie endlich verstanden und ihn nicht wieder angerufen zum Vertilgen des nützlichen Bodenlockerers und Insektenfressers. -- Solcherlei Schwänke hat er gern getrieben. Und so ein lustiger Mensch knüpft sich eines Tages an den Wandnagel.

»Wie denn das hat sein können mit dem Kajetan?« sagte der Förster.

Und der Michel antwortete: »Weil er verruckt ist worden. Ein schlechtes Buch, oder was, muß er derwischt haben. Denk dir, den Herrgott hat er so gefürchtet.«

»Den Herrgott gefürchtet? Nun, ich habe doch immer gehört, den Herrgott _soll_ man fürchten.«

»Soll ihn auch. Aber bissel anders wie der Kajetan. Gottesfurcht ist schon recht. Aber Gottesangst ist eine Sünd gegen den heiligen Geist. Oder ich sag’s besser: ist eine Narrheit. Wer ordentlich und brav ist, wie der Mann sein Lebtag gewest -- wenn so einer Angst vor dem Herrgott hat, dann lachen ja die Spitzbuben, die keinen haben. Versinniert hat er sich halt.«

»Zu viel sinnieren soll der Mensch nicht,« sagt der Förster.

Spricht der Michel weiter: »Da unten in der Gaststuben hat er mir’s einmal erzählt, wie’s ihm ist vorgekommen. Du, das ist ein kurioser Vogel gewest. Dem sein Glauben! Die Welt, Himmel und Erden, sagt er, und alles, was ist, das ist nichts anderes als Gott selber. Jedes Tier und jeder Grashalm und jeder Wassertropfen ist der Herrgott selber! Alles zusammen ist der Herrgott. -- Und jetzt denk dir, Michelwirt, hat der Insektentod gesagt, was ich mein Lebtag schon hab Herrgott umgebracht! Tu nichts anders Jahr für Jahr, als Herrgott umbringen. Und jetzt, Wirt, stell dir vor, wie ich dran bin, wenn’s zum Sterben kommt. -- Aber Mensch! sag ich ihm drauf, wenn du’s so nimmst, da hilft sich der Herrgott ja selber umbringen, alle und alle Tag. Wenn das Vieh Gras frißt und der Mensch das Vieh! Und der Krankheitskeim den Menschen frißt. Und wenn du selber Gott bist und hilfst ihn umbringen, damit du leben kannst! Den Unsinn mußt doch einsehen, hab ich gesagt. Wenn du Insekten tötest, so rettest du besseren Wesen das Leben, hab ich gesagt. Da ist er dir aufgefahren: Es gibt keine besseren Wesen! Und keine schlechteren. Alles ist gleich, keines hat das Recht, ein anderes zu vernichten. Desweg bin ich der Mörder. Ein Herrgottsmörder bin ich worden! -- Ich sag dir’s, Paul, angst und bang hätt einem werden mögen neben seiner. Hat selben auch nit mehr viel gearbeitet. Alleweil in der Einsam herumsinniert, na -- bis das Unglück halt nachher geschehen ist.«

»Ist zu dumm!« brummte der Förster, »das ist ein siebendoppelter Unsinn!«

»Wenn du halt irrsinnig bist,« gab der Wirt zu bedenken. »Schlechtes kann ich dabei nix finden, und wenn ich Pfarrer bin, in der Schluchten laß ich den armen Hascher nit begraben.«

»Hat mich auch recht gewundert von unserem Pfarrer.«

»O mein, sagt er, wie wir dazumal bei ihm sind gewest, der Gerhalt und ich, wegen der selbigen Sach, wenn’s auf mich tät ankommen -- unter dem großen Kreuz sollt er liegen, mitten auf dem Kirchhof. Aber die Vorschriften! Und sonst wohl auch. Die Angst vor dem ungeweihten Grab hält doch immer einen zurück. Weisen wir hin: Bei den vieltausend Selbstmördern alle Jahr, die man in der Zeitung liest, sollt man halt doch nit so streng sein. -- Just derohalben! sagt der Pfarrer, wird ja rein Modesach, der Selbstmord! -- Trink, Paul! Du trinkst ja heut nix.«

»Wie der Will,« sagte der Förster und tat einen Schluck aus dem Kelchglas, »’s ist mir einmal unfaßbar, wie ein Mensch sich selber das Leben nehmen kann.«

»Weißt, just zu verstehen ist es schon. Wenn das Elend halt zu groß wird. Wenn alles verspielt ist und alles gegen dich ist, daß es frisch nimmer zu ertragen ist!«

»Ah geh,« sagte der Förster, »unsereiner hat auch schon seine Sacherln durchzumachen gehabt. Damals zum Beispiel, wie mir das Weib ist gestorben. Da wär’s mir schon auch lieber gewesen, heut wie morgen. Und ’s Schußgewehr alleweil im Zimmer. Nicht _einmal_ ist mir der Gedanke gekommen, nicht einmal!«

»Das glaub ich dir. Wenn zwei Würmeln da sind, die den Vater brauchen. ’s ist hart genug, Paul, was dich selben hat getroffen. Aber das größte Unglück ist es nit.«

»Was wir da auf dumme Sachen sind zu reden gekommen,« sagte der Förster. »Das richtige Aschermittwochgespräch.«

»Ist eh wahr,« lachte der Wirt.

»Gescheiter ein bissel singen.«

»Mein Stimmstock,« sprach der Michelwirt und griff sich an die Kehle. »Zu stark strapaziert worden die letzten Täg. Jetzt hab ich den Pelz im Hals.«

»Du, sag mir, Michel, ist mein Bub heut auch dabei gewesen?«

»Der Friedl? Aber na freilich. Hat ja die Stang getragen mit der leeren Brieftaschen.«

»So, die leere Brieftasche. Kann dem schon noch öfter passieren. Aufs Geld kann er mir schon gar nicht achtgeben.«

»Bei mir laßt er just nit viel springen,« sagte der Wirt lustig.

»Na gerade trinken, da könnte ich just nit klagen. Da tut er schon lieber seine Kameraderln traktieren. Da wird er dir mitunter üppig. Und seine harben Seiten! Ein Zornnickel immer einmal,« vertraute der Förster dem Freunde, »ein Trutzkopf unterweilen -- was du dem lustigen Springinsfeld gar nicht ansiehst. Wenn der so fort macht!«

»Ist halt ein junges Blut und stammt nicht umsonst von seinem Vater ab.«

»Und dann das verfluchte Rauchen! Seit ich ihm die Pfeife in den Ofen geworfen hab, raucht er Zigarren. Britanika, sagt der Ruppersbacher Tabakkramer. Hält die Sorte extra für den Herrn Förstersohn! Ja der Förstersohn, das ist er. Sonst noch nichts.«

»Waldkulturminister kann er freilich noch nit sein mit zwanzig Jahren. Derweil mußt ihn halt ein bissel mehr verdienen lassen im Holzschlag. Er ist ja Holzmesser.«

»Und soweit nicht ungeschickt dabei.«

»Na, siehst, da ist er doch schon wer.«

»Soviel als ein Knecht. Trotz seiner Realschule. Und besser als einen andern Knecht kann ich ihn nicht lohnen. Es geht nicht. Froh, wenn er so viel verdient. Bei dem geht die Sonne ja alle Tag um eine Stund später auf und um eine früher unter. Meinetwegen, er hat einen weiten Weg in den Holzschlag. Letztens ist er mir einmal nicht nach Hause gekommen am Abend. Ist in der Bärenstuben übernachtet, beim Kohlenbrenner.«

»Beim Krauthas?!« fragte der Wirt auf.

»Gekartelt haben sie und geschnapselt, und geraucht natürlich.«

»Hat der Krauthas sein Dirndel noch bei sich?«

»Daran habe ich auch gleich gedacht. Nein -- ist nicht mehr in der Hütte. Soll zu Löwenburg unten sein, in Diensten.«

»Na, so laß ihm die Freud beim Krauthasen.«

»Viel Gutes wird er nicht lernen dort. Übrigens -- der Weibsbilder wegen, das wäre auch noch keine Sorge. Soweit ist der Bub noch brav, mein ich. Da könnte man nichts sagen. Wenn’s drauf ankommt, ein herzensguter Bub. Ist ja eben das Schlechte bei ihm, daß er so gut ist.«

»Nit übel!« lachte der Michelwirt, »leicht sagst ihm’s einmal, daß es gut wär, wenn er schlecht wär.«

»Den möchte ich mir halt für eine Besondere aufsparen, wenn er einmal so weit sein wird, daß er heiraten kann. Für den wüßt ich eine! Aber bei den jungen Trotzköpfen muß man sich hüten, die rechte zu nennen. Sonst schauen sie justament die nicht an.«

»Geh, was du nit glaubst!«

»Wie es beim Staufer in der Sandau ist gewesen. Der hat auch so einen Trutzbock gehabt. Er hätt’s gern gesehen, daß der Sohn die Lehnerische nimmt. Und just die will der Bub nicht. Sagt der Alte: Recht hast, die wär auch meine letzte, und hebt an zu schimpfen über die Lehnerische. Da ist’s dem Burschen: Und grad die nehm ich. Hat sich der Staufer ins Fäustel gelacht. Auch der meinige könnt einer sein von dieser Gattung.«

»Rufmann, du kannst dir alle zehn Finger abschlecken dafür, daß du ein paar solche Burschen hast. Nit allemal g’rat’s so gut, wenn die Mutter fehlt.«

Da leuchtete des Försters Gesicht. Es war ein schönes braunes Antlitz mit tiefliegenden Augen und einem halb kurzgeschnittenen, stark angegrauten Bart. Die gerade und feingebaute Nase war an der Spitze kaum merklich gerötet, hingegen schimmerten unter dem Schnurrbart die frischen Zähne des Oberkiefers ein wenig hervor. Wenn in ihm was vorging, bewegten sich die sehr buschigen Augenbrauen auf und nieder. So auch jetzt, da der Freund so gut von seinen Buben sprach. Es besteht der Verdacht, daß er seine Söhne eigens manchmal in den Anklagestand versetzte, um vom Freunde ihre Verteidigung und Rechtfertigung zu hören. Diese Kinder sind ja sein ganzes --. Nein, er getraut es nicht auszusprechen, das stolze Wort. Alle Liebe ist abergläubisch. So wollte er schon eher von den Sorgen sprechen, die sie ihm machen, da wird der Teufel, oder wer es ist, doch nicht zum Neide gereizt werden.

»Mit dem jüngeren,« sagte nun der Förster, »dem Elias, habe ich jetzt ohnehin auch mein Anliegen.«

»Der kommt zu Ostern wohl wieder auf Vakanzen heim?« riet der Wirt.

»Vielleicht schon früher. Gestern habe ich einen Brief erhalten aus dem Seminarium. Der Präfekt schreibt, daß der Bub kränklich ist, und es dürfte angezeigt sein, wenn er bald auf etliche Wochen in die Gebirgsluft käme.«

»Na ja, weil alle bleichsüchtig werden in derer dummen Stadt da drinnen!« rief der Michel. »Bissel blutarm ist der Elias immer gewest. An deiner Stell heut noch tät ich telegraphieren, sie sollten ihn gleich herschicken.«

»Ist halt bitter, wenn er etwa das halbe Jahr verlieren muß.«

»Im fünften Jahrgang ist er, gelt? Eh schon weit mit fünfzehn Jahren. Ich glaub alleweil, um solche Zeit lernt der Bub im Wald mehr als in der Schulstuben.«

»Kommt nur drauf an, was.«

»Laß es drauf ankommen. Denk an, Rufmann, wie du selber vor etlichen zwanzig Jahren aus München bist in unsere Gegend kommen. Das war ein Krisperl! Nit fünf Groschen hätt einer geben für das bissel Forstadjunkten. Und ’s andere! Wie oft hast mir’s erzählt, daß du da im Waldgebirg in einem halben Jahr mehr hättest gelernt als in drei Jahren der Stadtschul!«

»Ein Forstadjunkt. Das ist doch natürlich. Was soll aber ein Theologe im Wald lernen?«

»Die Natur, den Menschen! So ein geweihtes Bürscherl mit seiner papierenen Welt, das weiß ja gar nix, wenn es herauskommt. Das hat nur Sünder und Engel und Teufel im Kopf -- aber keinen Menschen, wie sie sind. Geh, laß dein Bübel kommen. Jetzt geht das Frühjahr an.«

»Jetzunter geht das Frühjahr an!« begann der Förster, den’s schon lange danach juckte, zu singen, und der Michel fiel mit ein:

»Und alles fängt zu blühen an Auf grüner Heid’ und überall. Es ist nichts Schön’res auf der Welt, Als wie die Blümlein auf dem Feld, Weiß, blaue, rote -- ungezählt. Und wenn sich alles lustig macht, Und ich schon gar nit schlafen mag, Geh ich zum Schatzerl bei der Nacht.«

»Für einen Theologen wäre das gerade nicht die richtige Weis«, lachte der Förster. Der Michel überhörte es, war schon bei dem zweiten Gesätzel:

»Jetzunter geht das Frühjahr an Die Vöglein heben zu singen an, Die Schäflein scherzen auf der Au ...«

Das liebliche Singen wurde noch lieblicher unterbrochen. Ganz leise hatte es an die Tür geklopft. Der Wirt kannte den Boten schon im Klopfen und sagte laut: »Ja, Helenerl!«

Die kam bescheidentlich herein in ihrem lichten blauen Kleid, über das rückwärts zwei güldene Haarzöpfe niederhingen.

»Die Suppen steht schon seit einer halben Stund auf dem Tisch, sie wird kalt!« sagte sie munter.

»Stell sie ans Feuer. In einer halben Stund kommen wir, derweil wird sie wieder warm,« antwortete der Vater, da war sie schon fort.

Der Förster schaute eine Weile auf die Tür hin, als ob die Erscheinung noch einmal auftauchen müßte. Der Wirt schaute den Freund an mit einem Blick, in dem freudiger und demütiger Vaterstolz leuchtete.

Endlich sagte der Förster: »Sapperment, die ist schön geworden!« Und summte launig: »Jetzunter geht das Frühjahr an! -- Michel, auf die gib acht!«

»’s ist nit so gefährlich, wenn’s so bleibt,« sagte der Wirt. »Vor der haben die Wildbären Respekt. Laß dir sagen. Am vorigen Sonntag auf den Abend in der Gaststuben, wie die Bauern und die Holzleut schon beim gewissen Reden sind, weißt eh, da fahr ich sie zweimal an: Seids stad! Weil mir schon graust. Gelacht habens und noch kecker haben sie’s getrieben, die Saumagen. Tritt auf einmal das Mädel in die Stuben, zum Gläserkasten, ich weiß nit, eine Noten oder was hat sie zu wechseln gehabt. Abgezuckt haben die Manner in ihrem sauberen Diskurs, still sind sie gewest und einer hat beim Fenster ’naus geschaut: Schneien tat’s anfangen. Ihr lustiges Gesichtl schaut über die Leut hin, nachher ist sie wieder hinausgegangen. Das hat mir gefallen.«

»Im Wald ist’s auch so,« sagte der Förster, »wohin die Sonne scheint, da wachsen keine Giftschwämme. -- Unsere liebe Frau beschütze uns die Kinder!«

Es war ein Gebet mit Glockenläuten, denn sie stießen klingend die Gläser an.

»Und jetzt komm, Rufmann, und iß mit uns zu Mittag. Bissel Fastenspeise, viel kriegst eh nit.«

»Wenn du dein Wort hältst, auf einen Halberabendkaffee demnächst im Forsthaus.«

Heimkehr ins Forsthaus

Bei dem kleinen Dorfe Eustachen, wo die steile Wand des Ringsteins aufragt, zweigt quer ins Waldgebirge hinein ein Seitental.

Es ist ein Hochtal und heißt auch so. Anfangs ist es so breit, daß an der Tauernach links und rechts schöne Wiesen liegen können zwischen den steil ansteigenden Forsten. Dann engt sich das Tal zu einer Schlucht und vor dieser Stelle steht das Forsthaus. Es ist ein behaglich sich breitender Bau aus lichtgebräuntem Lärchenholz, mit großen, klaren Fenstern, den unvermeidlichen Hirschkronen und Raubvögeln, die mit ausgespreiteten Flügeln an die Giebelwand genagelt sind. Das halbflache Hausdach schützt auch die lange Wandbank an der Hauswand vor Regen; die Sonne, wenn sie über dem Bergrücken doch einmal niederscheint, tut ohnehin nicht weh.

Von dem Sträßlein, das durchs Hochtal und weiter durch die Schlucht geht, führt über die rauschende Ach eine Brücke hinüber zum Hause. Und an dieser Brücke steht die alte Bretterkapelle, die gleichzeitig ein Brunnen ist für Wanderer, so auf dem Wege andächtig oder durstig geworden sind. Im Hochsommer und Herbst sind mitunter Wanderer zu sehen, die übers Hochgebirge wollen oder von demselben herabkommen. Just am Punkte neben der Kapelle kann man im Hintergrunde der dunkelnden Waldschluchten ein schneeweißes Dreiecklein aufragen sehen, das manchen Touristen aus weiten Fernen herbeizieht wie ein gewalttätiger Magnet. Über dem Kapellentürchen steht der Spruch: »Heiliger Eustachius, bitte für uns. In Ewigkeit Amen.« In der Kapelle wo sonst der Altar zu sein pflegt, ragt aus der Wand ein lebensgroßer, aus Holz geschnitzter Hirschkopf hervor, aus dessen Nasennüstern das Wasser sprudelt. Zwischen den mächtigen Geweihen dieses Hirschkopfes, die von einem Tiere stammen sollen, das der Fürst selbst erlegt hat, ragt ein Kruzifix. Also die Legende kündend vom heiligen Hubertus. Nach anderer Legende war es der heilige Eustachius gewesen, dem auf einem Hirschkopf das Kruzifix erschienen. Die Leute meinen, das Wunder wäre gerade in dieser Gegend geschehen, weshalb das Dorf St. Eustachen hieße.

Hinter dem Forsthause steigt steil der Lärchenwald an, der im Sommer das helle zarte Grün hat, um unsere Jahreszeit aber wie ein Gewuste fahler Besen regungslos dasteht. An der anderen Seite des Tales lehnt eine weite, glatte Fläche sachte an, immer höher, bis zu Felsgruppen im Hintergrund. Sie ist noch ganz mit Schnee bedeckt, der fast bis zur Ach herniederreicht und mit unzähligen Tierspuren in kreuz und krumm durchzogen ist. Es ist die Siebentaler-Leiten, die ihr einstiger Besitzer, ein überkluger Bauer, bei einer Wette gegen sieben Taler verspielt haben soll. Sie gehört längst auch dem Fürsten, der im Laufe der Zeit des ganzen Waldgebirges Herr geworden ist, auch der Almen weiter oben, mit Ausnahme von einigen Bauernservituten. Und Herr geworden endlich der Felsenwelt, die belebt ist von Gemsen und Habichten. Weit hinten in jenem wilden Gebirge, auf einer kahlen felsigen Hochebene steht das Jagdschloß, in welches der Fürst alljährlich einmal auf zwei oder drei Tage kommt, um ein paar Dutzend Gemsen zu erlegen und das Fleisch dann an die Bevölkerung der Holzer und Kleinhäusler abzulassen.

Die Besitzungen werden hauptsächlich von der Residenz aus verwaltet; doch das Gebiet der Waldungen und der Almen gehört in das Bereich des Forstamtes, das vom Förster und einem Kanzleischreiber versehen wird. Jäger, die in früherer Zeit auch dagewesen, sind abgeschafft worden. Etwaige Raubtiere erlegt der Förster. Das ist unser Paul Rufmann. Einen vieljährigen Kampf hat es dem Rufmann gekostet, um die waldkulturschädliche Wildhegung in den Forsten abzubringen. Um so zufriedener ist Seine Hoheit jetzt mit dem Forstertrage; ein Umstand, der dem Rufmann den Titel »Oberförster« eingebracht hat, den er aber nicht ausnützt. Vielleicht, daß ihn der Friedl einmal annimmt!

Diesen Förster, der kein Jagdheger ist, mögen auch die Bauern leiden, um so mehr, als er ihnen gelegentlich mit Holz, Waldstreu und Weide auszuhelfen pflegt.

Nun ins Forsthaus tretend, sehen wir in der Vorhalle an der Wand noch die alten Jägersprüche. Es sind verblaßte, tote Buchstaben geworden. Über dem Eingangstore aber hat der Rufmann in großen Buchstaben die Worte malen lassen: »Wer hat dich aufgebaut so hoch, du schöner Wald da droben!«

Das Forsthaus hat mehrere geräumige Stuben. Anstatt der Hirschgeweihe hängen hier Kupferstiche mit Darstellungen aus germanischer Sage, an der Wand auch eine Laute. Der Förster ist zur Stunde in den Bergen.

In einer Kammer neben der Küche hockt auf der Truhe eine kleine alte Person vor dem Wäschekorb. Sie bessert Hemden aus und Hosen und greint ein wenig in die Leinwand hinein, daß diese Manner doch gar alles zerreißen müssen. »Dem Alten halt’s kein Hinterer, dem Jungen kein Knie -- aber nit etwa vom Beten!« -- Rechterseits am Halse hat sie ein nußgroßes Kröpflein, das sachte auf und nieder wurlt, wenn sie greint. Auf dem runden Näschen hat sie große Brillen mit beinener Einfassung sitzen, die immer so weit herabrutschen, daß sie mehr über als durch die Gläser hinausschaut. Auf die Ferne sieht sie ohne Brillen weit besser; es ist nichts und es geschieht nichts im Forsthause, was sie nicht sähe, ja sie sieht sogar manches, aber wohl freilich nicht alles, was andere im tiefen Waldschatten verborgen glauben, oder auch, was morgen und übermorgen sein wird, oder was unter den Brustleibeln ihres Hausherrn und seiner Kinder vorgeht. Diese umsichtige Person ist seit dem Tode der Förstersfrau hier die Haushälterin und heißt Sali. Sie hat die Familie gleichsam ererbt, ein Vermächtnis der Sterbenden.

Als damals, bald nach der Geburt des zweiten Sohnes, der Frau Cäcilia letzter Tag gekommen, hat sie die Magd an ihr Bett rufen lassen, hat sie bei der Hand genommen und mit schon fast gelähmter Zunge so gesprochen: »Sali, tu meine Leut nit verlassen. Schau, daß sie was zu essen haben und was Ordentliches anzulegen. Tu sie nit verlassen!« Und seither ist’s fünfzehn Jahre und die alte Person steht auf ihrem Posten, wird nicht älter und nicht jünger, hat alleweil den gestreiften Lodenkittel an, und beim Flicken oder Sonntags über dem Gebetbüchel die großen Brillen auf, greint alleweil ein wenig und bleibt immer gleich umsichtig und verläßlich. Sie für sich selber scheint nicht zu existieren, nur für »ihre Leut«. Aber ein paarmal im Jahre hat sie »die bösen Täg«. Da brummt und greint sie nicht, da ist sie stumm wie ein Grab, aber nicht ganz so friedsam, da wirft sie die Holzscheiter hin und her, daß es poltert, da schlägt sie die Türen zu, daß das ganze Haus schüttert, da stößt sie Töpfe und Teller in Scherben -- um am nächsten Sonntag dafür wieder neue anzuschaffen, in aller Demut von ihrem eigenen Gelde.

Das also ist die Haushälterin Sali, die jetzt in der Kammer am Wäschekorbe hockt, auf einmal aber das weißbehäubte Köpflein hebt und horcht. In der Nebenstube hat sie etwas gehört. Und schreit mit scharfer Stimme: »Wer ist denn da?« Und geht nachschauen, und tut einen hellen Schrei, halb in Schrecken und halb in Freuden. Mitten in der Stube steht der Elias. Das Studentel!

Er schmunzelt ein wenig und reicht ihr die Hand.