Die Försterbuben: Ein Roman aus den steirischen Alpen
Part 18
So lieblich blühte der Wein. Aber das ging allemal sachte in eine andere Stimmung über, in eine abgrundtiefe Elendigkeit. Da knirschte er mit klappernden Zähnen, daß der Wein das allerabscheulichste Gift sei, so furchtbar grausam schon deshalb, weil es nicht sterben läßt. Das Leben verelendet und doch nicht sterben läßt! Alle Lebensgeister verekelt und betäubt er, bis auf den einen, der zuruft ohne Unterlaß: du bist eine treulose Kreatur!
Zu anderen Stunden fand er freilich wieder den kümmerlichen Halt in dem Gedanken: Was man aus Nächstenliebe tut, das wird ja doch -- wie es immer heißt -- eine gute Tat sein, und selbst wenn’s ein Irrtum wäre. Eine Einbildung, daß die Söhne Raubmörder sind, hat die Tauernach ausgelöscht. Auch wenn sie es wirklich wären gewesen. Oder können sie’s nicht noch werden? Wer kann denn wissen, was hölltiefer Jammer einem Menschen bevorstehen kann. Das ist alles ausgelöscht beim Rufmann -- er hat nix mehr zu fürchten und zu leiden. Wer hat ihn denn erlöst? -- Ich? Wieso? Doch er sich selbst. Was gräm ich mich denn ab? Ich habe ja nichts getan! --
In ähnlicher Weise rang der arme Mensch mit seinem Leide, mit seinem Gewissen, und sachte erlahmte die Seele.
Zum Forsthause wollte er jetzt hinauf, um zu sehen, was es zunächst für ihn zu tun gab. Da kam der Brief.
»Lieber Michel Schwarzaug!
Nach dem, was sich ereignet hat, und es besser ist, daß wir uns nicht mehr sehen, so schreibe ich im Namen meines Bruders und in meinem eigenen diesen Brief.
Wir verließen gestern unsere Heimat, und zwar unauffällig bei der Nacht, weil wir allen, die unseretwegen sich etwa einen Vorwurf machen müssen, noch unseren letzten Anblick ersparen, und wir auch selber niemand sehen wollen. Ins Forsthaus zieht demnächst der neue Förster ein. Die Rosalia Terler wird unsere Sachen, die wir nicht mitnehmen können, in Obhut nehmen, bis sie versteigert werden, und haben wir gleichzeitig alles Amtliche dem Ortsvorsteher aufgetragen.
Warum wir gehen, das brauche ich wohl nicht zu sagen. Die Erfahrungen, die wir in unserer größten Not hier haben machen müssen. Wir müssen uns halt denken, sie sind von Gott geschickt, wollen niemand dafür verantwortlich halten. Müssen auch manchen werten Bekannten zurücklassen, aber das Verbleiben in Eustachen wäre gegen unsere Natur. Wo so etwas geschehen, das kann nimmer unsere Heimat sein.
Mein Bruder Fridolin will ganz auswandern, wahrscheinlich in einen anderen Weltteil. Wie er arbeiten kann, da wird er leicht weiterkommen. Ich kehre auch nicht mehr ins Seminar zurück, etwa daß ich in einem Kloster meine weitere geistliche Ausbildung suche. Vielleicht entschließe ich mich zu etwas anderem, jetzt ist mein Verlangen: Nur recht weit fort.
Dir, lieber Michel Schwarzaug, danken wir für manches Gute, besonders was Du unserem seligen Vater erwiesen hast. Wir wissen, daß Du dich kränkst um ihn, und wahrscheinlich wegen seiner letzten Stunde. Laß das sein, das hilft jetzt nichts mehr. Die Schuld habe ich auf mich zu nehmen. Hätte ich nicht eine Untat gelogen, die ich nicht begangen habe und nie begehen kann, so würde man uns kaum fortgeführt, sicher aber nicht als des Verbrechens überwiesen betrachtet haben. Daß ich freilich meine Ursache gehabt habe, würdest Du nicht glauben können. Mein ganzes Leben soll ein Büßen sein, dem Gedächtnisse meines Vaters und seiner armen Seele aufgeopfert. Für mich verlange ich nichts mehr und mein Bruder wird sich durchschlagen. Um was wir Dich noch ersuchen möchten; laß es sein, nach uns zu forschen -- es ist so am besten. Wir wünschen Dir und den Deinigen viel Glück und Segen.
Elias Rufmann.
Ich verabschiede mich noch besonders von Dir, als meinem christlichen Taufpaten. Gott der Herr wird alles vergelten.«
Ja, so lautete der harte Brief, den man heute noch lesen kann im Straßenwirtshaus zu Eustachen. Der Schreiber, der ihn wohl in christlicher Milde und Verzeihung verfaßt zu haben glaubte, hatte keine Ahnung, wie dieses kalte Eisen in das kranke Herz des Empfängers drang.
Er las zwischen den Zeilen dieses Briefes, daß seine Sünde keine Verzeihung findet. O, wäre der Brief in Leidenschaft und Zorn geschrieben worden und hätte geflucht und gewettert, so wehe hätte er nicht getan als diese tote Höflichkeit. Seine Sünde findet kein Verzeihen. Sie wollen nichts mehr von ihm. Sie wollen ihn gar nicht mehr sehen. Jawohl, »Gott der Herr wird alles vergelten!« Das soll wohl heißen: bestrafen! -- Aber Michelwirt, was kränkest du dich denn so sehr? Es ist ja alles nur Einbildung. Dem Rufmann hast du gesagt, daß man die Einbildung, wenn sie weh tut, auslöschen könne. Michel, lösche sie jetzt in dir selbst ...
»Mariedl! Ein Glas Wein. Vom starken!«
-- -- Also abgelehnt!
Abgelehnt von diesen Knaben, die er schon zu seiner Familie getan, derer wegen er auf seine eigenen Angehörigen beinahe vergessen konnte. Abgelehnt von diesen Jungen, an denen er seinen verhängnisvollen Irrtum sühnen und sich erlösen wollte. Von diesen armen Jungen, die Liebe und Vertrauen zur Heimat verloren haben und nun in der weiten, stockfremden Welt ihr Glück suchen wollen -- die einfältigen, unerfahrenen Kinder!
In seiner inneren Wirrnis versuchte er es einmal mit der Zither. In früheren Tagen hatte ihr Klang manche Herbnis sanft ausgelöst. Jetzt griff er wieder in die Saiten. Sie klangen nicht, sie schrillten, sie taten dem Ohre weh und dem Herzen noch weher. Er nahm den Drehschlüssel und suchte zu stimmen, da tat die Saite einen schneidenden Schrei und -- war gesprungen. Das Instrument mit dem gerissenen Strang, er hing es wieder an den Nagel. Es war alles aus.
Sein Weg -- noch einmal zum Forsthaus. Da war alles darunter und darüber gekehrt. Die Sali hatte Möbel und Geräte gescheuert und nun standen und lagen diese auf dem Anger herum, daß sie trockneten. Es waren, im Sonnenlicht besehen, recht ärmliche Sachen. Er ging ins Haus. Die Schritte hallten laut in den leeren Stuben. An der Wand waren noch die Heiligenbilder und die rote Ampel stand vor der Muttergottes. Daneben hing die Laute. Rufmanns alte Laute, mit der er so oft den Gesang begleitet hatte.
Die Sali kam herbei und begrüßte ihn mit den Worten: »Gelt, wollens halt auch einmal sehen, wie’s ausschaut, das zugrunde gerichtete Forsthaus!«
Er hatte für diesen Ton keine Empfindungen mehr. Von den Buben nirgends eine Spur. Er hatte sich vorgenommen, zu versuchen, ob nicht von der Alten manches über sie zu erfahren wäre. Das ließ er sein, fragte nur eins. Ob die Laute zu haben wäre? Er möchte sie gerne kaufen. Zu einem Andenken.
Darauf die Alte kurz und scharf: »Ich geb nix her! Darf nix hergeben! Was mir anvertraut ist, das ist mir anvertraut!«
Mit dieser verspäteten Lehre konnte er wieder gehen. Und er ging. --
Es kamen nun die Tage, da er in der Gegend umherstrich, wie ein Mensch, der etwas sucht. Der es endlich findet und traurig betrachtet und wieder wegwirft, weil es doch nicht das Rechte ist. An Waldplätzen, wo er je mit dem Freunde zusammengewesen war, geplaudert oder gesungen hatte. Und suchte in dunkelnder Erinnerung nach Gesprächen, die er mit Rufmann geführt, nach Aussprüchen, die er getan und vor allem nach den Liedern, die sie gesungen hatten. Von manchem Liede fiel ihm der Text ein, aber nicht die Melodie. Und der Text ohne Melodie ist ein dürrer Stab, an dem die blühenden Ranken fehlen. Und wenn er auch bisweilen einzelne Töne fand, so waren es abgefallene Blätter einer Rose, sie hatten keinen Schmelz und keinen Duft. Und wenn er von anderen singen hörte, so war es Lärm und kein Gesang. Da wollte sein sangesdurstiges Herz verschmachten. Selbst die Waldvögel, sie sangen nicht, zwitscherten oder kreischten nur, seit der Förster dahin war. Und die alten Bäume, die stahlhart und rein geklungen hatten, so man mit der Axt an den Stamm schlug -- sie tönten dumpf und morschig. Wenn er von solch traurigen Gängen nach Hause kam, murmelte er: »Komm Rufmann!« und trank Wein.
Dann wieder sah man den Michel an den Ufern der Wässer. Er saß an der Tauernach und schaute in die raschen Wellen, er saß an der Mur und schaute in das stille, langsame Wogen hinein. Schier klang ihm das Wasser holder als alle Lust in Kehle und Saitenspiel. Und ist ihm eingefallen: Der Rufmann drüben, der wird sich ja langweilen, wenn er keinen hat zum Singen. Da sollt man ihm doch Gesellschaft leisten gehen ...
Öfter als einmal ging Frau Apollonia aus, um ihn zu suchen, und fand ihn an einer Felswand oder an einer Hecke oder am Wasser. Er ließ sich wecken aus seinen Träumen und ging mit ihr heim. Und die Helenerl! Was hat das Mädel heimlich sich gegrämt! Da ward es endlich doch zu hart, alles so allein zu tragen, und sie blieb auf der Gasse ein wenig stehen, wenn Sepp, der ältere Gerhaltsohn, vorüberkam und freundlich fragte, wie es ihr gehe? Dem sagte sie von ihrem Leid ein weniges heraus und ging wieder ihres stillen Weges.
Den Vater aber, den ließ es nimmer bleiben in der Enge des Hauses bei lärmenden Zechern; er ging immer wieder fort. Man sah ihn stehen am Waldrain, wo der Weg gegen das Forsthaus führt. Man sah ihn sitzen am Wasser, mit einer Angelstange. In Ruhe und Geduld hielt er sie hinaus, und manchmal zuckte er damit auf. Zumeist war nichts an der Angel, da wunderte er sich. Manchmal war ein Fisch daran, da wunderte er sich auch und tat den Fisch wieder hinein.
»Ja, Michel, was willst du denn fangen?« fragte ihn einmal jemand. Er schwieg, blieb sitzen am Ufer und hielt die Angelstange über das Wasser.
Ein andersmal wieder Stunden, da der Michel scheinbar schalkhaft war wie in früheren Zeiten. So sagte er eines Sonntags auf der Straße zu den Kirchgängern: »Wißt ihr es schon? Gestern früh um sechs Uhr ist in Löwenburg der Michelwirt von Eustachen gehenkt worden.«
Da schüttelten sie die Köpfe: Der Mensch ist halt doch ganz und gar verrückt!
Nur einer war, der augenzwinkernd murmelte: »Ich weiß wohl, wie’s gemeint ist. Weil die Eustacher damals gesagt haben: Der Michelwirt ist’s gwest, der den Preußen ...! Keiner hat ihm’s abgebeten. Der Krauthas ist gestern hingerichtet worden.«
»Der Krauthas?« fragte der Michel, der die Bemerkung wohl gehört hatte, »da müßte er doch selber was davon wissen. Er weiß nix von der Hinrichtung, ich weiß was davon. Also bin ich hingerichtet worden!«
Würden ihrer etliche nachdenklich und hatten einen Schauder. Wenn’s einer danach auslegen wollte, es sei was dran.
Der Michel schrie es heftig auf die Kirchgänger hin: »Ja, ja, ihr braven Leut von Eustachen! Das Gestorbensein spürt nur der Überlebende!« und schlug die Faust an seine Brust.
Klingende Gespenster
Eines Tages war kleine Völkerwanderung aus den Dörfern nach dem Hochtal. Im Forsthause fand die Versteigerung der Rufmannischen Habseligkeiten statt.
Auch der Michelwirt spannte ein. Mit einem Glase Wein hatte er sein Herz gestärkt und die große Brieftasche in den Sack gesteckt. Dann nahm er den Einleger mit, den krüppelhaften alten Wenzel. Der wußte gar nicht, wieso er zur ergötzlichen Spazierfahrt kam. Als sie in den Wagen stiegen, gab es noch einen Rangstreit. Der Wirt wollte, daß der Wenzel rechts sitze.
»Nit a so, nit a so!« wehrte dieser ab. »Ich bin der alt Einleger, du bist der Herr Vater, du g’hörst rechts.«
Sagte der Michel: »Heut soll seine Ehr einmal der Ärmere haben.«
»Nachher, Herr Vater, setz du dich auf die recht Seiten!« --
Der Wirt war schier aufgeräumt. Er wollte sogar eins pfeifen. Ob nicht der verwildert über die Lippen herabhängende Bart schuld war -- es pfiff nicht. Als sie an der Ach glatt dahinfuhren, sagte er zum Alten: »Wenzel, es kann sein, daß du mir heut einen Gefallen wirst tun müssen. Wenn etwan auch eine alte Laute sollt versteigert werden, sei so gut, lizitier mit.«
»Ich? Kann halt nix musizieren, nit.«
»Bis zu hundert Kronen kannst sie hinauftreiben, wer’s auch sein mag. Und wenn ich’s selber sollt sein. Da hast Geld.«
Der Alte nahm die Note wohl an, schüttelte seinen Kahlkopf und sagte: »Herr Vater, du haltst mich für’n Narrn!«
»Du haltst _mich_ für’n Narren!« lachte der Wirt bitter. »Hast denn kein Spurius, warum du sollst nauf treiben?« Er mußte es dem begriffsstutzigen Alten des Näheren erklären. Als diesem der Knopf einmal aufgegangen war, zog er sein schlaues Gesicht: »Werden’s schon machen, Herr Vater.«
Um das Forsthaus herum war alles voll Leute. Die Sachen waren ausgebreitet und aufgestellt um den Tisch des Amtmanns. Ein paar Kästen, Truhen und Betten, Holzsessel, Küchengeschirr, Wandbilder, Arbeiterwerkzeug, ein paar Schießgewehre und kleines Gerümpel. Die Leute wunderten sich, daß so wenig da war. Ein anwesender fürstlicher Anwalt erklärte bei manchem Stück, das etwas wertvoller aussah: »Das gehört ständig zum Forsthause!«
»Gut viel wird heut nit ausfallen für die Buben,« sagten die Leut zueinander. Und man wollte gehört haben, daß sie es sehr gut brauchen könnten.
Jeder Gegenstand, der dran kam, wurde niedrig ausgerufen und dann aufgezeigt. Das ging flau, aber der Michelwirt steigerte überall mit. Manches Stück trieb er fabelhaft hoch hinauf und dann blieb es ihm in der Hand. Und anderen kam das, was sie nicht lassen wollten, teuer zu stehen.
Der Beamte mit dem Hammer war ein humoristischer Mensch, wie es alle Versteigerer sind. Zu jedem Stück, das er ausrief, besonders wenn es sehr unbedeutend war, machte er eine spaßhafte Bemerkung, um die Aufmerksamkeit der Leute darauf zu lenken. Zu dem Stück, das er jetzt in die Hand nahm, machte er keine, sondern zog das Gesicht breit, wiegte mit dem Kopf, zupfte an den Saiten -- klim, klim! und sang: »O du lieber Augustin!« Die Laute war’s.
Dann bot er sie aus um fünf Kronen.
Dem Michel gab’s einen Stich. Diese Laute, _seine_ Laute um fünf Kronen.
»Ich gebe zehn!« rief er.
»Ich gebe fünfzehn!« kreischte jemand in der Menge. Das war der Einleger Wenzel. Die Leute lachten, aber der Versteigerer entdeckte seine Amtswürde und rief: »Ernster Weise!«
»Ist auch ernster Weis,« gab der Einleger zurück. »Ich mag’s Kirtharl um fünfzehn Kronen. Man kann nit wissen. In so alten Möbeln ist immer einmal was versteckt.«
»Fünfzehn Kronen! Wer gibt mehr?«
»Fünfzig Kronen!« rief der Michelwirt.
»Hundert Kronen!« kreischte der Einleger.
»Fünfhundert Kronen!« sagte der Michelwirt.
Da war es still.
»Was soll das heißen?« fragte der Beamte.
»Der Mann ist nit recht gescheit!« rief ein anderer drein. »’s gilt nit!«
»’s gilt!« sagte der Michel, trat an den Tisch und erlegte fünfhundert Kronen.
Jetzt war alles gerührt. »Er tut’s für seinen Freund. Den Buben wird’s wohl gut tun.«
Das meinte der Michel eben auch. Aber er meinte eben auch noch etwas anderes.
Als er die Laute zu sich genommen hatte, pfiff er dem Wenzel und schnell ging’s auf dem Steirerwäglein nach Eustachen. Und vergnügt war er schon darüber, daß er den Försterbuben einen Possen hatte spielen können. Obgleich sie nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Den beträchtlichen Erlös für die Sachen werden sie wohl nicht können zurückweisen. -- Kaum daheim angekommen, eilte er auf seine Stube, um die Laute zu versuchen. -- Sie war all verstimmt. Er setzte an die Schrauben den Stimmschlüssel; nein, die Saite könnte reißen. Er strich mit der Hand darüber hin. Er setzte das Instrument an die Brust, tastete die Griffe, zupfte die Saiten:
»Wann ich amal stirb, stirb, stirb. Schlagt’s auf die Truhen drauf, Aft steh ich wieder auf ...«
Was war denn das hinter ihm? Eine Stimme. Eine Baßstimme. Er wendete sich um. -- Es war niemand da. Er war ganz allein.
Seinen Gästen zeigte er sich gar nicht mehr. Aber spät abends saß er noch auf seinem Zimmer und verlangte nach Rufmann. Sagte Frau Apollonia: »Schau, mein lieber Mann, das Trinken so viel ist nit gesund. Leg dich in Gottes Namen schlafen.«
Und wenn er dann in seinem Bette lag, kamen die Klänge eines längst verlorenen Singens. -- -- -- »Wenn ich aufdenk auf mein junges Leben, wo ich überall bin umerglegen.« -- Gute und böse Zeiten, wie sie halt kommen. Erdenleben heißt man’s. »Ich ging einmal im grünen Wald, da hört ich die Vöglein singen.« -- Ist denn das auch einmal wirklich gewesen? Oder ist es erst jetzt, wie ich so dran denke? Der Freund ist ins Wasser gegangen, die Kinder haben sich verlaufen. »Verlassen, verlassen, wie der Stein auf der Straßen.« Wenn man’s nur kunnt auslöschen, wie mit dem Schwamm auf der schwarzen Tafel die Ziffern. »Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht.« -- Schlafen. Ich möcht schlafen! So spat in der Nacht. »Alles ist still, wie in der ewigen Ruh.« -- Aber das Wehleid! das Wehleid! ’s will halt nit aufhören. -- Ei was, Dummheiten! ’s ist ja nix. ’s ist alles miteinander nix ... Legen wir uns einmal auf die andere Seiten. Auf der linken Seiten liegen, da druckt alles so aufs Herz. Legen wir uns auf die rechte. Und lassen uns was Gutes träumen.
Auf der rechten Seite lag er sanfter. Er merkte, es schliche der Schlaf heran. Da ist er auf der Lauer, den möcht er doch einmal erwischen, um zu sehen, wie es zugeht, wenn einer einschläft. Kein Mensch ist noch dabei gewesen, bei seinem Einschlafen. -- Was ist denn das? Hat jetzt nit wer auf der Laute gespielt? -- »Apollonia!«
Sie hat einen leichten Schlummer, hebt ein wenig ihr Haupt: »Hast was g’sagt, Michel?«
»Hältst du’s? Die Laute! Der Rufmann! Im Nebenzimmer. Der Rufmann singt!
Und die Holzknechtbuben, Müssen fruh aufstehn, Müssen’s Hackerl nehmen --«
»Mein Gott! Mann, was hast denn? Tut dir träumen?«
»Den Rufmann begleiten. -- Bin a lustiger Wildpratschütz ...«
Da sie das Entzücken seines Traumes wohl merkte, so ließ sie ihn singen. Manches Lied schlug er an, kam jedoch mit keinem zu Ende.
Einmal unterbrach er sich und stellte dem Rufmann aus, daß er um einen Ton zu tief dran sei. Dann wieder war es, als scherze er mit jemand und necke ihn. Und endlich ist er in einen tiefen Schlaf gesunken.
Um diese Zeit hatten es die Leute gemerkt, daß mit dem Michel wieder eine Veränderung vorging. Zwar saß er noch immer nicht bei seinen Gästen, kümmerte sich auch nicht um die Wirtschaft oder um eine Gemeindeangelegenheit. Aber heiterer war er geworden. Wo er wem begegnete, da blieb er stehen und sprach ein paar gewohnte Worte oder machte gar einmal ein seltsames Späßchen. Körperlich verfiel er. Eines Tages, als er wieder am Ufer des Flusses saß und hinschaute, wie die Sonne so schön in den kreiselnden Wellen zitterte, kam Gerhalt zu ihm und wollte ihn nach Hause führen.
»Ich hab’ jetzt nit Zeit, Nachbar,« antwortete der Michel in gemütlicher Art, »kunnt versäumen, kunnt versäumen.«
»Was ist denn da zu versäumen?« lachte der Vorstand überlaut. »Das Wasser läuft dir nit davon. Das rinnt in alle Ewigkeit herab.«
»Ja alle Ewigkeit, sagst du. Rinnt her und rinnt fort und ist immer dasselb Wasser. Das ist spaßig. Wirst dir’s aber gewiß nur einbilden, Martin.«
»Mein lieber Michel, das Wasser ist keine Einbildung!«
»Ich weiß es wohl, Nachbar, ich weiß es wohl. Ist ja der Rufmann drin ertrunken. Sind ja die Buben übers Wasser fortgefahren. Aber sie kommen wieder. Sie kommen alle wieder. Und derowegen muß ich warten.«
»Ja, da wirst freilich noch eine Zeitlang warten müssen.«
»Lang oder nit lang. Ich warte halt. Jetzt, weil ich wieder gesund bin worden, wart ich auch hundert Jahr. Die Zeit vergeht -- der Mensch nit.«
Der Arzt in Ruppersbach hatte gesagt, man könne ihn unbesorgt gewähren lassen. Wer, wie der Michel, warten wolle, bei dem sei nichts zu fürchten. Es stehe so, daß man ihm nichts mehr versagen solle.
Und wie sein Dämon Wirklichkeit und Traum so seltsamlich verwechselt und endlich ihm den langersehnten glückseligen Tag nicht versagt hat, das erzählt der nächste Bericht.
Der glückselige Tag
An einem schwülen Tage war vom Hochgebirge ein Sturm niedergebrochen. Der hatte Dächer abgedeckt im Dorfe Eustachen und Bäume entwurzelt. Im Lärchenwäldchen am Flusse lagen fast ebensoviele Bäume hingestreckt, als noch standen. Dann krachten in den Lüften die wilden Feuer. Dann hagelte und goß es nieder, daß über Straßen und Felder die braunen Bäche rannen und förmlich den Hagel zu Eismoränen zusammenschwemmten. Als es vorbei war, strich eine frostige Luft. -- Und war der Michelwirt nicht nach Hause gekommen!
Bald war das Dorf auf, ihn zu suchen, und voran durch und über die Wüstenei hin das schlanke Mädchen mit dem Blondhaar, an dem die gebrochenen Äste sie zurückhalten wollten. Da kam er ihr entgegen, vom Flusse her, mit weiten Schritten in den Tümpeln watend, die gehobenen Arme in die Luft auswerfend und laut lachend.
»Weißt es schon, Helenerl!« rief er seiner Tochter entgegen, »weißt es denn noch nit? Sie kommen! Sie fahren schon herauf. Daß ich geschwind muß herrichten gehen für morgen. Er kommt auch! Alle kommen! Bist wohl auch du fertig mit dem weißen Gewand?«
So kam er nach Hause, bis auf die Haut durchnäßt, an allen Gliedern zitternd, aber mit glückselig leuchtenden Augen. Sogleich wollte er nach Ruppersbach zum Pfarrer schicken. Der Rufmann und der Bräutigam seien wohl schon gut untergebracht, aber für den geistlichen Herrn ließe er bitten um ein Zimmer. Das Weitere sei in Ordnung. Sonst allerlei Geschäftiges hatte er vor, wurde aber ins Bett gebracht. Doch während Helenerl den Jungknecht suchte, daß er um den Arzt eile und Frau Apollonia in der Küche den heißen Tee machte, stand der Michel wieder auf, holte aus dem Keller eine Flasche Rotwein mit zwei Trinkgläsern, tischte alles emsig und schön auf das Zimmertischchen, schenkte die beiden Gläser voll und stieß an: »Leben sollst, Paul! Hoch sollst du leben!«
Und war doch niemand im Zimmer als er allein.
Dann ergriff er die Laute, fuhr in die Saiten, daß sie heftig schrillten: »Also singen wir! Für die Hochzeit was.«
»So komm ich hin zu ihr, ’s hat schon der Mondschein gscheint, ’s ist alles mäuserlstill -- es rührt sich nix. Da nehm ich’s her um d’ Mitt Und bieg ihr ’s Köpferl zruck Und han a Busserl ihr aufs Göscherl pickt. Ja, ja, mein Dirndl, du bist mein Leben, Du bist mein Freud in alle Ewigkeit!«
Mehr erschrocken als sonst war Frau Apollonia, als sie ihn so in halbem Nachtgewande singend und trinkend fand.
»Ins Bett, Michel!« rief sie erregt.
»Ins Bett, ins Bett, hast recht, Frau. Morgen heißt’s früh auf. Seid ihr beisamm mit allem? Hast im Gartenzimmer die Betten machen lassen? Hat der Poldl schon die Tisch aufgeschlagen? Die Menge Leut! Hörst die Wägen vorfahren? Und alleweil noch kommens. Die Helenerl soll noch zu mir, eh sie heut schlafen geht. Morgen um die Stund ist sie nimmer unser. Geh her, Apollonia! mußt nit weinen. Glücklich werden die zwei miteinand. Geh her zu mir! Wir zwei alten Leut, wir! Geh, gib mir auch wieder einmal einen Schmatz! Wir sein zusammen verbunden. Glückselig sein die Stunden ...«
So redete er lebhaft und hastig, in heller Glut, wie seine Augen brannten auch seine Wangen.
Freilich gab sie ihm einen Kuß und hat vor Traurigkeit sich kaum können fassen, während er in voller Glückseligkeit war und in voller Glückseligkeit einschlief.
Es war ein ununterbrochener Schlaf, die ganze Nacht, und doch ein unruhiger. Er führte Gespräche, er sang. Und dann murmelte er Gebete. Hernach wurde es so still um ihn, in ihm, daß Frau Apollonia angstvoll nach dem Atem horchte. Der Arzt hatte Anordnungen getroffen und war wieder fortgegangen. Frau und Tochter waren die ganze Nacht am Bette gesessen und hatten kein Auge gewendet von seinem Gesicht, über das abwechselnd rosige und blasse Schatten glitten. Die Nacht war lang, es wollte nicht tagen. Und als er aufging, war es ein trüber, schwerbewölkter Tag.
Der Michel erwachte. Seine Wangen waren ganz entglutet. Aber brennend heiß seine Hand, die in der seiner Frau ruhte. Das Auge war beim Erwachen ruhig und sanft gewesen wie eine friedliche Nacht. Plötzlich aber leuchtete in demselben ein so unheimlicher Glanz, daß Frau Apollonia vor Schreck fast erstarrte.