Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen

Part 6

Chapter 61,163 wordsPublic domain

TONI (mit erstickter Stimme): Lass! ... Ich -- höre -- die Mutter! ... Ich muss nun .... Wir müssen nun daran denken! ... Nicht wahr? ..

WENDT: Toni! Ich bleibe noch! ... Einen Tag! ... Einen einzigen Tag!

TONI (wie vorher): Nein! ... Bitte! .. Bitte! .. _Mir_ zu liebe! ...

WENDT: Ach! ... Leb wohl! ... (Küsst sie.)

TONI (seinen Kuss erwiedernd, mit thränender Stimme): Leb -- wohl! .... (Sie drückt sich gegen seine Brust.) Leb wohl! ... (Es klingelt. Toni will aufmachen.)

WENDT (hält sie zurück): Lass! _Ich_ werde aufmachen! -- 's wird wohl nur der alte Kopelke sein ... (Er geht aufmachen. Toni zieht sich in die Küche zurück.)

KOPELKE (noch im Corridor): Danke scheen! Danke scheen! ... Juten Morjen, werther, junger Herr! -- Na? Schon uf 'n Damm? ... Wie steht't denn mit unse Kleene? -- Aha! Ick weess schon! ... Se schläft noch! Scheeniken! ...

WENDT: Nein, sie ... Bitte, treten Sie ein, Herr Kopelke!

KOPELKE (tritt geräuschlos ein. Er hat ein kleines Packetchen unterm Arm. Bleibt einen Augenblick bei der Thür stehen und sieht sich um): Juten Morjen! ... Nanu?! Keener da?! ... Det is jo hier noch so 'ne Wirthschaft?! ... (Zu Wendt hinter sich zurückflüsternd): Sagen Se mal, et is doch nich etwa ... He?! ...

FRAU SELICKE (lugt aus der Kammer): Ach, Sie sind's, Herr Kopelke? (Tritt ein.)

KOPELKE: Ja, ick! .... Juten Morjen, Frau Selicken! ... Ick wollt' mal .... Sagen Se mal, et ...

FRAU SELICKE (weinend): Ach, Herr Kopelke! ..

KOPELKE (besorgt): Nanu?! Et is doch nich ...

FRAU SELICKE (in Thränen ausbrechend): Ach! Nun brauchen Sie -- nicht mehr -- Herr Kopelke ..

KOPELKE (das Packetchen auf den Tisch legend): Det hat sick doch nich -- verschlimmert?!

FRAU SELICKE: Hier! ... Da! ... (Sie ist mit ihm an's Bett getreten).

KOPELKE (steht eine Weile stumm da und giebt einige grunzende Laute von sich).

FRAU SELICKE: Diese Nacht um zwei ...

KOPELKE (mit bebender Stimme): Biste todt, mein liebet Linken? .... (Tritt zu Frau Selicke und nimmt ihre Hand.) Frau Selicken! ... Meine liebe Frau Selicken! ... Det ... Sehn Se! .. Det ... Hm! ... Hm! ... (Er hält einige Augenblicke, seitwärts sehend, ihre Hand. Plötzlich:) Wo is denn Edewacht?

FRAU SELICKE: Drin in der Kammer! .... Er sitzt da und -- und -- rührt sich nich .. Wie todt! ... Ach Gott, ach Gott, ach Gott! ...

KOPELKE: Hm! ... (Wendet sich wieder zum Bett und betrachtet die Leiche.) Un ick dacht' ... Hm! ... Un ick hatt' ihr da -- noch 'ne -- Kleenigkeit -- mitjebracht! ... Hm! ... Nu is det -- nich mehr -- needig! ... Nu hat se det -- freilich -- nich mehr -- needig! ... Hm! ... Hm! ...

(Toni tritt in die Küchenthür und sieht in die Stube nach Frau Selicke.)

Liebet Freilein! ... (Kopelke giebt ihr die Hand. Toni sieht still seitwärts.) Liebet Freilein! ... (Toni geht zu Frau Selicke.)

TONI: Mutterchen! Da bist Du ja schon wieder? ... Hast Du denn nicht ein bischen _geschlafen_?

FRAU SELICKE: Nein! -- Kein Auge hab' ich zuthun können! -- Nur so ein bischen gedämmert! ... Wie's klingelte, war ich gleich wieder wach! ... Haste denn Herrn Wendt ...

TONI: Ja! Lass nur! Ich gehe schon! Leg' Dich aber wieder hin, Mutterchen! Hörst Du?

FRAU SELICKE: Ja, ja! ... (Toni geht in die Küche zurück.) Warten Sie, Herr Kopelke! -- Ich werde meinem Manne sagen ... (Ab in die Kammer.)

KOPELKE (tritt vom Bett zu Wendt hin, der die ganze Zeit über ernst bei Seite gestanden hat): Die armen Leite! -- Die armen Leite! -- Jott! Ick sag' immer: warum muss et blos so ville Elend in de Welt jeben? -- Ae, Jottedoch! -- ... Sie woll'n nu heite ooch reisen?

WENDT (zerstreut): Ja! -- Gleich nach den Feiertagen tret' ich meine Stellung an.

KOPELKE: Ja, ja! -- Det wird Ihn'n nu ooch so nich passen! -- Na, wissen Se, werther, junger Herr! Det lassen Se man jut sind! Die Beffkens un der schwarze Rock un det so: det is jo allens Mumpitz! -- Sowat macht 'n Paster nich! Damit kenn'n Se sick trösten! -- Da sitzt der Paster! Verstehn Se? Da! (Klopft sich auf die Brust.) ... Un denn, wissen Se: in die zwee Jahre haben Se hier wat kennen jelernt, wat mennch eener sein janzet Leben nich kennen lernt, un wat Bessres, verstehn Se, hätt Ihn'n janich passirn können! ... Ick wünsch' Ihn'n ooch 'ne recht jlickliche Reise! -- Wah mich immer sehr anjenehm, werther, junger Herr! Wah mich immer sehr anjenehm! ... Un, Se kommen doch später hier mal widder her? Wat? ...

WENDT (nachdrücklich): Ja das werd' ich! -- Ueber kurz oder lang! ... Ich danke Ihnen, Herr Kopelke!

KOPELKE (ihm die Hand drückend): Scheeniken! Scheeniken! _Det_ is recht von Sie!

(Frau Selicke kommt aus der Kammer.)

FRAU SELICKE: Es is nichts mit'm anzufangen! -- Gehn Sie nur selber zu 'm rein, Herr Kopelke! ... Ach Gott, ja! ...

KOPELKE (nimmt ihre Hand): Kinder! -- Kinderkens! ... Lasst man jut sind! Wir kommen ooch noch mal an de Reihe! ... (Verschwindet hinter der Kammerthür.)

(Draussen fangen die Glocken zum Frühgottesdienst an zu läuten. Das Läuten dauert bis gegen Schluss.)

FRAU SELICKE: Da läuten sie schon zur Kirche! ... Ach, wer hätte das gedacht, dass Sie mal so von uns fortziehen würden, Herr Wendt! ... Unter solchen Umständen! ... (Weint.) Lassen Sie sich's recht gut gehen! (Giebt ihm die Hand.) Und grüssen Sie Ihre Eltern unbekannterweise recht schön von uns! ... Erleben Sie bessere Feiertage -- und -- denken Sie manchmal an uns ....

WENDT: Ja! -- _Das_ werd' ich sicher, liebe Frau Selicke!

FRAU SELICKE: Wo bleibt denn Toni? Sie haben ja gar nich mehr so viel Zeit ....

TONI (kommt mit Frühstück und Kaffeegeschirr; in der andern Hand trägt sie ein Köfferchen. Im Vorbeigehn zu Wendt): Bitte!

WENDT (nimmt ihr es ab und stellt es neben sich unter den Sophatisch): Ich danke Ihnen ....

FRAU SELICKE (mit der Schürze vor den Augen. Schluchzend): Ach Gott ja! Ach Gott ja!

TONI (hat das Frühstück in Wendt's Zimmer getragen und kehrt nun wieder zu ihrer Mutter zurück. Sie umarmt sie und küsst sie. Zärtlich): Mutterchen! -- Muttelchen! ...

FRAU SELICKE (zu Wendt, immer noch schluchzend): Ja, grüssen Sie sie nur! Grüssen Sie sie nur recht von uns!

WENDT (ihre Hand ergreifend): Ich danke Ihnen, Frau Selicke! Ich danke Ihnen! Für -- Alles! (Ihre Hand drückend.) Leben Sie wohl! (Zu Toni, die mit dem einen Arm noch immer ihre Mutter umschlungen hält, ebenfalls ihre Hand ergreifend.) Leben Sie wohl! Ich .... (Toni hat sich an die Brust ihrer Mutter sinken lassen und vermag ihm nicht zu antworten. Ihr ganzer Körper bebt vor Schluchzen.)

WENDT (sich plötzlich über ihre Hand, die er immer noch nicht losgelassen hat, bückend und sie küssend): Ich komme wieder! ...

Wilhelm Issleib (Gustav Schuhr), Berlin SW. 48

Anmerkungen zur Transkription

Die Schreibweise und Zeichensetzung des Originales wurden weitgehend beibehalten. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Alle weiteren Korrekturen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):

[S. 5]: ... Kaulbach'schen Stahlstich »Lotte, Brod schneidend« hängt. ... ... Kaulbach'sche Stahlstich »Lotte, Brod schneidend« hängt. ...

[S. 8]: ... Ah, gut'n Aben, Herr Kopelke! ... ... Ah, gut'n Abend, Herr Kopelke! ...

[S. 18]: ... KOPELKE (mit krummgezogenen Puckel, sich schmunzelnd ... ... KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd ...

[S. 21]: ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja ... ... dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja! ...

[S. 26]: ... Ich bin garnicht abergläubisch? Aber es ist doch ... ... Ich bin garnicht abergläubisch! Aber es ist doch ...

[S. 33]: ... Elend leben! Hörst Du Du verdienst das nicht! ... ... Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! ...

[S. 89]: ... TONI (in Gedanken an ihn vorbeisehend): Ach ja! ... ... TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja! ...