Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen
Part 5
LINCHEN (ängstlich, bang, angestrengt): Ma--ma--chen ...
FRAU SELICKE (aufhorchend): Ja? -- Mein -- Kind?! ...
TONI (bebend): Mutter! -- Komm! -- Schnell! -- Er schläft! -- Komm! -- Linchen ... ich weiss nicht ...
FRAU SELICKE (unterdrückt): Wa ... Was?! ... (Schnell zum Bette hin.)
LINCHEN: Ma--ma--chen ... Ma--ma--chen ...
FRAU SELICKE: Kind??? (Beugt sich forschend über das Bett. Starrt Linchen an.)
LINCHEN: Das -- Licht -- geht -- aus ... Das -- Licht -- geht -- ja ... Ma--ma--chen ... Ach! Lie--bes -- Ma--ma--chen ....
FRAU SELICKE (hastig, erregt vor sich hinflüsternd, während ihre Blicke wie gebannt auf Linchen haften): Toni! Toni! ...
TONI (neben ihr. Unterdrückt): O Gott ....
FRAU SELICKE: Mein Liebchen! Mein süsses, süsses Liebchen! (Pause. Todtenstille. Nur das leise Schnauben Selickes.)
LINCHEN: Ach -- liebes -- Ma ........
FRAU SELICKE: Sie ... Sie ... stirbt! Ach Gott ... Mein Herzchen! -- Mein Herzchen!! (Schreit auf. Stürzt sich über das Bett).
TONI (schnell zum Tisch. Mit jagender Stimme): Vater! -- Vater!!
ALBERT (aus der Kammer): Was ist denn??!
WALTER (weinend aus der Kammer): Vaterchen! ... Vaterchen! ...
FRAU SELICKE (leise wimmernd): Sie ist todt! ... Sie ist todt! ...
ALBERT (mit Walter schnell zum Bett).
Walter: Mutterchen! -- Mutterchen! ... } } (gleichzeitig.) Albert: Um Gotteswillen! }
TONI (weinend): Vater!! -- Vater!! (Rüttelt Selicke.)
SELICKE (aufwachend): Ae! -- Na! -- Lass ... Na ... (Hebt verdriesslich den Kopf. Will wieder zurücksinken).
TONI: Vater!! (Ihn, ausser sich, an den Schultern packend).
SELICKE: Na -- ja doch! -- .. Was -- giebt's denn ... (Starrt um sich und reibt sich die Stirn.)
TONI (weint heraus): Linchen -- ist todt ....
SELICKE (starrt sie an. Erhebt sich): Was -- Was ist mit -- Linchen?!
TONI: Ach, sie ist -- todt .... (Schluchzt. Selicke wischt sich über die Stirn.)
SELICKE: L--Linchen?!! (Zuckt zusammen und geht auf das Bett zu. Toni wankt ihm schluchzend nach. -- Selicke steht eine Weile stumm vor dem Bett, dann bricht er schwer, mit einem dumpfen Stöhnen, auf dem Stuhl zusammen. Die andern beobachten ihn stumm.)
TONI (sich plötzlich auf ihn zustürzend und ihm die Arme um den Hals schlingend): Lieber Vater! -- Mein lieber Vater ...
(Währenddem geht Wendt's Thür auf und dieser tritt ins Zimmer.)
Dritter Aufzug.
Dritter Aufzug.
(Dasselbe Zimmer. Durch die zugezogenen Fenstervorhänge bricht bereits der Morgen. Auf dem Tische, auf welchem Selickes Einkäufe liegen, brennt noch trübe die Lampe. Der Weihnachtsbaum lehnt noch beim Sopha gegen die Wand. -- Draussen auf dem Treppenflur hört man Kinder lärmen und spielen. Eine helle, unbeholfene Stimme singt ein Weihnachtslied. Der Gesang wird oft durch Schreien, Jauchzen, Lachen und den Ton einer Blechtrompete und dann wieder vom Sänger selbst unterbrochen. Zuweilen ist er so deutlich, dass man die Textworte hören kann: »Des freuet sich der Engel Schaar ...« Selicke sitzt vor dem Bett in stummer, dumpfer Trauer. -- Toni steht etwas seitwärts von ihm neben Frau Selicke und hat den Arm um sie geschlagen. Beide beobachten ihn mitleidig. -- Walter hockt auf dem Sopha, weint still vor sich hin, sieht dann wieder zum Bett und zu Selicke hin, gähnt ab und zu aus Uebermüdung und zittert vor Frost. -- Albert steht neben dem Weihnachtsbaum, zupft in Gedanken an den Nadeln herum und schielt dabei ab und zu zum Bett hinüber.)
FRAU SELICKE (mit müder Stimme, halb weinend): Die Lampe fängt an zu riechen, Toni! ... Lösch aus! ... 's is hell draussen! ... Der Lärm auf dem Flur! ... _Die_ kennen keine Sorgen ....
TONI (löscht die Lampe aus und zieht dann den Fenstervorhang zurück. Das Morgenlicht fällt grau durch die verschneiten Scheiben in's Zimmer. -- Toni will auf die Flurthür zugehen und den Kindern verbieten, die draussen immer noch lärmen; aber in diesem Augenblicke poltern sie lachend, schreiend und blasend die Treppe hinunter. Der Lärm entfernt sich unten im Hause und hört dann allmählich ganz auf.)
FRAU SELICKE: _Die_ sind fidel! ... (Sie tritt zu Selicke hin und legt ihm sanft die Hand auf die Schulter; mit mitleidiger, bebender Stimme): Vater! ... (Selicke, der, das Gesicht in den Händen, die Ellenbogen auf die Kniee gestützt, vor sich hinbrütet, achtet nicht auf sie.) Vater! ... Komm! ... Vater! ... (Ihre Worte gehen in Weinen über.)
SELICKE (rührt sich; dumpf, mit zärtlichem Ausdruck): Du! ... Mein Linchen! ... (Schluchzt unterdrückt.)
FRAU SELICKE (lehnt ihren Kopf gegen seine Schulter und weint): Vater, komm! ... Komm hier fort! ...
SELICKE: Du! ... Mein Linchen! ... Warum _Du_? (Starrt vor sich hin.)
FRAU SELICKE (immer noch in derselben Stellung): Komm. Vater! ... Wir wollen uns von jetzt ab -- rechte Mühe geben ... Wir wollen vernünftig sein ... Es soll nun anders werden bei uns .... Nich wahr, Vater?
SELICKE (richtet das Gesicht in die Höhe und sieht sie mit einem todten, ausdruckslosen Blick an. Frau Selicke starrt ihn eine kleine Weile angstvoll an und richtet sich dann, den Schürzenzipfel vor den Augen, wieder auf. Selicke, der sich schwerfällig erhoben hat, bückt sich über das Bett und küsst die Leiche. Weich, zärtlich): Leb wohl! ... Leb wohl, mein gutes Linchen! ... _Du_ hast's gut! ... _Du_ hast's gut! ... (Betrachtet die Leiche noch einen Augenblick, richtet sich dann in die Höhe und wankt gebrochen in die Kammer, während Walter auf dem Sopha noch lauter zu weinen anfängt und Albert sich, mit dem Gesicht gegen das Fenster gewandt, laut schneuzt.)
(Kleine Pause.)
FRAU SELICKE (wieder in Thränen ausbrechend): Warum hat uns -- der liebe Gott das -- Kind genommen?! ... und ich ... und ich -- muss mich -- weiterschleppen ... mit meinem Elend und meinem Leiden ... Ich muss mir selber zur Last sein ... und ... Euch allen! ... Siehste? ... Als ich 'm das eben sagte: er hat mich -- kaum angesehn! ... (Schluchzt krampfhaft in ihr Taschentuch, in das sie sich, während sie sprach, geschneuzt hat. Laut, sehnsüchtig): Ach, hol' mich bald nach, mein Linchen! Hol' mich bald nach! ...
TONI (sie sanft umfassend): Mutterchen! ... Sprich doch nicht so! ... Was sollten wir denn dann machen, wenn ... Ach! ...
FRAU SELICKE: Unser einz'ges ... unser einz'ges ...
TONI: (Beisst die Lippen zusammen. Ihr Oberkörper zuckt von unterdrücktem Schluchzen.)
FRAU SELICKE: Was hat sie nun gehabt von ihrem armen, bischen Leben? ... Und doch ... war sie immer ... so fröhlich und munter ... unsre einz'ge, einz'ge Freude ... (Schluchzt.) Ach, was hatte man weiter von der Welt ...? ...
TONI (drückt Frau Selicke an sich): Mutterchen!
FRAU SELICKE: Was soll nu hier werden? ... Nun kann man sich nur gleich aufhängen oder ... in's Wasser gehn ...
TONI: Mutterchen! ... Ach Gott! ...
ALBERT (tritt zu Frau Selicke hin und streichelt sie): Lass man, Mutterchen! ... Es soll schon noch werden! ...
FRAU SELICKE: Ja! Für Euch! ... Für Euch wohl ... Für mich is' es 's beste, Linchen holt mich nach ... So bald als möglich!
ALBERT: Nein, Mutterchen! ... Es soll Dir noch recht gut gehn! Warte man!
FRAU SELICKE (weinend): Ach, ja, ja ...
TONI (ist wieder zu Walter gegangen und nimmt ihn bei der Hand): Walter, komm!
WALTER (müde): Mich friert so!
TONI: Ja! Komm, mein Junge! ... Geh in die Kammer und leg' Dich hin! ... Du hast die ganze Nacht nicht geschlafen!
WALTER (steht auf; tritt mit Albert zum Bett. Beide betrachten neugierig-ernst die Leiche. Walter weint.)
TONI: Geh in die Kammer, mein lieber Junge, und schlaf'!
WALTER (schmiegt sich an Frau Selicke): Mutterchen! ... Mutterchen! ...
FRAU SELICKE: Ja, ja? ... Na ja, mein armer Junge! ... Geh, leg' Dich schlafen! ... Du bist todtmüde! ...
(Walter und Albert gehn in die Kammer.)
TONI (tritt wieder zu Frau Selicke hin): Du solltest Dich auch 'n bischen ruh'n, Mutterchen!
FRAU SELICKE (nervös; bitterlich weinend): Siehste? ... Siehste, Toni? ... Kein Wort, kein Sterbenswörtchen hat er wieder für mich gehabt! ... Er sah mich grade an, wie: na, was willst 'n _Du_? ... Wer bist 'n _Du_? ... Als ob ich 'n gar nichts anginge! ... Ach Gott! Was ist das für ein elendes, elendes Leben gewesen die dreissig Jahre! ... Ach, wollt' ich _froh_ sein, wollt' _ich froh_ sein, wenn ich an Deiner Stelle wäre, mein Linchen! ... (Betrachtet die Leiche.) ... Sieh mal, Toni! ... Wie hübsch sie aussieht! ... Wie schön! ... Sie lächelt ein'n ordentlich an! ... Wie schön weiss ... und wie ihre Haare glänzen! ... Ach, die lieben, blonden Härchen! ... (Diese Worte gehen wieder in Weinen über.) Die lieben, blonden Härchen! ...
TONI (die neben ihr steht und den Arm um sie gelegt hat): Ach nein, Mutterchen! Der Vater wird ganz anders werden! -- Er ist ganz verändert! ...
FRAU SELICKE: Nein! Nein! Der wird _nie_ anders! In dem Blick ..., wie er mich so ansah ..., da konnte ich so recht deutlich lesen: wenn _Du_ 's doch wärst! ... Ach, und ich wollt 'm ja so _gerne_ Platz machen! Weiss Gott im hohen Himmel! ... _Ach -- so -- gerne!_
TONI (traurig): Nein! _Das_ hat er _sicher_ nicht gedacht!
FRAU SELICKE: So _gerne_ wollt' ich 'm den Gefallen thun! ... So _recht_ aus _Herzensgrunde_ wünscht' ich das! ... Aber 's is, als ob der liebe Gott grade _mich_ ausersehn hätte ... (Hat wieder zu weinen angefangen.)
TONI: Nein, Mutterchen! Du musst nicht so was denken! ... Siehste, wir müssen uns jetzt alle recht zusammenschliessen! ... Sei nur recht gut und geduldig mit ihm ... Du sollst sehn, dann wird es besser ... dann -- wird alles gut werden!
FRAU SELICKE: Ach, _ich_ bin ja schon immer zu allererst wieder gut! ... Ich bin ja immer jedesmal zuerst wieder zu ihm gekommen und freundlich mit 'm gewesen! .... Ach Gott, schon um 'n lieben Frieden willen! .... Ich sehne mich ja nach weiter nichts mehr, als nach 'n bischen Ruh und Frieden ... nur ein _bischen_ Ruh und Frieden ...
(Es klopft an Wendt's Thür.)
FRAU SELICKE (halb für sich, sich erinnernd): Ach Gott, Herr Wendt! (laut) Herein?
(_Wendt_ tritt ein. Er ist bleich und sieht überwacht aus. Seine Backen scheinen etwas eingefallen).
FRAU SELICKE (weinend): Herr Wendt! ... Ach, an Sie hab' ich auch noch nich denken können! ... Sie müssen ja gleich abreisen .... Mein armer Kopf is mir ganz verwirrt ...
WENDT: Oh ... (Macht eine abwehrende Handbewegung und tritt auf sie zu.) Meine liebe, gute Frau Selicke ... (Drückt ihre Hand.)
FRAU SELICKE (mit der Schürze an den Augen, ist mit ihm an's Bett getreten. Kann kaum sprechen vor Weinen): Sehn Sie ... da ...
WENDT (steht mit ihr in stummer Trauer vor'm Bett.)
TONI: Mutterchen! Komm!
FRAU SELICKE (sich die Augen trocknend, sich zusammennehmend): Ja, ich will ... Um elf geht Ihr Zug, Herr Wendt?
WENDT: Ach! (Handbewegung. Frau Selicke will auf die Küchenthür zu.)
TONI (man merkt ihr grosse Ermattung an): Lass nur, Mutterchen! ... Ich will das schon alles besorgen! Du musst unbedingt ein bischen ruhn! Komm, Mutterchen! Komm! ...
(Frau Selicke lässt sich willenlos von ihr langsam zur Kammer führen. Toni drückt leise die Thür hinter ihr zu. Sie bleibt einen Augenblick mit allen Anzeichen grosser Müdigkeit bei der Thür stehen, nimmt sich dann zusammen und macht ein paar Schritte auf die Küchenthür zu. -- Die Uhr schlägt neun.)
WENDT (beim Bett, leise): Und heute -- wollt' ich -- mit Deinen Eltern reden ...
TONI (äusserst abgespannt): Was? .. Neun schon? ... Ach ja, ich muss ja noch ... Sie müssen ja -- um elf -- fort ...
(Sie geht mit müden Schritten, wie mechanisch, auf die Küchenthür zu.)
WENDT (wiederholend): Fort ...
TONI (stehen bleibend, ihn mit ausdruckslosem Blick ansehend): Was? ...
WENDT (mehr ängstlich, als überrascht): Und -- Toni! Du sagst »Sie«?!
TONI: Wie? Ach so ... hab' ich ... Ach ja! (Mit einem müden Lächeln): Das ist nun auch -- vorbei ...
WENDT (wie vorhin): Vor ... vorbei?!
TONI (wie im Selbstgespräch): Das ist jetzt nun -- alles -- anders gekommen ...
WENDT (seitwärts sehend): Toni!
TONI: Ach! ... Ich bin ganz ... mir ist ... Ah ...
(Sie sinkt in einem Anfall von physischer Schwäche gegen seine Schulter.)
WENDT (besorgt): Toni! ... Was ist Dir?! (Beobachtet sie ängstlich. Ihre Augen sind geschlossen, um ihren Mund liegt ein gequältes Lächeln.)
WENDT (besorgt): Herrgott! ... Liebe Toni!
(Sie schlägt die Augen wieder auf.)
WENDT: Ist Dir besser?
TONI: Ja ... Es _war_ mir nur ... so ... ein Augenblickchen ...
(Sie macht sich sanft von ihm frei.)
WENDT (erfasst ihre Hand): Halt aus, meine gute, liebe Toni! ... Halt aus! ... Nur noch eine Weile! .... Nur noch eine kleine Weile! ... Du armes Mädchen! ... Alles ist so -- über uns hereingekommen! (Seufzt.) Nur noch eine kleine Weile! ... Es wird alles gut! ... Es _muss_ ja alles wieder gut werden! ..
TONI (hysterisches Weinen.)
WENDT: Toni!!
TONI: Ach, mir ist ... (Fasst sich.) Ja! ... Wir dürfen jetzt nicht mehr -- daran denken! ... Ich habe das nicht nur so -- hingesagt! ... Das ist nun -- vorbei!
WENDT: Ach, Du weisst ja nicht, was Du .... Wir wissen ja nicht -- jetzt ...
TONI (müde, gequält): Ach, wenn ich doch todt wär'! ...
WENDT (nach einer Pause): Das -- ist dein ...
TONI (bleibt stumm).
WENDT: Du -- sagst das mit -- voller Ueberlegung?
TONI (leise): Ja!
(Pause. _Wendt_ stumm an dem Tisch, auf welchen er sich schwer gestützt hat; _Toni_ neben ihm, ihn ängstlich beobachtend.)
TONI: Du musst doch selbst sehn, dass es -- jetzt nicht mehr geht.
WENDT: Mit voller Ueberlegung? ... Nein! -- Ach was! -- Das kannst Du ja gar nicht! .. Siehst Du! Das kannst Du ja gar nicht! ... Es ist ja unmöglich, dass wir die Verhältnisse jetzt klar übersehen können! ...
TONI: Ach nein! ... Ich weiss ganz genau, wie jetzt alles kommen wird! ... Wir können und _werden_ uns nie heirathen! ...
WENDT: Nie? ...
TONI (traurig mit dem Kopfe schüttelnd): Nein! ... Nie! ...
WENDT: Nie! ... (Er hat sich auf den Stuhl vor dem Tisch sinken lassen, der noch von gestern Abend dasteht. Stumm, finster, den Kopf in beiden Händen, vor sich hinstarrend.)
TONI (beunruhigt, mitleidig): Siehst Du! ... Du musst doch _sehn_, dass ich jetzt -- hier -- nicht fortkann! ... Ach, Du weisst ja! ... Du hast ja gehört! ... Diese schreckliche, schreckliche Nacht! ... Ich kann, ich _kann_ doch nicht anders! ... (Nachdenklich.) Wenn es jetzt auch so _aus_sieht, als ob sie anders wären! Ach! Das scheint ja nur so! ... (Traurig.) Das dauert ja doch nicht lange! Bei der nächsten Gelegenheit -- ist es wieder -- wie vorher, und -- und noch viel -- noch viel -- schlimmer ...
WENDT (dumpf vor sich hin): Noch -- _schlimmer_! ...
TONI (ernst und traurig): Ja! ... Noch _schlimmer_! ... (Pause.) Ja, wenn Linchen noch ... (Ihre Stimme zittert.) Wenn sie dem Vater so auf den Knie'n sass beim Essen ... so neben ihm ... wenn sie sich an ihn schmiegte ... und ihm -- was vorschwatzte ... oder: wenn sie sich zankten ... wenn sie dann -- weinte ... und bat ... mit ihrem rührenden Stimmchen ... Ach! Sie hat sie immer wieder heiter gemacht und -- getröstet ... Ja! Aber jetzt ... (Ist in Weinen ausgebrochen.) Ach, Du weisst das ja alles gar nich! ...
(Pause.)
Was soll werden? ... Sag doch selber! ... Zu uns nehmen -- könnten wir sie ja doch nicht! ... Du weisst ja, wie er is! ... Und -- die Mutter allein? ... Das lässt er nicht! ... Er hat sie ja viel, viel zu lieb! ... Er kann sich nicht von ihr trennen! ... Und unterstützen? ... (Sie lächelt müde.) Das siehst Du ja selber: das kann ja gar nichts nützen! ... Darauf kommt es ja gar nicht an! ... Ach Gott! Ich darf gar nicht daran denken! ... Die arme, arme Mutter! ... Und dann -- die andern! .. Der arme Walter! ... Nein! (Leise.) Es ist ganz unmöglich, ganz unmöglich, dass ich fort kann! ... Und -- das kann noch lange, lange Jahre so fortdauern! ...
WENDT (nach einer Weile, halb zu sich selbst, seitwärts, zwischen den Zähnen): Und -- da musst Du Dich also -- opfern! ...
TONI (nachdenklich): Die armen, armen Menschen!
WENDT: Dein ganzes Leben in diesem Elend verbringen! Dein ganzes Leben! ... Das soll man ertragen?! ... (Ist aufgesprungen.) Das ist ja unmöglich, Toni! Das ist ja unmöglich!
TONI (sanft): Ach, doch!
WENDT: Toni!
TONI: Und wenn sie noch _schlecht_ wären! ... Sie sind aber so gut! Alle beide! Ich habe sie ja so lieb! ...
WENDT (leise; einfach constatirend, nicht vorwurfsvoll): Ja! Mehr als mich! ...
TONI: Ach, Du bist ja viel glücklicher!
WENDT: Glücklicher? Ich?!
TONI: Ja, Du! Du! ... Du bist ja noch jung und hast noch so viel vor Dir! ... Aber sie haben ja gar nichts mehr auf der Welt! Gar nichts! ...
WENDT (stöhnt auf).
TONI (leise): Wir könnten ja _doch_ nie so recht glücklich sein! ... Ich hätte ja keine ruhige Stunde bei Dir, wenn ich wüsste, wenn ich fortwährend denken sollte, dass hier ... Nein, nein! ... Das wäre ja nur eine fortwährende Qual für mich! ... Das siehst Du ja auch ein!
WENDT: Ich? ... ein?!
TONI: Ja!
WENDT (zuerst vollständig fassungslos, dann): Gut! Dann bleib' ich hier! ... (Verzweifelt.) Ich habe den Muth nicht, ohne Dich, Toni! ... Toni! -- (Auf sie zu.)
TONI (erschrocken, schon in seinen Armen. Flehend): Hier?! ... Nein! Ach, nein! ...
WENDT: Und wenn alles in _Stücke_ geht!
TONI: O Gott! ... Ach, nein! ... _Nein!_ ... Deine Eltern ...
WENDT: Meine Eltern?! -- He! -- Wohl mein Vater?! Dieser orthodoxe, starrköpfige Pfaffe und ... Ae! Die ist mir ja auch nicht mehr das! ...
TONI: O!
WENDT (bitter): Ja, ja, meine liebe Toni!
TONI: Und Deine Stellung?
WENDT: Meine Stellung?! He! -- Was ist mir denn meine Stellung! (Leiser.) Ich habe nur _Dich_, Toni! Nur Dich! ...
TONI: Ach! -- Aber sieh doch ... Nein! Das würde Dir ja _auch_ nichts nützen!
WENDT: Nichts nützen?!
TONI: Nein, nein! ... Ach, nein! Das geht ja nicht! ... Ach, das würde ja alles ganz anders werden, als Du Dir's jetzt vorstellst! .... Du bist ja nicht so an alles das gewöhnt! .. Und dann: eh' Du Dir dann wieder eine _neue_ Stellung verschafft hast! ... Alles das! ... Nein, nein! ... Es ist so _gut_ von Dir, so _gut_! Aber es nützte ja doch nichts! ... Ach, siehst Du denn das gar nicht ein?
WENDT (stöhnt schmerzlich auf).
TONI (einen Einfall bekommend): Ach na ... Und dann -- siehst Du! ... Eigentlich: wir haben ja noch gar nichts verloren? ... Später könnten wir ja -- vielleicht -- immer noch zusammenkommen?
WENDT (sie fest ansehend): Später?
TONI (etwas verlegen): Nun ja? ... Ich ...
WENDT (wie vorher): Später?
TONI (mit einem gequälten Lächeln): Ich ... Nun ja -- Warum denn nicht? Ich ... e ... Wir müssten vielleicht noch -- ein paar Jahre warten! ... Aber unterdessen kannst Du ja ... (Sie hat während der letzten Worte nach dem Bett hingesehn.) Hach?! (Ist zusammengefahren, sich fest an ihn klammernd.)
WENDT (mit zitternder Stimme): Um Gotteswillen! Was ist Dir denn, Toni?!
TONI (wieder aufathmend und sich über die Stirn streichend): Mir war -- als wenn sich -- im Bette dort etwas -- bewegte ...
WENDT (gleichfalls unwillkürlich zum Bett hinsehend. Sucht sie zu beruhigen): Du bist so erregt, Kind!
(Pause.)
TONI: Wir vergessen ... Wir müssen -- vernünftig sein! ... (Lächelnd.) Ach! -- Sieh mal? -- Mir -- ist -- schwindlich! ... Ich bin -- doch -- ein bischen -- angegriffen ...
WENDT (sie stützend): Du hast Dich so erschrocken, Toni! ...
TONI (mit mattem Lächeln): Lass nur! -- Es ist -- schon wieder gut! ... (Sie ist mit gefalteten Händen vor das Bett Linchens getreten. Weint.) Ja! -- Du siehst ... Mein liebes, liebes Linchen! ... Mein Schwesterchen! ...
WENDT (hinter ihr).
TONI (weinend, wendet sich zu ihm): Sieh doch!
WENDT (abgewandt): Toni ...
TONI: Ich _bitte_ Dich! -- Ich _bitte_ Dich! --
WENDT (sie ansehend. Auf's Tiefste erschüttert. Hat ihre Hand ergriffen. Demüthig): Toni! -- O, was bin ich gegen Dich! -- Wie muss ich mich vor Dir schämen! ...
TONI (abwehrend): Ach ... (Ernst.) Aber: wir dürfen nicht! Nicht wahr?
WENDT (sich abwendend): Du hast recht! (Hat ihre Hand wieder fallen lassen.) ... Ja! Du brauchst mich nicht! -- Du bist gross und muthig und stark und ich so klein, so feig und -- so selbstsüchtig! (Beschämt.) Ich -- Thor ich! ... Ja! Du hast recht! -- (Seufzt tief auf.) Wir dürfen nicht! ...
TONI (seine Hand ergreifend und ihm die ihre auf die Schulter legend; sieht ihm in die Augen): Nicht _wahr_, Gustav? ... Wir dürfen doch nicht nur an uns denken?!
WENDT (im tiefsten Schmerz. Ihre Hand drückend): Ach! -- Mädchen! --
TONI: Du bist so gut gewesen! ... Du hast's so gut mit uns gemeint! ...
WENDT (gequält): Ist denn nur _keine, keine_ Möglichkeit?! ... Herrgott!! ...
TONI (schmiegt sich an ihn): Siehst Du: ich muss ja doch auch aushalten!
WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! --
TONI (immer in derselben Stellung. Wieder mit einem Lächeln): Ach, wenn man so den Tag über arbeitet, weisst Du ... wenn man sonst gesund ist und immer tüchtig arbeiten kann: da denkt man an nichts! ... Da hat man keine Zeit, an was zu denken! ... Und Du -- Du weisst so viel! Du kannst so viel nützen ...
WENDT (düster): Ich? Nützen?
TONI: Ach ja!
WENDT: Nützen! ... Ja früher! Wenn ich noch wie früher wär'! ... Aber jetzt?! Jetzt?! ...
TONI: Ach, das ist ja nur so für den Augenblick! ... Du kannst glauben: das ist nur so für den Augenblick! ... Wenn Du erst _dort_ bist ... Das ist so ein schöner, schöner Beruf, Pastor!
WENDT: Ich glaube an alles das nicht, womit ich die Leute -- trösten soll, liebe Toni! Und ich kann nicht -- lügen!
TONI (lehnt den Kopf an seine Schulter. Zu ihm auf): Aber wenn nun ... Wenn Du mich nun ... Hättest Du _dann_ gelogen?
WENDT: Wie meinst Du?
TONI: Ich meine: Wenn Du mich -- geheirathet hättest und Du wärst dann Pastor gewesen, dann hättest Du doch ebenso gut den Leuten was vorgelogen, wenn Du überhaupt an das alles nicht _glaubst_? ... Du sagtest doch gestern -- ich weiss nicht mehr, wie Du's ausdrücktest! ... Aber -- ... Ja! -- Wir hätten dann, was mit dem Leben versöhnte! -- So ungefähr! -- Es war so schön! ...
WENDT: Mädchen! -- Mädchen! --
TONI: Ach, lass doch! -- Du hast dort zu thun und _ich_ -- hier! -- Und wenn wir dann -- manchmal aneinander denken, dann -- wird es uns leichter werden! ... Nicht wahr? ... (Mit mildem Scherz.) Ich will mal sehn, wie oft mir das Ohr klingt! ... Ach ja! Wenn man nichts zu thun hat, dann denkt man so an alles und dann sieht alles -- viel schlimmer aus, als es ist! ... Aber wenn man arbeitet, dann schafft man sich alles vom Halse! ...
WENDT: Ja! Ja! Du hast wieder recht, wieder recht! ... (Sieht sie innig an.) Ach Mädchen! -- Du wunderbares Mädchen! Wie könnt' ich jetzt ohne Dich leben! ...
TONI (ängstlich): O nein, nein! ... Das sagst Du ja nur so! -- Das wäre doch schlimm, sieh mal, wenn Du das nicht könntest, wenn Du blos von _mir_ abhingst! -- Lieber Gott! Ich bin ja so dumm! -- Ich weiss ja nichts!
WENDT: Ich meine nicht so! -- Du hast recht! -- H! ... Wir müssen uns darein finden!
TONI (freudig, sich an ihn drückend): Ach, siehst Du! -- Das ist gut von Dir! Das ist _gut_!
WENDT: Aber, nicht wahr? Ich habe Dich doch _gefunden_ und Du -- Du machst mich jetzt zu einem anderen Menschen! ... Du hast mich überhaupt erst zu einem gemacht, liebe Toni! ...
TONI: Ach, ich! ...
WENDT (innig): Ja! Du! ... Das Leben ist ernst! Bitter ernst! ... Aber jetzt seh' ich, es ist doch schön! -- Und weisst Du auch warum, meine liebe Toni? Weil solche Menschen wie Du möglich sind! -- ... Ja! So ernst und so schön! ... (Streichelt ihr über das Haar.)
TONI (leise, selbstvergessen, glücklich): Ach ja! ... Ach, aber das ist gut von Dir! ... Ich wusste ja ....
(Pause. Sie sehen sich in die Augen.)
TONI (schmerzlich, sehnsüchtig aufseufzend): Ach, Du! ...
WENDT (sie fest an sich pressend): Hm? Du! ... Toni! ...
TONI (in Gedanken an ihm vorbeisehend): Ach ja!
WENDT (schmerzlich): Toni! -- Toni! -- (Presst sie eng an sich.)
TONI (mit erstickter Stimme): Still ... Sei still ...
WENDT (verloren): Toni ... (Beugt sich über sie und will sie küssen.)