Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen

Part 4

Chapter 43,573 wordsPublic domain

LINCHEN (schnell, aufgeregt): Und darf ich -- auch wieder -- mit Tönchen zur -- Tante, auf's Land? ... wenn ich ... wieder gesund ... bin? ... Ja? ... Weisste, dann ... suchen wir immer .. die Eier .. in der Scheune .. Tante und ich .. Ma--mach'n! ... Ma--mach'n! Onkel sagt immer ... zu mir: »Giv mi -- mol 'n -- Kuss, min lütt Deern!« ... (Lächelnd.) Mama! 'n Kuss! ... Aber -- er hat -- so'n Stachelbart! .. Das kratzt immer .. Weisste, ich hab'n immer -- seine -- lange Pfeife gestopft ... und dann -- musst' ich -- immer essen, aber auch -- _immer_ essen! ... Sie -- nudeln ein' orntlich! ... Au! Ich -- _konnte_ manchmal -- gar nich -- mehr! ... Die alte -- Grossmutter -- sagt immer ... »Fat tau, Kind! -- Fat -- drist -- tau!« -- Na, die -- haben's ja! -- Nich wahr -- Ma--mach'n? -- Sie schlachten -- jedes Jahr -- vier Schweine! ... _Vier_ Schweine! ... Ma--mach'n? Horch mal! (Lächelnd.) Einmal -- hat mir -- Cousin Otto ... den Schweinsschwanz -- hinten an'n ... Zopf gebunden ... un -- ich hab's erst -- gar nich gemerkt! ... Cousin Otto -- macht immer -- solche Dummheiten! -- Nich? -- Aber -- er is -- gut! -- Er hat mir immer -- Weintrauben -- aus dem Garten -- gebracht ... Ja! ...

FRAU SELICKE: Kucke, meine Kleine! Du wirst ja ganz munter? Aber sprich lieber nich so viel, mein Häschen!

TONI (hat während der Erzählung Linchens freudig überrascht aufgehorcht und ist nun auch an das Bett herangetreten): Wie unser Linchen erzählt! Siehst Du, Mama? Nun wird sie bald, bald gesund sein!

LINCHEN (etwas ungeduldig): Na ja! ... Das -- werd' ich auch!

TONI: Schön! Schön, mein gutes Herzchen!

(Steht am Bett mit übereinandergelegten Armen und sieht zärtlich auf Linchen herab.)

FRAU SELICKE (die Toni zugenickt hat): Aber, hörst Du? Erzähl' lieber _nicht_ so viel, mein Linchen!

LINCHEN (schnell, aufgeregt): Nein ... wart doch mal ... Ma--machen! .. Hör doch mal! ... Un Cousine Anna ... _Die_ hat Kleider?! .. _Kleider_ hat die! ... Na, aber auch ... so viele! ... Sonntags ... weisst Du ... wenn wir in die Kirche ... (Hustet.)

FRAU SELICKE (angstvoll): Kind! Kind!

LINCHEN: Ach ... das ... schadet nichts ... Ma--mach'n! ... So'n -- bischen -- Husten noch! ... Das -- hört -- morgen wieder auf -- Nich? .. Sonntags in der Kirche .. ein blaues, ein -- ganz -- himmelblaues .. mit .. weissen Spitzen! ... Fein, Mamachen! ... Na ... aber auch _alle, alle_ -- haben -- auf uns -- gekuckt! ... (Etwas ruhiger; nachdenklich): Ach, wie hübsch -- ist es da -- Mamachen! ... Immer -- so still! ... Aber -- viel Fliegen! ... Nich wahr, Mamachen? ... wenn es -- recht heiss is ... Onkhel zankt nich'n -- einziges Mal -- mit Tante! ... Kein Schimpfwort! ... Und Anna und Otto -- sind auch immer -- so artig!

FRAU SELICKE: Liebes Herzchen! Du wirst ja ganz heiser!

LINCHEN: Weisste ... sie wollten -- mich dabehalten! ... Sie wollten mich -- gar nich -- wieder fortlassen! ... Tante sagte: ich sollte nu -- ihre Tochter werden! ... Papa -- soll sich's ... überlegen! .. (nachdenklich): Gut hätt' ich's da! ... Nich, Mamachen? ... (Sehr lebhaft, sich steigernd): Aber Du -- und Papa -- sollen mich -- dann immer -- besuchen! ... Aber -- ich ziehe nich hin, Mamachen! .... Nich? ... Ich ziehe nich hin! ... Ich bleibe -- hier!

FRAU SELICKE: Uh! Dein Händchen brennt ja wie Feuer, mein liebes Puttchen! ... So! ... So! ... Nich wahr, mein Herzchen?

LINCHEN (nach einer kleinen Pause): Ach, Mamachen! Der schöne, schöne Mondschein!

FRAU SELICKE: Ja?

LINCHEN (versucht zu singen):

Wer hat die schönsten Schäfchen, Die hat der goldne Mond ...

(Sie bekommt einen Hustenanfall. Toni lässt ängstlich ihr Nähzeug sinken.)

LINCHEN: Ach! ... aah! ... aah! ...

FRAU SELICKE: Mein armes Herzchen! Mein armes Herzchen!

(Linchen liegt einen Augenblick still, von dem Anfall erschöpft.)

LINCHEN: Ma--mach'n!

FRAU SELICKE: Hm?

LINCHEN: Ach! -- Ich ... möchte .. aufstehn!

FRAU SELICKE: Aber Kind!

LINCHEN: Es -- is -- so -- langweilig im Bette! (Wirft sich unruhig herum.)

FRAU SELICKE: Habe nur Geduld, meine Kleine! Morgen oder übermorgen wollen wir mal sehn! Dann kannst Du wohl 'raus!

LINCHEN: Aber auch ganz gewiss!

FRAU SELICKE: Ja!

LINCHEN (seufzt): Ich will auch -- nie wieder unartig sein -- Mamachen ... wenn ich wieder -- gesund bin! ... Ich gehe dann -- alle Wege! ...

FRAU SELICKE: Ja, ja, mein Liebchen! Aber nich wahr? Nun schläfst Du auch wieder!

LINCHEN (schläfrig, immer leiser): Ach ja .. ja ..

FRAU SELICKE (nach einer Pause): Sie schläft wieder! ... Ach, mein Fuss! Mein Fuss! ... (Stöhnt auf.)

ALBERT (aus der Kammer): Mama! Das geht einem ja durch Mark und Bein!

FRAU SELICKE: Na wart' nur! ... Du solltst mal erst die Schmerzen _haben_! ... O Gott! Was hat man nur vom Leben! ...

ALBERT (aus der Kammer): Ach, nu fasst Du das wieder so auf! ... So meint' ich's ja gar nich!

(Toni ist zum Fenster getreten.)

FRAU SELICKE: Hörst Du denn immer noch nichts, Toni?

TONI: Nein!

FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! So ein Mann! Nicht ein bischen Rücksicht! ... Das ist ihm hier alles egal, alles egal! ... So ein alter Mann! ... Er sollte sich doch nu schämen! ... Nein, wahrhaftig! Ich hab' auch nich 'n bischen Liebe mehr zu ihm! Aber auch nich 'n bischen! ... Für mich is er so gut, wie todt! ... Ach ja! Ich kann wohl sagen: mir ist alles so gleichgültig! Wenn das arme Würmchen nich noch wär'! ... Jahraus, jahrein dasselbe Elend! ... Ach, ich kann wohl sagen: ich habe mein Leben _recht_ satt! ... Is gar kein Wunder, wenn man gegen alles abstumpft! ... Wie gut hätten wir's haben können! ... Wie leben andre Leute in unsrem Stande! Wenn man so nimmt! Mohr's! ... Der Mann is 'n einfacher Handwerker gewesen und hat jetzt sein schönes Haus! Und _die_ Wirthschaft! Was haben _die_ Leute für 'ne Wirthschaft! ... Na, un bei uns? ... Un _der_ will nun 'n gebildeter Mann sein! ... Nein, wie das bei uns noch werden soll? ... Und an allem bin _ich_ Schuld! ... Ich verzieh' die _Kinder_! Ich vernachlässige die _Wirthschaft_! Alles geht auf _mich_! ... Und da sollen die Kinder noch Respekt vor einem haben! ... Ach Gott, nu sitzt man wieder hier und zittert und bebt! ... Und wenn man nur nicht dabei so hinfällig wär'! ...

WALTER (steckt den Kopf durch die Kammerthür): Mutterchen?!

FRAU SELICKE (fährt herum): Was! ...

WALTER: Mutterchen! Kommt er denn _immer_ noch nich?!

FRAU SELICKE: Ach, Du?! -- Ich denke, Du bist schon lange eingeschlafen? ... Biste denn nur nich gescheidt, Junge?! ... Mach mal gleich, dass Du wieder in's Bett kommst! Du willst Dich wohl erkälten?! Was?!

WALTER: Ach, ich habe ja solche grosse Angst!

FRAU SELICKE: Nein, so was! ... Leg Dich mal gleich hin!

(Walter schleicht sich wieder zurück.)

Ei, Du lieber Gott! Nein! ... In Schulden sitzt man bis über beide Ohren! ... Nichts kann man anschaffen! ... Kaum, dass man das liebe bischen Brot hat! ... Nein, das kann Euer Vater wirklich vor Gott nich verantworten! ... Un dabei macht er sich selber ganz kaputt! ... Seine Hände fangen schon ordentlich an zu zittern! Haste noch nich gemerkt?

TONI (die währenddem wieder eifrig genäht hat, antwortet nicht.)

FRAU SELICKE: Du armes Thier! Du wirst gewiss auch schön müde sein! ... Ach nein, so ein Leben! So ein Leben! ... Hm! Womöglich is'm was passirt?! ... Er hat vielleicht Streit gehabt! Er is ja so unvernünftig, wie 'n kleines Kind! ... Ae! Ich sage auch! Das ganze Leben is -- -- -- (Gähnt nervös, streichelt über Linchens Händchen.) Mein armes Würmchen! Das arme, magre Händchen! ... Ach Gott, ja! Du sollst sehn, wir behalten sie nicht!

TONI: Ach, Mutterchen!

(Toni tritt wieder an's Fenster.)

FRAU SELICKE: Horch mal! ... Poltert's nich auf der Treppe?!

TONI: Ach, wohl nur die Katze!

FRAU SELICKE: Ach Gott, nein! (Erhebt sich und geht schwerfällig auf das Fenster zu.) Wunderhübsch draussen! ... Aber der Himmel bezieht sich wieder, wir bekommen andres Wetter! ... Ich spür's an meinem Fuss! ... Nein, noch nichts zu sehn! Ach ja!

(Geht wieder zurück und setzt sich.)

Ich bin todtmüde! Wie zerschlagen!

TONI: Da kommt wer!

FRAU SELICKE: Ach Gott! (Fährt in die Höhe.)

TONI: Er ist es! ... Endlich!

FRAU SELICKE: Ach! -- Ach! -- Mein Herz! -- Mein Herz! Die Angst drückt's mir ab!

WALTER (aus der Kammer): Mutterchen! Kommt er?!

FRAU SELICKE: Still! Schlaf!

TONI: Er ist auf der Treppe! -- Hinten! (Sie ist auf Frau Selicke zu getreten.)

FRAU SELICKE: Ich renne fort! ... Ach! Wohin?

TONI: Sei ruhig, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Ach, meine Angst! Meine Angst! ... Pass auf! ... Es giebt 'n Unglück! Das arme Kind! ...

TONI (stützt sie): Beruhige Dich doch, Mutterchen! Er ist ja gar nicht so schlimm, wie er immer thut!

FRAU SELICKE: Ach, trotzdem! ... Meine Nerven sind ja so schwach! Alles nimmt mich so mit!

TONI: Der Vater ... Nein! 's is wahr .. hach!

FRAU SELICKE: Mich schwindelt! ... Mir .. is .... zum Umkomm'n! (Stützt sich gegen Toni.) Horch! ... Er kommt heut wieder hinten rum! Ach, mein Herz! .. Mein Herz! .. Fühl mal!

WALTER (aus der Kammer in höchster Angst): Mutterchen! Mutterchen! Es pumpert gegen die Küchenthür!

FRAU SELICKE: Ach Gott, ach Gott! Is der schwer! ... Ruhig, Walter! Sei still, mein Junge! ... Thu, als ob Du schläfst! ... Toni, mach auf!

TONI: Ja! Geh so lang' vorn raus, Mutterchen! Auf alle Fälle! (Toni ab in die Küche mit der Lampe. Frau Selicke steht einen Augenblick nach der Küche hin lauschend. Zittert. Presst beide Hände aufs Herz. Geht dann auf die Flurthür zu. -- Es poltert in der Küche. Schwere Schritte. Eine tiefe Bassstimme. Lustiges Lachen. -- Frau Selicke verschwindet schnell im Flur. Die Küchenthür wird aufgestossen. Noch hinter der Scene die Stimme Selicke's: »Na? .. _Tönchen_ .. _Tööönchen_ ..«)

SELICKE (tritt in die Stube, welche in diesem Augenblicke nur vom Mondlicht und von dem Licht der Lampe, das aus der Küche in die Stube fällt, hell ist. Selicke: ein grosser, breitschultriger Mann mit schwarzgrauem Vollbart. Schwarzer Sonntagsanzug unter dem offenstehenden Ueberrock. Er schleift einen kleinen Christbaum hinter sich her; aus den Taschen sieht Papier von Packeten und Düten vor. Unter den Arm hat er eine grosse, weisse Düte gequetscht. Er ist angetrunken. Taumelt aber nur sehr wenig und spricht alles deutlich, nur etwas langsam und schwerfällig. Sagt in sehr guter Laune): Na?! ... Habt Ihr wieder kein Licht. Ihr Tausendsakramenter. Ihr? ... Hm? ... (Lacht fortwährend leise vor sich hin, nickt mit dem Kopf und macht ein pfiffiges Gesicht, als wenn er eine Ueberraschung vor hätte. Toni kommt ihm mit der Lampe nach. Setzt sie auf den Sophatisch.) Huaach! ... Ne! Wird man -- müde .. wenn man so auf dem Weihnachtsmarkt rumläuft? ... (Lacht und blinzelt Toni zu, die am Sophatisch in seiner Nähe steht.) ... 'n hübscher Baum -- hbf! -- hä? ... Holt man morgen früh gleich die -- hb! -- Hütsche vom Boden! -- Da! Nimm ihn _hin_! -- (Giebt Toni den Baum; thut scherzhaft, als wenn er sie erschrecken wollte. Sie lächelt gezwungen und stellt den Baum bei Seite. Er lacht, wendet sich dann zum Tische und fängt an seine Taschen auszupacken; singt dabei: »_Nicht Ross', nicht Reisige_ ...« sich unterbrechend): Wo sind denn ... die Jungens?

TONI: Sie schlafen schon!

SELICKE: Wie -- hb! -- Wie spät is denn -- eigentlich?

TONI: Zwei.

SELICKE (thut sehr erstaunt): Was -- Kuckuck! Zwei?! -- (Hebt, indem er weiter auspackt, abermals an: »_Nicht Ross', nicht Reisige_«. Er nimmt aus einer Düte zwei Pfannkuchen, geht damit auf die Kammer zu und ruft mit gedämpfter Stimme): He! Walter! -- Walter! -- Willste noch 'n Pfannkuchen? (Bekommt zuerst keine Antwort.) Na?!

WALTER (in der Kammer, halb ängstlich): Ja!

SELICKE: Da! Fang! (Wirft den Pfannkuchen nach Walters Bett hin und lacht.) Na, Grosser! Du auch? (Albert antwortet nicht.) Eh! Frisst 'n je doch! Da! (Wirft auch ihm einen Pfannkuchen zu und geht dann vergnügt, leise vor sich hinpfeifend, zum Tisch zurück.) Ja, ja! Die Jungens! (»_Nicht Ross', nicht Reisige_ ...« -- Toni, die solange am Tisch gestanden, hat abwechselnd ihn beobachtet und zur Flurthür hingesehn. Er kramt wieder mit den Sachen. Holt das Portemonnaie vor, klappert mit dem Gelde. Legt ein Goldstück auf den Tisch.) Hier! ... Da können wir beide ... morgen früh noch ... Einiges einkaufen ... gehn! Die Jungens könn'n dann 'n Baum putzen ... und am Abend ... bescheer'n wir! ... Na? Was machst' denn für'n Gesicht?!

TONI: Ich? ... O, gar nicht, Vaterchen!

SELICKE (misstrauisch): Ae! Red' nich! ... Das heisst: Kommste wieder ... so spät, he? ... Ja, -- ja, mein Töchterchen! .. Dein Vater darf sich wohl nich mal'n Töppchen gönn'n? ... Was?! ... Ae, geh weg! Du altes, dummes Fraunzimmer! ... Ja! Ich möcht' mal sehn ... wenn Euer Vater ... nich wär'! ... Weisste, mein' Tochter? ... Mir geht viel im Koppe rum! ... Ich sorge mich -- Euretwegen! ... Ja, ja! Wenn ich Dich so _sehe_! ... Wie sind _andre_ Mädchen in Deinem Alter! --

(Die Flurthür öffnet sich ein wenig. Frau Selicke lauscht durch den Thürspalt).

Du liegst Dein'm Vater immer noch -- auf'm Halse! ... Ja, ja! ... Ae! Du! ... Geh weg! ... Ich mag Dich nich mehr -- sehn! ... (Für sich, indem er seitwärts tritt und an seinem Rocke herumzerrt, um ihn auszuziehen.) Ae! Is das -- 'ne Hitze? ...

(Toni versucht ihm beim Ausziehen des Rockes behilflich zu sein. Selicke brummt missgelaunt vor sich hin): Mach', dass Du wegkömmst! ... Ich -- brauch' Dich nicht! (Toni hilft ihm dennoch. Er streift etwas die Wand. Endlich hat sie mit zitternden Händen ihm den Ueberrock und dann auch den Rock abgestreift und beides an die Knagge neben der Corridorthür gehängt. Selicke steht nun in Hemdärmeln da. Streicht sich über die Arme und schlägt sich dann, vor sich hin kichernd, mit der Faust auf seine breite, gewölbte Brust): Ae! ... Ja? Siehste? ... Dein Vater is noch'n Kerl! ... (Lacht.) Was meinste, mein' Tochter! ... Z--zerdrück'n könnt' ich Dich mit meinen Händen! .. Z--zerdrücken! .. Das wär' am Ende auch -- das Beste! ... (Mit dumpfer Stimme, sieht vor sich hin) Ich häng' Euch -- alle auf! Alle! .. Un dann -- schiess ich mich -- todt! ... (Toni wankt ein wenig zurück nach der Flurthür zu. -- Selicke geht auf die Kammerthür zu. Man hört Walter in der Kammer weinen). Na, was -- haste denn, dummer Junge?! (Mit schwerfälligen Schritten, ein wenig wankend, in die Kammer. Toni öffnet die Flurthür halb. Frau Selicke steckt den Kopf in's Zimmer).

FRAU SELICKE: So'n Kerl! So'n Kerl!

TONI: Stille, Mutterchen! Stille! .. Um Gotteswillen!

FRAU SELICKE: Das Kind, das arme Kind!

SELICKE (in der Kammer): Komm, mein Sohn! .. Dein Vater hat Dich lieb! .. Sehr, sehr lieb! ... Ja, ja, mein Junge! ... Er hat auch gesorgt, dass Du was zu Weihnachten kriegst! ... Ja, wer sollte für Dich sorgen, wenn Dein Vater -- nich wär'! ... Na, weine doch nicht! ... Was -- weinste denn? ... Was?! Ae! Sei nich so dumm! ... Dummer Junge!

FRAU SELICKE (in derselben Stellung, etwas mehr im Zimmer, mit Toni nach der Kammer hinhorchend): Ach Gott, nun weckt er wieder die armen Kinder, der Kerl!

TONI (ängstlich): Geh wieder zurück, Mutterchen! Um Gotteswillen!

SELICKE (in der Kammer): Ja, ich habe Euch -- hbf! -- doch -- lieb! ... Alle! .. Ja, ja? ... Na? Wo ist denn Deine Mutter? -- Hä?

FRAU SELICKE (tritt etwas zurück): Ach Gott, ach Gott!

TONI: Geh wieder zurück, Mutterchen!

SELICKE (in der Kammer, lustig): He! Alte! ... Wieder -- fortgehumpelt? ... Na, humple, humple nur hin! ... (Sucht ihre Stimme nachzumachen) ... »Ach, die -- _arme_ Frau!« ... »Was _die_ -- für'n Mann hat!« ... »Ae! _Die_ hat's mal schlecht!«

TONI (drängt Frau Selicke zurück): Geh zur Thüre, Mutterchen! dass Du so lange raus kannst, bis er schläft!

FRAU SELICKE: Aber, das Kind! Das Kind! ... Ich kann doch nich ...

TONI: Lass nur! Ich will schon sehn! ... (Drängt Frau Selicke sanft noch mehr zurück.) Armes Mutterchen!

SELICKE (in der Kammer): Die Alte ist Schuld, dass Dein Vater so spät nach Hause kommt, mein Sohn! ... O, das ist ein Unglück! Ein rechtes Unglück! ... Und der alte, grosse Schlingel da? .. Hui! hbf! ... Das -- Schnarche nur! Aus Dir wird nichts, mein Sohn! Gar nichts! ... Huste nich! ... Dummer Junge!! ... Was?!! ... Du willst ...

FRAU SELICKE (schreit unterdrückt auf).

SELICKE (kommt aus der Kammer. Frau Selicke zurück, schliesst die Thür): Aeh! Da biste ja, mein süsses Weibchen! (Geht auf die Flurthür zu. Unterwegs macht er aber Halt.) Hm? Mein P -- Putt ... hbf! ... P -- Puttchen? ... Das arme Kind! ... Das arme Kind! (Er holt sich die Düte vom Tisch und geht mit ihr auf das Bett zu. Walter lugt verstohlen um den Thürpfosten. Man hört, dass jetzt auch Albert wach geworden ist. -- Selicke bückt sich ein wenig über das Bett. -- Leise.) M-- Mäuschen! ... Sch--läfste, mein armes -- Herzchen? ... Sst! ... Sie schläft, die -- kleine Tochter!

TONI (kommt ängstlich auf das Bett zu): Vater!

SELICKE: Ich habe Dir -- was mitgebracht? ... K--Kuchen, Kind? -- K--Kuchen?

TONI: Vater! Sie wird ja wach!

SELICKE (richtet sich auf): W .. _Was_ willst Du? Hä?

TONI: Sie ist ja so krank!

SELICKE (ihr nachäffend): »Sie ist so krank!« ... Ae! Hab' Dich doch, alte Suse! -- »Sie ist so krank!« .. »Piep, piep, piep!« ... Ach, Herr Jemine! ... Das arme Mädchen! Wie die sich vor ihrem Vater ängstigen muss! -- Mach, dass Du wegkommst! ... Mag Dich nich sehn! (Die letzten Worte zornig, bedrohend. Die Flurthür ist ein wenig aufgegangen. Frau Selicke schreit auf). Aah! ... Sieh mal! .. Da steckste, mein süsses Lamm? (Lacht, taumelt an Toni vorbei auf die Flurthür zu. Draussen wird hastig die äussere Flurthür aufgerissen. Es poltert die Treppe hinunter. -- Selicke öffnet die Thür.) Na, so 'ne Komödie! ... Kuckt, wie die Alte rennen kann (zeigt in das Entree) mit ihrem schlimmen Fusse! ... Ne! ... Hähähä! ... Wie se humpeln kann! .. Hopp, hopp, hopp! ... Wie der Wind! ... Haste nich gesehn! ... Wie'n Schnelllöfer! ... (Lacht, schüttelt dann aber plötzlich die Faust nach dem Flur, ruft unterdrückt) Du, altes Thier! Du willst 'ne Mutter sein?! ... Ach, Du! -- Du! -- Du! ... Unglücklich hast Du mich gemacht! Unglücklich! ... (Kommt zurück; während er an Toni vorbeikommt) Na, Du? ... »Sie ist so krank!« ... Ae! Weg! ... Lass mich vorbei! (Tappt wieder zum Bett und will sich drüber bücken.)

TONI (ihm nach): Vater! Lass jetzt das Kind! -- (Sie stösst ihm mit der Hand gegen die Schulter).

SELICKE (richtet sich in die Höhe.): Waaas?!! ... Waaas?!! Du -- willst -- Dich -- an Deinem _Vater_ -- vergreifen?! Waaas?!! ... I, nu seht doch mal! (Kommt auf sie zu. Toni ist zurückgetreten und lehnt an der Wand. Regungslos. Die Hände zusammengekrampft. Sie sieht ihm starr in's Gesicht. Ihre Lippen zucken. Die Thränen laufen ihr über die Backen.)

TONI: Pfui! Schäm' Dich! ... Du bist betrunken!

SELICKE: I! Seht doch! ... Das liebe Töchterchen! ... O, Du bist ja ein -- reizendes Wesen! (Kommt noch näher auf sie zu.)

WALTER (in der Kammer, ängstlich): Vaterchen! Liebes Vaterchen!

SELICKE (sieht sich um. Bleibt wie verwirrt stehen): Na! Da -- heult einer und da ... B--bin ich denn -- der reine -- Tyrann?! (Geht von Toni weg.) Hm! ... Brr! ... So 'n Sausoff! ... (Geht zum Sophatisch, setzt sich davor nieder und legt den Kopf auf die Arme. Eine Weile ist es still. Toni beobachtet ihn und will Frau Selicke holen. Selicke scheint einzuschlafen ... Nach einer Weile richtet er aber den Kopf in die Höhe.) So 'n Weib! ... So 'n Weib! (Toni bleibt stehen.) So geht man nun unter! ... (Sie legt die Hände vor's Gesicht. Bebt vor Schluchzen.) »Ach, mein Fuss!« -- »Ach, mein Fuss!« -- Weiter weisste nichts! ... Immer ich -- ich -- ich! -- Ich brauchte Dich nicht zu heirathen! -- 's war mein guter Wille! -- Zu _dumm_ war ich! Zu _dumm_! -- Du alte ... Ae! Du! -- »Wir sind so arm!« -- »Wir haben kaum's liebe Brot!« -- »Nichts in die Wirthschaft!« -- Wer ist denn Schuld?! -- Wie kannst Du mir das sagen! -- Verdien' Dir was, dann haste was! ... Ja! Fortrennen! das kannste! -- Den Leuten was vormachen! Ja! Du armseliges Weib! ... Ae! -- Du bist ja -- zu _dumm_! -- Zu _dumm_! So ein -- Unglück! -- Oh! ... (Ist eine Weile still. Toni will schon zur Flurthür. Fängt wieder an.) »Wir müssen uns vor jedem schäm'n!« -- Hä! Du! -- Ich hatte mir das anders vorgestellt! -- Ja, ja! -- Eine Ehe ist mehr! -- Ae, Du! -- Was weisst Du, was eine Ehe ist! -- Du! -- Wie sind -- andre Frauen! -- Sieh se Dir mal an! -- Aus .... _Nichts_ muss 'ne Hausfrau was machen können! -- Aber alles: _ich_! -- Alles der Mann! -- Ae! Sieh zu, wie Du uns durchschleppst! -- Und die -- Kinder! -- Die armen, armen Kinder! -- O Gott, was soll aus den'n werden! -- Verzogen sind sie, die lieben Söhnchen! -- Und Du, Toni! -- Du! -- Du wirst akurat wie Deine Mutter! Ja, ja? ... Ich habe Dich lieb gehabt, aber _Du_ hast _mich_ nicht lieb gehabt! -- Du bist niedrig! Niedrig! -- Wir passten nicht zusammen! -- Was will man nun machen?! -- Ae! -- Schleppt man das so mit sich! -- Ae! Immer hin! -- Immer hin! -- Hui! -- Die armen Kinder! -- Die armen Kinder! -- Und Du, mein liebes Mäuschen! -- (Seine Worte gehen in Weinen über) Mein armes, liebes Mäuschen!

TONI (in höchstem Schmerz): O Gott, o Gott! (Presst die Hände vor's Gesicht.)

SELICKE (zur Kammer hin): Ja, ja? -- Du! Grosser! -- Nimm Dir 'n Beispiel an Deinem Vater! -- So was ist ein Unglück! -- Ein grosses, grosses Unglück! -- Dein Vater war dumm, gut und dumm, mein Sohn! Aber nicht schlecht! -- Er hat Euch -- alle lieb! -- Alle! -- Auch Eure Mutter! -- Sie kann's nur nicht verstehn! -- Und das -- ist unser Unglück! ...

(Seine Worte gehen in ein dumpfes, undeutliches Murmeln über. Er schläft ein.

Vom Bett her das Rauschen von Kissen. Toni, die eben zur Flurthür wollte, schrickt zusammen.)

LINCHEN (ängstlich): Ma--mach'n .. Ma--mach'n! ... Aah! ... Aaaah! ...

TONI (schnell zum Bett): Mein liebes Herzchen! -- Mama kommt gleich wieder!

LINCHEN: War -- Papa -- hier?

TONI: Ja! Er schläft schon!

LINCHEN: Hat er mir -- was mitgebracht?

TONI: Ja, Liebchen. (Beugt sich zärtlich zu ihr.) Huh! Du fieberst ja, mein Herzchen! Das ganze Kissen ist heiss!

LINCHEN (unruhig): Ach -- nein! -- Ich bin -- wieder -- ganz munter, Tönchen! -- Ich kann -- morgen -- aufstehn! -- 's is immer -- so schönes Wetter! -- Und ich -- muss immer -- im Bett liegen ...

TONI (kann nicht antworten. Horcht. Selicke schnarcht.)

LINCHEN: Ach, 's is man gut -- dass -- Papa da is! -- Ich hatte schon -- solche Angst! -- (Lächelnd.) Horch mal -- wie er schnarcht! -- Wie 'ne Säge, was? Du -- weinst ja, Tönchen?? ...

TONI: Ich?! Ach nein?

LINCHEN: Du! -- Du! -- Er is wohl wieder -- betrunken??

TONI: O nein! Ich dachte gar, mein Liebchen!

LINCHEN: Will er auch -- Mama -- nicht schlagen?

TONI: Nein! I bewahre, mein Herzchen!

LINCHEN: Ach nein! -- Das -- thut er auch nicht! -- Er macht immer -- blos so! -- Nicht wahr?

TONI: Freilich! Aber, schlafe wieder ein, mein Linchen!

LINCHEN (unruhig): Ach nein! -- Ich kann gar nicht schlafen! -- Ich bin ganz -- munter, Du! -- Du! -- Ist bald Morgen? -- Kann ich bald -- aufstehn, Tönchen?

TONI: Nein, Herzchen! Noch nicht!

LINCHEN: Ach! -- Du! -- Du!

TONI (besorgt): Was -- was ist Dir denn, mein Herzchen?!

(Bückt sich zu ihr und fährt dann unwillkürlich wieder in die Höhe.)

LINCHEN: Ach! -- Nichts! ... Du! ...

TONI (sie gespannt, ängstlich beobachtend): Ja?

LINCHEN (sehr unruhig): Wo -- is denn -- Mamachen?

TONI (mit bebender Stimme): Warte! Ich rufe sie!

LINCHEN (hastig): Ja! -- Ja! ... (Toni will gehen.) Du! -- Tönchen! -- Die L -- Lampe -- brennt ja -- so trübe ...

TONI (wendet sich erschrocken um): Aber -- n ... nein -- liebes Mäuschen?! ... Sie -- ist ja -- ganz hell ...? ... (Steht da, wie erstarrt.)

LINCHEN (wie vorhin): Schraub -- doch -- hoch! ... Es wird ja -- ganz -- dunkel ...

TONI (mit unterdrücktem Entsetzen): Kind! ... (Wird leichenblass. Schraubt mit zitternden Fingern an der Lampe. Wendet sich dann mit wankenden Knieen zur Flurthür und öffnet sie. Vorsichtige Schritte.)

FRAU SELICKE (zur Thür herein): Ist er denn ...