Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen
Part 3
WENDT (verbittert): Gut! Gut! (Lacht auf, zornig.) Nein! Nein! Du _darfst_ nicht länger bleiben! Du _darfst_ nicht länger in diesem traurigen Elend leben! Hörst Du! Du verdienst das nicht! Du passt nicht hierher?
TONI: Aber ich ...
WENDT: Hast Du denn gar kein Bedürfniss nach Glück?!
TONI (schüchtern, forschend): Glück?! Ich -- weiss nicht! ... Ich -- verstehe Sie nicht!
WENDT: Ach, ich spreche da! Ich ... ich meine: hast Du denn nicht manchmal den Wunsch gehabt, hier wegzukommen, in ruhige, schöne Verhältnisse? Wo Du nicht Tag für Tag -- Herrgott! -- _Tag für Tag!_ all das Elend hier vor Augen hast? Wie?
TONI: Aber ...
WENDT (leise, etwas höhnisch): Ich habe auch _davon_ etwas in dem kleinen, blauen Büchelchen gelesen! Siehst Du? Ich kenne Dich ganz genau! Du bist auch nur ein Mensch!
TONI: Ach! Warum haben Sie nur ... (Weint von neuem.)
WENDT (fortgerissen): Nein! Es ist ja hier .... Das _kann_ ja kein Mensch _ertragen_! Dein Vater: brutal, rücksichtslos, Deine Mutter: krank, launisch; beide eigensinnig; keiner kann sich überwinden, dem andern nachzugeben, ihn zu verstehen, um ... um der Kinder willen! Selbst jetzt, wo sie nun alt geworden sind, wo sie mit den Jahren vernünftiger geworden sein müssten! Die Kinder _müssen_ ja dabei zu Grunde gehn! Und das ist _ihre Schuld_, die sie gar nicht wieder gut machen können! Einer schiebt sie auf den andern! Keiner bedenkt, was daraus werden soll! ... Und das nun schon lange, schrecklich lange Jahre durch! Dabei Krankheit und Sorge ... Furchtbar! Furchtbar!! Wenn man sich in den Gedanken versenkt ... tt! ... Nein, das ist alles zu, _zu_ schrecklich! Das sind keine vernünftigen Menschen mehr, das sind ... Ae! Sie sind einfach jämmerlich in ihrem nichtswürdigen, kindischen Hass! ... (Ist aufgesprungen und geht nun mit grossen Schritten im Zimmer umher.)
TONI (schluchzend): O, wie können Sie nur so von Vater und Mutter sprechen! Sie sind Beide so gut! Wie können Sie das nur sagen!
WENDT (sich mässigend. Setzt sich wieder zu ihr, den Stuhl noch näher zu ihr rückend): O, ich ... t! ... _Höre_ doch nicht, was ich schwatze! Ich ..... Nein! Ich meine ... Du kannst doch _unmöglich_ hier _bleiben_! .. Weine doch nicht, liebe Toni! Missversteh mich doch nicht! Ich meinte ja nur! ... Sieh mal! Du musst Dich ja bei all' dem Elend _aufreiben_! Es ist unerträglich, geradezu _unerträglich_, dass Du -- Du! -- hier verkümmern sollst! ... Und mach Dich doch nicht stärker, als Du bist, Toni! Ich _weiss_ es ja, Toni! Siehst Du? Ich _weiss_ es ja, dass Du Dich hier heraussehnst!
TONI: O, wenn man mal ... 'n bischen ... ungeduldig ist! ... Das habe ich nur so -- hingeschrieben!
WENDT: Nur so ...? Ach was! Das glaubst Du ja selbst nicht, Toni! Das war ja ganz natürlich?! Ganz berechtigt?!
TONI: Ach sprechen Sie doch nicht mehr davon! ... Ich bitte Sie! ... Sprechen Sie nicht mehr davon!
WENDT: Siehst Du? Du hast Angst, das zu hören! Aber doch! _Grade_ musst Du das hören! Die Aufopferung muss doch ihre Grenze haben! ... Zweiundzwanzig Jahre! Einen Tag nach dem andern, Jahr aus, Jahr ein, immer dasselbe Elend, dieselbe Noth! Das ist ja geradezu der pure Selbstmord! Nein! Du _musst_ hier fort! Du hast ein _Recht_, an Dich und Deine Zukunft zu denken! ... Warum sollst Du hier verkümmern?! Warum?! Was kann Dich dazu verpflichten?! ... Was hat Dein Vater und Deine Mutter _gethan_, dass sie das verdienen?! Nun?! ... Haben Sie an Deine Zukunft gedacht?!
TONI: Ich ... ich weiss nicht! ... Ach, reden Sie doch nicht so! Sagen Sie doch _das_ nicht!
WENDT: Heute, am heiligen Abend, sitzst Du da in Angst und Bangen, wo sich Jeder freut, und flickst Dich krank! Nein! Das ist -- empörend!! Das ... Sieh mal, Toni! Warum sollte es nicht gehn? Thust Du ihnen denn nicht selber einen Gefallen? Es muss ihnen doch nur lieb sein, wenn Du »versorgt« bist?! Wenn sie einen »Esser wen'ger« haben? Ist Dein Vater nicht vielleicht grade deshalb so, weil er sich über Deine Zukunft Sorge macht? Hat er Dir nicht mehr wie einmal vorgeworfen, dass Du noch hier bist?
TONI: O, das _meint_ er ja nur so!
WENDT: Soso!
TONI: Und dann ... die Mutter! Ich kann doch die Mutter nicht hier so allein lassen? Sie ist so krank und schwächlich! Sie kann mich garnicht mehr entbehren!
WENDT (eifrig, fasst ihre Hand): Ach, was _das_ anbetrifft; sieh mal ...
TONI (horcht auf): Warten Sie mal! (Entwindet ihm ihre Hand, steht auf und schleicht sich auf Spitzzehen zum Bett hin. Einen Augenblick beobachtet sie die Kranke, dann kehrt sie wieder zurück.) Nein! ... Ich dachte ... Linchen ... (Pause) ... Und ... (weint noch heftiger).
WENDT (hat sie die ganze Zeit gespannt beobachtet und bricht nun seufzend zusammen): Ach Gott ja! (Sich auf seinem Stuhl wieder aufrichtend) Sieh mal! Was _das_ anbetrifft ... und ... Linchen ... Du meinst Linchen? ... O, sie ist ja in den letzten Tagen ... man kann doch unmöglich sagen, dass es grade schlimmer mit ihr geworden ist! .. (schneller) Sieh mal! Wenn sie Dich nun versorgt wissen, ist ihnen doch schon eine grosse Last genommen! Und dann könnten wir sie ja auch unterstützen, nicht wahr? Und wenn erst ihre _äussere_ Lage etwas besser ist, dann ist ja auch Vieles, Vieles gleich ganz anders! Und dann ... ja, dann sind sie ja auch mit den Jahren -- dieses Zusammenleben so gewohnt geworden! Nicht wahr? Sie würden vielleicht etwas _entbehren_, wenn sie's anders hätten auf einmal, ich meine -- versteh' mich! -- wenn sie's _ganz_ anders hätten! ... Der Mensch gewöhnt sich ja an das Allerunglaublichste!
TONI: Ach, nein ... nein ...
WENDT (in höchster Aufregung, sich aber noch fassend): Toni! ... Ich weiss nicht, Du hast so viele Bedenken, so viele ... Sag's! Sag's grade raus! Hast Du das vielleicht -- _auch_ nur so geschrieben, dass ... dass Du ... mich lieb hast? _Kannst_ Du mir nicht folgen, weil ... Du mich ... nicht lieb hast?
TONI: Ob ich Dich ...? Aber ... o Gott! Was sag' ich!
WENDT (freudig): O, nicht wahr? (Drückt ihr die Hand.) Liebe!
TONI (schluchzt nur).
WENDT (wieder sehr erregt): Und dann, liebe Toni, siehst Du? muss ich Dir noch _etwas_ sagen! Ich bin ... ich weiss nicht ... aber Du musst mich _recht_ verstehen, ich ... ich bin so gut wie -- todt! (Toni sieht ihn erschrocken an und rückt in naivem Schreck unwillkürlich ein wenig von ihm ab. Hat aufgehört zu weinen. Wendt spricht das Folgende immer noch in grösster Erregung wie zu sich selbst.) Als ich zu studiren anfing, da war ich frisch und lebendig, voll Hoffnung! Da glaubte ich noch an meinen Beruf! Da hatte ich noch Ziele, für die ich mich begeisterte! ... Aber das hat sich alles geändert! ... Seitdem ich hierher gekommen bin in dieses ... in die Grossstadt, mein' ich ... und all das furchtbare Elend kennen gelernt habe, das ganze Leben: seitdem bin ich -- innerlich -- so gut wie todt! ... Ja! Das hat mir die Augen aufgemacht! ... Die Menschen sind nicht mehr das, wofür ich sie hielt! Sie sind selbstsüchtig! Brutal selbstsüchtig! Sie sind nichts weiter als Thiere, raffinirte Bestien, wandelnde Triebe, die gegen einander kämpfen, sich blindlings zur Geltung bringen bis zur gegenseitigen Vernichtung! Alle die schönen Ideen, die sie sich zurechtgeträumt haben, von Gott, Liebe und .. eh! das ist ja alles Blödsinn! Blödsinn! Man .. man tappt nur so hin. Man ist die reine Maschine! Man ... eh! es ist ja alles lächerlich! (Mit einer hastigen Bewegung zu ihr.) Siehst Du, liebe Toni! Deshalb _kannst_ Du und _darfst_ Du einfach gar nicht »Nein« sagen! Du bist meine einzige Rettung! ... Ich könnte ohne Dich keinen _Tag_ mehr leben, oder ich müsste verrückt werden, einfach verrückt! Du ... Du bist das Einzige, woran ich nicht zweifle! Alles Andre versteh' ich! Alles Andre ist mir so unheimlich klar und durchsichtig! Aber Du ... Du?! ... Wenn ich Dich so sehe, so still leidend, so geduldig, da ... möcht' ich Dich -- haben!! ... für Dich leben, verstehst Du? Und ... Alles Andre ... hahaha! ... ich pfeife, pfeife drauf! ... Nur Du ... Du!! ... (Sieht sie an, kommt plötzlich wieder zu sich und springt auf.) Du! ... Was ... was hab' ich -- gesprochen? Du weinst?! Mädchen! ... Herrgott! (Rückt ganz nahe zu ihr. Spricht das Folgende sehr sanft.) Ach, siehst Du! Das war ja alles Unsinn, Thorheit! Ich weiss nicht ... tt! ... Ich meinte ... siehst Du? ... man lernt so viel kennen in der Welt, was einen niederdrückt, missmuthig macht ... so _manchmal_, mein ich! ... Nicht wahr? ... Deshalb wirft man ja aber doch die Flinte nicht gleich in's Korn?! ... Das geht Allen so! ... Ich meinte nur: wenn zwei, so wie wir, sich zusammenthäten, dann würd' es ihnen leichter, das Leben zu ertragen! ... So meint' ich! ... Ich habe da ... ich weiss nicht, wie ich das alles so hingeschwatzt habe! ... Das ist ja alles selbstverständlich! ... Es ist ja weiter gar nichts dabei! ... Es ist ganz einfach! Weine doch nicht mehr, mein liebes, liebes Mädchen! .... Nein, ich ... ich ... Narr! .... Beruhige Dich! ... Beruhige Dich doch! ... Hörst Du? ... Hab' ich Dich so erschreckt?
TONI (rückt näher zu ihm, schmiegt sich an ihn): Nein ich ... ich bedaure Dich so!
WENDT (sie an sich drückend): Du -- bedauerst mich?! Mädchen!
TONI: Kannst Du denn dann aber Pastor werden?
WENDT (glücklich): Ach das ... das ist ja eine Form! Das ist Nebensache!
TONI: Aber wenn Du nicht glaubst, dass ... wenn Du nicht an -- Gott glaubst?
WENDT: An Gott glaubst! ... Die Hauptsache ist, (innig) wir werden uns dort beide auf dem Lande so wohl fühlen, so wohl! Wir werden so glücklich sein! Nicht wahr?
TONI: Aber ...
WENDT: Wir leben dann still für uns in ruhigen, schönen Verhältnissen! Wir werden ganz andere Menschen sein! Und dann sollst Du sehn, wie ich den Leuten predigen werde! Der Katechismusgott soll dann erst lebendig werden, lebendig! ... _Wir verstehen das Leben! Wir wissen, wie miserabel es ist, aber wir haben dann auch, was mit ihm versöhnt! Und das ist besser als alle Kanzelphrasen, wenn wir das den Leuten mittheilen._
TONI: Aber ... ich weiss nicht ... wenn Du doch nicht wirklich glaubst .....?
WENDT: Kein offizieller Glaube, aber ein besserer, lebendigerer! ... Lass nur! Du sollst sehen! ... Denke Dir: Eine herrliche Gegend! Laubwald! Berge! Getreidefelder! Stilles, gesundes Landleben! .... Unser Haus hinter der kleinen Dorfkirche, ganz von Weinlaub umrankt, mitten in einem grossen Obstgarten mit einem Hühnerhof. Ringsherum eine grosse, hohe Mauer und dadrin hausen wir, wir beide, ganz abgeschlossen von der Welt, aber ohne Hass, und das ist die Hauptsache! Und wenn Du mir dann Sonntags in den Talar hilfst und ich durch den kleinen Friedhof in die Sakristei spaziere, dann sollst Du einmal sehen, was ich den Leuten predigen werde! Sie sollen schon mit dem neuen Pastor zufrieden sein! Nicht?!
TONI (die ihm aufmerksam, vor sich hinlächelnd, zugehört hat): O, das wäre schön!
WENDT: Ja! Nicht wahr?! Nicht wahr?!
TONI: Aber hier, was sollen sie denn hier anfangen?
WENDT: Ach, das wird dann auch alles ganz anders! Du sollst sehen! ... Albert hat dann ausgelernt und verdient mit zu. Walter wird ja auch bald confirmirt und Du, Du bist dann »versorgt«: dann werden sie nicht mehr so viel Grund haben ...
TONI: Ach ja! Vielleicht! ... Ach, das wäre so schön, so schön!
WENDT: Nicht wahr?!
TONI: Ja, ja! Das ginge! Vielleicht! ... Dann würde es wohl hier besser werden!
WENDT: Sicher! Und dann ... Vergiss doch nicht! Dann sind _wir_ ja _auch_ da!
TONI: Aber Linchen! Wenn Linchen nur nicht immer so krank wäre?!
WENDT (hastig): Ach, siehst Du ... sie ... sie ist ja ....
TONI (zusammenschauernd): O Gott, wenn sie stirbt!
WENDT: Stirbt? (Unruhig.) Ach, wie kommst Du nur darauf?
TONI: Ach, weisst Du! Ich (weint) habe so wenig Hoffnung!
WENDT: Aber ich bitte Dich! Du hörst ja!
TONI: Ach ja, ja! ... Sie ist das Einzige, was Vater und Mutter haben! Sie ist ihre einzige Freude! Wenn _sie_ nicht noch wäre ... Siehst Du, das ängstigt mich so! Das wäre zu schrecklich! Zu schrecklich! (Vor sich hinstarrend.) Wenn sie stirbt und wenn ich dann _auch_ noch fort wäre ... (Wirft sich ihm um den Hals.) Ach nein! Nein! Das _geht_ ja gar nicht! Das _geht_ ja gar nicht! Dann wäre hier Alles noch viel, viel schlimmer ....
WENDT (sie sanft von sich loslösend): Aber wie kommst Du denn nur darauf, liebe Toni? Es liegt ja gar kein -- Grund vor! Nein! Wir nehmen sie dann später _zu_ uns, dass sie sich in der gesunden, schönen Luft ganz erholen kann! Quäle Dich doch nicht immer so! Es wird und _muss_ jetzt alles besser werden! Ich hab's so im Gefühl: wenn alles am trostlosesten aussieht, wenn es gar nicht mehr schlimmer werden kann, dann _muss_ sich alles zum Guten wenden! Nein! Du wirst glücklich werden, wir alle! Du wirst dort auf dem Lande wieder aufleben! Es wird eine ganz andre Welt sein! ... Du siehst ja alles nur so schwarz an, weil Du _nie_, _nie_ in Deinem ganzen Leben etwas anderes als die Noth hier kennen gelernt hast!
TONI (aufseufzend): Ach ja! Das ist vielleicht auch wahr!
WENDT (beugt sich über sie): Also, nicht wahr, Toni?
TONI: Ja, ja! -- Wenn ...
WENDT: Still! Still! (Küsst sie.) O, nun wird die Welt so schön werden! So schön!
TONI: Schön? ... Ach Gott ja!
WENDT: Ja! Schön! ... Trotz alledem! (Küsst sie.)
TONI: Lieber! (Erwiedert seinen Kuss.)
WENDT (nach einer kleinen Pause. Scherzend): Fru Pastern!
TONI (lächelnd): Ach Du!
Zweiter Aufzug.
Zweiter Aufzug.
(Dasselbe Zimmer. Es ist Nacht, durch das verschneite Fenster fällt voll das Mondlicht. Frau _Selicke_ sitzt wieder neben dem Bett und strickt, _Toni_ arbeitet am Sophatisch, auf welchem hinter dem grünen Schirm die Lampe brennt, _Albert_ sitzt neben ihr, liest, blättert und gähnt ab und zu, _Walter_ steht vor'm Fenster, die Arme auf das Fensterbrett gestützt.)
WALTER (vom Fenster weg zu Frau Selicke hin): Mama! Er kömmt immer noch nich!
FRAU SELICKE (müde, etwas weinerlich): Ach ja! ... Na, heute können wir uns wieder mal auf was gefasst machen.
WALTER (sich an sie drängend, sie umfassend): Mamchen! Biste wieder gut mit mir? ... Ja? ... Mamchen!
FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... Wenn Du nur nich immer so ungezogen wärst!
WALTER: Ach Mamchen!
FRAU SELICKE: Ja! ... Ja! ... 's is schon gut! .... Lass mich nur!
WALTER (immer noch schmeichelnd): Sag, Mamchen! Biste nu aber auch wirklich _ganz_ gut mit mir?
FRAU SELICKE (lächelnd, abwehrend): Na ja! Ja, Du Schlingel!
WALTER: Armes Mamchen! (Küsst sie und stellt sich dann wieder vor das Fenster hin. Nach einer kleinen Pause, während welcher Albert sich zurückgelehnt, die Arme gereckt und laut gegähnt hat.) Du, Albert! Au, kuck mal! Drüben bei Krügers brennt noch der Weihnachtsbaum!
ALBERT (hat sich faul erhoben und ist langsam, die Hände in den Taschen, zum Fenster getreten): Ach wo, Du Peter! Is ja man 'n Licht in der Küche! Wo soll denn jetzt noch 'n Weihnachtsbaum brennen?
WALTER (ihn unterbrechend): Halt doch mal! Horch mal! Ging -- da nich die -- Hausthür?! ... (Nach einer kleinen Pause, weinerlich.) Nee! Ach, nu kann man sich _wieder_ nich hinlegen!
ALBERT (gähnt faul).
FRAU SELICKE: Leg' Dich doch schlafen! Das wehrt Dir doch Niemand!
WALTER: Ach! ... (Wieder nach einer kleinen Pause.) Du, kuck mal, Albert! Lauter goldne Flinkerchen hier auf'm Schnee! Wah? Das sieht hübsch aus!
ALBERT (missgelaunt): Ja, ja!
WALTER: Ob e' was mitbringt, Mamchen? 'n Baum?
FRAU SELICKE (ohne von ihrem Strickzeug aufzusehen): Werden ja sehn! ... (Gähnt.) Hach ja!
WALTER: Ach ja! Ich glaube! ... 'n Baum hab'n wir doch jedes Jahr gehabt? Morgen früh könn'n wir'n ja immer noch anputzen! Wah, Mamchen? Un wenn wir'n dann Abends anbrennen ... wah?
FRAU SELICKE (müde, abgespannt): Ja, ja!
WALTER: Na, un' Linchen bringt er doch auch was mit? Linchen?
FRAU SELICKE: Na! Er wird wohl! (Zählt ihre Maschen, seufzt.)
ALBERT (ist vom Fenster weg wieder auf den Tisch zugetreten): Nee, so'ne Unvernunft von dem! (Mit einem Blick nach der Uhr.) 's is nu halb Zwei!
TONI (sieht in die Höhe): Sprich mal nich so vom Vater!
ALBERT (sich zu ihr auf's Sopha setzend und sie schmeichelnd um die Taille fassend): Ach was, Tönchen! Sei man still! ... 's is doch wahr! Näh mir lieber nächstens mal 'n paar Stege an die Hosen! He? ...
TONI (ihn sanft von sich abwehrend): Ach, nich doch, Albert! Red' Walter zu und geht beide zu Bett!
FRAU SELICKE (unwillig vom Bett herüber): Ja doch! Stör' uns nich immer und leg' Dich lieber hin für Dein unnützes Schmökern da!
ALBERT: _Na_, was soll man denn machen!
FRAU SELICKE: Statt den ganzen Tag, wenn Du frei hast, hier umherzuliegen, könntest Du noch 'n bischen Sprachen lernen! Das braucht 'n Kaufmann heutzutage! Aber Du hast nich 'n bischen Lerntrieb!
ALBERT: Ach was, Mamchen!
FRAU SELICKE: Na, mach' doch, was Du willst! Mir kann's egal sein! ... Mir wird so wie so bald alles egal sein! ... Ueberhaupt! Nenn' mich nich immer Mamchen! Was denkste Dir denn eigentlich, Du Gelbschnabel?!
ALBERT: Na, liebe Zeit! Was wollt Ihr denn nur! Ich thu' doch meine Schuldigkeit im Geschäft! Da solltest Du erst mal andre junge Kaufleute sehn!
FRAU SELICKE: Na, ja ja! Is schon gut! Wissen ja! Lass uns nur zufrieden!
WALTER: Ach, nu kömmt er immer noch nich!
FRAU SELICKE: Leg Dich zu Bett, Walter! Leg Dich zu Bett!
WALTER: Ach nee! Ich kann ja doch nich schlafen, Mutterchen, wenn Vater nich da is!
FRAU SELICKE: O, und nun auch noch die _Schmerzen_ in meinem _Fusse_! ... Ich könnte laut _auf_schrei'n! ... Weiter nichts wie Elend und Sorge und Aufregung hat man! Das ist das ganze bischen Leben! Wenn einen der liebe Gott doch _endlich_ mal erlösen wollte!
ALBERT (geht mit gesenktem Kopfe verdriesslich auf und ab. Die Hände in den Taschen seines Jacketts): Nein, das is auch eine Wirthschaft hier! Wenn man doch erst mal ... he! ... Sitzt man bis spät in die Nacht rein und wagt kein Auge zuzuthun und am andern Tag is man dann janz kaputt!
FRAU SELICKE: Ach, geh schlafen und predige uns nich auch noch was vor! ... Walter, leg Dich nun hin!
WALTER (Sieht immer noch aufmerksam zum Fenster hinaus): Ach nein, Mamachen! Ich warte noch!
FRAU SELICKE: Na, warte man ...
ALBERT: Ae was! Ich leg' mich hin!
FRAU SELICKE: Das machste gescheidt!
ALBERT (mürrisch): Jute Nacht!
TONI: Gute Nacht!
ALBERT (nimmt, während er am Sophatisch vorbei geht, von diesem eine Streichholzschachtel, klappert damit und verschwindet in der Kammer, nachdem er bereits auf der Schwelle ein Zündhölzchen angestrichen und in das Dunkel hineingeleuchtet hat).
FRAU SELICKE: Walter!
WALTER: Ach, Mamachen!
FRAU SELICKE: Ach was! Dummer Junge! .... Dir thut er ja nichts!
WALTER: O ja!
FRAU SELICKE: Ach, Dummheit! ... Leg' Dich hin! Geh! ...
WALTER: Au, unten kommt einer!
FRAU SELICKE (zusammenfahrend): Kommt e'?!
WALTER (weinerlich): Is 'n andrer!
FRAU SELICKE: Nein, so ein Mann! So ein Mann! ... Das kann er doch wirklich nich verantworten! ... Walter! Geh' nun!
TONI (hat ihr Nähzeug auf den Tisch gepackt, ist aufgestanden, an's Fenster getreten und nimmt nun Walter an die Hand): Komm, Walterchen!
WALTER (hat sie von unten auf umfasst und sieht zu ihr empor): Ach, lass mich doch! Ich hab' ja solche Angst! ... Ich wart' hier lieber am Fenster!
TONI: Dann geh ich _auch_ nicht schlafen! Na?
WALTER (weinerlich): Ach! -- (Macht sich von ihr nach dem Fenster zu los.)
TONI: Komm!
WALTER: Gleich! (Sieht durch das Fenster.) Jetzt! (Lässt sich von ihr nach der Kammer führen. Schluchzt. Während die Thür aufgeht, sieht man noch das Licht brennen, das Albert sich angesteckt hat. Toni bückt sich, küsst Walter und drückt dann die Thür wieder zu. »Gute Nacht!«)
WALTER: Ach, lass doch die Thür 'n bischen auf!
TONI: Na ja! ... So! ... (Eine Weile noch sieht man durch den Spalt das Licht, dann verlischt es. Toni macht sich still wieder an ihre Arbeit.)
FRAU SELICKE: Nein! So ein komischer Junge! Sich so abzuängstigen! ... Ueber was man sich nich alles ärgern muss? ... Nein! ... Ach! Na -- ich sage auch schon! ...
(Kleine Pause. Im Bett Husten und Stöhnen.)
LINCHEN: Ma--ma--chen! ...
FRAU SELICKE (beugt sich über die Kissen): Ach, da biste ja wieder, meine Kleine?
LINCHEN: Warum -- kommt'n Papa noch nicht?
FRAU SELICKE: Sei nur ruhig! ... Weine nicht! ... Rege Dich nicht auf, mein Herzchen! Er kommt nun bald! ... Ach Gott, ja!
LINCHEN: Er ist wieder -- betrunken! Nich wahr?
(Toni lässt ihr Nähzeug sinken und sieht vor sich hin.)
FRAU SELICKE: Ach nein! ... Nein doch, mein Herzchen! ... Er is nur einen Weg gegangen! ... Er bringt Dir was mit!
LINCHEN: Ach nein! ... Er will Dich nachher wieder schlagen!
FRAU SELICKE: Ach, aber meine Kleine! ... Weine doch nur nicht, mein Linchen! ... Gott, nein! ... Siehste, Du darfst dich ja nich aufregen?! Du wirst ja sonst nich gesund? ... Nein, mein Mäuschen! Er hat nur ein'n Weg gehabt!
LINCHEN: Bringt er mir wieder Törtchen mit?
FRAU SELICKE: Ja.
LINCHEN: Ach Mamachen! Und 'ne neue Puppe möcht' ich auch so gerne haben!
FRAU SELICKE: Ja, die kriegst Du! Und auch wieder Wein!
LINCHEN: Solchen süssen?
FRAU SELICKE: Ja.
LINCHEN: Aber weisst Du, Ma--machen .... es muss eine Puppe sein, die ... richtig sprechen kann ...
FRAU SELICKE: Ja! So eine!
(Toni hört die ganze Zeit über in Gedanken versunken zu.)
LINCHEN: Auch ein'n ... Wagen ...?
FRAU SELICKE: Ja?
LINCHEN: Au! Denn ... fahr'n wir die Puppe immer spazier'n ...! Nich wahr, Tönchen?
TONI: Ja, liebes Kind!
FRAU SELICKE: Ja, meine Kleine! Dann gehst Du wieder mit Tönchen spazier'n!
LINCHEN: Au ja! ... Bald -- Ma--machen?
FRAU SELICKE: Ja! Bald! Ganz bald!
LINCHEN: Morgen?
FRAU SELICKE: Morgen? Aber, liebes Kind! Du musst Dich doch erst noch 'n bischen erholen? .. Nich wahr? .. Aber diese Woche vielleicht!
LINCHEN: Bestimmt?
FRAU SELICKE: Ja! ... Bestimmt!
LINCHEN: Ma--machen ... Ja? Ich -- werde doch ... wieder gesund?
FRAU SELICKE: Ja, gewiss mein Mäuschen! ... Freilich!
(Kleine Pause.)
LINCHEN: Ma--machen? ...
FRAU SELICKE: Hm?
LINCHEN (lächelnd): Kranksein is hübsch!
FRAU SELICKE: Ach Gott! .. Meine arme, dumme Kleine! ... Warum denn? (Beugt sich zärtlich zu Linchen hin.)
LINCHEN: Weil .. weil Du dann .. immer ... so ... gut bist ...
FRAU SELICKE: O, aber mein Linchen! ... Bin ich denn sonst _nicht_ gut?
LINCHEN: Liebes Mamachen?
FRAU SELICKE: Was denn, meine Kleine?
LINCHEN: Mamachen?
FRAU SELICKE (rückt ihr etwas näher): Na?
LINCHEN: Nich wahr .... Ma--machen? ... Du -- zankst nich mehr ... mit mir .. wenn ich ... erst wieder ... gesund ... bin ...
FRAU SELICKE: Ach, meine ... (küsst sie).
LINCHEN: Hast Du ... mich ... lieb, Ma--machen?
FRAU SELICKE: Ach, meine Kleine!
LINCHEN: Bringt Papa ... ein' Baum mit ... und Lichter?
FRAU SELICKE: Ja, Liebchen! Und morgen kommt der Weihnachtsmann!
LINCHEN: Ei! ... Rück mich doch 'n bischen in die Höh', Ma--machen!
FRAU SELICKE: Willst Du denn nicht wieder einschlafen, meine Kleine?
LINCHEN (aufgeregt, hastig): Ach, ich ... bin ... gar nich ... müde ... (Hustet) Ich .. bin .. ganz ... wohl ... Ma--ma--chen!
FRAU SELICKE: Ach, der alte, böse Husten! ... Na so? (Hat sie ein wenig hochgerückt.)
LINCHEN: Erzähl' mir ... doch ... 'n bischen was!
FRAU SELICKE: Ach, liebes Kind! ... Ich weiss nichts! (Seufzt.)
LINCHEN: Ma--machen! ... Krieg' ich auch 'n neues Kleid ... wenn ich ... wieder ... gesund bin?
FRAU SELICKE: Ja! -- Aber sprich doch nich so viel, mein Liebchen! Es strengt Dich so an? ... Komm! (Legt den Kopf neben sie auf das Kissen.) Komm! Schlafe! Schlafe, mein liebes Täubchen!
LINCHEN: Lieschen Ehlers sagt immer in der Schule zu mir: Ach pfui ... Du -- hast so'n ... schlechtes ... Kleid!
FRAU SELICKE: Ja! Tönchen soll Dir ein ganz neues machen! -- Komm! -- Schlafe, meine Kleine!
LINCHEN: Au! Wart' doch -- mal, Ma--machen! Meine -- Hand ...
FRAU SELICKE: O, hab' ich Dir weh gethan, mein Püppchen?
LINCHEN: Lieschen Ehlers is dumm! Nich wahr ... Ma--mach'n?
FRAU SELICKE: Ja! Richtig dumm! ...
(Kleine Pause. Frau Selicke hat fortwährend noch ihren Kopf auf dem Kissen.)