Die Familie Selicke: Drama in drei Aufzügen

Part 2

Chapter 23,819 wordsPublic domain

WENDT: Ach, ich bitte Sie! Was hing aber auch nicht alles davon ab? Alles! Alles! Geradezu Alles! -- Und dann, was ich Ihnen noch gleich sagen muss, ich reise jetzt natürlich nicht erst Drittfeiertag, sondern schon morgen!

FRAU SELICKE: Schon morgen?

WENDT: Ja! Na, die Sachen sind ja schon alle so gut wie gepackt, und ... e ... aber ich vergesse ganz! (Zum alten Kopelke): Sie sprachen vorhin von Linchen?

KOPELKE: Ick? Nu ja! Ick .. det heest .. ick .. e ... (sieht zu Frau Selicke hinüber).

FRAU SELICKE: Aber setzen Sie sich doch, Herr Kopelke! Woll'n Se sich nicht setzen? Ich mach Ihnen noch schnell 'ne Tasse Kaffee!

KOPELKE (zu Wendt): Hm ... ja ... sehn Se, ick ... (Plötzlich zu Frau Selicke): 'ne Tasse Kafffe? (In sich hineinschmunzelnd, sich vergnügt die Hände reibend): Hm! ... 'ne Tasse Kafffe is jo wat sehr wat Scheenet! Wat sehr wat Scheenet! ... Abber ... Nee, Frau Selicken! Nee! Heite nich! Det verlohnt sick nich! Wahhaftijen Jott! Abber ick muss heite noch unjelogen hinten in de Druckerei! ... Se wissen ja! Det mit de ollen, deemlichen Krankenkassen! ...

FRAU SELICKE (nach der Küche hin): Na, denn werd' ich wenigstens noch'n paar Kohlen unterlegen! (Mit einem Blick auf die Uhr): Toni muss ja jeden Augenblick kommen! (Verschwindet durch die Küchenthür, hinter der bald darauf Licht aufblitzt.) 'n Augenblickchen!

KOPELKE (mit krummgezogenem Puckel, sich schmunzelnd die Hände reibend. Ihr nachsehend): Scheeniken! Scheeniken!

WENDT (langt seine Cigarrentasche vor): Aber ich darf Ihnen doch wenigstens 'ne Cigarre anbieten?

KOPELKE: Oh! ... He! ... Na! Ick bin so frei, von Ihr jietijet Anersuchen -- mbf! -- Jebrauch zu machen, werther, junger Herr! Abber .. e ... (winkt Wendt zu sich heran; dieser beugt sich ein wenig zu ihm hin, Kopelke hält ihm die hohle Hand an's Ohr) .. ick meen' man! Ick beraube Ihnen!

WENDT: O, ich bitte Sie!

KOPELKE: Na, wissen Se! So'n junger Student hat det ooch nich immer so dicke! .. Na, ick meen' man!

WENDT: Junger Student?! Oho!

KOPELKE: A so! (Blinzelt ihm zu.) Na! Ibrijens bin ick darin durchaus keen Unmensch! (Kneift sich mit den Fingernägeln die Spitze von der Cigarre und bückt sich über die Lampe). Abber .. nee, wissen Se! (Mit einem Blick zum Bett hin) Ick weer' ihr man doch lieber draussen roochen! Se nehmen mir det doch nich iebel?

WENDT: Bewahre, Herr Kopelke! Im Gegentheil! Hier hätten Sie sie ja doch so wie so nicht rauchen können! Selbstverständlich!

KOPELKE: Ja, un denn -- na ja! wat ick also noch sagen wollte! ... Se mee'n, mit det Kind, mee'n Se?

WENDT: Ja! Ich ... e ... Sie können sich ja denken, wie mich das unmöglich gleichgültig lassen kann! ... Der Arzt scheint sich ja, wenigstens so viel ich darüber weiss, überhaupt nicht äussern zu wollen ...

KOPELKE (klopft sich mit der Cigarre auf dem Daumen herum): Ja, wissen Se! Offen jestanden! Abber det kann ick den Mann eejentlich janich verdenken! Denn, Se könn'n sagen, wat Se wollen -- ick bin man sozesagen 'n ganz eenfacher Mann, verstehn Se! Abber det kann 'k Ihn'n sagen: mit det Kind is't retour jejangen! Schon wenn se een'n immer so anseht, verstehn Se! -- wahhaft'jen Jott, abber so wat kann eenen durch un durch jehn!

WENDT (finster): Hm ... Also Sie meinen, dass wirklich Gefahr vorliegt?

KOPELKE (ausweichend): Jott! _det_ nu jrade! _Det_ will ick nu jrade nich gesagt haben! Abber, wie det so is, verstehn Se! Et mangelt hier den Leiten an't Neethichste, wissen Se! (Macht die Bewegung des Geldzählens). Die kennen ooch man nich immer so, wie se wollen!

WENDT (geht erregt ein paar Mal auf und ab): Ach Gott, ja! .... Na! Es wird ja mal .... anders werden!

KOPELKE: Ja! Wenn eener immer ville Jeld hat, wissen Se, denn mag't ja wol noch jehn! Ja. Det liebe Jeld! ... Nehm'n Se _mir_ mal zun Beispiel! Ick wah ooch nich uf'n Kopp jefallen als Junge! Ick wah immer der Erste in de Schule! Wat meen'n Se woll?! .. Abber de Umstände, wissen Se! de Umstände! Et half nischt! Vater liess mir Schuster weer'n! ... Freilich, mit die Schusterei is det nu ooch nischt mehr heitzudage! Die ollen Fabriken, wissen Se! Die ollen Fabriken rujeniren den kleenen Mann! ... Sehn Se! So bin ick eejentlich, wat man so 'ne verfehlte Existenz nennt! Nu bin ick sozusagen alles un janischt! ... Ja! ... Da bring 'k mal een'n durch'n Prozess, da wird mal'n bisken jeschustert, dann mal mit de Homöopathie und denn mit det Silewettenschneidern, wie det jrade so kommt, verstehn Se! Ja! ... Freilich! Se haben alle nischt, die armen Deibels, den'n ick ....

(Die Uhr schlägt sechs.)

Wat?! Sechsen schon?! Hurrjott! ... (Wickelt sich schnell den Shawl um) ... den'n ick jeholfen hab', meen' ick! ... (Umhersehend): Hanschuh'n hat ick ja wol zufällig keene nich jehappt? ... Na, abber man krepelt sick so durch! (Wendt's Hand schüttelnd): Wah mich sehr anjenehm, werther junger Herr, wah mich sehr anjenehm! ..... Dunnerwettstock, det wird ja die allerheechste Eisenbahn! (Macht ein paar eilige Schritte auf die Corridorthür zu, besinnt sich dann aber wieder und kehrt um): Na, ick kann ja denn ooch man jleich hinten rum! (Schon in der Küchenthür): Un denn, det ick det nich verjesse: Verjniegte Feierdage! Morjen frieh seh ick Ihn' doch noch?

WENDT: O, danke, danke! Natürlich!

KOPELKE: Scheeniken! Atchee! (Klinkt die Küchenthür auf.) 'n Abend, Frau Selicken!

FRAU SELICKE (hinter der Scene in der Küche): Was? Sie wollen schon gehn?

KOPELKE (während er die Küchenthür wieder hinter sich zudrückt): Na, wat meen'n Se woll? ...

WENDT (einen Augenblick allein. Sieht sich zuerst aufathmend im Zimmer um und tritt dann vorsichtig an das Bett Linchens. Eine kleine Weile beobachtet er sie, dann klingelt es plötzlich im Corridor und er geht hastig aufmachen): Ah, endlich!

TONI (tritt ein. Sie trägt ein grosses, in ein schwarzes Tuch eingeschlagenes Bündel vor sich her. -- Sie ist mittelgross, schlank, aber nicht schwächlich. Blond. Schlichter, ein wenig ernster Gesichtsausdruck. Einfaches, dunkles Kleid, langer, braungelber Herbstmantel. Schwarze, gestrickte Wollhandschuhe).

WENDT (mit ihr zugleich eintretend und nach dem Bündel fassend): Geben Sie!

TONI (abwehrend): Ach, lassen Sie ... ich kann ja ...

WENDT (nimmt ihr das Packet ab): Geben Sie doch! (Indem er es auf's Sopha trägt). Und das haben Sie vom Alexanderplatz bis hierher getragen?

TONI (sich die Handschuhe ausziehend, nickt lächelnd. Etwas scherzhaft-wichtig): Getragen! Ja!

WENDT: Bei der ....?

TONI: Nun -- ja! Es war etwas unbequem bei der Kälte! (Hat die Handschuhe auf den Tisch zwischen das Kaffeezeug gelegt und tritt nun, indem sie sich ihren Mantel aufknöpfelt, an das Bett Linchens) Sie schläft? Ach, das arme Puttelchen! (Ist wieder etwas zurückgetreten). Aber ... nein! Ich will doch erst lieber .. ich habe die Kälte noch so in den Kleidern! (Zu Wendt, der ihr jetzt behilflich ist, den Mantel abzulegen). Danke, danke schön, Herr Wendt! Wollen Sie so gut sein, da an den Nagel? (Reicht ihm auch noch ihren Hut hin und stellt sich nun an den Ofen). Ach, ist der schön!

WENDT (der ihr unterdessen Hut und Mantel an die kleine Kleiderknagge zwischen der Korridorthür und dem Wandschirm gehängt hat): Wissen Sie auch, Fräulein Toni, dass ich heute schon auf Sie gewartet habe?

TONI: Ach nein! Wirklich? Auf mich?

WENDT (hat sich, die Arme gekreuzt, mit dem Rücken gegen den Tisch, ihr gegenüber gestellt, aber so, dass das Licht der Lampe noch auf sie fällt): Ja! Und ... na? Rathen Sie mal, weshalb!

TONI (lächelnd): Ach, das rath' ich ja doch nicht! Sagen Sie's mir lieber!

WENDT: Ja? Soll ich's sagen?

TONI: Ja!

WENDT (zieht sich wieder das Papier aus der Tasche und reicht es ihr): Na ... da! Lesen Sie mal!

TONI: Was denn? (Sie hat sich, noch immer am Ofen, mit dem Papier etwas gegen die Lampe gebückt und liest nun): Ah! Grade heute zum heil'gen Abend! (hat das Papier sinken lassen und sieht einen kleinen Augenblick in die Lampe. Langsam, leise): Ja! Das ist ja recht schön! Da können Sie sich recht freuen!

WENDT: Nicht wahr?

FRAU SELICKE (aus der Küche, deren Thür sie eben aufgemacht hat): Toni? Wo bleibst Du denn so lange? (Mit einem Blick auf das Bündel auf dem Sopha) Ach, Du hast wieder ... Armes Mädchen! ... Wart'! Ich bring Dir gleich noch 'n bischen heissen Kaffee! (Sie will wieder in die Küche zurück.)

TONI (die unterdessen das Papier auf den Tisch gelegt hat, auf sie zutretend): Mutterchen?! -- Wart' mal! ... Hier! (Man hört Geld klappern.) Eins -- zwei -- drei ...

FRAU SELICKE: Ach, Gott ja! .. Das liebe Bischen ... das wird wieder weg sein, man weiss nicht, wie!

TONI: Ist denn der Arzt dagewesen?

FRAU SELICKE: Ach, nein! Du weisst ja! Der alte Kopelke!

TONI: So? Was sagt er denn?

FRAU SELICKE: Bist Du ihm nicht unten begegnet? Er sagt ... (zuckt die Achseln) nichts Bestimmtes! Man wird ja aus keinem Menschen mehr klug! (Plötzlich) Ach Gott! Ich hab' so eine Ahnung! Du sollst sehn: wir behalten sie nicht! (Schluchzt.)

TONI (tröstend): Ach Gott! Mutterchen! (Nach einer Weile). Ist denn der Vater noch nicht da?

FRAU SELICKE (wieder beruhigt): Ach, der!

TONI (abermals nach einer kleinen Pause): Und die Jungens?

FRAU SELICKE: I! die wollten 'n vom Komptoir abholen! Aber die treiben sich ja doch wieder auf dem Markt rum, die Schlingels! Das is ja doch die Hauptsache! Die können's auch nich satt kriegen! ... Na, ich will nun ... Du bist ja ganz durchfroren! (Geht wieder in die Küche zurück).

TONI (die wieder zum Ofen getreten ist): Dann .... dann reisen Sie nun wohl bald?

WENDT (der unterdessen an's Fenster getreten war und die ganze Zeit über auf den Hof hinab gesehn hatte. Er hat sich wieder umgedreht und sieht nun, sich mit den Händen hinten aufs Fensterbrett stützend, wieder zu Toni hinüber): Ja! Morgen!

TONI (leicht erschreckt): Morgen schon?

WENDT: Ja!

TONI (nach einer kleinen Pause): Ach, die Handschuhe! (Holt sie sich und tritt mit ihnen an das kleine Tischchen links, in dessen Schublade sie sie hineinthut. Lächelnd): Sehn Sie mal! Da hat er wieder den _Spiegel_ neben's Bauer gestellt .... Der Vogel soll denken, es is noch'n andrer da, mit dem er sich unterhalten kann .... Der Vater spricht mit dem Vogel, als wenn er ein Mensch wär'!

WENDT (ist vom Fenster weggetreten und steckt sich nun das Papier vom Tisch wieder in seine Rocktasche): Ja! ja! ...

TONI: Hm? ... Mätzchen! Mätzchen! ... Ordentlich zärtlich ist er mit ihm! Der Vater ist ein grosser Thierfreund!

WENDT (der unterdess auf sein Zimmer links im Vordergrund zugegangen ist, sieht ihr, die Hand auf der Klinke einen Augenblick lang unentschlossen zu. Zögernd): Ja! ich ....

TONI (ihn unterbrechend): Ach, sagen Sie doch! Wie spät ist's denn? (Mit einem Blick auf den Regulator) der kann doch unmöglich richtig gehn?

WENDT (der jetzt die Thür aufgeklinkt hat): Etwas nach Sechs!

TONI: Nach Sechs? Da müsste er doch nun ... (Seufzt.)

(Wendt geht langsam in sein Zimmer. -- Toni, die ihm nachgesehn hat, bleibt einen Augenblick in Gedanken stehen, seufzt und geht wieder auf den Sophatisch zu. Sie nimmt das Bündel auf den Teppich runter und knotet es auf. Frau Selicke kommt mit dem Kaffee.)

FRAU SELICKE: Hier! Nu trink erst! (Setzt die Kanne auf den Tisch.)

TONI (die sich vor dem geöffneten Bündel auf dem Teppich niedergekauert hat): Ja. Gleich!

FRAU SELICKE (hat sich leicht auf den Sophatisch gestützt und sieht ihr zu): Mäntel? ... Da kannst Du wieder die ganzen paar Feiertage sitzen! Ach ja! Du hast doch auch gar nichts von Deinem Leben!

TONI (immer noch mit dem Ordnen der Zeugstücke beschäftigt): Na! 's ist doch wenigstens ein kleiner Nebenverdienst!

FRAU SELICKE (aufseufzend): Ach ja, ja!

TONI: Aber ein _Leben_ auf den Strassen? Kaum zum Durchkommen!

FRAU SELICKE (nickend): Das glaub ich! ... Du wirst Dich schön haben schleppen müssen mit dem alten Bündel! Bist Du denn nich wenigstens ein Stück mit der Pferdebahn gefahren?

TONI: Ach, Alles voll! Alles voll! Da war gar nicht anzukommen!

FRAU SELICKE (ihr die Tasse zuschiebend): Aber Du trinkst ja gar nicht! Trink doch erst!

TONI: Ja! (Erhebt sich und schenkt sich den Kaffee ein. Ihn schlürfend, von der Tasse zu Frau Selicke aufsehend): Schön warm!

FRAU SELICKE: Bist Du der Mohr'n vorhin begegnet?

TONI: Ja, auf der Treppe! Sie hielt mich an!

FRAU SELICKE: Sie wollte mal wieder horchen? Nicht wahr?

TONI: Ja! ... Sie fing natürlich von Linchen an! Und, was wir diesmal für'n schlechtes Weihnachten durchzumachen hätten und so, na Du weisst ja!

(Sie bückt sich wieder zu ihren Mänteln.)

FRAU SELICKE: Nein, solche Menschen! Um was die sich nich alles kümmern!

TONI: Na, von mir bekommt sie nichts raus!

FRAU SELICKE: Die mögen schön über uns schwatzen! .... Solche Menschen! Die sollten sich doch lieber an ihre eigene Nase fassen! Die! Die trinkt Bier wie'n Kerl! Den richtigen Bierhusten hat sie schon! Hast Du noch nicht gemerkt?

TONI: Na, ja! Lass doch man, Mutterchen! Lass sie alle machen, was sie wollen! Sie geben uns ja doch nichts dazu! (Ist aufgestanden und steht nun, die Hände unter der Tischplatte, da.) Rück doch mal'n bischen den Tisch! Ich möchte mir da die Mäntel zurecht legen! (Frau Selicke hilft ihr.) Der Vater kann doch jetzt unmöglich mehr auf dem Komptoir sein?

FRAU SELICKE (hat vom Tisch wieder ihren Strickstrumpf aufgenommen und sich die Brille aufgesetzt. Vom Stuhl vor dem Bette Linchens her): I, ich dachte gar! ... Wer weiss, wo der jetzt wieder steckt!

TONI (hinter dem Tisch auf dem Sopha die Zeugstücke ordnend): Na, er wird auf dem Weihnachtsmarkt sein und ein bischen etwas einkaufen, für Linchen!

FRAU SELICKE: I, jawohl doch! Und .... du lieber Gott, was soll nicht alles von den paar Groschen bezahlt werden! Wer weiss übrigens, ob er diesmal so viel zu Weihnachten kriegt wie sonst! .... Er thut wenigstens so! .... Das heisst, auf den kann man sich ja nie verlassen! Der sagt einem ja nie die Wahrheit! .... Andre Männer theilen ihren Frauen alles mit und berathen sich, wie's am besten geht, aber unsereiner wird ja für garnichts ästimirt! Der weiss ja alles besser! ... Nein, so ein trauriges Familienleben, wie bei uns .... Pass mal auf: Der hat heute wieder ein paar Pfennige Geld in der Tasche und kömmt nu vor morgen früh nich nach Hause!

TONI: Na, ich dachte gar! ... das wäre doch! ... Heute!

FRAU SELICKE: Na, du wirst ja sehn! Vergang'ne Nacht hat mir wieder mal von Pflaumen geträumt, und dann kann ich jedesmal Gift darauf nehmen, dass es Skandal giebt!

TONI: Ach Gott! darauf kann man doch aber nichts geben!

FRAU SELICKE: Na, pass auf! Meine Ahnungen trügen mich nie!

TONI: Aber wie kann man blos so abergläubisch sein, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Abergläubisch? Nein, gar nicht! Ich bin garnicht abergläubisch! Aber es ist doch komisch, dass es bis jetzt jedesmal eingetroffen ist!

TONI: Ach, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Nein, nein! Du sollst sehen! Ich kann mich heilig darauf verlassen! (weinerlich) Pass mal auf! Pass mal auf!

TONI: Ach siehst Du, Mutterchen! Wenn Du Dich vorher schon immer so ängstlich machst, dann ist es ja gar kein Wunder! ... Mach's wie ich! Lass ihn kommen! Widersprich ihm mit keinem Wort! ... Lass ihn räsonniren, soviel wie er will! Einmal muss er dann doch aufhören und durch sein Räsonniren wird es ja doch nicht besser.

FRAU SELICKE: Ach Gott ja! Eigentlich ist's auch wahr! Man müsste garnich drauf hören! Wenn ich nur nich so nervös wäre! Wenn ich ihn dann aber so sehe, in seinem Zustande, und er kommt dann auch noch mit seinen Ungerechtigkeiten, dann kann ich mich nich halten! ... Es ist mir rein unmöglich! .... Dann läuft mir jedesmal die Galle über!

TONI: Siehst Du! Aber grade dadurch wird es immer erst schlimm! Lass ihn schimpfen, die Augen rollen, Fäuste machen: Du musst es gar nicht beachten! Schliesslich thut er ja doch nichts! ... Siehst Du, Du musst mich nicht falsch verstehn! aber ich glaube, Du hast ihn von Anfang an nicht recht zu behandeln gewusst, Mutterchen!

FRAU SELICKE: Ja! 's is auch wahr! ... Er hätte nur so eine recht resolute haben sollen!

TONI: Ach, nein! So meinte ich's nicht! ... Ach!

FRAU SELICKE: Nein! 's ist ja wirklich wahr! ... Da soll man sich nun nicht empören! ... Hier liegt das arme Kind krank, man weiss nich vor Sorgen wohin? Andre Leute freuen sich heute, und wir ... Na! und dann soll man ihm auch noch freundlich entgegenkommen? ... Das _kann_ ich einfach nicht! Das _kann_ ich nicht!! ....

TONI (seufzend): Aber dann würde er sicher anders sein, wenn Du Dich ein bischen zwängst, Mutterchen! ... Er ist ja im Grunde eigentlich gar nicht so schlimm, wie er thut!

FRAU SELICKE: Er hat mich die ganzen Jahre her zu schlecht behandelt! Ich _kann_ mich nicht überwinden, freundlich mit ihm zu sein!

TONI: Ach ja, ja! (Kleine Pause. Holt aus dem Tischchen links ihr Nähzeug vor, setzt sich einen Stuhl an den Sophatisch und beginnt zu nähen.)

FRAU SELICKE: Willst Du heute noch nähen?

TONI: Ja, ein bischen!

FRAU SELICKE: Ach! das ist nun Heiligabend! Das sind Festtage! .... So ein trauriges Weihnachten haben wir wirklich noch nie gehabt!

TONI: Na! Eine kleine Freude macht er Linchen und den Jungens doch! Und wir Andern? Liebe Zeit! ...

FRAU SELICKE (gähnt): Ach, bin ich -- müde! ... Nächtelang hat man kein Auge zugethan und mein Fuss thut auch wieder so weh ....

TONI: Ja! Leg Dich ein bischen hin, Mutterchen! Du strengst Dich überhaupt viel zu sehr an! Das solltest Du gar nicht!

FRAU SELICKE: Ja ja! Du hast eigentlich auch recht! Ich will mich 'n bischen schlafen legen! (zum Bett hin.) Ach, mein Mäuschen! (Ist aufgestanden, hat ihr Strickzeug zusammengewickelt und es mit der Brille auf den Tisch gelegt.) Heute Nacht hat man ja doch wieder keine Ruhe! Das weiss ich schon! Ach ja! ... (Gähnt. Schon in der Kammerthür.) Ja, und nun geht Herr Wendt auch schon zu den Feiertagen, und eh' man dann wieder 'n Miether kriegt! .... Ach Gott ja! ... Na! ... (verschwindet in der Kammer.)

TONI (über ihre Arbeit gebückt, allein. Pause. Ab und zu seufzt sie. Fernes Glockengeläute, das eine Zeit lang während des Folgenden fortdauert. -- Es klopft an Wendt's Thür. Toni zuckt leicht zusammen. Dann): Herein?

WENDT (tritt ein): Störe ich?

TONI: O nein! ... Wünschen Sie etwas?

WENDT (zum Tisch tretend): Ich? ... Nein! (Sieht ihr einen Augenblick zu.) Sie arbeiten heute noch?

TONI: Ja! 's hilft nichts! Ich muss in den Feiertagen damit fertig werden!

WENDT: In den Feiertagen? ... Mit ... mit all den Mänteln da?

TONI (lächelnd): Ja! Ein tüchtiges Stück Arbeit ist es! .. Hören Sie? Die schönen Weihnachtsglocken!

WENDT (während er sich ebenfalls einen Stuhl holt und diesen neben den Tonis stellt): Ja! Die Weihnachtsglocken! Die Weihnachtsglocken!

TONI: Hören Sie das Glockengeläute nicht gern?

WENDT: Die Berliner Glocken sind schrecklich! So eilig! So ... so ... eh! (macht eine Handbewegung.)

TONI: Wie?

WENDT: Ach! So -- nervös, mein ich!

TONI: Nervös? Ach!

WENDT: Nein! Ich höre die Glocken hier nicht gern!

TONI: Sie wollen doch aber nun Pastor werden?

WENDT: Ja!

TONI: Zu Weihnachten klingen sie immer schön, find' ich! ... Als ich noch ganz klein war, ging der Vater mit uns am ersten Feiertag Morgen in die Christmette. Ganz früh. Wir wurden dann tüchtig eingemummelt und jedes hatte ein kleines Wachsstöckchen. Das wurde in der Kirche angezündet, und wenn wir dann wieder nach Hause kamen, kriegten wir bescheert. Ich muss immer daran denken, wenn ich hier zu Weihnachten die Glocken höre! ... Freilich so schön klingen sie nicht, wie bei uns zu Hause!

(Kleine Pause. Man hört nur ein wenig stärker und näher das Geläute.)

WENDT (ein wenig erregt): Ach ja! Das ... damals ... damals waren sie ... Weihnachten war schöner damals! ... Hm! -- (Beugt sich zu ihr hin, ohne sie anzusehen.) Toni! Sagen Sie mal!

TONI: Wie?

WENDT: Ich meine ... hm! Ja! Ich musste -- nur eben wieder daran denken -- dass ich nun morgen, morgen schon von hier fortgehe!

TONI (ohne aufzusehn): Ja! Sie bekommen ja nun -- eine Stellung!

WENDT: Eine Stellung! (Sich zurücklehnend) Komme nun, sozusagen, in geordnete, bürgerliche Verhältnisse. Ja! Eine Landpfarre!

TONI: Auf's Land kommen Sie?

WENDT: Ja, auf's Land! Auf's Land!

TONI: Ach, das muss Ihnen gewiss recht angenehm sein! Es hat Ihnen ja so wie so nicht mehr recht hier in der Grossstadt gefallen!

WENDT: Ja, man lernt hier so viel kennen! ... Aber nun! Landpastor also! ... Eine lange Pfeife, wie der Herr Kopelke sagt, eine Bienenzüchterei und ... und hahaha!

TONI (sieht auf): Sie sagen das so sonderbar! Sind Sie mit Ihrer Stellung nicht zufrieden?

WENDT: Ach, das ... das ist ja gleichgültig!

TONI: Gleichgültig?

WENDT: Ach, das ... Es könnte freilich -- unter Umständen -- recht schön sein! (Sieht Toni plötzlich voll an, diese bückt sich noch tiefer über ihre Arbeit.) Aber ich wollte ja ... Ich meinte ... (er beugt sich wieder zu ihr hin.) Alle die Mäntel müssen Sie nun also in den -- Feiertagen nähen?

TONI (leise ernst): Ja! Es macht freilich so mehr Mühe mit der Hand! Aber mit der Nähmaschine geht's jetzt nicht, wo Linchen krank ist.

(Pause.)

Ja, das wird nun ...

WENDT: Wie meinen Sie?

TONI: Zwei Jahre haben ... Sie nun ... hier gewohnt!

WENDT: Aber die Handarbeit ... das fortwährende Nähen muss doch Ihre Gesundheit sehr angreifen!

TONI (mit einem Lächeln): Ach, ich bin nicht schwächlich! Man muss nur Ausdauer und ein bischen Geduld haben.

WENDT (sich zusammenraffend): Geduld ... Ja! Toni! Ich wollte Sie nun etwas fragen! ... Ich habe schon einmal ... Sie nahmen's damals für Scherz ... und ich sah damals auch ein, dass ich noch kein Recht hatte ... Aber jetzt kann ich Sie ja mit mehr Recht fragen ... Jetzt, wo ich in -- geordnete Verhältnisse komme! Ich meine ... wollen ... wollen Sie mir auf meine -- Landpfarre folgen? (Das Geläute hört auf.)

TONI: Sie ... ob ich -- Ihnen ...

WENDT: Ja! Ob Sie mir jetzt folgen wollen?

TONI: Ach ... (Sie bricht in Thränen aus.)

WENDT: Sie weinen?!

TONI: Warum ... das ist -- nicht Recht von Ihnen, dass Sie wieder davon -- sprechen!

WENDT: Nicht Recht?! ... Warum?! ... Toni! Jetzt?

TONI: Das -- geht ja doch nicht! Das geht ja nicht!

WENDT: Das -- geht nicht?!

TONI: Nein! ... Ach Gott!

WENDT: Aber warum denn nicht?

TONI: Ach Gott!

WENDT: Es geht Toni! _Jetzt geht es!_ ... Wissen Sie: in diesen Tagen fand ich hier ein Buch!

TONI: Ein ... Buch?

WENDT: Ein einfaches Büchelchen! ... Zwei Bogen gelbes Conceptpapier in ein Stück blaue Pappe geheftet. Mit solchem weissen Zwirn da! Jemand hatte es hier liegen lassen, aus Versehn!

TONI (sehr verwirrt): Ein ... das ...

WENDT: Ich habe darin gelesen! ... Es waren allerlei Notizen darin! Tagebuchnotizen! Selbstbekenntnisse, die Eine für sich gemacht hatte, die immer so still und bescheiden ist, alles mit sich selbst im stillen abmacht und auskämpft! ...

TONI (weint heftiger): Ach! ... Warum haben Sie darin gelesen?

WENDT (rückt näher zu ihr und sucht ihr in's Gesicht zu sehen): Ich war sehr, sehr glücklich, als ich das Alles las!

TONI: Ach! Ich ... aber ich _darf_ doch hier nicht fort!

WENDT: Du _darfst_ nicht?! Toni! Bist Du ... ich meine: Kannst Du's hier -- aushalten?! Bist Du hier glücklich?!

TONI (immer noch weinend): O Gott! O Gott!

WENDT (sehr erregt): Nein! Nein! Das ist unmöglich, Toni! ... Ich habe vorhin, drin in meinem Zimmer, gehört, was Du mit Deiner Mutter sprachst! Ich habe mehr als zwei Jahre hier gewohnt und alle die Scenen mit angehört, die furchtbaren Scenen! ... ich habe Euer ganzes, unglückliches Familienleben kennen gelernt! Zwei Jahre lang hab' ich das Alles gehört und gesehen! Zwei Jahre lang! Und es hat mich ... (Stöhnt auf.) Und Du! Wenn man denken muss: zweiundzwanzig Jahre hast Du in alle dem Elend gelebt und hast es ertragen müssen! Zweiundzwanzig Jahre! ... Herr mein Gott! Zweiundzwanzig Jahre!

TONI (verlegen -- trotzig): O, der Vater ist gut ... ein bischen aufbrausend, aber ... Ach Gott! (Schluchzt.)