Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 9
Doch ehe es leer wurde und still in Monrepos, waren es drei Dinge, die ihr Schmerzen verursachten und Pein. Das erste war Falkners Abschied. Er war am Morgen nach dem Unfall abgereist, ohne sie gesehen zu haben, ohne Wort, ohne Botschaft. Sie mußte ihn dafür um so höher achten, er stieg darum in ihrer Bewunderung, und sie sagte sich auch, daß er als Ehrenmann nur so handeln durfte -- aber es schmerzte sie darum doch, und sie war noch nicht so gestählt im Entsagen, daß es sie nicht mit Bitterkeit gegen ihr Schicksal und tiefstem Schmerz erfüllt hätte. Und dabei bäumte ihr Stolz sich in heftigen Selbstvorwürfen auf, daß es _ihm_ gelungen war, ihr das Geständnis ihrer Liebe zu entreißen, gegen ihren festen Willen, der so stark gewesen, und ihr reines, thörichtes Herz so schwach. -- -- -- -- --
Und Pein machte ihr dann der Erbprinz, dessen Augen mit stummen Fragen auf sie gerichtet waren, dem sie _jetzt_ nicht um alles in der Welt hätte sagen können, daß sie seine Werbung nicht annehmen könnte, weil eine hoffnungslose Liebe es ihr so bald schon unmöglich mache, einen Bund fürs Leben zu schließen. Und aus diesem Grunde mied sie es, mit ihm allein zu sein, und als er an einem der letzten Tage dennoch Gelegenheit fand, sie ohne Zeugen zu sprechen, das heißt ihr einfach zu sagen:
»Scheide ich mit oder ohne Hoffnung? Sagen Sie mir nur soviel!« -- da rang sie stumm die Hände und erwiderte dann schmerzlich:
»Sie _müssen_ mir Zeit lassen, Prinz! Ich bin ja noch nicht fertig mit mir selbst. Soll ein entscheidendes Wort aber heute noch fallen, so ist es ein ›Nein.‹«
»Ich werde warten,« hatte er einfach geantwortet.
Der dritte aber, der ihr Pein verursachte, war Keppler, welcher auch bis zum letzten Moment bleiben mußte, an seinen Porträts beider Prinzessinnen zu malen, um dieselben für die letzten Lasuren und Retouchen in seinem Atelier fertig zu stellen. Er kam, um von ihr Abschied zu nehmen, mit finsteren Zügen, wie ein Fremder zurückhaltend, so daß sie verwundert den Kopf schüttelte.
»Was habe ich Ihnen gethan?« fragte sie sanft und vorwurfsvoll.
»Mir? Nichts und alles,« erwiderte er, »aber Sie haben sich selbst am meisten getroffen.«
»Können Sie mir's immer noch nicht vergeben, daß ich zur Bühne nicht zurückkehren will?« sagte sie mit mattem Lächeln, aber freundlich.
»Das wäre der eine Punkt,« gab er nach einer Pause zu. »Ich hoffe aber, Sie haben Ihr Ultimatum darin noch nicht gesprochen.«
»Doch, lieber Freund, es ist entschieden.«
»Es ist eine himmelschreiende Sünde an der Kunst. Sie hätten berühmt werden können wie die Catalani und die Malibran und der erbleichende Glanz des Sternes einer Patti fing an, auf Sie überzugehen!« rief Keppler, aufrichtige Überzeugung im Tone.
»Man soll nach den Sternen nicht begehren,« erwiderte Dolores, mit einem Versuche zu scherzen.
»Sie thaten es einst -- warum jetzt nicht mehr?« fragte er erregt.
Sie errötete tief und sah zur Seite.
»Ich kann nicht -- diese Sterne haben ihren Reiz für mich verloren, ich begehre sie nicht mehr.«
Da seufzte er tief, fast ungeduldig.
»Was würden Sie von mir sagen, würfe ich eines Tages Pinsel und Palette ins Feuer und sagte: Ich kann nicht mehr malen.«
»Ich habe ja aber nur Schminke und Puderquasten und falschen Hermelin ins Feuer geworfen,« entgegnete Dolores. »Mir bleibt meine Musik für alle Zeit, und ich hoffe noch manches Lied zu ersinnen, das ›den Komponisten der Satanella‹ dem Herzen näher bringt -- Sie wissen, solch' ein Lied, von dem Geibel sagt:
Es singen's bald zu Nacht am Born Die Mägde mit den Krügen; Der Jäger summt es vor sich her, Spürt er im Buchenhage, Der Fischer wirft das Netz ins Meer Und singt's beim Ruderschlage.
Hat dieser Ehrgeiz Grenzen, welche Ihnen weit genug dünken für mich? Muß ich denn durchaus dabei noch heut' den armen Lohengrin fragen, woher er kommt, morgen dem Troubadour versichern, daß ich unter Thränen lächle und übermorgen als Traviata an der Schwindsucht sterben?«
Keppler mußte unwillkürlich lächeln.
»Mit Frauen läßt sich nicht logisch streiten,« sagte er, »aber ich will ja auch nicht weiter forschen, denn Sie würden mir ja doch nicht sagen, was diese Wandlung in Ihnen bewirkt hat. Nur eine Frage muß ich thun: Haben Sie hier schon komponiert?«
»Im Anfang schrieb ich ein paar Lieder,« erwiderte sie zögernd.
»Und seitdem nichts mehr?«
»Nichts.«
»O, was hat dieser Falkenhof aus Ihnen gemacht!« rief er schmerzlich.
»Es hat doch jeder Mensch einmal im Jahre Ferien,« meinte Dolores, mit einem Versuche gleichgültig zu bleiben.
»Als ob Ihnen das Schaffen, das Denken in Tönen eine Arbeit wäre, die der Erholung bedürfte,« entgegnete Keppler finster. »Ihre Schwingen sind Ihnen eben salonfähig gestutzt worden, und man hat dabei leider auch die ganze Schwungkraft derselben gelähmt. Ist's nicht so?«
»Vielleicht,« nickte sie etwas kühl.
»Soweit wäre es nie gekommen, wenn Sie meine Frau hätten werden wollen,« rief er heftig.
»Vielleicht,« wiederholte sie, blaß werdend, aber eben so ruhig.
Da sprang er auf und trat dicht vor sie hin.
»Dolores,« sagte er mit stockendem Atem, »Dolores, noch können Ihre Schwingen wieder wachsen! Kehren Sie allem den Rücken, und werden Sie mein Weib -- noch einmal bitte ich Sie darum, flehe ich Sie an!«
Jäh erblassend wandte sie sich ab -- mußte auch das noch kommen, sie zu peinigen.
»Dolores, Ihre Antwort!« bat er leise vor Erregung.
Da wandte sie ihm wieder ihr schönes Antlitz zu.
»Nein,« sagte sie fest.
»Nein! Wieder nein!« rief er außer sich. »Dolores, heut' habe ich ein Recht zu fragen, warum Sie meine Hand, die Hand eines redlichen Menschen, der Sie so sehr liebt, zum zweitenmal zurückweisen. Zurückweisen mit einem kurzen, harten ›Nein,‹ unversüßt, unvergoldet durch die üblichen Versicherungen von Achtung und Freundschaft -- hab' ich auch das verwirkt?«
»Warum quälen Sie mich so?« fragte sie schmerzlich.
»Quäle ich Sie? Nein, bei Gott, das will ich nicht, denn es ist nicht edel, Gleiches mit Gleichem zu vergelten,« erwiderte er bitter und ergriff seinen Hut. »Also leben Sie wohl! Aber eins müssen Sie wissen und sollen es bedenken: Es ist nicht gut, ein Herz von sich zu weisen, das wahrhaft liebt. Und wenn einst Ihr Herz gebrochen und Ihr Kranz verblüht ist, dann ist es zu spät, sich in die Arme der Kunst zu flüchten -- sie wird nichts mehr haben für Sie als höchstens -- Mittelmäßigkeit.«
Sie wollte ihm antworten: »Sie sind ein zu spät geborener Prophet, denn mein Herz _ist_ gebrochen, mein Kranz _ist_ verwelkt,« -- aber sie schloß die Lippen wieder und schwieg, blaß und kalt, und als er in der Thür noch einmal umkehrte, voll Reue über seine harten Worte, und ihr zögernd die Hand reichte, da legte sie freilich die ihre hinein, aber sie war kalt und bewegungslos, wie eine Marmorhand.
Und als sie dann endlich allein war, da war auch ihre Kraft erschöpft, elend an Leib und Seele, sank sie zu Boden und rang die Hände und klagte ihr Schicksal an, das ihr die Liebe zweier redlicher Männer, die sie nicht wieder lieben konnte, bescherte, während sie den, den sie liebte mit der ersten Liebe ihres Herzens, nicht lieben durfte.
Derselbe Bahnzug, der die Bewohner von Monrepos fortführte in ihrem auf der Station deponierten Salonwagen, verabschiedet auf dem Perron von den Bewohnern von Falkenhof und Arnsdorf, welche den Scheidenden eine Überfülle von Rosen mitgaben auf den Weg -- derselbe Zug brachte Dolores von der anderen Seite Gäste: Professor Balthasar und seine liebenswürdige Frau, welche mit ihrem Gatten, dem berühmten Historienmaler, siegreich in die Schranken trat durch ihre stimmungsvollen Landschaftsbilder, welche ihr Pinsel in Aquarell duftig und mit hoher Meisterschaft hinzauberte aufs Papier. Dolores begrüßte diese lieben Freunde mit aufrichtiger Freude, denn von dem nicht nur äußerlich, sondern von innen heraus liebenswürdigen und bedeutenden Paar, dessen Unterhaltungsgabe noch außerdem hervorragend war, hoffte sie viel für ihr Gemüt, dessen sonnige Eigenschaften die letzte Zeit so sehr getrübt. Doch ihre frühere Heiterkeit, Energie und Thatkraft wollten trotz der anziehenden Gesellschaft nicht zurückkehren, und mehr als einmal fragten sich der Professor und seine Frau: »Was ist mit ihr vorgegangen? Was hat sie getroffen? Von der geistsprühenden, harmlos heiteren, entzückenden Dolores, was ist geblieben? Ein schönes ernstes Mädchen, bei dessen Anblick man staunend fragt: Ist das die berückende Satanella von ehedem? Welche Wandlung!«
»Aber eine Wandlung zum Schöneren,« behauptete der Professor, und seine Frau riet mit echt weiblichem Instinkt auf eine unglückliche Liebe als auf des Wandels Ursache.
Und die Wochen schwanden dahin, und Balthasars verließen wieder den Falkenhof mit großem Bedauern, diesmal aber zusammen mit Dolores, welche nach Nordland fuhr -- zu Alfred Falkners Hochzeit als Gast der Prinzessin Alexandra. Es war nur eine Leidensstation mehr auf dem Kreuzwege ihres Herzens, und nicht einmal die letzte, wie sie wußte. Aber sie haderte nicht mehr mit ihrem Schicksal, das ihr Ruhm und Besitz gewährt und ihr das Glück versagte, denn sie hieß nicht umsonst -- Dolores, die Schmerzensreiche. Sie war ruhiger geworden mit der Zeit, und als sie nun dem schweren Tag _seiner_ Hochzeit entgegenfuhr, da glaubte sie fest und ehrlich ganz und vollkommen entsagt und überwunden zu haben.
Doktor Ruß und seine Frau waren im Falkenhofe zurückgeblieben -- sie hatten ihr Fernbleiben von der Hochzeit in Nordland durchgesetzt, und da sie ja erst im Herbst mit Dolores zusammen den Falkenhof verlassen sollten, so hüteten sie einstweilen das Haus. Die Anwesenheit des Balthasarschen Ehepaares hatte ihnen übrigens eine sehr angenehme Abwechslung geschaffen, unter welcher sogar Frau Ruß ein wenig aufthaute und weniger schroff schien wie früher, wohingegen Doktor Ruß und der Professor sich in vielen Dingen fanden und sich gegenseitig sehr ansprachen. Auch Schingas hatten in dieser Zeit gute Nachbarschaft gehalten, und soweit der heiße Sommer die Gräfin nicht im tiefsten Negligé in ihr Zimmer bannte in Gesellschaft ihrer Schlangen und ihres Zola, waren sie häufige Gäste im Falkenhof.
Dolores wurde in Nordland von einer herzoglichen Equipage abgeholt und in dem grandiosen Schlosse von Prinzeß Alexandra, welche ihr Zimmer neben ihren eigenen Appartements angewiesen hatte, empfangen. Und als sie bald nach ihrer Ankunft im kleinen Kreise zum Familienthee befohlen wurde, dem Falkner aber nicht beiwohnte, da sah sie, daß man das leichte, bürgerliche Gewand aus Monrepos vollkommen mit dem Hofkleide vertauscht hatte, welches ja an kleinen Höfen viel steifer ist, als an großen, hier aber freilich anmutender wurde die persönliche, schlichte, und herzgewinnende Weise seiner Träger. Prinzeß Lolo, welche heute Mittag eine Abschiedscour absolviert hatte, war übermütig und naseweis wie immer und machte den Damen und Herren jede Verbeugung, jede Antwort mit sehr viel Beobachtungs- und Nachahmungsgabe nach, nur daß sie eben alles ins Lächerliche zog und Dolores, wider Willen mitlachend, eigentlich froh war, daß Falkner nicht zugegen war, denn die amüsante Darstellung schien ihr etwas moquant und herzlos, und sie wußte, daß er für das Herunterziehen und Persiflieren von jedermann kein Verständnis hatte.
»Ich hätte schreien können vor Lachen, als all' diese Karikaturen an mir vorbeimarschierten in Gänsemarsch und jedes mir einen Kuß auf den rechten Handschuh applizierte,« schloß Prinzeß Lolo ihren Bericht. »Sascha, wenn du deine Cour hältst, dann rate ich dir, laß dir einen Blitzapparat in der Corsage deines Kleides anbringen und photographiere dir damit die schönsten Gestalten und Komplimente. Da ist ein alter General, der setzte sich einfach aufs Parkett vor mich hin, als er im Anmarschieren plötzlich parierte -- er wird sich auch vor dich hinsetzen. Und dann die ganzen Landpomeranzen, die Komplimente machen als hätten sie einen Schuß in die Kniee bekommen, und über ihre großen Zehen stolpern! Ich habe in dieser Menagerie heut' nur den Grafen Schinga vermißt in seinem Schweinetreiberkostüm und meine künftige Schwiegermutter in ihrer altmodischen Faltentaille ohne Kragen, mit Scheulederscheiteln, Diamantringen auf dem Zeigefinger und ihrem ewigen Strickstrumpf!«
Nun war Frau Ruß Dolores gar nicht sympathisch, aber es war ihr noch nicht eingefallen, die starke, unmodern und nachlässig gekleidete, aber doch noch stattliche Frau lächerlich zu finden. Daß es aber von seiten der Braut ihres Sohnes geschah, berührte sie unsäglich unangenehm, und als gar bei den letzten Worten Falkner den Salon betrat, da errötete _sie_ für die lose Zunge der Prinzeß, und der erschrockene, abbittende Blick, der jener zugekommen wäre, traf ihn aus Dolores' Augen, das Aufleuchten seiner Augen aber sagte ihr, daß er sie verstanden habe und ihr danke.
Die übrige Gesellschaft, bestehend aus der Familie, einigen wenigen zur Hochzeit erschienenen fürstlichen Verwandten, einigen hohen Hofchargen und dem Verlobten der Prinzeß Alexandra, welchem sie Dolores als ihre liebe Freundin und künftige Palastdame vorgestellt hatte, verfiel in peinliches Schweigen, als Falkner unter ihnen stand, ehe seine Braut kaum ihre Rede vollendet hatte. Er küßte derselben, nachdem er seine pflichtschuldigen Reverenzen gemacht, die Hand und sagte ihr, nur hörbar den Zunächststehenden:
»Es giebt eine Posse, in welcher ein unzufriedener Sohn die klassischen Worte spricht: ›Man kann nicht vorsichtig genug sein in der Wahl seiner Eltern.‹ Diese Weisheit läßt sich ja auch auf Schwiegereltern anwenden und zwar um so erfolgreicher, als man hier wirklich diese gerühmte Vorsicht zur Anwendung bringen kann.«
Prinzeß Lolo lachte.
»Ach was -- ich heirate dich ja, nicht deine Mutter!«
»Eben darum sollte sie wohl besser außerhalb deiner Karikaturengalerie bleiben,« entgegnete er sehr ernst.
»Aha,« machte die Prinzeß böse, »darum nennt man den Abend vor der Hochzeit wohl den Polterabend, weil der Bräutigam schon das Recht zu haben glaubt, seiner Braut poltrige Reden zu halten!« -- Sprach's und drehte sich auf dem Absatz um.
Dolores, welche ein Gespräch mit Falkner fürchtete und erhoffte, sah sich getäuscht, denn er fand oder suchte keine Gelegenheit mit ihr zu sprechen.
Auch am anderen, dem Hochzeitstage, wechselten sie nur wenige Worte. Das war nach der Trauung in der Schloßkapelle, deren Altar Ihre Durchlaucht die Prinzeß Eleonore von Nordland hoch erhobenen Hauptes, die Augen zwar nicht feucht vor innerer Bewegung über den Ernst des Augenblickes, sondern sehr munter leuchtend und lachend als Freifrau von Falkner verließ. Das Brautpaar nahm in einem Salon, bevor das Frühstück serviert wurde, die Glückwünsche der wenigen Anwesenden entgegen, und so mußte auch Dolores sich bezwingen, beiden ein Glück zu wünschen, das ihr nicht vergönnt war. Sie trat auf die kleine, reizende, spitzenumrieselte, atlasumrauschte Braut zu und reichte ihr die Hand.
»Glück auf, Cousine,« sagte sie. »Hie guet Falkner alleweg! Und,« setzte sie hinzu, ein Etui aus der Tasche ziehend, »was ich der Prinzeß von Nordland wohl kaum bieten durfte -- die Verwandte bitte ich's freundlich anzunehmen.«
Die junge Frau nahm lächelnd das blaue Samtetui entgegen und öffnete es -- da funkelte, leuchtete und blitzte auf weißem Kissen eine Brosche von Brillanten in Form einer graziös geschlungenen Schleife, welche eine Kaiserin geschmückt hätte, so groß waren die Steine, so rein ihr Wasser, so mächtig ihr Feuer, so reizend die Form der Fassung und so wahrhaft fürstlich die Größe des nach einer »Rokoko-Corsage« modellierten Schmuckes. Lolo Falkner stieß einen Schrei der Bewunderung aus, das verwöhnte Fürstenkind war geblendet. In ihrer stürmischen Art fiel sie der Geberin freudestrahlend um den Hals.
»Nein, wie reizend von Ihnen -- von dir! Wir nennen uns doch jetzt ›du,‹ nicht wahr? Ich hab' es ja aber immer gesagt, du bist eine famose, urnette Rübe, Dolores! Nein, diese Diamanten! Selbstgewachsene, was?«
»Wenigstens bei mir in Brasilien teilweise selbstgefunden,« erwiderte Dolores amüsiert, als die weichen, zarten Arme sie freigaben und der kleine rosige Mund einen Moment still stand. Und während die Braut mit ihrem Schatz zu den anderen flog, um ihn zu zeigen und ihn bewundern zu lassen, stand Dolores neben Falkner, stumm, nach dem Worte suchend, das sie ihm sagen sollte.
»Ich wollte, ich hätte am heutigen Tage auch ein gutes Wort von dir mit auf den Weg nehmen können,« sprach er endlich leise.
Da sah sie auf zu ihm mit ihrem klaren, reinen Blick und reichte ihm die Hand.
»Ein Wort, Alfred?« wiederholte sie. »O, ein ganzes, langes Gebet für dein Glück, das hat Gott gehört!«
»Ich danke dir,« sagte er mit einem tiefen Atemzuge, »das wiegt den Wert deiner Gabe für meine -- meine Frau so reichlich auf, weil es unschätzbar ist.«
Das waren die einzigen Worte, welche sie wechselten, denn nach dem Hochzeitsfrühstück reiste das junge Paar sogleich ab.
Prinzeß Alexandra wollte nichts von einer sofortigen Heimkehr Dolores' nach dem Falkenhofe wissen und behielt sie in Nordland zurück bis zu ihrer eigenen Vermählung, welche zehn Tage später mit großem Pomp und der ganzen Entwicklung fürstlicher Etikette stattfand. Als das Jawort am Altar gesprochen war, trat Dolores an die Seite der fürstlichen Braut, welche wunderschön, weil ganz verklärt, aussah, denn in ihrem Patent war sie zur Palastdame der _Großherzogin_ Alexandra ernannt und übernahm mit dem Augenblicke des Ringwechsels auch alle Funktionen ihres Amtes. Daß aller Blicke sich dabei, wie vorher auch, auf sie richteten, war natürlich vermöge ihrer außergewöhnlich schönen Erscheinung, welche heute, umrauscht von der weißen, golddurchwirkten Courschleppe, zur vollsten Geltung kam, und was das =on dit= dabei von ihrem Reichtum, ihren Talenten und ihrer kurzen, siegreichen Künstlerlaufbahn sagte, glich schon einem ganzen Roman, da Frau Fama den Mund dabei recht voll nahm, und die gewohnheitsmäßigen bösen Zungen, welche natürlich »Allerlei« wußten, wurden einfach überstimmt und mußten sich auf eine günstigere Gelegenheit vertrösten, wo sie ihren Tropfen Gift loswerden konnten, der, wenn er auch »leider« keine Aussicht hatte, den moralischen Tod der Begeiferten zu verursachen, doch mindestens einen Flecken oder eine Narbe hinterlassen mußte. Ja, ja --
Die Disteln und die Dornen, die stechen gar sehr, Die falschen, falschen Zungen aber viel, viel mehr! --
Jedenfalls war die demonstrative Freundschaft der nunmehrigen Großherzogin für die junge, interessante Erbherrin vom Falkenhof ein Schild, daran viele der giftigen Pfeile abprallten, denn die Welt verträgt es nun einmal nicht, wenn Schönheit, Reichtum und Genie sich in _einer_ Person, besonders einer weiblichen, vereinen. Und es waren auch vielleicht einige darunter, welche sich einer sehr festen, entschiedenen und unzweideutigen Ablehnung ihrer Huldigungen aus der Zeit erinnerten, da Dolores als Doña Falconieros die Satanella sang -- -- nun war die Gelegenheit vielleicht gekommen, Rache zu nehmen für diese Abweisungen beleidigender Huldigungen, denen eine schutzlose Frau so leicht ausgesetzt ist. Aber wie gesagt, die Stimmen der Verleumdung und hämischer, vieldeutiger Worte verhallten in dem Chor der Bewunderung für die »Brasilianerin,« deren natürliche, ungemachte Würde, deren reiner, stolzer Blick ihrem Siege auf dem glatten Parkett des Hofes einen sehr soliden Hintergrund verlieh, durch das »=noli me tangere=,« welches daraus sprach.
Der Hochzeit wohnte natürlich auch der Freiherr von Falkner mit seiner jungen Frau bei, welche in Rosa mit Silber, die Brillantschleife von Dolores an der Brust, rosa Federn und Brillantsterne im Haar, einen Watteau entzückt hätte durch ihre jugendfrischen Reize, welche sie einem Figürchen von Sèvresbiskuit ähnlich machte, und deren sie sich auch voll bewußt war.
Das sah Falkner, und er sah sie auch mit ihrer Jugendschöne kokettieren. Sein Blick suchte unwillkürlich Dolores, auf welche er einst, befangen von Vorurteilen, als auf eine »Komödiantin« verächtlich herabsehen zu müssen geglaubt und deren von jeder Gefallsucht freies, natürliches Auftreten er nicht nur bemerken und anerkennen, sondern auch bewundern mußte. Da war nicht _ein_ Hauch von Koketterie in ihrem Wesen und war es auch auf der Bühne nicht gewesen, weil es ihrem Charakter fern lag, weil ihr Stolz sich dagegen sträubte, die Bewunderung der Welt durch künstliches Hervorheben und Aufmerksammachen auf ihre Schönheit zu provozieren, aber sie war sich auch bewußt, daß ihre Schönheit siegend war ohne diese Mittel und durch das Unbewußte, Keusche, mit dem sie sich gab. Aber der Blick, mit welchem er hinübersah nach ihr, wie sie im weißen Spitzenkleide, die schimmernde, golddurchwirkte Courschleppe zu ihren Füßen, um den wunderschönen, alabasterweißen Hals eine einzige, schlichte Rivière von Diamanten, einen Halbmond von Diamanten im leuchtenden, wie poliertes Kupfer glänzenden, hochaufgesteckten Haar, am Altar stand neben der knieenden Gestalt der hohen Braut, dieser Blick wurde aufgefangen von der jungen Freifrau und erweckte sofort ein heißes Gefühl von Eifersucht in ihrem jungen Herzen. Und als dann die Trauung vorbei war und alles zur Cour sich begab, da trat sie dicht an ihn heran.
»Du!« sagte sie mit halbem Lachen, aber dem Weinen doch näher, »du, ich sage dir, kokettiere nicht mit der schönen Cousine -- =c'est défendu!=«
»Das weiß ich, kleine Weisheit,« erwiderte er freundlich, »aber selbst wenn ich wollte -- zum Kokettieren gehören meistens zwei!«
»Ja, ist wahr, du bist ihr _riesig_ gleichgültig,« lachte Lolo Falkner nun wirklich. »Natürlich schmeichelt das deiner Eitelkeit nicht, denn ihr Männer seid doch nun einmal reichlich so eitel wie wir!«
»Auch wie du?« fragte er, auf ihren Ton eingehend.
»O, viel eitler,« protestierte sie. »Aber,« setzte sie flüsternd hinzu, alle Dämonen der Schelmerei und Schadenfreude in den lachenden Augen, »aber, wenn du's etwa nicht glauben willst, wie entsetzlich gleichgültig _du_ ihr bist, so will ich dir ein Geheimnis verraten. Ich habe mir nämlich damals in Monrepos eingebildet, daß du Dolores wegen dem Testament des buckligen Freiherrn heiraten würdest, und habe sie deswegen interpelliert.«
»O, Lolo!« seufzte Falkner auf seinen taktlosen kleinen Tollkopf von Frau herab.
»Ja, da hat sie dich mir mit einer Bereitwilligkeit abgetreten, welche stupend war, sage ich dir. Ergo -- du bist _ihr_ ganz Wurscht!« --
Und mit dieser neuesten Errungenschaft zur Vervollständigung ihres Sprachlexikons tanzte sie triumphierend davon. Falkner aber fiel eine Binde von den Augen, er sah klarer in die Vergangenheit und eines der Rätsel dieses stolzen Herzens war gelöst.
»Arme Dolores!«
Im übrigen traten sie sich auch bei dieser Gelegenheit nicht näher, als beim zufälligen Begegnen zur Aufrechterhaltung der äußeren Formen nötig war, und die Welt, welche alles beobachtet, alles sieht, sagte:
»Er kann es nicht verwinden und ihr nicht vergeben, daß nicht er, sondern sie den Falkenhof bekommen hat.«
Und Fragern, welche die einfachste Lösung dieses Erbfolgekriegs in einer Vermählung der Erbin mit dem Enterbten sahen, wurde geheimnisvoll geantwortet:
»Ja sehen Sie - er hat sie nicht gemocht, weil sie doch Opernsängerin gewesen ist. Und sie ist ihm auch zu antipathisch; das kann ja jedes Kind sehen. Rote Haare _sind_ eben auch nicht jedermanns Sache.«
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Am Tage nach der Vermählung der Prinzeß Alexandra hielt der Freiherr von Falkner mit seiner Frau den Einzug in Monrepos, das ihr der Herzog, vollständig eingerichtet, als Morgengabe geschenkt zum Sommeraufenthalt, während Dolores dem großherzoglichen Paare auf einige Tage in dessen Residenz folgte, um dort bei den Einzugsfeierlichkeiten ihres Amtes zu walten -- und so kam es, daß sie erst nach vierzehntägiger Abwesenheit in den Falkenhof zurückkehrte.
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