Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.

Part 8

Chapter 83,690 wordsPublic domain

So stand sie im weißen Kleide, Sonnenlicht in dem schimmernden Goldhaar, wie eine Elfe, seltsam überirdisch zu sehen, und sang ein Lied, dessen weiche Modulation, dessen wie von Schluchzen durchbebte Melodie wunderbar hineinpaßte in das stimmungsvolle Bild. Es war ein italienisches Lied, vielgesungen, weitbekannt, aber hier durchweht von hoher Künstlerschaft, von tiefstem Empfinden, das also hinausklang in den stillen, glockendurchzitterten Abend:

»Ich möchte sterben, wenn die Frühlingslüfte Vom heitern Himmel lau die Erd' durchwehen, Wenn neue Blüten hauchen neue Düfte, Die Schwalben sorgend nach dem Nestlein sehen. Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen -- Da flieht zu Gott die müde Seele wieder, Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen. Doch wenn der Sturm rast und die Blitze flammen, Wenn finstre Wolken durch die Lüfte jagen, Und wirbelnd treibt das welke Laub zusammen, Möcht' ich nicht sterben, nicht hinaus mich wagen. Ich möchte sterben, wenn die Sonne nieder Am Himmel sinkt und schon die Veilchen träumen -- Da flieht zu Gott die müde Seele wieder Zu unbegrenzten, frühlingshellen Räumen.«[1]

[1]: Nach dem Italienischen des L. M. Cognetti von der Verfasserin.

Und wie Falkner stand und dem Liede lauschte, ungesehen von der einsamen Sängerin, da fiel ihm die Zeichnung des Blattes ein, das dem Liede als Umschlag diente, und das er einst drüben in Monrepos gesehen --: vor der untergehenden Sonne, die auf die »träumenden Veilchen« herabblickt, zwei beschwingte Schatten, welche sich zum Kusse zusammenneigen -- --

»=Vorrei morir -- vorrei morir=« -- verklang es wie ein schluchzender Hauch. »Dolores --!« und er stand neben ihr, plötzlich, unerwartet, aber sie erschrak nicht vor seinem schnellen Kommen, sondern sah durch die Lichtung hinein in das Abendsonnengold, als wäre sie allein, wie vorher.

Und es wurde still unter den Blutbuchen am Hexenloch wie in einer Kirche, nur seine tiefen, schweren Atemzüge waren zu hören.

»=Vorrei morir= --« wiederholte er dann leise. »Warum nur möchten _Sie_ sterben, Dolores?«

Da sah sie ihn an, wortlos, aber er schien keiner anderen Antwort zu bedürfen.

»Ich war im Falkenhof und wollte Ihnen Lebewohl sagen, denn ich reise morgen ab,« fuhr er nach einer Pause fort. »Und Prinzeß Alexandra läßt Ihnen sagen, daß Sie zu meiner Hochzeit nach Nordland kommen sollen.«

»Ja,« sagte Dolores mechanisch. Es war ihr erstes Wort.

»Ja,« wiederholte er. »Leben Sie wohl!« Und er reichte ihr die Hand. Als sie die ihre hineinlegte, ohne Druck, wie apathisch, da sprach sie mit seltsam klingender Stimme: »Sie kommen dann vielleicht auch zu meiner Hochzeit.«

Da prallte er zurück, wie getroffen.

»Der Erbprinz!« fuhr es ihm durch den Sinn, daß er den Namen laut aussprach. Sie nickte bejahend.

»Und Sie haben ›Ja‹ gesagt,« fragte er.

»Noch nicht,« erwiderte sie, »aber ich werde es wohl thun. Es ist das beste. Denn er ist ein guter, edler Mensch.«

»Und trotzdem singen Sie's in die Welt hinaus, daß Sie sterben möchten?« fragte er wieder, und als sie darauf keine Antwort hatte, fuhr er, dicht an sie herantretend, fort: »Wenn ich das noch sagen wollte, _ich_, Dolores! Ich, der ich ein namenloses Glück in blindem Wahn, in unsinniger Verblendung von mir stieß, eine königliche Lilie in den Staub trat und dafür ein Flatterröslein erwarb! Und dieses Glück war mir so nahe gelegt, und, meinen Sie nicht, daß es mir gelungen wäre, es zu erwerben?«

Doch statt zu antworten, wendete sie das schöne Haupt ab von ihm und sah wieder hinein in das Abendrot, das zu rosigen und violetten Tönen zu verblassen begann.

»Dolores,« sagte er leise, und sich zu ihr hinneigend, »Dolores, nur _ein_ Wort sagen Sie mir! Hätte ich mein Glück erringen können, oder war es zu hoch für mich?«

»_Zu hoch_ ist nichts für menschliches Wünschen,« antwortete sie, ohne ihn anzusehen, und als er mit leisem Ausruf bis dicht vor sie hintrat, fuhr sie mit seltsamem Schwanken in der Stimme fort: »Aber jetzt ist es _zu spät_.«

»Zu spät!« wiederholte er stöhnend. »Nun denn, wenn es zu spät ist, so leben Sie wohl, Dolores!«

»Leben Sie wohl, Alfred,« kam es mit erstickter Stimme zurück.

»Nein,« sagte er heftig, »nein, so gehe ich nicht! Ich muß etwas mitnehmen für diese Reise durchs Leben, etwas, das mich stärkt, wonach mich hungert und dürstet zugleich. Sie müssen mich noch einmal ansehen --!«

Da wendete sie den ernsten, umschleierten Blick zu ihm zurück und sah ihm in die Augen, wortlos zwar, aber ein leises Rot stieg in ihre blassen Wangen dabei, und dann senkte sie das blonde Haupt und ein leises, unterdrücktes Schluchzen durchbebte ihren Körper.

Da legte Falkner seinen Arm um sie und zog sie an seine Brust, und so ruhte sie einen kurzen, seligen Augenblick lang.

»Dolores, ich liebe dich von ganzem Herzen,« flüsterte er zu ihr herab, »und nun weiß ich's, daß auch du mich liebst!«

»Ja,« antwortete sie einfach -- was aber lag alles in diesem kurzen, schlichten »Ja.« Und dann machte sie sich frei aus seinen Armen. »Du mußt jetzt gehen,« sagte sie, »denn die Sonne ist untergegangen, und es ist spät geworden -- zu spät!«

Da sagte er gehorsam: »Lebewohl,« doch ehe er ging, nahm er einen Zweig der Blutbuche, den sie vorhin abgebrochen hatte, aus ihrer Hand, küßte ihn, und sprach: »Laß es mir als einziges, was mir von dir bleiben darf --:

Dies Blatt aus sommerlichen Tagen, Ich nahm es so im Wandern mit, Auf daß es einst mir möge sagen Wie süß die Nachtigall geschlagen, Wie grün der Wald, den ich durchschritt.«

Und dann ging er, ohne sich umzuwenden, und sie sah ihm nach mit umflortem Blick, wie er der Lichtung zuschritt, dem verblassenden Abendrot entgegen, und seine Gestalt zeichnete sich hoch und gebietend ab auf dem goldenen Grunde des scheidenden Lichtes, denn unter den Bäumen war es ganz dunkel geworden, dunkler noch auf den trägen Wassern des Hexenloches, auf welchem weiße Nymphäen blühten wie verlorene Sterne am dunkel umwölkten Nachthimmel.

Und da war es ihr, als ob eine Hand sie herandrängte hart an den Rand des Tümpels, und ehe sie noch erschrocken Widerstand leisten oder sich umsehen konnte, verlor ihr Fuß den Halt, mit einem lauten Aufschrei stürzte sie das graue Ufer hinab und die schwarzen Wellen des Hexenloches schlugen über ihr zusammen -- -- -- --

Doch einer hörte den Schrei -- Falkner -- und sich blitzschnell umwendend, sah er eben noch die weiße Gestalt in dem unheimlichen Tümpel verschwinden.

Entsetzt, aber ohne einen Moment zu verlieren, kehrte er im raschesten Laufe zurück, und wie er das Hexenloch erreichte, sah er sie wieder emportauchen in ihrem Kleide, gehoben von den, der Sage nach unergründlich tiefen Fluten, kämpfend, ringend mit dem nahen Tode.

Und er rang mit dem Allbesieger um dies junge Leben, lautlos in der tiefen Dämmerung suchte er dem Strudel, dessen Wirbeln und Gurgeln dem Hexenloche die einzige Bewegung gab, sein Opfer zu entreißen, und obwohl ein tüchtiger Schwimmer, mußte er doch hart und verzweifelt kämpfen, um sich mit seiner Last, die, sich an seinen Hals klammernd, jetzt das Bewußtsein verlor, aus dem verderblichen Wirbel herauszuarbeiten. Aber er siegte, trotz aller Schwierigkeiten, über den Tod, der seine Runen schon in das blasse, schöne Gesicht seines Opfers gezeichnet hatte, und atemlos, erschöpft fast, stieg er endlich ans Ufer und legte Dolores sanft auf den grünen Rasen. Im ersten Augenblick, als er nur undeutlich ihre Züge in dem schwachen, verglimmenden Lichte unter den hohen Bäumen unterscheiden konnte, und vergeblich auf einen Atemzug lauschte, da glaubte er sie tot, und ein wilder, unsäglicher Schmerz ergriff ihn, daß er ihren leblosen Körper wieder emporrichtete, an seine Brust ihr todblasses Haupt legte und ihre kalten Lippen küßte, als könnte er ihr mit seinem Atem wieder das entflohene Leben einhauchen. Und da that sie einen tiefen, tiefen Atemzug und schlug die Augen auf.

»O, _du_ hast mich gerettet?!« murmelte sie matt, wie schlafbefangen. Doch nun ließ er sie nicht ruhen. Er rieb ihre kalten Hände, und strich ihr das nasse Haar aus der Stirn, und richtete sie endlich völlig empor.

»Fühlst du dich stark genug, nach dem Falkenhof zu gehen?« fragte er liebevoll, »sonst mußt du hier bleiben, bis ich Leute hole, die dich ins Haus tragen helfen, denn es ist ein weiter Weg für dich!«

»Nein, nein, nicht hierbleiben,« erwiderte sie, mit leisem Schauer hinüberblickend nach dem Hexenloch, das wieder ruhig und unbewegt dalag, als hätte ein Mensch nicht eben noch in ihm um sein Leben gekämpft und gerungen. »Ich bin ganz stark und erholt und kann sehr gut gehen --«

Aber es ging doch noch ein wenig schwach und matt, woran die nassen Kleider viel schuld hatten, die Nervenerschütterung und die Erschöpfung aber noch mehr. Falkner stützte und trug sie halb, und so gingen sie langsam auf dem kürzesten Wege nach dem Falkenhofe zurück, und wenn sie, blasser und blasser werdend, einhielt im Gehen, da legte er sanft ihren Kopf an seine Schulter und strich ihr ebenso sanft über Stirn und Haar.

»Warum bin ich nicht lieber gestorben?« fragte sie einmal und faltete die Hände.

»Es hing an _einem_ Haare!« erwiderte er ernst. »Aber es scheint, du sollst noch leben!«

Und langsam weiterschreitend, fragte er sie, wie es gekommen, denn im ersten jähen Schrecken hatte er geglaubt, sie habe selbst den Tod gesucht.

»O nein,« erwiderte sie stolz, »Selbstmord ist eine Feigheit, und ich habe sogar den Mut zum Leben.«

»Daran erkenn' ich meine _stolze_ Dolores,« sagte er bewundernd, und als sie mit einem halben Lächeln zu ihm emporsah mit ihren großen, dunkeln Augen, die jetzt einen so ganz anderen, weichen Ausdruck hatten, da setzte er hinzu: »Denn die stolze Dolores war bewunderungswürdig und schön -- die demütige Dolores aber ist noch tausendmal schöner.«

Da senkte sie, matt errötend, den Blick wieder zu Boden.

»Nein,« sagte sie nach einer Pause, »nein, es war nicht mein Wille, das Hexenloch zu meinem Grabe zu machen. Ich weiß auch nicht mehr, wie es kam -- ich muß durch einen unbedachten Schritt ausgeglitten sein, und wenn es nicht einfach unmöglich wäre, es zu behaupten, so würde ich sagen, ich hatte das Gefühl, als hätte mich irgend etwas _hinabgestoßen_.«

»Vielleicht hat das plötzliche Ausgleiten und die damit verbundene Erschütterung das Gefühl erzeugt,« meinte er.

»So wird, so muß es sein,« sagte sie matt.

Endlich kamen sie zum Falkenhof, der im matten Dämmerlicht, im letzten Schimmer des geschiedenen Tages dalag, ruhig und friedlich, und großartig. Vor der Terrasse unten stand Doktor Ruß und schnitt mit seinem Taschenmesser welke Blätter von einem Rosenbaum, doch schien er die Schwüle des zur Rüste gegangenen Tages noch nicht überwunden zu haben, denn er mußte sein Geschäft oft unterbrechen, um seine Stirn mit dem Taschentuch zu trocknen, ja der sonst so kühle, blasse Mann war rot und erhitzt, als wäre er überrasch gegangen. Da er mit dem Rücken gegen den Park stand, so sah er das Paar auch nicht, das über das weiche =bowling-green= quer geschritten kam, und wandte sich erst um, als er die Stimme seines Stiefsohnes hörte, der Dolores eben sagte, daß er sie bis nach oben führen würde. Überrascht, Falkner heut' Abend nochmals hier zu sehen, wandte Doktor Ruß sich um, und fuhr bei dem Anblick der totenblassen, von ihren schweren, nassen Kleidern umhüllten Dolores so heftig zurück, daß ihm das Messer abglitt und tief in seine Hand fuhr.

»Herr des Himmels, was ist geschehen?« preßte er, blasser als Dolores selbst, hervor.

Doch diese lächelte. »Ich habe die Hexenprobe im Hexenloch bestanden,« sagte sie scherzend. »Das heißt,« fuhr sie sich verbessernd fort, »ich habe bewiesen, daß ich keine Hexe bin, denn ich wäre entschieden untergesunken, wenn Alfred mich nicht herausgeholt hätte, was ihm schwer genug gefallen ist.«

»Aber, um alles in der Welt, wie kam es denn, daß Sie in den gefährlichen Tümpel fielen?« forschte Doktor Ruß weiter, das Taschentuch um seine blutende Hand wickelnd.

»Mir war's, als hätte mich jemand, der nicht da war, hineingestoßen,« erwiderte sie, immer im scherzenden Tone, »aber das ist nur die sensationelle Lesart -- die richtige ist leider, daß ich einfach ausgeglitten bin und das Gleichgewicht verloren habe, was einem zuweilen passieren soll,« fügte sie mit einem matten Abglanz früherer Schelmerei hinzu.

»Du bist dem sicheren Tode nur durch den Umstand entronnen, daß ich noch nahe genug war, deinen Schrei zu hören und zu Hilfe zu eilen,« sagte Falkner ernst. »Aber zu Erklärungen ist jetzt keine Zeit, denn vor allem mußt du die Kleider wechseln und sofort zur Ruhe gehen, damit das Nachspiel dieses Falles nicht tragischer endet, als dieser selbst.«

»Gewiß -- so schnell wie möglich zu Bette, liebe Dolores,« redete nun Doktor Ruß auch zu; »doch auch du, Alfred, mußt dich hier umkleiden. Ich gehe, Ihnen aus meiner Apotheke ein Vademekum gegen Erkältung zu holen!« -- Damit eilte er hinein, und Falkner führte Dolores ins Haus und bis vor ihre Zimmer. Dort wollte sie ihm danken, aber er ließ es nicht zu.

»Daß deine Rettung mir gelang, war ja keine Heldenthat, sondern barer Egoismus,« meinte er, und verließ sie so schnell, daß sie ihm eben nur noch ein halb ersticktes »Lebewohl« zurufen konnte.

In Kleidern von Doktor Ruß, die ihm zur Not paßten, langte Falkner erst spät in Monrepos an, begrüßt von besorgten Fragen seines späten Kommens wegen, das man natürlich einem besonderen Ereignis zuschrieb. Nur Prinzeß Lolo, welche sich in Zorn und Ungeduld über das lange, unentschuldigte Ausbleiben ihres Verlobten in Wein- und Schreikrämpfe versetzt hatte, wollte von triftigen Gründen nichts wissen, und beruhigte sich erst, als Falkner nach diversen, sehr geduldigen Versuchen, sie zur Vernunft zu bringen, sich kurz auf dem Absatz umdrehte und das Zimmer verlassen wollte. Da hörte das Schluchzen und Schreien wie mit einem Zauberschlage auf, und derselbe Mund, der eben noch verzerrt und zuckend geschrieen hatte, wie ein eigensinniges Kind, er lachte hell auf und fragte:

»Aber wie siehst du denn aus? Dein Rock schlägt ja auf dem Rücken eine Wasserfalte.«

»Weinen und Lachen steckt in einem Sacke,« murmelte der Herzog, dessen Autorität sich diesem Kinde gegenüber wieder als machtlos bewiesen, während die Bitten der Prinzeß Alexandra um Mäßigung die Sache entschieden verschlimmert hatte.

Falkner wandte sich auf die Anrede seiner Braut um, heißen Zorn im Antlitz, aber äußerlich sehr ruhig und beherrscht.

»Ich werde dir den Rock, der einen so wohlthätigen Einfluß auf deine Stimmung hat, schenken,« sagte er nicht ohne Schärfe, welche dem Erbprinzen, den das Benehmen seiner Schwester unsäglich reizte und empörte, viel zu schwach und »bräutigamhaft« erschien. »Vielleicht,« fuhr er nicht ohne Galgenhumor fort, »vielleicht ist die Wasserfalte eine natürliche Folge davon, daß ein Sprung ins Wasser mein spätes Kommen verschuldet hat.«

Und nun berichtete er kurz von dem Unfall, der Dolores betroffen, bei größter Anteilnahme der herzoglichen Familie, welche seinem von ihm nur flüchtig berührten Rettungswerke die wärmste Bewunderung spendete.

»Da hättest du denn bei dem Herausfischen deiner Cousine selbst ertrinken können?« fragte Prinzeß Lolo, welche bis dahin mit großen Augen zugehört.

»Es gehört ein harter Kampf dazu, dort das eigene Leben zu retten, geschweige denn das anderer,« sagte der Erbprinz, welchen die Gefahr, in welcher Dolores geschwebt, aufs Tiefste erschüttert hatte.

»Dann war es schlecht von dir, hinein zu springen,« rief Prinzeß Lolo außer sich, »du hast kein Recht dazu, dich für andere in Gefahr zu begeben, du gehörst _mir_!«

»Lolo!« mahnte Prinzeß Alexandra empört, »vergiß nicht, was der Dichter sagt:

Ein braver Mann denkt an sich selbst zuletzt, Vertraut auf Gott und rettet die Bedrängten.

Und Falkner hat sich als ›ein braver Mann‹ gezeigt! Muß dich das nicht mit Stolz erfüllen? Die einzige Entschuldigung für dich ist, daß dieser empörende Egoismus nur ein Ausbruch deiner nachträglichen und gerechtfertigten Angst um sein Leben war!«

»Ratteltatteltattel!« äffte die kleine Durchlaucht blitzenden Auges ihrer Schwester nach. »Was ihr nicht immer über mir zu meistern habt! Ich habe mir gar nichts anderes gedacht, als ich gesagt habe, und bleibe dabei, daß Alfred gar nicht das Recht hat, sich in Gefahr zu begeben. Was hast du überhaupt mit Dolores Falkner abends am Hexenloch zu thun?« setzte sie eifersüchtig hinzu.

Falkner wollte diesen unbewußt gerechtfertigten Ausbruch mit Stillschweigen übergehen und unbeantwortet lassen, aber ein forschender Blick des Erbprinzen schien ihm dieselbe Frage vorzulegen. Er antwortete daher, was die reine Wahrheit war:

»Ich wollte auf dem Wege über das Hexenloch nach Monrepos zurückkehren und traf sie dort an. Der Unfall ereignete sich erst, als ich schon im Weitergehen war -- glücklicherweise nicht weit genug, um noch helfen zu können.«

»Glücklicherweise!« höhnte Prinzeß Lolo mit so eigenem Ausdruck, daß Falkner auffuhr, sich aber beherrschte und von dem Herzog die Erlaubnis ausbat, sich zurückziehen zu dürfen, da das lange Tragen der nassen Kleider ihm ein gewisses Gefühl des Unbehagens verursacht habe. Als er seiner Verlobten aber Gute Nacht sagte, hatte diese schon die Reue erfaßt.

»Sei nicht böse,« flüsterte sie, »es war ja nur, weil ich eifersüchtig auf dich bin! Ich werde mir heut' Nacht noch die Augen ausweinen in dem Gedanken an die Gefahr, in der du geschwebt -- und weil ich dich geärgert habe. Aber du darfst wirklich nicht böse sein!«

Er küßte ihr die kleine, rosige Hand und ging -- schuldbewußt, elend und glücklich zugleich, denn er war sich einer Untreue gegen seine Verlobte bewußt, welche nur strengste Buße, absolutes, unbedingtes Entsagen zu sühnen vermochte vor dem Richterstuhl seines eigenen unbeugsamen, strengen Gewissens, das selbst seinen Schmerz um ein verscherztes Glück und seinen Unwillen gegen die Ungezogenheiten seiner Braut nicht freisprechen wollte. Und was er sich der Stimme seines Gewissens gegenüber heut' Abend gelobte, er wußte, er würde es halten, und er wußte, daß Dolores es achten würde.

Die herzogliche Familie schickte am selben Abend noch nach dem Falkenhof einen Boten, der sich nach dem Befinden der Baroneß erkundigen sollte und die Nachricht zurückbrachte, daß sie ruhig und fest schlafe.

Und in der That schlief Dolores ruhig und fest, erschöpft von ihrem Kampfe mit den schrecklichen Wassern, bewacht von der alten treuen Tereza, welche die Nacht nicht von dem Bette der Herrin wich. Diese aber träumte, sie flöge durch einen weiten, weiten Raum, unten aber stand Falkner mit ausgebreiteten Armen sie aufzufangen, doch ein Windstoß riß sie dahin, bis sie in den Wolken verschwand und nichts mehr sah. Plötzlich aber zerrissen die Wolken wie ein Vorhang, und einer =Laterna magica= gleich zog die Scene am Hexenloch noch einmal an ihr vorüber, nur anders in einzelnen Dingen, und wie sie das Wasser über sich zusammenschlagen sah auf dem Bilde in den Wolken, da wachte sie auf und wußte, sie hatte das schon einmal geträumt -- --

Geträumt _und_ erlebt?

Doch ihr Geist war allzu schlafbefangen, um darüber grübeln zu können, und als sie die Augen wieder schloß, glaubte sie es neben ihrem Bette rauschen zu hören wie von seidenen Kleidern, und als sie die Augen deshalb wieder mühsam öffnete, sah sie die Ahnfrau Dolorosa über sich gebeugt.

»Das war der zweite Traum, den ich dir gezeigt,« meinte sie es flüstern zu hören. »Denk' an die beiden anderen Traumbilder und hüte dich!«

Da fuhr sie hoch empor aus ihren Kissen -- es war niemand zu sehen.

»Tereza, war jemand hier?« fragte sie die sich besorgt über sie beugende Dienerin.

»Verzeihe, Herrin -- ich war eingeschlafen,« sagte diese, »da hat mir geträumt, es kam eine schöne, fremdartig gekleidete Dame herein und ging an dein Bett, und ich hörte sie mit dir flüstern. Und wenn es nicht ein Traum sein müßte, weil doch niemand hier ist, so würde ich schwören, ich hätte sie mit eigenen Augen gesehen!«

»Es war doch nur ein Traum,« dachte Dolores und schlief wieder ein.

* * * * *

Doch noch ein anderer hatte im Falkenhof unruhige Träume -- das war der Doktor Ruß, und wenn er auch dabei fast ununterbrochen schlief, so störte er doch seine Frau durch sein lautes Sprechen im Schlafe, und ihre Müdigkeit wich vollends, als sie ihren Gatten öfters den Namen »Dolores« aussprechen hörte. Wilde, wahnsinnige Eifersucht ergriff das Herz der alternden Frau, und mit der Freude der Selbstqual, mit dem Verlangen jener Leidenschaft, »welche mit Eifer sucht, was Leiden schafft,« opferte sie gern den eigenen Schlaf, um aus den abgerissenen Worten und Sätzen ihres sich unruhig hin- und herwerfenden Mannes einen Zusammenhang herauszufinden, aus dem sie mit wilder Freude neue Qualen herausdüfteln konnte für ihr altes Herz, das in seiner eisigen Hülle in dem einen Punkt schlug wie vor dreißig Jahren, als der selige Freiherr von Falkner, ihr erster Gatte, ihr noch Grund gab zur Eifersucht.

Aber die Ausbeute dieser Nacht war nur gering, denn alles, was sie erlauschte und verstand, drehte sich unablässig um drei Dinge: »Dolores -- zum zweitenmal gerettet -- wer hätte gedacht, daß sie schreien würde. --« -- -- --

Daraus konnte sie sich keinen Vers machen.

* * * * *

Der Haushalt in Monrepos wurde einige Tage nach dem Unfall am Hexenloch aufgelöst, und die herzogliche Familie nahm herzlichen und warmen Abschied von Dolores, welche das Versprechen geben mußte, den Hochzeiten in Nordland beizuwohnen -- ersterer als Verwandte des Bräutigams, letzterer als Freundin und Palastdame der künftigen Großherzogin Alexandra, welche ihr versprach, das Patent rechtzeitig von ihrem hohen Verlobten zu erbitten. Dolores war tief bewegt von soviel Güte und wahrhaft tiefe Herzensbildung verratendem Entgegenkommen, doch Prinzeß Alexandra, welche ihr etwas altjüngferliches Wesen mit einem Schlage abgeworfen zu haben schien, wollte davon nichts einräumen, sondern schob alles auf die glänzenden äußeren und inneren Eigenschaften der einst so angezweifelten Herrin vom Falkenhof, welche das Vorurteil so rasch besiegt und gründlich ausgerottet hatte, das man gegen sie gehegt. Und als dann Dolores versicherte, dieser Sieg sei der schönste ihres Lebens, und sie fühle sich so hoch erhoben und beglückt durch die Freundschaft der hohen Frau, daß es wahrlich nicht noch jenes vielbeneideten und heißersehnten Titels einer Palastdame bedürfe, um ihr das kostbare Gut dieser Freundschaft gewissermaßen auf dem Wege eines Gnadenaktes verbrieft und versiegelt zuzusichern, da sagte Prinzeß Alexandra mit jenem feinen Takt und jener seltenen Gabe, welche ein Geschenk wert macht durch die Absicht:

»Nein, liebe Dolores, Ihre Ernennung soll auch kein Gnadenakt sein, keine sogenannte Rehabilitierung als Lehnsherrin vom Falkenhof nach Ihrer Bühnenlaufbahn, am allerwenigsten aber ein leerer Schall -- aber ich will's Ihnen bekennen, was ich dabei im Auge habe. Sie würden in Ihrer Bescheidenheit von selbst ja doch nicht kommen, mich aufzusuchen, Sie würden sogar eine Einladung ablehnen aus demselben Motiv -- aber Sie müssen kommen, wenn Ihr Amt Sie ruft, bei besonderen Gelegenheiten Dienst zu thun bei mir. Sie sehen also, daß Ihr Patent nur mein Anrecht an Sie verbriefen und den schnödesten selbstsüchtigsten Motiven dienen soll.«

Was konnte Dolores thun dieser herzgewinnenden Art, zu geben, gegenüber? Sie konnte nur geben, was so geboten wurde, und daß es ein warmes Gefühl im eigenen Herzen verursachte, war eine ganz natürliche Folge.