Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 5
Daneben gestaltete sich der Verkehr zwischen Monrepos und dem Falkenhofe immer nachbarlicher und freundschaftlicher, denn der Umstand, daß Prinzeß Sascha sich mehr und mehr zu Dolores hingezogen fühlte und auch der Erbprinz sich sehr wohl in ihrer Gesellschaft befand und dieselbe häufig auch suchte, ließ viel von den Schranken fallen, welche die Etikette sonst aufrichten mußte. Aber die fürstliche Familie kannte in der Sommerfrische keinen Etikettenzwang, von dem sie im Winter noch genug verspürte, denn gewöhnlich werden die starren Gesetze aus dem Codex der Etikette an kleinen Höfen viel strenger und verschärfter befolgt, als an großen Hoflagern -- wahrscheinlich ist der Grund dafür der, daß man fürchtet, der heilsame »Zug,« der das eintönige Leben zusammenhält, möchte bei milderer Anwendung nach und nach einschlafen und der »Hof« zu einem einfachen adeligen Haushalt herabsinken. Aber zu Monrepos war man, wie gesagt, nur Gutsnachbar, nicht regierender Herr, um so mehr und um so lieber, als Schloß und Gut auf fremdem Boden lagen. Im Bunde die Dritten waren oft Graf und Gräfin Schinga, und wenn ersterem auch, wie er daheim unverblümt versicherte, die Leute in Monrepos und Falkenhof zu »gebildet waren,« »ihm zu viel auf dem Flügel droschen, grölten und sogenanntes ästhetisches Blech quasselten,« so fühlte er sich doch, wie er sich allein gestand, »kolossal gekratzt,« in ihrem exklusiven Kreise, der sich über ihn amüsierte, ein ständiges Glied zu sein. Dabei versicherte er seiner Frau unverblümt und mit naivster Offenheit, daß er in das »prachtvolle Weib,« Dolores Falkner, bis über die Ohren »verschossen« sei und ihr »riesig die Cour schneiden« müsse. Die Gräfin rührte dies Bekenntnis nicht weiter, geschweige denn, daß es sie eifersüchtig machte, denn da ihr Gehirn entschieden ausgebildeter war, als das ihres Gatten, Eifersucht außerdem ein Luxus war, den ihre Ehe nicht kannte, und Dolores ihr sympathisch war, so nahm sie des Grafen in Hyperbeln sich bewegenden Enthusiasmus so kühl hin, wie alles andere von ihm. Dolores hingegen bat recht oft um den Besuch der Arnsdorfer Herrschaften, erklärte der Gräfin aber die positive Unmöglichkeit, zu ihr kommen zu können wegen der Schlangen. Gleichmütig wie alles und absolut erhaben über die Kleinlichkeiten eines Kerbholzes über abgestattete und abzustattende Besuche nahm Gräfin Schinga auch diese Erklärung auf, versprach recht oft von selbst zu kommen und nahm Dolores den angegebenen Grund gar nicht übel.
»Ich begreife nur nicht, wie Sie mit dieser Aversion gegen Schlangen in Brasilien existieren können,« meinte sie, und Dolores gestand, daß ihr diese exotische Landplage den Aufenthalt im Heimatlande ihrer Mutter allerdings unerträglich machen würde.
Das freundnachbarliche Verhältnis zwischen Falkenhof und Arnsdorf wurde aber noch durch den Umstand besiegelt, daß Dolores den berühmten Pony des Grafen Schinga kaufte und einen Preis dafür zahlte, für welchen sie ein Vollblutpferd erster Klasse erhalten hätte.
»Dreitausend Mark für diesen Ziegenbock, welcher rohrt, Gallen hat und am Hahnentritt leidet!« schrie Engels, als er die Anweisung zur Auszahlung erhielt. »Nicht dreihundert ist dieses Biest wert! Und außerdem alt wie Methusalem. Das ist ja niederträchtiger Betrug!«
Aber Dolores lachte.
»Das weiß ich ja alles, lieber Engels,« sagte sie sehr heiter. »Aber Sie wissen, das Pferd ist Graf Schingas Tollpunkt und für gute Beziehungen mit den lieben Nachbarn kann man schon 'mal etwas ausgeben.«
»Ja, wenn Sie sich noch in den Reichstag, oder ins Abgeordnetenhaus wählen lassen wollten, aber so --!« Und Engels zuckte mit den Achseln und erklärte Dolores innerlich für »meschugge.«
Und doch wußte sie, was sie mit diesem lächerlichen Kaufe that, denn auch sie war, wie alle Welt, von den derangierten Verhältnissen des Grafen unterrichtet, sowie von seiner dadurch bedingten, krampfhaft und chronisch gewordenen Eigentümlichkeit, alle Welt anzuborgen (pumpen nannte er selbst diesen Vorgang). Um diesen unvermeidlichen Akt in eine andere Form zu kleiden und ihm zuvorzukommen, proponierte Dolores dem Grafen den Kauf der Schindmähre und bat ihn, den Preis selbst zu fixieren. Da nun Graf Schinga überzeugt war, daß Dolores versuchen würde, von der genannten Summe nach dem Grundsatze: »Sagt er zwölfe, meint er zehne, will er acht haben -- sechs ist's wert, vier möcht' ich geben, biet' ich zwei« -- einen beträchtlichen Teil abzuhandeln, so nahm er den Mund gleich ordentlich voll und forderte den exorbitanten Preis, der Engels in helle Wut versetzt hatte. Aber Graf Schinga blieb einfach der Mund offen stehen, als Dolores sich, ohne zu zucken, mit der Summe einverstanden erklärte -- er fuchtelte mit den langen Armen umher, schlug sich auf die Kniee, daß es knallte und -- schämte sich eigentlich »kolossal.«
»Nee, nee!« schrie er endlich, »das geht nicht! Soviel können Sie dafür nicht geben!«
»Doch,« erklärte Dolores etwas von oben herab. »Sonst müßte ich ja glauben, daß Sie mich hätten übervorteilen wollen.«
Darauf wurde Graf Schinga ordentlich rot, denn seinen »Schmu« hatte er ja machen wollen, das »stimmte wie Apfelkuchen mit Schlagsahne,« und wenn er sich nicht bloßstellen wollte, mußte er dies Geld einfach nehmen. Und er nahm es auch. Dolores aber hatte dadurch wirklich den gefürchteten Borg verhindert, denn nach diesem Kauf noch damit zu kommen -- das that selbst ein Graf Schinga nicht.
Aber er that etwas anderes mit dem Gelde -- er erklärte, davon eine »kolossal noble Gesellschaft, das reine Katzenschießen« geben zu wollen. Er fuhr also zum Zweck der nötigen Einkäufe nach Berlin, verspielte dort zwei Drittel des Geldes, vergeudete von dem übrig gebliebenen die Hälfte und kam dann mit einem Riesenkater, sowohl physischem als moralischem, nach Hause. Der erstere hielt aber bedeutend länger vor.
Jedenfalls waren das Resultat dieser Kunstreise Einladungen auf steifstem Kartonpapier, welche im »Triangel« versendet wurden, und nach deren Tenor Graf und Gräfin Schinga sich die Ehre gaben, zur Soiree -- u. s. w. u. s. w. ganz ergebenst einzuladen. Auf der an Dolores adressierten Karte hatte die Gräfin in Parenthese bemerkt, daß die Schlangen für diesen Abend in einem verschlossenen Kasten beim Inspektor aufbewahrt werden würden, und Graf Schinga hatte in seiner unbehilflichen Sextanerhand dazugeschrieben: »Sagen Sie um Gottes willen diesen sauren Mops nicht ab -- es giebt Hummern und kein solch verächtliches Zeug, wie deutschen Sekt, sondern Röderer =carte blanche=.«
Dolores lachte Thränen über diese vorgehaltene Lockspeise, aber Engels, der gerade dabei war, als die Einladung ankam, sagte wütend:
»Das ist _Ihr_ Geld.«
»Ei behüte, wir haben ja das Pferd dafür,« erwiderte Dolores, und sagte dann ernster: »Hören Sie, Engels, ich habe schon daran gedacht, Arnsdorf zu kaufen. Was meinen Sie dazu?«
»Wenn Sie's so billig kriegen können, wie das Pferd --«
»Ah, das war ein Extravergnügen.«
»Na, warten wir damit, bis es subhastiert wird, dann ist's ja am Ende keine so üble Erwerbung,« schlug Engels vor, und Dolores beugte sich gern seiner besseren Einsicht und Erfahrenheit.
Natürlich war das Fest bei Schingas ein glänzendes Unikum. Abgesehen von der schäbigen Eleganz der Einrichtung des wackeligen Arnsdorfer Herrensitzes, abgesehen auch von dem Umstande, daß das Abstäuben selbst an diesem Tage als rein äußerlich für unnötig befunden ward, brachte der Abend nur Überraschungen, wie alte Kochtöpfe als Sektkühler neben den schwersten Silberschüsseln, verbogene Hornmesser neben prachtvollen Bestecks, und in den herrlichen Damasttafeltüchern Mäuselöcher und Messerschnitte. Daß die berühmten Hummern unaufgeschlagen erschienen, soll nur nebenbei erwähnt werden, da es schon in größeren Häusern ähnlich passiert sein soll, aber daß die kleinen Rosinen im Apfelmus sich als schnöde darin ertrunkene Fliegen erwiesen, als man der Sache auf den Grund ging, war doch schon eine stärkere Zumutung, die allein die Spitze verlor durch den unleugbaren Umstand, daß alles mit dem freundlichsten Gesicht von der Welt gegeben ward und die Wirte selbst ersichtlich ahnungslos darüber waren, daß es bei ihnen so ganz anders war, als sonstwo.
Prinzeß Lolo wollte sterben vor Lachen über alles was sie sah und genoß, oder vielmehr genießen sollte, denn es war wirklich nicht alles dafür geeignet, und Falkner hatte alle Mühe, laute Lachsalven und leise sein sollende Bemerkungen seiner übermütigen Braut durch Bitten zu dämpfen oder im Sinne von »Europens übertünchter Höflichkeit« auszulegen, denn wenn jemand uns etwas bietet mit der ersichtlichen Überzeugung, sein Bestes gethan zu haben, und wäre dieses Beste auch wirklich mehr außergewöhnlich und grotesk als unseren Lachmuskeln zuträglich ist, so haben wir immer noch nicht das Recht, den Geber ins Gesicht zu verhöhnen, selbst wenn wir die löbliche Absicht haben, ihn hinter seinem Rücken lächerlich zu machen. Im Grunde genommen ist eins so jammervoll wie das andere, aber obgleich das erstere noch wenigstens Mut bezeugt, so ist es doch peinlich für den Dritten, und so erging's Falkner auch bei den rücksichtslosen Heiterkeitsausbrüchen seiner kleinen Braut, und aus dem peinlichen Gefühl wurde heller Ärger, als er sah, wie sie sich, eines besseren Publikums sicher, an Dolores wandte, und diese, errötend über die taktlos lauten Witzeleien, auf dieselben nicht nur nicht einging, sondern sie sogar sehr kühl und entschieden ablehnte. Obgleich der herrschende Ton dieses Festes zwanglos und heiter war, so atmete Falkner doch auf, als die Wagen von Monrepos vorfuhren und der Abend damit ein Ende nahm. Und beim »Gute Nacht,« als Dolores ihm freundlich die Hand reichte, sagte er ihr: »Wenn Sie wüßten, wie oft ich Ihnen schon im Herzen abgebeten habe --«
»Aber wir haben ja abgemacht, am Vergangenen nicht mehr zu rühren,« sagte sie lächelnd und mit bittendem Blick.
»Ich meine ja nur so, Cousine, weil Sie meine Braut heut' vor ihrem Übermut bewahrt haben. Ich habe es wohl beobachtet.«
»O, das wird niemand scharf auffassen,« entgegnete Dolores, »denn Prinzeß Eleonore ist noch so jung, so voll von Lustigkeit --«
»Und Sie schon so alt und gesetzt!« erwiderte er scherzend.
Da lachte sie doch, trotz ihrer Bemühung, die Mißstimmung Falkners zu besänftigen.
»Vier Jahre Unterschied machen viel bei einer Frau,« meinte sie dann weise, »und außerdem,« fuhr sie ernster fort, »außerdem habe ich so etwas wie eine Schule des Lebens durchgemacht.«
»Ich wollte, Lolo hatte auch ein paar Klassen dieser Schule hinter sich,« murmelte Falkner. Er war ernstlich mißgestimmt, denn das Benehmen seiner Braut dünkte ihm weniger kindliche Lustigkeit als Mangel an Herz und Gemüt, und wenn ein Bräutigam das findet, so ist es ein schlimmes Zeichen für die künftige Ehe.
Dasselbe dachte Dolores auch, als sie, selbst kutschierend, durch die warme, sternenhelle Nacht nach Hause fuhr, und sie freute sich nur, daß er nicht dabei gewesen und es nicht gesehen, wie Prinzeß Lolo die Gräfin Schinga so lange gequält, bis diese ihre Schlangen holen ließ und um die Arme legte, und die Ahnungslose dann mit hellem Gelächter auf die vor Abscheu blasse Dolores zustieß, daß die kalten, glatten Leiber der ekelhaften Reptile sie berührten und das eine derselben zischend und züngelnd auf sie losfuhr. Diesen »Scherz« nannte sie ihrerseits nun wieder mit anderem Namen, um so mehr, als ihr bei dem bloßen Gedanken an die Berührung mit den verhaßten Tieren noch die Zähne zusammenschlugen vor Entsetzen. Über solche Abneigungen gegen gewisse Tiere zuckt die Wissenschaft nur die Achseln, nennt sie gelehrt Idiosynkrasie, aber eine Erklärung dafür hat sie noch nicht gefunden.
Dolores war's jedenfalls lieb, daß Falkner der Schlangenscene nicht beigewohnt hatte, denn wozu Flecken werfen auf das Bild seiner Auserwählten. Freilich waren ihr schon Zweifel gekommen, ob Prinzeß Lolo wirklich sein Ideal, seine Erwählte sei, oder ob nicht der Vorfall in und an der Gruftkapelle ihn dazu verpflichtet hatte, ihre Hand zu erbitten. Das allerdings begriff sie nicht, warum die herzogliche Familie sich so schnell bereit gefunden hatte, diese fürstliche Hand dem Vasallen zu bewilligen, denn am Ende war die öffentliche Liebeserklärung der Prinzeß ja nicht vor der ganzen Welt, sondern vor einem kleinen Kreise geschehen, dem man durch ein Wort hätte bedeuten können, von dem Gehörten keinen Gebrauch zu machen.
Aber es geschehen mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als jedermann sich erklären und zusammenreimen kann, und darum grübelte Dolores auch nicht weiter darüber, »wie es wohl gewesen sein könnte,« aber mit tiefem Schmerz im Herzen sagte sie sich, daß Glück und innere Befriedigung ihm durch diese Braut wohl nicht erblühen könnte. Und dieser Gedanke machte sie unsäglich traurig, und sie verwünschte die Fügung, die sie vor Jahr und Tag zur Bühnenlaufbahn gedrängt, denn längst hatte sie diese als Wurzel alles Übels erkannt, und das war's, was ihr die Wiederaufnahme derselben zur Unmöglichkeit machte, wenn auch Prinzeß Alexandra freudig _ihre_ Überredungsgabe als das Entscheidende bei diesem Entschlusse pries. Erst hatten der Stolz und der Widerspruchsgeist sich in ihr aufgebäumt gegen den Entschluß, aber nicht, weil Prinzeß Alexandras engerer Horizont die Tiefen einer echten Künstlerlaufbahn nicht umspannte, sondern weil Falkner sich in Antipathie davon abwandte, und sie um keinen Preis _ihn_ hätte glauben machen wollen, es geschehe seinetwegen, daß sie ihrem zuerst gewählten Berufe entsagte. Und dann hatte der Impuls eines Momentes die Entscheidung gebracht, und nun -- nun that es nichts mehr zur Sache, was er sich dabei dachte. Sie hatten Frieden geschlossen miteinander, ehrlichen Frieden durch sein männlich mutiges Eingeständnis seiner Vorurteile und des daraus entsprungenen Unrechts -- was wollte sie weiter?
Am Eingang zum Falkenhofer Park hielt sie die Pferde an und sprang vom Wagen -- es gelüstete sie, bis zum Hause zu gehen, um die Kühle nach dem heißen Tage noch zu genießen. Nachdem sie dem Groom die Zügel gegeben und ihm empfohlen hatte, im Schritt zum Stalle zu fahren, bog sie in eine Seitenallee des Fahrwegs ein, nahm den Hut ab und ging langsam dahin -- kaum daß der Kies unter ihrem leichten Fuß knirschte.
In einem Rondel, das sie durchschreiten wollte, sah sie eine Cigarre glühen und erkannte in dem Raucher bald den Doktor Ruß, welcher also in seiner Weise den schönen Abend genoß. Eigentlich lag ihr nichts an einem erneuten Plauderzwang, aber da sie fürchten mußte, in dem weißen Kleide, das sie der Hitze wegen mit dem schwarzen heut' zum erstenmal vertauscht hatte, auch in dem Dunkel des Baumschattens entdeckt zu werden, so ergriff sie lieber die Initiative und rief heiteren Tons:
»Wo man raucht, da laß uns ruhig harren, Bösewichter führen nicht Cigarren.«
»Dolores, sind Sie's?« rief Doktor Ruß aufspringend. »Ich hörte den Wagen zurückkehren und dachte Sie nun längst in Ihren Zimmern.«
»Die schöne Nacht verlockte mich noch zu einem Spaziergange,« erklärte sie. »Doch ich bin auf dem direkten Wege zum Hause und bitte Sie, sich nicht stören zu lassen.«
»Ganz und gar nicht,« versicherte Ruß. »Es ist ohnedem Zeit zur Ruhe, und meine Frau wird mir eine Gardinenpredigt halten wegen Nachtschwärmens.«
Dolores mußte bei dieser affektierten Pantoffelheldenerklärung lächeln, denn sie zweifelte, ob Frau Ruß die Courage zu einer ganzen Predigt finden würde. Sie traute der verschlossenen und von ihrem Gatten wohltrainierten Frau kaum das tadelnde Wort zu, das sie vielleicht erleichtert hätte, während sie ihre Mißbilligung in sich hineinwürgte und mit vermehrter Bitterkeit an ihrem Herzen nagen ließ.
Ruß erkundigte sich nun, wie es bei Schingas gewesen sei. Er hatte mit seiner Frau niemals in Arnsdorf Besuch gemacht, war daher auch nicht eingeladen worden, aber er und der Graf kannten sich vom Begegnen, und er hatte genug von der polnischen Wirtschaft bei demselben gehört, um Interesse für ihn zu haben. Dolores antwortete aber nur mit der allgemeinen Erklärung: »sehr nett,« und da sie gern eine Kritik des heutigen Abends vermeiden wollte, mit welcher Doktor Ruß am Ende an seinen Stiefsohn gegangen wäre, so ließ sie dies Thema schnell fallen und erzählte ihm, was sie bisher unterlassen hatte zu thun -- nämlich die Entdeckung von der verstellbaren Kaminwand, welche ihr Zimmer mit dem Nordflügel verband.
»Ah,« meinte Ruß mit Interesse, »das würde ich an Ihrer Stelle ordentlich verschließen lassen, denn wenngleich ein Eindringen von dieser Seite wohl kaum zu fürchten ist, das Bewußtsein dieser Geheimverbindungen, wie unsere Vorfahren sie liebten, ist immerhin unbehaglich genug.«
Dolores erklärte nun, daß Ramo diesen sicheren Verschluß bereits besorgt und zum Überflusse noch auf der anderen Seite ein Fuchseisen gelegt habe.
»Nun, ich hab' es ja immer gesagt, dieser Ramo ist eine Perle,« rief Ruß scheinbar sehr amüsiert. »Da wäre es ihm ja ordentlich zu wünschen, daß sich der Fuchs in dieser unfreundlichen Falle finge. Freilich zweifle ich, daß es je einer versucht hat, bei Ihnen auf diesem Wege einzudringen.«
Jetzt erörterte Dolores auch die gefundenen Fußspuren, was Doktor Ruß entschieden ernst nahm, denn er versprach bei der Nachforschung zu helfen, auf welchem Wege wohl der Inhaber dieser Pedalabdrücke in den Nordflügel gekommen sein könnte. Und damit trennte sich Dolores von ihrem Gaste, der noch einen Moment draußen zögerte und dann bei seiner Frau eintrat, welche sich sogleich erhob und ihr Strickzeug zusammenrollte. Dabei warf sie einen scharfen Blick auf ihren Gatten, welcher mit unsicheren Händen Bücher zusammenraffte, welche den Tisch mit der Lampe darauf bedeckten.
»Ist dir schlecht, Ruß?« fragte sie. »Du bist so blaß.«
Er schüttelte den Kopf und begann leise eine Melodie zu pfeifen.
»Das ist keine Antwort,« sagte sie gereizt, und als er auch darauf nichts erwiderte, fuhr sie heftig fort: »Aber du wirst dir noch ein tüchtiges Wechselfieber holen mit diesem Herumstrolchen in den ungesunden Nachtnebeln. Wie dir _das_ so allein Vergnügen machen kann, fasse ich nicht.«
»O, ich war aber nicht allein, mein Täubchen,« erwiderte er sanft. »Dolores war, als sie von Schingas nach Hause kam, durch den Park gegangen. Dort begegneten wir uns, und ich begleitete sie nach Hause.«
Nun war die Reihe, blaß zu werden, an Frau Ruß, denn ihr Mann wußte, daß sie eifersüchtig war, und er hatte seinen Pfeil wohlbedacht entsendet, doch daß er getroffen, wagte sie ihm nicht zu sagen, und so ließ sie ihn sich weiter bohren in ihr thörichtes, altes Herz, und was er wirkte, war Gift und Galle und Haß und Bitterkeit.
Das freilich hatte Doktor Ruß mit seinem Trumpf erreicht, daß die Aufmerksamkeit seiner Frau von ihm und seiner Blässe abgelenkt ward, denn was, zum Teufel, brauchte sie's zu wissen, daß die Fußspuren droben im Nordflügel ihm mehr noch zu überlegen gaben, als der vernietete Kamin und das Fuchseisen des braven Ramo? -- -- --
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Und zur selben Zeit durchlebte Falkner auf Monrepos böse Stunden, denn zu all seiner Mißstimmung hatte Prinzeß Lolo ihm selbst mit kleinen Übertreibungen ihrer Heldenthat die Geschichte mit den Schlangen erzählt und aus vollem Halse über das geradzu wahnsinnige Entsetzen »der dummen Satanella« gelacht.
»Du, zu ihrem Geburtstage schicke ich ihr anonym eine kleine Natter in einem Kästchen zu,« hatte sie geschlossen, »wenn ich nur dann bloß den Luftsprung sehen könnte, den sie machen wird, wenn das Vieh ihr so -- tsch! -- entgegenzischt.«
Falkner war außer sich, denn was wirklich über die Hälfte ungebundener, fesselloser Übermut war, nannte er, gereizt, wie er einmal war, herzlos und unweiblich.
Auf Monrepos angelangt, arbeitete ihm Prinzeß Alexandra, welche seinen tadelnden Blick in Arnsdorf und sein Schweigen auf die Erzählung seiner Braut bei der Heimfahrt ganz richtig aufgefaßt hatte, noch in die Hände, indem sie beim Gute Nacht sagen die Schwester liebevoll umfaßte und, Falkner die andere Hand reichend, sagte:
»Zu deinem Besten, Lolo, weil ich dich so lieb habe und deinen Verlobten schon als meinen Bruder betrachte, muß ich dir heut' etwas sagen, und zwar vor seinen Ohren, damit es auch wirkt und nicht bloß als leerer Schall verhallt. Du warst heut' Abend zu laut, Herzchen, zu wild fast! Das schickt sich nicht für eine junge Braut, welche vor dem ernstesten Schritt ihres Lebens steht!«
Da riß Prinzeß Lolo sich los aus den Schwesterarmen und stand nun sprühenden Auges, mit geballten Fäustchen vor den beiden.
»Nun hab' ich's satt, das ewige Schulmeistern und Sittenpredigen,« sprudelte es rapid über ihre Lippen. »Eben weil ich eine Braut bin, verbitte ich's mir, eben weil ich Braut bin, kann ich sein wie ich will. Ich will hinaus aus eurem ledernen Zwange, aus der tödlichen Langeweile eures lächerlichen kleinen Hofes, und weil ich mich nicht in eine eben solch' blödsinnige Mausefalle sperren lassen will, heirate ich mir statt eines dummen Prinzen lieber den da, als dessen Frau ich wenigstens thun kann, was mir paßt und was ich mag!«
»Nun, nun, Lolo, ich denke doch, du heiratest den Baron, weil du ihn so recht von Herzen lieb hast,« sagte Prinzeß Alexandra sanft, als ihre Schwester atemlos schwieg.
»Natürlich, deswegen auch,« rief die kleine Durchlaucht mit einem raschen Blick auf Falkner. Sie war über und über rot geworden.
»O nein, nur deshalb« meinte die ältere Schwester mit einem bittenden Blick, der die ganzen Unabhängigkeitsgefühle in der kleinen Furie wieder entfesselte.
»Ich will nicht geschulmeistert werden, und was ich gesagt hab', das hab' ich gesagt,« zischte sie und flog dann ohne weiteren Gruß von dannen und in ihr Zimmer, wo sie sich durch das Zerschlagen einiger kostbaren Nippes wesentlich erleichterte. Prinzeß Alexandra aber blickte Falkner trüben Lächelns an.
»Da werden Sie noch viel zu erziehen haben, trotz meiner redlichen und unverdrossenen Mühe,« sagte sie leise.
Er küßte ehrfurchtsvoll die warm gebotene Hand.
»Das ist gärender Most, Durchlaucht,« erwiderte er gegen seine bessere Überzeugung, denn was sollte er sonst sagen? »Aber ich will dafür sorgen, daß es klarer, goldiger Wein wird,« setzte er, sich mit Gewalt bezwingend, in ehrlichster Meinung hinzu.
»Gott geb's!« seufzte sie.
Falkner aber konnte heute nicht zur Ruhe kommen, denn die erlebten Scenen hatten ihm einen starken Stoß gegeben. Ihm graute vor der Zukunft, ihm graute vor dem, was hinter ihm lag, nur beides in verschiedener Weise. Was sollte daraus werden? Wie würde die Frau erst die Würde verlieren, welche die Braut schon, wie vorhin, mit Füßen trat, als ob solch' zertretenes und zerknülltes Ding sich wieder ganz glätten und mit Erfolg anziehen ließe! Und wenn er sich als redlich wollender Mensch auch vorzustellen versuchte, daß vielleicht gerade dies unverdrossene »Erziehen,« das Prinzeß Alexandra an der ihr anvertrauten Schwester erprobt, zu dem negativen Resultat geführt hatte, weil nicht eben jede Natur sich in die Form pressen läßt, die andere für sie ausgesucht und ausgeklügelt haben, so war es doch immerhin noch zweifelhaft, in welcher Form der eigenwillige Sprühteufel aus seinen Händen hervorgehen würde. Und es ist auch solch' eine eigene Sache mit der Erziehung der Frau durch den Mann, denn wenn die Liebe der ersteren nicht groß und nicht stark genug, wenn ihr Charakter nicht doch schon so fest ist, um ihn unbedingt dem ihres Mannes anzupassen, so giebt's doch nur einen Mißklang, den das »Erziehen« nur noch schlimmer macht, wenn's eben so betrieben wird, daß es ein Schulmeistern bleibt und nicht ein ganz unbewußtes Führen an der Hand der Liebe, die ja alles vermag. Denn wenn den Menschen etwas toll machen kann, widerspruchsvoll und eigensinnig, so ist es unablässiges Reden, Korrigieren und Verweisen.