Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 18
Das Paar aber stand stumm und reichte sich die Hände über den Sarg hinweg, durchschauert in tiefster Seele von Ehrfurcht vor dem, in dessen Hand wir nur Staub und Asche sind. Und da war es beiden zu gleicher Zeit, als hauchte ein unsichtbarer Mund einen Kuß auf ihre Stirn und ein kühler Hauch berührte sie, wie wenn jemand vorüberschritte an ihnen.
Da sank die Dame erschüttert in die Kniee.
»Sie ist erlöst -- jetzt wird sie der Engel Alleluja hören, nach dem sie sich so lange gesehnt!« flüsterte sie.
»Sie ist erlöst,« sagte auch er, aber laut und freudig und überzeugt, und zog die Knieende empor an seine Brust.
Denn das Paar, es ist Alfred und Dolores von Falkner, das letzte Edelfalkenpaar hat sich gefunden, und der Falkenhof hat wieder einen Herrn und eine Herrin.
Dolores hatte lange ringen müssen mit dem Tode und hatte über ihn gesiegt. Mit Frau Ruß war sie dann nach dem Süden gegangen, dessen warme Sonne ihr die entschwundene Lebenskraft zurückgab -- nicht auf einmal, aber allmählich Schritt vor Schritt. Und nachdem Lolo Falkner schon mehr als ein und ein halbes Jahr ruhte in der Falkengruft unter dem Spruche des Propheten Tobias, da kam Alfred Falkner auch nach dem Süden, und dort, unter dem blauen Himmel von Capri legten sie die Hände zusammen zum Bunde fürs Leben -- die Herzen hatten sich ja längst gefunden.
In Rom, der ewigen Stadt, wurden sie vermählt und blieben an der Stätte ihres ersten, stillen Glückes monatelang, bis die Osterglocken verklungen waren und das Pfingstgeläute sie zurücklockte in die deutsche Heimat, in die grandiose grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofes, des vielgeliebten.
Hier aber ward zum Erntefest ein Erbe getauft, ein junger Falke, ein kräftiger Sproß am alten Stamm.
Und heut' war Dolores zum erstenmal hinausgegangen zur Gruft, einen Akt der Pietät zu erfüllen an der Ahnfrau, deren Hand so wunderbar eingegriffen in ihr Geschick, und an der unseligen, so vorzeitig geknickten Menschenblume, die ihres Gatten erste Frau gewesen.
Langsam und schweigend schritten sie durch die schattige Eichenallee zurück zu dem Falkenhofe, noch ganz erfüllt von dem Wunderbaren, das sie unten erlebt in der stillen, kühlen Gruft. Und sie kamen überein, daß sie niemand davon sagen wollten, damit nicht am Ende noch Spott oder eine nüchterne, wissenschaftliche Erklärung den Hauch der Weihe abstreifte, der unten über sie gekommen.
Als sie aber vor der Terrasse anlangten, da hatten sie ein liebliches Bild, das sie ganz ins volle Leben zurückführte und ihnen das Herz in stolzem Glücke klopfen ließ -- denn da stand eine lachende Wärterin in der malerischen Tracht ihrer Heimat und hielt auf den Armen ein schneeweißes Bündel von Spitzen, das mit blauen Schleifen umbunden war, und aus dem Bündel guckte ein kleines Köpfchen hervor mit goldblondem Haar und ein paar rosigen Fäustchen -- --
Daneben saß Frau Ruß, über einem Kinderjäckchen strickend, aber ihr sonst so kaltes, ausdrucksloses Gesicht strahlte vor innerer Freude wie verklärt und in ihren lichtblauen Augen leuchtete es mild und weich wie nie vorher. Und sie kann wohl ruhig aussehen und zufrieden, denn der Falkenhof ist ihre Heimat und die Liebe ihrer Kinder thaut alles auf, was noch als Eis um ihr Herz gelegen hat -- und -- Doktor Ruß lebt in Australien, als hochgeachteter Mann und Träger einer Würde, von seiner Revenue, die ihm alljährlich aus dem Falkenhofe zufließt.
Vor dem kleinen Werner Falkner aber steht auch der alte Engels und schmunzelt vergnüglich und hält den Atem an, als könnte der schon dem Edelfalken vor ihm schaden. Und als er die schönen, stolzen Eltern dieses kleinen Wunders erblickte, da schwenkte er den alten Filz und rief ihnen lachend und gerührt zugleich entgegen:
»Hurra, es lebe der Sproß des prophezeiten tausendjährigen Reiches der Falken. Und wenn's auch etwas kürzer wird, was thut's? Denn unsere Augen sehen sie noch blühen, die Falkner vom Falkenhof!«
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Im Rahmen der Transkription
- wurde der Halbtitel entfernt;
- wurden Reihen von Gedankenstrichen, die im Original bis an das Zeilenende laufen, auf fünf Gedankenstriche begrenzt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 10: "«" eingefügt (daß dieser Agnat sich verheiratet --«)
Seite 23: "«" eingefügt (Nicht wahr, Baronin, ich darf in die Ahnengruft?!«)
Seite 62: "»" vor "Frau" entfernt (Frau Ruß ließ den Strickstrumpf sinken)
Seite 86: "»" vor "Stiebel" entfernt (Stiebel, du mußt sterben,)
Seite 107: "informirt" geändert in "informiert" (Jedenfalls bist du sehr gut informiert)
Seite 128: "den" geändert in "dem" (Pein machte ihr dann der Erbprinz [...] dem sie _jetzt_ nicht)
Seite 130: "»" eingefügt (»Und seitdem nichts mehr?«)
Seite 179: "«" hinter "stehenbleibend," entfernt (fragte er, stehenbleibend, scharf)]