Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 17
»Na, das werden Sie hübsch bleiben lassen, gnädige Frau,« meinten die Offiziere lachend.
»Hoho, denken Sie, ich habe keine Courage?« fragte sie pikiert.
»O, die haben Sie selbstverständlich wie ein Löwe,« wurde ihr lachend geantwortet, »aber zwischen dem Hineinspringen in eine Regenpfütze oder in dieses, jedenfalls heillos tiefe Wasser ist doch ein gewaltiger Unterschied, besonders da hier noch der gurgelnde Strudel in Betracht kommt.«
»Nun, wenn's nicht ein bißchen gefährlich wäre, dann hätte ein Rettungsversuch ja auch keinen Wert,« erwiderte Lolo kokett.
»Ein _bißchen_ gefährlich? Gnädige Frau, hier sind die Chancen zum Ertrinken größer als die des Rettens, das Hexenloch ist ganz zu empfehlen für spleenige Engländer,« war die allgemeine Meinung.
»Natürlich -- Sie wollen sich bloß von dem Retten ›drücken,‹« sagte Lolo noch koketter.
»Ich glaube, gnädige Frau drücken sich eher vom Hineinspringen,« wurde ihr animiert erwidert.
»Ich?« rief sie, aufspringend. »Nun dann -- ich wollte heut' so wie so ein kaltes Bad nehmen -- eins, zwei, drei -- =houp là, cousin!=«
Und ehe ein Mensch sie halten konnte, ehe jemand im entferntesten glauben konnte, daß sie Ernst machen könne, spritzte das Wasser des Hexenloches hoch auf und die kleine, weiße, zierliche Gestalt verschwand mit einem hellen Gelächter der Schadenfreude, das in einem gellenden Schrei endete, in der schwarzen unheimlichen Flut.
»Lolo! Herr des Himmels!« schrie Falkner auf -- er hatte auf das Gespräch in seinen tiefen Gedanken nicht geachtet, es gar nicht gehört und, hätte er es gehört, für ein kindisches Renommieren gehalten.
Und nun kämpfte er wieder mit dem Strudel des Hexenloches, diesmal unterstützt von den Schwimmern unter den Offizieren, welche, ohne sich zu besinnen, den Attilla abgeworfen hatten, und gleich Falkner, nach dem Körper seiner jungen Frau tauchten und suchten -- -- vergebens.
Währenddem waren andere nach Rettungsapparaten fortgeeilt, aber es währte doch geraume Zeit, ehe ein flaches Boot herbeigeschafft wurde, von welchem aus man Fischernetze warf, trotzdem nach so langer Zeit wohl niemand mehr daran glauben konnte, die Verunglückte lebend ans Land zu schaffen.
Aber das Hexenloch wollte sein Opfer nicht mehr herausgeben, denn alle Bemühungen, Lolos Leiche ans Licht zu bringen, schienen eitel und nutzlos zu sein. Fischer von Beruf arbeiteten unter Falkners Aufsicht die ganze Nacht bei Fackellicht, doch erst als es wieder Tag geworden war, gelang es durch künstliches Aufrühren des Wassers den Körper so nach oben zu treiben, daß ihn der Strudel ergriff und sie ihn mit Hakenstangen ans Land ziehen und auf den grünen Rasen legen konnten.
Und nun kniete im Morgenrot Falkner neben den Überresten des zarten, elfenhaften Wesens, welches schon angefangen hatte, die große Enttäuschung seines Lebens zu werden, und das nun das Opfer eines unüberlegten, tollkühnen und kindischen Streiches geworden.
Vor der Majestät des Todes aber verstummt jede irdische Regung, Haß, Bitterkeit, Schmerz, erlittenes Unrecht und die Erinnerung an trübe und böse Stunden -- nur die Liebe bleibt, denn diese besiegt selbst den Tod. Und wie Falkner im tiefsten Herzen erschüttert neben der Leiche seiner jungen Frau kniete, da erlosch auch in ihm alle Bitterkeit, die er empfunden, alle Reue -- er sah nur in der entflohenen Seele alles, was liebenswert war, er dachte nur, wie sie ihn wirklich geliebt in ihrer flatterhaften, unreifen Art; er vergaß sogar, daß _er_ sie niemals geliebt, und die Augen wurden ihm trüb und trüber, und er schämte sich der heißen Thränen nicht, welche langsam auf ihr blasses Totengesicht herabtropften. Und dann erhob er sich und brach von einem rosigen Spireenstrauch ein paar Dolden und legte sie ihr auf die junge Brust, in der das lebensfrohe Herz aufgehört hatte zu schlagen und die Sänger des Waldes sangen ihr zum Rauschen des Morgenwindes in den Buchen und Tannen ein süßes Abschiedslied, das ihre Seele im Himmel vielleicht vernahm und den Bann des schrecklichen Todes von ihr löste.
Alfred Falkner aber folgte der Bahre seiner jungen Frau als einziger Leidtragender nach Monrepos, und als er das Parkgitter hinter sich schloß, da durchzuckte ihn jäh wie ein Dolchstich der Gedanke:
»Was mag indes im Falkenhofe vorgefallen sein?«
* * * * *
Als man Dolores hinweggeführt hatte vom Hexenloch, das erst eine Stätte heiterster Laune und jetzt eine Stätte des Todes geworden war, als sie in ihren Parkwagen stieg, da die Glieder nach der mächtigen Erschütterung dieser Stunde ihr den Dienst versagten, und Gräfin Schinga schon zu ihr einsteigen wollte, um sie nach dem Falkenhof zu bringen, da erschien, dicht am Wagen, aus tiefem Gebüsch heraus, Frau Ruß, wilde Angst in den Augen.
»Nimm mich mit,« brachte sie mühsam hervor, drängte Gräfin Schinga zur Seite und saß neben Dolores, ehe diese die kleine Scene noch beobachtet hatte. Aber sie ließ, ohne zu fragen, die Pferde anziehen und im scharfen Trabe nach dem Falkenhof gehen.
»Er sucht mich am Hexenloch,« flüsterte Frau Ruß atemlos, »aber ehe er im Hause ist, bin ich schon da. Dolores, erbarme dich und rette mich, wie ich dich gerettet habe!«
»Tante, ist es denn wahr? Soll ich deine Erzählung wirklich auf mich beziehen?« fragte Dolores.
»Ja, ja! Aber du mußt mich retten, denn er wird mich heut' Nacht töten!«
»Sei unbesorgt, Tante. Das würde ihn ja sofort ins Zuchthaus bringen. Aber jedenfalls bleibst du bei mir.«
»Gottlob!« murmelte Frau Ruß.
Der Weg vom Hexenloch bis zum Falkenhofe war mit dem Wagen nur wenige Minuten lang, und so waren die beiden Damen auch sehr schnell da. Sie gingen sofort zu Dolores hinauf, und Ramo erhielt den strengen Befehl, Doktor Ruß keinesfalls vorzulassen. Frau Ruß aber schritt sogleich zu dem Schreibtische.
»Laß mich ein Telegramm an einen Arzt aufsetzen,« bat sie. »Ich weiß nicht genau, wie oft er dir Gift gegeben und wieviel -- du bist vielleicht trotz der momentanen Besserung eine Sterbende!«
Dolores nickte, und Frau Ruß schrieb das Telegramm, das klar ausdrückte, um was es sich handelte. Als sie die Feder weglegte, deutete sie auf den Kamin.
»Dort hatte er auch einen Schlupfwinkel, durch den Nordflügel her. Aber du hast ihn zugebaut. Man kommt aus dem Souterrain auf einer kleinen Treppe hinauf, die jetzt niemand mehr kennt.«
Nun war auch das Rätsel der Fußstapfen gelöst, und Dolores schauerte es, als sie daran dachte, wie der Mörder durch diese geheime Verbindung in tiefster Nacht zu ihr gelangen und sie töten konnte, ohne daß auch nur ein Hahn danach gekräht --!
»O Tante, warum hast du mir das nicht früher gesagt!« rief sie, als Frau Ruß das Telegramm an Ramo gegeben hatte. »Nicht das Geheimnis des Kamins, aber die Mordgedanken deines Mannes! Warum mich sterben lassen, ungerührt, und ich bin doch noch so jung! denn ich weiß, daß ich sterben muß!«
»Nein, nein,« schluchzte Frau Ruß erschüttert und sank vor Dolores auf die Kniee nieder. »Ich sagte dir schon, daß ich dich haßte, weil ich an meines Mannes Liebe zu dir glaubte und eifersüchtig war. Sein Attentat auf dich am Hexenloch erfuhr ich erst durch sein gewohnheitsmäßiges Sprechen im Traume -- den Schuß auf dich sah ich im voraus, weil er sich dein Pistol genommen, als du zu Alfreds Hochzeit fort warst, und sich damit übte, wenn er sich unbeobachtet glaubte -- aber woher sollte ich wissen, _wann_ er die Waffe auf _dich_ abfeuern würde? Und sollte ich ihn denuncieren auf einen bloßen Verdacht hin? Er war doch immerhin mein Mann und ich habe neben ihm am Altar gestanden!«
»Halt,« unterbrach sie Dolores, »mir fällt etwas ein.«
Und sie erhob sich, um bald darauf mit dem kleinen Teschinpistol wieder zu kommen, das sie neben sich auf den Tisch legte.
»Ich fürchte, ich habe in vergangener Nacht nicht seinen letzten Besuch empfangen,« sagte sie mit seltsam entschlossener Miene. Als sie wieder saß, fuhr Frau Ruß fort:
»Er muß dir wohl schon mehrere Giftdosen beigebracht haben, ehe ich entdeckte, daß er mit diesen Mitteln gegen dich vorging. Ich sah es zum erstenmal beim Thee, daß er ein weißes Pulver in deine Tasse schüttete. Und damals war es noch eine mit Gewissensbissen vermengte Freude, die ich Unholdin dabei empfand. Erst als ich dich verfallen und welken sah wie eine Blume, da gingen mir die Augen auf und ein namenloses Mitleid ergriff mich für dich! Wie aber dich warnen, ohne _ihn_ preiszugeben? Und so durchkreuzte ich jeden seiner Wege, immer wachsam, Tag und Nacht beobachtend und lauschend -- es war ein Höllenleben. Weißt du noch den Abend, als Engels den geschossenen Adler brachte? Während mein Mann das Maß suchte auf dem Tische, that er sein Höllenpulver in deine Tasse; ich sah es und stieß dich an, um es dich gleichfalls sehen zu lassen. Aber du wußtest nicht, was ich meinte, und um dich am Trinken zu verhindern, sah ich dich so lange starr und stier an, bis mein Blick dich so jäh erschreckte. Und ich zerbrach auch mit Absicht die Arzneiflasche hier in deinem Zimmer, denn er hatte dir den nichtssagenden Trank mit seinem Gifte gewürzt. An diesem Tage wollte ich sprechen, wollte meinen Gatten anklagen, aber du wandtest dich ab von mir, und Gräfin Schingas Ankunft vereitelte meine Absicht. Wie ich die Blausäure unschädlich machte in seinem Geheimfach -- das erlasse mir zu schildern. Aber hier --« und sie zog ein Blatt Papier aus der Tasche, »hier ist der Brief, den er neben deine Leiche legen wollte, nachdem du das Gift genommen --«
Schaudernd und mit einer Ohnmacht kämpfend sah Dolores auf das Blatt herab, auf welchem ihre Schriftzüge in meisterhafter Nachahmung es schwarz auf weiß der Welt erzählten, daß sie selbst Hand an sich gelegt. Jetzt erst konnte sie sich den nächtlichen Besuch des Doktors erklären: er war nur gekommen, um sich von ihrem Tode zu überzeugen und dessen Schuld auf die zu wälzen, deren Mund ihn nicht mehr Lügen strafen konnte. Und ein ungeheurer Ekel ergriff sie vor der Erbärmlichkeit der Menschen, die lieber ihren Nächsten aus dem Hinterhalte angreifen und vernichten, ehe sie offen vor ihn hintreten und sagen: Das will ich von dir, _kannst_ du es geben, so gieb!
»Heut' den ganzen Tag habe ich's dir sagen wollen, wie ich's jetzt gesagt habe,« sagte Frau Ruß traurig, »du aber hast mich niemals sehen und sprechen wollen. Da blieb mir nichts übrig, als jene Erzählung draußen am Hexenloch, denn ich fürchtete alles für dich in der kommenden Nacht. Aber wenn du mich jetzt nicht schützen kannst --«
Und sie rang verzweiflungsvoll die Hände.
»Er wird dir nichts mehr anhaben dürfen,« sagte Dolores matt, denn ihre überreizten Nerven fingen an nachzugeben, und sie fühlte, daß sie vor einer physischen Katastrophe stand.
Doch die Stimme des Doktor Ruß draußen im Korridor stachelte sie noch einmal auf. Sie drängte die schreckensbleiche Frau hinein in ihr Schlafzimmer und wartete gespannt darauf, was er thun würde. Aber Ramo verteidigte seine Festung gut und alles ward wieder still. Nun kam das Ruhebedürfnis mächtig über sie, und gerade wollte sie demselben Folge geben, als Doktor Ruß draußen abermals vernehmbar ward. Nun fühlte sie, daß es am besten war, diese Sache ein für allemal abzuthun, darum schritt sie entschlossen zur Thür, öffnete sie und stand ihrem Feinde gegenüber.
»Ich hatte gewünscht, allein zu bleiben,« sagte sie kühl.
Doktor Ruß trat sogleich über die Schwelle und auf einen Wink von Dolores schloß Ramo die Thür.
»Teuerste Nichte, ich wünsche Ihre Ruhe nicht für einen Moment zu stören,« sagte er in seiner gewohnten leisen und verbindlichen Weise. »Ich suche meine Frau. Ist sie bei Ihnen?«
»Ja,« sagte Dolores kurz.
»Ach, ich hatte also recht gehört. Gestatten Sie mir also, sie hinabzuführen in unsere Zimmer.«
»Nein!« erwiderte Dolores.
»Nein?« wiederholte er. »Aber ich verstehe, wie Sie in Ihrem Edelmut dieser armen Unglücklichen Pflege angedeihen lassen wollen. Dennoch bitte ich Sie um Ihrer eigenen Sicherheit willen, _meine_ Frau in _meine_ Obhut zu geben.«
»Tante Adelheid wird bei mir bleiben,« entgegnete Dolores ruhig.
Er wehrte mit der Hand ab.
»Dolores seien Sie vernünftig! Meine Frau leidet an Wahnvorstellungen, an Irrsinn! Wer bürgt mir, daß dieser nicht in Tobsucht ausartet und Sie schwer schädigt?«
»Ich bürge dafür, Herr Doktor Ruß! Meine Tante war nie klarer, geistig niemals zuverlässiger als heut'!«
»Aber, teure Dolores,« entgegnete Ruß eindringlich. »Bedenken Sie doch --! Diese schweigsame, stille Frau tritt in einer großen Gesellschaft plötzlich aus sich heraus und erzählt eine lange Geschichte ohne Pointe, die sie sich aus den Gerichtsartikeln verschiedener Zeitungen zusammengestoppelt hat --«
»Halt, Doktor Ruß,« unterbrach ihn Dolores. »Ich bin mir über Ihre Pläne jetzt ganz klar. Sie wollen Ihre Frau in ein Irrenhaus bringen.«
Doktor Ruß lächelte mitleidig.
»Aber liebste Dolores, halten Sie mich für so unmenschlich, daß ich meiner eigenen Frau die einzige Pflege entziehen würde, die ihrem Zustande frommt? Ich bin leider nicht reich genug, um ihr diese Privatpflege in meinem Hause angedeihen zu lassen. Ich sehe aber, Sie sind der Ruhe bedürftig, lassen Sie uns daher kurz sein und mich meiner Frau selbst annehmen. Es ist das beste, glauben Sie mir --«
»Ich bedaure. Tante Adelheid hat sich unter meinen Schutz gestellt und weigert sich mit Entschiedenheit, Sie zu sehen,« entgegnete Dolores unbewegt.
Doch Doktor Ruß zuckte mit den Achseln.
»Da haben Sie wieder einen Beweis ihres Irrsinns, denn der Grund dieser Weigerung geht _über_ mein Begriffsvermögen,« sagte er.
Nun aber wallte es heiß auf in Dolores und stieg zornesrot in ihre bleichen Wangen.
»Herr Doktor Ruß, Sie verlassen in diesem Augenblick das Zimmer,« sagte sie befehlend. »Ich wünsche mit Ihnen nicht dieselbe Luft zu atmen.«
»Ah -- wie Sie befehlen,« erwiderte er nachlässig. »Die Herausgabe meiner Frau aus Ihrer Gewalt wird das Gesetz mir erzwingen. Wenn Sie also in Kollisionen mit diesem schon morgen treten, so ist es meine Schuld nicht. Ich habe den gütlichen Weg voll betreten, wie Sie mir bezeugen werden können. Wenn ich also morgen in aller Frühe die Gerichte anrufe, so darf es Sie nicht wunder nehmen.«
Empört trat Dolores einen Schritt zurück.
»Die Gerichte, Herr Doktor Ruß, werden Ihre Frau in meinem Schutze lassen, die Richter aber, welche den Falkenhof betreten auf _Ihren_ Ruf, werden Sie auf _meine_ Anklage hin wegen vierfachen Mordversuches verhaften. Und Ihre Frau wird dann als Zeugin gegen Sie auftreten.«
Doktor Ruß hob beide Hände zum Himmel auf.
»Jetzt scheine _ich_ verrückt geworden zu sein,« sagte er ergeben.
»Kennen Sie diesen Brief?« rief Dolores, das Blatt hervorziehend, das Frau Ruß ihr gegeben.
Da wurde er so bleich, daß seine Farbe ins Grüne überspielte, aber er hielt sich tapfer.
»_Ihre_ Handschrift, Dolores.«
»O ja -- insoweit vortrefflich kopiert,« entgegnete sie bitter. »Ein Autograph von mir selbst -- ein sinniges Gastgeschenk von Ihnen. Aber es liegt mir nichts daran, den Namen Falkner durch den Schmutz eines langen Kriminalprozesses zu schleifen, und darum stelle ich Sie vor die Alternative, entweder Ihre Intentionen auszuführen, welche dann zweifellos zu Ihrer Verhaftung führen würden, oder aber eine von mir ausgesetzte Rente im Auslande zu verzehren. Sie haben also die Wahl und können sich's bis morgen überlegen. Und nun gehen Sie!«
Aber er rührte sich nicht.
»Ich bewundere Sie schon lange,« sagte er ironisch, »aber heute bewundere ich einen noch nie geahnten Charakterzug in Ihnen: den, peremptorischer Kürze und eines wahrhaft souveränen Willens. Schade nur, daß derselbe mir nicht in der Weise imponiert, als er vielleicht sollte.«
»Doktor Ruß,« sagte Dolores mühsam beherrscht, »ich sagte Ihnen schon, daß meine Konversation mit Ihnen beendet ist. Verlassen Sie mich -- ich wünsche allein zu sein.«
Jetzt aber warnte sie ein seltsames Glitzern in seinen Augen, auf ihrer Hut zu sein.
»Gehen Sie,« wiederholte sie, indem sie die Pistole aus ihrer Tasche zog und den Hahn spannte. »Gehen Sie -- oder bei Gott, ich schieße Sie nieder wie einen tollen Hund, wenn Sie das Zimmer nicht verlassen haben, bis ich drei gezählt --«
»Hoho! Ich denke, Brasilianerinnen führen nur ein Stilett,« höhnte er, ohne sich zu rühren.
»Nicht doch -- wenigstens schieße ich besser als Sie,« erwiderte sie vollkommen kalt und besonnen und begann zu zählen: »Eins -- zwei --«
»Ich gehe,« sagte er, etwas bleicher werdend, »denn wenn man wehrlos ist, kann ein Rückzug nicht für Feigheit gelten. Und,« setzte er salbungsvoll hinzu, »und obwohl diese Bedrohung meiner Person --«
»Notwehr!« fiel sie kühl ein.
»... die Bedrohung meiner Person ein teurer Spaß für Sie werden _könnte_, so will ich dennoch keine Schritte thun, dieselbe zu ahnden,« vollendete er. »Denn,« setzte er hinzu, »denn ich hege keinen Groll gegen Sie und vergebe Ihnen, teure Dolores.«
Und damit ging er mit einer tiefen Verbeugung.
Aber als dieser künstliche Nervenreiz verflogen war, brach Dolores zusammen. Sie hatte nur noch Zeit, Frau Ruß zu fragen, ob sie alles gehört, und als diese bejahte, sagte sie:
»So sage es Alfred, genau Wort für Wort, wenn er herüber kommt.«
Dann fiel sie in eine ohnmachtsähnliche Lethargie -- Fieber stellte sich ein und Frau Ruß durchwachte mit Tereza eine angstvolle Nacht an ihrem Bette.
* * * * *
Als Falkner am folgenden Mittag, nachdem er Stunden mit sich allein verlebt, erschöpft an Leib und Seele, alles Traurige mit Kepplers Hilfe besorgt und angeordnet hatte, als er noch einen Blick warf auf seine tote Frau, welche im weißen Sterbehemd auf ihrem Bette lag, im Haare einen Kranz von weißen Rosen, von jenem =Boule de neige=, den der Herzog so sorgsam veredelt, da ging er hinüber nach dem Falkenhof, denn sein Instinkt sagte ihm, daß man dort seiner bedurfte.
Zu gleicher Zeit mit ihm traf der Arzt aus Berlin ein, den Engels von der Station geholt, und Falkner wartete, nachdem er ihn hinaufgeführt hatte, im Ahnensaal, bis die Konsultation zu Ende sein würde.
Mit begreiflicher Spannung trat er dem berühmten Manne entgegen.
»Ich muß bis zum Abend hier bleiben, um den Erfolg eines Mittels abzuwarten,« sagte er auf Falkners Frage. »Es scheint hier eine komplizierte Vergiftung vorzuliegen, welche Ihre Frau Mutter mir auch bestätigt hat. Leider hat das Gift schon größere Fortschritte in dem Körper gemacht, welche bedauern lassen, daß nicht früher Hilfe dagegen angerufen worden ist.«
Hier trat Frau Ruß ein, da sie ihres Sohnes Stimme gehört und der Arzt benutzte ihre Anwesenheit, um sie zu fragen, auf welche Weise Dolores zu dem Gifte gekommen sei, ob durch Unvorsichtigkeit, aus eigener Initiative, oder durch fremde Personen.
»Der zweite Fall ist ausgeschlossen, und wir fürchten auch der erste,« erwiderte Frau Ruß fest, und als der Arzt überrascht aufsah, setzte sie hinzu: »Es ist der dringende Wunsch meiner Nichte, daß von dem Verdacht gegen eine Person nichts in die Welt dringt. Der Arzt ist ja in so vielen Fällen auch ein Beichtvater -- lassen Sie, Herr Professor, also diese Mitteilung unter dem Beichtsiegel Ihres Wortes nicht aus dem Falkenhofe herausdringen, denn er betrifft ein Glied der Familie.«
»Ich verstehe,« sagte der berühmte Mann, »und ich werde schweigen. Nur könnten Sie mir meine Arbeit wesentlich erleichtern, wenn Sie mir einen Anhalt über die Natur des Giftes geben könnten, falls dies im Bereiche der Möglichkeit liegt.«
Aber Frau Ruß schüttelte mit dem Kopfe -- sie wußte, daß der Inhalt der gewissen Pappschächtelchen aus dem Geheimfach des Rokokosekretärs verschwunden war -- ob er das Gift enthalten, war dabei noch immer fraglich, und sie klagte sich jetzt an, daß sie nicht Proben davon entnommen.
»Ist meine Cousine in Gefahr?« fragte Falkner dann und sah den Arzt fest an.
»Ja,« sagte dieser ohne Bedenken. »Die Gefahr ist nicht unmittelbar, aber sie droht ohne Zweifel.«
»Und ist noch Hoffnung?« fragte Falkner leiser.
»So lange noch Leben ist, ist auch noch Hoffnung,« erwiderte der Arzt.
Das war aller Trost, und er war, bei Gott, schwach genug.
* * * * *
Noch am selben Abende reiste Doktor Ruß ab, nachdem er eine längere Unterredung mit seinem Stiefsohne gehabt.
Die Husaren aber ließen ihre Trompeter noch einmal blasen -- als Lolo Falkner in die Gruftkapelle zur ewigen Ruhe gebettet wurde.
Die pathetischen Klänge des Chopinschen Trauermarsches und das Läuten des Totenglöckchens, das der Wind hinübertrug zum Falkenhofe, weckten Dolores aus dem Halbschlummer, in welchem sie seit den letzten drei Tagen fortwährend gelegen.
»Was ist das?« fragte sie.
»Sie tragen Alfreds Frau zur Gruft,« erwiderte Frau Ruß, welche daheim geblieben war, angstvoll, ob es die Kranke zu hören sehr erschüttern würde.
»Die arme Lolo,« sagte Dolores, indem heiße Thränen aus ihren Augen stürzten. »So reizend, so jung, und _seine_ Frau! Da scheint das Sterben allzu hart.«
»Sie ist glücklich, denn sie ist bei Gott,« entgegnete Frau Ruß. »Hart ist das Sterben nur für die, welche zurückbleiben.«
Draußen verklang der Trauermarsch und nur das Glöckchen läutete fort und fort mit seinem feinen, hellen Ton, der durch die klare, marienfädendurchzogene Spätsommerluft vibrierte wie ein Gruß aus einer anderen Welt.
Da richtete sich Dolores auf.
»Zwei Plätze waren noch frei in der Falknergruft,« sagte sie, »und ich habe in Schmerzen gebüßt nach der Prophezeiung der Ahnfrau, doch ich habe sie nicht erlöst. Denn der zweite Platz, es ist mein Platz, und ihr sollt mir darüber schreiben lassen den Spruch des Propheten Tobias: Der Mensch blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«
Epilog.
Drei Jahre sind seitdem vergangen.
Es war wieder Herbst geworden, und die Blätter fingen an sich zu färben in dem herrlichen Parke des Falkenhofes und zauberten im Verein mit dem Sonnenlichte Tinten hervor, auf denen das entzückte Auge trunken weilte.
Die Sonne aber drang mit ihren Strahlen durch das fallende Laub mitunter bis hinab zur Erde und machte das goldene Kreuz auf der Gruftkapelle in siegreichem Feuer aufleuchten.
Die Pforten der Kapelle waren geöffnet, und unten in der Gruft kniete ein großes, schönes junges Paar neben einem Sarge, auf welchen es eben einen Strauß wundervoller weißer Moosrosen niedergelegt hatte. Zu Häupten des Sarges aber war eine Tafel in der Mauer eingelassen, auf welcher die Worte des Propheten Tobias geschrieben standen: »Der Mensch blüht auf wie eine Blume und wird gebrochen.«
Nachdem sie lange in stillem Gebet gekniet, erhob sich die Dame.
»Laß uns zum Sarge der Ahnfrau gehen,« flüsterte sie, »ich habe hier drei Rosen für sie -- die weiße ihrer schuldlosen Tage, die rote ihrer Leiden und die goldfarbige ihrer Verklärung --«
Der Herr nickte und sie traten ein in die Bleikammer der Gruft. Dort schob er den nur eben aufgesetzten, schweren Deckel des Prunksarges zurück, und sie beugten sich beide herab, das einst so schöne Antlitz zu sehen, das den unseligen Bruderzwist entfacht und nach mehr denn zwei Jahrhunderten noch völlig kenntlich und wunderbar erhalten war.
Und die Dame nahm die drei Rosen und legte sie leise und vorsichtig, um den Körper nicht zu berühren, der Ahnfrau auf die Brust, und als sie die Hand kaum zurückgezogen, da geschah etwas Seltsames:
Vor den Augen der beiden zerfiel der sterbliche Rest der Freifrau Maria Dolorosa von Falkner zu Staub und binnen wenigen Minuten, während denen sie staunend neben dem entschwindenden Körper standen und schauten, ward der Raum in dem Sarge leerer und leerer, und zuletzt lagen auf dem Boden desselben inmitten einer grau scheinenden Asche nur noch die Schmucksachen, welche man ihr mitgegeben, und -- die drei frischen Rosen von liebender Hand.