Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.

Part 16

Chapter 163,781 wordsPublic domain

»Was haben Sie mich erschreckt,« sagte er nach einer sekundenlangen Pause gefaßt, »ich dachte, Sie schliefen --«

»Den ewigen Schlaf. Sie sagten so,« ergänzte Dolores.

Langsam trat er wieder näher und legte die Hand wie zufällig auf das Papier auf dem Tische.

»Sie sahen so furchtbar bleich aus,« entgegnete er. »Das macht dies nichtswürdige blaue Licht,« setzte er hinzu, und es klang wie wenn er dazu mit den Zähnen knirschte. Dabei fuhr die Hand mit dem Papier zurück in die Brusttasche.

»Sie haben mir noch immer nicht gesagt, warum Sie hier sind zu so ungewöhnlicher Zeit,« erwiderte sie kühl, aber im Herzen ein vages Gefühl von Angst.

»Ich war aufgewacht, und es war mir eingefallen, daß ich vergessen hatte, Ihnen zu sagen, Sie sollten nur die halbe Dosis des Schlafmittels nehmen,« erklärte er sein Erscheinen plausibel genug. »Da hatte mich die Angst, Ihnen durch Nachlässigkeit geschadet zu haben, aus dem Bette getrieben, und ich war leise heraufgekommen --«

»Sehr leise. Zu leise für Ihre gute Absicht,« warf sie ein.

»Aber ich sehe zu meiner Beruhigung, daß Sie das Mittel gottlob gar nicht gebraucht haben,« schloß er.

»Doch,« sagte sie, »ich habe es sogar ungeteilt genommen -- Ihre Vorsicht käme also zu spät, wenn das Mittel, wie alle Mittel des Doktor Müller, nicht so ausgezeichnet wirkungslos gewesen wäre.«

»Genommen? Das Ganze genommen?« wiederholte er wie ein Träumender.

»Bis zum letzten Tropfen,« nickte Dolores etwas spöttisch.

»Das ist nicht wahr!« brach er los.

Da erhob sie sich heftig, schritt in ihr Schlafzimmer und kam gleich darauf mit der leeren Flasche zurück, die sie auf den Tisch warf.

»Hier,« sagte sie sprühenden Blickes. »Und nun verlassen Sie mich, und wenn ich's Ihnen nachsehe, daß Sie mich der Lüge geziehen haben, so schieben Sie's auf das Konto dieser späten Stunde, in der Sie vielleicht nicht wußten, was Sie redeten!«

Doktor Ruß hatte mit zitternden Händen die blaue Flasche ergriffen und stand Dolores gegenüber, stumm, aber mit keuchendem Atem und gierigem, raubtierartigem Blick. Und wieder packte Dolores, die stets so mutige, ein unbestimmtes Angstgefühl -- im Falkenhof war's still zu dieser Nachtstunde, keine Menschenseele war wach und Tereza schlief so fest, daß man sie bis hier herein atmen hörte -- -- und wenn dieser Mann wollte -- --

Da glitt ein Schatten über die Lampe und im selben Momente stand Ramo zwischen seiner Herrin und ihrem Gaste.

»Baronesse haben geläutet?« fragte er ruhig, als wäre es mitten am Tage. Sie hatte es nicht gethan, aber sie begriff die Wachsamkeit des treuen Menschen.

»Du sollst Herrn Doktor Ruß die Treppe herab leuchten -- er hat kein Licht,« sagte sie mit einem tiefen, freudigen Atemzuge.

Doktor Ruß aber hatte sich ganz wiedergefunden.

»Gute Nacht, liebe Dolores -- versuchen Sie's noch, ein wenig zu schlummern. Ich werde wegen des Chlorals morgen mit Doktor Müller sprechen. Er hat Ihre Natur für allzu nachgiebig gehalten mit dieser schwachen Dosis,« sagte er und reichte ihr die Hand.

Aber Dolores schien dieselbe nicht zu sehen, sondern wandte sich einfach ab und ging gelassen in ihr Schlafzimmer, das sie hinter sich verschloß mit klopfendem Herzen und fliegenden Pulsen.

Aber sie fand dennoch ein wenig Schlaf, und es träumte ihr, die »böse Freifrau« streiche leise mit ihrer kalten Hand über ihr Haar, und sage mit frohem Lächeln in ihr Ohr: »Bald! Bald! Dolores! Erlöserin!« Ganz wie in ihrer ersten Nacht im Falkenhofe.

* * * * *

Frau Ruß aber hatte am andern Morgen eine böse Zeit mit ihrem Gatten, der in seiner schlechtesten Laune war und sie mit giftigstem Hohne überschüttete, nervös lachte und in einem Zustande fieberhafter Reizbarkeit seine Kleider durchsuchte nach einem Blatt Papier in einem offenen, unbeschriebenen Couvert, das er verloren haben wollte. Frau Ruß suchte schweigend mit, aber es war nicht zu finden, und dann mußte sie hinausgehen in die kleine Bibliothek, um nachzusehen, ob er es dort verloren habe. Doch es war auch dort nicht zu finden, trotzdem noch niemand das Kabinett betreten hatte, weil es dicht neben dem Schlafzimmer der Schloßherrin lag, diese aber noch schlief und nicht gestört werden sollte. Auch Ramo, welcher die Lampe ausgelöscht hatte, nachdem er Doktor Ruß herabgeleuchtet, hatte nichts gesehen oder aufgehoben.

Hätte Doktor Ruß geahnt, daß sich ihm das Papier so nahe befand, daß es in der Kleidertasche seiner Frau war --! Aber _das_ ahnte er nicht. Und während er umherging, rastlos, blaß, mit unstetem Blick, da saß seine Frau da, die Hände im Schoß gefaltet, müßig, und unter den Augen tiefe, blaue Ränder, die Wangen hohl und in dem verblaßten, blonden Haar ein schneeweißer Streifen, der gestern noch nicht dagewesen war.

»Wie sitzest du da? Arbeite!« fuhr er sie an, und als sie sich daraufhin nicht rührte, höhnte er: »Du siehst aus, wie eine getrocknete Leichenpredigt! Was fehlt dir? Hast du einen Geist gesehen?«

»Das ganze wilde Heer,« erwiderte sie mit zuckenden Lippen.

»Wohl bekomm's!« zischte er.

Um die Mittagszeit, ehe zum Lunch geläutet wurde, kam Falkner und fragte nach Dolores, die er in der Halle mit Engels traf -- blässer denn je, aber scheinbar wohler.

»Lolo hat sich in den Kopf gesetzt, heut' ein Picknick am Hexenloch zu veranstalten,« sagte er, »und da bin ich denn beauftragt, dich zu fragen, ob du es uns erlaubst und selbst teilnehmen wirst mit deinen Gästen. Es soll statt des Diners gelten.«

»Ach ja, das ist eine hübsche Idee,« erwiderte sie freundlich. »Wir wollen das gleich mit Mamsell Köhler besprechen, meine Gäste treffe ich jetzt beim Lunch und werde es ihnen dabei sagen, damit sie ihren Dienst vorher abmachen.«

»Aber wirst du selbst denn kommen können?«

»Ich hoffe, ja. Und wenn ich mich heimlich eher entferne als die anderen, so bitte ich dich, die Pflichten des Wirtes zu übernehmen und meinen Rückzug zu decken. Bleibst du zum Lunch?«

»Nein -- ich danke dir. Ich will Lolo nicht daheim allein lassen mit den Herren.«

»Das ist recht,« stimmte sie zu. »In diesem Sinne darf ich dich nicht halten.«

Fräulein Köhler stöhnte innerlich zwar große Stücke über »den Picknickunsinn,« aber er wurde dennoch ins Werk gesetzt.

Dolores zog sich sofort nach dem Lunch zur Ruhe in ihr Zimmer zurück, und so oft Frau Ruß an diesem Tage oben anklopfte oder bei dem unablässig wachsamen Cerberus Ramo anfragte, ob sie Dolores sehen könnte, so oft wurde ihr gesagt, daß die Herrin vom Falkenhof ruhe, und als es so weit war, um zum Picknick am Hexenloch aufzubrechen, da war Gräfin Schinga oben -- Frau Ruß also überflüssig geworden.

Dolores war seit jenem verhängnisvollen Abende nicht mehr am Hexenloch gewesen, trotzdem sie diesen wildromantischen, geheimnisvoll malerischen Fleck Erde unter den Blutbuchen und den hohen, ernsten Tannen früher so sehr geliebt hatte. Daß der Platz, an den sich so viele unheimliche Sagen knüpften, an dem sie die süßeste und doch auch bitterste Stunde ihres Lebens verlebt, an welchem sie fast den Tod gefunden, heut' wiederhallen sollte von heiterem Lachen und lustigen Worten, das schien ihr, als sie sich's überlegte, freilich ganz undenkbar, aber es ist ja schließlich der Lauf der Welt, und so fuhr sie im leichten Parkwagen an der Seite ihres vornehmsten Gastes, des Kommandeurs, zum Picknickplatz, denn der Weg war ihr zu weit geworden für ihre schwankende Gesundheit, und sie wollte dann lieber zurück gehen. Die anderen waren alle schon da, als sie am Hexenloch ankamen, und lagerten auf dem grünen Rasen um das weiße, ausgebreitete Tafeltuch, darauf ausgebreitet stand, was eine feine Küche zu liefern vermag.

Dolores überlief unwillkürlich ein kalter Schauer, als sie die Stätte betrat, wo sie mit den dunkeln, tückischen Wassern um ihr Leben gekämpft -- aber damals war es offener Kampf gewesen mit einem Feinde, der sie besiegt hätte ohne Alfred Falkners Hilfe; heut' aber kämpfte sie denselben Kampf mit einem Feinde, den sie nicht zu nennen wußte, und ihr ahnte, daß sie diesem verkappten Unhold erliegen würde. Denn er hatte sich zu ihr gestohlen wie der Dieb in der Nacht, er hatte ihre blühende Gesundheit untergraben, ihr Kraft und Lebensmut geraubt und lag mit bleierner Schwere in ihren Gliedern.

Und es war fast wie damals am Hexenloch, nur daß die Sonne höher stand und neugierige Strahlen warf auf das blitzende Silberzeug der improvisierten Tafel auf dem Rasen, auf die leuchtenden Uniformen der Husaren, auf Dolores Falkners schimmerndes Haar. Es waren außer ihr nur noch drei Damen zugegen: Lolo, Gräfin Schinga und Frau Ruß. Und letztere hatte sich neben Dolores gesetzt, doch wurde sie, der bunten Reihe wegen, bald von ihrer Seite gedrängt.

Als man beim ersten Glase Sekt miteinander anstieß, da ließ Dolores auch das ihrige mit dem des Doktor Ruß zusammenklingen.

»Seien Sie nicht böse -- ich bin eine kranke und nervöse Person,« sagte sie mit Bezug auf die Vorgänge der letzten Nacht, denn sie hatte sich's überlegt, wie leicht man manchmal ein Wort spricht, wie »es ist nicht wahr,« ohne dabei etwas zu meinen in diesem Ausruf des Staunens. Und der Mann hier, dessen Blick sie mehr erschreckt, als seine Worte sie empört hatten -- er war _ihr_ Gast.

»Man ist Damen niemals böse,« erwiderte Doktor Ruß und zog ihre Hand an seine Lippen.

Bald thaten der Sekt und die muntere Gesellschaft ihre Schuldigkeit -- denn durch den Park klang weithin das laute, herzliche Lachen des sorglos fröhlichen Kreises. Und die lauteste darunter, ein Sprühteufel an Witz und Laune, war Lolo Falkner!

Doch auch Dolores' matte Lebensgeister belebte der Wein und die hinreißend gute Laune der künftigen Schlachtenlenker, und sie lachte ein paarmal sogar fröhlich auf bei einem besonders unwiderstehlich guten Scherz derselben.

Da jagten sich lustige Manövergeschichten mit lustigeren Schnurren, und manch' ein Kalauer wurde mit lachendem »Au! au!« im Chore abgelehnt -- ein Kobold, der zu einer Thür hinausgeworfen, zur anderen wieder hereinkam mit lachendem Gesicht, ein gar nicht loszuwerdender Lachgeist im heiteren Kreise.

Da fiel es plötzlich jemand ein, nach dem Ursprung des Namens »Hexenloch« zu fragen, und Doktor Ruß erzählte mit seinem wohltönenden Organ die Legende desselben, wie sie verzeichnet stand in den Annalen des Falkenhofs. Erst hörte nur der Frager zu, dann noch andere und zuletzt schwieg der ganze Kreis und lauschte auf eine jener finsteren Tragödien finsteren Aberglaubens aus längstverklungener Zeit, meisterhaft erzählt mit allen Mitteln, allen Raffinements eines Vortragsmeisters.

»Donner Wachsstock! Auf das gruselige Zeug muß man eins gießen,« sagte Graf Schinga, als Doktor Ruß geendet.

Und damit trank er ein großes Glas Sekt, das er sich schon _während_ der Erzählung vom Hexenloch mit frischen Pfirsichen präpariert hatte, auf einen Zug aus.

Das wievielte es war, wußte kein Mensch zu sagen, man konnte es aber an seinen funkelnden Äuglein und der sich sanft rötenden Nase ungefähr berechnen.

»Hu! 's wird einem ganz kalt!« sagte Lolo Falkner und schüttelte sich. »Wie kann man sich nur einen so schönen, lustigen Abend mit solch' schauerlichen Geschichten verderben! Mir sind die lustigen Geschichten lieber. Wer erzählt eine?«

»Du, Erfurt, erzähle 'mal der Baronin deine Erlebnisse aus dem letzten Quartier,« rief ein Leutnant dem andern zu.

»Ja, ja, erzählen! Das ist nämlich eine kapitale Geschichte! Und dazu der Erfurt --! Nein, zum Schreien!« schwirrte es durcheinander.

»Silentium! Der alte Graf will eine Geschichte erzählen!« rief der Kommandeur lachend.

Der also Aufgeforderte war ein ganz ›junger‹ Leutnant, der etwas spät erst des Königs Rock angezogen und einen kahlen Kopf hatte, weshalb er der alte »Graf Erfurt« genannt wurde. Charakteristisch bei ihm war, daß er sehr zerstreut war und nie eine Geschichte zu Ende erzählte, da er diese durch das Dreinreden und Aushelfen der Kameraden längst vergessen hatte, bis er dazu kam.

»Ja,« sagte er jetzt nachdenklich. »Wie war denn die Geschichte eigentlich?«

»Na, du lagst beim Bankier Schweigeles im Quartier,« half ein Leutnant ein.

»Richtig,« nickte der alte Graf erfreut. »Schöne Frau, wohlerzogen und vornehm --«

»Die Schweigelessen?« fragte Graf Schinga.

»Ja. Konnte ebensogut _Gräfin_ Schweigeles sein. Famose Frau! Wirklich! Reizend, nett und so was Angenehmes --«

»Und der alte Schweigeles?« fragte jemand.

»Greulicher Kerl, protzig, eklig -- auf jedem Finger einen Brillantring -- wie der zu _dieser_ Frau gekommen, ist mir ein Rätsel!«

Pause.

»Aber die Geschichte, Erfurt!« rief der Kommandeur.

»Ja so!« sagte der alte Graf zur allgemeinen Heiterkeit. »Also dieser Lulatsch, der Schweigeles --«

»Halt!« rief Lolo dazwischen, »das ist etwas für den Doktor Ruß! Er muß uns einen Vortrag halten über den klassischen Ursprung und die ästhetische Berechtigung des Wortes ›Lulatsch.‹«

»Nachher! Der Herr Vorredner hat das Wort,« erwiderte Ruß lächelnd.

»Ja, nun weiß ich gar nicht mehr, wie es war,« sagte der alte Graf perplex.

»Es fing mit dem Mittagessen an,« soufflierte einer der Offiziere.

»Ah, ja richtig!« nahm der alte Graf den Faden wieder auf. »Mockturtlesuppe. Dann gab es solches grünes Zeug --«

Er machte die Bewegung des Bohnenschnitzelns und man begriff.

»Dazu Lachs und -- na, wie nennt man das?« fragte er, auf seine herausgestreckte Zunge tippend.

»Ochsenzunge,« übersetzte nach dem Anblick des fraglichen Objektes ein Leutnant die Pantomime, und als sich das um den Kreis laufende Kichern gelegt hatte, fuhr der Erzähler fort:

»Eben! =Ox tongue= heißt es englisch. Nachher kam so eine gebackene Splitterteig-Chose, gefüllt mit einem Mansch von Krebsschwänzen, Spargeln und -- und -- und« er klopfte mit dem Zeigefinger auf den Kopf.

»Kalbsgehirn,« interpretierte man die bezeichnende Bewegung.

»Jawohl,« sagte der Erzähler freudig, aber nun war es vorbei mit aller Fassung und ein brausendes Gelächter versenkte auf ewig die »kapitale Geschichte« in das Meer der Vergessenheit. Der Graf nahm auch den Fund von Kalbsgehirn und Ochsenzunge bei ihm selbst gar nicht übel, er war froh, daß er schweigen durfte und den guten Sekt trinken.

»Und nun der Vortrag des Doktor Ruß,« rief Lolo, als das Lachen sich gelegt hatte.

»Er ist noch nicht ausgearbeitet,« wehrte der Angeredete ab.

»Ich höre hübsche, nette Geschichten für mein Leben gern,« gestand der Kommandeur. »Es hört sich so behaglich zu, besonders hier im Freien, eine gute Cigarre dazu als Würze. Wer erzählt noch eine Geschichte?« rief er laut.

»Ich,« sagte Frau Ruß in das allgemeine Schweigen hinein.

»Du? Liebes Weib, du scherzest,« flötete Doktor Ruß taubensanft.

»Frau Ruß hat das Wort,« sagte der Kommandeur erstaunt, aber sehr höflich, und alles lauschte gespannt, was wohl diese Frau, welche immer die Rolle der Stummen spielte, erzählen könnte.

Frau Ruß aber suchte mit den Augen ihren Sohn und nickte ihm zu, dann richtete sie die Augen auf das Wasser und begann:

»Es war einmal eine Frau --«

»Also ein Märchen,« sagte Graf Schinga mit langem Gesicht.

»Ja, ein Märchen,« sagte Frau Ruß und begann nochmals: »Also, es war einmal eine Frau, die war Witwe und hatte ein Kind, das einmal einen großen Besitz erben sollte. Erbschaften aber sind Güter im Monde -- Luftschlösser. Und auch dieses Luftschloß zerfiel in Staub und Spreu und das Kind der Witwe blieb arm. Die Witwe aber heiratete wieder --«

»Kommt zuweilen vor,« brummte Graf Schinga.

»Und sie heiratete einen bösen Mann,« fuhr Frau Ruß fort.

»So? Sonst sind meist die Weiber die Xantippen,« sagte Graf Schinga trocken, doch Frau Ruß erzählte unbeirrt weiter.

»Sie heiratete einen bösen Mann -- einen _schlechten_ Mann. Denn er liebte, weil seine Frau alt und welk wurde, ein junges, schönes Mädchen, die Erbin der Güter, als deren Herrn er seinen Stiefsohn erträumt -- --«

Sie hielt einen Augenblick inne, ohne den Blick vom Wasser abzuwenden, ohne auf das fest auf sie gerichtete Antlitz ihres Sohnes zu sehen, ohne das blasse Gesicht von Dolores mit den Augen auch nur zu streifen.

»Eine recht uninteressante Geschichte, mein Herz,« sagte Doktor Ruß leise, mit seltsam schwankender Stimme.

Währenddem war auch Falkner neben seine Mutter getreten.

»Möchtest du uns deine Geschichte nicht lieber zu Hause erzählen, Mutter?« fragte er leise, sich über sie beugend. Aber sie achtete weder auf den einen, noch auf den anderen.

»Und weil der zweite Mann der Witwe das junge Mädchen nicht sein nennen konnte, und weil sie ihn nicht wieder liebte, beschloß er sie zu töten.«

»Gott, wie romantisch,« gähnte Lolo.

»Unangenehmer Gentleman,« knurrte Schinga, Doktor Ruß aber lachte laut auf. Er lachte sonst immer leise.

»Das glaubte nämlich seine Frau,« fuhr Frau Ruß in ihrer gleichen, monotonen Weise fort. »Aber es mochte ihn noch anderes treiben -- der Besitz. Denn der Sohn der Witwe war der Erbe des Mädchens, und als Stiefvater des Besitzers dachte er sich wohlversorgt. Vielleicht war das auch der richtige Grund -- aber die Frau war eifersüchtig, weil sie alt geworden war, weil er jünger war als sie, und sie keinen Reiz mehr auf ihn ausüben konnte. Und weil die Frau eifersüchtig war, da spürte sie seinen Wegen nach -- o, so sacht, so unverdächtig, so sicher! Sie schlief nachts nicht einmal mehr, denn der Mann hatte die Gewohnheit im Schlafe zu sprechen, und sie lauschte alle Nächte mit bitterem Weh und wild schlagendem Herzen, ob er von dem schönen Mädchen und seiner Liebe zu ihr im Traume reden würde. Doch nur selten nannte er ihren Namen. Aber die Frau erfuhr aus seinen Reden etwas anderes -- nämlich, daß er ein Mörder sei, daß er das Mädchen töten wollte. Und so erfuhr sie, wie er sie belauscht am Wasser, und daß sie einen anderen liebte -- wen sagte er nicht. Aber er redete wild davon, wie er sie ins Wasser gestoßen und ein anderer sie gerettet -- ›Wer hätte auch voraussehen können, daß sie schreien würde!‹ so sagte er unablässig in jener Nacht.«

Von den Zuhörern flüsterten längst während der Erzählung der Frau Ruß Zwei und Zwei oder Gruppen miteinander. Nur Dolores hörte hoch aufgerichtet, aber leichenblaß zu, Doktor Ruß zupfte die Rippen eines Buchenblattes aus und Falkner stand wie hypnotisiert und sah nach Dolores hinüber.

»Als aber das Mädchen aus dem Wasser errettet worden war, versuchte es der Mann mit einem anderen Mittel,« fuhr Frau Ruß fort. »Denn das Mädchen hatte eine Schußwaffe, die nahm er, als sie abwesend war, und übte sich damit. Er wollte sie erschießen und die Pistole dann in ihre Hand geben, als hätte sie es selbst gethan, und er bereitete alles vor, indem er erzählte, daß das Mädchen lebensmüde sei aus unglücklicher Liebe. Aber der Schuß ging fehl, und er fand Zeit, die Waffe zurückzulegen an ihren Platz, ehe das Mädchen sie suchen konnte. O, seine Frau spürte ihm wohl nach und sah alles, alles, alles. Denn sie hatte eine wilde Freude an seinem Thun, weil sie das Mädchen haßte, haßte, haßte! Und weil sie eifersüchtig war. Als nun aber der Mann sah, daß er so nichts ausrichtete, da fing er an, dem Mädchen Gift zu geben, ein langsames, schleichendes Gift, das die sonst so Gesunde hinsiechen und hinwelken machte, wie eine Blume im Herbst. Da erwachte das Gewissen der Frau bei dem Anblick dieser welkenden Lilie und sie schlug an ihre Brust und sagte: ›=mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa=,‹ wie sie in der Messe oft so gedankenlos gethan. Aber sie sagte dem Manne nicht, daß sie ihn entdeckt habe, denn sie wußte, er würde sie töten aus Rache und Angst vor ihrer Mitwisserschaft, sie wußte, daß der Tod ihr sicher sei für ihre Entdeckung, weil der Mann grausam war -- eine Bestie unter dem Firnis höchster Kultur. Und die Frau suchte seine Wege zu durchkreuzen, um das fressende Gift in dem Mädchen aufzuhalten und es womöglich zu retten. Aber das Mädchen verstand nicht, was sie wollte, und entsetzte sich vor den warnenden Zeichen, die sie ihm gab. Und das Gift wirkte dem Manne zu langsam, unerkannt sogar von dem Arzte, der herbeigeholt werden mußte, und er beschloß, die Sache abzukürzen. Wieder erzählte er von dem Lebensüberdruß und den Selbstmordgedanken des Mädchens, denn er wollte sie mit einem schnellen Gift töten und neben ihre Leiche einen gefälschten Brief legen, darin er sie ihren Selbstmord bekennen läßt -- --«

So weit war Frau Ruß gekommen, jetzt aber wandte sie sich um und sah die wenigen, die ihr zuhörten, triumphierend an.

»Aber die Frau hatte einen Nachschlüssel. Sie schüttete das Gift aus, das die Aufschrift ›Blausäure‹ trug, und weil es nach bitteren Mandeln roch, that sie in die leere, sorgsam gereinigte Flasche etwas Wasser, parfümiert mit bitteren Mandeln -- mit weniger, als man zur Würze einer Mehlspeise braucht. Der Mann aber, der davon nichts ahnte, machte die Etikette los von der Flasche, schrieb eine andere Etikette und brachte sie dem Mädchen als Schlaftrunk. Und ohne die rastlos spürende Frau schliefe sie jetzt den ewigen Schlaf --«

»Den ewigen Schlaf --« wiederholte Dolores leise, denn sie spürte ein seltsames, unbekämpfbares Ohnmachtsgefühl in sich aufsteigen.

»Nun, und wie endete die Geschichte?« fragte der Kommandeur interessiert.

»Ich kenne den Schluß nicht,« sagte Frau Ruß sichtlich erschöpft.

»_Wahrscheinlich_ endete sie mit dem Tode des armen Mädchens,« meinte der Kommandeur.

»_Hoffentlich_ mit dem Zuchthause des bestialischen Lumpen, der seine Verbrechen so unmenschlich überlegt verübte,« sagte Falkner heiser.

»_Ganz sicher_ endete sie damit, daß man die Frau in ein Irrenhaus sperrte. Denn solch' eine Geschichte kann sich doch nur eine Wahnsinnige ausdenken,« vollendete Doktor Ruß kalt und lächelnd und schüttelte ungläubig den Kopf.

Dolores sagte nichts. Sie lehnte, unfähig sich zu rühren, an einem Baumstamm, aber sie fühlte Falkners Augen mit dem Ausdruck unsäglicher Angst auf sich gerichtet, einer Angst, die in der Frage wurzelte:

»Ist sie, die das erzählt, wirklich wahnsinnig, oder sprach sie die Wahrheit, die entsetzliche Wahrheit, deren Ende der Tod sein müßte?«

»Nehmt es mir nicht übel, aber warum wir heut' nichts wie solche grausige Geschichten erzählen, sehe ich nicht ein,« sagte Lolo. »Das gehört an den Kamin im Winter, da gruselt es sich schön dabei, aber hier im Sommer, im Grünen, will ich lustige Dinge hören. Allons, Alfred,« rief sie Falkner an, ihm einen abgebrochenen Zweig zuschleudernd. »Allons! Die Reihe ist an dir, uns eine lustige Geschichte zu erzählen!«

Aber Falkner hörte nicht. Er stand da und wollte auf dem Antlitz von Dolores entziffern, was ihm ein schreckliches Rätsel war, dessen Lösung er sich jetzt nicht ertrotzen konnte, so lange die Gesellschaft ihm die Pflicht auferlegte, zu _scheinen_, als ob er die Erzählung seiner Mutter nur für eine Geschichte hielt, die sein Haus nichts anging. Denn wenn etwas geschehen sollte, so mußte jedes Aufsehen vermieden werden.

»Nun?« fragte Lolo scharf, und als er auch darauf nicht antwortete, flammte es auf in ihrer leicht erregbaren Seele. »Du schweigst ja, wie Ekkehard, als er Frau Hadwig eine Geschichte erzählen sollte unter der Zeltlaube auf dem Hohentwiel,« rief sie hinüber. »Willst du uns am Ende auch eine Geschichte erzählen von einem Nachtfalter, der um ein Licht flog, das eine Rose im Stirnbande trug?«

Da that Falkner einen tiefen Atemzug, wie wenn er jetzt erst erwacht wäre aus einem schrecklichen Traume.

»Nun passen Sie auf, jetzt wird er uns zum besten geben, wie er seine Cousine Dolores aus dem Hexenloch zog,« sagte die junge Frau zu dem sie umringenden Herrenkreise. »Er _hat_ sie nämlich faktisch einmal dort herausgeholt,« beteuerte sie, als man diese Sache nicht ernst zu nehmen schien. »Ich möchte wirklich wissen, Alfred, ob du es noch einmal thun würdest, wenn ich zum Beispiel hineinfiele,« setzte sie nachdenklich hinzu.

Doch Falkner war nicht dazu aufgelegt, solch' kindische Fragen zu beantworten.

»Sei froh, daß du noch nicht hineingefallen bist,« sagte er zerstreut.

»Ich könnte ja hineinspringen, um zu sehen, ob du mich retten würdest,« gab sie pikiert zurück.