Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.

Part 15

Chapter 153,697 wordsPublic domain

»Dann gehe ich auf vier Wochen zu der Großherzogin auf deren Lustschloß an der See -- wir haben das schon abgemacht. Den Winter aber verlebe ich mit dem alten Freunde meines Vaters und dessen Gattin in Italien.«

»Also alles =fait accompli=?«

»Alles. Nicht wahr, Sie sind nicht böse, daß ich Sie für diesen folgenden Monat aus-, und daher zum nächsten Sommer einlade. Aber wäre ich nicht so ›Halali,‹ wie Engels es bezeichnet, so wäre ich sicherlich geblieben,« schloß sie liebenswürdig und reichte ihm die Hand, welche feucht und kalt war.

Doch obgleich Doktor Ruß sich vollkommen wohl befand, so hatte Dolores von seiner Hand genau dieselbe Empfindung, die sie abstieß und ihr unangenehm war.

»Nun, das fehlte noch, daß Sie sich deswegen bei uns entschuldigen wollten,« erwiderte er heiter, aber mit belegter Stimme.

»Und Sie? Wohin werden Sie die Achse lenken?« fragte Dolores.

»Jedenfalls zuerst nach Berlin,« meinte er sorglos. »So wenigstens habe ich es mit meiner Frau besprochen.«

Bald darauf verabschiedete er sich und stieg in seine Wohnung herab, wo seine Frau nähend saß.

»Dolores ist auf, will fort und hat uns gekündigt,« sagte er mit forcierter Lustigkeit. Und als Frau Ruß erstaunt aufsah, setzte er, etwas aus der Rolle fallend, hinzu: »Du brauchst mich nicht so erstaunt anzuglotzen, wie die Kuh das neue Thor -- heut' über acht Tage wird der Falkenhof geschlossen, und wir sind mit einer Einladung fürs nächste Jahr an die Luft gesetzt. Fürs nächste Jahr! Wenn du ein Murmeltier bist, so lege dich bis dahin schlafen, oder wenn du ein Dachs bist, so vergrabe dich und zehre an deinem eigenen Fett, wie es diese ökonomischen Tiere zu thun pflegen!«

Und damit lachte er höhnisch und ging in sein Zimmer, dessen Thür er hinter sich verriegelte.

Frau Ruß war leichenblaß geworden -- die Arbeit glitt der sonst unablässig Fleißigen aus der Hand, und sie saß, den Blick geradeaus gerichtet, wohl eine halbe Stunde da, ohne sich zu rühren, wie ein Steinbild. Endlich erhob sie sich mühsam, streifte die niederen Schuhe von den Füßen, schlich zu der Thür, durch welche ihr Gatte verschwunden war und sah durch das Schlüsselloch. Er saß, wie sie vermutet hatte, vor dem Rokokopult mit Aufsatz dessen er sich stets als Schreibtisch bediente, und schrieb -- malte vielmehr mit der Feder, langsam und oft absetzend, auf einem Blatte Papier und sah oft dabei auf ein anderes Blatt, das vor ihm lag, das Frau Ruß aber nicht erkennen konnte. Er kopierte augenscheinlich etwas. Dabei hörte sie ihn öfters Ausrufe der Unzufriedenheit und Mißbilligung ausstoßen, und endlich stand er auf und öffnete links eine der kleinen schrägen Schubladen, welche den Aufsatz des Pultes an den stumpfen Ecken flankierten, und tastete mit der Hand, nachdem er die Lade ganz herausgezogen hatte, in der leeren Höhle umher, bis ein scharfes, schnappendes Geräusch von der angespannt Lauschenden vernommen wurde. Da erhob er sich und suchte in dem schrankartigen Mittelfach umher -- was er dort that und trieb, deckte sein Rücken -- Frau Ruß konnte es nicht sehen. Nach einer Weile aber hörte sie wieder das schnappende Geräusch, worauf Doktor Ruß die Schublade in ihr Fach zurückschob und seine Schreibereien zusammen zu packen begann.

Da kehrte Frau Ruß leise auf ihren Platz zurück und saß ruhig nähend da, als nach zehn Minuten ihr Mann wieder erschien, den Hut auf dem Kopfe und den leinenen Staubmantel an.

»Engels wollte um elf Uhr den Arzt wieder holen lassen,« sagte er, »und da mir Schreibmaterialien fehlen, so werde ich mitfahren und dieselben besorgen. Du magst mir also vom Lunch einiges aufheben lassen.«

»Ja,« nickte sie, »es ist gut. Wann soll ich mit dem Packen beginnen?«

»Das hat Zeit,« erwiderte er und ging.

Wieder saß Frau Ruß still, bis sie einen Wagen aus dem Stallhofe rollen hörte und sie, hinausspähend, Doktor Ruß in seinem Staubmantel fortfahren sah. Da erhob sie sich und ging in das Zimmer ihres Gatten und an dessen Schreibtisch, dessen Pult verschlossen war, wie die Schrankthüren des Aufsatzes. Zunächst suchte sie nun die Schublade an der linken, stumpfen Ecke des letzteren, und nachdem sie mehrere dieser langen engen Dinger herausgezogen und die Fächer untersucht hatte, fand sie in dem mittelsten derselben einen ziemlich flachen Knopf, welcher sich in einer Rille weiterschieben ließ. In der Aufregung, in welcher sie sich befand, machte sie sogleich ein Experiment damit, und ein scharf schnappendes Geräusch im Innern des Schränkchens belehrte sie, daß hier ein Mechanismus ein verborgenes Fach geöffnet haben mußte, und zwar ein in dem Schränkchen selbst zugängliches Fach. Doch wie hierzu gelangen ohne Schlüssel? Mechanisch zog sie ein kleines Schlüsselbund aus der Tasche, das ihre eigene Spinde und Kommode schloß, und ließ es nachdenklich durch die Finger gleiten. Es war unter den französischen Schlüsseln auch einer, der in eine kleine Rokokokommode paßte, in welcher sie ihre Hauben und feine Wäsche verwahrte -- ein elendes Ding von einem Schlüssel mit verschnörkeltem Bartausschnitt. Diesen Schlüssel steckte sie zweifelnd und ohne seine Schließfertigkeit zu erhoffen, in das Schloß des Pultes -- und siehe da, er schloß das primitive Schloß ohne Schwierigkeiten auf.

Klopfenden Herzens, aber mit vorsichtiger Hand zog sie die Ledermappe mit Löschblattfüllung, auf welcher ihr Gatte stets schrieb, heraus, und da lagen auch gleich die frischen Schriftproben -- Blätter, auf denen der Schreiber einzelne Worte geübt und einzelne Buchstaben -- alles in den charakteristischen, auffallenden Schriftzügen von Dolores Falkner! Und hier -- hier war auch ein Brief von ihr mit nichtigem Inhalt, der als Vorlage für diese Übungen gedient haben mußte.

Vorsichtig schob sie alles wieder zusammen und schloß das Pult und -- siehe da, der verachtete und oft geschmähte kleine Schlüssel schloß auch die Schrankthür des Aufsatzes auf. Nun probierte sie wieder den Knopf in dem Schubfache -- er arbeitete leicht und sicher und öffnete in dem Schränkchen, das mit allerlei Bildern vollgeklebt war, wie man es oft in diesen alten Spinden findet, ein Geheimfach, dessen Thür unfindbar für den aufmerksamsten Sucher, mit einem bunten kleinen englischen Stich, der die Porträts des Königs Wilhelm III., der Königinnen Mary II. und Anna und deren Gemahl, dem Prinzen Georg von Dänemark, trug, verkleidet war -- ein seltenes Schmähblatt dadurch, daß es die für die letzten Stuarts schmeichelhafte Unterschrift trug:

=There is Mary the Daughter, and Willy the Cheater, And Georgie the Drinker, and Annie the Eater. --=[2]

[2]: Seltenes Flugblatt aus der Regierungszeit Wilhelms III. von England und der Königin Mary II.

Frau Ruß interessierte dies illustrierte Pamphlet von der Größe eines Oktavblattes aber gar nicht. Mit fliegender Hand langte sie hinein in das Fach -- es enthielt nichts als ein paar Pappschachteln mit weißem Pulver ohne Aufschrift, nur mit lateinischen Ziffern in I und II numeriert und ein kleines Fläschchen von blauem Glase mit Glasstöpsel. Vorsichtig zog sie diesen halb heraus und roch daran -- ein betäubender Duft von bitteren Mandeln machte sie aber sogleich zurückfahren und aufhusten. Schnell setzte sie alles wieder an Ort und Stelle, schloß Geheimfach und Schrank, schob die Schublade in ihr Fach und setzte sich dann hin, die Hände verschränkend und dachte nach.

Aber nicht lange, denn ein Blick auf die Uhr ließ sie bald wieder aufschrecken. Schnellen Schrittes verließ sie das Zimmer und fragte draußen im Korridor nach Mamsell Köhler, zu welcher sie in die Speisekammer gewiesen wurde.

Dort, in dem kühlen, gewölbten Raum stand das kleine graue Hausgeistchen des Falkenhofes und hatte alle Hände voll zu thun, um zum Lunch kalten Schinken, Roastbeef und Braten aufzuschneiden, Pasteten mit goldklarem, pikantem Aspic zu verzieren und eine Schüssel delikaten russischen Fleischsalates mit zierlich ausgestochenen roten Rüben, Pilzen, Haricots u. s. w. zu garnieren, indes drüben in der Küche die warmen Gerichte auf dem mächtigen Herde in kupfernen, spiegelblanken Kasserollen und Töpfen, welche zum Lehen gehörten und mit dem Falknerschen Wappen graviert waren, zischten, brodelten und brieten.

Frau Ruß trug das Anliegen ihres Mannes wegen Aufhebens von Essen für ihn vor.

»Sehr wohl, Frau Baronin, soll besorgt werden,« versprach Mamsell Köhler, welche nie unterließ, Frau Ruß ihren Titel aus der ersten Ehe zu geben, wie sie Lolo Falkner stets mit einer Sündflut von »Durchlauchts« überschüttete, wo sich es thun ließ. »Ich weiß wieder nicht, wo mir der Kopf steht,« schwatzte sie weiter, eine dem Eisschrank entnommene Blechbüchse mit Kaviar öffnend und den milden, grauen, großkörnigen Inhalt in eine Schüssel entleerend. »Die Herren Offiziere können jeden Augenblick von dem Manöver zurückkommen und haben dann stets einen gottgesegneten Hunger. Lieber Himmel, mit solchem Appetit aß unsere gnädige Baronesse früher auch, und jetzt --? Was hat sie sich bestellt? Ein Kaviarbrötchen und eine Scheibe Roastbeef! Wie für einen Sperling! Und wird auch davon noch die Hälfte herunterschicken, da wette ich darauf!«

Während Mamsell Köhler ihre Zunge gehen ließ wie ein wohlgeöltes Maschinenrad, musterte Frau Ruß den Inhalt dieses geschmackvollen Raumes, insbesondere aber ein Regal, auf welchem Kolonial- und Spezereiwaren in weißen Porzellanfäßchen mit Aufschrift des Inhalts standen. Daneben waren Blechkästen und Büchsen mit Thee, Cakes und Dessert aufgestellt -- alles so appetitlich und einladend wie möglich, wie es eben »nur Mamsell Köhler« verstand.

»Haben Sie noch gebrannte Mandeln?« fragte Frau Ruß.

»Sind leider ganz alle, Frau Baronin,« seufzte die Kleine mit Bedauern und viertelte eine Citrone. »Ach Gott, überhaupt die Süßigkeiten! Die essen die jungen Herren Leutnants auch wie das liebe Brot -- tellerweise! Und dabei noch die viele Schlagsahne -- man wundert sich bloß, daß den jungen Herren nicht manchmal schlecht wird in dem Magen --«

»Ich werde mir ein paar rohe Mandeln zum Knuspern mitnehmen,« unterbrach Frau Ruß diese Bewunderung eines Leutnantsmagens, hervorgegangen aus der völligen Unkenntnis dieses oft verblüffenden Organs. Und mit diesen Worten öffnete sie eine der Porzellantonnen und griff tief in dieselbe hinab.

»Das sind ja bittere,« rief Mamsell Köhler warnend, indem sie die Kaviarschüssel mit Citrone und Petersilienbüscheln garnierte.

»Ach so -- ich habe mich versehen,« erwiderte Frau Ruß, und ließ den Inhalt ihrer Rechten ungesehen in die Kleidertasche gleiten. Dann entnahm sie der Tonne mit der Aufschrift »Knackmandeln« eine Handvoll der großen, süßen Früchte, nickte Mamsell Köhler zu und ging in ihr Zimmer zurück, wo sie die Schalmandeln ruhig in ein Kästchen that und die »irrtümlich« ergriffenen und behaltenen bittern Mandeln hervorholte. Auf einem saubern Papier unterzog sie sich der Mühe, die Mandeln mit einem Federmesser zu schaben, und hatte dann die feinen Spänchen eben in ein Musselinläppchen gebunden und in ein Viertel Wasserglas voll Wasser gelegt, als der Tamtam durch den Falkenhof dröhnte zum Zeichen, daß der Lunch serviert sei. Schnell schloß sie das Glas fort in ein Schränkchen, ordnete ihren Scheitel, wusch die Hände und ging nach dem Speisesaal, wo sie an Stelle ihrer Nichte der Tafel präsidierte.

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Am Nachmittage kam Falkner mit Lolo von Monrepos herüber, um sich nach dem Befinden von Dolores zu erkundigen und fanden sie, trotz des warmen Wetters fröstelnd in ein großes, weiches Tuch aus weißer Wolle gehüllt, in ihrem Salon vor, »blaß und durchsichtig wie ein schönes Gespenst; -- wie die ›Traviata‹ im letzten Akt,« sagte Lolo Falkner später zu ihren Gästen.

Falkner war tief erschüttert von diesem Schattenbilde der einst so strahlenden Dolores und wollte gleich wieder gehen, um sie ruhen zu lassen.

»Ach nein, bleibt nur,« bat sie. »Ihr wißt, daß die Einsamkeit mir sonst so lieb ist, aber heut' habe ich mich förmlich vor ihr gefürchtet. Ich bin so schrecklich allein --«

Falkner wußte, daß seine Mutter nicht die Sympathien von Dolores hatte, darum brachte er sie nicht als Gesellschaft in Vorschlag.

»Wenn du die Gräfin Schinga zu dir herüberbitten wolltest -- sie käme gewiß gern,« meinte er.

»O ja, ich habe an sie noch nicht gedacht,« sagte Dolores, angeregt von der Idee. »Sie müßte nur nicht verlangen, daß ich spreche,« setzte sie hinzu, »denn ich bin so müde -- --«

»Ich werde gleich hinüberfahren nach Arnsdorf und die Gräfin selbst holen,« meinte Falkner aufstehend. Dolores war sehr erfreut über Falkners Bereitwilligkeit und versicherte ihm mit mattem Lächeln, es sei sehr gütig von ihm.

Lolo, froh, auf so gute Manier aus der »langweiligen Bude,« wie sie den Falkenhof nannte, heraus zu können, schloß sich ihrem Gatten an, und Dolores war wieder allein.

Aber nur wenige Minuten, da klopfte es leise und Frau Ruß trat hinein, schüchtern fast, denn sie hatte Dolores seit dem vorigen Abend nicht wiedergesehen und wurde selbst ganz blaß bei dem Anblick der weiß eingehüllten, durchsichtigen Erscheinung ihrer Nichte. Dolores selbst hatte das Entsetzen noch nicht vergessen, das diese Frau ihr gestern Abend eingeflößt durch ihren Blick, und darum klang ihr erzwungener Willkommsgruß vielleicht kälter und kürzer, als sie selbst gewollt.

»Mein Mann ist noch nicht zurück aus der Stadt -- der Arzt muß also auswärts gewesen sein,« sagte Frau Ruß fast schüchtern.

»Wahrscheinlich. Er kann mir ja doch nichts nützen,« erwiderte Dolores.

»Nein,« stimmte Frau Ruß bei, »_der_ kann dir nichts nützen. Du mußt einen anderen Arzt haben. Darf ich für dich an X. nach Berlin schreiben? Er wird gewiß dann bald kommen?«

»O, das ist überflüssig. Es wird schon von selbst wieder werden,« entgegnete Dolores gleichgültig.

»Nein, du darfst das so nicht hingehen lassen,« rief Frau Ruß dringend, »wirklich nicht! Laß mich an den Arzt schreiben, oder besser noch telegraphieren.«

»Das würde mich sofort mit dem behandelnden Arzte überwerfen -- wir müssen _sein_ Gutachten erst abwarten,« sagte Dolores kurz.

Vor diesem Einwande verstummte Frau Ruß.

»Kann ich dir deine Arznei geben?« fragte sie nach einer Weile.

»Du bist sehr gütig. Sie steht dort auf dem Tisch.«

Frau Ruß ging hin, nahm die Flasche und entkorkte sie.

»Du hast wenig davon genommen.«

»Zweimal,« sagte Dolores. »Mir ist der nichtssagende Geschmack so widerwärtig. Aber es schmecken mir viele andere Dinge ebenso -- meist der Thee am Abend.«

»Ja,« nickte Frau Ruß, aber indem sie die Flüssigkeit in den Löffel laufen lassen wollte, fiel die Flasche herab und entgoß ihren Inhalt auf den Teppich, welcher ihn sofort aufsaugte.

»Nun habe ich wenigstens eine Entschuldigung für mein Nichtnehmen,« meinte Dolores erleichtert.

In diesem Augenblick ließ Keppler sich melden. Er hatte bis jetzt drüben im Marmorsaal an dem Porträt gemalt, d. h. an dem Kleide, welches zu diesem Ende auf dem Podium auf einem Kleiderständer drapiert war. Dolores ließ den Künstler bitten, einzutreten, froh, daß sie des Alleinseins mit Frau Ruß überhoben war. Diese blieb indes auch -- sie ward aber schweigsam wie gewöhnlich und ging endlich, als Falkners mit der Gräfin Schinga zurückkehrten -- aber sie hatte auf Keppler den Eindruck gemacht, als hätte sie etwas sagen wollen und die Gelegenheit dazu nicht gefunden.

Dolores war froh, als sie fort war, und begrüßte die Gräfin mit freudiger Dankbarkeit für ihr Kommen. Und so nahmen die vier denn Platz um die Kranke, und eine halblaute, aber eifrige Konversation, welche Dolores sichtlich anregte, begann, bis sie sich müde und erschöpft zurücklehnte.

»Wollen Sie etwas Musik?« fragte Gräfin Schinga, und Dolores nickte.

»Aber etwas recht Sanftes,« bat sie.

Die Gräfin öffnete den Flügel, dachte eine Weile nach, und dann spielte sie die Introduktion zum letzten Akt der »Traviata,« diese von Todesahnung durchzitterte Weise, in welcher das zum Sterben verurteilte Herz noch einmal hoch aufklopft für einen kurzen Moment und dann erlischt:

Während Gräfin Schinga spielte, hatte Dolores sich aufgerichtet, hatte das Tuch von sich geworfen und war neben die Spielende getreten, sich mit ihr durch einen Blick verständigend. Und so flocht letztere denn nach der beendeten Einleitung ein paar Accorde der Recitative mit ein und ging über in die Begleitung des letzten Aufschluchzens der Violetta, und Dolores fiel ein mit ihrer Stimme, leise, leise, wie ein Hauch zuerst, dann stärker anschwellend und wieder erlöschend, wie das junge Leben der Singenden:

=Addio del passato, beisogni, ridenti, Le rose del volto già sono pallenti; L'amore d'Alfredo perfino mi manca Conforto, sostegno dell' anima stanca= -- --

Sie schloß schon nach dem ersten »=tutto, tutto fini=« -- »alles, alles zu Ende,« aber nie vielleicht hatte sie so erschütternd gesungen. Einmal hatte sie gestockt nach den ersten Zeilen, als der Name »Alfredo« ihr auf die Lippen trat, aber sie hatte weiter gesungen. -- Was that es zur Sache, daß sie seinen Namen jetzt in der Verbindung mit ihrer Liebe nannte -- denn =tutto, tutto fini= -- --

Und wie sie geendet hatte und Gräfin Schinga die Hände von den Tasten sinken ließ, da war es einen Augenblick sehr still in dem kleinen Kreise, so still, daß man das Summen der Bienen draußen in der warmen Spätsommerluft hörte. Und Dolores strich mit der Hand über ihre Stirn.

»=Tutto fini= --« sagte sie. »Das war mein letztes Lied.«

»Nein, nein!« rief Keppler abwehrend, die Stimme rauh vor Erregung.

»=Tutto fini=,« wiederholte Dolores. »Mir bleibt nur noch einiges zu besprechen mit dem Erben vom Falkenhof.« --

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Indes war unten Doktor Ruß endlich mit dem Arzt angelangt, und Frau Ruß unternahm es, den jovialen alten Herrn hinaufzuführen.

»Nun, wie geht's oben?« fragte er so heiter, als hätte Dolores den Schnupfen.

»Es flackert so auf mit ihr und läßt wieder ganz nach,« erwiderte Frau Ruß. »Ich hörte sie eben noch singen. Aber sie ist doch sehr krank -- --«

»Krank?« lachte der kleine Doktor. »Ich bitte Sie, Verehrteste! Ihr Herr Gemahl hat mir so Andeutungen gemacht über eine unglückliche Herzensangelegenheit -- wer ist es denn, der _Er_ nämlich?«

»Mir ist davon nichts bekannt,« sagte Frau Ruß erstaunt.

»Haha!« pustete der alte Herr, »na, dann nicht, liebe Seele! Ich werde an dem Ungenannten nicht ersticken! Herr Gemahl war aber kolossal positiv, ja, ja! Hat Selbstmordgedanken, die schöne Herrin vom Falkenhof -- lustige Gesellschaft, frische Luft -- ein =chacun= für die =chacune=, das ist die richtige Medizin dafür -- werden ja sehen -- hm, hm --!«

»Selbstmordgedanken?« fragte Frau Ruß, entsetzt stehen bleibend.

»Pst! So 'was sagt man nicht so laut wie Sie,« tuschelte der Doktor. »Dazu braucht's aber keine Apotheke, sondern man muß es eben nur wissen! Ja, wenn ich zur Diagnose immer die Winke des Herrn Doktor Ruß hätte, dann wollt' ich sie schon immer richtig stellen!« -- -- --

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In den nächsten zwei Tagen wurde es wieder besser mit Dolores, so daß sie spazieren fahren und sich auch etwas an der Gesellschaft beteiligen konnte. Von Monrepos kamen täglich Boten nach dem Falkenhof, welche sich nach dem Befinden der Kranken erkundigten -- Falkner selbst aber kam nicht, denn Lolo behauptete, sie könnte kranke Leute nicht leiden und es nicht hören, wenn jemand von seinem Tode redete -- _ihr_ sei gar nicht zum Sterben zu Mute, im Gegenteil --!

Und so hielt auch er sich fern und hörte nur von Keppler Genaueres. Danach war sie ja, mit Ausnahme des bleischweren Gefühls in den Gliedern, einiger Frostanfälle und Stunden gänzlicher Apathie, relativ wohl, ja selbst heiter, und klagte nur über die schlaflosen Nächte, die so langsam und tödlich bedrückend dahinschlichen. Der gute Doktor Müller mit seiner Rußschen Diagnose kam nicht mehr wieder.

»Einquartierung hilft besser als ich,« hatte er pfiffig behauptet, Dolores Sekt und Kaviar verordnet und war froh gewesen, die langen Fahrten nach und von dem Falkenhofe wieder mit seinem gewohnten Skat im »Grünen Hirsch« zu Kuckucksnest vertauschen zu dürfen. Von einem anderen Arzte wollte Dolores nichts wissen, und die Gesellschaft der darauf dringenden Frau Ruß vermied sie möglichst, besonders unter vier Augen.

Am Abend des vierten Tages, als Gräfin Schinga, die ihr treulichst Gesellschaft leistete, nach Hause gefahren war, trat Doktor Ruß bei der müde und abgespannt dasitzenden Dolores ein.

»Ich kann es gar nicht mehr mit ansehen, daß Sie nicht schlafen,« sagte er sanft und teilnahmsvoll. »Darum bin ich heut' Nachmittag nach der Stadt gefahren und habe mit Doktor Müller gesprochen. Derselbe konnte leider nicht selbst kommen, hat mir aber ein Schlafmittel für Sie mitgegeben, welches Sie in Wasser nehmen sollen, sobald Sie fühlen, daß der Schlaf wieder nicht von selbst kommt.«

»O, ich danke Ihnen tausendmal,« rief Dolores, das Fläschchen von blauem Glase entgegennehmend, das er ihr reichte.

»Ich habe das Rezept gelesen,« meinte Doktor Ruß. »Chloralhydrat mit etwas Sirup und Bittermandelwasser -- es wird schon seine Dienste thun.«

Damit wollte er sich entfernen, doch Dolores reichte ihm nochmals die Hand.

»Gute Nacht und herzlichen Dank,« sagte sie, und fügte hinzu: »Durch diesen Zaubertrank kann ich ja mit Wallenstein sagen:

Ich denke einen langen Schlaf zu thun, Denn dieser letzten Tage Qual war groß.

Freilich hatte der Generalissimus einen längeren Schlaf als er dachte, denn er wurde ermordet.«

»Gute Nacht,« erwiderte Doktor Ruß so leise und mit so veränderter Stimme, daß Dolores dieselbe gar nicht wieder erkannte. Und er glitt zur Thür hinaus wie ein Schemen.

Ein Weinglas mit Wasser neben sich nebst der blauen Flasche, legte sie sich zeitig zur Ruhe und wartete auf den Schlaf, doch derselbe kam nicht. Nebenan in dem Ankleidekabinett war Tereza eingeschlafen -- die treue Seele hatte all' die vorigen Nächte gewacht und war zu Tode ermüdet.

Auf dem Uhrturm des Falkenhofes schlug es elf Uhr, und als es Mitternacht schlug, machte Dolores Licht, goß den Inhalt des Fläschchens in das Wasser und trank das stark nach bitteren Mandeln duftende Medikament in einem Zuge aus. -- -- -- -- --

Und es schlug Eins. Da erhob Dolores sich resigniert von ihrem Lager, weil doch auch das Schlafmittel nicht wirken wollte, warf ihren Schlafrock über, nahm ein Licht und ging in die kleine Bibliothek, mit Lesen die langen, langen Nachtstunden zu kürzen.

Sie entzündete eine Lampe und holte ein Buch, aber es wollte nicht gehen mit dem Lesen, denn sie war zu müde, ihre Augen zu übernächtig. Und weil die Augen sie schmerzten von dem vielen Wachen und vom Licht, so lehnte sie sich zurück und schloß die Lider, und wer jetzt hineingetreten wäre, hätte sie müssen für gestorben halten, so blaß und regungslos saß sie da in dem matten Lichte der bläulichen Glaslampe. Mit einem Mal war's ihr, als hörte sie nebenan im Saal eine Thüre gehen und leise, leise Schritte -- -- »Tereza,« dachte sie müde und blinzelte unter den Lidern hervor nach den Portieren, welche den Saal von dem Kabinett abschlossen. Und die Schritte kamen näher und hin und wieder knisterte unter ihnen ein locker gewordenes Teilchen des alten Parketts -- endlich ward die Portiere zurückgeschlagen und -- -- Doktor Ruß stand auf der Schwelle.

Dolores sah ihn stehen und der Gedanke durchfuhr sie: »Was will er hier, mitten in der Nacht?« Still und ruhig blieb sie sitzen, die Augen geschlossen, und leise, leise schlich er näher und stand endlich dicht vor ihr und beugte sich herab, auf ihre Atemzüge zu lauschen, die sie künstlich zurückhielt.

»Sie ist tot,« murmelte er, griff in die Brusttasche seines Rockes und zog ein Blatt Papier hervor, das er auf den Tisch legte.

Da schlug Dolores die Augen auf zu ihm.

»Was wollen Sie hier, Doktor Ruß?« fragte sie laut.

Da fuhr er zurück mit einem heiseren Schrei, der wie das Brüllen eines gereizten Panthers klang.