Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 14
»Es liegt mir gar nichts an ihrer guten Meinung über mich,« behauptete die junge Frau bebend, und als Falkner darauf nichts erwiderte, brach sie in Thränen aus. »Du weißt doch, daß ich eifersüchtig auf sie bin.«
»Du solltest aber auch wissen, daß ich nicht der Mann bin, den dir am Altar geleisteten Eid zu brechen,« erwiderte er ernst.
»Es haben ihn aber schon viele gebrochen,« warf sie ein.
»Dann war's ein Meineid wie jeder andere,« entgegnete er. »Oder hältst du einen Gott geleisteten Eid für geringer, als einen solchen vor Gericht?«
»Ich weiß nicht,« erwiderte sie verwirrt. »Das ist zu hoch für mich. Aber Dolores Abbitte leisten -- -- niemals!« setzte sie eigensinnig hinzu.
»Warum hast du denn diese Unterredung gesucht, wenn du das Begangene nicht gut machen willst?«
»Weil mir an deiner Meinung etwas liegt -- an der von Dolores nichts.«
»Es gehört aber zu meiner guten Meinung, daß man seine Schuld durch ein freies, ehrliches, offenes Wort bekennt und wieder gut macht. Was nützt mir alles Trotzen und Debattieren, wenn man _dazu_ den Mut nicht hat?« fragte Falkner sehr bestimmt.
Doch es war nichts auszurichten -- sie blieb eigensinnig bei ihrer Weigerung, trotzdem sie sah, daß es ihn verstimmte und abstieß. Infolgedessen entschloß er sich, dem Falkenhofe fern zu bleiben, machte aber Lolo, um es ihr ganz leicht zu machen, den Vorschlag, eine Zeile an Dolores zu schreiben.
»Die Tochter des Herzogs von Nordland entschuldigt sich nicht bei ihres Vaters Unterthanen,« brauste die »Durchlaucht« in der jungen Frau auf.
»Dann mußte die Tochter des Herzogs von Nordland auch keinen seiner Unterthanen heiraten,« gab Falkner gereizt zurück, und wünschte trotz aller guten Vorsätze und blindestem Pflichtgefühl, zum erstenmal unverhohlen vor sich selbst, daß es in der That so gewesen wäre. Er hielt unter diesen Umständen eine Annäherung an Dolores für die Zukunft für ausgeschlossen, und da es ihm nicht einfallen konnte, vor der Welt mit seiner Frau zu brechen, so mußte er dem Falkenhofe gleichfalls fern bleiben. Er schrieb deshalb an Dolores, zerriß den Brief aber in mehreren Concepten, denn es hatte sich zwischen die Zeilen desselben jedesmal ein warmer Ton geschlichen, den er vermeiden wollte, weil er vor dem strengen Richterstuhl seines Gewissens nicht bestehen konnte. Er hielt daher Keppler an, ehe dieser zur Sitzung nach dem Falkenhofe hinüberging, teilte ihm das Notwendigste mit, nämlich, daß seine Frau ihren unpassenden Scherz nicht als solchen einsehen wollte und er infolgedessen den Falkenhof nicht besuchen könnte, da er sich von seiner Frau nicht trennen wolle und dürfe. Er bat Keppler, Dolores dies zu sagen mit seinem tiefsten Bedauern, diese Maßnahmen ergreifen zu müssen.
»Schreiben Sie das lieber, Falkner,« meinte Keppler.
»Nein. Es ist besser so,« entgegnete er, und Keppler ging, aber der Auftrag war ihm peinlich, und er entledigte sich seiner auch erst gegen das Ende der Sitzung. Der Ausdruck von Schmerz und Qual in dem schönen Antlitz der Lehnsherrin, der seiner Mitteilung folgte, erschreckte ihn tief, aber er sagte nichts, da auch sie nichts erwiderte. Doch als die Sitzung schloß und sie die Estrade verließ, sagte sie:
»Wenn Sie einen Augenblick warten wollen, Herr Professor, bis ich mich umgekleidet habe, so will ich Sie nach Monrepos begleiten.«
»Sie wollen nach Monrepos -- Sie?« fragte er erstaunt.
»Ja,« erwiderte sie fest. »Soll ich die Eris sein, welche den Zankapfel wirft in diese Ehe? Da sei Gott vor, und wenn ich einen Bruch da drüben verhüten kann und ich thäte es nicht -- wie könnt' ich das im Jenseits verantworten?«
»Es wird nicht jeder so groß denken,« sagte Keppler bewegt.
»Ich sehe nichts Großes darin, nur das rein Menschliche.« Sie nickte müde, und rauschte in ihrer goldgestickten Schleppe hinaus, die Kleider zu wechseln, während er noch an der Stickerei und den Spitzen auf dem Gemälde weiterarbeitete. Als er dann die Palette beiseite legte und hinunterging, fand er Dolores schon wartend, und schweigend schritten sie über das Bowling-green nach der Allee, welche nach Monrepos führte. Endlich brach Keppler das Schweigen.
»Ich habe noch gar nicht einmal gefragt, wie Sie sich heut' fühlen.«
»Besser und weniger matt,« erwiderte Dolores in Gedanken.
Da blieb Keppler stehen.
»Hätte ich doch das Recht, ein offenes Wort mit Ihnen zu sprechen,« rief er, sichtlich erregt.
»Das Recht gebe ich meinen Freunden gern,« sagte sie erstaunt, aber freundlich.
»Wirklich? O, dann lassen Sie mich kraft dessen eine Bitte wagen: kehren Sie um! Thuen Sie nicht diesen Gang nach Monrepos.«
»Warum?«
»Weil -- weil -- -- kurz, dieser Gang hat seine Gefahren,« erwiderte er mit sichtlichem Kampfe.
»Ja --
Sehr gefährlich ist der Aufenthalt So allein im dunkeln Pinienwald
singt die Gräfin in Gasparone,« scherzte Dolores. »Aber ich fürchte mich nicht,« schloß sie lächelnd.
»Dolores, es ist mir heiliger Ernst,« sagte Keppler. »Hören Sie mich an, ja?«
»Sprechen Sie.«
»Nun dann -- nochmals, kehren Sie um; lassen Sie das Verhältnis mit Monrepos auf diesem Fuße stehen, den Falkner einnimmt -- seine thörichte, eigenwillige Frau thut Ihnen und ihm den größten Dienst damit!«
»Das verstehe ich nicht,« sagte Dolores kühl und verwundert.
»Dolores, Sie _müssen_ mich verstehen,« rief er beschwörend.
»Nein,« wiederholte sie kurz und kühl.
Da rang er mit sich einen kurzen Augenblick.
»Dolores,« sagte er dann leise und schnell, »ich weiß, wie es mit Ihnen und Falkner steht -- er hat sich bei der Scene mit der Schlange unbewußt verraten -- Sie schon früher. Ich habe alles gesehen. --« --
»Sie haben Gespenster gesehen, Herr Professor Keppler und überschreiten das Ihnen erteilte Recht eines offenen Wortes in unverantwortlicher Weise,« unterbrach sie ihn, blaß bis an die Lippen, aber fest, kalt und hochmütig, doch in ihrem Herzen rang der Schrei sich los: »Um Gott, ist es so weit gekommen, daß das Tote wieder erwacht und sich aus mir verrät? Und aus ihm?«
Und wie der echte, rechte Mut zu wachsen pflegt im Augenblick der Gefahr, wie Heldenherzen lieber gegen sich selbst den Stoß richten, ehe sie wanken und irren, so fand auch Dolores in diesem Moment den Mut der Selbstentäußerung, denn ehe Keppler noch etwas erwidern konnte, fuhr sie schon fort:
»Und dies Überschreiten Ihrer Rechte zwingt mich, Ihnen ein Geheimnis preiszugeben, dessen Wahrung ich Ihrer Ehre anvertraue -- ich werde mich mit dem Erbprinzen von Nordland vermählen!«
Wieder blieb Keppler stehen -- vernichtet, betäubt.
»Die morganatische Gemahlin eines regierenden Duodezfürsten -- dazu sind Sie zu schade!« brach er dann los.
»Die Beurteilung dieses Schrittes bitte ich mir zu überlassen,« erwiderte sie heftig, sprühenden Blickes.
Da schwieg er, und sie gingen weiter, doch ehe sie bis dicht an das Gitter von Monrepos kamen, da reichte er ihr bittenden Blickes die Hand.
»Es war gut gemeint, verzeihen Sie.«
»Gern,« erwiderte sie tonlos.
»Ich habe Sie und meinen Freund Falkner auch mit keinem Hauch eines Verdachtes gekränkt,« fuhr er fort, »und warnen kann nicht beleidigen --« --
»Gewiß nicht. Aber ich vertraue darauf, daß ich den Warner in der eigenen Brust trage,« unterbrach sie ihn stolz.
Da lächelte er trübe.
»Das Herz ist oft stärker und siegt,« war seine Antwort.
Doch sie waren bei Monrepos angelangt und das Gespräch damit zu Ende. Dolores sah zu ihrer Freude, daß Falkner und Lolo allein an einer Blumenrabatte standen und wohl ihre Gäste zum Lunch erwarteten. Und während Keppler sich zurückzog, trat sie schnell auf die Überraschten zu.
»Liebe Lolo,« sagte sie herzlich, aber auf den Wangen noch die Blässe der Erregung, »liebe Lolo, ich komme dir zu sagen, daß ich neulich nach meinem thörichten Schreck über die Schlange, recht abweisend und unhöflich zu dir war, die als Gast bei mir weilte. Das thut mir herzlich leid, denn ich bin überzeugt, daß du dir nur einen Scherz machen wolltest, weil du nicht wußtest, wie weit meine Antipathie gegen diese Tiere geht. Sei mir also nicht böse, und du auch nicht, Cousin Alfred!«
»Siehst du nun, wer unrecht hatte?« rief die junge Frau triumphierend. »Und da sollte ich mich vor ihr demütigen, die jetzt zu mir kommt? Haha, ich werde deiner Abgötterei, die du mit Dolores treibst, keinen Weihrauch mehr liefern!«
»Eleonore!« rief Falkner erschrocken, aber Dolores, welche auf diese Wendung freilich nicht gefaßt war, mußte unwillkürlich lachen.
»Bravo, Lolo,« rief sie gutmütig, »da hast du aber recht, denn Weihrauch macht mir stets Kopfschmerzen.«
»Und ich muß davon niesen,« gestand Lolo, deren momentane Empörung gegen die eingebildete Ungerechtigkeit ihres Gatten der rosigsten Laune wich, weil ihr von der Seite recht gegeben wurde, auf der Falkner ihr das Unrecht gezeigt.
In diesem Augenblicke erschienen auf der Veranda die auf Monrepos einquartierten Offiziere, und die junge Frau ging ihnen strahlend heiter entgegen. Nach der gegenseitigen Begrüßung erklärte Dolores indes nach Hause gehen zu müssen, und Falkner begleitete sie bis an das Thor.
»Das war ein Schritt von dir, Dolores, welcher dir alle Ehre macht, eine große Selbstverleugnung, deren Motive ich zu erraten glaube,« sagte er beim Abschied, »aber du hast gesehen, wie Lolo es aufgefaßt hat. Das verzogene Kind wird dadurch von dem eigenen Unrecht nicht überzeugt --«
»Das hab' ich auch nicht gewollt,« unterbrach sie ihn. »Ich war ihr diese Rechtfertigung schuldig, denn ich habe sie als meinen Gast verletzt!«
»O, wäre sie nur halb so wie du,« murmelte er, doch sie war davon geeilt, ehe er den Satz vollendet hatte.
Im Parke hielt sie ein im schnellen Gehen -- die erregten und aufgestachelten Nerven ließen nach, und die alte, rätselhafte Schwäche, Müdigkeit und Apathie kam wieder, unterbrochen von Momenten bittersten Wehs und heftiger Anklagen gegen Keppler. Was hatte dieser Mann davon, den Schleier von ihrem Herzen zu ziehen und ihr armes, unseliges Geheimnis bloß zu legen? Welches Recht hatte er, ihr die Harmlosigkeit Falkner gegenüber zu rauben, ihr den Glauben zu nehmen, daß sie überwunden hatte?
Todesmatt, fiebernd und elend im Herzensgrunde kam sie in den Falkenhof zurück und setzte sich gleich an den Schreibtisch, den Brief an den Erbprinzen zu schreiben, der ihm ihr Jawort bringen sollte. Aber ihr Kopf schmerzte sie, und die Gedanken verwirrten sich, daß sie abstehen mußte davon und sich zur Ruhe legen.
Ein kurzer, aber erquickender Schlaf that ihr unendlich wohl, doch ließ sie sich am Mittagstisch entschuldigen und Frau Ruß bitten, ihren Platz an der Spitze desselben zu vertreten.
Erst gegen Abend ging sie wieder hinaus und stattete Engels einen Besuch ab, fand ihn aber nicht vor.
»Herr Engels ist mit den Herren Offizieren zum Pürschen gefahren,« hieß es.
Da ging Dolores durch den Park zurück, brach unterwegs ein paar Rosen und ging dann nach der Terrasse, auf der Ramo eben den Theetisch ordnete und Herr und Frau Ruß schon wie gewöhnlich saßen.
»Nun, geht es besser, liebe Dolores?« fragte Doktor Ruß, ihr entgegen kommend.
»Danke, ja,« erwiderte sie. »Ich freue mich jetzt auf eine Tasse Thee!«
Und damit übernahm sie die Bereitung des belebenden, durstlöschenden Trankes, während Doktor Ruß seine Bücher ins Haus zurücktrug und sich seine Cigarrentasche mitbrachte.
»Unsere Herren Husaren sind alle auf der Jagd,« berichtete er, Platz nehmend. »Es wurde heut' bei Tisch viel Jägerlatein gesprochen, und definitiv die Hoffnung aufgegeben, den Steinadler zu erlegen, trotzdem er noch im Falkenhofer Revier gesehen worden sein soll.«
»Wirklich? Wer weiß!« sagte Dolores, den Theeextrakt in die Tassen gießend und aus dem Samowar mit kochendem Wasser auffüllend. Und dabei hatte sie ein eigentümlich schwankendes Gefühl und den Gedanken: das hab' ich schon erlebt -- hier den Theetisch, dort das Abendbrot und jetzt werden sie den Adler bringen -- --
Man nennt es Hallucinationen, dieses Erinnern an eine Vergangenheit, welche uns unbekannt ist, weil sie vielleicht nur im Lande des Traumes liegt -- oder diesen Blick in die Zukunft. Man hat noch nicht entdeckt, was die richtige Bezeichnung ist für diesen Zustand, in welchem man das Gefühl hat, als wäre man ganz anderswo, als berührten unsere Füße den Boden nicht. Und verwandt, eng verschwistert damit ist jenes seltsame Gefühl, das man manchmal beim Betreten fremder Häuser, beim Anblick uns bis dahin unbekannter Gegenden hat --: das kennst du schon, hier bist du schon einmal gewesen -- --
Wann?
Vielleicht im Traum, wo die Seele unbeherrscht von der physischen Willenskraft umherschweift. Aber wer kann dieses Rätsel lösen, wer eindringen in diese Mysterien? Wir haben nur ein »Vielleicht« für dies alles, und dieses »Vielleicht« hat Freidenker zur Irrlehre der Seelenwanderung geführt, trotzdem wir aus dem Evangelium wissen, daß wir nach dem Tode zwar weiter leben, aber nicht im Fleische, sondern im Geiste, daß also diese Hallucinationen, wie die Wissenschaft dies Erinnern und Hellsehen bezeichnet, keine Erinnerungen sind aus einem früheren Leben in anderer Gestalt. So schnell wie diese seltsamen Blitze durch die Seele fliegen, so schnell verschwinden sie auch, aber dennoch überschauerte es Dolores ganz eigen, als eben, wie sie ihre Tasse an die Lippen setzte, Engels, gefolgt von zwei Forstgehilfen, die eine seltsame Last trugen, um die Turmecke rechts von der Terrasse bog. Schon von weitem zog er den Hut und schwenkte ihn hoch in der Luft.
»Seltene Beute,« rief er laut herüber, »wir haben ihn, den König der Lüfte!« --
Und in der That brachten sie den gewaltigen Vogel herauf und legten ihn mit ausgebreitetem Flug auf den Steinestrich der Terrasse.
»Drei Schüsse haben ihn gefehlt, der meinige ihn getroffen,« berichtete Engels ganz stolz und mit leuchtenden Augen. »Die Herren Offiziere wollten ihn zu Ihren Füßen legen, Fräulein Dolores, und nun wird mir diese Freude und Ehre.« --
Gerührt reichte Dolores dem Getreuen die Hand, die er mit abgezogenem Hut ehrfurchtsvoll an die Lippen führte.
»Wir lassen ihn ausstopfen, und dann soll er einen Ehrenplatz bekommen in meinem Zimmer,« sagte sie erfreut.
»Welche enorme Flügelspannung,« bewunderte Doktor Ruß. »Ich möchte wohl seine Weite kennen!« --
»Dort ist ein Maß in meinem Arbeitskorb,« sagte Frau Ruß und wollte es holen, doch ehe sie über den Vogel weg zurück an den Tisch gelangen konnte, war er schon dort und suchte in dem Korbe, den Rücken den anderen zugekehrt -- --
Plötzlich erhielt Dolores einen Stoß, der sie, die neben dem Adler auf dem Boden kniete, fast umgeworfen hätte. Es war Frau Ruß, die an sie gestoßen hatte, und sich jetzt, ganz rot im Gesicht, wieder aufrichtete.
»Verzeih',« murmelte sie, »ich wollte nur auch den Adler sehen --«
Doch ehe Dolores sich über das eigentümliche Gebaren der Tante wundern konnte, war Doktor Ruß mit dem Maße neben ihr und begann mit Hilfe der anderen die Breite des Fluges zu messen.
»Eins -- zwei -- zwei Meter sieben Centimeter,« meldete er, sich aufrichtend, und wischte sich von der Anstrengung dicke Schweißtropfen von der Stirn, so daß Engels noch gutmütig neckend sagte:
»Na, Doktor, Sie müssen auch mal wieder in Training, sonst werden Sie bald ein richtiger Apoplektiker. Donnerwetter, schwitzt der Mann von dem bißchen Bücken!« --
Doktor Ruß lachte etwas nervös zu der medizinischen Meinung des »lieben Engels.«
»Ja ja, uns alten Herren wird der Training nur etwas sauer, wenn wir heraus sind,« meinte er.
»Nun aber eine Tasse Thee mit _viel_ Rum, lieber Engels,« rief Dolores, und nachdem die Forstgehilfen gegangen waren, setzte man sich wieder an den gemütlichen runden Tisch. Engels hatte bald seine Tasse vor sich stehen, deren Inhalt den euphemistischen Namen »Thee« führte, in der That aber ein ehrlicher, steifer Grog war, dessen weniges Wasser eine Theekanne passiert hatte.
Als nun Dolores dem glücklichen und von den andern Jägern sicher sehr beneideten Schützen des Adlers auch noch eine Schüssel voll zierlich belegter Sandwiches zugeschoben hatte, nahm sie selbst endlich ihre Tasse und führte sie zum Munde, und als sie dabei aufsah, nahm sie wahr, wie Frau Ruß ihre Augen auf sie geheftet hatte, starr, unbeweglich, mit einem seltsamen Ausdruck darin von Angst, Drohung, Haß, Neugier -- --
Wie gebannt begegnete Dolores diesem Blicke, der so steinern und doch so ausdrucksvoll war, der ohne die Wimpern zu zucken nach ihr hinübersah -- und da beschlich sie vor diesem Blicke ein solch' furchtbares Grauen, eine solch' entsetzliche Angst, die sie sich selbst nicht hätte erklären können, daß etwas von dem Gefühl eines zu Tode gehetzten Wildes über sie kam und sie fort wollte, fort, und doch nicht konnte, gefesselt von diesen kalten, hellen Augen, welche sie unverwandt ansahen -- --
Da fiel die nur halb geleerte Tasse klirrend aus ihren Händen hinab auf die Steinfließe der Terrasse, und dieses Geräusch erlöste sie aus einem, wie ihr deuchte, endlosen, in der That aber nur Sekunden währenden Bann, sie stieß einen halberstickten, halbgelähmten Schrei aus, taumelte ein paar Schritte weiter und fiel bewußtlos über den mächtigen Körper des toten Adlers zu Boden -- -- -- -- --
Als sie die Augen wieder aufschlug, lag sie auf ihrem Bett, neben welchem Tereza und Frau Ruß standen -- --
»Fort!« rief sie letzterer in höchster Angst zu, »fort -- fort -- um Gottes willen -- ich fürchte mich vor dir --« --
Da zuckte es über das kalte, ausdruckslose Gesicht der großen Frau wie Wetterleuchten, aber sie wandte sich sofort ab und ging hinaus. Draußen im Korridor aber stand sie still, schlug beide Hände vor ihr blasses Gesicht und schluchzte, thränenlos, und mußte, um sich fassen und mit ihrem gewöhnlichen Ausdruck unten erscheinen zu können, lange stehen, ehe sie wieder hinabstieg und von ihrem Gatten mit einem teilnahmsvollen: »Nun, wie steht es oben?« empfangen wurde.
Indes fuhr Engels mit den schnellsten Pferden nach der Stadt, um dort für Dolores einen Arzt zu holen, welcher nach der unvollkommenen Beschreibung des Zustandes seiner Patientin auf eine schwere Nervenerschütterung schloß und sich mit einigen beruhigenden Präparaten versah. -- Auf dem Rückwege von der Stadt begegnete er Falkner zu Pferde, und dieser war sehr erschrocken über die schlechten Nachrichten von Dolores und ritt nun sofort mit nach dem Falkenhofe. Doch war das, was er von Doktor Ruß über den Fall hörte, wenig genug, aber im ganzen beruhigend und überzeugend. -- »Die Nerven sind es, die Nerven!« meinte er. »Entsinne dich, wie gesund sie war, als sie die Musik eine Zeitlang ganz ruhen ließ. Plötzlich aber warf sie sich mit nervöser Hast auf das, was ja entschieden ihr Beruf ist, was ihren Neigungen entspricht, spielte stundenlang, sang und komponierte, bis ihre Nerven dem Reize nachgaben. Sie kann froh sein, wenn sie einem Nervenfieber entgeht, was ich aber glaube, wenn sie die richtigen Arzneien bekommt: Schlaf und Ruhe.«
Der Ausspruch des Arztes, den Falkner erwartete, lautete ähnlich. Er hatte ihr ein neu erfundenes, auf die Nerven wunderbar beruhigend wirkendes Präparat eingegeben und verschrieb nun noch ein Präservativ gegen erneute »Anfälle,« denen er aber etwas für ihn noch Unerklärliches nicht absprach.
Dolores verbrachte, dank dem Schlafmittel, eine ruhige, ungestörte Nacht, in welcher ihr unaufhörlich träumte, daß die Ahnfrau Dolorosa blaß und traurig vor ihr stände und sie beschwor, ihren Sieg über den Bösen nicht halb sein zu lassen, sondern zu vervollständigen, damit sie Erlösung fände.
Dieser Traum und die wiederholten Worte standen so klar und deutlich vor ihr, als sie erwachte, daß sie darüber nachdenken mußte. Diesen häufigen Träumen, in welchen eine Warnung vor »dem Bösen,« vor einer vagen Gefahr, immer wiederkehrten, seit sie im Falkenhofe war, fing sie an die Schuld an ihren herabgestimmten Nerven beizumessen, denn seit sie von Nordland zurück war, war kaum eine Nacht vergangen, die ihr nicht einen Traum gebracht, in welchem die Ahnfrau und deren Warnungen eine Rolle spielten. Freilich, der Schuß durch den spanischen Brief und der trotz aller Gegenvorstellungen nicht eingeschlafene Verdacht, daß ihr Sturz ins Hexenloch kein zufälliger gewesen, waren ja schließlich genug, um die unablässigen aufregenden Träume von nahen Gefahren für die zu rechtfertigen, welche an eine Einwirkung auf die Seele im Traume glauben, aber Dolores hatte sie eigentlich immer vergessen, wenn das Sonnenlicht kam und die klaren Gedanken ihres klaren Kopfes warm durchleuchtete. -- Und wie sie nach dieser letzten Nacht erwachte und wieder die Erinnerung an den Traum derselben die Klarlegung der Vorgänge des vergangenen Tages verdrängten, der ihr eine so starke seelische Erregung gebracht, da überkam sie _ein_ Wunsch, _ein_ Gedanke --: »Fort von hier!« Und dieser Wunsch wurde so stark in ihr, daß er sie förmlich kräftigte und sie trotz der Gegenvorstellungen Terezas aufstand und sich in einen weichen, weißwollenen Schlafrock gehüllt auf dem Balkon ihres Salons das Frühstück servieren ließ. Dort sah sie der unten promenierende Doktor Ruß, fragte an, ob er störe und ließ sich auf die verneinte Antwort bald darauf ihr gegenüber nieder, ein wohlverbundenes und etikettiertes Fläschchen in der Hand, dessen wasserheller Inhalt ganz unschuldig aussah.
»Es freut mich unendlich, Sie wieder wohlauf zu sehen, teure Dolores,« sagte er mit dem tiefen, leisen Wohlklange seines Organs. »Aber,« fügte er, das Fläschchen schüttelnd, hinzu, »aber Sie müssen auch ›brav‹ sein und dies Tränkchen nehmen, das Doktor Müller für Sie verschrieb, und das ich selbst gestern Abend noch aus der Apotheke für Sie holte.«
Dolores versicherte, daß sie Arznei im ganzen ohne Schwierigkeiten nähme, sofern dieselben nicht bestimmte, ihr widerwärtige Mixturen enthielten, und schluckte darauf zum Beweise sofort einen Theelöffel voll, den Doktor Ruß ihr füllte.
»Schmeckt es schlecht?« fragte er lächelnd, als Dolores den Mund etwas verzog.
»Schlecht ist zuviel,« meinte sie, »aber es ist ein merkwürdiger Geschmack, ich weiß nicht wonach -- ein Geschmack, der mich verfolgt, denn ich habe ihn schon in gewöhnlichen Speisen und Getränken verspürt.«
»Einbildung, pure Einbildung, liebe Dolores,« sagte Doktor Ruß. »Aber es ist ein Beweis krankhaften Zustandes.«
»Freilich wohl! Denn woher schmeckten mir sonst verschiedene Dinge ganz gleich?«
Sie spielte eine Weile sinnend mit der Etikette des Fläschchens, welche »zweistündlich einen Theelöffel« vorschrieb und begegnete, aufsehend, dem auf sie gerichteten Blicke des Doktor Ruß. Nervös erregt, wie sie war, machte selbst dieser Blick sie erschauern, doch sie bekämpfte schnell ihr Unbehagen.
»Lieber Doktor,« sagte sie dann nicht ohne eine gewisse Verlegenheit, »nicht wahr, Sie sind nicht böse, wenn ich Sie und die Tante für den Monat, den ich noch hier bleiben wollte, auslade. Ich _muß_ aber fort, sonst geht meine Gesundheit ganz zu Grunde. Ich denke, die See soll mir jetzt noch gut thun. Dafür aber besuchen Sie mich nächsten Sommer wieder hier recht lange, nicht wahr?«
»Natürlich, natürlich, liebe Dolores! Bedarf es zwischen uns der Formalitäten? Sicherlich doch nicht!« erwiderte Ruß hastig und lauter als gewöhnlich. »Und wann wollen Sie fort?« setzte er gespannt hinzu.
»Sobald die Einquartierung fort ist -- also genau in einer Woche. Es wird mir schwer genug, auch diese noch hier zu bleiben, denn ich fühle, daß ich einer Reparatur meiner Nerven dringend bedarf.«
»Sicherlich,« stimmte Doktor Ruß zu. »Aber ein Wort noch, liebe Dolores, in dieser Sache. Sie können nicht allein reisen, nicht allein im Seebade bleiben -- die Welt urteilt so leicht -- und --«
»O nein, ich weiß, daß man den ›bösen Zungen‹ Konzessionen machen muß,« fiel sie ein, »obgleich ich gestehe, daß ich dieselben stets hart meinem Stolze und meinem reinen Bewußtsein abringen muß. Tereza ist unterwegs genug für mich, Ramo nicht zu vergessen, und im Seebade werden Balthasars mich bevatern und bemuttern.«
»Ah? Und dann?«