Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 13
»Ah,« meinte Keppler, »die Garde des Grafen Schinga erinnert mich an einen guten Freund, welcher in einer englischen Familie, mit der ich noch besser befreundet war, gastliche Aufnahme gefunden hatte und sich bei seiner Heimkehr gedrängt fühlte, den Gastfreunden nochmals dafür zu danken. Er drockste also einen recht steifen englischen Brief zusammen, den er sich erst deutsch aufgesetzt hatte, und der mit dem Satze schließen sollte: Gott bewahre Sie und Ihre liebe Familie. Da fehlte ihm das rechte Wort für ›bewahren‹ -- und er fand dafür in seinem Lexikon: =to conserve, to preserve and to pickle=. Die beiden ersten Vokabeln schienen ihm aber in keiner Weise den Sinn wiederzugeben, und so schrieb er denn stolz den Schlußsatz nieder: ›=May God pickle you and your dear family=.‹ -- Ob der Gastfreund von dem Wunsche, nebst den Seinen in Essig gelegt zu werden, sehr erbaut war, ist zu bezweifeln.«
Die harmlose kleine Geschichte Kepplers fand die nötige Würdigung, erheiterte die Stimmung merklich und klärte die kleine Wolke, welche die scharfe Zurückweisung von Doktor Ruß' Einfluß auf und durch Dolores hervorgerufen hatte, vollkommen.
»Und nun zu des Pudels Kern,« meinte Falkner, indem er sich wieder an Dolores wandte. »Wir sind gekommen, dich zu bitten, deinen Geburtstag drüben bei uns in Monrepos zu feiern.«
»Ihren Geburtstag? Wann ist der?« fragte Keppler elektrisiert.
»Morgen,« erwiderte Dolores, und indem sie Falkners zulächelte, setzte sie hinzu: »Es ist so freundlich von euch, meiner zu gedenken, aber morgen müßt ihr mit euren Gästen zu mir kommen. Es ist mein erster Geburtstag als Lehnsherrin, und da muß ich doch allem, was da fleucht und kreucht im Bereiche des Falkenhofs, ein Fest geben, inklusive meiner Gäste, der Husaren. Also abgemacht?«
»Abgemacht,« rief Lolo, doch Falkner sagte:
»Schade --! Wir hätten dich gern bei uns gefeiert, doch ich sehe, daß du Pflichten an diesem Tage zu erfüllen hast.«
Da stieg eine feine Röte in ihre blassen Wangen.
»Es thut mir so leid, daß es nicht dein Geburtstag ist, den die Falkenhofer feiern sollen,« sagte sie leise mit bittendem Blick, als wäre es ihre Schuld.
»Ich weiß es und bin überzeugt davon,« erwiderte er freundlich und heiter, »und,« setzte er, nur für sie hörbar, hinzu: »was an Bitterkeit je davon bestanden -- es ist bereut und überwunden, und zur Süßigkeit geworden --«
Da stieg wieder ein feines Rot auf in ihren Wangen -- das zarte, duftige, hingehauchte Rot der Meeresmuscheln.
»So -- dieses leise Inkarnat der =maiden-blush=-Rose und diesen weichen Ausdruck in Ihren Augen muß ich festhalten,« sagte Keppler und sah sie fest an, »beides paßt so trefflich zu der lichten Stimmung des Bildes -- und steht in solch schroffem Gegensatz zur Satanella,« setzte er eifrig malend hinzu.
Da wurde das Rot auf Dolores' Wangen etwas tiefer, Falkner aber trat neben Keppler heran und sah seiner Arbeit zu.
»Es ist ein Umschwung, daß Sie, der sonst stets oder mit Vorliebe auf tief gesättigtem Hintergrund malten, meine Cousine im weißen Kleide an die weiße Marmorwand stellen,« meinte er.
»Es ist eine Ausnahme, zu welcher der Stoff nicht nur verleitet, sondern gebieterisch hinweist,« erwiderte der Maler.
»Ich wollte, es wäre morgen mein Geburtstag,« sagte Lolo auf der Estrade zu Dolores' Füßen hockend.
»Warum? Hast du solche Sehnsucht, älter zu werden?« fragte Ruß.
»Nein, aber man bekommt da immer eine Masse hübscher Sachen geschenkt,« erklärte die kleine Freifrau ehrlich.
»Ich wüßte nicht, wer mir etwas schenken sollte,« warf Dolores ein.
»Ach du Ärmste,« gähnte Lolo. Sie langweilte sich schon wieder sehr. Doch plötzlich kam ihr ein Gedanke. »Ich werde dir etwas schenken,« jubelte sie und begann vor Freude einen Solotanz zu tanzen. »Ich habe ja eine gottvolle Idee --« --
»Desto besser,« sagte Dolores lächelnd, »ich werde dir auch wieder etwas schenken.«
Als sie dann nach Hause fuhren, fragte Falkner seine Frau, was sie der Cousine zu geben gedächte.
»Abwarten!« erwiderte Lolo geheimnisvoll. »Ihr werdet alle Kopf stehen und ›paff‹ sein.« -- --
Dolores war wirklich, wie der Engländer sagt, »=out of sorts=.« Sie war nicht gerade krank, aber sie war jenen kalten Schauern ausgesetzt, von denen der Volksaberglaube sagt: Der Tod lief über mein Grab. Diese Schauer kehrten so oft nicht wieder, um ernste Krankheitssymptome zu bedeuten, aber sie fühlte sich matt und müde und apathisch. Statt, wie sie es gewohnt war, stets beschäftigt zu sein, konnte sie jetzt stundenlang sitzen und denken. Aber ihre Gedanken wanderten dabei irr hin und her oder verloren sich in ein Dunkel und in solch' ungemessene Weiten, daß sie ganz erschöpft von dem Suchen und Halten in eine Lethargie verfiel, welche nicht abzunehmen schien, sondern sich oft so lange verlängerte, bis Tereza und Ramo vereint sie aufrüttelten. War sie dann im Gespräch mit anderen, so ward es besser, doch die Lebhaftigkeit und Schlagfertigkeit von früher war fort und von ihr gewichen.
»Ich bin zu allem zu faul,« sagte sie oft zur Gräfin Schinga, welche jetzt öfters kam und ihr Chopin vorspielte.
»Die Dilettantin muß die Meisterin anregen,« pflegte sie zu sagen, wenn sie sich zum Flügel setzte, aber Dolores hörte sie gern spielen, denn was ihr an tieferem Studium abging, ersetzten Genie und Instinkt.
Der Geburtstagsmorgen wurde wie alltäglich einer Porträtsitzung gewidmet, bei welcher Keppler ihr das eigene Porträt, wenn auch noch unvollendet, als Angebinde überreichte. Sie war überrascht und erfreut und wunderte sich doch, wie mühsam und farblos der Dank ihr von den Lippen kam. Dann kamen Herr und Frau Ruß und überreichten eine antike Armspange, welche sich in ihrem Besitz befand, und Dolores fragte sich, wie es möglich sei, daß das Grauen, welches sie gestern vor Doktor Ruß infolge einer optischen Täuschung empfunden hatte, heute wiederkehren konnte bei seiner wohlgesetzten kleinen Rede.
»Ich muß wirklich krank sein, daß ich so thöricht bin,« dachte sie, ohne das Furchtgefühl, das sie wieder beschlich, bekämpfen zu können, und erleichtert atmete sie auf als Engels erschien, gefolgt von Knieper, welcher zur Feier des Tages ein Halsband von Blumen und einen Strauß am Schwänzchen trug.
»Na, immer noch nichts gefunden von dem brasilianischen Meuchellumpen?« fragte der Verwalter in der Thür den öffnenden Ramo.
»Nichts, Herr Engels,« antwortete der Diener.
»Schadet nichts, werden den Galgenstrick schon kriegen,« versicherte der Frager mit Zuversicht.
»Nur nicht den falschen,« meinte Doktor Ruß mit Hohn.
»Glauben Sie, daß hier so viele herumlungern?« fragte Engels treuherzig, worauf Doktor Ruß nur mit den Achseln zuckte.
Zur Dinerstunde fanden sich um sechs Uhr abends neben den auf dem Falkenhof einquartierten Herren noch Graf und Gräfin Schinga ein -- die Herrschaften von Monrepos kamen mit ihren Gästen erst im letzten Moment und weit hinter der Zeit. Der Kommandeur des Husarenregiments reichte nach ihrem Eintreffen Dolores sofort den Arm und führte die in schlichter, aber unendlich geschmackvoller weißer Wollrobe Gekleidete zur Tafel, welche in der reich und verschwenderisch im Renaissancestil ausgestatteten Banketthalle des Falkenhofs gedeckt und mit den Silberschätzen des Hauses geschmückt war. Als man schon saß, rief Lolo plötzlich aus:
»O, Dolores, ich habe mein Geschenk für dich im Wagen gelassen!«
»Wir können es nach dem Essen ansehen,« nickte Dolores dankend.
»Ja ja! Aber laß es inzwischen holen und ins Haus tragen,« bat die junge Frau. »Es ist ein vergoldeter Korb -- aber daß niemand ihn öffnet. Hört ihr?« ermahnte sie die Diener.
»Das ist ja beinahe, als ob Sperlinge darin wären,« schrie Schinga über den Tisch herüber.
»Ja, wenn du denkst, du hast'n, Da springt er aus dem Kasten,«
erwiderte Lolo übermütig.
Falkner glaubte jetzt zu verstehen, denn seine Frau besaß solche Figuren, welche eine Feder in die Höhe schnellte, wenn man den Kasten öffnete, in welchem sie sich befanden.
Eine solch' vergnügte Gesellschaft hatte der Falkenhof seit Jahrzehnten nicht beherbergt, wie heute, denn die Speisen waren gut und die Weine aus den tiefen, kühlen Kellern vortrefflich. Außerdem dufteten die Rosen in den Aufsätzen von Silber und altem Meißner Porzellan, und um die Tafel saß ein Teil der goldenen Jugend der großen Armee, an ihrer Spitze aber als Hausfrau und Wirtin Dolores Falkner -- da hätte schon viel dazu gehört, um die allgemeine frohe Manöverstimmung herabzudrücken.
Die Toaste, welche außerdem noch ausgebracht wurden, trugen durch den Brauch, allemal dabei auszutrinken, wesentlich zur Erhöhung der rosigen Stimmung bei. Erst erhob sich der Kommandeur und dankte der Schloßherrin für die vortreffliche, fast fürstliche Aufnahme seiner selbst und seiner Offiziere im Falkenhof, deren Jäger immer noch hofften, ihr den lang umpürschten Steinadler als Geburtstagsgeschenk nachträglich überreichen zu dürfen. Dann ließ Graf Schinga Dolores als Nachbarin leben in ebenso kunstlosen wie unverständlichen Redewendungen, worauf Doktor Ruß ein kleines Meisterwerk von Rede vom Stapel ließ. Zuletzt aber schlug Falkner an sein Glas, erhob sich, und rief, es hoch empor hebend: »Der Herrin vom Falkenhof!«
Dolores wußte wohl, was dieser kurze Toast für sie bedeutete -- eine Anerkennung ihrer Rechte, eine Abbitte zugefügten Unrechtes, den Schlußstein zu der Brücke, welche über den Abgrund führte, der einst beide getrennt. Beglückt, umbraust von dem dreifachen Hoch ihrer Gäste, erhob auch sie sich und ließ ihr Glas mit dem Falkners zusammenklingen.
»Hie guet Falkner alleweg!« sagte sie mit dankbarem Herzen.
»Es trafen sich die Gläser und gaben guten Klang,« summte Doktor Ruß vor sich hin, als die geschliffenen Krystallkelche leise und hell zusammenstießen.
»Prosit, Dolores,« rief Lolo herüber und streckte die Hand mit dem gefüllten Glase aus. Die Gerufene dankte lächelnd, berührte leicht das hingehaltene Glas mit dem ihren und klirr -- -- lagen beide Gläser zersprungen und zersplittert auf dem weißen Tafeltuch.
»Das haben wir aber geschickt gemacht,« lachte Lolo, während Gräfin Schinga, welche vielem Aberglauben huldigte, entsetzt die Hände faltete.
»Thut nichts, wir haben mehr von dieser Sorte,« nickte Dolores, welche in dieser Beziehung keine Vorurteile hatte, aber das brechende Glas hatte ihre Nerven für einen Moment doch ins Schwanken gebracht.
Nach beendigter Tafel sollte der Aufzug der Dorfbewohner vor der Terrasse stattfinden, darauf aber ein Feuerwerk abgebrannt werden, das die Beamten des Lehns ihrer Herrin stifteten. Ehe man aber heraustrat, kam Dolores an Lolo heran und reichte ihr die Hand.
»Die dummen, zerbrochenen Gläser haben dich doch nicht erschreckt?« fragte sie. »Das hat ja gar keine Bedeutung.«
»Natürlich nicht,« erwiderte die junge Frau überlegen.
»Nun, es freut mich, daß du den thörichten Köhlerglauben über solche Dinge nicht teilst,« meinte Dolores. »Ich glaube auch nicht an eine besondere Bedeutung derartiger Zufälligkeiten. Aber jetzt mußt du mir dein Geschenk zeigen!«
»Ja, ja, mein Geschenk,« rief Lolo begeistert. »Ich hatte es schon wieder ganz vergessen -- komm!«
Auf einem Seitentischchen in der großen Halle, welche auf die Terrasse mündete, hatte man das runde, flache Körbchen von vergoldetem Span hingestellt, welches Lolo von Monrepos herüber gebracht hatte. Umgeben von der Schenkerin, Falkner und mehreren Herren, schritt Dolores darauf zu, öffnete das an der kleinen Haspe hängende Schlößchen, schlug den Deckel auf und -- fuhr im nämlichen Augenblick mit lautem Schrei zurück, denn auf dem rosa Atlaspolster ringelte sich ängstlich und wild gemacht eine jener bräunlichen Nattern, wie unsere Wälder sie oft bergen, und fuhr zischend auf Dolores los, welche vor Schreck und Entsetzen bewußtlos zusammenbrach und eben nur noch von Falkner und einem der Offiziere aufgefangen wurde, während ein anderer schnell entschlossen das geängstigt auf dem Fußboden sich windende und schlagende Tier mit einem der zunächst stehenden Säbel tötete. Es war ein ganz harmloses Reptil, aber es war nicht klein, und wer ein Grauen davor hat, dem verrichtet's denselben Dienst wie eine Riesenschlange, der man unerwartet gegenüber steht.
Dolores erholte sich in derselben Minute wieder, in welcher Schreck und Antipathie sie besinnungslos gemacht, aber sie war totenblaß und ihre Hände steif und kalt, während schwere, eisige Tropfen auf ihrer Stirn standen. Man versicherte ihr sofort, daß die Schlange unschädlich gemacht sei, aber sie brachte dennoch kein Wort über die Lippen und als Lolo sich ihr, sichtlich betreten über den Erfolg ihres gemachten Spaßes, langsam näherte, da wandte sie sich ab von ihr.
Mit der ihrem Charakter eigenen Selbstbeherrschung erklärte sie sich im nämlichen Augenblick bereit, auf der Terrasse zu erscheinen und ließ sich von Falkner hinausführen.
»Dolores, glaubst du, daß ich in dieses -- dieses Geschenk eingeweiht war?« fragte er, zu ihr herabgeneigt.
»O nein,« erwiderte sie freundlich.
Und dann nahm sie Platz inmitten ihrer Gäste und der Aufzug der Bauern mit ihren Frauen und Mädchen in deren malerischer Landestracht begann. Die Schulzen aus den verschiedenen Dörfern, die zum Falkenhof gehörten, hielten Reden, die Mädchen brachten Kuchen, Eier, Hühner und Lämmer als Geschenk und sagten Gedichte auf, und Dolores hatte für jedes einen herzgewinnenden Dank, ein besonders freundliches Wort. Auf dem Dominialhofe waren Tafeln gedeckt und dorthin mündete der Zug zum leckeren Mahle von Schweinebraten, Klößen, Salat, Kuchen und Obst, und die Leute an den aufgelegten Bierfässern hatten alle Hände voll zu thun, die Gläser zu füllen, während es am Schulzentische, wo die Gemeindevorsteher saßen, reichlich Wein gab, welchen Dolores selbst ihren Untergebenen zutrank, um nach vollendetem Mahle den Tanz auf dem Rasen selbst zu eröffnen und einen Glücksbeutel herum zu reichen, daraus ein jeder sich eine Nummer ziehen konnte, welche ihm ein hübsches, praktisches Geschenk aus der bunten Marktbude am Parkeingang einlöste.
Es war alles so hübsch und sinnig geordnet mit vollstem Verständnis für Geschmack und Neigung der Landleute, welche bei aller Disciplin freie Bewegung hatten, daß man rückhaltlos die Begabung der jungen Lehnsherrin für derartige Feste anerkannte. Und in der That gehört mehr dazu, den schlichten Landmann zu erfreuen, als Geld und eine offene Hand -- es gehört ein offenes Herz dazu und liebevolles Eingehen in das, was ihm lieb ist durch Tradition und eigene Neigung, es gehört dazu eine von Herzen kommende Freundlichkeit, nicht jene Herablassung, welche auch das freundlichste Wort hohl klingen läßt und zum Stachel macht. Und wer da meint, daß ihm durch ein Gespräch mit dem niederen Mann ein Stein aus der Krone fällt, der kann sich darauf verlassen, daß dieser Stein sehr schlecht und locker gefaßt war, denn wir können aus dem gesunden, ursprünglichen Urteil des geringen Mannes oft mehr lernen, als aus Dutzenden von Büchern. Die Erziehung und die Bildung machen uns ja erst von dem Volke verschieden, denn der Schneeschipper unten auf der Straße hat vielleicht genau dieselbe Quantität Gehirn wie du, nur daß es bei dir geweckt durch den Ruf »Excelsior,« während es bei ihm schlummert, roh weiter arbeitet oder am Ende ganz einschläft.
Das Volksfest im Falkenhof war also ein solches im besten Sinne des Wortes, denn Dolores wußte durch ihre Arrangements, die sie mit Engels ausgearbeitet, ihre Untergebenen zu erheitern und harmlos zu unterhalten, immer mitten unter ihnen erscheinend und alle Mütter auffordernd, ihre Kinder morgen nach dem Falkenhof zu bringen zu Spielen und süßen Bissen.
Doch als die Fässer leer waren und die letzte Fiedel verklungen und die bunten Papierlaternen und Stocklaternen verlöschten, und alles sich lachend und singend mit donnernden Hochs auf die Lehnsherrin entfernte, als auch die Nachbarn fort waren und man sich Gute Nacht sagte, da brach Dolores fast zusammen. Es war zuviel für sie gewesen, die, sonst so stark und gesund, das Wort »Anstrengung« nicht kannte. Sie erschreckte Tereza erst durch eine lange Ohnmacht, aus welcher sie total erschöpft erwachte, um dann in einen ruhelosen, fieberhaften, traumgequälten Schlaf zu verfallen.
Tereza hatte in ihrer Angst erst Mamsell Köhler herbeigerufen, welche mit Essigäther, Salmiakgeist und Eau de Cologne hinzueilte und die Bewußtlose damit zu beleben suchte. Als dies gelungen war und Dolores zu Bett lag, hatte sich's die Beschließerin aber nicht versagen können, Frau Ruß, welche noch wach war, von dem Vorkommnis zu unterrichten, worauf Doktor Ruß nach oben eilte und es von Tereza durchsetzte, an das Bett der Kranken geführt zu werden. Dort prüfte er den Puls der unruhig Schlafenden, maß ihre Temperatur durch Einlegen eines Maximalthermometers in die linke Achselhöhle, was Tereza sehr mißtrauisch beobachtete, und ging dann wieder herab.
Nach einer Weile erschien er bei seiner Frau, ein Fläschchen mit einer farblosen Flüssigkeit in der Hand.
»Liebes Weib,« sagte er, »unsere teure Dolores scheint heut' Abend zu viel gethan und ihre Nerven überspannt zu haben -- hm, hat entschieden Fieber, wenn auch nicht in hohem Maße. Ich habe ihr hier drei Tropfen Aconit der dreifach verdünnten Potenz in Wasser zurecht gemacht, und bitte dich, nach oben zu steigen, den Inhalt des Fläschchens in ein Glas Wasser zu mischen und dieses der Kranken löffelweise während der Nacht durch Tereza verabreichen zu lassen.«
Frau Ruß rührte sich nicht.
»Willst du gehen, liebste Adelheid?« fragte der Doktor sanft.
»Nein,« sagte sie laut und hart.
»Nein?« wiederholte er. »Ich habe wohl nicht recht verstanden?«
»Doch,« erwiderte sie kurz.
Da lachte er leise in sich hinein.
»Also immer noch eifersüchtig, Geliebte?« fragte er mit vollem Brustton, doch sie antwortete nicht.
»Nun, ich kann dich nicht zwingen,« fügte er hinzu. »Du willst also sicher nicht diese Arznei nach oben tragen?«
Da stand sie plötzlich auf. »Ja,« sagte sie, »gieb her!«
»Ah, das ist vernünftig. Und die Vorschrift des Gebrauchs -- --«
»Ich kenne den ganzen homöopathischen Humbug,« erwiderte sie trocken, nahm die Flasche aus seiner Hand und ging.
Auf dem zweiten Treppenabsatz nach oben befand sich aus guter alter Zeit her in die Wand eingelassen ein kupfernes Behältnis für Wasser, das aus einem Delphinrachen in ein kupfernes Becken in Muschelform rann und ehedem wohl zum Spülen von Gefäßen bestimmt war, da ein Abzugsrohr das gebrauchte Wasser nach unten leitete. Vor diesem Becken stand Frau Ruß, Licht und Flasche in der Hand, unschlüssig still -- es arbeitete seltsam in den harten Zügen dieser Frau, Haß, Schreck und Entsetzen und etwas wunderbar Weiches spiegelten sich auf ihrem Antlitz wieder, dann, mit einer raschen Bewegung setzte sie das Licht nieder, goß den Inhalt des Fläschchens in das Becken aus, spülte das Fläschchen drei-, viermal aus und füllte es endlich wieder ganz mit klarem Wasser. So gab sie es an Tereza ab, die es ihrerseits auch wieder fortgoß, denn sie hielt in ihrem schlichten Negerverstande den Dilettantismus in der Homöopathie mit so vielen anderen für einen Unsinn ohne Ziel und Zweck.
Dolores aber befand sich am nächsten Morgen auch ohne die drei Tropfen Aconit des Herrn Doktor recht wohl und fühlte sich verhältnismäßig frisch.
* * * * *
Falkner hatte seiner Frau gegenüber kein Wort verloren über das Geschenk der Schlange an Dolores. Zwar, was er im Innersten empört eine unglaubliche Herzensroheit nannte, war ja kaum mehr als ein Kinderstreich, dessen Tragweite nach keiner Seite hin bemessen oder erwogen war, aber der Vorgang hatte so auf ihn gewirkt, daß er sich bei einer Vorstellung darüber nicht die nötige Ruhe zutraute, mit welcher er Lolo zu überzeugen hatte. Darum schwieg er vorläufig ganz -- vielleicht, daß die junge Frau dadurch eher zur Überlegung gelangte, obgleich er das kaum zu hoffen wagte. Seine Taktik, obwohl er es kaum so nennen konnte, was ihm Schweigen auferlegte -- seine Taktik erwies sich aber als von Erfolg, denn Lolo, welche nach dem gehabten Effekt ihrer »gloriosen Idee« heftige und wohlverdiente Vorwürfe fürchtete, war über das Ausbleiben derselben erst erleichtert, dann erstaunt und zuletzt beunruhigt, denn sie sah und erkannte wohl aus dem Benehmen ihres Gatten, daß dieser Streich seinem Vertrauen zu ihr einen heftigen Stoß versetzt hatte. Und sie, die sich zuerst mit dem nötigen Trotz gewappnet hatte, um seinen Vorwürfen keck entgegenzutreten, sie fühlte ihn in einem gewissen Unbehagen schwinden und schmelzen, und dieses Unbehagen wurde allgemach zur Angst, die Angst zum Herzklopfen. Am Abend nach dem Fest im Falkenhofe aber hielt sie's nicht länger aus, und sie suchte ihren Gatten in dessen Zimmer auf.
»'n Abend, Alfred,« sagte sie, scheinbar harmlos eintretend.
»Guten Abend, Lolo. Willst du etwas von mir?« kam es kalt und erstaunt zurück.
»Nein,« erwiderte sie gedehnt, denn sie hatte ganz vergessen, sich für ihr ungewohntes Erscheinen einen Vorwand auszudenken. Zugleich aber faßte sie einen herzhaften Entschluß. »Ja,« setzte sie kühn hinzu, »ich wollte dich fragen, ob du böse auf mich bist. Du hast seit gestern kaum ein Wort mehr mit mir gesprochen!«
»Hast du das vermißt?« fragte er nicht ohne Bitterkeit und legte das Buch fort, in dem er gelesen hatte.
»Es scheint beinahe so,« murmelte sie.
»Ja, wirklich, Lolo? O, dann brauche ich noch nicht alles für verloren zu halten,« sagte Falkner herzlich -- er war entwaffnet, und es hätte in der That schon sehr schlimm stehen müssen mit beiden, wäre er's nicht gewesen. Und nun stellte er ihr vor, welche Menschen- und Tierquälerei der »kapitale Spaß« gewesen, den sie gestern mit der Schlange bei Dolores ausgeübt. Sie hörte es ganz ernsthaft mit an, aber es überzeugte sie nicht ganz.
»Aber Lolo, denke nur, welche Furcht du vor Mäusen hast,« suchte Falkner dieser Lücke nachzuhelfen. »Was würdest du sagen, wenn Dolores dir zum Geburtstag Mäuse in einem Körbchen schenken wollte, um dich mit deiner Idiosynkrasie zu necken!«
»Ich kriegte die Krämpfe und kratzte ihr dann die Augen aus,« rief Lolo mit blitzenden Augen bei dem bloßen Gedanken.
»Nun also! Und du kaufst einem Waldhüter diese von ihm gefangene extra große Natter ab und bescherst sie der armen Dolores. Du hast den Effekt gesehen und kannst sehr froh sein, daß der furchtbare Schreck sie nicht auf dem Fleck tötete -- als Geburtstagsgeschenk!«
»Hältst du das für möglich?« fragte sie mit großen Augen und gedämpfter Stimme wie ein Kind im Finstern.
»Gewiß,« sagte Falkner. Er war dessen zwar nicht ganz sicher, hielt aber starke Farben in diesem Falle für die einzig richtige Kur.
»Nun also, dann sei nicht mehr böse, Alfred,« bat sie kleinlaut. »Ich werde Dolores nie wieder eine Schlange schenken.«
Jetzt mußte er sich abwenden, ein Lächeln zu verbergen.
»Damit ist es aber noch nicht gut gemacht, Lolo,« sagte er dann. »Du wirst Dolores wohl ein Wort der Entschuldigung sagen müssen!«
Da stieg der jungen Frau das Blut ins Gesicht.
»Nein,« rief sie, sich emporbäumend, »nein, niemals. Ich werde mich vor ihr nicht demütigen.«
»Du mußt es nicht so auffassen, Lolo,« suchte er sie zu überzeugen. »Du hast es ja so leicht, da du Böses nicht beabsichtigt, sondern nur im Leichtsinn und unüberlegt gehandelt hast.«
»Ich thue es nicht,« sagte sie trotzig.
»Und Dolores wird dir mehr als auf halbem Wege entgegenkommen,« fuhr er fort.
»Woher weißt du das?« fragte sie scharf, mißtrauisch.
»Weil ich es von Dolores nicht anders erwarte,« erwiderte er ruhig.
»Nein, diese hohe Meinung, die du von ihr hast!« rief sie nervös und voll Hohn.
»Ich hoffe, sie hat die gleiche von mir, Lolo!«
»O, zweifellos. Aber ich sage _nicht_ ›Peccavi‹ vor ihr.«
Falkner zuckte mit den Achseln.
»Wie du willst -- ich kann dich dazu nicht zwingen, sondern dir nur raten.«