Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.
Part 12
Falkner nahm die Thürklinke wieder in die Hand.
»O, wenn du es nicht fühlst und dessen nicht bedarfst, dann ist die Sache ja erledigt,« sagte er bitter. Aber im Gehen besann er sich, daß er mit dem kleinen blonden Geschöpfe dort eine Verantwortung übernommen hatte -- eine Verantwortung, schwer und ernst wie selten eine. Er beherrschte sich also nochmals und trat nah an die junge Frau heran. »Lolo,« sagte er herzlich und freundlich, »Lolo, ist es denn dir nie eingefallen, daß du mich durch deine Vernachlässigung kränken und betrüben könntest? Ist dir in dem tollen Treiben dieser Woche niemals der Gedanke an mich gekommen?«
»Wieso denn?« fragte sie naiv zurück. »Du warst ja immerzu da!«
»Aber deinem Herzen so weit,« ergänzte er herzlich.
Sie sah ihn groß an und tippte mit dem Zeigefinger ihrer rosigen Rechten auf ihre Stirn, auf der das blonde Haar wie Federn so duftig und leicht lag.
»Du bist verrückt, mein Kind!«
sang sie leise.
Ihm stieg die Zornesröte siedend ins Antlitz, und ein heftiges, böses Wort drängte sich ihm auf die Lippen, aber er bezwang beides.
»Lolo, kannst du ein ernstes Wort nicht auch einmal ernst anhören? Habe ich denn schon ganz aufgehört, dir etwas zu sein?«
»Ach, du guter, alter, dummer Schatz!« lachte sie ihn an, daß alle Grübchen in ihrem reizenden Kindergesichtchen zu Tage traten. »Wann wirst du nur aufhören, ein sentimentaler Ehemann zu sein?«
»Ist das Sentimentalität, Lolo?« sagte er ernst, fast traurig.
»Natürlich, krasse Sentimentalität,« erwiderte sie. »Und nun will ich schlafen gehen, denn morgen kommen die Husaren!«
»Eleonore --!«
»Ja, ja, ja,« rief sie und hielt sich die Ohren zu. »Ich weiß schon, was du sagen willst, aber es soll doch eine lustige Zeit werden, denn =tel est mon plaisir=!«
Da verließ er sie, zornig, betrübt und empört zugleich und saß die ganze Nacht auf und sann, und ging mit sich zu Rate, was hier zu thun seine Pflicht sei, denn er durfte sie diese schiefe Ebene nicht weiter gehen lassen, damit sie nicht ins Rollen kam und am Abgrund keinen Halt mehr hatte. Er hatte in den schönen, stolzen Zügen von Dolores gelesen, wie sie über das Wesen und Gebaren seiner jungen Frau dachte, aber er hatte darin auch zu lesen geglaubt, daß sie ihn verantwortlich machte dafür, und dieser Gedanke gab ihm neue Kraft, wenn der gerechte Zorn über Lolo ihn übermannte und er das übermütige kleine Geschöpfchen als unverbesserlich beiseite schieben wollte.
»Noch drei Wochen, und ich bin wieder allein mit ihr, und dann will ich mit leiser, zarter Hand, daß sie's nicht merkt, die wilden Schößlinge in ihrem Charakter zu veredeln suchen,« dachte er mit dem festen Vorsatz eines Mannes, der die Pflicht zur Richtschnur genommen hat und weder rechts noch links sehen will. Aber er dachte es auch mit jener souveränen Zeitbestimmung der Menschen, welche ihr »Ich _werde_ es thun« aussprechen, als wären sie der Ausführung ihres Vorsatzes sicher. Hätte Falkner gewußt, wie es in drei Wochen hüben wie drüben aussehen würde -- doch auch Lolo dachte an jenem Abende noch an Dolores, denn wie sie vor den Spiegel trat, da fiel ihr ein, wie die Lehnsherrin vom Falkenhof bei ihren unbesonnenen, vielleicht wirklich nur halbgemeinten Worten sie angeschaut -- vorwurfsvoll und mit unverhehlter Verachtung, wie sie meinte.
»Schon ganz altjüngferlich,« dachte sie zornig. »Und wenn sie Alfred bedauert wegen seiner schlechten Behandlung durch mich, warum hat sie ihn denn nicht geheiratet? Er war ja zu haben, ehe ich in Betracht kam! Wart', Donna Dolores Falconieros, für diese Gardinenpredigt ohne Worte werd' ich dir schon noch einen Schabernack spielen.«
Im Falkenhofe beschäftigte man sich natürlich auch mit dem Paare. Frau Ruß gab ihrem Manne gegenüber ihrer schwiegermütterlichen Entrüstung vollsten Ausdruck -- das war der Instinkt, mit dem die Löwin ihr Junges, die Henne ihr Kücken verteidigt, selbst gegen imaginäre Gefahren. Doktor Ruß beantwortete diesen Ausbruch seiner Gattin mit Lächeln und Achselzucken.
»Wenn dein Sohn kein Pantoffelheld ist, so wird er sich schon zu helfen wissen. Sie sind eben noch in den Flitterwochen, die beiden, und trotzdem ich _sie_ für einen kleinen Satan halte, denke ich doch, daß _er_ den Spieß bald umdrehen wird,« meinte der erfahrene Mann.
Doch Frau Ruß war einmal herausgetreten aus sich und ihrem Schweigen, und ihr volles Herz mußte das, wovon es überlief, erst von sich geben.
»Ah, du glaubst, Alfred wird ein Ehemann werden von deinem Schlage,« sagte sie anzüglich, »ein Knechter, ein Unterdrücker, ein unbarmherziger Niedertreter des eigenen Willens und eigenen Fühlens.«
»Ei, ei, Frau Adelheid Ruß, da hört man ja plötzlich eine Meinung von Ihnen,« hohnlachte er, sichtlich sehr amüsiert über dieses Rütteln an den Ketten, diesen Ausbruch lang zurückgehaltenen Unmuts.
»Hab' ich etwa nicht recht?« fragte Frau Ruß. »Hab' ich mich heut' Abend nicht ins Haus schicken lassen müssen von dir, wie ein unartiges Kind?«
Diese Worte machten der Heiterkeit des Doktor Ruß sofort ein Ende.
»Warum hast du mich so unausgesetzt angesehen?« fragte er.
Nun zuckte sie mit den Achseln.
»Sieht doch die Katze den Kaiser an,« erwiderte sie kurz.
»Ei, ei! So, so!« machte Doktor Ruß langsam. »Nun, mir ward es lästig, und ich schickte dich darum hinein, meine Süße.«
Sie antwortete nicht, doch ein seltsam forschender Blick huschte hinüber zu ihm.
Da trat er hart an sie heran und sah ihr in das kalte, wieder ganz ausdruckslos gewordene Gesicht.
»Ich will wissen, warum du mich so angesehen hast,« sagte er leise, fast zischend, und als sie darauf nur gleichgültig mit den Achseln zuckte, fuhr er fort: »Ich werde deiner Erinnerung etwas zu Hilfe kommen. Es war, als Dolores uns die Geschichte von dem Schuß erzählte.«
»Ja,« erwiderte Frau Ruß unbewegt. »Ich wollte gern wissen, ob du sie für wahr hieltest --«
»Und weiter hatte dein auffälliges Anstarren keine Bedeutung?« forschte er weiter.
»Ich wüßte nicht, welche,« gab sie zurück.
»Ich wollte dir's auch geraten haben,« murmelte er laut genug, um verstanden zu werden, und ging dann ein paarmal im Zimmer auf und ab, ohne es zu bemerken, daß Frau Ruß ununterbrochen die Schlingen an ihrem Strickzeug fallen ließ -- eine Nachlässigkeit, die ihr sonst kaum passierte. Aber sie hob die Schlingen nicht wieder auf, sondern strickte in einem Tempo weiter, welches sehr gut und täuschend das Zittern ihrer großen, weißen Hände verbarg. Und Doktor Ruß sah weder auf die Hände, noch auf die Socken von Estremadura, welche für ihn entstanden, und er sah auch nicht die verlorenen Maschen, welche ihm hätten sagen müssen, daß das innere Gleichgewicht seiner Frau in wildem Schwanken begriffen war. Doch, wie gesagt, das Tempo, in welchem sie weiterstrickte, ohne anzuhalten, maskierte all' das vollständig, und nach einer Pause nahm Doktor Ruß das Gespräch wieder auf.
»Der Schuß _kann_ den Ursprung haben, den Dolores ihm beimißt,« begann er, »obgleich die Idee, daß ein rachsüchtiger Brasilianer aus Südamerika eigens dazu herreisen sollte, um sich für seine Absetzung zu rächen, stark abenteuerlich und romanhaft ist. Aber unmöglich ist es immerhin nicht, und Ramo wird schon aufpassen. Ich für meinen Teil denke aber, das Papier wird die Kugelmarke schon gehabt haben, als es hier ankam, und Engels hat sie einfach übersehen, als er sah, daß der Brief spanisch war und er ihn doch nicht lesen konnte. Nun glaubt ja Dolores, die Detonation der Waffe gehört, den Briefbogen in ihrer Hand sich bewegen gefühlt zu haben. Beides kann auf Täuschung beruhen, denn es giebt Schußwaffen, deren Knall kaum dem Schnalzen der Zunge an Stärke gleichkommt --«
»Ich weiß es,« sagte Frau Ruß. »Dolores hat eine Pistole, mit der sie neulich Scheibe schoß. Man hörte die Schüsse kaum.«
»So?«
»Sie hatte dir die Waffe ja wohl geliehen, als sie verreist war?« fragte Frau Ruß unbefangen.
»Mir? Wie kommst du darauf?« fragte er, stehenbleibend, scharf. »Hast du mich damit schießen sehen?«
Die Nadeln flogen, und die Maschen fielen ungezählt, wie gesäet -- --
»Nein, ich dachte nur, weil du davon sprachst, dir die Waffe zu leihen.«
Wieder ging er auf und ab.
»Nein, ich that es nicht,« meinte er, »es hat keinen Zweck, und die Pistole kann unkundigen Händen gefährlich werden, wie Dolores sagte. Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr. Ich war immer ein schlechter Schütze.«
»Ja,« sagte Frau Ruß. »Gottlob!«
»Wie so, teures Weib?«
»Nun, es ist schon so viel Unglück passiert mit dem dummen Schießen,« schloß sie, und er nickte bestätigend.
Daß Dolores selbst an jenem Abende noch lange über diesen vielbesprochenen Schuß nachdachte, ist selbstverständlich, wenn man erwägt, daß sie sich als Zielscheibe dafür ansehen mußte. Ramo, dem sie nun auch davon erzählte und ihm auftrug, wachsam zu sein, war mehr erschrocken als er zeigte, und kombinierte sogleich die Fußstapfen im Nordflügel, der nunmehr für die Einquartierung wieder eingerichtet war, mit dem Schützen im Park. Doch Dolores wollte das nicht einleuchten.
»Denke nur, wie lange es her ist, seitdem wir damals diese Fußspuren fanden,« meinte sie. »Es ist viel Zeit dazwischen, mehr als jemand nötig hat, um einen geeigneten Moment zum Abfeuern des Schusses zu finden.«
Ramo mußte seiner Herrin recht geben, und obgleich Dolores sich einzureden versuchte, daß die Kugelmarke wirklich vorher schon in dem Briefbogen war, ging sie doch mit dem unheimlichen Gefühl zur Ruhe, daß es anders war und jemand existierte, der ihr feindlich gesinnt war.
Beim Durchgehen durch das kleine Bibliothekzimmer neben ihrer Schlafstube fand sie einen mächtigen Band auf dem Tische liegen, den sie vorher nicht gesehen. Auf ihre Frage berichtete Ramo, daß Doktor Ruß den Band heut' Nachmittag, als Dolores ausgegangen war, selbst heraufgebracht und, da er sie nicht antraf, hier niedergelegt und mit Zeichen versehen hatte. Er, Ramo, sei indes abgerufen worden und als er nach ein paar Minuten wieder zurückgekehrt sei, um dem Herrn Doktor die Thür zu öffnen, habe er Doktor Ruß oben nicht mehr angetroffen.
»Ich hab's im ganzen nicht gern, wenn jemand sich in meinen Zimmern aufhält, während ich ausgegangen bin,« meinte Dolores, sich setzend, »doch das soll kein Tadel für dich sein, lieber Ramo.«
»Ich weiß, meine Herrin ist gütig,« murmelte der erprobte Diener beschämt. »Und wenn mich Tereza nicht für einen Moment in den Korridor gerufen hätte, wäre Herr Doktor auch nicht allein hier zurückgeblieben.«
»O, ich meine ja nicht, daß Doktor Ruß oder jemand anderes hier etwas Unrechtes thun würde,« erwiderte Dolores lächelnd über die Auffassung Ramos. »Mir ist nur der Gedanke fatal, daß ich meine Zimmer nicht immer für mich allein habe.«
»Sehr wohl,« erwiderte Ramo, dessen Fehler langsames Begreifen nicht war, und ging mit einem unterthänigen »Gute Nacht!«
Dolores schlug den gebrachten Band auf -- es war eine alte Meriansche Chronik, von welcher Doktor Ruß ihr gesprochen und die er aus der großen Bibliothek hervorgesucht hatte. Trotzdem sie für diese Litteratur großes Interesse hatte, las sie heut' dennoch nicht jene naiven und schlichten Berichte »kurioser Begebenheiten« vergangener Jahrhunderte, sondern blätterte zerstreut in den Kupferstichen und Holzschnitten, welche verschwenderisch die Chronik zierten. Darüber wurde sie müde, und als sie sich erheben wollte, um schlafen zu gehen, da überkam es sie mit solcher Mattigkeit, daß sie sich in ihrem Sessel zurücklehnte und die Augen schloß. Da hatte sie das angenehme, wohlige Gefühl, langsam und leise zu schweben, gelehnt in einen festen, sicheren Arm, und als sie wieder festen Boden unter sich spürte und mit Anstrengung versuchte, die Augen zu öffnen, da sah sie sich oder glaubte sich vor dem Bilde der Ahnfrau drinnen zu sehen im Saal, trotzdem sie keinen Fuß gerührt hatte, hinein zu gehen. Und die Ahnfrau trat aus dem Rahmen heraus und an ihre Seite.
»Ich habe seinen Arm berührt, daß die Kugel dich nicht traf,« hörte sie die sanfte, traurige Stimme sagen.
»Wer? Wessen Arm?« wollte Dolores sagen, aber sie fühlte, daß sie ihre Zunge nicht regen konnte. Und die Ahnfrau legte die weißen, schlanken Hände auf ihr Haupt.
»Es ist nicht an uns, anzuklagen und zu richten. Denke daran, daß die Gefahr noch nicht vorüber ist,« schien sie zu sagen.
Und wieder war es Dolores, als schwebte, schwebte, schwebte sie, und käme wieder hinab auf die Erde -- da fuhr sie empor mit einem Schrei.
»Die Herrin hat schon geträumt,« sagte Tereza mit einem Lächeln auf den schwarzen Zügen, indem sie aus der Thür, in der sie gestanden, näher trat.
»Geträumt?!« wiederholte Dolores schlafbefangen.
»Nur kurz, nur ganz kurz,« meinte die alte Negerin beruhigend. »Du gingst hinein in den Saal, Herrin, und kamst sehr bald wieder zurück, und sankst in deinen Stuhl und träumtest. Soll ich dich nicht lieber zu Bett bringen?«
»Ja,« sagte Dolores. »Also ich war im Saale drinnen?«
* * * * *
Der andere Tag kam, und mit ihm kamen die von Lolo Falkner so heiß ersehnten Husaren und brachten neues, frisches Leben mit einem Schlage wieder in die grüne Waldeinsamkeit des Falkenhofs und von Monrepos. Freilich, mit der träumerischen Ruhe, die über den Schlössern schwebte und webte, war's wieder für Wochen vorüber, denn Sporenklirren, Säbelrasseln, Wiehern, Stampfen und Trompetensignale verscheuchten die Stille des thaufrischen Morgens, der Sommermittagsschwüle und der warmen Abende, und der Mond, der sein Licht so gern aufsaugen ließ von den goldbronzefarbenen Haarmassen auf Dolores' Haupt und von ihren weißen Kleidern, die sich so weich um ihre schöne Gestalt schmiegten -- der es funkeln, flimmern und gleißen ließ in dem Staubsprühregen der Fontänen und geheimnisvoll durch das dichte Laubwerk und über die stillen dunkeln Wasser des Hexenloches huschen ließ -- dieses selbe Licht versilberte jetzt noch die Tressen, Schnüre und Waffen der Husarenoffiziere, wenn sie abends auf der Terrasse saßen und auf die köstlichen Pfirsiche, welche die Spaliere des Falkenhofs lieferten, kalten Sekt gossen und diese köstlichste und einfachste aller Bowlen behaglich schlürften. Denn das Wetter befürwortete diese langen, herrlichen Abende auf der Terrasse sehr -- es war ein ideales, warmes, sonniges Erntewetter, und das Plus an Hitze milderte ein gelegentlicher kurzer, aber erquickender Gewitterregen stets zur richtigen Zeit. Natürlich waren von den im Falkenhof einquartierten Herren zwei Drittel passionierte Jäger. Sie hatten zum Teil sogar ihre Hühnerhunde mitgebracht und, kaum waren sie aus dem Dienste gekommen und vom Pferde gestiegen, benutzten sie sogleich die gegebene Erlaubnis und gingen auf die Hühnerjagd. Die Jagd auf Hasen sollte zwar erst eröffnet werden, doch die Waldungen des Falkenhofs boten auch ein reich bestelltes Revier für Rehe und Hirsche, und so wurde das Reich der Freiin Dolores für die gewaltigen Nimrode im Husarenattila ein Paradies, das einst verlassen zu müssen sie heut' schon mit tiefstem Bedauern erfüllte.
Gewaltiger noch wurde die Aufregung und Jagdleidenschaft, als die Herren eines Abends die Nachricht mitbrachten, daß ein Steinadler mit gewaltiger Flugspannung im Falkenhofer Revier gesehen worden sei. Ein Förster meldete gleichzeitig, daß der Gewaltige schon Raubzüge auf Rehkitzen und junge Feldhühner mit Erfolg ausgeführt habe. Nun wurde dieser höhere Sport zur Notwendigkeit, doch die List und Wachsamkeit dieses verflogenen königlichen Vogels trotzte beharrlich der Geschicklichkeit und sicheren Hand seiner Verfolger.
Mit den Husaren war auch Keppler wieder in Monrepos angekommen und hatte sich alsbald auch im Falkenhof gemeldet.
»Da bin ich schon wieder,« hatte er gesagt, »ich, der ich kaum früher Zeit hatte, um die Aufträge der Fürsten dieser Welt anzunehmen, ich bin freiwillig hier, um das rosige Kindergesichtchen einer Lolo Falkner zu vollenden. Nein, Fräulein Dolores, Sie müssen mich nicht tadelnd ansehen, denn was können Sie für den Geschmack Alfred Falkners? Nichts, obgleich ich ihm einen besseren zugetraut hätte; oder wollen Sie's leugnen, daß die Baronin Lolo hübsch, aber oberflächlich und unbedeutend ist? Ja, wenn's noch die Großherzogin Alexandra wäre --!«
»Warum sind Sie denn gekommen?« fragte Dolores abweisend.
Keppler sah sie an und lächelte trüb.
»Warum? Es zog mich her -- ich hatte keine Ruhe daheim, keine Ruhe auf der beabsichtigten Studienreise. Und die Leute hier sind ein schöner Völkerschlag -- ich kann auch hier Studien machen.«
»Lolo wird wenig oder gar keine Zeit für Sie haben,« sagte Dolores ernsthaft.
»Wahrscheinlich nicht, denn sie ist fast noch ein Kind, das gern mit Puppen spielt. Und die Husaren leuchten so schön in ihren roten Röcken, während ich einen grauen Sommeranzug trage und nicht einmal mehr den Frack, wie in jener Zeit, da ich Ihre Durchlaucht, die Prinzeß Eleonore von Nordland malte. Falkner wollte es so.«
»Natürlich. Wenn Sie aber wissen, daß Lolo Ihnen nicht sitzen wird --«
»In der Ahnengalerie des Falkenhofs fehlt noch _Ihr_ Bild, Fräulein Dolores, und ich bin ehrgeizig genug, dieses Porträt malen zu wollen. Was sagen Sie dazu, daß ich unter die Streber gegangen bin, unter die Bewerber um solchen Preis?«
Was sollte sie dazu sagen? Sie konnte die Bescheidenheit, die Demut des größten Porträtmalers nur bewundern und fand sie rührend -- aber sie hätte doch verstehen müssen, daß diese Demut in der Liebe ihren Ursprung hatte.
»Sie haben mich schon einmal gemalt --« wandte sie ein.
»Als Satanella, ja. Aber dies Bild ist mein, es erinnert mich an die Zeit, da Sie den Purpurmantel wahrer Künstlergröße trugen,« erwiderte er. »Jetzt ist der Purpur abgestreift und er liegt zu Ihren Füßen, ein Teppich, über den Sie hinwegschreiten. Doch ich gestehe gern, daß Ihnen das weiße Gewand der Châtelaine, der Waldfrau einen neuen, vielleicht höheren Reiz verleiht, und was als Satanella dämonisch aus Ihren Augen leuchtete, es ist geläutert, verklärt und vergeistigt. Wodurch? Das habe ich mich oft schon gefragt, mir aber nie zu beantworten gewagt.«
»Sie haben mich scharf studiert, Herr Keppler,« meinte sie, leicht verwirrt.
»Das ist meines Amtes als Kopist der Natur,« erwiderte er.
Und dabei blieb es, er malte sie in der weißen, goldgestickten Atlasschleppe und dem duftigen Kleide von kostbaren alten, echten Spitzen, ganz ohne anderen Schmuck als den ihrer Schönheit und ihres Goldhaares, nur in diesem, schräg schwebend hoch über ihrer Stirn malte er den Halbmond von Diamanten, wie sie ihn auf der Hochzeit der Großherzogin getragen hatte. Die Arbeit ging rasch und flott vorwärts, und auffallend schnell modelte sich die herrliche weiße Gestalt heraus auf dem schmalen, hellgetönten Paneel -- ein lichtes Gedicht, eine Symphonie in Farben, vielleicht nicht so genial wie die Satanella, sicher aber schöner, zum Herzen sprechender.
Einmal beim Malen kam Falkner hinzu in Begleitung von Lolo -- er ging selten allein in den Falkenhof.
»O wie schön,« sagte er unwillkürlich, als er vor das Werk des Meisters trat.
»Meinst du das Original oder das Bild?« fragte Lolo und warf den Kopf zurück.
»Meine Frau bringt mich in ein Dilemma,« erwiderte er ruhig. »Denn meine ich das Original, so kränke ich vielleicht den Meister, und meine ich das Bild -- was soll das Original von meiner Höflichkeit denken. Folglich wähle ich die goldne Mittelstraße, die hier zur Wahrheit führt, und sage: Das Porträt ist getreu dem Original!«
»Gut gebrüllt, Löwe,« citierte Keppler lachend seinen Shakespeare, indem er ruhig weiter malte.
Dolores sagte nichts. Sie stand auf ihrer Estrade in dem zum Atelier eingerichteten einstigen Tanzsaal des Falkenhofes -- einem wundervollen großen Raum mit weißem Stuckmarmor bekleidet und bemalter Decke, auf der es im Rokokogenre von Göttinnen, Nymphen, Amoretten und Seeungeheuern, welche Arnold Böcklin entzückt hätten, zwischen Blumen und Fruchtgewinden wimmelte, der aber entschieden sehr einer Restauration bedürftig war. Aber der nach Norden gelegene Raum war kühl und hatte gutes Licht, das durch hohe, schmale Fenster voll auf die weiße Gestalt flutete, welche ungezwungen neben einem niederen, plüschbezogenen Lehnsessel aus der Renaissanceepoche stand und die schlanke, lilienweiße Linke leicht auf die Lehne stützte.
»Ich fasse nicht, wie du das Modellstehen aushalten kannst, Dolores,« meinte die junge Frau, indem sie an den Spitzen von Dolores Kleid zupfte. »Ich wenigstens werde davon so müde, als hätte ich im Felde Kartoffeln gehackt.«
»Ich bin auch sehr müde,« sagte Dolores und erblaßte in diesem Moment so, daß Keppler erschrocken die Palette hinlegte.
»Dolores -- du solltest dich nicht so anstrengen,« rief Falkner, neben sie tretend. »Komm herab -- laß es genug sein für heute.«
»Nein, nein,« sagte sie mit mattem Lächeln, »es geht immer sehr schnell vorüber --«
»Wie, du leidest öfter daran? Was ist es?« fragten Falkners =a tempo=.
»O, eigentlich nichts,« erwiderte Dolores apathisch. »Es mag eine Folge des heißen Sommers sein, daß ich so träge geworden bin seit Tagen -- seit einer Woche etwa. Ich ermüde bei jeder Beschäftigung, und es ist mir alles ganz gleichgültig, ob es so wird oder so. Und manchmal kommen die kleinen Frostanfälle, von denen ich eben einen hatte, und die mir dann alles Blut für einen Moment erstarren machen.«
»Aber du solltest doch einen Arzt fragen,« sagte Falkner, besorgt in das schöne, aber vergeistigt blasse Antlitz seiner Cousine sehend.
»Wozu? Es ist nichts, wird vorübergehen,« entgegnete sie.
In diesem Moment trat Ruß in den Saal.
»Ah, ah! Ein ganzes Convivium hier versammelt?« fragte er überrascht. »Wenn das Mama gewußt hätte --«
»Wir kommen noch, ihr guten Tag zu sagen,« fiel Falkner ein, »heut' galt aber Dolores unser Besuch in erster Linie. Doch vor allem ein Wort an dich: du mußt deinen Einfluß geltend machen, daß Dolores einen Arzt konsultiert.«
»Ist sie krank -- unsere lebensfrische, starke, gesunde Dolores?« fragte Doktor Ruß überrascht und wandte sich nach ihr um. Dabei fiel das Licht so auf sein Gesicht, daß es sich einzig und allein in seinen ungefaßten, starken Brillengläsern sammelte und diesen das Aussehen von enormen Augen ohne Lider, Wimpern, Iris und Pupille verlieh, wie wir sie in ihrem regungslosen Glanze bei Schlangen sehen.
Dolores fuhr vor diesen auf sie gerichteten, durch die Beleuchtung furchtbaren Augen mit einem leisen Schrei zurück -- ein Beweis für die Abgespanntheit ihrer Nerven -- und ein Schauer des Entsetzens überrieselte sie. Aber sie bezwang sich schnell.
»Ich glaube, der Einfluß des Herrn Doktors auf mich wird überschätzt,« sagte sie kühl und vielleicht schroffer, als sie gewollt. »Lassen wir also meine kleine Indisposition beiseite, und hören wir lieber, was die Herrschaften von Monrepos heut' nach dem Falkenhofe geführt hat.«
»Ah -- ich bitte ungebeugte Willenskraft, unbeeinflußte Unabhängigkeit bei der sogenannten Patientin festzustellen,« rief Doktor Ruß scherzend und scheinbar unberührt von der unzweideutigen Abweisung.
»=La garde meurt, mais elle ne vomit pas=,« vollendete Lolo mit einem Kompliment gegen Ruß, welcher, da die anderen lächelten und lachten, es =nolens volens= mitmachte. »Das ist nämlich Graf Schingas Devise, die er sich selbst übersetzt hat,« erklärte die junge Frau, »er hat sich im Lexikon das Wort ›übergeben‹ statt ›ergeben‹ gesucht -- folglich nicht =La garde ne se rend pas=, sondern =elle ne vomit pas=.«
»Ja, es ist eine böse Sache um Sprachen, die man nicht versteht,« sagte Falkner amüsiert. »Überhaupt sind die fatalen Fremdwörter eine böse Klippe für unseren guten Grafen, der neulich in Berlin bei einer befreundeten Familie den ›Cicero‹ spielen mußte und sie unter anderem auch in den ›Theologischen‹ Garten führte.«