Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.

Part 11

Chapter 113,754 wordsPublic domain

singt Heine in seinem Liede von den »blauen Husaren.« Und Falkner konnte sich's nicht verhehlen, daß viel Einquartierung in dem Herzen seiner Frau lag, welche in dieser »wilden Wirtschaft« für ihn höchstens hin und wieder ein flüchtiges Wort oder einen zerstreuten Gruß hatte. Aber daß es »_viel_« Einquartierung war, das beruhigte ihn und ließ ihm die Sache harmlos erscheinen, wenngleich es ihn mit Besorgnis erfüllte, nicht für jetzt, aber für später. Denn Lolo kokettierte unbedingt, dafür gab es keine Beschönigung, und wenn er freundlich mit ihr sprechen wollte und sie ermahnen, vorsichtiger zu sein, da hatte sie entweder »keine Zeit« oder sie war so »entsetzlich müde,« daß sie für ihn ebenso gut oder noch besser hätte in Haparanda wohnen können, denn dort hätte sie doch wenigstens ein Brief von ihm erreicht, während er hier nicht einmal mit ihr sprechen konnte. Und als er sie einmal zwang, ihn anzuhören, und er ihr ernstlich den freien Ton, das Kokettieren, den ungebundenen Verkehr verwies, da lachte sie ihm ins Gesicht und nannte ihn einen Philister, doch als er ihr die vornehme, ruhige und würdevolle Art und Weise vorstellte, mit der Dolores ihre Einquartierung empfangen hatte und mit ihr verkehrte, da flammte sie plötzlich auf in heller Eifersucht und verbat sich einen Vergleich mit der »Komödiantin« und trieb es nur noch toller wie bisher. Falkner mußte sich gestehen, daß der Charakter der »Satanella,« dem er so unsympathisch gegenüber gestanden hatte, sich nun in seiner Frau entwickelte und unter seinen Augen wuchs, ohne daß er ihm steuern konnte. So stand er unter diesem lauten, lustigen Treiben in seinem Hause allzeit auf dem Posten als liebenswürdiger und aufmerksamer Wirt, aber ernst und unbefriedigt im Herzen die drohende Frage: Was soll das werden? So standen die Dinge in Monrepos, so begann Falkners junge vielbesprochene Ehe.

* * * * *

Im Falkenhof war Dolores nach den Hochzeiten der Prinzessinnen wieder eingezogen. Der schöne Besitz war ihr so lieb, so traut, aber sie hätte ihn trotzdem gerne bald verlassen wegen Falkners Nähe und hielt sich doch durch ihre dem Rußschen Ehepaare gegebene Zusicherung, bis zum Herbst zu bleiben, für gebunden durch die Bande der Gastfreundschaft und der Rücksicht auf Falkners Mutter, in welcher sie ihn mit feinem Takt zu ehren gedachte. Daß er sich mit seiner Frau nur in den seltensten Fällen im Falkenhofe sehen ließ, dankte sie ihm von Herzen und verstand es voll und ganz, und so lebte sie hin in der schönen Einsamkeit dieser Sommertage, ganz versenkt in ihre Musikstudien, in ihre Träumereien, welche ihr manch stimmungsvolles Lied, manche wehmütige Weise in den Griffel diktierten. Und da sie ihre Gastfreundschaft nach englischem Muster übte, das heißt ihren Gästen die persönliche Freiheit gewährte und sie nicht in ein geselliges Joch spannte, so war sie am Tage meistens allein und nur zur Dinerzeit mit Doktor Ruß und seiner Frau zusammen. Die beginnende Manöverzeit überraschte sie und störte sie widerwillig auf aus ihrer Zurückgezogenheit, denn sie hatte gar nicht daran gedacht, daß sie Einquartierung bekommen könnte, ungewohnt dieses Zustandes des »Kriegs im Frieden,« den sie im Auslande nicht kennen gelernt hatte. Und als zum erstenmal ein Quartiermacher vor ihr stand, seinen Zettel in der Hand, verstaubt, hungrig und wild aussehend, da bedauerte sie schmerzlich, daß sie nicht dennoch fortgereist war. Aber die Bildung des deutschen Offiziers und die Bescheidenheit und Gutmütigkeit der Leute machten ihr die gefürchtete Sache doch leichter, als sie gedacht hatte. Sie nahm die ungebetenen Gäste mit allem Komfort auf, erschien selbst als Wirtin präsidierend an der allgemeinen Mittagstafel, plauderte wohl noch ein Stündchen mit auf der Terrasse und zog sich dann zurück, es den Herren völlig freistellend, zu bleiben oder ihre eigenen Zimmer aufzusuchen.

Als dann die Husaren auf drei Wochen eingezogen und der Stab, sowie die Offiziere von drei Schwadronen in den Falkenhof gelegt wurden, da ward es fast noch gemütlicher als bei dem ewigen Kommen und Gehen, und sie saß wohl abends nach dem Diner noch ein wenig länger mit Herrn und Frau Ruß in dem angenehmen Kreise der verheirateten Offiziere, während die Junggesellen nach dem »Gesegnete Mahlzeit« meist hinübergingen nach Monrepos, nachdem sie entdeckt, daß Dolores ein Bild ohne Gnade sei und mit einem Kokettieren =pour passer le temps= hier nicht zu reüssieren war. Wohl entflammten sich ein paar leicht entzündliche Herzen an ihrer unleugbaren Schönheit, aber es wurde von ihrer Seite auf diese Herzensflammen so gar kein Öl gegossen, worauf das Strohfeuer knisternd erlosch und sich drüben in Monrepos neu entzündete. Und es kamen auch Söhne des Mars, welchen die Manichäer hart auf den Sohlen saßen und welche Dolores für eine »verflucht gute Partie« erklärten und besiegen wollten, aber leider merkte sie die Absicht und wurde verstimmt, und als wirklich jemand ein ernstes Werben um sie zeigte, da war die Manöverzeit fast vorüber und Dolores mußte schweren Herzens einen Korb flechten und ihn vergolden, so gut es ging, trotzdem ihr sein Empfänger leid that und ganz leidlich gefiel. Aber aus Mitleid ist nicht gut heiraten und das bloße Ganz-gut-gefallen thut's auch noch nicht.

Jedenfalls aber hätte selbst die böseste Zunge dieser jungen Schloßherrin in ihrem Benehmen gegen die Einquartierung auf dem Falkenhofe nicht den leisesten Vorwurf machen können.

Denn eine Würde, eine Hoheit Entfernte die Vertraulichkeit.

Mit Doktor Ruß stand sie nach wie vor auf einem angenehmen Konversationsfuße und sie warf es Engels oft vor, daß er den belesenen, klugen Mann falsch beurteile, denn was dieser ihm nachsagte -- Eigennutz und Falschheit -- das glaubte sie ganz und gar nicht in ihm zu finden, je näher sie ihn kennen lernte, obgleich ihr manchmal der Gedanke kam: »Meint er es ehrlich?« -- Doch sie glaubte diese Frage nicht verneinen zu dürfen -- hatte er ihr doch noch keinen Beweis vom Gegenteil gegeben! Dagegen war sie überzeugt, daß Frau Ruß es nicht gut mit ihr meine. An die kurze, absprechende Art derselben hätte sie sich mit der Zeit gewöhnt, aber der kalte, musternde, scharfe Blick dieser hellen Fischaugen, welchen sie oft auf sich ruhen fühlte, verursachte ihr ein Unbehagen, das sie sich gar nicht erklären konnte, dessen Vorempfindung schon so stark in ihr war, daß sie sich oft unter einem Vorwande der Gesellschaft dieser unliebenswürdigen und seltsamen Frau entzog und es gar nicht mehr versuchte, Zuneigung zu erringen. Ihr erschien es eine Sisyphusarbeit, das Vertrauen der Frau Ruß zu gewinnen, denn jedes freundliche und entgegenkommende Wort prallte ab an dem schroffen Felsen dieses unzugänglichen Frauenherzens.

Dieses Zurückweisen ihrer selbst betrübte Dolores mehr, als es sie verletzte, denn Frau Ruß war ihr nicht sympathisch, aber sie hätte ihr gern Liebe erwiesen um ihres Sohnes willen. Mehr noch aber als das verursachten ihr die Nachrichten aus Monrepos thatsächlich Qual, denn die Berichte von dem rastlos tollen Treiben der jungen Frau, und ein gelegentlich aufgefangener müder, doch angstvoller und dann wieder drohender Blick Falkners erzählten ihr von einem traurigen Beginn dieser Ehe, die nichts Gutes verhieß. -- --

Es war am Tage vor dem Einrücken der Husaren im Falkenhof. Dolores war am Nachmittage bei Engels in dessen Turmwohnung erschienen, nach langer Zeit zum erstenmal wieder, stürmisch begrüßt vom Teckel Knieper und der Katze Ida.

»Daraus sieht man, wie lange Sie nicht hier waren,« meinte Engels, als Knieper sein Freudengebell etwas gemäßigt und Ida sich auf dem Schoß von Dolores niedergelassen hatte.

»Ja, ja, Sie haben ganz recht mit Ihrem Vorwurf,« erwiderte sie, »aber es ist so manches andere auch noch anders geworden.« -- Und sie seufzte.

»Das weiß der Kuckuck!« bestätigte Engels. »Besonders Sie selbst sind anders geworden.«

»Hoffentlich zum besseren,« sagte sie mit schwachem Lächeln.

»Kommt auf die Anschauung an,« meinte Engels. »_Mir_ waren Sie früher lieber -- sprühend vor Lebenslust und Laune, die ganze liebe, warme, leuchtende Gottessonne im Herzen, im Blick -- -- das bißchen ›Teufelin,‹ das Sie darein mischten, kleidete Ihnen gut, sehr gut. Heut' -- du lieber Gott! Heut' sind Sie eine Frau, der das Leben irgend etwas Schweres angethan zu haben scheint, und was von Ihrem alten, sonnigen Wesen geblieben ist, das leuchtet nur noch schwach, wie die Abendsonne. Was ist Ihnen eingefallen, daß Sie vom Morgenrot zur Abendsonne übergesprungen sind? Es giebt im Leben doch auch noch einen Mittag und einen Nachmittag! Da haben Sie die Wahrheit!« --

»Ja, aber sie stimmt nicht ganz,« entgegnete Dolores. »Wer sagt Ihnen, daß es wirklich nur noch Abendsonnenglanz ist, was Sie aus mir leuchten sehen? Es giebt Tage, an denen die Sonne um Mittag so schwach und nichtssagend leuchtet, als stände sie schon tief im Westen. Und _wenn_ es Abend wäre -- -- es wäre das beste, denn dann kommt die Nacht, und in der Nacht ist Ruhe und Schlaf --

Bis zum jüngsten Tag Soll mich kein Hahnenschrei wecken,

sagte Irrgang, als er sich in den Schnee schlafen legte.«

»Gott erbarm' sich!« sagte Engels erschrocken und aus tiefstem Herzensgrunde heraus, und als Dolores schwieg, stand er auf und trat dicht an sie heran, beugte sich tief zu ihr herab und flüsterte:

»Der Kerl drüben, der Ruß, hat über Ihren Unfall am Hexenloch eine Andeutung, ein Wort eigentlich bloß fallen lassen, das man sich hätte deuten können, als ob Sie selbst -- -- Sie verstehen mich. Ich hab's aber nicht glauben wollen, Fräulein Dolores -- und es ist auch nicht wahr, nein?«

»Nein!« sagte sie und lachte dabei. Dann aber wurde sie wieder ernst. »Ich würde den Tod selbst niemals suchen, denn Selbstmord ist eine erbärmliche Feigheit, eine Fahnenflucht vor dem Leben.«

»Aber,« fügte sie nun gleichfalls flüsternd hinzu. »Aber, je mehr ich mir diesen Augenblick zurückrufe, je fester möcht' ich daran glauben, daß ich nicht ausgeglitten bin, nicht selbst die verhängnisvollen zwei oder drei Schritte gemacht habe, welche mich von dem Hexenloch noch trennten.« --

»Wie denn?« fragte Engels leise, eifrig. »Mußten Sie dann aber nicht fühlen, daß ein anderer Sie schob?« --

»Ich war in tiefen Gedanken, und es ging alles schneller, als man es sagen kann,« entgegnete Dolores nachdenklich. »Eh' ich nur etwas hören, sehen oder fühlen konnte, schlug das Wasser schon über mir zusammen. Nur das eine weiß ich genau, daß ein Ausgleiten bei _einem_ Schritte vorwärts mich noch nicht bis ins Wasser bringen konnte. Vielleicht bin ich aber in Gedanken unbewußt ein paar Schritte gegangen, denn es ist mir schon passiert, daß, wenn mein Geist ganz von anderen Sachen in Anspruch genommen war, ich mich im nächsten Zimmer befand, ohne mich besinnen zu können, daß und wie ich hineingegangen bin. Es ist also möglich, daß ich diese wenigen Schritte doch gemacht habe. Aber nun kommt die Einbildung dazu und macht mir weiß, daß ein Etwas mich von rückwärts hineingedrückt, denn gestoßen ist zuviel gesagt.« --

»Ja, dann müßten Sie aber doch eine Hand, einen Arm -- kurz ein Wesen verspürt haben, das Ihnen nahe war, das Sie berührt hat!«

»Ich weiß es nicht. Im Augenblick, als ich wieder am Lande war und meine volle Besinnung wieder hatte, hätte ich schwören können, daß niemand in meiner Nähe war, niemand mich berührt hat. Aber die stets =post festum= kommende Einbildung will mir jetzt weismachen, daß ich leise Schritte hinter mir gehört, daß eine Hand mich berührt hat.«

»Ah! Gesetzt aber, Sie hätten diese Schritte gehört, war es da nicht natürlich, daß Sie sich umwandten -- natürlich und unwillkürlich?«

»Eben deshalb nenne ich es eine Einbildung, lieber Engels.«

»Ist es auch,« entgegnete dieser. »Ihre andere Lesart, daß Sie unbewußt und in Gedanken die paar Schritte auf das Wasser hin gethan haben, ist entschieden glaubwürdiger und einleuchtend genug. Denn wer in aller Welt hätte denn einen Grund, Sie meuchlings ins Wasser zu stürzen? Keine Seele! Höchstens der Freiherr selbst, der doch zum Falkenhof der Agnat ist.«

»Der hat mich ja aber gerade herausgeholt, ganz abgesehen davon, daß ich ihm nachsah, wie er fortging, als es geschah.«

»Na eben darum!« nickte Engels bestätigend. »Warum, zum Teufel, macht dann aber der alte Schleicher, der Ruß, ein Gesicht, als ob Sie lebensmüde wären?«

»Ach, Engels, das haben Sie wohl falsch aufgefaßt!«

»Vielleicht, Fräulein Dolores. Man weiß ja nie, wie man seine halben Worte und Winke deuten und auffassen soll. Nimmt man eine Redewendung so, und es kommt anders, da sagt er dann sicher: Aber ich habe es Ihnen ja gleich gesagt! Der Teufel mag sich mit dem alten Fuchs ausfinden!«

»Engels, Engels! Da galoppiert Ihre Abneigung wieder mit Ihnen davon!«

»Ach -- galoppiert nie übers Ziel!« machte Engels. Dann, nach einer Pause, nahm er einen Brief aus einer Mappe. »Hier,« sagte er, »ist ein spanisches Schreiben von Ihrem brasilianischen Bevollmächtigten. Es wird sich wohl um die Pflanzen handeln, welche Sie von da verschrieben haben, hier im Treibhaus ziehen und dann acclimatisieren wollen. Die Adresse ist deutsch und an mich gerichtet, aber da ich Spanisch leider nicht kann, wollte ich Sie bitten, mir's zu übersetzen -- schriftlich, damit ich's mit dem Original meinen Belegen beiheften kann.«

»Gern,« erwiderte Dolores. »Sie werden es morgen früh beim Rapport bereit finden. Und nun guten Abend -- ich muß hinein, denn es giebt mit Mamsell Köhler noch eine Menge zu besprechen für die neue Einquartierung!«

»Guten Abend, Fräulein Dolores. Und -- nichts für ungut!«

»Ach, wegen Ihres Selbstmordverdachtes? Nein, nein -- nichts für ungut,« erwiderte Dolores lächelnd und ging.

Aber der Abend war schön und die Luft rein und klar nach einem köstlich erfrischenden Regen, und darum machte sie doch noch einen kleinen Umweg, ehe sie ins Schloß zurückkehrte. Sie ging in einem an beiden Seiten dicht mit Buschwerk bestandenen Laubgange dahin, zog den Brief aus dem Couvert mit der fremdländischen Marke darauf und begann ihn durchzulesen, hin und wieder einen Moment stehen bleibend. Und in einem solchen Moment erklang ein schnalzendes Geräusch, wie das Zusammenschlagen zweier Hände, nicht lauter, und Dolores war es, als bekäme der Brief in ihrer Hand einen Schlag, und als sie den Bogen wieder glättete, sah sie, daß sich ein kleines, sehr kleines, rundes Loch mit angesengten Rändern darin befand, das sie bisher nicht bemerkt. Einen Moment stand sie frappiert, dann sah sie rechts und links in das Gebüsch, es beiseite biegend und ging darauf den Weg zurück zu dem Turme, den Engels bewohnte.

Der war sehr erstaunt, sie wieder eintreten zu sehen.

»Haben Sie etwas vergessen, Fräulein Dolores?«

»Nein,« sagte sie ruhig. »Ich wollte nur fragen, ob der spanische Brief dieses kleine Loch schon hatte, als Sie ihn mir gaben.«

Engels nahm den Brief, setzte sich die Hornbrille auf und beobachtete mit hochgezogenen Brauen das kleine, seltsame Zeichen.

»Ist mir nicht aufgefallen,« sagte er verwundert. »Da ist ja ein Schuß durchgegangen!«

»Eben darum frage ich,« erwiderte Dolores gelassen.

»Hm --! Soviel ich weiß, war diese Kugelmarke nicht in dem Briefe. Die _müßte_ ich ja gesehen haben, nicht wahr? Merkwürdig kleines Kaliber -- wie aus einer Teschinpistole.«

»Ja,« sagte Dolores lakonisch, und als sie Engels' fragenden Blick sah, zuckte sie mit den Achseln. »Vielleicht wieder ein Selbstmordversuch von mir,« meinte sie mit einem kurzen Lachen, das etwas forciert war.

»Donnerwetter!« machte Engels.

»Nein, bitte, kein Wort davon,« bat sie. »Das bleibt unter uns. Aber die Augen wollen wir beide offen halten, nicht wahr?«

Und damit ging sie wieder, furchtlos und langsam, denselben Weg nach dem Falkenhof zurück und direkt bis in ihr Schlafzimmer. Dort zog sie das Schubfach ihres Nachttisches auf -- da lag die winzige, kleine Teschinpistole, wie immer, daneben stand das Blechbüchschen mit den Patronen. Sie hatte die Gewohnheit, die kleine Waffe allabendlich zu laden und früh die Patrone wieder herauszuziehen -- auch jetzt war der Schuß herausgezogen.

»Ich muß doch die Patronen einmal zählen,« dachte sie. Es waren noch dreißig Stück in der Büchse, und die schloß sie fort.

Die nächste Stunde ihres Nachdenkens war nicht gerade erbaulich. Sie dachte zwar nicht an die für sie rätselhafte Episode am Hexentümpel, wohl aber an den rätselhaften Schuß, der sein Ziel wahrscheinlich verfehlt hatte, denn wer hätte die kühne Idee, einen Brief zu durchschießen, der gerade gelesen wurde? Höchstens doch ein Kunstschütze von der Fertigkeit eines Ira Aldridge. Nein, der Schuß galt ihr. Aber warum? Wem hatte sie etwas gethan? Wer hatte ein Interesse daran, sie zu töten?

Sie dachte an einen ihrer brasilianischen Vögte, den sie neulich auf den Bericht ihres Bevollmächtigten, und weil er sie bewiesenermaßen bestohlen, entlassen hatte. Sollte der Mann sich haben rächen wollen? Unmöglich war das nicht, aber wie wäre er von Brasilien nach Norddeutschland gekommen? Das ist ein weiter Weg, und ehe er zurückgelegt ist, wozu Zeit und -- Mittel gehörten, da ist die erste Wut schon abgekühlt. Aber es war der einzige Anhaltepunkt für sie, und als sie beim besten Willen keinen anderen fand und der Kopf sie anfing zu schmerzen, da ging sie herab und fand auf der Terrasse die sie suchte -- Doktor Ruß mit Frau. Denen erzählte sie die Geschichte dieses Schusses, und Doktor Ruß riet sofort einen Kriminalkommissar kommen zu lassen, der im Falkenhofe Wohnung zu nehmen hätte, um dem geheimnisvollen Schützen auf die Spur zu kommen. Doch davon wollte Dolores nichts wissen. Sie teilte Doktor Ruß ihren Verdacht mit und meinte, es würde wohl auch durch Ramo zu erfahren sein, ob ein Fremder sich hier herumtriebe, denn irgend jemand müsse ihn doch sehen, da ein Mensch Nahrung brauche und dieselbe wieder nur durch Menschen zu erlangen sei.

Doktor Ruß billigte im ganzen den Plan, Ramo auf die Spur des Attentäters zu hetzen, hielt aber seine Idee für erfolgreicher. Frau Ruß sagte, wie gewöhnlich, nichts, doch bemerkte Dolores, daß sie ihr Strickzeug ruhen ließ und die großen, hellen, kalten Augen, welche durch eine merkwürdig kleine Pupille und durch eine sehr große Iris etwas seltsam Steinernes hatten, fest auf ihren Gatten heftete und denselben unausgesetzt ansah, trotzdem es schon zu dämmern anfing.

»Sie sucht in seinem Gesicht zu lesen, was sie von der Sache denken darf und was nicht,« sagte sich Dolores und war froh, daß diese schrecklichen Augen nicht auf sie starrten -- unausgesetzt starrten, ohne daß ihre Wimpern gezuckt hätten. Doch auch dem Doktor Ruß, der es anfangs nicht zu bemerken schien, wurde dies Anstarren zu viel.

»Es ist feucht, mein Liebling,« flötete er, sich plötzlich zu seiner Frau wendend. »Ich fürchte für deinen Rheumatismus. ›Refma‹ nennt unser guter Graf Schinga dieses Übel,« wandte er sich lächelnd an Dolores.

»Ich habe keinen Rheumatismus,« sagte Frau Ruß, ohne ihrem Blicke eine andere Richtung zu geben.

»Dennoch würde ich dir raten, hineinzugehen, damit du ihn nicht bekömmst,« schlug Doktor Ruß liebevollen Tones vor, und da seine Frau noch zögerte, sagte er etwas scharf: »Nun, meine Teure?«

Da begann sie gehorsam ihren Strickstrumpf zusammenzurollen, ohne die Augen von ihm abzuwenden, doch ehe sie noch fertig damit war, erscholl unten eine helle, frische Stimme. Es war Lolo Falkner.

»=Salem aleikum!=« rief sie, die Treppen hinaufspringend. »Ich komme, mir eine Tasse Thee und ein Butterbrot ausbitten, Dolores, denn ich habe einen Mordshunger. Wir haben heut' früher diniert, weil unsere Herren von der Artillerie abrücken mußten -- na, die vertragen schweres Geschütz vom alten Rheinwein! Dann, wie sie weg waren, habe ich geschlafen und nun bin ich hergelaufen, weil mir so _furchtbar_ einsam war. Darf ich bleiben?«

»Aber ich bitte darum,« sagte Dolores, die vorher den beiden noch zuflüsterte: »Bitte, nichts von dem Schuß sagen!«

Lolo reichte ihr und Doktor Ruß die Hand, that, als ob sie die ihrer Schwiegermutter küßte, und setzte sich, den Hut fortwerfend.

»Wo ist denn dein Mann?« fragte Frau Ruß, welche nun ruhig sitzen blieb.

»Alfred? Ich weiß nicht -- er wird wohl zu Hause sein,« meinte Lolo unbefangen.

»Ja, weiß er denn nicht, daß du hier bist?« inquirierte Frau Ruß weiter.

»I, keine Spur,« versicherte die junge Frau. »Woher soll er's denn wissen? Ich hab's ja niemand gesagt, als ich fortging.«

»Nun, dann brauchte dir ja nicht so furchtbar bange zu sein, wenn Alfred zu Hause war,« setzte Frau Ruß das Gespräch fort.

»Was? Mit Alfred allein bleiben? Schrecklicher Gedanke,« rief Lolo entsetzt. »Ein Ehepaar allein zusammen ist der Inbegriff der Langeweile, das mußt du ja aus doppelter Erfahrung selbst wissen, Mama!«

»Hm! Hm! Hm! Hm!« sang Doktor Ruß eine harpegierte Quart und kicherte lautlos in sich hinein, während über Dolores ein Zorngefühl kam, als müsse sie aufspringen und die kleine Freifrau gründlich beuteln.

»Ich finde, diese Erfahrung kommt für dich etwas früh,« entgegnete Frau Ruß schlagfertig, aber fliegenden Atems vor Erregung.

Lolo Falkner lachte.

»Er ist ja sonst ganz nett,« gab sie großmütig zu, und dann ihre langen Handschuhe zusammenballend und in die Luft werfend, sang sie aus voller Kehle: »Und morgen kommen die Husaren --! -- Du, Dolores, morgen kommt auch dein alter Freund, der Kleckser, um mein Gesicht fertig zu pinseln -- na, wie heißt er denn gleich?«

»Der Name Johannes Keppler ist von europäischem Ruf,« sagte Dolores finster und steif.

»Als ob mich das verpflichtete, jeden Anstreicher zu kennen,« lachte Lolo in unverändert guter Laune.

In diesem Moment bog Falkner um die Ecke und trat alsbald auf die Terrasse.

»Ah -- da haben wir ja denselben Gedanken gehabt,« meinte Lolo gedehnt, als sie ihm zwei Finger zum Gruß reichte. »Du kommst doch auch, Dolores zu besuchen?«

»Auch das, wenn sie es gestattet,« erwiderte Falkner etwas scharf. »Aber ich kam eigentlich, dich zu holen --«

»Ja schöne Seelen finden sich Zu Wasser und zu Lande«

trällerte Lolo.

»Es wäre in jedem Falle sehr freundlich gewesen, mich von deinem Ausgange zu unterrichten,« bemerkte Falkner.

»Na, da habt ihr die Standpauke,« rief Lolo mit komischer Resignation. »Ich hab's ja gleich gesagt, solch' ein Ehepaar ist eine schöne ›Stütze der Gesellschaft,‹ in Bezug auf interessante Konversation.«

»Ich höre eben, daß Keppler morgen kommt,« fiel Dolores schnell ein, um weitere Auseinandersetzungen der jungen Frau zu verhindern.

»Ja, er kommt,« sagte Falkner rauh, »aber ich fürchte, seine Zeit wird verloren sein, denn die Stunden, die mir verweigert sind, dürften ihm kaum gewährt werden.«

»=Cela dépends=,« warf Lolo lustig ein.

Falkner stand auf.

»Wir wollen nach Hause gehen,« sagte er, mühsam beherrscht.

Aber sie rührte sich nicht vom Flecke.

»Erst mein Abendbrot,« rief sie, mit ihren Handschuhen spielend.

Und sie blieb wirklich, bis Thee und kalte Küche serviert waren, dann erhob sie sich auf das Zeichen ihres Mannes.

»Wir haben nun gegessen und sind geworden satt, Hätt's aber mehr gegeben, hätt's auch nichts geschad't«

deklamierte sie lustig.

Auf dem Heimwege sprachen sie kein Wort, und Lolo füllte den langen Weg damit aus, daß sie wie ein Gassenbube allerlei Gassenhauer pfiff. In Monrepos angelangt, öffnete Falkner ihr die Thür ihres Boudoirs.

»Du wirst nach all dem wohl dein Zimmer einem gemeinschaftlichen Zusammenbleiben, das so wenig Chic ist, vorziehen,« sagte er.

»Mach' kein so brummiges Gesicht,« erwiderte sie lächelnd statt einer Antwort, und als er, finster genug dareinschauend, ein paar Schritte zurücktrat, fügte sie hinzu: »Wer wird denn jedes Wort, das man sagt, auf die Goldwage legen! Man renommiert manchmal und meint es anders -- und besser!«

»Soll das eine Entschuldigung sein für dein Benehmen?« fragte er, trat in das Zimmer und schloß die Thür hinter sich.

»Entschuldigung?« murmelte sie verwundert. »Ja, habe ich denn nötig, mich zu entschuldigen? Und bei dir?«