Die Falkner vom Falkenhof. Zweiter Band.

Part 10

Chapter 103,518 wordsPublic domain

Die junge Freifrau von Falkner hatte sich in Monrepos sofort mit großem Selbstbewußtsein installiert und energisch Besitz ergriffen von ihrem Regiment. Bis dahin immer noch halb als Kind behandelt, jeden Zwang hassend, war sie in einer Atmosphäre aufgewachsen, welche, wie ihrer Mutter, ihren ganzen Neigungen widersprach. Die programmmäßigen, geregelten Vergnügungen machten ihr gar keinen Spaß, sie wollte Vergnügungen nach ihrem eigenen Maßstabe. Auch liebte sie's gar nicht, erzogen zu werden, und emancipierte sich auch vielfach mit Erfolg von den guten Lehren, welche sie nicht als solche anerkannte, sondern sie einfach für eigens zu ihrer Qual erfundene Plackereien hielt. Daß das Leben eine sehr ernste Sache sei, und der Schmerz, als ein herber, doch treuer Gast dem Menschen kaum von der Seite weicht, das begriff sie nicht und lachte insgeheim über die »Thränenweiden,« welche die Aufgabe dieses Lebens in einer Vorbereitung für das künftige erblickten und das Elend aufsuchten, um es zu lindern. Das Leben war für Eleonore von Nordland ein ewiger Tanz, in welchem man wohl Pausen machte, sich zu erholen, aber um Gottes willen nicht ganz aufhörte zu tanzen. Es ging ihr eben wie so vielen anderen, welche für ihre Eigenart zu früh und zu spät geboren werden -- und bei ihr war entschieden das Letztere der Fall, denn wenn König Jerôme »lustiken« Andenkens diese leichtblütigste Prinzeß der Welt kennen gelernt und, da sie ganz sein Genre war, zur Königin gemacht hätte, so wäre es sicher noch viel, viel »lustiker« zugegangen im schönen Wilhelmshöhe.

Da man aber nun leider nicht mehr in diesen vergnügten Zeiten lebte und auf dem Vulkan tanzte, lachte und Tollheiten trieb, sondern unsere Zeit darin entschieden decenter und würdiger geworden ist, so wünschte Prinzeß Lolo nichts sehnlicher, als, da sie doch den König Jerôme nicht heiraten konnte, herauszukommen aus dem Zwange eines Hofes und dem Schicksal zu entrinnen, dereinst als »sitzengebliebenes« Herzogstöchterlein in dem Familienstift als Äbtissin desselben zu enden. Da war Falkner, den sie bisher eigentlich schon zu den »Alten« gerechnet hatte, erst in Monrepos so recht in ihr Leben getreten, und nachdem er ihr erst imponiert, hatte sie sich sterblich in ihn verliebt -- eine Backfischliebe, wie sie fast immer vorkommt, wenn Schulmädchen der ersten Klasse oder Selekta sich in einen der Lehrer -- meist den Zeichen- oder Gesangslehrer -- verlieben, heimliche, sehr schlechte Gedichte an ihn machen und sonstigen Kultus mit ihm treiben, von dem er keine Ahnung hat. Da Prinzeß Lolo nun aber keine höhere Töchterschule und kein Pensionat besucht hatte, ihre Privatlehrer aber alle sehr gesetzten Alters und keine Epigonen des schönen Adonis waren, so hatte sie dieses Herzensstadium auch nicht durchgemacht und sie trat erst in dasselbe, als der Freiherr von Falkner mit seiner imposanten Erscheinung, seinem kühl-vornehmen, ernsten Wesen zu Monrepos ihren Weg kreuzte. Nun fing das junge, unerfahrene Herzchen Feuer, und da sie wußte, daß Prinzessinnen auf den Bällen nicht engagiert werden, sondern selbst ihre Tänzer wählen und befehlen, so versicherte sie sich erst, daß die gefährliche Konkurrenz von Dolores keine Nebenbuhlerschaft war, und präsentierte ihm, der sich von Dolores aussichtslos zurückgewiesen sah, ihr junges Herz mit einer Deutlichkeit, die ihm bei der Jugend und der Unerfahrenheit der Herzogstochter schmeichelte und wohlthat. Durch welche Motive der Herzog bestimmt worden war, seine jüngste Tochter außerhalb ihres hohen Standes zu verheiraten und sie einem simplen Edelmann zu geben, mit dessen Haus er freilich lange schon befreundet war, wissen wir.

Für Falkner gab es nach der Scene an der Gruftkapelle kaum noch einen anderen Weg, als den, welchen er eingeschlagen hatte, und nun er ganz gebunden war, wußte er auch, daß Dolores ihr Herzensgeheimnis niemals preisgegeben hätte, nie sich hätte abringen lassen, wenn es anders gekommen wäre, wenn der Herzog dem Vasallen die Hand seiner Tochter versagt hätte.

Und so fand denn die Schließung einer Ehe statt, die ein vierfach verfehltes Rechenexempel war, die ein Blick in die Zukunft verhindert hätte. Freilich hätte auch jetzt noch dieser eine Blick beiden viel ersparen können, doch es soll ja nicht sein, wir sind, zu unserem Glück meist, unwissend über die Ereignisse der nächsten Stunden und Tage. Die Freifrau von Falkner nahm also Besitz von ihrer Freiheit mit einem Eifer und einer Energie, welche deutlich bewiesen, wie die langersehnte Selbständigkeit ihr wohlthat. Ihr Anordnen, ihr Befehlen, Arrangieren verriet eine Sicherheit, welche bezeichnend war und erstaunlich zugleich, wenn man die Abhängigkeit in Betracht zog, in welcher sie bisher gelebt hatte. Nun fühlte sie sich ganz Schloßfrau, und am Tage nach ihrer Ankunft in Monrepos hatten viele Hände viel zu thun, denn ihr Geschmack verwarf die meisten Arrangements, änderte, setzte Möbel um, verlegte ganze Zimmer, und als sie dann erklärte, es sei so gut, da war freilich ein genialer Zug, ein gewisser künstlerischer Sinn nicht zu leugnen, der in den Arrangements lag.

Eine ganze, volle Woche lang beschäftigte das neue, unumschränkte Eigentum, das eigene Heim den unruhigen Geist der jungen Freifrau wie ein langersehntes, oft begehrtes Spielzeug; eine ganze Woche lang war sie auch glücklich und zufrieden in Gesellschaft ihres Gatten, welcher alles that, ihr dieses neue Heim durch seine Gesellschaft anziehend zu machen, welcher freundlich und liebreich einging auf ihre Intentionen, ihre bizarren Gedankensprünge, und in dem glücklichen und zufriedenen Ausdruck ihrer lachenden blauen Augen Ersatz fand für manches Verlorene, oder vielmehr zu finden glaubte und zu finden hoffte. Für ihn selbst war ja diese Zeit des gezwungenen =dolce far niente= ein Opfer, das er angesichts des elfenhaften, quecksilbernen Wesens an seiner Seite ein _kleines_ nannte, das er auch in dieser leicht gleitenden, ruhevollen ersten Woche auf Monrepos als solches empfand. Aber er liebte die Arbeit und liebte Beschäftigung, und da er »auf höheren Befehl bis auf weiteres« von allem und jedem Dienst freigegeben war, bis sich der gesuchte höhere Posten, wie er sich für den Schwiegersohn eines regierenden Fürsten schickte, gefunden hatte, so war er entschlossen, diese Pause in seinem Arbeitsleben durch selbstgewähltes Studium auszufüllen. Damit freilich kam er in dieser ersten Woche nicht weit, denn wenn er Lolo in einem entfernten Zimmer wirtschaften, räumen und befehlen hörte und die Bücher aufschlug, da war sie gewiß im nächsten Moment schon da, steckte das Köpfchen mit der winzigsten Spur einer Frauenhaube auf dem Blondhaar zur Thür hinein und fragte lachend und eifrig tausend und eine Frage, bis er resigniert die Bücher zusammenklappte und freundlich auf ihre Wünsche einging.

Aber eine Woche verstreicht schnell, besonders wenn sie Glück bringt und Friede, und Falkner hatte den allerbesten Willen für beides.

Und so geschah es denn genau eine Woche nach dem Einzuge des jungen Paares auf Monrepos, als beim ersten Frühstück an einem herrlichen Sommermorgen auf der Veranda die junge Frau ihre Theetasse hinsetzte, die kleinen rosigen Hände im Schoß faltete, sich zurücklehnte und -- gähnte.

»Ei, noch müde, Lolo?« fragte Falkner lächelnd, denn es war nicht gerade mehr sehr früh am Morgen.

»Müde? Nein, langweilig,« gestand Frau Lolo offenherzig genug.

»O! O! Ich fühle mich sehr geschmeichelt,« meinte Falkner heiter.

Das aber nahm seine Frau übel.

»Dabei ist gar nichts zu lachen,« sagte sie pikiert. »Es ist langweilig, das wirst du auch nicht leugnen können. Man spricht sich halt am Ende aus.«

»Findest du, Lolo?«

»Ja, ganz entschieden! Ich bin jetzt mit den Arrangements fertig, was soll ich anfangen?«

»Wir wollen zusammen lesen, zusammen studieren,« schlug Falkner vor, der schon manche Lücke im Wissen seiner kleinen Frau entdeckt hatte. Sie aber streckte abwehrend beide Hände aus und machte die Augen vor Entsetzen weit auf.

»Um Gottes willen!« rief sie. »Lesen? Studieren? Ich danke bestens. Ich bin kaum der ewigen, unausstehlichen Schulstube entronnen, und soll jetzt wieder damit anfangen? Dazu habe ich doch nicht geheiratet?«

»Aber Lolochen, man soll doch niemals aufhören zu lernen und sich zu bilden,« erwiderte Falkner freundlich und ohne hofmeisternden Ton.

»Das ist purer Unsinn,« meinte Lolo mit souveräner Verachtung. »Ich habe aufgehört zu lernen, und wer mir schon solch' langweiliges Geschichtsbuch von weitem zeigt, der macht mich ganz wild. Ich bitte dich um alles in der Welt, es ist doch so egal, ob Kolumbus das Pulver erfunden und Berthold Schwarz Amerika entdeckt hat --«

»Umgekehrt, Lolo,« sagte Falkner mehr amüsiert, als entsetzt.

»Da hast du's,« entgegnete Lolo überlegen, »das Pulver ist da und Amerika ist da, was braucht man damit geplagt zu werden, wie die Leute hießen, die es entdeckt haben? Und die römischen und deutschen Kaiser vollends, die sind mir _riesig_ egal, ob sie Nero hießen oder Ferdinand, und wenn du mich auf die Litteratur bringst, da wirst du auch kein Glück haben mit mir, denn dann erklärte ich dir im voraus, daß Goethe der langweiligste Mensch von der Welt war und Schiller mich nervös macht, trotzdem, oder vielmehr, weil ich habe den ›Grafen von Habsburg‹ auswendig lernen müssen.«

»Vielleicht eben deshalb, Lolo,« erwiderte Falkner amüsiert. »Aber ich hoffe, daß es _mir_ gelingen wird, dir eine bessere Meinung über diese Plagegeister beizubringen. Und es giebt doch auch gewisse Dinge in Litteratur und Geschichte, welche man wissen muß, wenn man auf der Straße allgemeiner Bildung fortkommen will.«

»Na, dann danke ich schön, dann mag ich gar nicht gebildet sein,« gestand sie mit verblüffender Offenheit. »Und das war deine Idee, mich lernen und studieren zu lassen? Da möchten ja die Hühner darüber lachen! Als ob ich dazu geheiratet hätte!«

»Bitte, und wozu hast du sonst geheiratet?« fragte Falkner, diese Offenherzigkeiten immer noch nicht ernst nehmend.

»Wozu? Das ist doch sonnenklar: um mit dir zusammen zu sein, und um mich zu amüsieren.«

»Aha!« machte er mit einem lächelnden Kompliment. »Ich fühle mich sehr geschmeichelt, daß du mich als _erste_ Ursache nahmst. Was nun die zweite anbelangt, so wirst du dich schon noch etwas gedulden müssen, denn der Herzog wünscht einmal, daß wir bis zum Herbst hier bleiben, und hat dir außerdem Monrepos so wunderhübsch ausgestattet, daß es ihn kränken würde, wenn du seiner Gabe so bald schon müde würdest.«

»Das ist doch aber wieder eine schändliche Tyrannei, uns hier festzuhalten,« rief sie heftig und verzog das Mündchen wie zum Weinen.

»Ich habe diese Bestimmung, welche überdies die taktvolle Form eines Vorschlages hatte, als liebevolle Fürsorge und Zuvorkommenheit aufgefaßt,« erwiderte Falkner ernst werdend und etwas scharf.

»Tyrannei ist es, nichts weiter,« widersprach Lolo noch heftiger. »Aber ich werde ihnen zeigen, daß ich mich davon frei zu machen weiß,« setzte sie trotzig hinzu.

Falkner sah sie einen Moment fest und prüfend an.

»Also willst du abreisen?« fragte er ruhig.

»Ja, ja, reisen wir ab,« rief sie lustig, sprang auf und schlang ihre Arme um seinen Hals. »Ich hab's ja immer gesagt, daß du ein kolossal vernünftiges altes Haus bist,« jubelte sie.

»Aber du hast mich mißverstanden, Lolo, es ist mir nicht im Traume eingefallen, die in wahrhaft väterlicher Güte für uns entworfenen Pläne des Herzogs wie ein undankbarer Rüpel über den Haufen zu werfen, trotzdem ich eine geregelte, bestimmte Arbeit sehr vermisse.«

Sie ließ langsam die Arme sinken.

»Also damit wär's nichts,« seufzte sie resigniert.

»Nein,« erwiderte er ruhig, und als sie sich darauf wieder setzte, fragte er herzlich: »Hast du's denn schon satt, Lolo, bei mir zu sein? Bist du meiner ausschließlichen Gesellschaft schon überdrüssig?«

»Nun, es könnte schon ein bißchen mehr los sein,« erwiderte sie mit so drolliger Ehrlichkeit, daß es nicht gut übel zu nehmen war. Falkner mußte auch darüber lächeln.

»Aber Kind, wir können Monrepos jetzt nicht verlassen,« meinte er.

»Ach nein,« sagte sie, »das habe ich mir gleich gedacht. Aber weißt du, Alfred, wir könnten es in Monrepos selbst lustiger machen -- durch Gäste.«

Er sah sie einen Moment ernst an, dann mußte er wieder lächeln.

»Also doch schon meiner überdrüssig, Lolo?«

Sie errötete tief und ward sichtlich verlegen.

»Unsinn,« rief sie verwirrt, »siehst du denn nicht ein, daß man sich zu zweien einmal ausspricht, daß man sich lächerlich macht, wenn man so lange, abgeschieden von der Welt, wie ein paar Turteltauben in einem =nid d'amour= sitzt?«

»Lolo,« sagte Falkner ernst, fast traurig.

»Jawohl, lächerlich!« rief sie rechthaberisch und eigensinnig. »Es hat schon genug Aufsehen gemacht, daß ich dich geheiratet habe, aber die Welt muß sich ja begraben vor Lachen, wenn sie sieht, daß wir nichts thun wollen als zu zweien zu kosen!«

Falkner antwortete nicht. Sein Blick wanderte von ihren erregten Zügen hinaus ins Grüne und nach der Richtung des Falkenhofes -- -- --

»Sie ist noch ein halbes Kind,« dachte er mit einer gewaltsamen Anstrengung, gerecht zu sein. Und sich selbst überwindend, wandte er sich wieder zu ihr und streckte ihr die Hand über den Frühstückstisch entgegen.

»Lolo, nicht wahr, du hast das alles nicht im Ernst gesagt und gemeint?« fragte er freundlich.

»Doch nicht etwa im Spaß?« fragte sie zurück, ohne seine Hand zu sehen. Aber er überwand sich nochmals.

»Das wär' aber doch die einzig mögliche Auslegung,« meinte er etwas ernster und mit Betonung. Da sah sie ihn betroffen an.

»Das seh' ich nicht ein!«

»O, wenn du nur willst, Lolo --«

»Nun gut, dann _will_ ich nicht,« entgegnete sie heftig.

Jetzt zog Falkner seine Hand zurück.

»Eleonore!«

Sie erblaßte ein wenig, als er ihren vollen Namen aussprach, ernst, verweisend, schmerzlich fast. Aber ihr Trotz bäumte sich um so höher auf.

»Eleonore Luise Wilhelmine Friederike ist mein voller Taufname,« sagte sie schnippisch, und als er jetzt Miene machte, sich zu erheben, fügte sie hinzu: »Nein, nein, Alfred, _ich_ gebe nicht nach, wenn du auch =à la= Jupiter donnerst. Sei doch nicht so garstig.«

»Wir können Monrepos jetzt nicht verlassen,« erwiderte er beherrscht und _sehr_ kühl.

»Aber ich sagte dir doch, wenn wir Gäste hätten, könnten wir meinetwegen ja bleiben,« entgegnete sie nachlässig.

»Wirklich?« fragte er, aber es klang mehr traurig als ironisch. »Dein Wunsch ist übrigens schon halb erfüllt, denn Keppler schrieb mir, er bedürfe noch ungefähr einer Woche zur Vollendung deines Porträts. Ich werde ihm also schreiben, daß er kommen mag!«

»Aber der langweilige Farbenkleckser!« rief die junge Frau enttäuscht. »Ein geborner Bauernjunge!« setzte sie vorwurfsvoll hinzu.

»Seine Bildung ist doch aber wohl für uns entscheidend, nicht wahr?« sagte Falkner. »Wenigstens mir imponiert ein wohlerzogener und gebildeter Bauernjunge mehr als eine ungezogene Prinzessin!«

Wenn er mit dieser Bemerkung eine ernste Rüge beabsichtigt hatte, so mußte er sich abermals schwer enttäuscht fühlen, denn Lolo lachte laut auf.

»Gott, er wird anzüglich!« jubelte sie, sprang auf und fiel ihm lachend um den Hals. »Jetzt wirst du vernünftig, alter Brummbär, hörst du?«

»Ich höre und -- staune,« erwiderte er kühl.

Sie aber drückte ihm einen Kuß auf die Wange und setzte sich wieder.

»Der langen Debatte kurzer Sinn ist also der, daß ich meine, wir möchten endlich in der Nachbarschaft unsere Besuche machen,« sagte sie.

»Wenn du die Gewogenheit gehabt hättest, diesen kurzen Sinn früher zu exponieren, so hätte dir das jene bösen Worte erspart, welche so wenig für dich paßten,« erwiderte Falkner immer noch kühl und verletzt.

»Ja, _wenn_!« lachte sie. »Siehst du, ich habe da einmal ein Gedicht auswendig lernen müssen, da verkleidete sich ein Schäfer als Abt, und ein Kaiser frägt ihn, wie lange er braucht, um die Erde zu umreiten. Und da antwortet ihm der Schäfer: ›_Wenn_ ich mit der Sonne aufstehe,‹ etc. etc. Da lacht der Kaiser und sagt: ›Ihr füttert die Pferde mit Wenn und mit Aber.‹ Du scheinst mir auch solch' ein Hans Bendix zu sein. Als ob ich was dafür könnte, daß ich irgend etwas gesagt habe. Wenn! Ja, _wenn_ ich zwei Räder hätte, wäre ich wahrscheinlich ein Bicycle und nicht die Baronin Falkner geborene ungezogene Prinzessin von Nordland.«

Nun flog doch ein leises Lächeln über Falkners Züge, und die junge Frau erkannte daraus, daß sie gewonnen hatte.

»Also die Besuche,« setzte sie mit wichtiger Miene hinzu.

»Die können wir heut' noch machen,« erwiderte Falkner. »Schingas und Dolores -- falls letztere schon zurück ist -- damit wären wir fertig.«

»Dolores soll gestern Abend gekommen sein,« meinte Lolo, »aber daß wir damit fertig wären, ist ganz und gar nicht meine Ansicht. Wir sind ja kein ›Hof‹ mehr in Monrepos, warum uns also so exklusiv machen? Das war früher langweilig genug! Ich bin ja gottlob keine Prinzessin mehr und will auch 'mal andere Leute sehen als den berühmten Keppler, den lumpigen Schinga und die schöne Dolores.«

»Und wer sollen die anderen sein?«

»Nun, liegt nicht ein und eine halbe Meile von hier die berühmte Stadt Kuckucksnest mit ganzen dreitausend Einwohnern? Liegt nicht in dieser selben Seestadt am Mühlgraben ein Ulanenregiment in Garnison? Also auf nach Kreta!«

Falkner überlegte.

»Es ist wahr,« meinte er dann, »wir könnten dort Besuche machen bei den verheirateten Offizieren. Dein Vater hat zwar daran nie gedacht, aber es ist ja hier etwas anderes, und man wird in der Garnisonsstadt die Zurückgezogenheit von Monrepos wohl bedauert haben.«

»Hurra! Nun wird's hübsch!« jubelte Lolo, selig, daß sie gesiegt hatte, und als Falkner ihr sagte, so schnell ginge das nicht, denn man müßte doch erst die Gegenbesuche und die ersten Einladungen abwarten, ehe man an einen wirklichen Verkehr denken könne, da erwiderte sie sehr naiv:

»Aber ich bitte dich! Unser Erscheinen in Kuckucksnest wird das Signal zu den ersten Besuchen der unverheirateten Offiziere bei uns sein. Und das ist doch die Hauptsache. Was mache ich mir aus den Ehemännern und Ehefrauen!«

»Ich dachte doch aber, du wärst auch eine,« warf Falkner ein, halb amüsiert über ihre drollige Unverblümtheit, halb skandalisiert über die unbewußte Frivolität, welche daraus sprach. Und es fiel ihm das Wort der Prinzeß Alexandra ein: »Sie werden noch viel zu erziehen haben an ihr.« -- »Vielleicht noch mehr zu bändigen, als zu erziehen,« dachte er mit einem Seufzer.

Lolo plauderte aber immerzu von ihren geselligen Plänen, und wie ein Mühlrad plapperte das rosige Mündchen der jungen Frau rastlos weiter und weiter, während er nur halb hinhörte, mehr angeregt zum Nachdenken als zum Hören. Denn ihm ahnte, daß für diese kleine Widerspenstige ein Petrucchio von besonderer Art gehören müßte, aber er gelobte sich's treulich, es zu werden.

»Ich sehne mich so nach anderen Gesichtern,« plauderte Lolo weiter, »denn siehst du, es war zu Hause wirklich zu eintönig. Und hier in Monrepos im Sommer auch. Der alte Schinga ist ja ganz spaßhaft, aber man will doch 'mal eine Abwechslung haben. Und Dolores wäre ja in ihrer Art sehr nett, aber ich war doch einmal sehr eifersüchtig auf sie und kann den Gedanken nicht los werden, daß ich's wieder werden könnte. Denn, wie ich mir's auch überlege, ich kann mir nicht zusammenreimen, warum ihr euch nicht geheiratet habt.«

»Und das wäre ein Grund zur Eifersucht?« fragte Falkner ironisch, aber im Innern seltsam angemutet von den Worten seiner Frau.

»Nein,« sagte diese, »das wäre eigentlich kein Grund. Aber ich weiß nicht -- die Eifersucht muß doch nicht ganz von mir gewichen sein. Ich bilde mir immer ein, daß du sie schöner finden mußt als mich.«

»Nun, dann wollen wir ihr aus dem Wege gehen,« erwiderte Falkner, »nicht, weil ich fürchte, diesem Zauber zu unterliegen, sondern um dir jegliche Bitterkeit und Selbstqual zu ersparen.«

Und in der That hatte er sich vorgenommen, den Falkenhof möglichst zu meiden aus genau dem angegebenen Grunde. Nein, er fürchtete sich nicht, denn er hielt sich mit Recht für stark genug, das Banner der Pflicht allzeit hoch zu tragen, aber er wollte Dolores mehr die Bitterkeit dadurch nehmen, daß er ihr fern blieb, als seiner Frau, auf welche sein Entschluß ja auch jetzt zu passen schien. Dieses Fernbleiben, dieses völligste Entsagen hatte er sich zur Richtschnur gemacht -- er wußte, ohne daß sie's ihm gesagt hatte, daß Dolores genau ebenso dachte und handeln würde, daß sie, wie er, mit der ganzen Kraft ihres starken Herzens vergessen lernen würde und verschmerzen. Und er hoffte, daß es dazu nicht zu spät war für beide -- daß der Geier, das Leben, sein Werk noch thun und ihren Namen aus seinem Herzen reißen würde, ja er hoffte fast, daß sie etwas thun möchte, das diesen Namen in Lethe tauchen konnte für alle Zeit.

Und so wandten sie sich den nächsten Nachbarn etwas ab und dem Verkehr in der Ulanengarnison zu, welche das interessante Paar freudig begrüßte, denn das weltferne Leben in dem kleinen Nest bot nicht so viel Abwechslung, daß man sich über einen neuen Verkehr nicht gefreut hätte. Die Junggesellen des Regiments besonders waren entzückt über das Haus, das sich ihnen eröffnete, und lagen der reizenden blonden Herrin von Monrepos =in corpore= zu Füßen. Es gehörte sehr bald zum täglichen Brot, daß allabendlich mehrere der jüngeren Offiziere in Monrepos erschienen, dort der Frau vom Hause Reitunterricht gaben, mit ihr spazieren fuhren und sich jederzeit sehr gut amüsierten. Und als die Manöverzeit dann herankam und die Kuckucksnester Garnison ausrückte, wurde diese Waffe abgewechselt durch Einquartierung. Da kamen und gingen alle Waffengattungen, und zuletzt lag ein ganzes Regiment Soldaten verteilt in Monrepos, Falkenhof und Arnsdorf, über drei Wochen lang.

In dieser Zeit war Lolo Falkner nicht viel daheim. Sie fuhr oder ritt hinaus zum Exerzieren und Manövrieren ins Terrain, dann kam die Mittagstafel mit den Herren, welche auf Monrepos im Quartier lagen, worauf sich dann meist noch die Herren aus den anderen Kantonnements zusammenfanden, besonders von Arnsdorf her, wo die Quartiere schlecht, die Verpflegung noch schlechter war, wenn auch liebenswürdig und gern gegeben. Da hiervon ein junger Leutnantsmagen aber leider nicht satt wird, ebensowenig wie ein älterer Rittmeistermagen, so kam man meist nach Monrepos herüber, wo die kleine reizende Frau von Falkner jeden ganz kameradschaftlich begrüßte und in dem heiteren Herrenkreise übersprudelte von Lustigkeit und Lebenslust.

Das war eine tolle Wirtschaft, Kriegsvölker und Landesplag' -- Und auch in deinem Herzchen Viel Einquartierung lag