Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.
Part 8
Und nun ward's einen Augenblick still in dem Stübchen des alten Junggesellen. Die Pause aber benutzte Ida, die Katze, die indes mit ihrer Prüfung der Fremden fertig geworden war; geräuschlos verließ sie das Sofa und sprang mit dem eigenen Laut dieser Tiere, den sie in freundlicher Stimmung ausstoßen und der in unserer unvollkommenen Ausdrucksweise nur mit den Konsonanten: »Mrrr« wiederzugeben, Dolores auf den Schoß.
Eine Liebhaberin aller Tiere, mit Ausnahme kriechender Geschöpfe von der Raupe bis zur Schlange, empfing sie das schöne, glänzende Tier mit freundlichem Streicheln; Ida rieb sich schnurrend an ihrer Hand, und ließ sich dann zur Fortsetzung ihrer Ruhe auf dem gastlichen Schoß nieder, was für den mit Aufmerksamkeit zusehenden Knieper ein Zeichen war, sich der also Anerkannten schwanzwedelnd zu nähern, sich mit behaglichem Grunzen von ihr streicheln zu lassen und endlich definitiv auf der creppbesetzten Schleppe zur Besiegelung der Freundschaft niederzulassen.
»So ist's recht,« meinte Engels strahlend, »denn das sag' ich: wen das Tier, das superkluge Naturforscher unvernünftig nennen, als seinen Freund mit dem feinsten Instinkt der Welt anerkannt, mit dem würd' ich sofort auch Freundschaft schließen, der ist ein guter Mensch! Ja, ja, Fräulein Dolores, so ist's! Der Herr Doktor Ruß nennt, wenn er herkommt -- was Gott sei Dank, nicht oft geschieht -- meine Tiere mit den zärtlichsten Namen, hat immer Zucker und sonstige Köder, aber Knieper fletscht ihm doch die Zähne und würde ihm mit Vergnügen, wenn ich's erlaubte, die Inexpressibels zerreißen, während Ida einen Buckel macht, den Schwanz sträubt und den Doktor anfaucht. Und da rede einer von Unvernunft!«
Dolores lachte, ihre Liebkosungen gerecht unter das seltene Paar verteilend. »So wär' ich denn wieder im Türmchen installiert,« sagte sie. »Älter bin ich geworden, nicht mehr so ausgelassen wie früher, aber unverändert sonst, darauf können Sie sich verlassen!«
»Wär' ein Glück für Sie, Fräulein Dolores,« erwiderte Engels, einen schnellen, forschenden Blick aus sein Visavis werfend.
»Ach,« entgegnete sie lachend, »dieses Glück scheint mir doch zweifelhaft, wenn ich daran denke, wie man damals, vor Jahren hier über mich urteilte. Hundertmal hat man mir versichert, daß Hopfen und Malz an mir verloren sei -- ich hab's damals selbst schon geglaubt. Gebessert habe ich mich natürlich nicht!« --
»Nun, Fräulein Dolores,« meinte Engels, »Sie müssen die Unfreundlichkeiten, die man auf Sie entlud, vielem zu gute halten. Erstens der Feindschaft Ihres Vaters mit seinem Bruder, zweitens dem Mißtrauen, das man Ihrer spanischen Mutter entgegenbrachte, drittens der durch Kränklichkeit gereizten Laune Ihres Onkels, und viertens dem düstern Geiste der Grämlichkeit, Unduldsamkeit und Unfreudigkeit am ganzen Dasein, der den Falkenhof so lange beherrscht, und der erst unter Ihrer Herrschaft weichen soll!« --
»Geb's Gott,« rief Dolores ernst, »ich habe mit diesem Geiste nichts zu schaffen. Aber lieber, alter Engels, Sie müssen zugeben, daß all' diese Reden, diese Versicherungen, ich sei ein Satanskind, genügenden Stoff enthielten, einen jungen, unentwickelten Charakter, ein Kinderherz zu vergiften!« --
»Mehr als das,« gab Engels zu. »Aber es ist nicht geschehen!«
»Gottlob, nein -- es war wohl ein ganz besonders gesendeter Engel mir zur Seite, der diese Reden nicht tief in mein Gemüt dringen ließ,« sagte Dolores, »im Gegenteil, anstatt ihn zu dämpfen, spornten sie meinen Mutwillen nur an, und ich gefiel mir ganz gut in der Rolle des ewig Streiche spielenden Teufels -- =tempi passati!=« --
Wieder ward es still. Die junge Schloßherrin streichelte sinnend das schwarze, weiche Fell der Katze, und Engels paffte aus seiner kurzen Pfeife dichte Rauchwolken, durch die er Dolores aufmerksam beobachtete.
»Man sagt, Sie seien reich beladen mit Schätzen im Falkenhofe eingezogen,« begann er nach einer Weile.
»Wer sagt es?« fragte Dolores schnell.
»Wer? Hm -- nun, Doktor Ruß,« gestand Engels. »Wenigstens flüsterte er mir zu, Sie hätten Diamanten, um damit das Bassin der großen Fontäne zuzuschütten, und Ländereien in Brasilien!« --
»Das letztere ist wahr -- ich bin reich in der Heimat meiner Mutter begütert,« erwiderte Dolores einfach, und setzte, sich vorbeugend, um Engels besser ins Antlitz sehen zu können, hinzu: »Ich frage nicht nach den Kommentaren, die Doktor Ruß zu diesen Berichten gemacht hat, denn diese können nur eine Richtung haben und sind mir gleichgültig; aber _Ihre_ Gedanken, lieber Engels, möcht' ich darüber hören!«
Engels hustete und machte sich an seiner Pfeife zu schaffen.
»Was liegt Ihnen an meinen Gedanken,« sagte er ausweichend.
»Es liegt mir viel an dem Urteil eines redlichen Menschen und Freundes,« erwiderte sie ernst.
Wieder huschte sein scharfer, prüfender Blick über sie hin.
»Nun,« sagte er zögernd, »ich dachte mir halt dabei: Wenn sie selbst so reich ist und sich über kurz oder lang doch verheiratet, so wird sie den Falkenhof dem letzten Falkner übergeben, damit der alte Stamm darin neue Sprossen treibe. Den meisten kommt die Nachricht, das Lehen sei ein Kunkellehen, sehr überraschend, denn es ist das erste Mal seit Menschengedenken, daß es auf die weibliche Linie übergeht. Man hat den Baron Alfred allgemein für den Erben gehalten, und er that es wohl auch selbst.«
»Nun, da wird die Welt wohl den Stab brechen über die habsüchtige Erbin, die nicht genug haben kann, wenn ich trotzdem auf dem Falkenhof verbleibe,« sagte Dolores ruhig. »Sie vielleicht vor allen anderen,« fügte sie hinzu, als Engels betroffen schwieg. »Nun sagen Sie mir aufrichtig, was Sie denken!«
»Ich denke, die Wege eines Frauenherzens sind unerforschlich, wie Gottes Wege,« erwiderte er rauh.
»Sehen Sie, daß Sie mich nicht kennen?« rief Dolores fast frohlockend. »Wenn also der, den ich für meinen einzigen Freund hielt um vergangener Tage willen, wenn der mich so verkennt, was habe ich da von der Welt zu erwarten? An ihr liegt mir wenig, an Ihrer Meinung aber liegt mir viel, mein guter Engels. Und so sage ich's Ihnen allein: Bei Gott und allem was mir heilig ist, ich habe Alfred Falkner das Erbe in den schonendsten Worten übergeben, ein für allemal ohne Reserve -- und er hat mir's vor die Füße geworfen. _Wie_ er's that, das hat das Tischtuch zwischen uns zerschnitten -- ich darf ihm den Falkenhof nicht zum zweitenmal anbieten, um meiner Würde willen!«
Engels streckte Dolores seine mächtige Rechte durch den Tabakdampf entgegen.
»Verzeihen Sie,« sagte er einfach, und sie legte ohne Zögern ihre Hand in die seine. »Nun seh' aber einer den stolzen Herrn Alfred an -- ein echter Falkner!«
»Auch ich bin eine echte Falkner,« entgegnete Dolores, »und wenn wir, die Zweige eines Stammes, einander nicht verstehen können, so sei es drum -- er hat es so gewollt, nicht ich, dafür ist Gott mein Zeuge.«
»Gut, aber an dem stolzen Freiherrn ist es nun, den Sachverhalt etwaigen mißverstehenden Gemütern beizubringen.«
»Gleichviel, mir liegt nichts daran,« sagte Dolores, und nach einer kleinen Pause fügte sie hinzu: »Es wird dunkel -- ich muß ins Schloß zurück, sonst suchen sie mich am Ende mit Fackeln!«
Sie erhob sich und legte die schnurrende Ida sanft auf das Sofa. Dann reichte sie Engels die Hand.
»Gute Nacht denn,« sagte sie herzlich, »ich komme wieder zum Plaudern in der Dämmerstunde, wenn Sie mich mögen. Das thut wohl, wenn man den Tag mit nicht allzu heiteren Gedanken zugebracht hat, denn, lieber Freund, es giebt Dinge, die sehr schmerzen, und das, das mit Alfred Falkner _hat_ geschmerzt!« Sie beugte sich herab, den wedelnden Dächsel zu streicheln, und verließ ohne ein weiteres Wort das »Türmchen.«
* * * * *
Die junge Herrin hatte die erste Nacht auf dem Falkenhof unruhig zugebracht. Sie lag unter den schweren Damastvorhängen ihres großen Bettes und konnte doch nicht schlafen, als aber die Müdigkeit gegen Morgen ihr die Augen schloß, hatten seltsame Träume ihr den Segen dieser kurzen Rast geraubt.
Sie war endlich spät am Morgen erschreckt emporgefahren und bedurfte einiger Zeit, sich zu sammeln und sich zu sagen, daß sie wirklich und wahrhaftig geschlafen und geträumt, und nicht, nach der Manier exaltierter Leute, Geister gesehen hatte. Und doch, sie hätte darauf schwören mögen, daß sich die Boiserie dort an der Wand, welche die Bücherei von dem Schlafgemach trennte, verschoben hatte, und durch die entstandene Öffnung die »böse Freifrau« getreten war, ganz so, wie sie auf dem Bilde zu sehen war, daß die schöne Ahne an ihr Bett getreten und sie geküßt und ihr zugeflüstert hatte: »Ich grüße dich, Dolores, Erlöserin! Ich werde bei dir sein, bis es erfüllt ist!« -- Dann hatte sie noch einen Kuß auf ihre Stirn gedrückt, einen langen, innigen Kuß, den Dolores bei der Erinnerung daran mit leisem Schauern fühlte, und war die Bettestrade herabgeschritten, direkt auf ein kleines Madonnenbild zu, das über dem Betstuhl am Fußende des Bettes hing. Auf das Bild hatte sie lächelnd gedeutet und die eine Stelle des Rahmens mit der Hand berührt, dann hatte sie diese Hand zum Gruß für Dolores geküßt und war desselben Weges gegangen, den sie gekommen.
Etwas verwirrt von der Lebhaftigkeit dieses Traumes erhob sich Dolores und kleidete sich an. Drüben im Turmzimmer stand schon ihr Frühstück bereit, das Mamsell Köhler selbst zierlich arrangierte. Beim Durchschreiten der Bildergalerie warf Dolores einen forschenden Blick auf das Porträt, das sich ihr so lebhaft eingeprägt, daß sie sogar davon geträumt -- die »böse Freifrau« lächelte ebenso traurig daraus herab, wie gestern.
Mamsell Köhler schien sehr erfreut, ihre Herrin heil und gesund wiederzusehen.
»Ich hoffe, gnädige Baronesse sind durch nichts molestiert worden,« sagte sie forschend und schüttelte erstaunt ihre grauen Löckchen, als sie hörte, daß keine Geister die Nachtruhe der Herrin vom Falkenhof gestört.
»Haben doch auch angenehm geträumt?« setzte sie ihr Examen fort.
Dolores bejahte es nach einem Moment des Überlegens, denn böse war ja ihr Traum nicht gewesen -- sie war geküßt und angelächelt worden.
Nach dem Frühstück kam Engels, und mit ihm arbeitete sie ein paar Stunden unausgesetzt, um sich über den geschäftlichen Teil des Falkenhofes zu informieren und Reformen ins Werk zu setzen, die Engels von dem eigensinnigen Freiherrn nie hatte erlangen können. Dann besuchte sie mit ihm die Wirtschaftsgebäude und besichtigte das Inventar des Hauses, hier den Leuten des Hofes oder ihrer persönlichen Dienerschaft Geschenke verteilend, dort ein freundliches Wort sprechend, bei allen aber die Ahnung an eine kommende gute Zeit hinterlassend.
Endlich, gegen Abend ließ sie sich bei Frau Ruß melden, die sie kühl und zurückhaltend, wie es nun einmal ihre Manier war, empfing, wogegen das Benehmen des Doktors nicht herzlicher und entgegenkommender sein konnte. Dolores empfand durchaus keine Antipathien gegen den Mann ihrer Tante, der sich ihr aufs Freundlichste als »Onkel« empfahl, und sie schätzte das reiche Wissen des stattlichen Mannes sehr, außerdem aber war sie selbst eine viel zu ehrliche und aufrichtige Natur, um sich vorzustellen, daß von der Herzlichkeit des Doktors nicht alles Gold war, was da glänzte. Ruß hingegen war sich des Vorteils durchaus nicht unbewußt, den seine glänzenden Gaben ihm vor Dolores einräumten, und er beschloß, sich diesen Vorteil zu Nutze zu machen.
»Ich hoffe, daß, da Sie uns gestattet haben, den Falkenhof bis auf weiteres zu bewohnen, wir auch recht gute Freunde werden,« sagte er in seiner sanften, leisen und sympathischen Art. »Wenigstens wäre das Gegenteil für beide Teile höchst unerquicklich und fatal.«
»Sie müssen nicht von ›Erlaubnis‹ sprechen,« erwiderte Dolores, und einem ihrer raschen Impulse folgend, schlang sie ihren Arm um den Hals der Frau Ruß und küßte die Wange der kalten Frau. »Ginge es nach mir, so wärst du heut' Herrin im Falkenhofe, liebe Tante, aber dein Sohn hat es nicht gewollt, und er hat mir sehr weh damit gethan.«
Frau Ruß wechselte mit ihrem Manne einen bedeutungsvollen Blick.
»Gutes Kind,« sagte sie, Dolores die Hand drückend, und das meinte sie wirklich so, wie sie es sagte in ihrer kalten, harten Weise.
»So bleibt mir nur, den Falkenhof gut und im Hinblick auf deines Sohnes Descendenz zu verwalten,« fuhr Dolores fort, »und das will ich treulich thun, bis mein Tod die Annahme des Erbes seinem Stolze nicht mehr widerstrebt!«
»Nun, mein seliger Schwager hat ja noch einen anderen Weg zur Applanierung dieser Affaire gebahnt und angedeutet,« bemerkte Doktor Ruß.
»Je weniger wir von diesem Wege sprechen, desto besser,« entgegnete Dolores ruhig, aber sehr fest, obgleich sie es nicht hindern konnte, daß ein heißes Erröten sich dabei über ihr Antlitz ergoß.
Natürlich bemerkte Ruß auch das und registrierte es in den Annalen seines Gedächtnisses.
Es wurde nun verabredet, die Hauptmahlzeit des Tages, das Diner gemeinschaftlich im Speisesaale des Südflügels einzunehmen und sich zum Thee abends bei Dolores einzufinden.
»Ich hoffe dabei viel von Ihren reichen Kenntnissen zu profitieren,« sagte sie zu Doktor Ruß, und dieser erwiderte sofort: »Da können wir uns ergänzen, denn ich liebe die Musik leidenschaftlich und namentlich übt Gesang einen großen Zauber auf mich aus!«
»=Va bene=,« rief Dolores munter. »Wo man singt, da laß dich ruhig nieder, böse Menschen haben keine Lieder.«
Mit der ihr eigenen Lebhaftigkeit machte sie sofort ihre Arrangements und bestimmte den großen Balkon des Rokokosalons zu dem Raum, in dem an schönen Abenden der Thee genommen werden sollte, während die Bildergalerie an trüben und kühlen Tagen zu diesem Zwecke dienen sollte, denn das Turmgemach reservierte sie sich als =buen retiro=, während der Salon allein der Musik geweiht bleiben sollte. Sie erließ sofort ein Schreiben an Ramo und beauftragte ihn, ein bewegliches Thee-Ameublement anzukaufen zum beliebigen Aufstellen auf dem Balkon oder in der Galerie, und bestellte für diese selbst Etablissements, Blumentische und Konsolen mit Figuren in Elfenbeinmasse darauf, »die wir später mit schönen Marmorbüsten vertauschen können,« sagte sie sich, als sie diese Vorbereitungen zur Wohnlichmachung der leeren und öden Galerien getroffen.
Dann, nach einem kurzen Nachsinnen, setzte sie abermals die Feder an und schrieb an den Professor Balthasar.
»Wenn Sie, teurer Freund, mit Ihrer mir so werten und lieben Gemahlin noch nicht wissen sollten, wohin Sie diesen Sommer zur Erholung gehen, so kommen Sie hierher, kommen Sie als meine hochwillkommenen Gäste auf den Falkenhof. Sie müssen dabei bedenken, daß Sie damit ein gutes Werk thun, denn ich bin nicht mehr ganz ich selbst, seitdem ich mich hier befinde. Nicht, daß mich das Erbe selbst aus dem Gleichgewicht gebracht hätte -- ich schätze Geld und Gut dazu nicht hoch genug, aber, aber werter Freund, es giebt doch Dinge zwischen Himmel und Erde, von denen unsere Schulweisheit sich nichts träumen läßt, und von denen ich früher nichts geahnt -- kurz, ich sehne mich nach Ihrer, dem Dasein Inhalt verleihenden Gesellschaft, nach Frau Annas herrlichem Gleichgewicht und der Liebenswürdigkeit, die sie Ihnen und anderen zum Schatze macht. Die Schönheiten des Falkenhofes, seine herrliche grüne Waldeinsamkeit brauche ich Ihnen nicht lockend zu schildern, die kennen Sie schon, und so bemerke ich nur, daß Ihre Künstlerseele auch noch in einer Menge von Porträts von Kneller, Holbein, Van Dyck, Pesne und wie sie alle heißen, schwelgen kann, wenn es ihr beliebt notabene. Schreiben Sie nur, ob Sie kommen und wann!
Dolores.«
Es war spät, als sie endlich müde, nachdem sie eine Menge Briefe geschrieben, in ihr Schlafzimmer trat.
»Heute werde ich gut schlafen,« dachte sie, als sie ihr Haar löste und dabei die Abwesenheit Terezas bedauerte, die es so gut verstand, die goldigen Massen zu glätten. So gut es ging, versuchte sie selbst mit der Bürste Ordnung in die bis ans Knie reichenden, sich rebellisch kräuselnden Haare zu bringen und summte dabei leise ein Lied vor sich hin.
Mit einem Male aber ließ sie den Arm mit der Bürste sinken und hörte auf zu singen -- der Traum der vorigen Nacht war ihr eingefallen. Unwillkürlich sah sie nach der Stelle, wo sie die »böse Freifrau« hatte eintreten sehen, und schritt derselben zu, mit dem Lichte genau die Boiserie beleuchtend: Aber so genau sie es auch that, sie entdeckte keinen Ritz, der auf eine eingefügte, geheime Thür hätte schließen lassen können.
»Natürlich nicht,« dachte sie, »es war eben ein Traum, wie man ihn in solchen alten Häusern leicht träumt, da man sie ohne geheime Gelasse, Thüren u. s. w. nicht denken kann, schon des Reizes wegen, den solcher Humbug in unseren Tagen immer noch ausübt!«
Und ihr Lied wieder aufnehmend, wendete sie sich von der Wand ab, überzeugte sich, daß die Thüren innen verschlossen waren, und wollte die Bürste wieder ergreifen, als ihr Auge auf das kleine Madonnenbild fiel, auf das ihr Traum sie gewiesen. Wieder nahm sie den Leuchter auf und schritt darauf zu. In einem goldenen, spitzen, gotischen Rahmen mit kleinen Ecktürmchen und aufzumachender, durchbrochen gearbeiteter Thür war hier ein liebliches Madonnenbild über dem Betstuhl aufgehängt, und Dolores erkannte es sofort als eine uralte Kopie der »Madonna mit dem Stern« des Fra Angelico, genannt »il Beato« im San Marco-Kloster zu Florenz -- sogar der Rahmen war getreu nachgemacht mit seinem zierlichen Schnitzwerk. Die kaum einen Fuß hohe Gestalt der Gottesmutter steht auf goldenem Grunde, umflossen von zartrotem Gewande, umwallt von dem dunkelblauen, goldgesäumten Mantel, der auch ihr Haupt nonnenartig einhüllt. Das Haupt nach dem süßesten Jesuskinde, das je gemalt wurde, hinneigend, steht sie mit sinnendem Ausdruck in den überirdischen Augen, mit einem wunderbaren Zug von Schmerz, Trauer und halbem Lächeln um den lieblichen Mund, umflossen von der holdesten Anmut, dem keuschesten Liebreiz, und über ihrem Haupte flammt ein strahlender Stern -- der Morgenstern für den Tag der Glorie, da Jesus der Retter kam, die Welt zu erlösen und die Macht des Todes zu brechen. Und wie malte Fra Angelico dieses göttliche Kind auf den Armen der Jungfrau! Es lehnt sein Köpfchen mit dem sinnenden Ausdruck an ihr Antlitz und berührt mit dem Zeigefinger der Linken ihr Kinn, als flüsterte er ihr zu vom Kreuz und von Golgatha und der Erlösung -- --
Ja, nur Angelico da Fiesole, il Beato, war dazu berufen, wahrhaft göttliche Madonnen zu malen, und man weiß, daß er sie knieend, ein Gebet auf den Lippen malte -- all' seine Epigonen malten nur schöne Mütter mit ihrem Kinde, selbst Rafael, der alle Hoheit und Majestät in seiner Sixtina verkörperte, aber nicht das Göttliche, das nur über den Madonnen des Florentiners schwebt. Tizian in seiner »Assunta« hat einen Strahl dieser Göttlichkeit in der zur Glorie des Himmels mit ausgebreiteten Armen emporschwebenden Gestalt der Mutter Gottes verkörpert, doch soviel man auch sucht, man wird diesen Strahl bei späteren Meistern nicht mehr finden, außer vielleicht geteilt in dem wunderbar ergreifenden Muttergottesbilde Lefèvres, und voll in der schlichten, rührenden Madonna Defreggers.
Dolores kannte die liebliche Madonna mit dem Stern wohl, sie besaß ja selbst eine moderne Kopie derselben, die ihre Mutter ihr als Riccordo di Firenze geschenkt -- vor Jahren. Sie betrachtete lange das schöne Bild und schloß dann wieder die geschnitzten Thürflügel des Rahmens. In ihrem Traume, da hatte die »böse Freifrau« darauf gedeutet und das obere, rechte Türmchen berührt, sie erinnerte sich dessen genau. Getrieben von einem wunderbaren Gefühl, das sie selbst nicht hätte bezeichnen können, trat sie auf das Kniepult des Betstuhles und berührte das Türmchen, indem sie es vorsichtig zu bewegen versuchte -- es gab nicht nach. »Ob es sich drehen läßt?« dachte sie. Nein, es rührte sich nicht nach rechts und --
Sie trat mit einem Male erblassend von dem Kniepult herab, denn bei einer leichten Linksdrehung des Türmchens hatte es nachgegeben und langsam drehte sich der Rahmen mit samt dem Bilde -- eine kleine in Angeln gehende Thür, die eine tiefe, sich nach innen erweiternde Nische maskierte.
Das war ja nichts Seltsames, denn dergleichen giebt's in alten Häusern, besonders in alten Herrenhäusern, die der Landstraße nahe liegen, genug, denn man mußte seine Pretiosen gut verbergen vor etwaigen Überfällen, besonders in der Zeit der schweren Not des Dreißigjährigen Krieges, wo wildes hungriges Gesindel genug herumzog und manches einsame, nicht befestigte Landhaus brandschatzte. Aber wie sie diese geheime Nische fand, das machte Dolores für den Augenblick betroffen, doch schon im nächsten Moment überwand sie es.
»Zufall,« sagte sie sich und trat dem Versteck wieder nahe. »Was mag darin sein?« -- Sie leuchtete in den finsteren, kleinen Raum -- er war mit Backsteinen ausgesetzt, sein Boden mit Holz bekleidet. Es lag nichts darin als ein Buch, in roten Samt gebunden, und auf dem Buche lag eine runde Kapsel in der Größe einer großen Taschenuhr. Etwas zaghaft nahm Dolores beides heraus und trug es auf den Tisch vor dem Ruhelager, indem sie sich darauf niederließ. Erst nahm sie die Kapsel auf -- es war ein schön gearbeitetes Stück von mit Kupfer legiertem Golde, bedeckt auf der Vorderseite mit einem kunstvollen Netze von erhaben gearbeiteten Arabesken, die als Früchte bunte Edelsteine und kleine Bündelchen oval geformter Perlen trugen. Es mochte italienische Arbeit sein, reinste Renaissance war es jedenfalls. Auf Dolores' Bemühen öffnete sich die Kapsel leicht -- sie enthielt zwei sich gegenüberliegende Miniaturporträts, die sich wiederum an kleinen Angeln in ihren goldenen, kaum nadelbreiten Rahmen herumdrehen ließen und rückwärts auf Pergament geheftete Haarlöckchen nebst Namen zeigten.
Das erste Porträt stellte niemand anderen dar, als die »böse Freifrau« -- es war eine Kopie des Bildes in der Galerie bis unterhalb des Kragens, nur daß hier das schöne Antlitz noch lieblicher aussah, da ein leichtes Lächeln den wunderschönen Mund umschwebte. Auf dem die Rückseite des Bildes deckenden Pergamentblättchen war mit blauer Seide ein goldrotes Haarlöckchen angeheftet und ringsherum war in zierlicher Rundschrift mit Tusche gemalt: _Maria Dolorosa, Freyfrau von Falkner, gebohrene Freyin von Falkner_, _=anno domini=_ 1618.
Das gegenüber, an der Rückwand der Kapsel angebrachte Bild zeigte einen schönen, wettergebräunten Männerkopf, um den eine Fülle schwarzen Haares nach der damaligen Mode sich bis auf den weißen, spitzenbesetzten Linnenkragen herablockte. Kühn blitzten die dunklen Augen, über dem stolzen Munde kräuselte sich ein feines Bärtchen -- es war ein schönes Bild, und Dolores dachte, wie ähnlich ihm der Freiherr Alfred sei, nur daß dieser einen Vollbart trug und ihm die kleidsame Tracht jener Tage mangelte. Auf der Rückseite war dem Bilde mit roter Seite ein schwarzes Löckchen angeheftet und darum stand die Inschrift: _Lupold Freyherr von Falkner, Kayserlicher Reuter-Hauptmann_, _=anno domini=_ 1618.
Dolores sah lange auf diese zwei Bildchen nieder, die so lebensvoll und liebevoll gemalt waren, und manche Frage stieg dabei in ihr auf. Waren die beiden hier ein Ehepaar? Und für wen war diese Kapsel hergestellt worden? Wer war der Maler dieser kostbaren Miniaturen? Alles dies waren ungelöste Fragen, denn die sie hätten lösen können, waren längst gestorben, oder -- verdorben.
Seufzend schloß Dolores die Kapsel, da gewahrte sie auf der glatten Rückseite derselben eine Gravierung -- zwei brennende, mit einem Bande verknüpfte Herzen und darunter die Worte:
Das Band, das der Hertzen zwo Verbindet Lös't keiner, ob auch das Leben Schwindet.
Jahrhunderte waren darüber hingegangen, »der Hertzen zwo« hatten Ruhe gefunden -- war es vielleicht die »alte Geschichte« gewesen mit den beiden?