Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.
Part 6
Es kamen, nach den einleitenden Worten des Erblassers, zuerst die bekannten Lehensbestimmungen zur Verlesung, an welche der Genannte eine Ermahnung an seine Nichte knüpfte, den Falkenhof in Ehren zu halten und dem großen Besitz eine treue Verwalterin zu sein im Hinblick auf künftige Generationen. Hieran fügte er eine genaue Berechnung der jährlichen Revenuen und überließ im übrigen alles den Falkenhof Angehende der Weisheit und Einsicht der Erbin, dieser den Wunsch ans Herz legend, den Verwalter Herrn Engels entweder in seinem Amte zu belassen oder aber entsprechend zu pensionieren.
»Ein Wort, Herr Justizrat,« unterbrach den Vortragenden hier die klare, deutliche Stimme der Donna Dolores. Sie hatte sich halb aufgerichtet und stützte sich auf die Armlehne ihres Sessels. »Steht es mir frei, zu jeder Stunde auf das Erbe des Falkenhofes ein für allemal zu verzichten?«
»Sicher, meine Gnädigste,« begann der Jurist, aber er wurde wieder unterbrochen.
»Gewiß steht Ihnen das frei,« ertönte die Stimme Alfred Falkners, »gerade so, wie es mir frei steht, Ihren Verzicht ein für allemal zurückzuweisen.«
Dolores hatte sich halberschreckt nach dem Redner umgewendet -- sie wurde um einen Schatten bleicher und ließ sich wieder in ihren Sessel fallen.
»Ich danke,« sagte sie ruhig. »Wir finden wohl noch Gelegenheit, die beiden soeben aufgestellten Möglichkeiten zu erörtern. Wollen Sie die Güte haben, fortzufahren, Herr Justizrat?«
Der Angeredete verbeugte sich und nahm sein Dokument wieder auf.
»In Anbetracht dessen, daß mein Neffe, der Freiherr Alfred von Falkner, nunmehr der einzige Agnat des Lehens ist,« las er, »und meine Nichte, Dolores Freiin von Falkner, ihr Erbe schutzlos antritt ohne den uneigennützigen Beistand eines nahen Verwandten, so halte ich dafür, daß es die beste Lösung wäre, wenn mein Neffe und meine Nichte, die gedachte Erbin und der Agnat des Lehens sich miteinander vermählten. Ich empfehle beiden die Erfüllung dieses meines Wunsches auf das Dringendste.«
Hier hielt der Justizrat ein und sah sich im Kreise um. Doktor Ruß lächelte, seine Gemahlin wußte nicht recht, was für ein Gesicht sie machen sollte, Alfred Falkner heftete den plötzlich starr gewordenen Blick vor sich auf die Erde -- die stark angeschwollene Ader auf seiner Stirn war das einzige Zeichen seiner inneren Bewegung. Donna Dolores selbst saß unbewegt in ihrem Sessel, auch sie verriet nur durch die zarte Röte, die ihr Antlitz urplötzlich bedeckte, daß sie gehört hatte.
Da der Justizrat keinen Einwand gegen den verlesenen Artikel hörte, so fuhr er abermals fort. Im Laufe seiner Bestimmungen hinterließ der Verstorbene seinem Neffen Alfred Falkner sein gesamtes, von dem Lehen unabhängiges Privatvermögen, von welchem der Erbe an Engels und mehrere der langjährigen Diener des Hauses Legate auszuhändigen hatte. Es blieb ihm danach so viel, um einen anständigen jährlichen Zuschuß zu seinem Gehalt zu haben -- freilich war derselbe kein Äquivalent für die grandiosen Revenuen des Falkenhofes, welches der Verstorbene niemals hatte verbrauchen können, aber, anstatt sie zu sparen, wie es schließlich sein Recht gewesen wäre, zu dem Allodialvermögen geschlagen hatte.
Die Lesung war zu Ende, der Justizrat faltete das Testament wieder zusammen. Da erhob sich Dolores, dankte dem Sachwalter für seine Mühe und trat vor Frau Ruß hin.
»Ich hoffe, liebe Tante,« sagte sie gewinnend, »daß du und dein Gemahl mir die Freude machen werdet, den Falkenhof so lange als eure Heimat zu betrachten, als es euch gefällt und ihr andere Dispositionen getroffen habt!«
Frau Ruß öffnete den Mund zu einer Entgegnung, aber der Doktor schnitt ihr das Wort ab.
»Wir werden gern von Ihrer Güte Gebrauch machen, liebe Dolores,« sagte er in seiner milden, leisen Weise, indem er ihr die Hand bot.
Sie legte ihre Fingerspitzen leicht in dieselbe.
»O, Sie müssen es nicht so auffassen,« sagte sie freundlich, »es ist ja so natürlich, wenn Sie bleiben. Ich werde jetzt sehen, wo es sich am besten für mich wohnen läßt, und wenn Sie,« fuhr sie zu Alfred gewendet fort, »im Laufe des Nachmittags eine Stunde Zeit haben, Geschäftsangelegenheiten mit mir zu besprechen, so bitte ich um Ihren Besuch!«
Falkner verbeugte sich leicht.
»Ich stehe zu Befehl,« sagte er kühl, »obgleich ich glaube, daß Herr Engels in diesen Angelegenheiten besser bewandert ist, als ich.«
»Vielleicht,« entgegnete sie ruhig. »Überdies bleibt mir für persönliche Dinge ja noch der schriftliche Weg, falls es Ihnen zu große Überwindung kosten sollte, diese mit mir zu besprechen.«
»Ich ziehe das letztere der Kürze wegen vor,« erwiderte er.
Sie wendete sich mit leichtem Gruß ab, aber die zarte Röte auf ihren Wangen war verschwunden. Was für ein Recht hatte dieser Mann, sie zu beleidigen? Er hatte sich ihr feindlich gegenüber gestellt noch ehe er wußte, wer sie war, denn daß es der Erbschaft wegen sein könnte, erschien ihr für einen Mann wie Alfred von Falkner unglaublich. Und doch -- Mamsell Köhler, die Beschließerin, machte einen solch tiefen Knicks vor ihrer neuen Herrin, daß diese, verloren in ihre Gedanken, fast über sie gefallen wäre.
»Ach, Fräulein Tinchen,« rief sie freundlich, das kleine, graue Hausgeistchen, das jetzt ein Trauerkleid trug, erkennend.
»Willkommen auf dem Falkenhof, gnädigste Baroneß,« sagte sie abermals knicksend -- es war nächst dem stummen und warmen Händedruck Engels' bei ihrer Ankunft kurz vor der Beisetzung das einzige »Willkommen,« das Dolores gehört.
»Nun führen Sie mich, Fräulein Tinchen,« sagte sie, »und zeigen Sie mir den Falkenhof, damit ich sehe, wo ich wohnen kann.«
»Ei, eingerichtet ist alles,« meinte die Haushälterin, mit ihrem leis klirrenden Schlüsselbunde voranschreitend, »aber wenn ich der gnädigsten Baroneß gut raten soll, da möchte ich mir die Freiheit nehmen und den westlichen Flügel vorschlagen mit dem Turmgemach, das an den nördlichen Flügel stößt. Da ist's im Sommer kühl und im Winter warm!«
»Gut, zeigen Sie mir die Räume,« erwiderte Dolores.
Lautlos schritt Mamsell Köhler voran, den nach dem Hofe offenen Kreuzgang des südlichen Flügels entlang, und öffnete, in den Westflügel einbiegend, dessen erste Thür.
»Hier kommen wir nach den Zimmern der gnädigen Großmutter der Baroneß,« sagte sie etwas leiser und ging voraus, die schützenden Fensterladen aufzustoßen.
Dolores warf noch einen Blick zurück und hinunter in den Hof mit dem plätschernden Brunnen, dann überschritt auch sie die Schwelle. Der Raum, den sie zuerst betrat, war ein Garderobengemach, mit schweren, tiefen eichenen Schränken rings um die Wände besetzt, die teils zur Aufbewahrung der Kleider, teils für das Leinenzeug dienten. Der nächste Raum war ein schönes, großes Schlafgemach mit prächtig geschnitztem Bett auf einer Estrade, umgeben von schweren, rubinroten seidenen Vorhängen. Zu den boisierten Wänden paßte trefflich das schöne, geschnitzte Renaissanceameublement, dem eine kundige Hand die Umrahmung der stellbaren Psyche prächtig angepaßt hatte, so daß dieses moderne Stück inmitten der echten, alten Möbel eben nur dem Kenner auffiel. Eine sogenannte Lade war mit Roßhaarpolstern, die mit rubinrotem Damast, wie die Vorhänge von Bett und Fenstern bezogen waren, belegt und bildete ein schönes Ruhebett. Kleeblatttischchen, niedere Schränke etc., alles paßte trefflich zu einander.
»Das ist wie geschaffen für mich,« sagte Dolores, den prächtigen Raum musternd, »meine Großmutter hat einen guten Geschmack gehabt.«
»O,« erwiderte Mamsell Köhler, und warf einen etwas scheuen Blick um sich und dann einen gleichen auf ihre neue Herrin, »die gnädige Frau Baronin bewohnten den westlichen Flügel jenseits der Bildergalerie, durch die wir noch kommen. Sie schlief im südlichen Flügel, und dieses Zimmer steht eigentlich verschlossen seit -- seit zweihundert Jahren!«
»So! Wie kommt dann aber diese Psyche hier herein?« fragte Dolores.
»Die?« sagte Mamsell Köhler etwas verlegen. »Die ließ die Frau Baronin damals arbeiten, als sie dies Zimmer bewohnen wollte -- --«
»Und weshalb hat sie es nicht bewohnt?«
»Ja, das hatte so seine Gründe,« meinte die Haushälterin geheimnisvoll. »Nun, Baroneß werden es sicher auch nicht bewohnen!«
»Gewiß will ich das, wenn --« sagte Dolores zögernd, und sich dann unterbrechend. »Und was ist's mit diesem Zimmer?«
»Es geht hier um!« flüsterte Mamsell Köhler geheimnisvoll, denn sie brannte darauf, ihre Geschichten auszukramen.
Dolores lächelte.
»Daraus mache ich mir nichts,« sagte sie mit einem Strahl des alten Übermutes in den Augen.
Mamsell Köhler schüttelte ihre grauen Federlöckchen mit der Würde einer Kassandra.
»O bitte, scherzen Sie nicht, gnädigste Baroneß,« flüsterte sie feierlich. »Dies hier ist nämlich das Zimmer der bösen Freifrau -- --«
»Ich habe ihr ja nichts gethan,« lächelte Dolores belustigt über den Ernst der kleinen Beschließerin.
»Aber sie hat Böses gethan und muß es nun büßen, indem sie keine Ruhe findet im Grabe,« fuhr diese unbeirrt fort, entschlossen, ihre Geschichte zu erzählen.
Aber Dolores schritt der nächsten Thür zu.
»Später erzählen Sie mir's,« sagte sie, »abends beim Kamin, das ist die beste Zeit für Gespenstergeschichten.«
Der nächste Raum, den sie betraten, war etwa in der Größe eines einfensterigen Gemaches, aber nur durch ein mit Schiebevorrichtung zu öffnendes Fenster erhellt, das, breit aber niedrig, ungefähr fünf Fuß über den Boden angebracht war. Rings an den Wänden standen Regale, welche dicht mit Büchern besetzt waren; die Mitte nahm ein mächtiger Globus ein, und am Kamin stand ein steiflehniger, mit goldgepreßtem Leder überzogener Sessel, davor ein Tischchen mit Lesepult, Schreibzeug und Feder darauf.
Mamsell Köhler öffnete schnell die nächste Thür, aber sie warf bezeichnende Blicke auf das hohe Fenster, die indes von der alles mit Interesse musternden Dolores nicht beachtet wurden.
Sie betraten jetzt die Bildergalerie, d. h. einen Saal mit Oberlicht, dessen Wände mit Familienporträts dicht behangen waren. Über der Diele zog sich zunächst eine einfache, massive Boiserie etwa drei Fuß hoch um die Mauern, die mit verblichenem roten Samt bekleidet waren. Es waren Perlen der Malkunst unter diesen geharnischten, Allongenperücken tragenden, gepuderten und steifkragigen Falknerporträts, das erkannte das kunstgeübte Auge der neuen Lehnsherrin sofort, als sie es über die Wände gleiten ließ, unbekümmert darüber, daß so viele Ahnenaugen sie musterten. Plötzlich aber entfloh ihren Lippen ein leiser Ruf des Erstaunens, und schnellen Schrittes trat sie einem lebensgroßen Bilde entgegen, das die Mitte der rechten Langwand einnahm. Es stellte eine Dame dar in der Tracht der ersten Hälfte des siebzehnten Jahrhunderts, in weißem, bauschendem Damastkleide und mächtigem Spitzenkragen, der den Halsausschnitt der halbentblößten Büste viereckig umrahmte und das Haupt eben noch überragte. Der Brustlatz des Kleides war reich mit Edelsteinen verziert, um den weißen, schlanken Hals schlang sich eine Perlenschnur. Und das Haupt! Es trug kaum die schwere Masse goldroten Haares, das mit Edelsteinrosetten gehalten und von einem Myrtenkrönlein überragt wurde! Bleich war das schöne, wundersüße Antlitz mit den traurigen schwarzen Augen, über die sich feingezeichnete, tiefdunkle Brauen wölbten, und ein Zug unsäglichen Schmerzes lag um den entzückend geformten, blaßroten Mund -- --
»Das könnte mein eigenes Bildnis sein,« sagte Dolores laut, zu dem Bilde emporsehend, das seine Augen auf sie geheftet zu haben schien.
»Es ist die böse Freifrau,« flüsterte Mamsell Köhler scheu. »Man zeiht sie schwerer Sünden und des Gattenmordes. Darüber ward sie irrsinnig, und wenn sie tobte, sperrte man sie in das Gemach dort mit dem hohen Fenster. Das hatte man mit Matratzen ausgepolstert, damit sie sich nicht den Kopf einrannte an den bloßen Wänden. In dem Schlafzimmer aber starb sie -- leider nicht zu ihrer Erlösung, denn ihr Geist wandelt im Falkenhof umher, ein Licht in der Hand, weil sie zu den Verdammten gehört --«
»Dazu haben die Menschen sie natürlich gemacht,« spottete Dolores. »Übrigens,« fuhr sie, sich gewaltsam von dem Bilde abwendend fort, »übrigens dulde ich keine mit Licht nachts herumwandelnde ›Geister‹ im Falkenhof, das können Sie den Leuten sagen, Mamsell Köhler! Es ist schon wegen der Feuersgefahr!«
»Aber gnädigste Baroneß,« stammelte die perplex dastehende Beschließerin, »das Licht der ›bösen Freifrau‹ ist ja ein Licht aus der andern Welt, das zündet nicht!«
»Ich danke Ihnen für die Belehrung,« entgegnete Dolores spöttisch, »aber ich habe nun einmal ein Mißtrauen gegen lichttragende Gespenster.«
Mamsell Köhler verstummte beleidigt -- sie hatte es so gut gemeint und der jungen Herrin so gruselig machen wollen mit ihrer Paradegeschichte. Wortlos öffnete sie die nächste Thür, und Dolores trat in einen hellen, geräumigen Salon mit prachtvoller Rokokoeinrichtung. Die Vorhänge an Thüren und Fenstern sowie der Überzug der vergoldeten Möbel waren von schwerem, lichtblauem Atlas mit eingestickten Goldbouquets, die Wände waren weiß in zierliche, goldbegrenzte Felder geteilt und trugen Ölgemälde in schweren, barocken Goldrahmen; Gueridons, kleine zierliche Kommoden, Tischchen und reizende Schreibsekretärs in wundervoll eingelegter Arbeit standen umher -- das mittlere breite, deckenhohe Fenster öffnete sich auf einen Balkon mit lieblicher Aussicht auf ferne Hügelketten, prächtige Blumenanlagen und die die Landschaft links begrenzende Wand des grünen, rauschenden Laubwalds, der hier noch als Park diente.
»O wie hübsch und heiter ist's hier,« rief Dolores, sich rings umsehend. »Hier an die Fenster rechts und links müssen blühende Blumenetageren kommen, und hier in die Mitte des Salons stelle ich meinen Flügel -- wenn ich hier bleibe,« setzte sie in Gedanken hinzu.
Die Beschließerin knickste zum Zeichen, daß sie den Auftrag von wegen der Blumen begriffen, und öffnete die Thür zu dem das Appartement beschließenden Turmzimmer -- ein rundes, nicht zu großes und nicht zu kleines Gemach mit bunten Fensterscheiben, welche Wappenmalereien zierten. Der ganze Raum machte den Eindruck eines großen Erkers und war reich, wohnlich und lauschig möbliert im Geschmack jener Zeit, in welcher die reine Renaissance starb und der kommende Zopfstil schon in den sich verschnörkelnden Linien vorspukte. Die schwarzgebeizten, matt gehaltenen und mit Gold ciselierten Hölzer trugen nur noch den Stempel der Erinnerung an jene formenschöne Zeit, aber sie waren immerhin interessant genug für ein verwöhntes Auge, wozu der reiche, gepreßte und golddurchwirkte purpurrote, echte Utrechter Samt der Überzüge und Vorhänge nicht wenig beitrug. Es war ein Gemach so recht gemacht zum vertraulichen Plaudern, zum Träumen, zum Sinnen, Lesen und Schreiben an dem schönen breiten Schreibtisch, der quer vor dem mittleren der drei Fenster mit ihren bleigefaßten Butzenscheiben stand. Den Hintergrund nahm ein Kamin ein, mit herrlichem Aufsatz von Majolika, dessen gemalte Kacheln in erhabener Arbeit wundersame Figuren und Wappentiere zeigten.
Dolores stieß das eine der Fenster weit auf, daß die frische, würzige Maienluft tief eindringen konnte in das lauschige Gemach, und setzte sich in den Sessel, der an dem Fenster stand.
»Hier will ich bleiben,« sagte sie tief atmend, »das ist ein schönes =buen retiro=! Lassen Sie meinen Koffer in das Schlafzimmer drüben bringen, Fräulein Tinchen, und packen Sie ihn aus, ja? Später wird meine alte Tereza mit meinen anderen Sachen nachkommen und Ihnen den Dienst bei mir wieder abnehmen, um den ich Sie bis dahin bitte!«
Fräulein Köhler knickste wieder.
»Ich kenne meine Pflicht, gnädige Baroneß,« sagte sie gemessen. »Aber ich bitte, sich daran zu erinnern, daß ich vor dem Schlafzimmer gewarnt habe!«
»Doch nicht im Ernst, liebe Köhler?« entgegnete Dolores lachend.
»In vollem Ernst!« beteuerte die Haushälterin, indem sie ihre magern Hände zum Himmel emporhob. »In dem Schlafzimmer geht es um, und sein Bewohner kann darin Schaden leiden an Leib und Seele.«
»Nun, seien Sie ruhig,« spottete Dolores amüsiert, »ich stehe dafür ein, daß die böse Ahne mich nicht schlechter machen wird, und was meine Person anbetrifft, so können Sie noch ruhiger sein. Ramo und Tereza werden in meiner Nähe schlafen, mich zu schützen, und außerdem liegt auf meinem Nachttisch immer ein geladener Revolver -- das ist Sitte in Brasilien bei Damen und Herren!«
Mamsell Köhler verbeugte sich und ging mit einem Blick nach oben, als wolle sie den Himmel zum Zeugen anrufen, daß sie ihre Pflicht gethan und die neue Herrin vor dem Familiengespenst gewarnt habe.
Draußen aber blieb sie überlegend stehen.
»Das wird eine gute Wirtschaft werden auf dem Falkenhof,« reflektierte sie, »schon darum, daß die Mulattin wieder herkommt, die Schwarze, die in ein christliches Haus doch einmal nicht gehört, von dem Brasilianer, dem Mosjö Ramo, ganz zu schweigen. Und dazu eine Herrin, die ein Freigeist ist und nichts glaubt -- nun ja, das mag man auf dem Theater lernen, und etwas Teufelisches hat sie schon als Kind gehabt, wo sie mich mit ihrem Kürbiskopfe zum Schlagrühren erschreckt hat, und noch ihre Freude daran hatte! Ja ja, die roten Haare! Man soll sich vor denen hüten, die Gott gezeichnet hat.«
Der Gegenstand dieser Reflexionen, die zum Freigeist gestempelte junge Lehnsherrin, weil sie dem Schloßgeiste seine Rechte einräumen wollte, sie stand indes am Fenster des Turmgemaches, das Haupt, dem Gott seinen schönsten Schmuck verliehen hatte, gesenkt, die Hände gefaltet. Was in dieser jungen Seele vorging --?
Mamsell Köhler hätte es vielleicht gewußt, aber sie mußte herabgehen, ihrer Pflicht zu genügen. Als sie den Südflügel passierte, hörte sie in den Zimmern, welche das Ruß'sche Ehepaar bewohnte, die laute Stimme des Freiherrn Alfred zornige Worte sprechen, und gleich darauf kam er heraus und lief schnell die Treppe herab, an der Haushälterin vorüber, ohne sie zu beachten.
»Nun, nun,« meinte sie für sich hin, »da drinnen haben sie wieder einmal Feuerstein und Lunte gespielt -- da hat es Funken gegeben. Meinetwegen -- wer will haben gute Ruh', der seh' und hör' und schweig' dazu!«
Alfred Falkner hatte seine Mutter nach der Testamentsvorlesung in ihre Zimmer geführt, gefolgt von Doktor Ruß, der, das Haupt gesenkt, in tiefen Gedanken dahinschritt.
In ihrem Zimmer nahm Frau Ruß den Hut ab und setzte sich bequem -- die Sache hatte sie angegriffen. Ihr Sohn durchmaß ein paarmal heftig den Raum, dann blieb er plötzlich vor ihr stehen.
»Du wirst natürlich diese Einladung, auf dem Falkenhof zu bleiben, nicht annehmen, Mutter?« fragte er.
»Es ist bereits geschehen, wie du gehört hast,« sagte Doktor Ruß vom Fenster her.
»Mit deiner Bewilligung, Mutter?« Die Frage wurde schwer betont.
»Nun, die Annahme meines Mannes überraschte mich eigentlich,« erwiderte Frau Ruß zögernd.
»Wir können von hier aus unsere Dispositionen für die Zukunft in aller Ruhe treffen,« fiel der Doktor ein.
Falkner wandte sich zornig ab.
»Ich möchte von ihr nichts annehmen,« sagte er, »am allerwenigsten Gnadengeschenke.«
»Das dachte ich zuerst auch,« sagte Frau Ruß, »aber da du nun doch bald selbst Herr des Falkenhofes sein wirst, so können wir ja ruhig bleiben.«
»Ich selbst bald Herr?« Falkner wandte sich erstaunt um.
»Nun ja, wenn du Dolores heiratest!« nickte sie, ganz zufrieden mit dieser ausgleichenden Idee des Verstorbenen.
»Das wird _nicht_ geschehen,« entgegnete Falkner schnell und heftig.
»Nicht?« wiederholte Frau Ruß erstaunt. »Dann erkläre ich dich für unzurechnungsfähig,« setzte sie sehr kühl hinzu.
»Du hast recht damit, Adelheid,« sagte der Doktor, hinzutretend, »aber Alfred wird überlegen. Natürlich,« fügte er begütigend hinzu, »natürlich hat es für ihn momentan etwas Unerträgliches =par ordre de Moufti= heiraten zu sollen, aber das giebt sich, solche Ecken schleift die Zeit ab.«
»Du dürftest dich denn doch über meine Ansichten täuschen,« entgegnete Falkner verächtlich. »Es ist nicht jedermanns Sache, um Geld zu freien.«
Hinter den Brillengläsern des Doktors blitzte es warnend auf bei diesem Stich, aber er mäßigte sich wie immer, wenn die Bitterkeit gegen ihn in Falkners Herzen überschäumte.
»Hier ist die reiche Braut aber dein Vermächtnis,« sagte er ruhig.
»Denke darüber, was du willst,« erwiderte Falkner stolz, »bleibe du meinetwegen Zeit deines Lebens auf der Bärenhaut im Falkenhof, aber,« setzte er laut und zornig hinzu, »aber laß es bleiben, für mich zu denken und zu entscheiden oder mich beeinflussen zu wollen. Die Ansicht meiner Mutter zu hören ist meine Pflicht. Sie ist in diesem Falle nicht die meinige, aber jede Überredungskunst deinerseits weise ich zurück, ein für allemal!«
Und mit diesem Ultimatum verließ Falkner tiefgereizt das Zimmer.
Doktor Ruß sah ihm lächelnd nach und rieb seine gut gepflegten weißen Hände.
»Laß den Most schäumen, Adelheid,« sagte er heiter, »er wird schon ausgären. Natürlich, der freiherrliche Stolz deines Sohnes bäumt sich hoch empor, aber selbst der heftigste Sturm legt sich einmal. Wir bleiben vorläufig auf dem Falkenhof, und ich will nicht Ruß heißen, wenn Alfred nicht über Jahr und Tag als Herr hier einzieht.«
»Nun, das wäre allerdings wünschenswert,« entgegnete sie, »aber Dolores wird nicht lange ohne Freier bleiben, und wer weiß, was geschieht, wenn Alfred in seinem Stolz zu lange fortbleibt?«
Doktor Ruß lachte leise in sich hinein.
»Laß das meine Sorge sein, liebe Frau,« sagte er, »ich habe nicht umsonst die Einladung, hier zu bleiben, angenommen.«
* * * * *
Der Freiherr war hinausgeeilt in den Park, sich durch die Luft die erregten Nerven beruhigen zu lassen. Das Testament des Oheims hatte ihn förmlich aus dem Gleichgewicht gebracht, so ungern er sich's selbst eingestehen wollte, es hatte ihn urplötzlich der Notwendigkeit einer Entscheidung gegenüber gestellt, über die er zwar nicht im Unklaren war, die sich immerhin aber schwer geben ließ.
Was ihn hauptsächlich reizte, war, daß seine Mutter ganz einverstanden damit schien, daß er Dolores heiraten sollte, einfach des Besitzes wegen, und dann war es ihm ein entsetzlich peinliches Gefühl, daß sie auf die Eingebung des Doktors hin die Einladung, auf dem Falkenhof zu bleiben, ohne weiteres acceptiert hatte. Was waren die Pläne seines Stiefvaters dabei? Denn daß er aus reiner Bequemlichkeit bleiben wollte, konnte kein Grund sein, dazu kannte Falkner den Doktor zu genau, oder besser gesagt, er mißtraute ihm zu sehr, um an die angegebenen Gründe zu glauben. Sie waren für harmlose Personen vortrefflich, konnten aber für ein so stilles Wasser, wie Ruß es in den Augen seines Stiefsohnes war, nicht genügen. Natürlich war es für ihn, der den Falkenhof heut' noch verlassen wollte, nicht möglich, diesen verborgenen Motiven nachzuforschen -- plante Doktor Ruß in seinem rastlos thätigen Kopfe etwas, so mußte er eben dabei gelassen werden.
Nach etwa halbstündigem Umhergehen kehrte Falkner nach dem Hause zurück, er traf Ramo im Korridor und ließ sich bei Donna Dolores melden.
Sie empfing ihn in dem Turmzimmer, ihm unbefangen die Hand reichend, die er indes nicht zu sehen schien.
»Sie wünschten mich zu sprechen,« sagte er kühl.
»Ja,« erwiderte sie, auf den Sessel ihr gegenüber deutend, »aber offen gesagt, ich hatte gewünscht, das, was ich zu sagen habe, freundschaftlich und verwandtschaftlich zu besprechen. Habe ich Sie in irgend welcher Weise gekränkt oder beleidigt, Baron Falkner? Denn sonst müßte ich doch wenigstens als _Dame_ Anspruch an Ihre Höflichkeit machen können, wenn Sie diese auch der _Verwandten_ verweigern!«
Falkners Blick streifte leicht das schöne stolze Antlitz mit den blitzenden Augen ihm gegenüber -- wenn sie auf der Bühne gestanden, hatte er es unausgesetzt betrachtet -- hier beirrte es ihn, er wußte nicht, weshalb.
»Beleidigt, Baronin? -- nicht daß ich wüßte,« erwiderte er gleichgültig, »mich stößt nur die Primadonna in der Freiin von Falkner ab.«