Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.
Part 19
»O -- Sie beschämen mich!« murmelte Doktor Ruß bescheiden. Es war gut, daß es dunkel war -- es hätte Dolores sonst auffallen müssen, wie blaß er geworden war. »Daß Sie recht haben wie immer, kann ich ja in Bezug auf mich nicht leugnen,« sagte er im gleichen, ruhigen Gesprächston, aus welchem höchstens die scharfen und an jede Tonnuance gewöhnten Ohren seiner Frau eine leise Schwankung herausgehört hätten.
»Nein, denn nur das Gegenteil hätte bei einem Geist, wie der Ihrige ist, verwundern können,« entgegnete Dolores freundlich.
»Ich danke Ihnen,« sagte er innig und beugte sich herab, ihre Hand zu küssen. Doch das gelang ihm nicht, denn lachend verbarg sie beide Hände auf dem Rücken und erlangte dadurch die ersehnte Freiheit des Alleingehens.
»Und wann gedenken Sie den Falkenhof zu verlassen?« nahm Doktor Ruß den Faden des Gesprächs wieder auf.
»O, erst im Herbst, wenn es anfängt rauh und kalt zu werden. Ich möchte doch noch den schönen, heiteren, unvergleichlichen deutschen Sommer genießen.«
»Sicher. Ich fragte nämlich nicht ohne Grund und ohne persönliches Interesse,« sagte Doktor Ruß mit gewinnender Offenheit. »Es läßt sich für mich nichts Annehmbares vor dem Beginn des Wintersemesters erwarten, das liegt auf der Hand --«
»Gewiß,« bestätigte Dolores, als er einhielt.
»Ich muß also bis dahin gezwungenermaßen noch unthätig bleiben,« fuhr er fort, »hangend und bangend in schwebender Pein -- und obdachlos obendrein --«
Wieder hielt er ein -- aber die gewünschte Einladung kam nicht. Dolores, der sie in ihrer Güte schon auf den Lippen schwebte, fiel der gute Engels ein, sowie dessen wahrscheinliche Verzweiflung und zweifellosen Unhöflichkeiten gegenüber seinem Feinde, und am Ende, dachte sie auch, habe der Besuch sich schon lange genug ausgedehnt -- kurz, sie schwieg.
Langsam zog Doktor Ruß sein Taschentuch hervor und fuhr damit über seine Stirn -- sie war feucht geworden.
»Nun denn, liebe Dolores -- dürfen auch wir bis zum Herbst bleiben?« fragte er und legte den ganzen Wohllaut seiner Stimme in die Frage.
»Aber gewiß -- ich _bitte_ darum!« rief sie, doch die Ironie, welche aus ihrer Bitte klang, war nicht beabsichtigt, denn sie war viel zu sehr überrascht und viel zu sehr auf die einzige Antwort, die sie geben konnte, gedrängt, als daß ihr Zeit geblieben wäre, der unwillkommenen Bitte eine eben solche Antwort entgegenzusetzen.
Doktor Ruß aber hörte eine Ironie heraus, denn wer viel riskiert, hat feine Ohren, die oft mehr hören als zu hören ist. Das Blut, das ihm Wangen und Stirn flammend rot färbte, verbarg die Dunkelheit und auch den raschen Griff, mit der seine Hand sein Taschentuch in Fetzen riß, machte der tiefe Schatten unkenntlich -- nur das Geräusch, das das reißende Leinen verursachte, drang zu Dolores' Ohren und erregte ihre Nerven unangenehm. Nun aber war's geschehen -- Doktor Ruß und Frau blieben bis zum Herbst auf dem Falkenhof, und der Humor, mit dem Dolores gesegnet war, führte sofort den entsetzten Engels vor ihr geistiges Auge, daß sie lächeln mußte, was freilich auch die nivellierende Dunkelheit verbarg. Nun machte sie gleich das Beste aus der Situation, und da nur ein undeutliches Gemurmel die Antwort des Doktor Ruß war, so setzte sie hinzu:
»Ich bitte Sie schon aus Egoismus, bis zum Herbst bei mir zu bleiben, denn ich hoffe noch viel von Ihren Kenntnissen zu profitieren!«
»Ihre Güte ist größer als mein Wissen,« erwiderte Ruß mit vollkommen wiedergewonnener Ruhe und echt chinesischer Höflichkeit.
Dolores aber lachte.
»Sagen Sie das nicht,« meinte sie, »wenigstens nicht eher, als bis Sie _genau_ wissen, daß ich wirklich keinen Pferdefuß in meinen Wiener Schuhen verberge. Doch jetzt gute Nacht -- und auf morgen!« --
Damit ging sie hinein ins Haus.
Doktor Ruß aber stand unter den Bäumen und sah ihr nach, als sie schon längst nicht mehr zu sehen war.
»Deinen Pferdefuß kenne ich, du =noli me tangere=,« murmelte er.
»Nun wohl -- du hast es so gewollt, und so falle der Würfel denn. Doch nein -- noch einen Gnadenweg giebt es, und wenn du einen guten Engel hast, so mag er dich darauf hinführen.« --
[ Hinweise zur Transkription
Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.
Im Rahmen der Transkription
- wurde der Halbtitel entfernt;
- wurden Reihen von Gedankenstrichen, die im Original bis an das Zeilenende laufen, auf fünf Gedankenstriche begrenzt.
Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, mit folgenden Ausnahmen,
Seite 14: "«" eingefügt (wenig von den Künstlern wissen.«)
Seite 42: "Titians" geändert in "Tizians" (eine Künstlerfrau wie zu Tizians Zeiten)
Seite 58: "langezogenen" geändert in "langgezogenen" (häßliche und bartlose Gesicht mit den langgezogenen Zügen)
Seite 86: "»" eingefügt (las er, »und meine Nichte, Dolores Freiin von Falkner)
Seite 89: "dem" geändert in "den" (und öffnete, in den Westflügel einbiegend, dessen erste Thür)
Seite 120: "«" eingefügt (»Sie vielleicht vor allen anderen,« fügte sie hinzu)
Seite 122: "da" geändert in "daß" (sie hätte darauf schwören mögen, daß sich die Boiserie)
Seite 131: "!" geändert in ":" (war in zierlicher Rundschrift mit Tusche gemalt:)
Seite 133: "Schrifzüge" geändert in "Schriftzüge" (sah bleich und starr auf die vergilbten Schriftzüge herab)
Seite 140: "»" eingefügt (nickte sie, »besonders aber der Ruine)
Seite 141: "meine" geändert in "meinte" (meinte Ruß in scherzendem Tone)
Seite 141: "Zuckerohr" geändert in "Zuckerrohr" (»Und Reis, Zuckerrohr und Tabak,« nickte sie harmlos.)
Seite 175: "»" eingefügt (sagte der Herzog, »es wäre taktlos)
Seite 176: "»" eingefügt (rief die kleine Prinzeß entsetzt, »eine Komödiantin -- --«)
Seite 179: "," geändert in "." (ich will der Baronin Dolores meinen Besuch machen.«)
Seite 192: "»" eingefügt (und schloß dessen Deckel. »So, nun sind sie gefangen)
Seite 208: "«" hinter "singen?" entfernt (wie läßt sie ihre ›Satanella‹ singen?)
Seite 215: "." eingefügt (Fräulein von Drusen neigte sich entrüstet zu Dolores.)
Seite 222: "Coppés" geändert in "Coppées" (Lassens herrliche Komposition zu François Coppées Gedicht)
Seite 224: "Und" geändert in "Um" (Um die peinliche Scene nicht zur Spitze zu treiben)
Seite 228: "Dolorer" geändert in "Dolores" (erwiderte Dolores leise)
Seite 240: "»" vor "Übrigens" entfernt (Übrigens empfand Dolores bei dem Gedanken)
Seite 273: "»" eingefügt (»Ich mag keinen Prinzen heiraten)]