Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.

Part 17

Chapter 173,621 wordsPublic domain

Wir hörten von einem Sonderling, der über alle Bekannten, um deren wirklichen Charakter kennen zu lernen, Buch führte, d. h. er trug ihre Namen in ein Buch ein, dessen Seiten mit den verschiedensten Charakteristiken überschrieben waren. Fand er einen Irrtum hierin heraus, so ward der Name ausgestrichen und auf eine andere Seite, in einer anderen Rubrik eingetragen. Auf diese Weise suchte er zum Menschenkenner zu werden -- aber er schöpfte seine Erfahrungen mit einem Siebe in ein Faß ohne Boden wie die Danaiden. So hatte er unter anderen den Namen eines Herrn N. N. nach der ersten Bekanntschaft mit demselben unter »Angenehmer Gesellschafter« eingetragen. Nach späteren Erfahrungen konnte er ihm dieses Prädikat zwar nicht nehmen, aber er klassifizierte ihn auch noch in den Rubriken »Selbstlos« und »Großmütig.« Nach einiger Zeit fand er sich veranlaßt, besagten Herrn noch in den Abteilungen: »Guter Stiefvater« und »Mustergatte« zu nennen, außerdem aber noch seinen Namen unter »Gelehrter« einzutragen. Daß diesen Eigenschaften noch die eines »wahrhaft frommen Christen« hinzutrat, kann uns nicht wundern, aber ein plötzlicher Umschwung veranlaßte den Buchführer, diesen edlen N. N. mit einem Mal in der Rubrik: »Doppelzüngig« zu nennen. Dann konnte man ihn auch unter »Erbschleicher,« »Händelstifter« und »Halunke« lesen, und zuletzt stand er so ziemlich auf jeder Seite von des Sonderlings Charakterthermometer, der darauf sein Buch verbrannte und kein zweites mehr führte -- es war ihm verleidet worden. Er hatte es sich so hübsch und amüsant gedacht, jedes Menschen Empfinden von ihm ablesen zu können wie von den weißen Blättern seines Buches, und sich nicht überlegt, daß ein Mensch nicht einfach unter der Firma »Mustergatte« oder »armer Dulder« umherlaufen kann, als ob dieser ihm durch eigenes oder anderer Zeugnis aufgedrückte Stempel für sein Dasein genügte und charakteristisch wäre.

Der Mensch ist ein Teil des verschleierten Bildes von Saïs, und nicht jeder verträgt den Anblick der Wahrheit, sei es, daß er sie im Herzen anderer oder im eigenen Herzen entschleiert.

Alfred Falkner hatte immer viel auf seine Prinzipien gehalten, ja er hatte dieses Steckenpferd nicht ohne eine gründliche Dosis Hochmut geritten und geglaubt, der Untergang der Welt würde ihn auch nicht um eines Haares Breite von dem gewohnten Pfade ablenken können. All' diese Prinzipien, die er unter dem Schilde des »=Noblesse oblige=« vereinigte, waren tadellos und hochgemutet, aber sie auf den Punkt zu erfüllen, bedurfte es mehr als menschlicher Kraft, welche von vielen mit dem Eigensinn, der freilich oft mehr vermag, als moralische Kraft, verwechselt wird.

Hätte man Falkner vor Jahresfrist gesagt: »Ehe du um zwölf Monde älter bist, wirst du eine wehrlose Frau tödlich beleidigen, weil sie einem Berufe angehört, mit dem du nicht einverstanden bist, und weil sie die Erbschaft gemacht, auf die du gerechnet hattest« -- so hätte er überlegen geantwortet: »Das ist unmöglich. Denn einmal greift ein Kavalier Wehrlose, besonders aber Frauen nicht an, und was die Gründe anbetrifft, so verbietet mir ersteren meine Bildung und über dem zweiten glaube ich zu hoch zu stehen. Große materielle Verluste vermögen wohl zu enttäuschen, aber sie können den Gebildeten nicht zu Ungerechtigkeiten verleiten, eben weil sie materiell sind.«

Nun gab es stille, einsame Nachtstunden und bittere Momente bei Tage, in denen Alfred Falkner sich selbst die Frage vorlegte: Wie hast du deine Vorsätze erfüllt? Und die Antwort war tief demütigend. =Homo sum!=

Dann hatte er ihr sein »=Pater peccavi=« gesagt, und abermals mußte er erfahren, daß solche Klüfte, wie zwischen ihm und Dolores lagen, sich nicht mit ein paar Worten überbrücken ließen. Der Abgrund hatte sich so viel verengert, daß sie einander darüber hinweg die Hände reichen konnten, wenn sie sich dazu überwanden -- und das war alles.

Daß er mehr davon erwartet hatte, kann nicht geleugnet werden, und neben der getäuschten Hoffnung kostete er die bitteren Früchte, die sein Thun gezeitigt: die Gleichgültigkeit, die ihm Dolores zeigte, denn diese Maske trug sie so täuschend und so überzeugend, daß es niemand eingefallen wäre, an eine Maske zu glauben. Und nun wollte sie fort -- den Falkenhof verlassen -- vielleicht, um nach Brasilien zurückzugehen. Hoffentlich nach Brasilien, dachte er, und es überkam ihn wieder und wieder der heiße Wunsch, sie möchte Kepplers Zureden nicht nachgeben und zur Bühne zurückkehren. Hätte er gewußt, daß sie selbst gerade vor diesem Gedanken zurückschrak, wie vor einem unübersteigbaren Berge -- es hätte ihn wesentlich beruhigt. Denn wenn er ja auch schließlich so weit gediehen war in seiner Überzeugung, daß er anerkennen mußte, wie rein und tadellos sie während ihrer kurzen Künstlerlaufbahn gewesen, daß sie wie »eine Lilie im Staube« kühl und königlich gestanden in der heißen, trügerisch gleißenden Atmosphäre des Scheins und des Truges, so war ihm der Gedanke, sie wiederum dort zu sehen und zu wissen, doch unsäglich widerwärtig. Zugegeben, daß dabei eine gründliche Dosis Falknerschen Familienstolzes mitsprach, jenes Stolzes, der im Exklusiven seine Befriedigung sucht, so überwog dabei doch jene Sorge, welche der Gärtner für seinen Pflegling empfindet, wenn er ihn in ein ihm unzuträgliches Erdreich verpflanzt sieht und davon nur Welken, Verderben oder Dahinkränkeln voraussehen kann.

Unklar freilich war er sich selbst in seinen Gefühlen für Dolores nicht mehr. Er log sich nicht mehr vor, daß sie ihn anzog, weil sie ihn abstieß, denn solche Selbsttäuschungen mußten früher oder später einmal weichen wie Herbstnebel im Sonnenlicht. Und in dem Lichte dieser Erkenntnis sagte er sich ohne Wenn und Aber, daß Dolores Falkner begehrenswert für ihn sei vor allen Frauen und Mädchen der Welt. Und mit derselben klaren Einsicht sagte er sich, daß er keine Chance mehr habe, sie zu gewinnen, daß er verspielt habe für alle Zeit. Nun liegt es aber in der Natur des menschlichen Herzens, daß es sich selbst widerspricht, d. h. daß es dem kühler wägenden Verstande Plaidoyers und in das Gewand »Möglichkeit« gekleidete Bitten entgegenstellt. Und da Alfred Falkner trotz seines starken Geschlechts nebenbei auch noch ein Mensch, ein Sohn Adams war, so flüsterte ihm sein Herz zu: Vielleicht gewinnt ein treues Werben zurück, was du verscherzt; wogegen der Trotz ihm zuflüsterte: Es ist besser so -- mag denn getrennt bleiben, was nicht zu einander gehört. So ist denn der Mensch stets widerstreitenden Gefühlen ausgesetzt, wenn er im Kampfe steht mit seinem Herzen, und nicht alle laufen ein nach dem Seelensturme in den Hafen der Glückseligkeit, in dem alles sich klärt durch den Besitz eines inneren Glückes, von dem wir wissen, daß es unser ist und bleibt bis an die Pforten des Todes. Es giebt überhaupt wenig Menschen, die mit ihren Gefühlen stets im reinen und klipp und klar sind, die Herz und Verstand stets im Gleichgewicht halten und durch die Stürme des Lebens schiffen unversehrt und unbewegt! Ob diese aber zu beneiden sind, möchte ich bezweifeln, denn

Wer nicht gelitten, hat nur halb gelebt, Wer nicht gefehlt, hat wohl auch nie gestrebt, Wer nie geweint, hat halb auch nur gelacht, Wer nie gezweifelt, hat wohl kaum gedacht.

Am Tage nach dem improvisierten Gartenfest ging Dolores hinüber nach Monrepos, um den kleinen Hof nach dem Falkenhof einzuladen. Der Herzog, welcher ihr selbst die Gartenpforte öffnete, da er die lebende Hecke von Taxus beschnitt, nahm die Einladung sogleich und ohne alle Umstände an und führte seinen Gast nach der Veranda, auf welcher der übrige Kreis beim =five o'clock=-Thee versammelt saß. Auch Prinzeß Alexandra beantwortete die vorgetragene Bitte der »Fräulein Nachbarin« freundlich bejahend, und als die Herrin vom Falkenhof dann nach einer genommenen Tasse Thee sich wieder empfehlen wollte, führte die Prinzeß sie erst in ihr Zimmer unter dem Vorwande, ihr dort eine Zeichnung zeigen zu wollen. Prinzeß Alexandra hatte, wie alle anderen, nur ein Schlaf- und Wohnzimmer zur Disposition, denn Monrepos war nicht groß genug, um selbst den Besitzern eine größere Zimmerflucht für ihren Privatgebrauch zu gewähren. Die herzogliche Familie bewohnte das Hochparterre, darin auch die Gesellschaftsräume lagen, während der Oberstock die Zimmer für das Gefolge, die Gäste und Dienergelasse barg. Das Wohnzimmer der Prinzeß Alexandra war ein sehr behaglicher Raum, der alles enthielt, was seiner Bewohnerin besonders lieb und traut war -- ihre Bücher, Malutensilien, Handarbeiten, welchen sie einen besonders künstlerischen Reiz zu geben vermochte. Nachdem sie Dolores die Zeichnung gezeigt, von welcher sie vorher gesprochen, zog sie den Gast neben sich auf einen Diwan und ergriff die beiden Hände desselben.

»Liebes Fräulein von Falkner,« sagte sie herzlich, »Sie müssen mir's nicht übelnehmen, wenn ich mir heut', nach unserer kurzen Bekanntschaft erlaube, ein Thema vor Ihnen zu berühren, ohne daß Sie mir das Recht geben, es zu thun. Aber sehen Sie, es giebt Menschen, zu denen man sich so mächtig hingezogen fühlt, daß man die konventionelle Mauer, welche der Codex der Gesellschaft um uns errichtet, einfach umgeht, um dem begehrten Ziele näher zu treten. Und zu diesen Menschen gehören Sie!«

»O Durchlaucht, wodurch habe ich diese Güte verdient?« erwiderte Dolores, im Innersten warm berührt.

»Sie müssen nicht Güte nennen, was Überzeugung ist,« rief Prinzeß Alexandra mit der nämlichen Herzlichkeit. »Und Sie haben wirklich mein sehr vorsichtig tastendes Herz im Sturme erobert. Darum also verzeihen Sie mir ein offenes Wort, das ich gern sprechen möchte, weil Sie mich gestern erschreckt haben. Sie wollen den Falkenhof wirklich verlassen?«

»Ja, Durchlaucht. Was soll ich hier?«

»Den Falkenhof verlassen, um zur Bühne zurückzukehren?« fragte die Prinzeß ernst.

»Ich weiß es noch nicht,« erwiderte Dolores wie gestern.

»Zieht es Sie dahin zurück --?« --

»Durchlaucht, diese Frage habe ich mir schon selbst vorgelegt und nicht beantwortet,« gestand Dolores ehrlich. »Ich kann darauf nur sagen: Ich weiß es nicht. Und das ist vielleicht unrecht, denn ich habe meinen Beruf geliebt --« --

»Und der Beifall der Menge hat Sie berauscht,« ergänzte die Prinzeß. »Und das süße Gift ist Ihnen in das Blut gedrungen und reißt Sie zurück auf die Bretter, auf denen jeder es wagen darf, Sie zu kritisieren, Sie mit Schmutz zu bewerfen. Dolores, wissen Sie, daß der Gedanke, Ihre Wangen soll wiederum ekelhafte Schminke bedecken, Sie sollen jeden Abend einem Tenor oder Bariton Liebeslieder zusingen, daß dieser Gedanke mir wehe thut?«

Und die Prinzeß legte ihren Arm um Dolores' Schultern, die blaß und regungslos dasaß.

»Nein, gehen Sie nicht dahin zurück, wohin Sie nicht passen,« fuhr die Prinzeß fort mit weicher, bittender Stimme. »Was wollen Sie von der Menge? Was wollen Sie auf den Brettern, deren verdorbene, von Miasmen durchsetzte Luft so leicht moralisch tötet? Auch Ihre gesunde Natur kann unterliegen. Und Sie werden, trotz Ihres reinen Herzens, genug gesehen haben, um zu verstehen, was ich meine!«

»O ja, denn in der kurzen Zeit meiner Künstlerlaufbahn sind Neid, Verleumdung, Käuflichkeit und Frechheit wiederholt an mich herangetreten,« antwortete Dolores müde. »Aber ich habe sie alle nicht beachtet,« setzte sie mit ihrem alten Stolz hinzu.

»Ich weiß es -- ich fühle es,« fuhr Prinzeß Alexandra fort, »aber man meidet doch gern die Wege, wo man dergleichen unreinen Geistern überhaupt begegnen kann. Sie drängen sich freilich auch außerhalb der Bühne in unsere Nähe, aber sie sind doch nur Eindringlinge, deren man sich erwehren kann, nicht aber Stammgäste wie dort. Was hat Sie überhaupt zur Bühne gedrängt?«

»Die Not,« sagte Dolores träumerisch. »Wir waren arm und mußten schwer kämpfen mit dem Leben, und als mein Vater starb, waren meine Mutter und ich mittellos. Ich hatte aber eines gründlich gelernt, gründlich studiert -- die Musik! Zu der ›Satanella‹ hat mein Vater den Text gedichtet, und ich hatte denselben, um ihm eine Freude zu machen, komponiert -- die Melodien strömten mir zu, und meine Begabung für dieses Fach überwand spielend die technischen Schwierigkeiten. Die ›Satanella‹ war meines Vaters letzte Freude. Und als wir dann so allein standen, da beschloß ich, wenn möglich, auf der Bühne das Alter meiner Mutter sorgenfrei zu machen, und sie schrieb dem Intendanten in B., einem alten Freunde meines Vaters, einen Brief, in dem sie mich seinem und seiner Frau Schutz und Protektion anempfahl. Sie erfüllten beide freudigst und wahrhaft großmütig diesen Wunsch, und nachdem ich in Italien die nötigen Vorstudien gemacht, trat ich zuerst als ›Satanella‹ auf -- ein guter Rat des Intendanten. Und dann starb meine Mutter, und schnell nach ihr mein Onkel, der im Leben das Tafeltuch zwischen sich und der Schwester zerschnitten hatte, weil ihre Heirat ihm antipathisch war. Nun ward ich, als seine Erbin, mit einem Schlage reich, aber ich blieb meinem Berufe treu, weil ich ihn liebgewonnen, weil die Begeisterung für die Kunst mein ganzes Herz ergriffen hatte und ich der Sonne, der Unsterblichkeit zuzufliegen vermeinte.«

»Dem Mimen flicht die Nachwelt keine Kränze,« warf die Prinzeß Schillers Ausspruch ein, und als Dolores betroffen aufblickte, setzte sie fein hinzu: »Aber auch außerhalb der Bühne kann man Unsterblichkeit erlangen, und den Flug zur Sonne zu wagen ist auch hier niemand verwehrt. Denken Sie an unsere unsterblichen Tondichter, die es nicht verlangt hat, ihre Werke selbst verkörpern zu können. Und Ihnen ist nicht Talent allein, Ihnen ist Genie verliehen worden, um siegreich Ihre Kräfte messen zu können mit jenen Unsterblichen, die uns den Fidelio, den Ring des Nibelungen geschaffen neben einer Fülle von Liedern, die ja allein unsterblich machen können. Darum kehren Sie nicht mehr dahin zurück, wo nur der Schein herrscht, der Schein, der unseren Sinnen schmeichelt, _Ihnen_ aber doch kein volles Glück gewähren kann, und wenn Sie sich doch einmal einsam fühlen sollten, so kommen Sie zu uns, kommen Sie zu mir, denn ich glaube Sie zu verstehen. Wollen Sie mir versprechen, nicht zur Bühne zurückzukehren?« schloß sie herzlich, als Dolores sich heftig bewegt auf ihre Hand herabneigte.

»Durchlaucht, lassen Sie mich's erst allein durchkämpfen,« sagte die Herrin vom Falkenhof. »Ich kann noch nichts geloben, nichts versprechen. Vielleicht hat das ›süße Gift‹ schon mein Blut zersetzt und ich bin unrettbar verloren -- vielleicht ist noch Zeit für mich.«

»Prüfen Sie sich denn! Aber ein frohes Vorgefühl sagt mir, daß ich gesiegt habe, oder vielmehr Sie über sich, denn jede Entsagung ist ein Sieg.«

»Ich habe schon vielem entsagt im Leben,« erwiderte Dolores ohne Bitterkeit, aber schmerzlich. »Schwererem,« setzte sie leise hinzu. »=Nomina sunt odiosa.= Und mein Name ist Dolores -- Schmerz! Doch was soll das hier bei Ihnen, Prinzeß --« --

»Was werden denn hier für Staatsgeheimnisse verhandelt?« --

Mit diesen Worten steckte Prinzeß Lolo ihr blondes Köpfchen zur Thür hinein und ließ ihr reizendes Persönchen im weißen, duftigen Sommerkleide alsbald folgen.

»Das ist ja langweilig hier zum Totschießen! Emil schreibt über seinen Brimborium, Papa okuliert, die Drusen schläft und der Kammerherr dito -- nein, es ist um Schulden zu machen,« jammerte das fürstliche =enfant terrible=.

»Wo sind Herr Keppler und Baron Falkner?« fragte Prinzeß Alexandra.

»Die? die haben sich gezankt und sind zankend weggelaufen,« berichtete die kleine Durchlaucht.

»Gezankt?«

»Natürlich. Und das Objekt waren Sie, Fräulein von Falkner!«

»Ich?« Dolores erhob stolz das Haupt. »Welche Veranlassung könnte ich den Herren zum Streit geben?«

»O, Herr Keppler behauptete sehr erregt, Ihr Platz sei die Bühne. Er schwatzte kolossalen Kohl und die Schlagworte: Priesterin der Kunst, höchster dramatischer Ausdruck u. s. w. flogen wie Sprengstücke aus seinen schweren Geschützen einher --«

»Eleonore!« ermahnte Prinzeß Alexandra. »Welche Ausdrücke!«

»Na, und der Baron quasselte natürlich das konträre Gegenteil,« fuhr Prinzeß Lolo unbeirrt fort. »Er behauptete sogar, die Monate Ihrer Bühnencarriere mit ebensoviel Jahren seines Lebens zurückkaufen zu wollen, wenn es nur eben ginge. Es soll übrigens ein alter Zankapfel sein zwischen den beiden,« setzte sie eifersüchtig hinzu.

»Sehr schmeichelhaft,« erwiderte Dolores nicht ohne Hochmut, indem sie zugleich die Prinzeß bat, sich empfehlen zu dürfen. Mit warmem Händedruck gab die letztere die Erlaubnis und ein sprechender, fragender, bittender Blick beim Abschied schien noch einmal alles sagen zu wollen, was schon gesagt war. Frei und ehrlich gab Dolores diesen Blick zurück, als wollte sie sagen: »Sei ruhig! Jeder _gute_ Kampf zeitigt einen _guten_ Sieg -- ich werde deiner dabei denken.«

Prinzeß Lolo hatte längst schon das Zimmer verlassen. Leise war sie über die Veranda geschlüpft, doch als sie den Kammerherrn und die Hofdame beide selig schlummernd dort noch vorfand, so steckte sie Fräulein von Drusen erst eine Pfaufeder ins Haar und setzte dem Kammerherrn ihren großen Gartenhut =à la= Marie Antoinette schief auf den Kopf, ehe sie die Treppe herabglitt und hinter der Taxushecke, die Monrepos vom Falkenhof trennte, verschwand. Dolores hatte sich nie einer besonders gnädigen Aufnahme von seiten der kleinen Durchlaucht zu erfreuen gehabt, doch hatte das ihre Zufriedenheit nicht trüben können. Wie staunte sie daher, als das reizende Fürstenkind ihr auf ihrem eigenen Grund und Boden gegenübertrat und ganz manierlich um die Erlaubnis bat, »ein Stückchen mitgehen« zu dürfen.

»Wenn der Herzog oder Prinzeß Alexandra nichts dagegen haben, gewiß,« erwiderte Dolores, welche freilich lieber allein gegangen wäre, den Inhalt ihres eben gehabten Gespräches gründlich zu überdenken. Sie war nicht erregt, es war ihr vielmehr leicht ums Herz, wie selten, aber wichtige, inhaltreiche Gespräche verlangen ein gesammeltes Überdenken.

Sie kam mit ihrem »Wenn« aber bei der blonden Prinzeß schön an.

»Papa und Alexandra! Gerade als ob ich ein Kind wäre, das nicht allein über die Straße darf, damit es niemand umfährt,« rief sie empört. »Ich werde meine eigenmächtige Promenade schon selbst verantworten und brauche keine Gouvernante!« --

»Desto besser,« erwiderte Dolores, mit Mühe ein Lächeln unterdrückend. »Gouvernanten sind jungen Damen meist eine sehr unbequeme Species des Menschengeschlechtes.« --

»Eine scheußliche Erfindung sind sie -- Vampire und Werwölfe sind sie,« sprudelte Prinzeß Lolo hervor. »Aber ich habe mich gerächt -- ich habe sie alle weggeärgert!« --

»Wirklich! Und auf wieviel Gouvernantenskalps können Durchlaucht mit dem Stolz eines Indianerhäuptlings herabblicken?«

»Skalps? Woher wissen Sie das?« fragte Prinzeßchen perplex.

»Um Gottes willen -- Durchlaucht haben doch die Unglückswesen nicht wirklich skalpiert?« rief Dolores lachend.

»Ach nein, leider nicht,« seufzte die hoffnungsvolle fürstliche junge Dame. »Aber sehen Sie, ich habe jeder etwas von ihren falschen Haaren heimlich weggenommen -- Zöpfe, Locken, Scheitel, Chignons. Es sind alle Farben dabei vertreten, und ich habe ein ganzes Schubfach voll davon zu Hause im Residenzschloß. Ich nenne das meine Gouvernantenskalpsammlung,« schloß sie mit dem seligen Stolz eines Gemmensammlers.

Nun mußte Dolores wirklich lachen, herzlich lachen, denn auch sie konnte ein Lied singen von den kühnen Ideen, womit ein zur Würde einer jungen Dame erwachtes Backfischlein sich an dem Gouvernantenzwange rächt. Und wie sie hell auflachte, so hell, wie seit lange nicht, da stimmte das Prinzeßchen mit ein, und durch den schattigen Park klang ein solch' unwiderstehlich ansteckend wirkendes Duett, wie selten wohl.

Aber plötzlich wurde Prinzeß Lolo wieder ernst.

»Ich bin gar nicht hergekommen, um zu lachen,« erklärte sie, »sondern ich habe hier auf Sie gewartet, um Ihnen zu sagen, daß ich mich mit Ihnen schießen würde, wenn ich und Sie Männer wären!«

»Da kann ich ja von Glück sagen, Durchlaucht, daß wir's nicht sind,« entgegnete Dolores amüsiert.

»O, das ist gar nicht komisch,« gab die Prinzeß pikiert zurück.

»Und was verschafft mir die Ehre dieser durchlauchtigen Forderung übers Taschentuch?«

»Weil ich eifersüchtig bin -- eifersüchtig auf Sie!« rief die Prinzeß mit plötzlich hervorstürzenden Thränen und heftig setzte sie hinzu: »Was kann ich dafür, daß Sie größer sind als ich und schöner?«

»Aber, Durchlaucht -- _das_ ist doch schließlich Geschmackssache! Es giebt Leute, die mich nicht einmal hübsch finden!« erwiderte Dolores erstaunt.

»Ich wollte, Sie wären häßlich wie die Pastrana -- ein Waldaffe -- ein Scheusal,« war die liebenswürdige Antwort, welche indes so unwiderstehlich auf Dolores wirkte, daß sie das Lachen nicht unterdrücken konnte. Aber das reizte die kleine, blonde Furie nur noch mehr.

»O Sie! Sie!« schluchzte sie. »Sie Scheinheilige, Sie Füchsin! Mir lachend _seine_ Liebe zu rauben -- ich hasse Sie, denn er hat nur Augen für Sie --!«

Jetzt wurde Dolores aufmerksam.

»Wessen Liebe raubte ich Ihnen?« fragte sie kühl.

»Seine -- Alfred Falkners!« rief die Prinzeß, den Boden stampfend.

»Durchlaucht träumen,« entgegnete Dolores stillstehend mit soviel Hoheit, daß der mehr vor Zorn als vor Herzensjammer schluchzenden Prinzeß plötzlich die Thränen versiegten und sie fassungslos ihrer Gefährtin in das blasse Antlitz mit den seltsam flammenden Augen sah.

»Ich dachte, Sie sollten oder müßten ihn heiraten wegen des Testaments oder -- was weiß ich --« stotterte sie purpurrot hervor.

»Durchlaucht sind in ersterem wohl informiert,« gab Dolores gleichgültig zurück. »Was das ›müssen‹ anbetrifft, so steht davon aber nichts geschrieben, und Baron Falkner ist mit mir dahin übereingekommen, daß das berührte Testament in diesem Punkte unvollzogen bleibt!« --

Mit einem Freudenschrei flog Prinzeß Lolo der eben so wenig Geschmeichelten um den Hals.

»Sie sind ein Engel,« rief sie lachend und weinend, »ach, Sie haben mich erlöst, denn ich wollte mir schon das Leben nehmen, weil ich dachte, Sie wollten ihn mir rauben -- ihn, den herrlichsten von allen --«

»Wodurch hab' ich Ihnen zu diesem Verdacht Veranlassung gegeben, Prinzeß Eleonore?« fragte Dolores scharf hinein in diesen Redestrom.

»Ich weiß nicht -- ich dachte nur -- Sie gingen doch mit ihm nach dem Musikabend nach Hause --«

»Und --?« --

»Und indes bin ich beinahe gestorben vor Eifersucht und Zorn und Gram -- und ich hörte ihn noch so lange in seinem Zimmer auf und ab gehen wie ein gefesselter und gefangener Löwe --! Und es ist wirklich wahr, daß Sie ihn mir lassen -- _mir_?« schloß sie naiv.

»Von Lassen ist gar keine Rede, Prinzeß, denn ich habe sein Herz nie besessen,« sagte Dolores herb.

»O wie wunder -- wunderschön!« jubelte das Fürstentöchterlein, ohne zu ahnen, wie weh sie ihrer Begleiterin that. Die aber fragte in den Jubel mitten hinein:

»Und sind Sie der Liebe Alfred Falkners so sicher?«

»Ei, wenn er Sie nicht liebt, wird er mich schon lieben,« erwiderte die Prinzeß mit eigentümlicher Logik -- Herzenslogik -- aber mit unbedingtem Selbstvertrauen.

»Und der Herzog, und der Erbprinz, und Prinzeß Alexandra --? Was werden sie zu der Mesalliance sagen?«

»Ist mir Wurscht!« erklärte die kleine Blonde sehr entschieden. Sie hatte den klassischen Ausdruck erst heut' aus einem Gespräch zwischen zwei Dienern belauscht und war stolz auf denselben. »Ich mag keinen Prinzen heiraten -- das ist _zu_ langweilig,« fuhr sie fort, »Sie können mir's wirklich glauben, es ist gräßlich, wenn man stets in Watte gepackt auf einem silbernen Präsentierteller sitzt. Papa? Papa thut doch immer, was ich will, und um Emil und Alexandra kümmerte ich mich schon gar nicht. Und der Titel, der Name? Bah, was ist daran Großes? Wir sind doch bloß kleine Kläffer, auf die niemand hört, und wenn wir zu laut bellen, steckt uns der große Herr Nachbar einfach -- als Provinz? i Gott bewahre, als Kreis Nordland in die Tasche!«