Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.
Part 15
»Nein,« entgegnete Dolores mit tiefem Ernst, »ich spotte nicht über Sie, das wäre unedel, aber Sie müssen auch mir eine leichte Bitterkeit verzeihen -- nach allem, was geschehen! Ist es Ihnen aufrichtig ums Herz mit Ihren Worten, so soll mich's freuen!«
»Es ist aufrichtig gemeint,« erwiderte Falkner, »mein Wort darauf!«
Da hemmte sie ihren Schritt und wandte ihm ihr schönes Antlitz voll zu.
»Ich glaube Ihnen,« sagte sie, »aber,« fügte sie stockend hinzu, »aber Sie müssen mir noch einen Beweis geben, wollen Sie?«
»Und welchen meinen Sie?«
»Nehmen Sie den Falkenhof zurück!« bat sie, fast schüchtern, stockenden Atems.
Falkner wich einen Schritt zurück und streckte abwehrend die Rechte aus.
»Kein Wort davon, Donna Dolores,« sagte er hart. »Sie würden mich nur beleidigen!«
»Aber der Falkenhof gehört von Rechts wegen --«
»Ihnen,« vollendete er ruhig und bestimmt. »Sie sind die rechtmäßige Erbin des Lehens, und keine Macht der Welt kann Ihnen das bestreiten. Daß man mich in völliger Ignoranz dessen erzogen hat, fällt auf die zurück, die es besser wußten -- mich müssen Sie für sehr -- berechnend halten, daß Sie mir aufs neue anbieten, was ich nie anders, als auf dem legalen, naturgemäßen Wege annehmen kann und werde.«
»Ich sagte es nicht in diesem Sinne,« erwiderte Dolores leise.
»Nein, vielleicht nicht,« entgegnete Falkner, wieder neben sie tretend, »ich will es als einen Beweis nehmen, daß Sie mir vergeben -- aber bitte, sprechen Sie davon nicht wieder -- niemals, Donna Dolores, ich bitte Sie im Namen des Friedens zwischen uns, den ich gern erhalten sehen möchte. Wollen Sie meine Bitte gewähren?«
»Ja,« sagte sie kurz.
»Und wird es Ihnen möglich sein, mir fernerhin mit milderen Gefühlen zu begegnen?«
»Vielleicht!«
Es fiel kein ferneres Wort zwischen beiden -- schweigend erreichten sie endlich den Falkenhof.
Vor der Thür stand Doktor Ruß. Er rauchte eine Cigarre und genoß die schöne, warme Nacht. -- Als er Dolores an der Seite seines Stiefsohnes, gefolgt von Ramo, daherkommen sah, machte er sehr erstaunte Augen.
»Ei, schönen guten Abend,« rief er ihnen entgegen. »Nun, liebe Dolores, Sie kommen unter guter Bedeckung heim. War dieselbe gegen die Bosheit der Menschen oder gegen die Waldgeister berechnet?«
»Gegen die Geister, natürlich,« erwiderte Dolores lächelnd.
»Nun, es giebt im Schlosse wie im Dorfe Leute, die ihre Seligkeit für die Existenz von Geistern in der alten Ruine und am Hexenloch verwetten würden,« sagte Falkner. »Ich selbst glaube daran, seit ich vor ein paar Tagen dicht an dem unheimlichen Tümpel eine blondhaarige Gestalt sitzen sah, die einen Vergißmeinnichtstrauß band.«
»Ei, wie poetisch,« lächelte Doktor Ruß.
»Sie sahen die Gestalt natürlich um Mitternacht,« spottete Dolores.
»Nein, es war bei Sonnenuntergang, drunten im Dorfe läuteten sie das Ave, und in den Glockenklang hinein sang die Erscheinung ein seltsames, halb trauriges, halb verklärtes Lied.«
»Und dieses Lied hat es dir natürlich angethan, wie es im Volkston heißt?« sagte Doktor Ruß, der den Sinn in dem Abenteuer seines Stiefsohnes nicht recht ergründen konnte, indes Dolores sich bückte, ein paar schillernde Steinchen aufzuheben -- es blitzte dabei verständnisvoll in ihren Augen auf.
»Ja, das Lied hat es mir angethan,« wiederholte Falkner fast träumerisch.
Da hob die Turmuhr im Falkenhof aus und schlug mit tiefem Klange Mitternacht. Dolores schreckte empor, warf die aufgelesenen Steinchen weit von sich und reichte Doktor Ruß die Hand.
»Gute Nacht,« sagte sie, »ich bin heut' so müde. Gute Nacht, Baron!«
»Ei, warum stets so förmlich?« fragte der Doktor, ihre Hand festhaltend. »Alfred ist Ihr rechter Cousin, und Vettern tituliert man doch nicht so steif!«
»=Cela dépends=,« erwiderte sie leicht. »Aber,« setzte sie spöttisch hinzu, »vielleicht wächst nach unserem heutigen Mondscheinspaziergang =par ordre de Moufti= unsere gegenseitige Zuneigung dermaßen, daß wir uns nach hundert Jahren unbezwinglich gedrängt fühlen, uns per Cousin und Cousine anzureden. Man darf die erschütterndsten Weltereignisse nicht für unmöglich halten.«
»Sie können noch weiter gehen und sagen: Vielleicht heiraten sich dereinst unsere Enkel,« sagte Falkner kalt, aber ein seltsamer Blick schoß dabei aus seinen Augen.
Dolores lachte hell auf, mit dem alten, klingenden Lachen vergangener Tage.
»Das wäre lustig,« rief sie. »Bis dahin sind Sie Minister, und dann tanzen Großpapa Excellenz und Großmama Satanella ein Menuett miteinander!«
Noch ein spöttisches, leises Auflachen, und sie war im Hause verschwunden.
Der Heimweg nach Monrepos wurde Falkner kurz durch die Gedanken, die sich ihm im Kopfe kreuzten, und durch diese Gedanken klang immerzu jenes Lachen.
Satanella! Mit diesem einen Worte hatte sie die von ihm selbst errichtete Grenzscheide zwischen sich und ihr als wie mit eisernen Klammern befestigt.
»Sie ist doch herzlos und ohne Gefühl,« sagte er sich erbittert. »Habe ich mich darum vor ihr gedemütigt und abgebeten wie ein Kind, damit sie mich verspottet?«
»Satanella! Satanella!« rauschte es in den Zweigen, und ein Kauz, der über seinem Haupte mit schwerem Flügelschlag und im Dunklen glühenden Augen hinwegflog, schrie mit schrillem Tone: »Satanella! Satanella!«
Da klang es plötzlich vor seinem inneren Ohr wie Glockenläuten, und er hörte eine süße Stimme ein einfach Lied singen vom Abendglockenklang.
»Sie hat recht, mir mit Spott zu begegnen,« sagte er weich. »Ich habe nichts anderes um sie verdient! Dreifach blinder Thor, der ich war, stolzverblendet mir selbst Trotz bietend, daß ich den warmen Herzschlag nicht durch das rote Kleid der Satanella hören wollte!«
So wirbelten und jagten sich ihm die Gedanken unaufhörlich, und der Schlaf floh ihn so hartnäckig, daß er endlich, dem bösen Mondschein ein Paroli zu bieten, sein Lager verließ, Licht anmachte und ein Buch hervorholte.
»Geibels Gedichte,« las er auf dem Titel. »Meinetwegen! Vielleicht dämpft die Poesie etwas das Fieber in meinen Adern.«
Er schlug das Buch, das er zum Vorlesen drunten im Salon erst gestern aus der Stadt erhalten hatte, aufs Geratewohl auf und las auf der ersten Seite, auf die sein Auge fiel, die Übertragung von Coppées Gedicht:
Ich sprach zur Taube: Flieg' und bring' im Schnabel Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht, Am Ganges blüht's im alten Land der Fabel,
»Das ist ein Wort für mich,« sagte er sich leise, und dann las er die vierte Zeile dieser Strophe:
Die Taube sprach: Es ist zu weit!
»Zu weit,« wiederholte er und warf das Buch hin. Dann trat er an das offene Fenster und sah hinaus, bis der Mond hinter den Bäumen versank und ein opalbleiches Licht sich über die stille Welt verbreitete, bis ein siegender Strahl im Osten den Anbruch des jungen Tages verkündete.
Da überfiel ihn endlich die Müdigkeit, er schloß das Fenster und legte sich zur Ruhe.
»Satanella, Satanella!« hörte er draußen noch die eben erwachte Spottdrossel pfeifen. Dann träumte er, er flöge auf Taubenschwingen über Land und Meere, und von fern sah er am Ganges wundersame Blumen blühen, weiß und rosig, und in ihren Kelchen wiegten sich nebelhafte Liebesgötter. Da spannte er all seine Kräfte an, sie zu erreichen, aber die Fernen, die ihn noch trennten von der Erreichung seines Wunsches, wurden immer weiter und weiter -- -- -- eine tödliche Ohnmacht überfiel ihn -- er stürzte ins Meer hinab -- --
»Es ist zu weit --!« sagte er, auffahrend von dem bösen Traume.
»Viel zu weit!« girrte eine Taube dicht an seinem Fenster.
II.
Ich sprach zum Adler: Spanne dein Gefieder, Und für das Herz, das kalt sich mir entzog Hol' einen Funken Glut vom Himmel nieder. Der Adler sprach: Es ist zu hoch!
E. Geibel nach François Coppée.
Ein glühend heißer Junitag. Wolkenlos spannt der tiefblaue Himmel seine grandiose Kuppel über die liebliche Landschaft des Falkenhofes, kein Luftzug bewegt die Blätter und Zweige der mächtigen Bäume des Parkes. In der Luft schwirren nur die bunten Insekten des Sommers oder eine rastlose Schwalbe, denn die Singvögel sitzen tief in den Zweigen und zwitschern dort leise ihre Lieder -- sie empfinden wie der Mensch die bleischwere Schwüle in der Luft und bangen vor dem Sturm und Wetter, das die Nacht vielleicht bringen wird.
Der Nachmittag war schon weiter dem Abend zugeschritten, als Dolores den Falkenhof verließ, um Kühlung im Parke zu suchen. Sie fühlte sich unbehaglich und verstimmt durch ein Gespräch mit Doktor Ruß, der gekommen war, beim Arrangement der Bildergalerie zu helfen.
Die Mitte dieses Raumes nahm jetzt ein mächtiger Tisch, bedeckt mit Prachtwerken aller Art ein, und um ihn standen einladende, goldstoffbezogene Fauteuils. In den Ecken waren Palmgruppen angebracht, in denen weiße Büsten schimmerten, und an den roten Samtwänden hatte Dolores mit Hilfe des der Familiengeschichte kundigen Doktor Ruß die Porträts in zusammenhängenden Gruppen geordnet, wie dasselbe Jahrhundert sie zusammenbrachte. Die Mitte der Gruppe des siebzehnten Jahrhunderts nahm das schöne Bild der »bösen Freifrau« ein, und Dolores hatte es noch außerdem durch einen der Zeit entsprechenden kostbaren Rahmen ausgezeichnet.
Als alles fertig war und die helfenden Leute Leitern und Handwerkszeug hinausgeschafft hatten, sagte Doktor Ruß:
»So, das wäre geschehen -- es ist nun wohl alles zum Empfang Ihrer fürstlichen Gäste bereit, liebe Dolores.«
»Ja,« nickte sie, »aber es war nicht dieser Gedanke, der mich leitete, als ich diese Neugestaltung der Bildergalerie plante. Es ist meine Absicht, das ganze Haus in dieser Weise einem kommenden Geschlechte herzurichten, und ich rechne dabei sehr auf Ihren Rat!«
»Wenn er Ihnen in der That von Nutzen sein kann, so gebe ich ihn nur zu gern,« sagte der Doktor, bescheiden die Augen niederschlagend. »Aber Sie sprachen mit soviel Sicherheit von einem kommenden Geschlecht und wissen doch, daß das Geschlecht der Falkner nur noch vier Augen zählt!« --
»Ja, ich weiß es,« entgegnete sie, immer noch mit der Musterung ihrer Wände beschäftigt, »aber man kann doch nur auf zwei Augen zählen -- die meinigen gelten nichts, denn wenn sie sich schließen, so ist das von keinem Einfluß auf den Stammbaum.«
»Wer weiß,« bemerkte Ruß mit besonderer Betonung.
»Nein, gar nicht,« erwiderte Dolores ruhig, »ich beschließe das Geschlecht ja nicht, und Baron Alfred wünsche ich, daß er es den Traditionen entsprechend weiterführt. Ich bin als ganz unerwarteter Eindringling in der Erbfolge erschienen, und da eine Ablehnung derselben mir nichts helfen konnte, so will ich den Falkenhof so instand setzen, daß meine Nachfolger nicht über die Zeit meiner Lehnsherrschaft klagen sollen.«
Doktor Ruß sah sein Visavis prüfend an.
»Sie sprechen, als hätten Sie große Eile mit dieser Instandsetzung,« sagte er lächelnd.
»Gewiß, denn ich weiß ja den Tag und die Stunde nicht, wenn ich sterben werde,« erwiderte sie ruhig.
Der Doktor wiegte sinnend den Kopf hin und her.
»Nein, nein, wir wissen es nicht,« flüsterte er mehr als er sprach. »Aber nach menschlicher Berechnung ist der Tag noch fern. Nun, es ist ja aber immer gut, sein Haus zu bestellen!« --
»Ja, und das ist die Freude, die ich an dem Besitz des Falkenhofes habe,« rief Dolores lebhaft. »Es soll alles in dem lieben alten Haus schön werden und bewohnbar!«
»Werden aber dazu die Revenüen ausreichen?« fragte Ruß lächelnd mit lauerndem Blick.
Sie errötete über die undelikate Frage und wollte erst darüber hinweggehen, aber dann besann sie sich eines anderen.
»Die Renovationen werden aus meinen Mitteln bestritten, und die Revenüen, die ich niemals berühren werde, lasse ich in Papieren anlegen,« sagte sie kühl mit dem langsam und nicht ohne Bitterkeit gesprochenen Nachsatz: »Es soll niemand sagen dürfen, daß ich auch nur einen Groschen verschwendet hätte.«
»O wie edel gedacht!« rief Ruß bewegt. »Aber, beste Dolores, wem würde es einfallen, eine solche Anklage zu erheben? Ein jeder Erbe des Falkenhofes ist berechtigt, die Revenüen zu verbrauchen, wie es ihm beliebt. Und besonders in Ihrem Falle sind solche Gedanken nicht am Orte, da es ja doch zu erwarten steht, daß nach dem in dem Testament des seligen Barons ausgesprochenen zarten Wunsche und dem von Alfreds Mutter, nicht erst zu reden von dem meinigen, der letzte Falkner und die Lehnsherrin vom Falkenhof eins werden am Traualtar, und --«
»Genug!« unterbrach ihn Dolores gebieterisch. Sie war aufgesprungen und stand jetzt ernst und bleich vor dem Doktor. »Ich hatte Ihnen mehr Zartgefühl zugetraut, und gehofft, daß niemand mehr jenen Passus in dem Testament vor mir erwähnen würde. Ihre sowie Ihrer Gemahlin Wünsche haben keinen Einfluß auf meine Entschlüsse, und zum Glück auch nur einen verneinenden auf die des Baron Alfred. Er oder seine Kinder werden dereinst das Erbe antreten, um dessentwillen ich manche bittere Stunde gehabt habe --«
»Aber beste Dolores, Sie werden doch nicht glauben, daß wir Ihnen dasselbe nicht gönnen?« rief der Doktor im Tone gekränkter Unschuld. »Bedenken Sie doch auch nur, wie natürlich unsere Hoffnungen sind. Und wissen Sie, daß es eigentlich Ihre heilige Pflicht ist, dem Wunsch des Verstorbenen zu entsprechen, daß --«
»Ich wünsche keine Vorlesung über meine Pflichten von Ihnen,« unterbrach sie ihn kalt. »Und wenn Ihnen daran liegt, daß wir Freunde bleiben, so berühren Sie dies Thema nicht wieder -- ich will es nicht. Streichen Sie dasselbe ein für allemal von Ihrem Wunschzettel und erinnern Sie sich gefälligst daran, daß ich Sie nicht zu meinem Gewissensrat ernannt oder gewünscht habe. Ich hoffe, wir verstehen einander jetzt!«
»Vollkommen! Ihre Wünsche lassen an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig,« sagte Doktor Ruß sanft und mit gesenktem Blick. »Aufrichtigkeit ist die Basis der Freundschaft, liebe Dolores, und ich sehe zu meiner Freude, daß diese Theorie ein Grundzug Ihres Charakters ist. Halt -- rief meine Frau drunten nicht nach mir?«
Wirklich klang es in scharfen Tönen: »Ruß! Ruß, wo bist du?« von unten herauf, und der Doktor benutzte diesen höchst willkommenen Grund seiner Entfernung zu einer gloriosen Retraite. Er ergriff Dolores' Rechte und küßte sie chevaleresk.
»Gestatten Sie mir diesen Zoll meiner Bewunderung,« sagte er schmelzend und ohne es bemerken zu wollen, daß sie ihm ihre Hand heftig entzog. »Wahrhaft feste Charaktere, die den Wahlspruch: »=L'état c'est moi=« zu dem ihrigen gemacht haben, sind selten geworden in unseren Tagen! Leben Sie wohl, teure Freundin!«
Dolores wandte sich, mit Mühe ihren Zorn beherrschend, ab, und Doktor Ruß verschwand. Hätte sie draußen sein Gesicht sehen können, wie es sich momentan verzerrte, wie die bebrillten Augen den Blick eines gereizten Panthers zurückschossen -- es wäre ihr vielleicht bange geworden vor dem Gedanken, mit diesem Manne unter gleichem Dach zu wohnen.
Aber ein Mann wie Ruß gestattet sich kein Verweilen bei Gefühlsausbrüchen -- sein Antlitz ward sofort wieder wie ehedem -- sanft und freundlich.
»Ruhe, Ruhe,« gelobte er sich selbst. »Adelheid darf nichts davon erfahren -- sie würde den Falkenhof sofort verlassen wollen. Aber ich will es nicht und werde schon die Kraft finden, weitere Insolenzen dieser Donna Dolores zu ertragen, denn sie hat die Macht und die Mittel, und ich stehe =vis-à-vis de rien=, ein armer Teufel! Wie sie auf mich herabsah -- ich sollte mich wahrscheinlich vor den sprühenden, schwarzen Augen fürchten! Nein, mein Goldfasanchen, du hebst mich nicht aus dem Sattel! Wir wissen jetzt, was wir wissen wollen, und im übrigen stehst du in meiner Macht.«
Es ist schon so viel darüber gesagt worden, und wir armen, kurzsichtigen Menschenkinder haben schon so oft Grund gehabt, der Vorsehung dafür zu danken, daß sie den Schleier der Zukunft vor uns nicht lüftet, und doch, könnten wir manchmal anderen ins Herz schauen, so würde uns das Rätsel der Zukunft vielleicht leichter zu lösen sein und uns vor Ungerechtigkeit, Mißtrauen und -- Unheil bewahren. Denn trügerischer als das Meer, das dich heut' auf sanfter Welle wiegt, um dich morgen zu begraben, tückischer als die hölzerne Brücke, die über den Abgrund führt und innen morsch und verfault nur des Fußes harrt, dessen Schritt sie zerbricht, und den Wanderer in schauerliche Tiefen stürzt, kränker als die blühende Rose, der tief im Kelche der Wurm nagt, und veränderlicher als Aprilwetter ist das Menschenherz.
Hätte Dolores in das Herz des Mannes sehen können, dem sie Gastfreundschaft gewährte, es wäre vieles anders geworden, vieles Leid wäre ihr erspart geblieben. So aber sah sie in seiner Indiskretion nichts als Neugierde und den natürlichen Drang, eine Ehe zu stiften, die von Vorteil für ihn und die Seinen war. Er hatte geglaubt, nunmehr genug Macht über sie zu besitzen, um mit ihr über das heikle Thema reden zu können, aber er hatte sich geirrt. In dieser letzteren Annahme täuschte sich Dolores nicht -- Doktor Ruß hatte in der That geglaubt, einen geistigen Einfluß auf die Herrin des Falkenhofes auszuüben und durch seine Beredsamkeit auf sie wirken zu können.
»Er hat sehr recht: =l'état c'est moi!=« dachte Dolores mit stolzem Aufwerfen des Kopfes. »Denn wenn er meinte, allmählich das Regiment auf dem Falkenhof an sich reißen zu können, indem er mich dominierte, so war das ein Irrtum dieses Mannes.«
Übrigens empfand Dolores bei dem Gedanken, mit Ruß und seiner Frau fernerhin zusammen wohnen zu müssen, kein Behagen, aber was war dagegen zu thun? Sie konnte ihre Gäste nicht gehen heißen, und von selbst gingen sie eben nicht, trotzdem Falkner, wie sie wohl wußte, ihr Bleiben nicht billigte, und eine impulsiv erwiesene Freundlichkeit, zu der sie sich verpflichtet gefühlt, zog Konsequenzen nach sich, die sich gar nicht berechnen ließen und deren Ungeheuerlichkeiten niemand träumen konnte.
So kam es, daß Dolores verstimmt das düstere Haus verließ, um Sammlung unter den rauschenden Bäumen ihres Parkes zu suchen.
Unterwegs begegnete ihr Engels mit Knieper, dem Dächsel, der freudebellend auf sie einstürmte und das Übermaß seiner Gefühle in einem rasenden Rundlauf kundthat.
»Wie das kluge Tier Ihnen gut ist!« rief der alte Inspektor mit Bewunderung.
»Ja,« sagte Dolores mehr traurig als bitter, »es ist das einzige Geschöpf auf dem Falkenhof, das mir freundlich wegen meiner selbst begegnet, das in mir nicht den Eindringling und den Usurpator sieht.«
»So? thue ich das etwa?« fragte Engels entrüstet in seiner derben Weise.
»Nein, nein! Sie sind ja mein einziger Freund hier!« rief Dolores, ihm die Hand reichend.
»Na, und Doktor Ruß, was ist der?« sondierte der Inspektor.
»Ach Engels, ich wollte, der wäre erst fort von hier!« seufzte sie mit einem Blick nach rückwärts.
»Hahaha, weht der Wind jetzt so?« sagte Engels und lachte, daß er sich schüttelte. »Na, Fräulein Dolores, ich unterschreibe ihm heut' noch gern den Reisepaß. Wir beide, er und ich nämlich, wir waren einander nie sehr grün, wissen Sie! Na, seien Sie unbesorgt -- ich werde ihm schon einmal mit dem Zaunpfahl winken!«
»Um Gottes willen, Engels! Er bleibt ja immer mein Gast, bedenken Sie das!«
»Ach, Papperlapapp, Fräulein Dolores,« rief der alte Inspektor verächtlich. »Sehen Sie, feine Winke versteht der Doktor Schlauberger ebensogut wie grobe, denn er ist mit allen Hunden gehetzt, der Blutegel der, aber feine Winke will er nicht verstehen. Für solche Leute ist der Zaunpfahl das einzige Mittel!«
»Nein, nein!« sagte Dolores abwehrend. »Ich möchte nicht, daß Baron Alfred in seinem Stiefvater beleidigt würde.«
»Baron Alfred? Der weiß ganz genau, was er von dem hochgelahrten Ästhetiker zu halten hat, darauf können Sie sich verlassen. Übrigens nehme ich alle Folgen auf mich!«
Damit trennten sie sich. Dolores ging weiter hinein in den Park, Engels umschritt den Falkenhof und traf richtig auf Ruß und seine Frau, die im kühlen Schatten des Nordflügels saßen -- sie strickend, er lesend.
»Guten Tag, mein lieber Engels,« rief Ruß herablassend, als die Hünengestalt des Inspektors vor ihm stand.
»Guten Tag, Frau Doktorin,« sagte letzterer, die Anrede des auf seinem Sitz verbleibenden Doktors ignorierend.
»Guten Tag,« gab Frau Ruß zurück. »Wollen Sie nicht Platz nehmen?«
»Auf einen Augenblick,« sagte Engels sich setzend. »Ah,« setzte er mit affektiertem Staunen hinzu, »da sind Sie ja auch, teuerstes Doktorchen!«
»Gewiß, ich hatte bereits die Ehre, Sie zu begrüßen,« flötete Ruß zuckersüß.
»Sehen Sie mal an! Heißer Tag heut', nicht wahr?«
»Sehr,« stimmte Ruß bei, seine weißen Hände betrachtend.
»Es wird heuer eine reiche Ernte geben, wenn das Wetter so bleibt,« bemerkte Frau Ruß.
»Höchst wahrscheinlich,« sagte Engels. »Werden Sie zum Erntefest noch hier sein?«
»Höchst wahrscheinlich,« erwiderte Ruß nicht ohne einen Anflug von Nachäffung, »insoweit ich als Mensch die Zukunft bestimmen kann!«
»I du aalglatter Heuchler,« dachte Engels, und setzte möglichst harmlos hinzu: »Da werden Sie wohl so um den Herbst herum abreisen?«
Ruß wechselte mit seiner Frau einen raschen Blick, und letztere wurde blutrot.
»Sind Sie von Dolores beauftragt worden, danach zu fragen?« rief sie scharf und mißtrauisch.
»Im Gegenteil,« erwiderte Engels ruhig. »Ich dächte, Sie müßten Ihre Gastgeberin nun schon insoweit kennen, um ihr eine solche Kommission überhaupt nicht zuzumuten!«
»Also entsprang die freundliche Frage Ihren eignen Gefühlen?« flötete Ruß honigsüß. »Du hättest dir denken können, teure Adelheid, daß unsere liebe Dolores nach der Abreise ihrer Gäste zu fragen außer stande ist.«
»Das weiß der Himmel,« brach Engels los, »wenn Sie darauf warten wollen, so können Sie Ihr Leben hier in Ruhe beschließen!«
»Das wollen wir auch, denn eine Ablehnung ihrer Gastfreundschaft würde unsere süße Dolores nur beleidigen, und das liegt uns fern, nicht wahr, teures Weib?« sagte Ruß mit Salbung.
Engels erhob sich heftig.
»Meine Zeit ist um,« sagte er. »Komm, Knieper! Adieu allerseits!«
Und damit ging er, gefolgt von seinem Hunde, der im Gehen seinem alten Feinde Ruß noch einmal die Zähne zeigte.
»Fehlgeschossen!« räsonnierte Engels innerlich zornentbrannt. »Es ist dem alten Schleicher weder zart noch grob beizukommen. Na wart', ich graule dich schon noch hinaus!«
In Unwissenheit über die sofortige Attacke ihres Getreuen, setzte Dolores ihren Weg fort, aber das Gleichgewicht in ihrem Innern wollte nicht so schnell kommen, als sie gewünscht hätte. Zu der Erregung infolge des eben stattgehabten Gespräches trat außerdem noch der sie nicht verlassende Gedanke und die Erinnerung an jene Nacht, da sie an Falkners Seite von Monrepos nach dem Falkenhofe zurückging.