Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.

Part 14

Chapter 143,657 wordsPublic domain

»Schöner noch als in den Flammenkleidern der Diavolina,« fuhr es durch Falkners Sinn, als sein Blick auf sie fiel. »In diesen dämonisch schön, siegend, sinnverwirrend -- hier königlich, nicht minder siegreich, aber fern -- unnahbar.«

So schritt sie die Stufen hinauf, geleitet von dem Erbprinzen, der ihr entgegengegangen und den Arm geboten hatte, oben herzlich begrüßt von Prinzeß Alexandra, die sie dem Herzog und ihrer Schwester vorstellte.

»Auf gute Nachbarschaft, Baronin,« sagte Se. Hoheit, vergnügt schmunzelnd, denn er wußte die Schönheit wohl zu würdigen, wo er sie fand.

Prinzeß Lolo reichte Dolores auch ihr kleines Händchen mit einem fast schüchternen »Guten Abend.«

»Ich hatte nicht gewußt, daß diese brasilianische Cousine von Ihnen so schön ist, Baron,« sagte sie gleich darauf zu Falkner. »Und was für einen Teint sie hat -- diese Morbidezza! Und dabei nicht einen Hauch Puder darauf --«

»Ich glaube, das findet sich oft zu roten Haaren,« erwiderte Falkner zerstreut, und blickte nach dem bleichen, wunderschönen Antlitz hinüber, unter dessen goldener Haarkrone die schwarzen Samtaugen, überragt von den feinen, sich über der Nasenwurzel vereinenden Brauen jedes ihrer Worte mit sprechendem Ausdruck begleiteten. Ihn hatten diese Augen nicht einmal gestreift, und er wußte, daß er selbst sich jedes Anrecht darauf verwirkt hatte.

»Man sagt, man trifft die Morbidezza häufig bei den Frauen des Südens,« plauderte Lolo weiter. »Ich finde, ein solcher Teint sieht so furchtbar apart und interessant aus, nicht wahr?«

»Ich ziehe den rosigen, frischen Teint unserer Nordländerinnen vor,« erwiderte Falkner laut und sah dabei die kleine Prinzeß an, die in ihrem weißen Gewande und Rosen im Flachshaar wie Titania selbst vor ihm stand -- denn eben ging Dolores an ihm vorbei, und ein Dämon in der Brust zwang ihn, Stachel um Stachel der Dornenkrone zuzugesellen, die er begonnen hatte für sie zu flechten, seit er ihr zum erstenmal begegnete.

Aber Dolores zuckte nicht -- heiter blickte ihr Auge auf den Rosenflor des Herzogs hinab -- sie war ja so erhaben über die kleinliche Eitelkeit, die alle Bewunderung für sich in Anspruch nimmt, und wieder war Falkner gezwungen, es anzuerkennen.

Wenn die Herrin des Falkenhofes schon in der ersten halben Stunde ein mit Interesse empfangener Gast des fürstlichen Kreises war, und selbst Fräulein von Drusen anerkannte, daß sie =ladylike= sei, so wurde sie der Mittelpunkt aller, nachdem sie gesungen hatte.

Man hatte nach dem Thee den Musiksaal im Parterre des Schlößchens betreten, und ein Präludium von Bach, auf der kleinen, aber trefflichen Orgel von Prinzeß Alexandra vorgetragen, eröffnete den Abend. Voll und mächtig fluteten die erhabenen Klänge durch die offene Glasthür hinaus in die mondhelle Nacht, gleich einer Hymne, und es war schön zu sehen, wie die edle Gestalt der Spielerin vor dem Instrumente saß, gleich einer heiligen Cäcilie -- tiefe Andacht in den ausdrucksvollen Zügen und jeder der von ihr gespielten Noten mit Verständnis folgend.

Nachdem das Präludium verklungen, öffnete der Herzog seinen Geigenkasten und hob seine treffliche, alte, braune Geige heraus.

»Und nun zum Trio,« rief er. »Pfarrer, rüsten Sie Ihr Cello -- Gräfin Schinga, wir bitten um das =a=!«

»Gern, Hoheit,« sagte die Gräfin, sich erhebend, »aber wird nicht Prinzeß Eleonore -- --«

»Lolo kann allein spielen,« entschied der Herzog. »Sie ist nicht imstande, Takt zu halten und mit den Instrumenten zu gehen -- nein, zum Trio brauchen wir ausdauernde, sich ihrer Aufgabe bewußte Spieler.«

Infolge dieses Entscheides trat die Gräfin an den Flügel und gab den Ton an, und Dolores wunderte sich, ob die Frau im saloppen Hauskostüm wirklich die Spielerin sei, die der Herzog in ihr voraussetzte.

»Ich bin nur froh, daß ich nicht vor Angst am Flügel zu sterben brauche,« flüsterte Prinzeß Lolo Falkner zu. »Papa ist so streng, und diese Trios sind so langweilig -- --«

»Aber klassisch,« erwiderte der Freiherr lächelnd.

»Ja natürlich --! Ich meinte auch nur, sie seien so langweilig zum Spielen und Studieren.«

»Es muß wohl sehr schwer sein, durch so viel Seiten hindurch aufmerksam zu bleiben,« meinte Falkner ironisch.

»Ach ja, entsetzlich,« seufzte das Prinzeßchen. »Ich kann immer nur fünf Minuten in derselben Stimmung bleiben.«

»=Perpetuum mobile=,« sagte er, auf das Flachsköpfchen herabsehend, das mit sprechenden Vergißmeinnichtaugen zu ihm emporsah und über den Blick errötete, mit dem er sie maß. Und dabei fuhr es ihm durch den Sinn. »Ob man mir wohl erlauben würde, die Höhe eines Thrones zu ersteigen, um die unter dem Purpur erblühte Rose für mich zu pflücken?«

Im nächsten Augenblicke aber verdüsterte sich sein Blick.

»Ich bin ein Thor,« dachte er, »so kühn zu träumen, denn was bin ich? Ein armer, emporstrebender Diplomat. Ja, wenn ich der Herr vom Falkenhofe wäre -- --«

Ein brillanter, präludierender Lauf auf dem Flügel unterbrach ihn, und das Trio begann. Mit Liebe und Eifer vorgetragen, wirkte das Kabinettstück des naiven Haydn anmutig genug, obgleich dem Kenner die Achillesverse des Vortrages, der Dilettantismus, oft auffallen mußte, besonders was die Instrumente betraf, denn Gräfin Schinga beherrschte ihren Flügel mit Virtuosität, aber -- geistlos.

Immerhin muß man aber Dilettanten bei ihrem Vergnügen ohne zu scharfe Kritik beharren lassen, denn es ist besser, mittelmäßige Musik zu machen und schlechte Bilder zu malen, als seinen Nächsten durch den Hechel liebevoller Gesinnung zu ziehen, zu welchem Zwecke gesellige Vereinigungen beiderlei Geschlechter meist dienen, besonders Damencafés, welche überhaupt ein socialer Schaden sind, denn nach den obligaten Sachverhandlungen über Dienstboten, Filetguipüre, »stilvolle« Stickmuster und Mignardise muß unfehlbar der liebe Nächste herhalten, bis kein gutes Haar mehr an ihm bleibt.

Das Trio verklang, und der Herzog war glücklich, denn es war ohne Hindernis von statten gegangen, ohne Holpern und Stolpern über technische Schwierigkeiten.

»Glatt wie Wagenschmiere,« bestätigte Graf Schinga laut, und Fräulein von Drusen neigte sich entrüstet zu Dolores.

»Sollte man es glauben, daß ein Mensch mit solchen Ausdrücken hier geduldet wird? Da sehen Sie, der Herzog möchte sich ausschütten vor Lachen, anstatt dergleichen mit einem scharfen Wort ein für allemal zu verbannen.«

»Graf Schinga ist vielleicht unverbesserlich,« flüsterte Dolores zurück mit halbem Lächeln.

»Dann muß man ihn aber nicht fürstliche Salons betreten lassen,« entgegnete die Hofdame, deren Ohren schon viel drastischere Vergleiche aus derselben Richtung vernommen hatten. »Es ist immer ein Fehler, sogenannten Originalen ihre Ungezogenheiten durchschlüpfen zu lassen, weil man sie auf ihre Originalität schiebt. Ich kannte einen Herrn, der den Leuten aus Originalität die Zunge herausstreckte und sehr unästhetische Worte dazu sagte. Das ließ man sich sogar allerhöchsten Orts gefallen -- hätte ihn die Gesellschaft deshalb exmittiert, so hätte er sich diesen ›Krampf‹ bald abgewöhnt!«

Dagegen fand Dolores nichts zu sagen, denn es war richtig.

»Es ist ganz dieselbe Sache mit ›berühmten Leuten,‹« fuhr Fräulein von Drusen fort. »Man läßt dieselben sich in unseren Salons wie die Gassenbuben betragen, sie dürfen uns ohne weiteres Grobheiten sagen, die wir uns von anderen nicht gefallen lassen würden, und warum? ›Weil berühmte Leute ihre Schrullen haben.‹ Meiner Ansicht nach sollen berühmte Leute diese Schrullen bei sich zu Hause lassen, wenn sie ausgehen, und sich besonders durch ein feines Benehmen auszeichnen.«

»Ei gewiß,« meinte Dolores nachdenklich. »Aber Sie haben sehr recht: dies Betragen berühmter Menschen hängt ganz von der Duldsamkeit der Gesellschaft ab.«

»Nicht wahr? Nun sehen Sie, Professor Keppler, der doch sicher eine Berühmtheit ist, giebt uns ein Muster, wie man sich würdevoll, ohne ein Dandy zu werden, in Salons bewegt, und Sie, liebe Baronin -- ja, Sie sind eben eine Dame -- damit ist alles gesagt. Das macht das Blut, meine Liebe, das Blut.«

»Glauben Sie?« fragte Dolores ironisch. »Aber dann verleugnet sich das Blut bei dem guten Grafen dort gänzlich.«

»Ja, es ist ein Ton in unseren Kreisen mode geworden, der zu meiner Zeit unmöglich war,« entgegnete die feudale alte Dame ernsthaft.

Man hatte indes das Trio sattsam durchgesprochen in seinen Einzelheiten, und jetzt kam der Erbprinz und reichte Dolores den Arm, sie zum Flügel zu führen, und ohne sich nötigen zu lassen, folgte sie dem Rufe -- Gräfin Schinga übernahm die Begleitung.

Und Dolores sang. Es war ein süßes, gar schönes Lied des so feinfühlenden Mendelssohn: Es weiß und rät es doch keiner.

Wie ein Hauch nur, leise und anschwellend vorgehend, durchdrang der erste Satz des Liedes den todstillen Saal, und erst, als es hieß:

Ich wollt', es wäre schon Morgen, Da fliegen zwei Lerchen auf, -- Die überfliegen einander, Mein Herz folgt ihrem Lauf,

da tönte die herrlichste Menschenstimme mächtig und doch so weich durch den Raum, und als sie die Worte wiedergab:

Ich wollte, ich wäre ein Vöglein, Und flöge über das Meer, Wohl über das Meer und weiter, Bis daß ich im Himmel wär',

da lag in dem gesungenen Worte die ganze träumerische Wehmut einer zum Fluge ins Jenseits bereiten Seele, der es so wohl ist, weil sie weiß, das Ende naht, und durch deren halbverklärtes Sein nur noch einmal der irdische Wunsch zieht:

Ach, wüßt' es nur einer, nur einer, Kein Mensch es sonst wissen sollt'!

Als sie geendet, brach niemand das tiefe Schweigen -- selbst die rohe und rauhe Natur eines Schinga ward seltsam berührt, und ein Etwas, von dem er nicht wußte, was es ist, machte das anfangs geplante: »Famos, räuberhaft schön!« auf seinen Lippen verstummen. O, die Musik ist eine große Macht!

Stumm, Thränen in den seelenvollen Augen, trat Prinzeß Alexandra an Dolores heran und küßte ihr die bleiche Wange.

»Das ging zum Herzen,« flüsterte sie, »weil es vom Herzen kam. Danken Sie Gott, daß er Ihnen zu all' seinen Himmelsgaben ein fühlendes Herz verliehen!«

»Ist das ein Glück?« fragte Dolores fast traurig.

Die Prinzeß sah ihr tief ins Auge.

»Ja,« sagte sie fest. »Und wäre es auch nur von kurzer Dauer.«

Drüben stand am Fenster Richard Keppler und sah stumm hinüber auf die schlanke, dunkle Gestalt, die ihm so teuer war. Falkner war verschwunden. Schon während des Liedes war es so eigen über ihn gekommen, und als der letzte Ton verklungen, da war er hinausgetreten auf die Terrasse, und während er hinübersah auf den mondbeleuchteten Rosenflor, von dem es köstlich herüberduftete, da ward es ihm unsäglich traurig zu Mute. Er wußte plötzlich, daß der Panzer der Vorurteile, mit denen er sich umgürtet, ihn nicht deckte, er wußte jetzt, in dieser Minute, daß aller Selbstbetrug ihn nicht mehr über seine Gefühle täuschen konnte. War es zu spät zur Erkenntnis?

Drüben in den Rosen ward es jetzt rege -- es war der Herzog, der seine schönsten Theerosen, seine köstlichste =Glorie de Dijon= abschnitt, um sie Dolores zu übergeben. Ja, jedes dankte ihr in seiner Art -- nur er, er hatte kein Wort für sie, weder ein gesprochenes, noch ein gedachtes. Und Prinzeß Alexandra, welche für ihn ein Musterbild edler Weiblichkeit war, die nur reines und edles in ihrer nächsten Nähe duldete, er sah sie da drinnen stehen Hand in Hand mit der, die er so bitter gekränkt.

Da trat urplötzlich eine kleine lichte Gestalt neben ihn -- Prinzeß Lolo.

»Ich glaube gar, Sie schwärmen im Mondschein, Baron,« sagte sie in ihrer neckenden Weise.

Er atmete tief auf.

»Vielleicht, Prinzeß,« sagte er leicht. »Hatten Durchlaucht dieselbe Absicht?«

Sie schwang sich auf die Balustrade der Terrasse und verzog ein wenig das rote Mündchen.

»Am liebsten thät' ich's, schon weil es sich für unsereinen nicht schickt,« meinte sie, mit den Beinen baumelnd wie ein Pensionskind.

»Ei, so rebellisch, Prinzeß?« sagte er, um nur etwas zu sagen.

»Ich wollte, ich könnte die ganze Welt umkehren, mindestens aber Papas Herzogtum,« schmollte die kleine Durchlaucht, deren Begriffe von der Welt noch sehr vage waren. »Es ist gar nicht amüsant, Prinzessin zu sein, wissen Sie. Ich bin aber trotz der alten Drusen hinausgelaufen, denn der Trara, den sie drinnen über das dumme Lied machen, ist schrecklich. Sie thaten ganz recht auch zu entfliehen.«

Falkner antwortete nicht, wozu auch? »Backfische machen sich gewöhnlich aus ernster Musik nichts,« dachte er, und dabei fiel es ihm doch auf, daß er für die Elfe dort im Mondlicht keinen anderen Namen hatte als den, der jungen Mädchen dieses Alters geschmackvollerweise von der Welt gegeben wird.

»Das Lied ist ja recht hübsch,« fuhr die Prinzeß im Protektortone fort, »aber finden _Sie_ einen Sinn darin? Es ist alles so unklar. Natürlich, Opernsängerinnen verstehen das alles furchtbar raffiniert vorzutragen, darin liegt's!«

Es war kein hübscher Ton und kein hübscher Blick, mit dem das naive, fürstliche Backfischchen dort das Wort: »Opernsängerin« begleitete, und Falkner ward frappiert davon. War das Eifersucht, was so gehässig aus dem Kindermunde dort sprach --?

Drinnen ward wieder ein Accord angeschlagen, und sie gingen hinein. Am Flügel saß der Erbprinz und sang, sich selbst begleitend, mit nicht großer, aber wohllautender und gut geschulter Stimme das Minnelied des ritterlichen Troubadours aus der »Satanella«:

Ich hab' mir süßen Minnedienst erkoren --

Prinz Emil sang der Schöpferin des Liedes zu Ehren, er sang nur für sie und that es mit Feuer, und Dolores dankte ihm freundlich, als er geendet. Natürlich ward sie dann bestürmt, das berühmte Teufelinnenlied auf dem Scheiterhaufen zu singen, und sie that es ohne Ziererei, aber sie fand zu ihrer Verwunderung, daß ihr das eigene Werk fremd geworden war.

»Ich habe Ihr Werk studiert und freue mich, daß ich seine Schöpferin kenne,« sagte Prinzeß Alexandra, als der kleine Kreis darauf zusammensaß und eine Erfrischung nahm.

»Denn ohne dieses Kennenlernen, Aug' in Aug', möchte man denken, Sie glaubten selbst an Ihre Satanella, die Sie ja unvergleichlich dargestellt haben sollen --«

»Hinreißend!« rief der Erbprinz dazwischen.

»Wer weiß, Durchlaucht, ob dem nicht so ist,« erwiderte Dolores fast schalkhaft.

»Doch, ich weiß es,« rief die Prinzeß. »Wir Frauen haben feine Ohren, und durch die Töne Ihres Teufelinnenliedes habe ich's heraus gehört, daß Sie selbst an die ewige Schlange des Paradieses nicht glauben, sondern sie nur mit tiefem Sinne zur Darstellung brachten. Woher nur vermögen Sie bei Ihrer Jugend aus so tiefem Quell zu schöpfen?« --

»Ich war als Kind immer allein und habe nachgedacht, wenn andere meines Alters spielten und träumten,« erwiderte Dolores einfach und dachte dabei der scharfen, schneidenden Worte, mit denen Falkner die zarte Frage der Prinzessin ausgesprochen.

»Das ist der Schlüssel des Rätsels,« rief der Herzog. »Wir hatten ihn schon in dieser Fassung vermutet. Denn trotzdem uns die Frühreife, die in Ihrem Werke liegt, anfangs frappierte, so fand meine Tochter doch mit echtem weiblichen Gefühl den sittlichen Wert heraus.« --

»Man sagte aber, die Musik sei herzlos, das Werk eines genialen Teufels,« entgegnete Dolores, unwillkürlich nach Falkner herübersehend.

»Das sagte ich,« erwiderte er ruhig, die stumme Anklage, die in ihrem Blicke lag, bestätigend.

»O Sie Barbar,« rief der Erbprinz lebhaft. »Und was haben Sie zu Ihrer Verteidigung anzuführen?«

»Meine Überzeugung,« antwortete Falkner unbewegt.

»Das ist genügend,« sagte Dolores kühl -- es war ihr sehr fatal, daß sie sich hatte hinreißen lassen, ihm zu zeigen, daß sein hartes Urteil sie verletzt habe.

Man machte später noch viel Musik, sogar Prinzeß Lolo setzte sich zum Flügel und begann das Spinnerlied von Mendelssohn, aber mitten darin, mit schalkhaftem Blick auf ihr Auditorium, nach einem überraschenden Übergange spielte sie den Walzer von der schönen blauen Donau, rauschend, brillant, mit graziösem Wiegen ihres niedlichen Köpfchens.

»Das ist Musik, wie ich sie liebe,« sagte sie dann im Vertrauen zu Falkner. »Walzer sind meine Passion -- ich wollte, das Leben wäre ein fröhlicher, wirbelnder Tanz!«

Keppler hörte diese Worte und sah nach der Sprecherin hinüber, deren Ebenbild er zu malen berufen war. Er hatte bis jetzt vergebens nach einem festen Grundzug dieser schillernden Lacertennatur gesucht, um ihn ihrem Porträt aufzuprägen -- was aber bleibt dem Maler als das einfache Kopieren der Natur, wo eine Seele den Ausdruck der Züge nicht vermittelt!

Dolores ward »zum Abschied« noch um ein Lied gebeten, und da sang sie Lassens herrliche Komposition zu François Coppées Gedicht, das Geibel so schön verdeutscht hat:

Ich sprach zur Taube: Flieg' und bring' im Schnabel Das Kraut mir heim, das Liebesmacht verleiht, Am Ganges blüht's, im alten Land der Fabel! Die Taube sprach: Es ist zu weit.

Ich sprach zum Adler: Spanne dein Gefieder, Und für das Herz, das kalt sich mir entzog, Hol' einen Funken Glut vom Himmel nieder! Der Adler sprach: Es ist zu hoch.

Da sprach zum Geier ich: Reiß' aus dem Herzen Den Namen mir, der drin begraben steht. Vergessen lernen will ich und verschmerzen! Der Geier sprach: Es ist zu spät.

Das erschütternde Lied, tiefergreifend gesungen, verklang, und die fürstliche Familie entließ ihre Gäste in derselben herzlichen Weise, wie sie von ihr bewillkommnet worden waren. Prinzeß Alexandra drückte Dolores aufs Wärmste ihren Dank aus.

»Wir kommen nächstens, Sie zu besuchen,« fügte sie hinzu. »Und nun gute Nacht, liebes Kind. Ihr Wagen ist doch da?«

»Nein, Durchlaucht,« erwiderte Dolores, »ich ziehe es vor, in dieser herrlichen Mondnacht durch den Park zu gehen. Mein alter, treuer Ramo begleitet mich!«

»Dann erlauben Sie _mir_, Sie begleiten zu dürfen,« rief der Erbprinz chevaleresk und sehr bereitwillig.

»Oder mir,« sprachen Kepplers Augen.

»Nein, nein,« wehrte Prinzeß Alexandra ab. »Der einzige, von dem die Baronin nachts durch den Park begleitet werden kann, ist ihr Cousin, Baron Alfred!«

Dolores trat einen Schritt zurück.

»Ich versichere Durchlaucht, daß Ramo mein bester, oft bewährter Schutz ist,« sagte sie abweisend.

»Und ich versichere Durchlaucht, daß ich jedenfalls den mir anvertrauten Ritterdienst zu Hochdero Befriedigung ausführen werde,« erwiderte Falkner und reichte Dolores den Arm, sie hinauszuführen. Um die peinliche Scene nicht zur Spitze zu treiben, nahm sie ihn an, und so schritten sie hinaus in die warme Mondnacht.

Prinzeß Alexandra sah ihnen lächelnd nach.

»Ein schönes Paar,« sagte sie, befriedigt darüber, daß sie ihren Bruder von einem nicht geeigneten Schritt abgehalten hatte.

»Aber, Sascha, =quelle idée=, dem armen Baron diese brasilianische Dame aufzudrängen, die ihm doch sichtlich so unsympathisch ist,« rief Prinzeß Lolo stark entrüstet.

»Unsympathisch -- Unsinn, Lolo,« sagte der Erbprinz wegwerfend; das Eingreifen seiner Schwester hatte ihn auch etwas erregt, obwohl er fühlte, daß sie damit im Recht gewesen.

»Wie ist es möglich, Antipathie zu fühlen, wo einem die Schönheit so siegend entgegentritt!«

»Du lieber Himmel, was für ein Aufhebens von dieser rothaarigen Marmorstatue gemacht wird,« rief die kleine Prinzeß heftig, außer Atem vor innerem Zorn.

Prinzeß Alexandra stand noch immer in tiefem Sinnen.

»Ein schönes Paar,« wiederholte sie, »schritten sie nicht dahin, wie für einander geschaffen? Und doch scheinen sie nicht zu einander zu neigen. Aber wenn, nach Shakespeareschem Ausspruch, ›aus einz'gem Hasse einz'ge Lieb'‹ entbrennen kann -- so wäre eine Lösung der Falkenhofer Frage nicht unmöglich!«

Zornglühend floh Prinzeß Lolo in ihr Schlafzimmer. Dort stand sie zitternd still, ehe sie nach ihrer Kammerfrau läutete.

»Er soll es wagen, sie mir vorzuziehen, diese hergelaufene Komödiantin,« schrie sie schluchzend in ihr Taschentuch hinein, »und sie, sie soll es wagen, ihn in ihren Netzen fangen zu wollen, die Füchsin -- o Gott, ich bin doch entsetzlich unglücklich!« -- -- -- -- --

Indes schritt Dolores an Falkners Arm den Kiesweg entlang, auf zehn Schritt Distance gefolgt von Ramo. Kein Wort fiel zwischen den beiden, und als sie an das Gitter kamen, das die Grenze von Monrepos bildete, löste sie ihren Arm aus dem seinen.

»Sie haben jetzt Ihrer Pflicht genügt, Baron,« sagte sie kühl, »Gute Nacht!«

»Ich sagte bereits, ich würde Sie bis zum Falkenhof begleiten,« entgegnete er ruhig. »Sie werden also bis dahin meine Gegenwart ertragen müssen.«

Er sah es, wie ein stolzer, abweisender Strahl in ihrem Auge aufblitzte und ihr schönes Gesicht in dem hellen Mondschein blässer wurde.

»Zu welchem Zweck?« fragte sie.

Falkner zauderte einen Augenblick.

»Die Prinzeß wünscht es --«

»Sie hätte es nicht gewünscht, wenn sie wüßte, daß ein Tete-a-tete mit Ihnen mir nur Insulten bringt, gegen die ich wehrlos bin,« unterbrach sie ihn stolz, sich zum Gehen wendend. Aber schon beim nächsten Schritt stand er neben ihr.

»Ich würde dennoch eine Nichterfüllung der mir auferlegten Pflicht vor der Prinzeß nicht verantworten können,« sagte er unbewegt.

Dolores unterdrückte das Wort auf ihren Lippen, und schweigend schritt sie vorwärts, in den träumenden, nachtdunklen Park hinein, und schweigend schritt Falkner neben ihr her.

»Glauben Sie nicht, Donna Dolores,« begann er nach einer Weile, »daß ich hier neben Ihnen gehe, um Ihnen neue Kränkungen zu bereiten. Im Gegenteil, ich benutze die einzige, mir günstige Gelegenheit zu einem Tete-a-tete mit Ihnen, um -- um Sie zu fragen, ob Sie daran glauben, daß Frauen, schwer beleidigte Frauen vergeben können?«

»Was soll diese Frage?« klang es abweisend zurück.

Es ward jetzt so dunkel unter den Bäumen, daß sie einander nicht mehr erkennen konnten, aber sie hörte, wie sein Atem schwer ging, gleichsam als müsse er die zu sagenden Worte aus tiefster Brust gewaltsam heraufholen.

»Ich habe Ihnen manches böse, kränkende Wort gesagt,« begann er endlich, »und ich will mich darum nicht entschuldigen, weil Sie vielleicht auch all' diese Dinge, wie Vorurteile, getäuschte Hoffnungen, beleidigter Stolz nicht verstehen und als mildernd gelten lassen würden. Aber die Erkenntnis ist ein Gast, vor dem ein Ehrenmann die Thür nicht schließen darf, und darum stehe ich jetzt hier und frage Sie: wollen Sie mir vergeben, womit ich Sie gekränkt?«

Es war sehr still geworden unter den im Nachtwind flüsternden Bäumen, denn Dolores antwortete nicht -- sie hätte kein Wort über die Lippen gebracht. Und weiter schritten sie nebeneinander, und doch getrennt wie von einem reißenden Strom -- dann wiederholte er seine Frage:

»Wollen Sie mir vergeben, Donna Dolores, und wollen Sie vergessen, womit ich Sie gekränkt?«

Sie atmete tief auf.

»Sie haben eine für Ihren Stolz schwere Frage gethan,« erwiderte sie leise, »aber bei Gott, glauben Sie mir, es ist auch nicht leicht, mit einem aufrichtigen Ja zu antworten. Doch es sei, ich will's versuchen, ob ich vergeben kann, was Sie mir angethan -- aber vergessen -- nein, Herr von Falkner, es hieße meine Würde als Weib außer acht lassen und mich selbst in Ihren Augen wie in den meinen herabsetzen, wenn ich dazu bereit wäre. Verstehen Sie das?«

Sie waren herausgetreten aus der dunklen Allee, und nun stand sie vor ihm im hellen Mondlicht, die schlanke Gestalt im dunklen Gewande und schwarzen Schleier, durch den es von ihrem Haupt goldig schimmerte, und sie glich der Norne, der Schicksalsgöttin mit dem rätseltiefen, dunklen Auge in dem weißen Antlitz.

»Ja, ich verstehe es,« sagte er resigniert. »Verzeihen Sie also meine Frage, die Sie vielleicht aufs neue beleidigt hat.«

»Nein,« erwiderte sie kurz und fügte mit leichtem Spott hinzu: »Denn Sie meinten es gut und dachten vielleicht, wenn die Sonne Ihrer Gnade mir leuchtete, so genügte das, alle Schatten zu verscheuchen!«

Falkner wandte sich ab.

»Ich habe mich vor Ihnen gedemütigt, und Sie verspotten mich dafür,« sagte er bitter. »Ich hätte das wissen können!«