Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.
Part 12
Schweigend schritten sie dahin durch den schattigen Park, der, kühl, selbst in der Mittagsstunde einen wonnigen Aufenthalt gewährte, bis sie an einen freien Plan gelangten, auf dessen smaragdgrüner Rasenfläche die Sommersonne lagerte und in den Zweigen der Blutbuchen, Linden, Eschen, Ulmen und Föhren spielte.
»Wie herrlich schön,« rief Keppler aus. »Ich sah niemals einen wonnigeren Park, in dem Kunst und Natur sich so wunderbar verschmelzen, daß man die erstere kaum gewahr wird, außer in wohlthuender Weise.«
»Ja, der Falkenhof ist ein herrlicher Besitz,« sagte Falkner warm.
»Er scheint mir ein kleines Königreich,« rief Keppler, »ein Königreich, dessen Eichenkrone wie geschaffen ist für die weiße Stirn der Donna Dolores.«
»O ja, ich weiß -- Sie schwärmten stets für diese Dame,« entgegnete Falkner, nur um etwas zu sagen.
»Schiene die Sonne für sie allein und ließe alle anderen im Dunkel -- ich fände es nur natürlich,« sagte der Maler leise, wie für sich.
»Es ist ein Glück, daß solche Wünsche nicht in Erfüllung gehen können,« meinte Falkner spöttisch. »Sie treiben ja den reinsten Kultus mit Ihrem Ideale, lieber Keppler.«
»Verschmälern Sie mir denselben nicht,« bat der Künstler einfach. »Es ist ja das einzige, was mir von dem Hoffnungstraume geblieben, den ich dereinst geträumt.«
»Ah -- Sie wurden verschmäht --!« fuhr es schnell über Falkners Lippen. »Verzeihen Sie,« fügte er sogleich hinzu, »ich wollte nicht indiskret sein.«
»Ich weiß es,« erwiderte Keppler, »es bedurfte nicht Ihrer Versicherung, und am Ende thut es ja doch gut, einmal davon sprechen zu können. Nein, verschmäht bin ich und meine Hand nicht worden, nur nicht angenommen. Lächeln Sie nicht über den Narren, der sich ein milderes Wort für eine herbe Thatsache sucht, Falkner, und die bittere Pille vergoldet. Nein, das freie offene Geständnis, daß ihr Herz noch nicht gesprochen, daß sie es ungefragt nicht verschenken könne -- das nennt man nicht verschmähen -- _den_ Stachel hab' ich nie gefühlt.«
»Aber sie wußte von dem reichen Erbe, sie kannte ihren wahren, hochgeborenen Namen, mit dem sie Höheres erreichen konnte, als die Frau eines Künstlers zu werden,« sagte Falkner, und er haßte sich selbst für diese Worte.
Jetzt hemmte Keppler seinen Schritt.
»Niederes Denken und Gewinnsucht sind Dinge, die der Donna Dolores nie nahe getreten sind,« sagte er fest und mit solcher Überzeugung, daß Falkner ihm dankbar war für das gute Wort und doch zornig, daß er es nicht sprechen konnte.
»Ich werde es nie dulden,« fuhr Keppler fort, »daß der geringste Flecken dem Namen der Donna Dolores angeheftet wird, sei es, wer immer es sei, der es thun will!«
»Sie haben recht,« erwiderte Falkner sinnend. »Man muß stets sein Ideal verteidigen und so hoch stellen, daß kein Staubwirbel von der allgemeinen Landstraße des Lebens es erreichen und besudeln kann. Wer das nicht thut, verdient kein Ideal zu haben, und sein Leben wird öde und leer sein.«
Keppler warf einen raschen Blick auf seinen Nachbarn -- der schritt neben ihm her mit gesenktem Kopf, und durch seine Worte zitterte ein Ton, für den er selbst vielleicht keinen Namen gehabt hätte.
Schweigend gingen sie weiter, und als sie in die Lindenallee einbogen, die direkt bis vor das Nordportal des Falkenhofes führte, standen sie plötzlich einer hohen schwarzgekleideten Gestalt gegenüber, die ihr goldrotes Haar wie eine Königskrone über der weißen Stirn trug -- Dolores.
Sie stieß einen kleinen Schrei der Überraschung aus, und dabei flog es rosenrot über ihre Wangen -- sie war wunderschön so, übergossen vom Sonnenlicht, schöner fast, als in dem dämonischen Kostüm der Satanella auf dem Scheiterhaufen.
»O Keppler, lieber Freund, sind Sie es wirklich? Wie ich mich freue, Sie zu sehen!« rief sie herzlich und reichte ihm beide Hände -- ein kaum merkliches Neigen des Hauptes grüßte dabei den Mann an des Malers Seite.
»Sie kommen gewiß, Ihre Mutter zu besuchen, Baron Falkner,« sagte sie mit ganz anderem Tonfall als vorher. »Ich kann Ihnen zufällig sagen, daß sie im Zelte sitzt.«
»Ich danke!«
Meilenweite Entfernungen wünschte er in diesem Augenblick zwischen sich und sie legen zu können -- unüberbrückbare Klüfte, reißende Ströme, und doch mußte er neben ihr die ganze lange Allee herschreiten, denn das »Zelt« lag schnurgerade vor ihm am Ende der Allee und abzubiegen und einen Umweg zu machen, wäre lächerlich gewesen, und sein Stolz erlaubte es nicht.
»Und nun sagen Sie mir, Freund Keppler, von wannen der Wind kam, der Sie hierher geführt,« fuhr Dolores heiter fort. Und Keppler erzählte, wo er sei und zu welchem Zwecke.
Als aber Falkner urplötzlich, eine leichte Verbeugung machend, schnellen Schrittes dem Zelte zueilte und Dolores sofort umdrehte, rief er:
»Mein Gott, was ist zwischen ihm und Ihnen geschehen, Donna Dolores? Ist -- ist es diese Erbschaft?«
»Ja,« nickte sie, und dabei legte sich ein schmerzlicher Zug um ihren Mund. »Doch lassen wir das! -- für graue Gespenster lacht die Sonne zu schön herab -- nein, fragen Sie mich nicht, ich tauge nicht zur Klatschbase,« setzte sie scherzend hinzu. »Ich habe dafür gar kein Talent.«
»Dafür aber desto mehr, eine Einsiedlerin zu werden,« meinte Keppler, auf ihre Wendung des Gespräches eingehend.
»O,« rief sie, »ich fange an, selbst daran zu glauben! Es ist so wonnig, die schönen Tage allein mit seinen Gedanken dahinzuträumen und zuzuhören, wie die Bäume rauschen und was sich der Wald erzählt. Und Neigung zum Alleinsein habe ich immer gehabt!«
»Das wäre aber traurig für Ihre Kunst,« warf Keppler ein.
»Ich lasse sie nicht rosten,« sagte Dolores lebhaft, »nein, o nein, wie könnte ich auch -- ich habe sie ja so lieb, meine Kunst! Nur öffentlich kann und mag ich sie jetzt nicht üben, das stimmt so schlecht zu dem schwarzen Kleid, und sie wissen, lieber Freund, ich hasse alle Mißklänge. Es giebt Dinge, die man eben nicht zu einer Harmonie vereinen kann.«
»Davon könnte ich ein Lied singen,« meinte der Maler leise, fügte aber schnell hinzu: »Und wenn Sie das Trauergewand abgelegt haben werden --?«
»Dann ist der Sommer dahin, und alles, alles verblüht,« sagte Dolores traurig.
»Nur Ihr Lorbeer nicht,« mahnte der Künstler.
»Wer weiß,« sprach sie abgewandt, »ich las einmal, daß jedes Menschen Kranz verblüht, sei er von Rosen, Myrte, Lorbeer oder Dornen gewunden. Und da war's mir, als höre ich das Rascheln der dürren Lorbeerblätter, die so schnell welken mußten, weil ihr Spender sie auf Draht geflochten --«
Sie schwieg, kurz abbrechend, und Keppler schüttelte das Haupt.
»Es ist eine sehr, sehr kurze Zeit, die Sie zur Pessimistin gemacht,« sagte er traurig. »Gott verhüte, daß dies schwarze Trauerkleid zum Bahrtuch für Ihre Kunst geworden wäre!«
»Nein, o nein,« rief Dolores, »meine Kunst kann nicht sterben, sie überlebt ja alle ihre Jünger, auch die besten, die auserwähltesten --«
»Und gehören Sie nicht zu diesen? Wer hat Sie an sich selbst zweifeln gelehrt?«
»Ich zweifle nicht an meinem Können, denn ich bin mir dessen bewußt,« rief Dolores, und ein Strahl echten, rechten Künstlerstolzes flammte in ihren dunklen Augen auf. »Aber,« setzte sie leise, ganz leise hinzu, »aber ich zweifle an meiner Kraft!«
»Warum?« Und die helle Angst leuchtete bei dieser Frage aus Kepplers Augen. »So müssen Sie nicht reden, Donna Dolores. Sie sind zuviel allein -- bei Gott, das ist's nur, was aus Ihnen spricht! Ihre Kraft? Die Kunst hat Sie auf siegreichen Schwingen hinaufgetragen zur sonnigen Höhe des Ruhmes --«
»Und als Ikaros der Sonne zu nahe kam, versengte sie seine Flügel, und er sank herab ins Meer -- des Vergessens,« schloß Dolores seufzend.
Keppler schüttelte den Kopf.
»Nein, so darf es nicht mit Ihnen bleiben,« rief er, »Sie dürfen nicht in der Einsamkeit verderben! Laden Sie Gäste zu sich ins Haus, mit denen Sie musizieren und eine gute Unterhaltung führen können --«
»Ich hab's versucht, Professor Balthasar hierher zu locken, aber er kann erst später kommen, im Herbste --«
»So suchen Sie Ihre Nachbarschaft auf!«
»Ich gelobe, morgen bei Gräfin Schinga Besuch zu machen,« rief Dolores jetzt lachend, »ich fürchte nur, daß die Nahrung, die mein Geist da empfangen wird, für meinen schwachen Verstand zu schwer ist.«
»Nun, und Monrepos?« fragte Keppler gespannt.
»Monrepos,« wiederholte sie. »O, das ist ein Hof, und zu Hofe muß man befohlen werden.«
So gingen sie plaudernd auf und nieder, bis nach nicht zu langer Zeit Falkner die Allee wieder heraufkam, denn er mußte sie, um nach Monrepos zu gelangen, wieder passieren.
Er hatte die Stirne in Falten gezogen und sah finster genug darein, denn sein Wunsch, seine Mutter möchte den Falkenhof verlassen, war auf den hartnäckigsten und entschiedensten Widerstand bei seinem Stiefvater gestoßen.
»Es liegt ganz und gar nicht in meiner Absicht, die wiederholten, freundlichen Einladungen unserer lieben Dolores abzulehnen und sie damit zu kränken,« hatte Doktor Ruß gesagt. »Sie hat nichts gethan, was uns kränken könnte, im Gegenteil; und daß sie den Falkenhof geerbt, dafür kann sie nichts -- sie hat ja auch ihr Bestes gethan, ihn abzutreten. Aber an dem Eisenkopf deines Sohnes, teure Adelheid, scheitern ja alle Fahrzeuge der besseren Einsicht!«
»Nun, es findet sich vielleicht noch eine andere Lösung dieses Konfliktes,« hatte Frau Ruß mit Beziehung geantwortet und dabei sehr schnell gestrickt.
»Wohlan denn, thut, wie es euch beliebt -- ich betrete den Falkenhof freiwillig nicht wieder,« hatte Alfred erwidert, und finsteren Blickes war er davon geeilt.
Daß er ihr noch einmal nach der heute erfahrenen Abweisung begegnen mußte, war ihm entsetzlich fatal, und der Grimm, der in seiner Brust wohnte gegen das unbegreifliche Gebaren seines Stiefvaters, gegen Keppler und -- sich selbst, machte, daß er die Hände ballte und die Zähne zusammenbiß, als er die wunderschöne Gestalt im schwarzen Kleide wieder vor sich sah.
»Was hat sie davon, meine Mutter und deren Mann hier zu fesseln?« fragte er sich, denn er wußte ja nicht, daß Dolores die Einladung der ersten Stunde ihres Seins im Falkenhofe ganz und gar nicht wiederholt hatte. »Was bezweckt sie damit? Mich zu demütigen und zu ärgern? Wie kann meine Mutter Wohlthaten aus diesen Händen annehmen!«
Raschen Schrittes eilte er vorwärts und stand nun, leicht den Hut lüftend, vor Dolores.
»Ich habe eben zu meinem großen Befremden gehört, Baronin,« sagte er eisig kalt, »daß meine Mutter und mein Stiefvater infolge Ihrer wiederholten Einladungen auf dem Falkenhof zu bleiben gedenken. Es ist mir dies, selbstredend, sehr fatal, und kann nur durch Einrichtung einer eigenen Menage für die Betreffenden, oder aber eine entsprechende Entschädigung --«
Dolores war sehr blaß geworden und streckte jetzt gebieterisch die Hand aus, fernere Worte abzuschneiden.
»Nicht weiter, Baron Falkner,« sagte sie, und ihre Augen sprühten Flammen. »Der Falkenhof wird nicht vermietet -- niemals, so lange ich hier bin, sei es, unter welcher Form es immer sei. Wollen Ihre Eltern meine Gäste sein, so werd' ich sie stets als solche ehren -- an _einem_ Tisch mit mir -- oder gar nicht.«
Damit wandte sie sich ab und schritt die Allee herunter, scheinbar unbewegt, aber in ihrem Innern wogte es auf und nieder in Schmerz, Empörung und Pein.
Und ein stiller Zorn stieg auch in Keppler auf gegen den Mann, der stumm und blaß neben ihm herschritt, denn er hatte _sie_ gekränkt, und er, der Maler, hatte nicht einmal das Recht, hier für sie einzutreten, wo sie selbst für sich gesprochen hatte.
Und Falkner? Er hatte sich von seinem heißen Blut hinreißen lassen, und ihre Antwort hatte ihn nicht gekränkt, denn eine wilde Freude in seiner Brust sagte ihm, daß sie ja anders nicht hatte antworten dürfen, daß er sie um einer anderen Antwort willen hätte verachten müssen und doch, und doch -- er _wollte_ sie hassen um jeden Preis, hätte er sie nur auch verachten gekonnt!
Am selben Tage noch sprach ihm Prinzeß Alexandra höchst taktvoll von der Parkangelegenheit, und berührte leicht den delikaten Punkt des Verkehrs mit seiner Cousine.
»Hoheit verzeihen,« erwiderte Falkner kühl und bestimmt, »wenn ich in dieser Affaire keine Dienste leisten kann. Ich stehe in absolut keinem Konnex mit der Baronin, meiner -- nun ja, meiner Cousine, und glaube auch, daß sich dies alles weit besser durch Fremde arrangieren läßt.«
* * * * *
Am folgenden Tage um die Stunde, wo man in großen Städten Visiten zu machen pflegt, also gegen fünf Uhr nachmittags, bestieg Dolores ihren leichten, eleganten Brougham und gab dem Kutscher die Order, nach Arnsdorf zu fahren.
Leicht und leise rollte der Wagen über den gelben Kiesweg hinaus zum Thore und die staubige Chaussee entlang nach der äußersten Spitze des Triangels zu, den die drei Nachbargüter bildeten. Es war ein wunderschöner Tag, aber fast zu heiß für die schattenlose Chaussee, welche zwar mit Kirschbäumen rechts und links besetzt war, die aber für den Komfort der Fahrenden nichts thaten, sondern nur Scharen von Sperlingen anlockten, welche unter großem Geschrei kamen, um nachzusehen, ob die Kirschen noch nicht reif seien.
Der Wagen rollte endlich zum großen Staunen der barfüßigen, flachsköpfigen Jugend in das Dorf und bog in den Hof des Dominiums ein, in welchem Enten und Gänse einherwatschelten, ein altes Pony einen grünen Fleck abgraste und mehrere Schweine und Ferkel sich in einer Pfütze inmitten des Hofes wälzten.
Beim Vorfahren der Equipage vor die Hausthür geriet ein auf der Schwelle träumender Truthahn in eine blinde Wut und suchte die Pferde zu attackieren, ein Pfau schrie infolgedessen laut auf, ein Hofhund kam laut bellend angerannt, die Gänse schnatterten und schrieen, das Pony wieherte, die Schweine grunzten -- kurz, es entstand ein Höllenkonzert. Infolgedessen erschien ein neugieriger Kopf an einem der erblindeten, vielleicht seit Jahren nicht geputzten Fenster, und bald darauf trat der Inhaber dieses Kopfes, ein Mensch in schäbiger Livree, heraus und kam an den Wagen.
Da man in dem Spektakel sein eigenes Wort nicht verstehen konnte, so reichte Dolores einfach ihre Karte aus dem Wagen heraus, dessen Schlag ihr eigener Diener inzwischen geöffnet hatte. Der schäbige Lakai prüfte erst den Namen auf der ihm gereichten Karte, dann verschwand er in dem Hause. Indes der Hofhund fortfuhr betäubend zu bellen, der Kutscher Not hatte, die Pferde in Ruhe zu halten und die Gänse und Enten neugierig den Wagen umstanden, hatte Dolores Muße, das sogenannte Schloß zu betrachten -- ein entsetzlich verwahrlost aussehendes Gebäude aus dem Anfang dieses Jahrhunderts -- steif und schmucklos, von dessen Mauern der Mörtel stellenweise abgefallen war, auf dessen Dach die abgefallenen Fachwerke mitunter das Sparrenwerk sehen ließen.
Doch kaum hatte Dolores diese letztere Bemerkung gemacht, als schwere Tritte eine Holztreppe herabdröhnten und Graf Schinga selbst seinem Gast entgegeneilte, aber an Stelle einer Begrüßung erst mit einem donnernden: »Will er sich wohl kuschen!« auf den Hund losfuhr. Nachdem diese Einleitung ihre Wirkung gethan, half er Dolores aus dem Wagen und reichte ihr den Arm.
»Furchtbar nett von Ihnen, Baronin, uns aufzusuchen,« rief er ihr zu. »Meine Frau freut sich sehr, Sie zu sehen -- führe Sie gleich zu ihr. Müssen aber entschuldigen, ist noch im Negligé wegen der Hitze. Na, wenn man auf dem Lande ist, schad't das wohl nichts, was?«
Dolores versicherte, es schade wirklich nichts, sie käme ja wegen der Gräfin und nicht wegen deren Kleider.
»Hahaha!« lachte Schinga wiehernd los, »gut geantwortet! Passen ganz zu uns, liebe Baronin! Schönes Wetter, was?«
Endlich waren sie die steile Treppe emporgeklommen, und Schinga öffnete eine Thüre.
»Die Baronin Falkner, liebe Bronislava!« rief er durch die Spalte.
»=Elle est bienvenue=,« antwortete eine Stimme drinnen. Schinga stieß die Thür auf und führte Dolores in ein dermaßen verdunkeltes Gemach, daß diese anfangs nichts sah, zudem schwebte ein fast undurchdringlicher Dampf von türkischem Tabak in der Luft.
Aus dieser Dämmerung löste sich jetzt eine kolossale weibliche Gestalt in hängenden, weißen Gewändern, von der Dolores möglichst viel zu erkennen trachtete, da sie in ihr die Gräfin Schinga vermutete. Ein bis zur Achsel nackter Arm mit einem sonderbaren spiralförmigen Armband löste sich aus den bis obenhin geschlitzten Ärmeln, reichte ihr die Hand und die Gestalt sprach langsam: »Ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, Baronin. =Comment vous portez-vous?= -- Hippolyt, ziehe doch die Jalousien auf!«
Indes Graf Schinga dieser Aufforderung nachkam, geleitete die Gräfin Dolores zu dem Sofa, das eigentlich mehr Chaiselongue war, wobei letztere auch an dem linken Arm ihrer Wirtin den seltsamen Schmuck bemerkte, wie an dem rechten. Die geöffneten Jalousien und Fenster enthüllten nun ein einstmals sehr kostbares, aber jetzt stark eingewohntes Gemach im türkischen Geschmack, dessen Wände, Polster und Dielen, kostbare, golddurchschossene Teppiche bedeckten, dessen Möbel von Rosenholz schöne Inkrustierungen zeigten. Auf dem Tisch vor dem Sofa lag eine dichte, sehr dichte Staubschicht und auf dieser stand ein Nargileh, ein Kasten mit Tabak, ein Karton mit kandierten Früchten, und neben diesen lag ein broschierter Roman von Zola, halb aufgeschnitten.
»So,« sagte Schinga, »nun hätten wir Licht und können gemütlich plaudern. Also, liebe Baronin -- hu!« unterbrach er sich, indem er sich sichtlich vor Entsetzen schüttelte und mit einem Satz nach der Thür retirierte. »Thu' diese scheußlichen Würmer fort, Bronislava!« Die Gräfin hob lachend beide Arme in die Höhe, und nun fuhr auch Dolores schaudernd empor -- denn die seltsamen, spiralförmigen Armbänder, die sie trug, waren lebende, kühle, glitzernde kleine Schlangen, die mit ihren Köpfen blitzschnell hin und her fuhren.
»Wie, Baronin, Sie fürchten sich auch vor den süßen, kleinen Dingern?« rief die Gräfin erstaunt. Dolores zog sich schaudernd nach der Thür zurück.
»Es ist nicht Furcht,« sagte sie, »ich fürchte mich niemals, aber ich fühle ein solches Grauen vor diesen Tieren, daß ich es fast Idiosynkrasie nennen möchte. Sie sind es, die mir den Aufenthalt in meiner zweiten Heimat Brasilien so sehr verleiden --!«
»Kommen Sie, Baronin,« sagte der Graf und sah dabei sehr böse aus. »Wir wollen bei mir einkehren, denn Sie sehen nun wohl ein, daß man mit meiner Frau nicht verkehren kann!«
»Bleiben Sie,« rief die Gräfin, sich erhebend. Dann streifte sie die Schlangen von den üppigen Armen, that sie in einen Korb und schloß dessen Deckel. »So, nun sind sie gefangen, die armen Dinger. Setzen Sie sich, Baronin, und nehmen Sie eins von diesen kandierten Ingwerstücken -- oder ziehen Sie ein Nargileh vor? Nicht? Nun, so gestatten Sie mir das meinige!«
Ihr Grauen überwindend, nahm Dolores wieder Platz, ebenso der Graf, der dabei den Korb nicht aus den Augen verlor, indes die Gräfin den Schlauch ihrer türkischen Wasserpfeife ergriff und langsam zu rauchen begann. Sie mußte einst sehr schön gewesen sein, aber Stürme mancher Art hatten ihre Züge verschärft, und der mehr als negligéartige Anzug, das wirre, schwarze, ungekämmte Haar gaben ihr ein Aussehen der Vernachlässigung, das zu ihrem Alter nicht stimmte, denn sie mochte erst Mitte der Dreißig sein. Dolores wunderte sich, wie man Besuch in Gegenwart von Herren in einem Kostüm empfangen könnte, das eine verzweifelte Ähnlichkeit mit einem Nachthemd hatte, und als ihr Blick einmal an den kolossalen Formen ihrer Wirtin herabglitt, bemerkte sie in dem rosaseidenen Strumpfe der Dame, der eben sichtbar war, ein großes Loch, das der stark benutzte Pantoffel nicht ganz verbergen konnte.
»Hippolyt, schicke uns doch etwas Eis herauf,« wandte sich die Gräfin nach wenig Worten an ihren Gatten, der mit einer Eile verschwand, die bewies, wie ungemütlich ihm der Aufenthalt angesichts des bewußten Korbes sei.
Auch Dolores empfand genug davon, um länger zu bleiben, aber die Gräfin wollte von einem Aufbruch nichts wissen.
»Nein, nein, Sie müssen noch bleiben,« bat sie, »die Schlangen sind wirklich ganz sicher dort im Korbe, sie können nicht heraus -- und ich habe auch nur diese zwei. Außerdem schickt Hippo uns gleich Eis herauf -- der Koch muß im Sommer immer welches bereit haben!«
Dolores ergab sich in ihr Schicksal.
»Aber, Frau Gräfin, was in aller Welt veranlaßt Sie nur, sich solch' fürchterliche Tiere zu halten?« fragte sie mit leisem Schauer. »Sie können doch unmöglich Gefallen daran finden, und der Graf graut sich vor ihnen!«
»Eben deshalb halte ich sie,« erwiderte die Gräfin sehr kaltblütig, aber als Dolores sie überrascht anblickte, sah sie, daß die dichten, dunklen Augenbrauen der Dame sich zusammengezogen hatten.
»Nicht wahr, das ist sonderbar?« fuhr die Gräfin fort. »Aber es giebt viel Sonderbares auf der Welt, von dem _Sie_ nichts ahnen! Heiraten Sie niemals. Niemals, hören Sie?«
»Ich werde mir's merken,« erwiderte Dolores lächelnd.
»Oder thun Sie's, wenn Sie elend sein wollen fürs ganze Leben,« rief die Gräfin heftig, »denn Sie glauben's doch nicht, wenn man Sie warnt. Ah, da kommt das Eis!«
Die Dame des Hauses warf den Schlauch ihres Nargileh beiseite und half dem eintretenden Diener den Inhalt seiner Platte auf dem Tisch arrangieren: Krystallmuscheln mit herausgebrochenen Ecken, ordinäre Löffelchen von Britannia und eine prachtvolle, schwere silberne Schale mit Fuß, darin das Gefrorene aufgehäuft war. Sie legte ihrem Gast vor und nahm dann sich selbst, aber schon nach dem ersten Kosten spuckte sie heftig aus und riß an der Klingelschnur über dem Sofa.
»Was ist das für Eis?« schrie sie dem Diener entgegen.
»Erdbeer und Vanille, gnädige Gräfin --«
»Esel!« Und mit diesem Liebesnamen flog dem in seiner Einfalt Antwortenden einer der stark getragenen Pantoffeln der Dame an den Kopf.
Dolores fühlte sich aufs peinlichste berührt. Auch sie hatte das Eis gekostet und zurückgestellt -- es schmeckte wie gefrorenes Salzwasser. Aber das war in ihren Augen noch kein Grund, den daran unschuldigen Diener dafür zu strafen, und zudem begriff sie nicht, wie man einen solchen überhaupt in sein Zimmer treten lassen konnte, wenn man sich in solch' tiefem Negligé befand, wie ihre Wirtin. Der Mensch räumte alles wieder fort und ging. Dolores erhob sich.
»Ich glaube, es ist Zeit für mich, zurückzufahren,« sagte sie, aber die Gräfin zog sie wieder auf das Sofa nieder.
»Bleiben Sie noch, bitte,« sagte sie. »Und wenn Sie's aus Sympathie nicht thun können, so thun Sie's aus Barmherzigkeit. Ich bin ja immer allein!«
Dolores sah überrascht auf -- das war wie ein Ruf der Verzweiflung, der ihr da entgegentönte, es schien als ob das Wundern in diesem Hause kein Ende nehmen könnte.
»Und Sie werden wiederkommen, nicht wahr? Und ich darf Sie besuchen?« fuhr die Gräfin fort. »Ach, es ist schrecklich, so jahraus, jahrein zu sitzen und mit niemand sprechen zu können, denn wir bleiben immer in Arnsdorf, Sommer und Winter.«
»Aber Ihr Gemahl besucht doch die Residenz?« fragte Dolores, nur um etwas zu sagen.
»Das berührt _mich_ nicht,« erwiderte Gräfin Schinga kühl. »Ich sehe ihn ohnehin nur selten, seitdem ich die Schlangen habe. Sie würden mir nicht glauben, wenn ich Ihnen erzähle, welche Mühe es mir gemacht hat, sie zu zähmen, und sehen Sie, mein Arm weist noch die Narben auf von ihren Bissen. Aber jetzt kennen sie mich und hören, wenn ich sie rufe!«
»Mein Gott, welche entsetzliche Liebhaberei,« rief Dolores.
»Es ist nicht gerade das,« meinte die Gräfin. »Ich habe mich im Anfang auch erst an die kühlen, glatten Dinger gewöhnen müssen. Aber was hilft's? Es ist Notwehr!«
»Notwehr?« wiederholte Dolores verwundert. »Ich meine, ein großer Hund thäte die besten Dienste.«
»Nicht doch,« lachte die Gräfin. »Sehen Sie, einen Hund würde er töten, wenn er auf ihn dressiert wäre, ohne jedes Bedenken töten. Aber die Schlangen wagt er nicht anzurühren, und meidet sogar das Zimmer, in welchem sie sind.«
»Wer?« fragte Dolores verwundert.
»Nun, mein Mann!«