Die Falkner vom Falkenhof. Erster Band.
Part 11
Sie nahm Kapsel und Missale, denn die wollte sie bewahren, wo sie sie gefunden, ergriff den Leuchter und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen, als ein leises Geräusch, wie eine ins Schloß fallende Thür sie erschreckte -- es kam vom Kamin her, dessen war sie sicher. Ruhig legte sie nieder, was sie trug, und durchsuchte sorgfältig den Kamin, und da sich hier nichts fand, auch das übrige Zimmer; dabei durchfuhr es sie, daß dasselbe wohl in Verbindung stehen müsse mit dem nördlichen Schloßflügel, doch es fand sich nichts, was diese Vermutung bestätigen konnte. »Ramo mag danach forschen,« dachte sie. »Wie nervös bin ich doch geworden als Schloßfrau vom Falkenhofe!«
* * * * *
In dem rosenumdufteten, lindenumrauschten Schlößchen Monrepos waren seit einigen Tagen die Jalousien geöffnet, die Rouleaux in die Höhe gezogen und der frischen warmen Maienluft gestattet worden, frei einzutreten in die Rokokoräume dieses, wie ein Schmuckkästchen ausgestatteten =buen retiro= eines regierenden Fürsten, der sich hier die schönsten Sommermonate hindurch zwanglos ausruhte von den Regierungsgeschäften, die er nicht hatte, da das Reich, unter dessen Oberhoheit er stand, ihm dieselben freundlichst abnahm, und nur seine Unterschriften erbat. Doch Urkunden unterzeichnen, Orden verleihen, Cour abhalten und Hofbälle geben sind Arbeiten, die schließlich eine Erholung nötig machen, und Se. Hoheit der Fürst Leopold war ein leidenschaftlicher Rosenzüchter. Dieser Liebhaberei konnte er während des Winteraufenthaltes in der Residenz nur durch die Pflege von Topfrosen frönen -- das war zwar immerhin etwas, aber doch wenig genug. Hier in Monrepos dagegen durfte Hoheit im leichten Leinenröckchen und einen großen Panamapflanzerhut auf dem Haupt ungeniert unter seinen Lieblingen stehen, okulierend, schneidend, aufbindend und die Raupen hinwegputzend, glücklich in seiner Beschäftigung, ohne über die Launen des Schicksals zu philosophieren, das den einen zum Fürsten macht, der eher zum Gärtner getaugt hätte, und umgekehrt.
Gestern Abend erst war die fürstliche Familie auf Monrepos angelangt, und heut' früh schon stand der Herzog und begann seine Rosen in Ordnung zu bringen, die lange, hagere Gestalt im einfachsten Sommeranzug von rohem Leinenzeug, das faltige, glattrasierte Antlitz freundlich lächelnd, oder leise eine moderne Operettenmelodie pfeifend.
Auf der Terrasse vor dem Gartensalon, im kühlen Schatten saß die übrige herzogliche Familie, bestehend aus dem Erbprinzen und seinen Schwestern, denn die Herzogin war seit Jahren tot und hatte sterbend an ihren Platz, d. h. den der repräsentierenden, die Würde und Etikette des Hofes, ihres Haushaltes, aufrecht erhaltenden Hausfrau und Fürstin ihre älteste Tochter gestellt; »denn Höfe, denen der weibliche Zügel fehlt, geraten leicht auf abschüssige Bahn,« pflegte sie zu sagen. Aber sie that nicht nur das allein, sondern empfahl ihrer Tochter auch das Wohl ihrer Geschwister, das versöhnende, belebende, immer fester knüpfende Prinzip zu sein zwischen dem Herzog und seinen Kindern, zwischen dem Hof, dem Adel und dem Volke.
Wie die Tochter dies Vermächtnis erfüllt, wußte man allerorten zu rühmen. Sie war dem Vater die treueste Gefährtin und beste Ratgeberin, sie war den Geschwistern alles und ließ sie doch nichts anderes empfinden, als schwesterliche Liebe, sie vermittelte des Erbprinzen Wünsche und dämmte sie ein, wenn's nötig war, sie stand dem Hofe vor als Hausfrau, sie zog zu ihm heran, was bedeutend und gut war, sie stieg hinab in die Hütten der Armut und überzeugte sich selbst, wo Hilfe not that. Dafür liebte und verehrte man auch die Prinzessin Alexandra in allen Kreisen, und mancher Bewerber um die Hand der Fürstentochter, die so seltene Eigenschaften besaß, war schon erschienen, aber sie hatte keine derselben angenommen, denn sie meinte, damit hätte es Zeit, bis der Erbprinz vermählt und versorgt sei.
Heut' saß sie auf der schattigen Terrasse, das Skizzenbuch vor sich auf dem Tische, und zeichnete, denn sie verdiente wohl den Namen einer Künstlerin auf dem Felde der Malerei, der ihre ganze Neigung gehörte. Ihre imposante Gestalt umfloß weich eine lose, spitzenüberrieselte Morgenrobe von mattschimmernder, roher chinesischer Seide, ein kleines englisches Spitzenhäubchen verhüllte halb das dunkle Haar und kleidete den bedeutenden Kopf mit den regelmäßigen, ruhigen Zügen recht anmutig. Prinzeß Alexandra zählte jetzt siebenundzwanzig Jahre, sie stand mithin auf der Grenze reifer Jugend, in welcher andere Fürstentöchter längst vermählt sind oder sein sollten. Sie wußte das, aber sie wußte auch, daß ihr daheim ein Feld der Wirksamkeit beschieden war, das sie ausfüllte und nicht, ohne es zu schädigen, verlassen konnte -- wenigstens so lange nicht, bis ihre anderen Geschwister versorgt waren, und nicht mehr ihrer oft benötigten Oberhoheit bedurften.
Ihr zunächst saß der Erbprinz, ein junger Mann von fünfundzwanzig Jahren, von hoher schlanker Gestalt mit feinem, länglichem, blassem Antlitz und leichtem Bärtchen auf der Oberlippe. Er hielt ein Buch in der Hand und strich von Zeit zu Zeit mit goldenem Crayon ganze Sätze darin an.
Ihm gegenüber saß Prinzeß Eleonore, gewöhnlich Lolo genannt, ein kleines, elfenhaftes Geschöpfchen von achtzehn Jahren, rosig wie ein halb erschlossenes Moosröschen mit farblosem Flachshaar und gefährlichen Vergißmeinnichtaugen, mit feinem =retroussé=-Näschen und winzigem, süßem, zum Lachen geschaffenem Mündchen, kurz, das verzogene =enfant gâtée= des Hofes und aller Welt. Sie schaukelte sanft ihre zierliche Gestalt im lichtblauen Negligé im Schaukelstuhl hin und her und balancierte ein lichtblaues Pantöffelchen mit roten Talons auf der vorgestreckten rechten Fußspitze, dem Spiel ihre ganze Aufmerksamkeit widmend.
Plötzlich beugte sie sich herab, ergriff den Pantoffel und warf ihn über den Tisch hinüber, direkt auf das Buch, in dem der Erbprinz las.
»Bei allen Rosen Papas, was seid ihr beide heut' langweilig,« rief sie dabei.
»Lolo!« fuhr der Erbprinz auf und schleuderte den Pantoffel vor die Füße seiner Schwester. »Was sind das wieder für unziemliche Späße!«
Die kleine Prinzeß verzog ein wenig das Mäulchen.
»Warum bist du auch so langweilig,« klagte sie, »warum mußten wir überhaupt hierher gehen, uns zu langweilen --«
»O, das ist nur auf deiner Seite, Kind,« sagte Prinzeß Alexandra ruhig. »Papa, Emil und ich, wir sind so glücklich hier in unserer Ruhe, unseren liebsten Beschäftigungen, in denen kein Zwang uns stört. Möchtest du dir nicht auch solch' eine Lieblingsbeschäftigung suchen, liebe Lolo?«
»Die sie haben möchte, findet sie nicht hier,« grollte Prinz Emil, nicht ohne Bezug.
»Nun?« Prinzeß Alexandra sah fragend auf.
»Mit aller Welt zu kokettieren,« ergänzte der Erbprinz.
»Emil!« sagte die älteste Schwester ernst und vorwurfsvoll, indes die Jüngste wie eine Rose erglühte und mit ihrem Pantoffel Ball zu spielen begann.
Der Prinz legte sein Buch auf den Tisch und kreuzte die Arme.
»Ich weiß, was ich sage,« rief er, »und ich will es auch verantworten, es hat mich oft genug empört, dieses ewige Blicke werfen, dies Lächeln und bezeichnende Fächerspiel.«
»Bist du fertig?« fragte die kleine Prinzeß spöttisch, als ihr Bruder schwieg.
»Mein Gott, Emil, wie meinst du das alles?« rief Prinzeß Alexandra beunruhigt.
»Ihr waret so sehr erstaunt, daß ich auf die Versetzung des Leutnants von Fels drang,« fuhr der Erbprinz heftiger fort, »wohl, es geschah, weil ich den armen jungen Menschen, der bis über die Ohren in Lolo verliebt war, vor schweren Enttäuschungen bewahren wollte. Sie, die Prinzessin von Nordland hätte ihm zeigen _müssen_, daß seine Hoffnungen vermessen waren, aber statt dessen ermutigte sie ihn fortwährend. Das war schlecht von dir, und unwürdig deines Ranges!«
Prinzeß Lolo war jetzt etwas blässer geworden und schlug mit ihrem Pantoffel einen Marsch am Tischrande.
»Fels ist das reine Baby an Verstand,« sagte sie wegwerfend. »Er fahre hin!«
»Mit tief verwundetem Herzen,« grollte der Erbprinz.
»O, Unsinn,« rief Prinzeß Lolo leicht. »Die Männer trösten sich so schnell!«
»Dürfte ich fragen, von wannen diese achtzehnjährige Ansicht kommt?«
Aus den süßen Vergißmeinnichtaugen der Kleinen schoß jetzt ein scharfer Strahl, sie antwortete aber nicht.
»Lolo, wenn du wüßtest, wie sehr mich das betrübt,« sagte Prinzeß Alexandra leise, die Schwester mit traurigem Blicke messend.
»Um Gottes willen, keine Lektion! Das fehlte noch in diesem weltvergessenen Winkel,« rief Prinzeß Lolo, indem sie aufsprang und sich beide Ohren zuhielt. »Ich möchte wissen, wie es _euch_ gefallen würde, dieses ewige Hofmeistern! Glaubt ihr, daß es mir Spaß macht? Die Ehre, eine Prinzessin von Nordland zu sein, ist sehr langweilig, soviel weiß ich, und ich werde mich nächstens dafür bedanken!«
Mit diesen Worten streifte sie ihren Pantoffel auf den Fuß und sprang die Treppen der Terrasse hinab, dem Rosenrondel zu, an dem der Herzog schaffte.
»Sie ist meinem Einfluß entwachsen,« sagte Alexandra traurig. »Ich habe sie gehütet und gepflegt und die bösen Triebe zu entfernen gesucht, wie Papa es mit seinen Rosen thut! Sie war ja immer eigenwillig, aber sie fügte sich doch -- das aber war offene Rebellion!«
»Und in zwei Jahren ist ihre Ausbildung zur Erzkoketten vollendet,« rief der Erbprinz.
»Emil, du bist zu hart,« sagte die Prinzeß mit leisem Vorwurf. »Bedenke, sie ist unsere Schwester, und noch so jung -- ein Kind!«
»Eben dafür sind ihre geselligen Anfänge aller Ehren wert. Bedenke nur, liebe Sascha, sie hat im vergangenen Winter ihr erstes Auftreten in der Welt gemacht; sie hat, was bei ihrem Liebreiz und ihrer =beauté du diable= sehr natürlich ist, enorm gefallen, sie hat Epoche gemacht an unserem Hofe, und alles verwöhnt sie. Dieses süße Gift hat seine Wirkung auf sie nicht verfehlt, sie weiß sich angebetet, sie fühlt sich souverän und frei von unserem Einfluß, und ihre bessere Einsicht muß zurücktreten.«
»Wie aber kann da geholfen werden?« rief Prinzeß Alexandra bekümmert.
»Man muß Lolo vermählen -- ich sehe kein anderes Mittel! Einem Manne vermählen, der es versteht, sie zu leiten und ihren Eitelkeitsrausch zu dämpfen. Natürlich bleibt bei allen Chancen noch die Furcht, daß ihre Ehe eine unglückliche ist. Sie müßte denn ihren Gemahl wahrhaft lieben!«
»Lieben!« wiederholte die Prinzeß, »ach, dann sind unsere Aussichten traurig, denn wo finden wir armen Fürstentöchter Liebe bei uns Ebenbürtigen. Die Liebe führt bei uns den modernen Namen Konvenienz.«
»Dann ist es unsere Pflicht, Lolo so zu lieben, daß ihr gestattet sein muß, sich dem Manne ihrer Wahl zu vermählen,« sagte der Erbprinz fein, und dabei leuchtete es in seinem Antlitz gar freundlich auf.
»Eine Mesalliance?« Prinzeß Alexandra war etwas blaß geworden. »Emil, du weißt, wie sehr ich dagegen bin, nicht aus Hochmut oder Vorurteil, sondern weil es nicht gut thut, wenn Menschen aus dem Stande, in dem sie geboren und erzogen wurden, heraustreten. Die Prinzipien, in denen sie aufgewachsen, lassen sich nicht ausreißen, wie man eine Pflanze dem Erdreich entreißt, sie brechen früher oder später doch da durch, wo sie eine tiefe, mitunter unüberbrückbare Kluft reißen.«
»Sehr richtig, liebe Schwester, für den Fall, daß ein Fürstenkind in kleinbürgerliche Verhältnisse gerät. Aber Lolo könnte ja einen Edelmann wählen!«
»O, Emil, laß mich das alles erst überdenken! Wenn du wüßtest, in welches Dilemma ich hier geraten bin -- und wer kann mir sagen, wie ich recht handle als Schwester an Mutterstatt! Ich baue noch auf Lolos Jugend -- ihr Charakter ist noch ungeformt --«
»Aber ungeformt ist der weiche Stoff schon erhärtet von dem süßen Gift der Bewunderung! Das hat einen festen Panzer gelegt um das junge Herz, an dem gleiten unsere Bemühungen ab, besonders, da Lolo eine wirklich gefährliche Anlage hat, eine Kokette zu werden. Und ich muß gestehen, ich fürchte für sie, wenn unsere diesjährigen Sommergäste kommen und sie in dieser Zurückgezogenheit keine andere Gelegenheit hat, ihren Zauber wirken zu lassen!«
»Es kommen Baron Falkner und Herr Keppler« -- sagte die Prinzeß nachdenkend.
»O,« meinte der Prinz, »was Falkner betrifft, so ist er nicht der Mann, sich davon fangen zu lassen, in dieser Beziehung können wir ruhig sein. Aber Keppler ist ein interessanter Mensch in den besten Jahren, empfänglich für alles Schöne, besonders, wenn er berufen ist, dieses Schöne zu malen. Wir müssen eben acht geben, um im nötigen Moment einzugreifen!«
Hier wurden die Geschwister unterbrochen, denn der Kammerdiener des Herzogs brachte auf einer silbernen Platte die eingelaufenen Briefe und Zeitungen, und der alte Herr nahte sich deshalb der Terrasse, am Arm seine jüngste Tochter, die ihm vorplauderte und vorlachte, daß das faltige Antlitz dieses Souveräns =en miniature= zu strahlen begann.
»Gott sei Dank, daß wir wieder auf dem Lande sind,« rief er vergnügt, indem er die Briefe zu sortieren begann.
»Ich finde es in der Stadt amüsanter,« sagte die kleine Prinzeß seufzend.
»Warum nicht gar,« ereiferte sich der Herzog, »du sprichst, wie ein Blinder von der Farbe, Lolo! Ich möchte wissen, was hübscher ist, Monrepos oder das große Residenzschloß, in dem ein paar Regimenter Platz zum Wohnen hätten, he? Ich liebe Monrepos jedes Jahr mehr und sehe schon den Moment kommen, wenn ich es ganz bewohnen und die Regierung niederlegen werde --«
»Um Gottes willen, Papa --!« rief der Erbprinz erschrocken, aber Prinzeß Alexandra lächelte.
»O, es ist nicht so ernst gemeint,« sagte sie, indes Prinzeß Lolo mit weit vor Erstaunen offnen Augen dastand.
»So, woher will das meine Hausfrau so genau wissen?« meinte der Herzog freundlich. »Kinder, ich sage euch, die Natur hat sich geirrt, indem sie mich zum Herrscher machte -- ich bin Landwirt, das heißt Gärtner mit Leib und Seele! Aber Scherz beiseite, Emil, du mußt anfangen, dich mehr mit Regierungsgeschäften vertraut zu machen -- es ist mein Wille, mein Wunsch!«
Der Erbprinz verbeugte sich.
»Wie Eure Hoheit befehlen!«
»Nun, nun,« meinte der Herzog, seinen Sohn auf die Schulter klopfend, »ich spreche nicht als Herzog, sondern als Vater, und ich will nicht, daß du im geeigneten Momente als Ignorant auftrittst, sondern selbständig zu handeln weißt mit Würde und Takt, denn wir Fürsten kleiner Staaten haben heutzutage einen schwierigen Stand, und du sollst die Souveränität unseres Hauses so lange als möglich bewahren.«
»Hoffentlich bist du noch recht lange dazu berufen, lieber Vater,« entgegnete Prinz Emil herzlich, aber der alte Herr zuckte mit den Achseln.
»=Chi lo sa!=« meinte er. »Ich verspüre längst Abdikationsgelüste, und je schöner die Sonne scheint, und je schöner die Rosen blühen, desto lieber vertauschte ich die Krone mit einem Gärtnerhute. Sieh' nicht so perplex aus, Emil, einmal mußt du doch dran!«
»=Cela s'arrangera plus tard!=« rief Prinzeß Alexandra, ihre Überraschung mit den sich daran knüpfenden Sorgen unter einem heitern Ton verbergend, denn so bestimmt hatte der Herzog noch nie dieses Thema verfolgt. »Einstweilen wollen wir hier recht vergnügt sein und uns der schönen, freien Sommertage freuen!«
»Ich wollte, sie wären vergangen,« trällerte Prinzeß Lolo.
Jetzt sah der Herzog ernst auf.
»Wenn dir der Aufenthalt hier unangenehm ist, so will ich dich zu meiner Schwester, der Fürstin Äbtissin ins Stift schicken,« sagte er, »da hast du fünfzig Stiftsdamen zur Unterhaltung!«
Die kleine Prinzeß wurde ganz blaß vor Schreck.
»Um des Himmels willen, Papa, das wäre entsetzlich,« rief sie halb weinend. »Die ernste, alte Tante und die uralten Damen alle! -- Nein, nein, da wäre es schöner, allein in der Lüneburger Haide zu wohnen --!«
»Du hast die Wahl zwischen Monrepos und dem Stift,« entgegnete der Herzog trocken.
»Ich wähle Monrepos,« rief das Prinzeßchen, wieder lachend, »es lebe Monrepos! Ach, Sascha, ich beneide dich nicht um die glänzende Aussicht, Äbtissin zu Tannenburg zu werden!«
»Und wenn Sascha sich vermählt, und du nicht, so wirst du's,« warf der Erbprinz ein, aber Lolo schüttelte indigniert das blonde Köpfchen.
»Ich mich nicht vermählen! Daran ist doch gar nicht zu denken,« meinte sie.
»Es ist nur gut, daß du deiner Sache so sicher bist,« erwiderte der Erbprinz sarkastisch.
»Ich weiß nicht, was du gegen Monrepos hast,« nahm der Herzog das vorige Thema wieder auf. »Daß es einsam ist, macht es mir und Sascha und Emil gerade wert! Warum suchst du keine Beschäftigung, wie wir? Du hast so viel Anlage für Musik, aber wenn du ein paar Bravourstücke auf dem Flügel heruntergerast hast, bist du schon fertig. Warum machst du dich nicht mit den klassischen Meistern vertraut?« Prinzeß Lolo verzog das Mäulchen.
»Ah, die sind so langweilig, Papa!«
»Kind, du _mußt_ versuchen, weniger oberflächlich zu sein,« sagte der Herzog ernst. »Studiere und übe die Musik, sie wird dir in allen Lebenslagen die treueste Freundin sein und bleiben. Denke, wie öde und einsam dein Leben mitten im Strudel der Geselligkeit sein würde, hättest du nichts, was deine stillen Stunden verschönte!«
»Ja, aber ich kann doch nicht den ganzen Tag üben, Papa!« rief Prinzeß Lolo weinerlich wie ein Kind.
»Nein, das sollst du auch nicht, du magst dann spazieren gehen -- apropos, Sascha, möchten wir nicht bei der Baronin Falkner anfragen wegen der Benutzung des Parkes? Die Erlaubnis des verstorbenen Besitzers können wir doch nicht stillschweigend weiter in Kraft lassen!«
»Nein, Papa, ich werde es arrangieren!« entgegnete Prinzeß Alexandra. »Aber ich denke, wir unterlassen es vorläufig noch, in Verkehr mit der Baronin zu treten, bis wir wissen, ob derselbe für uns paßt!«
»Hm, wird sich wohl, da Falkner uns besucht und seine Mutter im Falkenhof wohnt, kaum vermeiden lassen,« meinte der Herzog.
»Vielleicht ist die neue Schloßherrin selbst so taktvoll, auf diesen Verkehr zu renoncieren,« rief Lolo altklug.
»Jedenfalls muß ja eine Aufforderung dazu von uns ausgehen,« entschied Alexandra, »Falkner ist vernünftig und wird es uns nicht verübeln, wenn wir ihm vertraulich sagen, was uns vom Falkenhof scheidet, das heißt von seiner jetzigen Herrin.«
»Nun gut,« warf der Erbprinz ein, »dann aber müssen wir nicht um die Erlaubnis bitten, in ihrem Park spazieren gehen zu dürfen. Eins oder das andere, Sascha!«
»Emil hat recht,« sagte der Herzog, »es wäre taktlos, die Besitzerin zu ignorieren, wenn wir ihren Park benutzen wollen. Stehen wir also davon ab!«
»Wie schade,« rief Lolo schmollend. »Monrepos ist nichts ohne den Falkenhofer Park!«
»Es wäre freilich schade, wenn er uns verschlossen bliebe,« meinte der Erbprinz, »aber ich denke, es ließe sich trefflich arrangieren, wenn z. B. Sascha eines ihrer kleinen netten Briefchen an die Baronin schriebe, sie aufforderte uns zu besuchen etc. etc. --«
»Wo denkst du hin, Emil,« rief die kleine Prinzeß entsetzt, »eine Komödiantin -- --«
»Die Baronin Falkner ist eine große Künstlerin,« erwiderte der Erbprinz sehr ruhig, »der Unterschied zwischen dir und ihr ist der, daß _sie_ Prinzessinnen mit hoher Würde spielt, während du dir für die glatten Bretter des Hofparketts, die ja auch die Welt bedeuten, die Rolle des naiven Backfisches gewählt hast.«
»Das ist bei uns so Sitte, =Chacun à son goût=,«
trällerte Prinzeß Lolo und warf ihrem Bruder eine Hand voll Blumen ins Gesicht.
»Deine Beweise sind sehr -- treffend,« sagte er schneidend. »Ich glaube nun auch, daß du auf musikalischem Gebiet mit Baronin Falkner keine Rivalität zu fürchten brauchst, denn sie singt die leichtgeschürzten Weisen der ›Fledermaus‹ nicht!«
Jetzt hielt sich der Herzog beide Ohren zu.
»Kinder, sagt euch keine Sottisen,« rief er kläglich, »das fehlte mir noch -- ich will Ruhe haben.« Er raffte seine Briefe zusammen und steckte sie in seine Rocktasche. »Macht was ihr wollt, in betreff des Parkes -- das Passendste wäre, wenn Emil der Baronin einen Besuch machte, in meinem und unserer aller Namen, und zwar ehe Falkner kommt. Das wäre eine Höflichkeit gegen unseren Gast und zugleich die, welche wir unseren Nachbarn schuldig sind. Das ist meine Ansicht, aber wie gesagt, macht was ihr wollt, Kinder!«
Mit diesen Worten entfernte sich Se. Hoheit schleunigst.
Auf Prinzeß Alexandras Bitten verzögerte aber der Erbprinz noch den vorgeschlagenen Besuch -- sie wünschte erst eine persönliche Zusammenkunft am dritten Orte mit der Herrin des Falkenhofes, und dieser Wunsch wurde schließlich respektiert.
Noch am selben Vormittage stellten sich der Graf und die Gräfin Schinga zum schuldigen Besuch ihrer hohen Nachbarn auf Monrepos ein -- man sprach die Falkenhofer Angelegenheit noch einmal durch und hielt Arnsdorf für eine erste Begegnung für den passendsten Ort, sobald die Baronin Falkner daselbst ihren Besuch gemacht.
Wenige Tage später kamen Richard Keppler und Alfred Falkner in Monrepos an -- sie sollten neben der Hofdame Fräulein von Drusen und dem Kammerherrn Baron Desing die einzigen fremden Elemente in dem zwanglosen Landaufenthalte der herzoglichen Familie sein, und auch dies nur zum Teil, da der Legationsrat als specieller Freund des Erbprinzen auch dem intimen Freundeskreise der Familie angehörte, und seine trefflichen Eigenschaften, wie sein hoher Verstand besonders von Prinzeß Alexandra geschätzt wurden und diese Schätzung auf Gegenseitigkeit beruhte.
Falkner sah die Prinzessin Eleonore zum erstenmal seit ihrer Einführung in die Welt -- selten nur war ihm im kleinen Kreise bei ihrer ältesten Schwester die »Kleine« begegnet, und er hatte ihrer nicht sonderlich geachtet. Jetzt trat ihm ihre Elfenerscheinung doppelt überraschend entgegen, und er sagte sich, daß ihm früher eine solche junge, rosige Mädchenblüte hätte gefährlich werden können, denn »früher« war eine solche, gerade in dem Genre der kleinen Prinzessin, sein Ideal gewesen.
Aber wie er das bedachte, mußte er lächeln und dann sich selbst zürnen -- denn dieses »früher« war nur wenig Monde alt, und er hatte nie gedacht, daß ein bleicher, edler Kopf mit rotem Haar ihm gefährlich werden könnte. Und nun gar gefährlich! Hatte er diese Gefahr nicht zurückgewiesen, wollte er ihr jetzt nicht dreist unter die Augen treten? Er hätte im Zorn gegen sich selbst und sein rebellisch Herz wüten können, denn wo blieben seine Prinzipien, wenn er diesem Herzen nachgab?
In diesem Kampfe bemühte er sich, Prinzeß Lolo so reizend zu finden als irgend möglich und in ihrer Erscheinung alles das zu sehen, was ihm sonst Ideal gewesen, und das hätte ihm ja so schön gelingen können, wenn nicht die berauschende Erscheinung der Satanella immer und immer zwischen sein geistiges Auge und andere Frauengestalten getreten wäre.
Als er sich am Tage nach seiner Ankunft auf Monrepos nach dem Falkenhofe zu gehen anschickte, um daselbst seine Mutter zu begrüßen, stand der Entschluß in ihm fest, eine Begegnung mit Dolores, selbst auf Kosten der Höflichkeit zu vermeiden. Bereits an der Grenzscheide der Nachbargüter stehend, holte ihn Keppler ein.
»Sie gehen nach dem Falkenhofe?«
»Ja.«
»Dann gestatten Sir mir, mich Ihnen anschließen zu dürfen -- ich will der Baronin Dolores meinen Besuch machen.«
»Bitte!« -- Falkner sagte es sehr kurz und unangenehm berührt -- die Scene im Atelier damals fiel ihm ein, und ein sonderbares Gefühl beherrschte wieder sein Empfinden -- die Eifersucht. Er wußte, daß er dazu kein Recht und vielleicht auch keine Berechtigung hatte, aber wer kann für sein Empfinden?
»Erwartet die Herrin vom Falkenhof Ihren Besuch?« fragte er.
Keppler schüttelte mit dem Kopfe.
»Sie weiß wahrscheinlich nicht einmal, daß ich ihr so nahe bin,« sagte er, »und ich weiß nicht, ob ich ihr willkommen sein werde. Doch gleichviel --«
Er brach kurz ab, und der scharfe Blick Falkners sah es seltsam arbeiten in des Malers markigen Zügen.
Und er hatte diesen Mann einst auf den Knieen vor dem rothaarigen Mädchen drüben liegen sehen -- und das Blut stieg ihm zu Kopfe in dem Gedanken daran.