Die evangelische Kirche im Jahrhundert der Reformation

Part 8

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Zum Norden gehörte auch das ~Polenreich~, das sich zwischen Deutschland und Rußland einschob. Die Anfänge der evangelischen Bewegung in Polen knüpften sich an den Namen des edlen Johann von Lasko, der sein Amt als Propst zu Gnesen um seiner evangelischen Überzeugung willen aufgab und infolge dessen Polen verlassen mußte (1536). Zahlreiche Polen studierten in Wittenberg und brachten das Evangelium und Begeisterung für die Reformation mit in die Heimat. Viele aus Österreich vertriebene Evangelische zogen nach Polen. So fand die Reformation ausgedehnte Verbreitung. Leider hat sie in Polen keine bleibende Stätte gehabt, während sie in ~Kurland~, ~Livland~ und ~Estland~ bis auf die Gegenwart unter manchen heißen Kämpfen sich behauptet hat.

5. Großbritannien und Irland.

In England war der Geist Wiclefs lebendig geblieben. Zwei edle Männer reichten dem Volke die Heilige Schrift in der Muttersprache. Sie empfingen ihren Lohn durch den Henker. König Heinrich VIII. von England sagte sich vom Papste los und erklärte sich selbst zum Haupte der englischen Kirche, nicht etwa, weil sein Herz sich dem Evangelium zugeneigt hätte, sondern weil der Papst sich weigerte, des Königs Ehe mit Anna Boleyn für giltig zu erklären. Heinrich war weit davon entfernt, der Reformation Luthers sein Land zu öffnen, obgleich die Anhänger der lauteren evangelischen Lehre auch in England stetig an Zahl wuchsen. Nach Heinrichs Tode gewann der Protestantismus dort die Oberhand. Mit allen Mitteln suchte die Königin Maria die Reformation auszurotten und das Land dem Papste zurückzugewinnen. Da ist viel Blut vergossen worden und Tausende verließen um ihres Glaubens willen die Heimat. Aber gerade in der Verfolgung, den evangelischen Glauben verteidigend, Gut und Blut für die Überzeugung einsetzend, lernte Englands Volk das Gut der Reformation höher schätzen und schloß es tiefer in Herz und Gemüt. Ganz andere Zeiten kamen für England mit der Regierung Elisabeths, der Nachfolgerin Marias. Mit der Gewalt des Schwertes trat sie jedem entgegen, der England wieder katholisch machen wollte. Die Reformation siegte. Von mancherlei Äußerem aber in den prunkenden Formen des Katholizismus hat sich die englische Kirche, die »bischöflische Staatskirche« nicht getrennt. Die Folge davon war, daß gegen diese »Staatskirche« sich viele Stimmen erhoben, die auch jene Formen beseitigt wissen wollten. So ist die evangelische Kirche Englands zersplittert geblieben.

Die Habsucht der protestantischen Engländer, die die irischen Katholiken ihres Besitzes zu berauben suchten, machte den Irländern den Protestantismus verhaßt und verhinderte trotz der Gewalt den Einzug der Reformation in ~Irland~.

Auch in ~Schottland~ hat der erste Prediger des Evangeliums, Patrik Hamilton, sein Leben für die Wahrheit gelassen. Aber nach blutigen Kämpfen trug doch der Protestantismus den Sieg davon. John Knox, der Freund und Anhänger Calvins, gab der schottischen Kirche das Gepräge. Alles, was an den katholischen Gottesdienst und das Papsttum erinnerte, wurde hier -- ganz im Gegensatz gegen die Kirche Englands -- beseitigt.

6. Frankreich.

Wie anderwärts, so hat auch in Frankreich die Heilige Schrift in der Muttersprache neues Leben geweckt. ~Faber Stapulensis~ legte fast zu derselben Zeit, da Luther uns die deutsche Bibel schenkte, die französische Bibel in die Hand seines Volkes. Er stellte unumwunden die Heilige Schrift als die einzige Glaubensregel hin und räumte jedem Christen das Recht ein, seinen Glauben nach dieser Regel zu prüfen. Auch bekannte er sich zu dem reformatorischen Grundsatz der Rechtfertigung allein aus dem Glauben. Fabers Freund, ~Gerhard Roussel~, predigte in echt evangelischer Weise auf Grund des göttlichen Wortes und wurde durch sein christliches Leben in opferwilliger Liebe für viele ein edles Vorbild. Äußerlich hat er sich nicht von der römischen Kirche getrennt. Diese aber sah ihn als Ketzer an. Katholische Fanatiker haben die Kanzel zerschlagen, auf der er predigte. Roussel starb bald darauf an den schweren Verletzungen (1550).

König ~Franz~ I. erkannte wohl, daß die Wahrheit auf Seiten des Protestantismus war. Aber ihm fehlte der sittliche Ernst und der Mut des Glaubens, seiner Überzeugung Folge zu geben. Er ließ es zu, daß das Bekenntnis zum Protestantismus als bürgerliches Verbrechen und Hochverrat gebrandmarkt wurde, und konnte mit eigenen Augen der Verbrennung evangelischer Glaubenszeugen zuschauen. Das Evangelium hatte jedoch bereits zu weit und zu tief Boden gefunden, als daß es mit Feuer und Schwert hätte ausgerottet werden können. Eine katholische und eine protestantische Partei -- man nannte im Süden des Landes die Protestanten ~Hugenotten~ -- standen sich gegenüber. Im Jahre 1562 wurde den Hugenotten Religionsfreiheit gewährt. Vielleicht hätten nunmehr Katholiken und Protestanten im Frieden nebeneinander gewohnt, wenn nicht eines der Häupter der katholischen Partei durch den Meuchelmord einer zum feierlichen Gottesdienst versammelten, wehrlosen Gemeinde von neuem den Kampf heraufbeschworen hätte. Ein langer Religions- und Bürgerkrieg endete mit dem Frieden von St. Germain (1570), der von neuem den Hugenotten die Freiheit ihres Bekenntnisses gewährleistete. Aber die furchtbare Bartholomäusnacht (24./25. August 1572), die Pariser Bluthochzeit, entfachte von neuem den Krieg, bis endlich das Edikt von Nantes (1598) den standhaften Hugenotten unter mancherlei Beschränkungen die Freiheit ihrer Religionsübung zusicherte. Heinrich IV., der dieses Edikt unterzeichnet hatte, fiel im Jahre 1610 einem fanatischen Meuchelmörder zum Opfer. Es blieb ihm unvergessen, daß er die königliche Macht nicht zur gänzlichen Ausrottung des Protestantismus in Frankreich benutzt hatte.

7. Italien und Spanien.

Luther ist selbst in Italien und in Rom gewesen. Als er zum ersten Male die Stadt schaute, sank er in die Knie und sprach: Sei gegrüßt, du heiliges Rom! In Rom hat er freilich Worte gehört, wie: Ist eine Hölle, so ist Rom darauf gebaut. Das das Wort viel Wahres enthielt, lernte er bald an dem sittenlosen Leben in Rom und an der Leichtfertigkeit der Priester in der Stadt des Papsttums kennen. Nirgends in der ganzen christlichen Welt herrschte solcher Unglaube und so finsterer, an das Heidentum grenzender Aberglaube. Kein Wunder, daß sich vielfach die Gebildeten von einer solchen Kirche abgestoßen fühlten. Frühzeitig fanden Schriften der Reformatoren, allerdings nicht unter ihrem Namen, in Italien Verbreitung. Ein italienischer Priester hat Luthers Auslegung des Vaterunsers gelesen und gesagt: »Selig sind die Hände, die dies Buch geschrieben, selig sind die Augen, die es lesen, und selig sind die Herzen, die es also beten werden.« Die Evangelischen im Venetianischen haben mit Luther im Briefwechsel gestanden.

Papst Paul III. war eine Zeit lang von evangelisch gesinnten Männern umgeben und scheint einst selbst an eine Reformation in Italien gedacht zu haben. Aber er ließ sich von den Feinden der Reformation dazu bewegen, mit aller Gewalt den Protestantismus in Italien auszurotten. Das ist in der furchtbarsten Weise geschehen. »In Venedig pflegte die Inquisition -- diese stöberte die Evangelischen auf und verurteilte sie -- die Beschuldigten um Mitternacht auszuschiffen. Draußen in den Lagunen wurden sie auf ein Brett zwischen zwei Gondeln gebunden; die fuhren auseinander und die See begrub schweigend ihr Opfer. In Calabrien wurden um diese Zeit Waldenser gejagt und geschlachtet wie wilde Tiere. In einem Hause wurden hier etwa 50 gefangen gehalten, der Henker holte einen nach dem andern heraus und schnitt ihm die Kehle ab. In Rom erfreute man sich am Schauspiel der feierlichen Verurteilung vor der Minervakirche und an der Verbrennung der insgeheim schon Erdrosselten.« Am Ende des 16. Jahrhunderts gab es keine Protestanten in Italien mehr.

Ähnlich ist es in ~Spanien~ gewesen. Viel mehr als in Italien ist hier auch das Volk vom Evangelium berührt gewesen. Das lag an der Verbindung Spaniens mit den evangelischen Niederlanden und mit Deutschland. Die Begleiter Karls V. hatten bei ihren Reisen in Deutschland reichlich Gelegenheit gehabt das Evangelium kennen und schätzen zu lernen. An vielen Orten hatten sich insgeheim evangelische Gemeinden gebildet, die in der Stille ihre Gottesdienste abhielten. Fleißig wurde die Heilige Schrift gelesen. Es schien um die Mitte des Jahrhunderts, als sollte der Protestantismus das Übergewicht erhalten. Aber auch in Spanien gelang es der unheimlichen Macht der Inquisition, den Protestantismus völlig auszurotten. Die »Autodafés« sind einer der furchtbarsten Schandflecke der Menschheit, insbesondere der christlichen Kirche. Da führte man »die Verurteilten im Sanbenito, der gelben Kutte, bemalt mit roten Flammen und schwarzen Teufeln einher; wo ein kühnes Wort zu fürchten war, trugen sie Maulkörbe.« 31912 Menschen sollen der Inquisition seit ihrem Anfange zum Opfer gefallen sein, bis Napoleon ihr im Jahre 1808 ein Ende machte. Schon im Jahre 1570 konnte sich Spanien rühmen, frei von der protestantischen Ketzerei zu sein. Papst Pius IX. aber hat eines der verruchtesten Scheusale unter den spanischen Inquisitoren, Peter Arbues, zum Danke für die der Reinheit der Kirche geleisteten Dienste im Jahre 1867 unter die Heiligen erhoben. Gott bewahre die Christenheit auf alle Zeit vor solchen teuflischen Männern!

Vierter Abschnitt.

Aus der Geschichte der evangelischen Kirche bis zum Ende des Reformationsjahrhunderts.

1. Der schmalkaldische Krieg.

Freue dich nicht, meine Feindin, daß ich darniederliege; ich werde wieder aufkommen.

Micha 7, 8.

Das »heilige römische Reich deutscher Nation« hat sich an unserm deutschen Volk und Vaterland vielfach und schwer versündigt. Römischer Geist und deutscher Geist haben nie zusammengepaßt. Deutschland war bis auf geringe Reste evangelisch geworden. Aber der »römische« Kaiser gab die Hoffnung nicht auf es zum Katholizismus zurückzuführen. So hat er einen Keil ins deutsche Volk getrieben. Bis in die Gegenwart hat es darunter zu leiden.

Auf mehreren Religionsgesprächen hatte man eine Einigung zwischen Katholiken und Protestanten herbeizuführen gesucht. Es stellte sich aber dabei immer heraus, daß die Katholiken unter Einigung nur die Unterwerfung unter den Papst verstanden. So war es geradezu ein Segen, daß sie sämtlich ergebnislos verlaufen sind. Auch auf der Kirchenversammlung, die der Papst im Dezember 1545 nach Trient berief, war von Verbesserungen der verderbten römischen Kirche gar nicht die Rede. Man bestritt den Protestanten das Recht, allein auf Grund der Heiligen Schrift Reformationen vorzunehmen; denn erstens seien die Beschlüsse der Päpste und der Kirchenversammlungen genau so viel wert wie die Bibel, und zweitens verstände auch die römische Kirche allein die Bibel richtig auszulegen.

An eine Unterwerfung der Protestanten auf gütlichem Wege war nicht zu denken. So hoffte denn Kaiser Karl V. sie mit Gewalt des Schwertes dazu zwingen zu können. Sobald er frei von seinen auswärtigen Feinden, insbesondere von Frankreich war, wollte er ans Werk gehen. Im Geheimen schloß er mit dem Papst einen Bund zur Niederwerfung der Evangelischen in Deutschland. Der Papst hat ihn selbst verraten. Er verhieß dem Kaiser »120000 Italiener Zuzug und 200000 Dukaten; dazu die Hälfte der jährlichen Einkünfte aller spanischen Klöster und die Erlaubnis, spanisches Kirchengut zu verkaufen bis zu 500000 Dukaten; ja wenn es nötig sei, werde er die Krone selbst verkaufen zur Unterstützung des Kaisers gegen die Ketzer.«

Auch in Deutschland selbst suchte sich Karl Hilfe für sein Unternehmen. Außer zwei Verwandten des vertriebenen Wolfenbüttler Herzogs (s. oben S. 97) gelang es ihm Herzog Moritz von Sachsen für sich zu gewinnen. Lange hatte dieser geschwankt, welcher Partei er sich anschließen sollte. Er wählte die, in deren Gefolge er sich den größten Vorteil versprechen durfte. Der Kaiser verhieß ihm als Lohn für seine Dienste die Stifter Halberstadt und Magdeburg, sowie Kursachsen. Im Anschluß an den Kaiser hat Herzog Moritz aber auch gelernt, daß dort der Grundsatz: »Der Zweck heiligt die Mittel« voll und ganz durchgeführt wurde. Er hat dann dem Kaiser Gleiches mit Gleichem vergolten.

Im Sommer 1546 sandten die evangelischen Verbündeten dem Kaiser ein Heer unter der Führung des wackeren Schärtlin nach dem Süden entgegen. Hätte man rasch gehandelt, so wäre es wohl gelungen, des Kaisers habhaft zu werden. Aber die Saumseligkeit der evangelischen Fürsten gewährte dem Kaiser Zeit, sein Heer zu sammeln. Auch jetzt noch hätten die Evangelischen den Sieg davontragen können, hätte es nicht ihrem Kriegsrat an Ernst und Entschiedenheit gefehlt. Inzwischen hatte Herzog Moritz fast ohne Schwertstreich Kursachsen besetzt. Der Mangel an Geldmitteln und die Besorgnisse, die die Nachrichten aus der Heimat weckten, nötigten die Verbündeten zum Rückzug nach Norden. Mitte Dezember erschien der Kurfürst Johann Friedrich von Sachsen in Thüringen. Mit jubelnder Freude begrüßte man ihn. Bald hatte er sein Land wieder besetzt und auch den größten Teil des albertinischen Sachsens erobert. Noch einmal schien es, als sollte ihm der Sieg zufallen. Da rückte der Kaiser mit Ferdinand von Böhmen und Moritz von Sachsen heran und überraschte den Kurfürsten. In der unglücklichen Schlacht bei Mühlberg (24. April 1547) verlor dieser Land und Freiheit. Herzog Moritz wurde mit Kursachsen und der Kurwürde belehnt. Den Söhnen Johann Friedrichs wurde ein Jahrgehalt gewährt und zu dessen Sicherung einige Thüringische Ämter verpfändet. Der Kurfürst blieb Jahre lang des Kaisers Gefangener, nachdem Karls Gnade ihm, dem Geächteten, das Leben geschenkt hatte.

Damals ging ein tiefes Trauern durch Sachsenland. Man kann's an Philipp Melanchthon erkennen. Der war aufs Tiefste bekümmert; erst über den Abfall des Herzog Moritz -- denn wenn dieser auch zehnmal beteuerte, daß keine Gewalt ihn zur Verleugnung seines evangelischen Glaubens zwingen könne, und daß es viel besser für Kursachsen wäre, wenn er, als wenn der Kaiser es besetze, so war es doch klar, daß sein Ehrgeiz nach Land und Kurhut des Vetters gestrebt hatte. Und wie groß war Melanchthons Schmerz um seinen gefangenen und entthronten Landesherrn! »Könnte ich auch so viel Thränen vergießen,« schrieb er, »als Wasser die Elbe herabfließt, so würde ich doch den Schmerz nicht ausweinen können, den ich über die Niederlage unseres Fürsten empfinde, welcher gewiß ein Freund der Kirche und der Gerechtigkeit war.«

Auch der Landgraf Philipp von Hessen geriet in die Gefangenschaft des Kaisers. Das Bündnis der Protestanten gesprengt, die fürstlichen Führer gefangen -- das war das Ende des Schmalkaldischen Krieges. Jetzt war der Kaiser wieder unumschränkter Herr in Deutschland. Auf seine Gnade war der Protestantismus angewiesen.

2. Das Interim.

Wir können nichts wider die Wahrheit, sondern für die Wahrheit.

2. Cor. 13, 8.

Daß es unmöglich war, den Katholizismus wieder zu unumschränkter Herrschaft im ganzen Reich zu bringen, sah Karl V. wohl ein. Noch gab es mächtige protestantische Fürsten und Städte. Auch sagte er sich, daß es ein undankbares Geschäft sei, für den Papst in den Krieg zu ziehen. Dieser hatte seine Versprechungen schlecht gehalten. Auch hatte er bald die Kirchenversammlung von deutschem auf italienischen Boden verlegt. Karl verfolgte ein doppeltes Ziel: Erstens wollte er die stark erschütterte kaiserliche Macht wieder zur Anerkennung bringen. Zweitens sollte in seinem Reiche die Einheit der Kirche wieder hergestellt werden. Auf beiden Seiten, auf katholischer wie auf protestantischer mußte etwas nachgegeben werden, damit solche Einheit zu Stande käme. Entzog sich der Papst dem kaiserlichen Wunsche die Kirche zu verbessern, so wollte es nunmehr der Kaiser ohne den Papst thun.

Das geschah auf dem Reichstage zu Augsburg im Jahre 1548. Man faßte den Beschluß, daß den Priestern die Ehe zu gestatten und das heilige Abendmahl unter beiderlei Gestalt auszuteilen sei. Der Pomp der katholischen Prozessionen und Feste sollte beibehalten werden. Den Protestanten räumte man den Satz ein, daß der Mensch nicht durch seine guten Werke, sondern durch das Verdienst Jesu Christi aus Gottes Barmherzigkeit gerecht werde. Man nannte diese Beschlüsse das ~Augsburger Interim~; denn sie sollten nur auf Zeit gelten, nämlich so lange, bis eine Kirchenversammlung eine endgiltige Entscheidung treffen würde. Nach des Kaisers Meinung sollte das Interim für Protestanten ~und~ Katholiken gelten. Aber mit Entschiedenheit lehnte es der Papst für seinen Teil ab, da es durchaus nicht Sache des Kaisers sei, Religionsgesetze zu erlassen. Selbstverständlich folgten dem Papst die katholischen Stände Deutschlands.

Wie stellten sich die deutschen Protestanten zum Interim? Standhaft weigerte sich der gefangene sächsische Kurfürst, dasselbe anzuerkennen, ebenso die Stadt Magdeburg. Die Kurfürsten von Brandenburg und von der Pfalz, der Landgraf von Hessen und der Herzog von Württemberg nahmen es an. Aber weithin setzten evangelische Prediger, die in der Annahme des Interims mit Recht eine Verleugnung der lauteren evangelischen Wahrheit erblickten, demselben entschiedenen Widerstand entgegen, unbekümmert darum, daß man sie aus Amt und Brot verstieß und aus der Heimat verjagte.

In einer schwierigen Lage befand sich Kurfürst Moritz von Sachsen. Dem Lande gegenüber hatte er zugesagt, die lautere Lehre des Evangeliums zu schützen -- diese enthielt aber das Interim keineswegs -- und der Kaiser forderte von ihm gehorsame Durchführung seines Willens. Moritz meinte beiden Verpflichtungen gegenüber gerecht werden zu können indem er einen Mittelweg einschlug. Diesen Weg sollte Philipp Melanchthon zeigen. Gern hätte der Kaiser Melanchthon in seiner Hand gehabt und unschädlich gemacht. Schon hatte er von Kurfürst Moritz dessen Auslieferung gefordert. Dieser aber antwortete dem Kaiser: »Euer Majestät möge sich besser erkundigen; sie wird sehen, daß sie unrecht über Magister Philipp berichtet ist, der, ein gottesfürchtiger, friedliebender und gelehrter Mensch, zu Wittenberg und in den Landen umher etliche gute Kirchengebräuche erhalten und viel Sekten und Uneinigkeit verhütet hat.« Melanchthon prüfte auf des Kurfürsten Befehl das Interim. Sein Urteil lautete: »Ich will überhaupt mein Gewissen nicht beladen mit diesem Buch; denn so die Regenten uns dringen würden, es also zu halten laut des Buchstabens, so würde eine große Verfolgung und viel Betrübnis und Ärgernis daraus kommen.« Die kurfürstlichen Räte thaten alles, Melanchthon zu bewegen in mancherlei Dingen, die zunächst die evangelische Lehre nicht betrafen, nachzugeben. Das Ergebnis ausgedehnter Verhandlungen der Wittenberger Theologen und des Leipziger Superintendenten Pfeffinger legte Kurfürst Moritz im Dezember 1548 dem Leipziger Landtag vor. Dieser nahm den ihm unterbreiteten Entwurf, das Leipziger Interim, nach mancherlei Widerspruch an.

Wie hat damals die Entschiedenheit, die Unbeugsamkeit und Standhaftigkeit Luthers gefehlt! Das Leipziger Interim mit seiner Unklarheit und seinem vorsichtigen Umgehen eines festen evangelischen Bekenntnisses war das traurige Zeugnis, daß es den Protestanten am Mute des Glaubens fehlte, der Luthers Stärke und Sieg gewesen war. Mit Gewalt suchte es Kurfürst Moritz in seinem Lande zur Anerkennung zu bringen. Daß es dauernden Frieden bringen könnte, hat wohl niemand ernstlich geglaubt.

3. Endlich Friede!

Ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr, nämlich Gedanken des Friedens und nicht des Leides, daß ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.

Jer. 29, 11.

Schmerzlich empfand es Kurfürst Moritz, daß die Evangelischen, insbesondere auch seine eigenen Unterthanen ihn für einen Verräter der protestantischen Sache ansahen. Es erschien ihm wohl nicht zweifelhaft, daß der Kaiser, wenn's ihm seine Macht und die Verhältnisse gestatten würden, auch gegen ihn Gewalt brauchen werde. Schon jetzt fühlte er sich gedrückt und in seiner Freiheit beeinträchtigt durch das Verlangen des Kaisers, in seinem Lande das Interim einzuführen und anzuerkennen, was die päpstliche Kirchenversammlung beschließen werde. Das alles führte ihn zu dem Entschluß, die Fahne des Kaisers zu verlassen und die Sache des Protestantismus zu retten.

Im Herbst 1551 lag Moritz mit seinen Truppen vor dem standhaften Magdeburg, um im Auftrag des Kaisers an der treuen Stadt die Reichsacht zu vollziehen. Zu ihrer Überraschung erhielt die Stadt bei ihrer Übergabe die mildesten Bedingungen. Die Festungswerke blieben unversehrt. Moritz hielt sein Heer auch weiter um sich versammelt. Im Geheimen hatte er sich mit Mecklenburg, dem Markgrafen von Brandenburg und den Söhnen Philipps von Hessen verbunden; auch mit Frankreich hatte er einen Vertrag geschlossen. Sorgsam mußte alles vor dem Kaiser verborgen werden. Und in der That ist diesmal der Sachse klüger gewesen, als der Kaiser mit seinen durchtriebenen Räten. Im Sturme drang Moritz nach Süden vor. Sein Ziel war Innsbruck. Hier weilte der Kaiser. »In seiner Spelunke« wollte Moritz »den Fuchs aufsuchen«. Öffentlich gab er eine Erklärung ab, in der er seinen Schritt rechtfertigte und begründete. Er wollte der Bedrückung des Evangeliums ein Ende machen und die deutsche Freiheit retten: »So haben wir einmal Herz und Mannheit geschöpft, daß wir das beschwerliche Joch von uns werfen und die alte löbliche Freiheit unseres geliebten Vaterlandes deutscher Nation erretten mögen.«

Leider wurde Moritz durch die Widersetzlichkeit seiner Truppen etwas aufgehalten. Sonst wäre es ihm gelungen »den Fuchs in seiner Spelunke« zu fassen. So aber gelang es dem Kaiser rechtzeitig aus Innsbruck zu entkommen. Im Vertrag zu Passau (Juli 1552) wurde den Evangelischen »bis zur endgiltigen Ausgleichung der zwiespältigen Religionen« der Friede zugesichert.

Das war zugleich das Ende des verhaßten Interims, aber auch das Ende der Gefangenschaft Philipps von Hessen. Johann Friedrich von Sachsen hatte bereits in der Nacht, als der Kaiser aus Innsbruck floh, die Freiheit wieder erlangt.

Was zu Passau vertragsmäßig festgesetzt war, sollte auf einem Reichstag zum Gesetz erhoben werden. Der Reichstag zu Augsburg (1555) erkannte den Zustand, wie er damals war, als zu Recht bestehend an. Leider gelang es den Evangelischen aber nicht, dem Protestantismus auch für seine weitere Entwicklung volle Freiheit zu erwirken. Die Katholiken setzten den sogenannten »Geistlichen Vorbehalt« durch. Darnach sollte es keinem Kirchenfürsten gestattet sein, mit seinem Lande die katholische Kirche zu verlassen und sein geistliches Fürstentum in ein weltliches zu verwandeln. Wollte er zur evangelischen Kirche übertreten, so sollte er seiner geistlichen Würde und seiner weltlichen Macht verlustig gehen. Das war das Mittel, wodurch die Römlinge verhinderten, daß das ganze Deutschland evangelisch wurde.

4. Das »Eintrachtsbuch«.

Seid allesamt gleich gesinnt!

1. Petri 3, 8.