Die erste Stunde nach dem Tode: Eine Gespenstergeschichte

Part 3

Chapter 33,282 wordsPublic domain

Der Baron fuhr unbeirrt fort: »Sie sind sich sogar dessen bewußt, daß Sie sich in einem Übergangsstadium befinden. Sie haben einen Begriff von den Prüfungen, denen Sie entgegengehen, von einem gewissen Gerichtsverfahren und von den Verdiensten, die Sie vor diesem Gericht geltend machen können. Dabei macht Ihnen unsere Sprache, unsere Begriffsbildung in diesem doch recht schwierigen Thema merkwürdigerweise gar keine Schwierigkeiten. Sie reden wie gedruckt und Sie reden dabei von der ewigen Gerechtigkeit, wie wenn Sie mit ihr verwandt wären, Sie reden ebenso von Gott und Tod und Hölle und Teufel und ich weiß nicht, wovon noch . . .« Der Baron war geradezu wütend geworden und ging mit großen Schritten im Zimmer auf und ab.

»Ja, glücklicherweise habe ich mich gerade mit diesen Dingen auch in meinem sterblichen Leben einigermaßen befaßt«, sagte das Phantom mit äußerster Zaghaftigkeit, »wenn auch lange nicht genug. Und nicht, daß ich sie verstanden hätte. Aber eine gewisse Sehnsucht zog mich immer wieder zu ihnen hin, und auch da hatte ich das Gefühl, daß es um ewige unumstößliche Wirklichkeiten gehe, die überall gelten müssen . . . Ach, leider habe ich dafür anderes vernachlässigt, und das rächt sich jetzt bitter an mir . . .«

»Sie schweigen?« rief der Baron unwillig, da eine kleine Pause eintrat. »Gerade auf das wäre ich besonders neugierig. Was ist es nun eigentlich, was sich an Ihnen rächt? Worin haben Sie gesündigt? . . .«

»Ich war«, kam es stockend, beschämt hervor, ». . . ich war, wie soll ich es sagen, in Kleinigkeiten sehr ungeschickt. Das heißt: ich hielt sie für Kleinigkeiten. Jetzt aber sehe ich, daß auch sie bedeutungsvoll sind und daß auch sie, wenn man sie mit der richtigen Sorgfalt anpackt, einen verehrungswürdigen Kern von Realität enthalten. Denn jetzt fehlen sie mir. Das ist eben das besondere Gesetz, unter dem wir Gestorbenen in der ersten Stunde nach dem Tode stehen. Aktion und Reaktion sind vollständig vertauscht. Das, was wir im sterblichen Leben ehrfürchtig, mit Schauder und Staunen bewundert haben, das ist uns jetzt vertraut. Was wir aber dort wegwerfend behandelt und zu einer seelenlosen gewohnheitsmäßigen Hantierung herabgewürdigt haben, das mutet uns hier fremd und unverständlich an. So geht es mir hier . . .,« er stockte wieder, »mit der Kleidung. Ich habe sie, offen gesagt, sehr vernachlässigt. Überhaupt, Etikettefragen verstand ich nie. Mit einem gewissen Hochmut setzte ich mich über sie hinweg und glaubte, infolge meiner sonstigen höheren Neigungen sogar ein Recht auf diesen Hochmut zu haben. Für ihn werde ich jetzt bestraft. Denn gewiß liegt auch in der Etikette, überhaupt im geregelten gesetzlichen Verkehr zwischen den Geschöpfen, im Maßhalten und Distanzgefühl etwas Allgemeingültiges und von Gott Gewolltes. Mag sein, daß dieses Distanzhalten übertrieben wird, daß nur ein Körnlein Wahrheit und sehr viel Lüge in ihm liegt. Aber eben auch dieses Körnlein Wahrheit zu finden war ich verpflichtet, und noch so arge Lüge, die es verhüllte, ist keine genügende Entschuldigung dafür, daß ich mich von dieser Hülle abschrecken ließ . . . Zur Strafe bin ich jetzt in allem derartigen ganz ratlos. Bedenken Sie nur, wie peinlich es für mich ist, daß ich immer noch nicht herausbringen konnte, in welcher Gestalt Sie vor mir stehen. Ich sehe Sie gar nicht. Ich glaube zwar, daß Ihre Stimme aus diesem schönen leuchtenden Körper kommt,« dabei zeigte er auf die Schreibtischlampe weit hinter dem Baron, der bei diesen Worten (vielleicht zum erstenmal in seinem Leben) ein eigentümliches Gefühl von Kleinheit und Unbedeutendheit empfand, was jedoch seine Erbitterung nur steigerte, »und ich, halte irgendwie dieses Licht für das Zentrum, der Persönlichkeit, mit der ich mich unterhalte. Im übrigen aber hebt sich für mich leider keine deutliche Gestaltung aus der Umgebung hervor. Und auch mit meiner eigenen Figur kann ich nicht ins Reine kommen, so sehr ich mich meiner neuen Welt anpassen möchte. Bald zuckt es in mir zusammen, bald fließt es auseinander. In allen Poren fühle ich ein Unbehagen. Glauben Sie mir, mir fehlt jedes Raumgefühl, alles torkelt mir schwindlig durch den Kopf. Ich kann die richtige Ebene nicht finden, in der ich mich zu bewegen hätte. Alles sehe ich schief.«

»Das merke ich nun wirklich«, fuhr von Klumm mit höhnischem Lachen auf.

»Jetzt erst merke ich, zu spät, wie recht ein Freund hatte, der mir immer von seinem Heimweh erzählte. Er war nur aus einer andern Stadt, nicht etwa aus einer ganz andern Welt zu uns gekommen, und immer wieder klagte er, wie unheimlich, ja geradezu wie bestraft er sich fühle. Was sich nämlich zu Hause unter einer Hülle lieber Gewohnheiten, in der Wärme des Körper-an-Körper-Sitzens im Familienkreis verborgen hatte, das trat jetzt nackt zu Tage: eine gewisse innere Leerheit und Sinnlosigkeit seines Lebens.«

»Dasselbe hat heute der Militärattaché gesagt«, murmelte der Baron, mit gespanntem Mißtrauen.

»Wenn man«, fuhr die Erscheinung ruhig fort, »in einem trügerischem Schein von ewigem Beschäftigtsein sein Leben hinbringt, immerfort fleißig und strebsam ist, immerfort sogenannte »ernste« Dinge treibt, die meist nur der banalen Notdurft des Tages dienen, seine Muße wiederum mit einem »Unernst« vergeudet, der jenem Ernst an Irrealität gleichwertig ist, -- kurz, wenn man nirgends die befreiende absolute Wahrheit sieht, sondern überall nur eine trübselige Notwendigkeit und Gewohnheit . . .«

»Das ist zuviel,« schrie der Baron, und ging mit geballten Fäusten auf das Phantom los, »jetzt reden Sie gar von mir!«

»Nein, von meinem Freund«, schrie die Erscheinung und wich mit dem Oberleib zurück.

»Haha, -- der sah also nirgends absolute Wahrheiten? Hören Sie, da laß ich ihn schön grüßen und ihm sagen, daß er ein ausgezeichneter Kerl ist, dieser Freund, und mein Mann. Genau so bin ich nämlich auch. Die nüchternen Tatsachen des Lebens erkenne ich an, relative Vernünftigkeiten, Zweckmäßigkeiten. Aber was Sie davon allgemein giltiger Realität faseln . . . Donnerwetter, gerade gegen solche törichte Ideologien anzukämpfen, darin sehe ich den bescheidenen, aber vielleicht doch nicht ganz unwesentlichen Sinn meines Daseins. Zum Teufel, ist denn jemand so kurzsichtig, der das nicht einsieht? Es gibt kein Recht für alle und keine Gerechtigkeit, weil jeder recht hat, jeder einzelne. Deshalb muß es ewig Krieg geben, Zwietracht von Mann zu Mann und Krieg der Völker untereinander . . .«

Kaum hatte der Minister diese Worte ausgesprochen, als das Gespenst sich mit einem Male wie umgewandelt gebärdete. War es bisher eines von der weinerlichen Sorte, sogar nahezu temperamentlos gewesen, so geriet es jetzt in einen zornigen Eifer, der dem des Barons in nichts nachstand. »Halloh, das ist ja Unsinn«, rief es und schien alle Zimperlichkeit mit einem Schlage vergessen zu haben: »Es gibt kein Muß und es gibt keine bloß relative Vernünftigkeit! Mit solchen Ansichten stecken Sie ja in einer ganz gewaltigen Verblendung.«

»Ich -- Verblendung? Ich, der anerkannt sachlichste Realpolitiker der Gegenwart? Selbst von den Gegnern als sachlich anerkannt? Und solch ein Phantast, solch ein Utopist wie Sie will das behaupten? Wissen Sie, daß ich Leute Ihres Schlages für die ärgsten, ja die einzigen Feinde der Menschheit halte?« Der Baron hatte die Erscheinung beim Arm ergriffen und zerrte sie hin und her, die Empörung hatte ihn vollständig übermannt. Doch auch die Erscheinung war wild geworden. Erregt tappte sie um sich, allerdings sehr ungeschickt, so daß sie den Baron verfehlte. »Ja, für einen solchen Feind« schrie dieser, indem er zur Seite sprang, »daß ich mir gar kein Gewissen daraus mache, Sie selbst samt Ihren läppischen Erfindungen jetzt auf der Stelle über den Haufen zu schießen.« Er war an den Schreibtisch geeilt, öffnete eine Kassette und begann mit zitternder Hand, den Revolver von neuem zu laden. Dabei aber schrie und zankte er ununterbrochen weiter und seine Stimme klang vor Wut und Aufregung immer heiserer: »Mit Ihrem albernen Gerede von ewiger Gerechtigkeit . . ., begreifen Sie gar nicht, daß Sie sich an dem heiligsten Gute der Menschheit versündigen? Wenn es nur _ein_ Recht und _eine_ Wahrheit gäbe, wo bliebe dann . . . die immanente Mißlungenheit, die Sinnlosigkeit alles Irdischen, die doch gerade darin besteht, daß alle, die aufeinander gegenseitig loshauen, alle, alle zugleich im Rechte sind, wo bliebe das Christentum, die Religion des Leidens, wo bliebe die ganze metaphysische Tragik des Erdenwallens?«

»Sie erbärmlicher Wicht«, schrie nun auch der Geist aus voller Kehle und in seine Stimme rollte etwas wie unterirdischer Donner, ja auch aus den Wänden und Fenstern schien es dunkel mitzusprechen, der Wind draußen setzte mit stärkerer Wucht ein und brachte vom Hochgebirg ein eigentümliches leises Pfeifen und Knistern mit, als lösten sich irgendwo in der Ferne die Fugen des uralten Gesteins und bereiteten sich vor, in feinen Staubbächen herabzurieseln. »Sie erbärmlicher Wicht«, schrie gleichsam die ganze sichtbare Natur in ihrer Empörung auf. »Ist es Ihre Sache, Gott ins Handwerk zu pfuschen, und die Tragik seines Werkes gönnerhaft besorgt zu protegieren, für die vielleicht genug und mehr als genug geschehen ist, wenn er solch schädliche Würmer wie Sie in seiner unendlichen Güte überhaupt nur weiterexistieren läßt, statt sie zu vertilgen?« -- Bei diesen Worten bog sich das Gespenst ganz zurück, als wolle es einen Anlauf nehmen, um das Menschlein einfach mit der Wucht seines Leibes niederzustoßen und dann zu erdrücken. Durch diese heftige Bewegung aber hatte es sich unversehens aus dem Parkett, in dem es noch immer bis zum Knie gefangen stand, frei gemacht. Es stieg nun vollends wie aus einer Versenkung empor, erstaunlicherweise jedoch hielt es mit dem Aufstieg nicht ein, als es die Ebene des Fußbodens unter den Sohlen hatte, sondern wie im Schwunge seines Ausholens erhob es sich weiter und fuhr nun frei in die Luft empor, doch nicht geradeaus, sondern schräg, als schwebe es eine unsichtbare Treppe hinauf. In dieser Bewegung kam es wie in einem eisigen Luftzug dicht am Baron vorbei, so daß es ihn also wieder verfehlt hatte. »Wehe mir«, schrie es jetzt mit kläglich-schneidendem Laut, indem es plötzlich etwa in halber Höhe des Zimmers einhielt und fast unbeweglich, nur mit leichtem Pendelschlag schwingend blieb. »Meine Sünde! Meine Sünde!«

Der Baron war zitternd in die Knie gestürzt, in weitem Bogen entfiel die Waffe seiner Hand und klirrte zu Boden. Nicht so sehr die Rede des Geistes als der furchtbare Anblick des in der Luft wie an einem imaginären Galgen hängenden Leibes, der an Gespenstigkeit all das Merkwürdige, was er an diesem denkwürdigen Abend bereits erlebt hatte, weit überbot, warf ihn aus seiner mühsam erkünstelten Fassung. Nun rührten die bebenden Worte von oben, die wie unmittelbar aus einem gequälten Herzen hervorgestoßen schienen, an einen Nerv seiner Seele, der schon lange nicht, vielleicht seit seinen ersten Kinderjahren nicht geschwungen hatte. »Meine Sünde! Meine Sünde!« wimmerte nun auch er und verdrehte die Augen. Denn weinen konnte er nicht mehr. Das hatte er in all den vielen Jahren ganz verlernt.

Eine Weile schrien nun beide jammervoll durch das Zimmer und erweckten den schaurigen Widerhall der leise knarrenden Möbel. Der Mond war untergegangen, völliges Dunkel herrschte außerhalb des Lampenscheines. Jetzt erst bemerkte man, daß ein ganz zartes, flimmernd bläulich-weißes Licht von den Konturen des Phantoms ausging, wie von einem Kamm, der knisternd durch Haare streicht. Es machte wirklich den Eindruck, als sei jedes Fäserchen im Kleide des Geistes bis zur Wurzel hinab schmerzlich aufgeregt und erschauere in dem fremden widerspenstigen Medium des irdischen Luftraumes, der sich bei der geringsten Bewegung als unangenehm krankhafte Reibung bemerkbar machte.

»Was ist Ihnen denn? Herr des Himmels, was ist Ihnen?« rief der Minister, dessen Wut völlig verraucht war und der nur noch Mitleid fühlte, Mitleid mit der armen verirrten Spukgestalt, noch mehr Mitleid aber mit sich selbst, denn er begann zu ahnen, daß sein Schicksal in jener unausweichlich gewissen Stunde nach dem Tode dem des Geistes verwandt, aber noch viel, viel entsetzlicher sich gestalten müsse.

»Sehn Sie denn nicht«, erklang es jämmerlich von oben. »Ich habe keinen Raumsinn, das ist es. Ich erkenne zwar, daß es hier Zimmer und Stockwerke, eine gewisse gesetzmäßige Anordnung von Oben und Unten, von Rechts und Links gibt. Aber ich kann diese merkwürdige Anordnung nicht in mein Gefühl aufnehmen, ich kann sie nicht von innen heraus empfinden . . . Und jetzt weiß ich auch schon, für welchen besonderen Vorfall meines Lebens diese Heimsuchung mich treffen soll.«

»O, es ist schrecklich«, wehklagte der Minister. »Was war es denn, was Sie verbrochen haben? Vielleicht kann ich Ihnen helfen. Wenn es in meiner Macht liegt, seien Sie überzeugt, daß ich nichts unversucht lassen werde . . .« Die gewohnten Diplomatenphrasen kamen tonlos, nur so kopfüber aus seinem blassen Munde gestürzt.

Der Geist antwortete auf sein Anerbieten gar nicht, er schien ganz in Erinnerung zu versinken und nur zu sich selbst zu sprechen: »Ein vornehmer Mann, ich glaube, er war Staatsminister, besuchte mich einmal, vielleicht in der besten Absicht, von lauterstem Wohlwollen erfüllt, in meiner armseligen Dachkammer. Er wollte von mir lernen, sagte er, wollte meine originelle Lebensweise, meinen Eigenbau in Weltanschauungen, so nannte er es wörtlich, mit eigenen Sinnen nachprüfen. Da ritt mich der Satan der Aufgeblasenheit, der richtige Proletarierstolz, und ich warf ihn eigenhändig die Treppe hinunter, wobei ich triumphierend ausrief: >Damit Sie wirklich sehen und am eigenen Leib fühlen, daß es bei mir kein Hoch und Niedrig, kein Oben und Unten gibt.<«

»Kein Oben und Unten. -- Und deshalb hängen Sie Unglückseliger jetzt in der Luft? -- Nun, aber es war damals wirklich nicht schön von Ihnen.«

»Ja, das schrie ich ihm damals nach, mit vollem Brustton und in der Überzeugung, etwas Großartiges ausgeführt zu haben. Leider bin ich ja so jähzornig, Sie haben vorhin eine Probe davon erlebt. Und es kam mir damals so naheliegend vor, so selbstverständlich, den Mann einfach am Kragen zu packen und hinunterzuwerfen. Nachher noch freute ich mich lange darüber, daß ich diesen glänzenden Einfall gehabt hatte, er schien mir aus meinem Innersten gekommen zu sein, ich konnte mir gar nicht vorstellen, daß die Sache anders hätte ausfallen sollen und dürfen. -- Jetzt aber fühle ich ganz genau, eben diese scheinbare Selbstverständlichkeit und Insichgeschlossenheit, diese handgreifliche Massivität und Sicherheit der Dinge ist die ärgste Gefahr, die ärgste Versuchung für die Sterblichen. Es kann gar nicht anders sein, denkt man, oder denkt gar nichts, beruhigt sich einfach dabei, daß es so ist, daß es Elend und Heuchelei und Massenmord und Verkümmerung gibt. Es ist nichts zu ändern und zu bessern, denkt man, und vergißt ganz, daß man bei sich selbst den Anfang machen könnte . . .«

Der Baron unterbrach ihn, zähneklappernd, mit dem Ausbruch seiner höchsten Angst: »Aber bedenken Sie, Liebster, wie wird es erst mir ergehen, wenn Sie schon wegen einer einmaligen geringfügigen Verfehlung oder vielmehr nur Vierschrötigkeit soviel auszustehen haben? In Etikette und Distanzfragen zwar werde ich mich auskennen. Aber in den vielen anderen und, wie es scheint, wichtigeren Dingen, die ich alle nur als Gewohnheiten gelten ließ und die sich infolgedessen alle gegen mich empören werden? Sogar an den Tod, pflegte ich zu sagen, haben wir uns gewöhnt. Also wird mir alles in der verdrehten Welt . . ., im Jenseits, wollte ich sagen, ganz überraschend neu und unerklärlich erscheinen, nicht wahr?«

»Ja, jetzt ergreift es mich«, rief das Gespenst in diesem Augenblick frohlockend aus, ohne sich um den von Entsetzen geschüttelten Staatsmann zu kümmern, »jetzt, jetzt weicht das Verhängnis von mir. Jetzt fühle ich, daß mir verziehen wird. Eine unvergleichliche Harmonie ergreift mich, erfüllt meine Glieder . . .« Freudetränen glänzten in den Augen des Greises, der verstummt war und mit einem sanften Lächeln auf seinen Zügen langsam zum Fußboden niederschwebte. Er hatte jetzt auch schon nicht mehr als die Größe und Gestalt eines normalen Menschen, das spitzige Nadelglitzern rings um seinen Körper war verschwunden. Nun hatte er das Parkett berührt. Sofort lösten sich auch seine Füße aus der unnatürlichen marionettenhaften Gebundenheit, und frei schritt er jetzt auf den Baron zu, den er auch schon richtig von seiner Umgebung zu unterscheiden schien. Er bemerkte jetzt, daß dieser auf der Erde kniete. »Stehn Sie auf«, sagte er freundlich und half ihm nach, indem er den Ächzenden emporhob. »Niemand ist unrettbar verloren . . . Mich aber reißt es jetzt mit Macht anderswohin. Welche andere Prüfungen sind mir noch beschieden? Oder stehe ich schon am Ende und bin für die höchste Ebene geläutert? Ich weiß es nicht. Ich fühle nur, daß meine Zeit in dieser terrestrischen Welt um ist, daß ich wieder in eine neue Sphäre auftauche, vielleicht -- o die Ahnung schon beseligt -- in eine reinere, als diese hier und als die meine es waren. Leben Sie wohl!«

»Nein, bleiben Sie«, rief der Baron verzweifelt, »Bleiben Sie bei mir. Sprechen Sie noch. Sie tun mir so wohl. Und damit will ich nicht sagen, daß ich mich nur an Sie gewöhnt habe. Nein, es ist etwas Wesenhaftes, Wirkliches, wenn Sie bleiben.«

Die Erscheinung schüttelte ernst den Kopf: »Ich darf es nicht.«

»Und wenn ich Sie kniefällig bitte. Wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Worte von unendlicher, ausschlaggebender Bedeutung für mein Seelenheil sein können, daß meine unsterbliche Erlösung in Ihrer Hand liegt.«

»Ein höheres Gesetz zwingt mich, zu gehen.«

In einer Demut, die er nie vorher gekannt hatte, neigte der Minister das Haupt. Die Erscheinung reichte ihm sanft die Hand.

»Dann sagen Sie mir wenigstens noch das eine: Welche erschütternden Erfahrungen, hohen Studien, welche Gelehrsamkeit und großartige Unterweisung haben Sie in Ihrer Sylphenwelt durchgemacht, um sich zu einer so hohen Erkenntnisstufe emporzuringen, daß Ihnen nach dem Tode wenig mehr als eine kleine Peinlichkeit beschieden war? Gewiß waren Sie Philosophenschüler und selbst Philosoph, waren ein großer verkannter Künstler, oder gar ein Apostel, ein Prophet, ein Religionsstifter?«

»Nein«, erwiderte die Erscheinung mit eigentümlich verhaltenem Lächeln. »Ich habe gelebt wie jeder andere. Ein Unrecht habe ich niemals geduldet, das ist wahr, aber zum Studieren hatte ich nur wenig Zeit. Mein Beruf freilich war sozusagen ein philosophischer. Oft mußte ich nämlich allein sein, in einer ganz engen finstern Kammer, fern von allen Menschen und nur auf mich angewiesen. Soetwas lädt zum Nachdenken ein. Ich war Schornsteinfeger.«

Der Minister zuckte zusammen. »Schornsteinfeger -- Schornsteinfeger« -- wiederholte er lallend.

Als er aufsah, war die Erscheinung spurlos verschwunden. -- -- --

Plötzlich schrie er auf und stürzte ans Telephon: »Hallo -- Irrenanstalt, Irrenanstalt.«

Der Nachtinspektor meldete sich.

»Ist Arthur Bruchfeß dort? Der Schornsteinfeger, der heute das Attentat auf mich verübt hat? Ist er nicht gerade vor einer halben Stunde gestorben?« Der Minister glaubte nichts anderes, als daß er die eben beendete Unterredung mit dem Spirit dieses Mannes gehabt hatte.

»Ich werde sofort selbst nachsehn, Exzellenz.«

Nach einer Weile, deren Spannung sich ins Unerträgliche ausdehnte: »Nein, Inhaftat Bruchfeß lebt, ist sogar auffallend ruhig und heiter. Er hat sich nicht zur Ruhe gelegt, sondern geht, ein Liedchen trällernd, in seiner Zelle auf und ab. Die Ärzte haben nicht die geringste Spur von geistiger Umnachtung feststellen können, nicht einmal eine besondere Erregung des Nervensystems.«

»Lassen Sie den Mann laufen, sofort« keuchte der Minister »die ganze Affäre wird niedergeschlagen. Man muß das alles anders machen, die ganze Justiz, die ganze Welt, alles . . . Haben Sie verstanden? Sofort in Freiheit setzen.«

»Zu Befehl, Eure Exzellenz.«

Schwer atmend fiel der Minister in seinen Sessel nieder, ununterbrochen versetzte er seinem Kopf leichte Schläge, wie um sich aufzurütteln und das Unsagbare zu fassen.

Da raschelte es in der Türe.

Die schöne Gabriele war eingetreten. Das laute Gespräch vorhin hatte sie nicht geweckt, wohl aber jetzt das Klingeln des Telephons. »Wann kommst Du endlich?« rief sie und spitzte schmollend ihre Lippen. So blieb sie, leicht erschauernd, stehn, denn sie trug nichts als ihr dünnes halbdurchsichtiges Nachthemdchen, das nur zwei hellblaue Seidenbänder über den glänzenden Schultern festhielten. Man sah ihr einfaches junges Gesicht, die zarten runden Arme und jene leichte apfelglatte Wölbung des kleinen Busens, die mehr als alles in der Welt selbstverständlich ist und zu vertraulichheimischem Vergessen, zur süßen Gewohnheit eines bewußtlosen Ausruhens verleitet. Auch ein Stärkerer als der Baron hätte diesem mit sanfter Gewalt berauschenden Anblick nicht widerstanden. Im nächsten Augenblick war er bei ihr. »Wie lang soll ich noch allein warten?« hauchte sie zärtlich, während er sie schon umfangen hielt und sich, mit stürmischer Freude, aus tiefster Brust aufatmend, der süßen mütterlichen Schlaflauheit, die von ihrem Körper ausging, und dem sachten Schlag überließ, mit dem ihn eine ihrer losgelösten Haarsträhne wie eine unendlich feine, melodisch aufklingende Zaubergerte an der Wange berührte.

ENDE

Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert.

End of Project Gutenberg's Die erste Stunde nach dem Tode, by Max Brod