Die erste Stunde nach dem Tode: Eine Gespenstergeschichte

Part 2

Chapter 23,630 wordsPublic domain

Die Erscheinung hatte jetzt ihre Augen geöffnet, große schöne braune, gar nicht unheimliche Augen, mit denen sie freundlich und still ungefähr in der Richtung auf den sich abquälenden Minister herabsah. Der Minister erwiderte, wie er es stets zu tun pflegte, diesen Blick mit Strenge und Festigkeit, trotz seiner kraftlos ausgestreckten Lage im Sessel, zwischen dessen Lehnen seine obere Körperhälfte wie auseinandergeworfen, ungeordnet, gleichsam auf den Misthaufen hingeschmissen herumlag. »Ihr Name ist . . .« sagte er nun schon sicherer und machte den Versuch, durch heftiges Augenzwinkern die Herrschaft über seine erstarrten Glieder wiederzuerlangen. Schließlich aber sah er die Aussichtslosigkeit dieses Versuches ein und wurde ganz still, da er fürchtete, sich vor dem Geist lächerlich zu machen. Daß er es mit einem wirklichen und nicht bloß gespielten Geiste zu tun hatte, war inzwischen seinem rastlos arbeitenden Gehirn klar geworden. -- Schon die Dimensionen der Erscheinung sprachen dafür. Sie war nämlich mehr als zweimal so groß wie ein irdischer Mensch, überragte also sogar die üblichen Panoptikumriesen, dabei gaben ihre Proportionen den gewohnten an Ausgeglichenheit nicht nach, hatten also durchaus nicht das Gewaltsame, Rohe, das uns jene Monstren auf dem Jahrmarkt so unheimlich macht. Unheimlich war hier nur, daß die seltsame Gestalt, wie zum Ausgleich für ihre Größe, aus einer merkwürdig lockeren Materie zu bestehen schien, durch welche man das hinter ihr liegende Fenster und sogar den das Mondlicht widerspiegelnden Gebirgskamm in der Ferne ganz matt durchschimmern sah. Ein erstaunlicher Anblick, der, wie sich von Klumm mit wissenschaftlicher Präzision eingestand, durch keinerlei Hokuspokus hervorgebracht sein konnte. Das Unerklärlichste aber blieb dabei, daß die Figur langsam und ganz allmählich einzuschrumpfen, in sich zusammenzusinken schien, wobei sie auch immer festeren Inhalt bekam, ohne übrigens ihre Umrisse oder Gesichtszüge im mindesten zu verzerren. Es wurde nur alles zierlicher, vertraulicher, gleichsam menschlicher an ihr. Überhaupt schien es dem Phantom, wie man jetzt deutlich merkte, durchaus nicht darum zu tun, Schrecken einzujagen. Es machte vielmehr (vielleicht war dies Sinnestäuschung, vielleicht aber eine richtige Beobachtung des immer mehr zur Besinnung kommenden Staatsmannes) ganz im Gegenteil den Eindruck, als wolle es Vertrauen gewinnen, ja binnen kurzem bot es den ganz unglaublichen Anblick eines Gespenstes, das sich selbst am meisten fürchtet, das bescheiden und ängstlich in die Ecke treten möchte, um nicht zu stören, und nur leider nicht von der Stelle kann, wodurch es in eine recht verlegene und verwirrte Stimmung gerät.

Der Minister raffte sich nun zusammen und setzte sich gewaltsam gerade auf. Seine erste Bewegung war, die Kompresse abzunehmen, die für sein Gefühl den guten Ton einer Privataudienz gröblich verletzte. Dann sagte er, schon ganz kaltblütig geworden: »Sie müssen mir aber Ihren Namen nennen, Ihren Namen.«

»Namen«, wiederholte das Gespenst, als suche es mit aller Anstrengung sich etwas klarzumachen. »Namen . . . Namen . . . Was ist das nur; Namen?« Die Stimme klang jetzt nicht mehr verschlafen, sondern rein und hoch, nur etwas zu vibrierend, um menschlichen Stimmbändern anzugehören. Ein Unterton von großer Schüchternheit und Demut war in ihr unverkennbar.

Der Baron sah wieder an der Gestalt empor, musterte sie von Kopf bis zu Fuß, vielmehr bis zum Knie -- denn sie stak immer noch teilweise unter dem Parkett. Wiederum trat eine Pause ein, in welcher nicht nur der Baron sich bequemer zurechtsetzte, sondern auch die Erscheinung zum erstenmal zu erkennen schien, daß sie Arme habe, -- zumindest sah sie jetzt mit erstauntem Blick an ihren Seiten herab und löste, ungläubig und zögernd, die Gliedmaßen von den Hüften, hob sie ein wenig und ließ sie wieder sinken. Dabei schien sie auch über die Bewegung ihres Kopfes, die sie jetzt zum erstenmal machte, in Staunen, sogar in Schrecken geraten zu sein, denn ihr Gesichtsausdruck wurde von Minute zu Minute ängstlicher, und die Starrheit der Kontur verfestigte sich nach diesen Bewegungsversuchen für die nächste Weile nur noch mehr.

Der Baron konnte, wie es seine engeren Parteifreunde nannten, unter Umständen »ganz ekelhaft madig« werden. Ein solcher Moment der Offensität war auch jetzt gekommen. Als wolle er sich für die knapp überwundene Kleinmütigkeit schadlos halten, fuhr er den Gast mit voller Stimme an: »Nun, zum Teufel, Sie müssen doch wissen, wie Sie heißen, wer Sie sind, was Sie hier wollen und wie Sie eigentlich hergekommen sind.«

Bei dem rauhen Klang dieser Worte schien sich die Erscheinung nun energisch zusammenzunehmen. Ein alter Mann, der sich auf etwas besinnen will, der ängstlich die weißen Augenbrauen zusammenzieht -- nicht viel anders sah das Gespenst jetzt aus. Doch brachte es nicht mehr hervor als die gezwitscherten Worte: »Ich glaube, ich bin eben hier hereingestorben.«

»Hereingestorben, -- was ist denn das?«

Wieder eine Pause.

»Sie -- was das ist, frage ich.«

»Ja, wenn ich das selbst wüßte, mein Herr« erwiderte der Greis. »Haben Sie Mitleid mit mir. Ich bin erst soeben gestorben, vor einem kleinen Weilchen, und ich habe so viele Sünden begangen. Wie soll ich mich da schon auskennen. Ich bin ja noch ganz benommen. Glauben Sie mir, eine Kleinigkeit ist es nicht.« Und nach diesen ersten wenigen zusammenhängenden Sätzen schloß er wieder die Augen, gleichsam ganz erschöpft von so viel Anstrengung.

»Merkwürdig« sagte der Baron »ganz eigentümlich . . . hm, hm. Das ist mir ganz neu.« Wie hilfesuchend griff er um sich und packte den Schirm seiner Schreibtischlampe. Diese Berührung schien ihn auf einen Einfall zu bringen. Den Schirm wie einen Stützpunkt festhaltend, drehte er sich im Sitzen herum, in den grellen Lichtkreis der Stehlampe und entzog damit zum erstenmal wieder das Gespenst seinem Blick. Plötzlich begann er krampfhaft zwischen den aufgehäuften Papieren und Büchern zu wühlen. Das waren doch seine ganz normalen Arbeiten, seine gewohnten Gedanken und Vorstellungen. Er suchte sich an einzelnen Worten und Ziffern, die er las, anzukrallen, festzusaugen, -- doch sie verschwammen vor seinem aufgeregten Blick, nichts konnte er entziffern. Immerhin dachte er nach einer Weile sich so weit zur Vernunft gebracht zu haben, daß er sich wieder ins Zimmer hinter sich umschauen zu dürfen glaubte. Langsam wagte er es und wandte sich wieder in die vorige Richtung. Da lag der dunkle, ins Unendliche verschwimmende Saal, in dem die elektrische Lampe nur den nächsten Umkreis, nahezu nur bis zu seinen Füßen, erhellte. Und knapp vor ihm schon wieder dieser langaufgeschossene Patron, der übrigens, was wirklich grauenhaft aussah, die Zwischenpause nicht dazu benützt hatte, um sich in eine bequeme Stellung zu arrangieren, sondern statt dessen starr und mit tiefem Ernst, wie in völliger Selbstvergessenheit eine Antwort des Ministers abzuwarten schien.

»Nun, Sie sagen also . . . Sie sind also gestorben . . . Und doch leben Sie . . . Was bedeutet das? Ich meine, können Sie sich nicht vernünftiger ausdrücken? Sind Sie also eigentlich gestorben oder sind Sie hier?«

»Ich bin hierhergestorben . . . wegen meiner Sünden.«

Der Baron schüttelte den Kopf. »Wegen Ihrer Sünden, das sagten Sie schon. Was für Sünden? Sie sind ein Mörder, nicht wahr?«

Eine heftige Bewegung des Abscheus ging durch den Leib des Gespenstes, es schüttelte sich von oben bis unten und, immer noch etwas unbeholfen, aber mit unbewußter Energie, hob es jetzt die Arme hoch empor und schlug sogar die Hände über dem Kopf zusammen, indem es jammervoll rief: »Ein Mörder! Ich, ein Mörder! -- Nein, Gott sei Dank, davon habe ich mich zeitlebens weit entfernt gehalten. Mordgedanken kann ich auch bei peinlichstem Nachforschen in meinem Gemüt, wie es damals war und wie es jetzt ist, nicht entdecken.«

»Also haben Sie gestohlen, betrogen, Schiebungen gemacht, Gaunereien -- oder sind unehrlich gewesen, nicht?«

»Unehrlich -- ja das vielleicht. Ich habe nicht immer und nicht bei jedem Schritt an die ewige Wahrheit der Dinge gedacht, obwohl ich immer und immer wieder diesen festen Vorsatz hatte.«

»Und das war Ihre ganze Unehrlichkeit?« lachte der Baron auf.

»O eine Sünde -- die allerärgste Sünde! Deshalb erlebe ich ja zur Strafe diese furchtbare Versetzung in eine andere Welt, deshalb ist ja meinem Sterben nicht ein Aufstieg in die höhere Sphäre gefolgt, sondern das entsetzliche Ausgestoßensein in eine beigeordnete, wo nicht tiefere Entwicklungsstufe.«

»Unfaßbar. -- Sie beharren also wirklich darauf, daß Sie gestorben sind?«

»Natürlich, das ist es ja, ich erlebe soeben das, wovor man sich am meisten fürchten soll, oder besser gesagt, was man als Zeichen der göttlichen Gerechtigkeit am meisten ehrfürchten soll, -- ich erlebe die erste Stunde nach meinem Tode.«

»Das muß wirklich interessant sein«, fuhr es unbedacht aus dem Mund des Barons heraus. »Das heißt . . . ich wollte sagen . . . Bitte, möchten Sie nicht Platz nehmen? Davon müssen Sie mir mehr erzählen. Wie ist denn das, in der ersten Stunde nach dem Tode? Sie müssen wissen, mit diesem Gedanken, das heißt damit, mir diesen Zustand auszumalen, habe ich mich schon oft in müßigen Stunden beschäftigt. Ich habe ja immer viel zu tun, leider, leider. Aber manchmal, sehn Sie, zwischen den wichtigen Staatsgeschäften fällt einem doch etwas so Abstruses ein, ja ich muß es abstrus nennen, denn wie kann ein lebender Mensch wissen oder sich richtig vorstellen, wie es nach seinem Tode in ihm zugehen mag. Das ist ja schlechterdings eine Unmöglichkeit, eine Absurdität. Nun, item, ich habe ein gewisses Maß von Vorliebe für diese Sache, ich behalte ständig diese Angelegenheit im Auge . . .« Unwillkürlich geriet er, je mehr er in Eifer kam, in die feingedrechselten Redensarten, mit denen er seit Jahren Petenten und Deputationen mechanisch abzufertigen pflegte. So sehr hatte dieses Gespräch schon den Charakter des Absonderlichen und Geisterhaften für ihn verloren, so sehr betrachtete er es als eine gar nicht mehr gruslige Konversation. »Kurz und gut, ich denke mir in dieser ersten Stunde . . . hehe, wenn ich so sagen darf, alles recht finster und leer und öde um einen herum. Das Nichts, verstehen Sie, das Nichts in des Wortes allerschärfster Bedeutung. So stelle ich mir es vor. Natürlich fällt es mir gar nicht ein, meine Erfahrungen mit den Ihrigen zu messen oder gar in eine Reihe stellen zu wollen. Verzeihen Sie meine Schwatzhaftigkeit. Ich werde mit weit größerem Vergnügen Ihren Ausführungen lauschen, als ich gesprochen habe. So, ich bin schon ganz Ohr. Bitte, setzen Sie sich, hier . . .«

Das Gespenst hatte ziemlich ratlos seine Augen umherwandern lassen, jetzt hefteten sie sich auf den Klubfauteuil, den der Minister heranrückte. Die Worte schienen von ihm verstanden worden zu sein, denn nun setzte es sich gehorsam und so schnell, als es seine immer noch festgeklammerten Füße zuließen, wobei es allerdings eine gewisse Unvertrautheit mit dem Gebrauch einer Sitzgelegenheit verriet, denn es ließ sich über beide Armlehnen zugleich nieder. Allerdings hätte es seine immer noch riesenhaften Körperformen nur schwer in den breiten Fauteuilgrund einzwängen können.

»Reden Sie also, erzählen Sie mir etwas von diesem Paradies, das unsere Pfaffen so gut zu kennen vorgeben.«

»Vom Paradies!« erwiderte das Gespenst mit einem Seufzer. »Wie sollte ich niedriges Wesen Ihnen etwas vom Paradies erzählen können, in das ich vielleicht nach Billionen Jahren, vielleicht niemals Zutritt erlangen werde.«

»Also erzählen Sie meinetwegen von der Hölle«, warf der Minister mit einer verbindlichen Handbewegung wie einen kleinen Konversationsscherz hin.

»Der Hölle scheine ich ja allerdings, wenn mich nicht alles trügt, entronnen zu sein«, erwiderte die Erscheinung mit einem nicht gerade zuversichtlichen Blick rundum, doch schien ihr schon dieser Blick eine Vermessenheit zu bedeuten, denn sie verbesserte sich sofort mit stiller Bescheidenheit. »Sie dürfen übrigens nicht glauben, daß das etwas Besonderes ist. Die Extreme, volle Erlösung und volle Verdammnis sind wahrscheinlich, so vermute ich mindestens, im ewigen Sein ebenso seltene Ausnahmen wie im sterblichen Leben. Die Mittelstufen mit ihren tausendfältigen Abschattierungen überwiegen weitaus. So eine Mittelstufe scheint auch, obwohl ich mir darüber durchaus nicht klar bin, mein Los zu werden.«

»Nun, ich danke, für meinen Geschmack würde das Nichts, das absolute Nichts nach dem Tode schon Hölle genug bedeuten.«

»Das Nichts?«

»Nun, das Nichts, von dem ich vorhin sprach, der Wegfall aller sinnlichen Empfindungen, aller Wünsche und Freuden und Leiden.«

»Verzeihen Sie, da habe ich Sie wohl schon vorher nicht ganz richtig verstanden. Sie müssen mit mir Nachsicht haben, ich gebe mir die allergrößte Mühe, aber ich bin von all dem Neuen, das ich erlebe, so aus der Fassung gebracht, so betäubt, daß ich Ihnen trotz Ihrer Freundlichkeit nur schwer folgen kann. -- Ein Nichts nach dem Tode, sagten Sie? Da hätte ich eigentlich sofort widersprechen müssen. Gerade das Gegenteil davon trifft ja zu. Eine solche Fülle frischer ungeahnter Eindrücke fällt nach dem Tode über einen her. Es kostet die größte Anstrengung, sich dieses Ansturms zu erwehren . . .«

»Neue Eindrücke . . . im Momente des Todes?«

»Nicht gerade im Momente des Todes. Da gibt es allerdings einen kleinen Augenblick von gemindertem Bewußtsein, in dem man nichts fühlt als einen heftigen Riß, eine vorher ganz unbekannte starke, aber ganz kurze Empfindung, mit der sich die Seele vom Körper löst, ein Zucken, von dem ich nicht sagen könnte, ob es der Lust oder dem Schmerz verwandter ist. Aber wie gesagt, das dauert nur den Bruchteil einer Sekunde lang. Dann ist die Seele von Materie frei, ganz rein und losgebunden. Das aber ist gerade das Anstrengende. Wie soll ich es nur beschreiben? Unser ganzes Leben lang hatten wir damit zu tun, unsere Materie, die ja, seien wir aufrichtig, den Schwerpunkt unseres Daseins bildete, mit Geistigem und Gefühltem, mit seelischem Leben vollzusaugen, das wir aus den wogenden Lebensströmen rings um uns für unseren Gebrauch entnahmen. Plötzlich ist unsere Seele frei, bildet gleichsam einen materielosen Hohlraum, eine luftleere Blase mitten in der Materie. Die Materie aber, die gewohnt ist, sich am Seelischen zu nähren, gleichsam vollzusaufen, stürzt natürlich von allen Seiten mit rasender Begierde auf diesen Hohlraum zu und versucht sich einzudrängen. Alle Arten von Stofflichkeiten, auch solche der tiefsten Lebensformen, möchten von der eben freigewordenen Seele Besitz ergreifen, möchten sich an ihr nähren und emporpäppeln. Diese ersten Minuten sind schrecklich. Ich kann ja sagen, mir ist es dabei noch ganz gut gegangen, ich hielt mein kleines Bündel Seelensubstanz tüchtig beisammen. Viele Seelen aber werden schon in diesen ersten Augenblicken ihres neuen Daseins in Stücke gerissen, einfach zerfetzt, und es graut mir geradezu, wenn ich mir ausmale, was eine solche in Atome zerbrochene Seele zu leiden hat, die ja doch noch bei all dem ihr einheitliches Ichbewußtsein behält und nun zu gleicher Zeit in einem Regenwurm, einem Baumblatt und vielleicht in ein paar Bazillen darauf, die einander gegenseitig vertilgen, weitervegetieren muß. Ich nehme an, daß gerade das der Zustand ist, den man Hölle nennt.«

»Nicht ausgeschlossen«, unterbrach der Baron mit dem Lächeln, das er für ertappte Gegner zu verwenden pflegte. »Nur möchte ich wissen, woher Sie nicht nur über Ihr eigenes Schicksal, sondern auch noch zum Überfluß über das anderer Seelen so genau Auskunft zu geben wissen. Ohne Ihnen nahetreten zu wollen, -- sind Sie sich klar darüber, daß Sie sich hier auf ein Gebiet begeben haben, auf dem allen Phantasien und Täuschungen, insbesondere Selbsttäuschungen, Türe und Tor geöffnet ist? Haben Sie sich in dieser Hinsicht ernstlich genug geprüft? Sind Sie Ihrer so vollständig sicher, daß eine kleine . . . ich will nicht Lüge sagen . . . eine kleine Übertreibung oder Entstellung der Wahrheit ganz ausgeschlossen erscheint?«

Der Greis war gar nicht beleidigt, im Gegenteil, er schien für jede Ermahnung dankbar und verfiel sofort, nachdem er das Vorige in gewissermaßen ruhigem Ton geäußert hatte, in seine anfängliche reuige Zerknirschung: »O, Sie haben recht. O, wie recht Sie haben. Offenbar sind Sie mir als Richter bestimmt, vor dem ich mich zu verantworten, nein, nicht verantworten, vor dem ich meine Verfehlungen zu beichten habe. -- Ja, es ist wahr, ich habe mich durchaus nicht genügend geprüft und habe mich, obwohl es mein ernstlicher Wille war, auch vor eitlen Selbsttäuschungen nicht hinreichend gehütet. Meine Einsieht, wenn ich die erbärmlichen Resultate meines Lebens so nennen darf, reichte gerade noch aus, um mich die erste Prüfung nach dem Tode, die Attacke der Materie, bestehen zu lassen. Ich verstand in diesem Moment mit wirklich merkwürdiger Hellsichtigkeit nicht nur alles, was mit mir, sondern auch was mit anderen eben Gestorbenen rings um mich vorging. Schreckliches habe ich da in wenigen Minuten gesehen, noch Schrecklicheres ist mir wie in Ahnungen klar geworden. Ganz rein konnte ich mich übrigens trotz meiner verzweifelten Gegenwehr doch nicht erhalten. Ich sehe, daß da schon wieder allerlei Fremdes an mir herumhängt, was mit unsterblicher Substanz nichts gemein haben dürfte.« Bei diesen Worten betastete er traurig seine Rockknöpfe und zog das Jackett, das er trug, mit einer Bewegung über dem Magen zusammen, der man anmerkte, daß ihm dieses Kleidungsstück etwas ganz Unerklärliches war, daß er es vielleicht für einen Körperteil hielt.

»Trösten Sie sich, alle Kleidungen haben etwas Groteskes« beruhigte ihn der Minister mit Herablassung.

»Kleidung nennen Sie das . . . Ach so, nun verstehe ich. Unsere Kleidung sah allerdings ganz anders aus. In der sylphischen Sphäre, aus der ich stamme, besteht die Kleidung in einer gewissen, sehr hohen Geschwindigkeit, mit der sich die Individuen beständig kreiselförmig um sich selbst drehen.«

»Eine Sylphe sind Sie also, eine Sylphide.« Eine ganz schwache Erinnerung an die schöne Gabriele und ihren Sylphentanz im letzten Ballett schwebte am Baron vorbei, »Sylphen stellen wir uns allerdings ganz anders als in Ihrer Figur vor.«

»Sie sind auch ganz anders, wahrhaftig, und leben auch ganz anders als ich es jetzt tue. Ich bin schon auf dem Übergang in Ihre Welt begriffen, lebe schon halb und halb, so gut ich es kann, als Mensch. Das ist ja eben die zweite schwerere Prüfung, die ich durchzumachen habe: man wird plötzlich in eine ganz andere Welt unter ganz neue Bedingungen versetzt, alle Gewohnheit des Alltags, alle Routine fällt infolgedessen von einem ab, und gerade das ist der Prüfstein, an dem sich zeigt, wieviel wirkliche, für alle nur irgend möglichen Welten geltende Realität man in dem einen Leben zu erwerben gewußt hat . . .«

»Sie sind also gar kein toter Mensch, sondern aus einer andern Welt?« fragte der Baron und lehnte sich, wiederum etwas fassungslos geworden, zurück.

»Ich bin aus einer andern Welt hier hereingestorben«, wiederholte das Gespenst geduldig.

»Vom Mond etwa oder vom Sirius?«

»Nein, aus einem ganz andern Weltsystem, wie ich schon sagte.«

»Aus der Milchstraße also oder dem Orionnebel?«

»Wenn Sie in Ihrer Körperwelt noch so weit gehen, unendlich weit, so können Sie meine Heimat trotz allem nicht finden. Meine Heimat ist ein Reich anderer Sinne oder war es vielmehr bis heute, ich zähle mich aber noch ein wenig zu ihr. Wir Sylphen sehen nicht, wir hören und riechen nicht und werden nicht gehört und gesehen. Wir haben dafür andere Organe, eine andere Schwere und andere Naturgesetze. Dem Raume nach aber leben wir unter euch Menschen, mitten unter euch. Es gibt eben unendlich viel Welten, die sind aber ineinandergeschoben, nicht nebeneinander laufend, und trotz ihres unmittelbaren Beisammenseins wissen sie nichts von einander. -- Auch mir war bisher eure Welt samt Sternenhimmel und Milchstraße und allem, was eure Sinne fassen, vollständig verborgen. Ich bin völlig überrascht, daß ich, ohne mich von der Stelle gerührt zu haben, nur gleichsam durch eine innere Umschaltung der Organe in eine so völlig ungeahnte neuartige Umgebung versetzt bin.«

»Warten Sie, nicht so schnell! -- Ich muß das erst fassen«, rief von Klumm und preßte die Hand an die von pochenden Adern schmerzhaft durchpulste Stirn. »Es ist Ihnen also alles ganz neu? . . . Nun immerhin, das muß ich sagen . . . vorausgesetzt, daß das alles wahr ist, was Sie da erzählen, . . . immerhin benehmen Sie sich, wenn Ihnen wirklich alles neu ist, anerkennenswert korrekt und sicher. Es ist mancher so vor mir gesessen, wie Sie jetzt hier sitzen, und hat vor Verlegenheit nicht ein noch aus gekonnt. Sie müssen wissen, ich bin -- das darf ich ohne Selbstüberhebung sagen -- ein ziemlich einflußreicher Mann, und seltsamerweise sagt man mir nach (ich weiß selbst nicht, wie ich zu diesem Ruf komme), daß mein Auftreten etwas Imponierendes an sich hat und daß es auch für den Mutigsten und Frechsten schwer ist, die Contenance zu bewahren, wenn er mir gegenübersteht.«

Hier gab das Gespenst, das bisher die Unterredung mit ebenderselben Spannung geführt hatte wie der Baron, zum erstenmal ein Zeichen von Interesselosigkeit von sich, ein recht deutliches Zeichen sogar, indem es seinen Blick auf eines der Fenster heftete und die Landschaft draußen mit sichtlichem Vergnügen zu betrachten begann, wobei es den Kopf reckte und sich sogar halb von seinem Sitz erhob.

Der Minister war Weltmann genug, dies nicht zu bemerken.

»Die schönen Berge«, sagte das Gespenst, und ein sehnsuchtsvolles Aufatmen hob seine Brust.

»Auch unsere irdischen Berge erkennen Sie also sofort«, sagte der Minister im Ton einer gewissen kühlhöflichen Galanterie. »Ich mache Ihnen mein Kompliment über Ihr schnelles Orientierungsvermögen. -- Gibt es denn auch in Ihrer Welt so etwas wie Berge?«

»Nein. Bei uns drückt sich alles (oder vielmehr: drückte sich alles) in elektrischen Wellen, rotierenden Lufttrichtern und Wirbeln aus.«

»Und dennoch . . .«

»Aber natürlich gibt es auch in dieser Materie Naturschönheiten, erhabene Erscheinungsformen der ewigen Kräfte, des Wachsens und Vergehens. -- Da ich nun mein ganzes Leben lang, so oft ich in die freie Natur hinaus kam (es geschah bei meinem abscheulichen Berufe selten genug) . . ., da ich vielleicht gerade deshalb, weil es mir so ungewohnt war, die Herrlichkeiten der Natur mit einem wahren Durst und Entzücken in mich aufnahm und jedesmal dabei in mir ohne weiteres das Gefühl wach wurde, daß ich in diesem Genuß irgendwie an ein Ewiges, Allgemeingiltiges, ganz unerschütterlich Wirkliches rührte, eben deshalb bin ich möglicherweise jetzt befähigt, in allem, was Naturschönheit betrifft, auch in der neuen Welt mich schnell auszukennen und sofort zu fühlen, wo ich auch hier auf ein Wesentliches in dieser Beziehung stoße.«

»Höchst sonderbar. Mache ich Ihnen nicht nach, wahrhaftig . . . Wenn ich aus einem Alpenpanorama von lauter Luftwirbeln käme . . . pardon, so sagten Sie doch . . . aus lauter Seifenblasen, nicht wahr, also ohne Steine, ohne Schnee, ohne Pflanzen, ohne Farbe . . . natürlich auch ohne Farbe . . . das muß ich sagen, dann wäre ich beim Anblick der wirklichen Berge so verblüfft, so verblüfft . . .« Der Baron versank in Brüten, endlich fuhr er auf. »Mit einem Worte, ich wäre verblüfft.«

»Sie wollen mich verspotten«, klagte das Gespenst. »Bin ich am Ende noch zu wenig verblüfft und verwirrt? Nur gerade der freien Gottesnatur gegenüber fühle ich etwas mehr Vertrauen.«

»O nein, auch in anderem kennen Sie sich ganz erstaunlich aus. Ja, es scheint mir sogar, in den Hauptsachen. Sie wissen genau, ich muß direkt sagen, unnatürlich genau Bescheid darüber, woher Sie kommen und wohin Sie gehen.«

»O ich weiß es nicht, mein Herr, ich weiß es nicht.«