Die erste Stunde nach dem Tode: Eine Gespenstergeschichte
Part 1
DIE ERSTE STUNDE NACH DEM TODE
EINE GESPENSTERGESCHICHTE VON MAX BROD
MIT DREI ZEICHNUNGEN VON OTTOMAR STARKE
LEIPZIG KURT WOLFF VERLAG 1916
Gedruckt bei E. Haberland in Leipzig-R. September 1916 als zweiunddreißigster Band der Bücherei »Der jüngste Tag«
COPYRIGHT 1916 By KURT WOLFF VERLAG · LEIPZIG
DER kleine absonderliche Zwischenfall ereignete sich, als Staatsminister Baron von Klumm an der Spitze einer größeren Gesellschaft hervorragender Diplomaten das Palais des Repräsentantenhauses verließ.
Ein schmächtiger Mann drängte sich durch die Kette der Wachleute, lief, allen sichtbar, sehr schnell oder überpurzelte sich vielmehr die breite Prachttreppe hinauf, deren oberste Stufe der Minister eben betreten hatte, und fiel, oben angelangt, auf die Knie nieder, indem er ausrief: »Herr Minister, lassen Sie unseren Feinden Gerechtigkeit widerfahren, und wir haben den Frieden!«
Baron von Klumm lächelte verbindlich und ohne jedwede Verlegenheit: »Sie heißen --?«
»Arthur Bruchfeß.«
»Und von Beruf sind Sie?«
Der Mann warf eine blonde Haarsträhne, die ihm beim Laufen vornüber ins Gesicht gefallen war, aus der Stirne zurück: »Schornsteinfeger.«
»Mein lieber Herr Bruchfeß, und wenn Sie Ihren Schornsteinen Gerechtigkeit widerfahren lassen, werden sie Sie dann weniger anschwärzen?«
Da waren schon fünf, acht, fünfzehn Polizisten keuchend angelangt und legten ihre Hand auf den sehr verdutzt dreinschauenden Bittsteller.
Inmitten der zusammengedrängten Schar der Würdenträger, die aus erleichtert aufatmender Brust jetzt nachträglich den Ministerwitz bekicherte, war von Klumm schon weiter hinabgeschritten.
Ein braun abgebrannter hagerer Greis trat an ihn heran, hinter ihm regten sich geschäftige Gesichter: »Die Information für die Presse.«
Der Minister blickte auf, sah einen Augenblick lang zögernd umher.
Der Chef der Geheimpolizei erriet seine Überlegung: »O ja, man hat es allgemein gesehn und bemerkt.«
»Wurde von einem schwachsinnigen Individuum attackiert« diktierte der Minister gleichsam in die Luft. »Sofort Wache. Schritt ein. Attentäter ins Irrenhaus gebracht. Ärzte konstatieren. Staatsminister erledigte wie sonst seine Tagesgeschäfte. Meinen kleinen Scherz natürlich unterdrücken. Adieu, Herr Geheimrat.« --
»Ich weiß nicht, was ich an Ihnen mehr bewundern soll,« sagte Herr von Crudenius, der Militärattaché einer verbündeten Macht, der bald hierauf mit Herrn von Klumm in dessen Wagen zur Botschaft fuhr -- die versammelte Volksmenge brach in Hochrufe aus -- »Sie stellen Ihre Verehrer vor allzu schwere Aufgaben, -- Ihre heutige Rede im Repräsentantenhaus, die ein oratorisches Meisterstück war, Ihr schlagfertiges geistvolles Aperçu an den Unbekannten oder den erstaunlich sicheren Takt, mit dem Sie die Wiedergabe dieses Aperçus sofort unterdrücken.«
»Routine, lieber Herr von Crudenius, nichts als Routine. Natürlich Routine nicht im schlechten Sinne des Wortes, etwa als Gewissenlosigkeit, Herzlosigkeit. Nein, ich will mich nicht überflüssigerweise heruntermachen, bin auch durchaus nicht der Bescheidenste im Land. Ich will nur sagen: man lernt das, man gewöhnt sich daran, wie man sich an alles gewöhnt. Neunzehn Zwanzigstel unseres Lebens sind blinde bewußtlose Gewohnheit.«
»Dasselbe sagten Sie eben auch im Parlament, Herr Baron. Ich staune über Ihren Mut. Den Beifall der konservativ-nationalistischen Gruppe haben Sie sich gleich anfangs verscherzt, als Sie gegen jede Prestigepolitik sprachen. Und zum Schlusse forderten Sie wiederum die sogenannten Fortschrittsparteien zum Widerspruch heraus, indem Sie das Stehenbleiben auf Sitte und Tradition rühmten.«
»Nicht rühmten,« unterbrach der Baron, dessen kluger Kopf keine Spur von geistiger Abgespanntheit zeigte, wie es nach der anstrengenden fünfstündigen Sitzung eigentlich begreiflich gewesen wäre. »Ich rühmte nicht. Ich stellte nur fest. Stellte, wenn Sie wollen, sogar mit Bedauern fest. Ich bin nun einmal, so weit kennen Sie mich ja, ein fanatischer Anbeter von festgestellten Tatsachen und Wahrheiten. Ich fühle mich verantwortlich für das Wohl und Wehe des Reiches, in des Wortes schwerster Bedeutung vor meinem Gewissen verantwortlich. Als verantwortlicher Mann muß ich nüchternste Realpolitik treiben und bin ein abgesagter Feind aller Ideologien, mögen sie nun von rechts oder von links kommen, mögen sie chauvinistisch mit dem Säbel klirren oder aufgeklärt mit der Friedenspalme rasseln. Wahrhaftig, lieber Herr von Crudenius, Ideologen, Utopisten, unverantwortliche Phantasten halte ich für die Ärgsten, die einzigen Feinde der Menschheit.«
Der Attaché lachte: »Und wenn man's genau nimmt, haben Sie immerfort mit solchen Leuten zu tun, Sie Bedauernswerter. Der Mann auf der Treppe -- und die Volksmänner drinnen, denen Sie die wahre sittliche Würde des Krieges erklären mußten -- ist es nicht, im Grunde genommen, immer ein und derselbe Feind. Verkehrtheit und überspannter Idealismus gegen die gesunde Menschennatur.«
»In Ihre Hand würde ich den Auftrag, meine Biographie zu schreiben, mit Beruhigung legen,« sagte der Minister nicht ohne leise Ironie. »Sie haben mich sozusagen heraus. -- Mit der einen Einschränkung vielleicht: Ich bin kein Freund Ihres Handwerks.« Er zeigte auf den troddelgeschmückten Säbelgriff seines Nebensitzenden. »Wiewohl ich heute manches derartige gesagt habe, weil ich es sagen muß. Ich bin überhaupt nichts weniger als ein Freund dieses Krieges, der nun schon das zwanzigste Jahr lang andauert.«
»Aber Sie sagten, unter dem Entrüstungssturm der Sozialdemokraten, daß man sich an den Krieg gewöhnt hat.«
»Das sagte ich, weil es wahr ist, einfach unbestreitbare Tatsache. Bester Beweis: ebendieselben Sozialisten bewilligen uns jedes Jahr glatt unsere Kriegskredite. Aber zwischen Gewohnheit, und Freundschaft liegt doch wohl noch so manches, nicht wahr? Man hat auch üble Gewohnheiten, und ich stehe nicht an, den Dauerkrieg als eine solche üble Gewohnheit Europas zu bezeichnen. -- Aber wer wagt es ernstlich zu bestreiten, daß wir den Krieg restlos in die Reihe unserer sozusagen instinktiven Lebensfunktionen mit eingereiht haben? Kein Wunder, die meisten von unserer repräsentativen Generation waren noch schulpflichtige Kinder, als der Krieg begann. Wir sind mit dem Krieg aufgewachsen und werden zweifellos nicht so lange leben wie er. Die heutige Jugend weiß gar nicht, was dieser sagenhafte Zustand »Frieden« bedeutet, den sie nie erlebt hat. Ja, wenn man es genau nimmt, hat es eigentlich noch niemals Frieden gegeben, so wie es meiner festen Überzeugung nach auch nie einen geben wird. Es war nur Nicht-Krieg, ein durch geschäftsmännische Heuchelei und künstlich errechnete Verträge überkleisterter Zustand gegenseitiger Feindschaft und übelsten Ressentiments zwischen den Staaten. Ein Schriftsteller, der den Ausbruch des Krieges als reifer Mann miterlebt hat, also die Zustände vorher und nachher als Zeitgenosse wohl miteinander vergleichen konnte, ich meine Max Scheler -- der auf meine Anordnung hin jetzt in den Schulen gelesen wird -- hat das damals sehr gut dargestellt. Der Unterschied zwischen dem versteckten und offenen Krieg, der dann nur das vorhandene Haßverhältnis enthüllte, ist nach diesem Autor gar nicht so bedeutend gewesen. Ich stimme ihm in diesem Punkte vollständig bei. Anders wäre es ja auch gar nicht erklärbar, daß wir den Krieg so gut vertragen und ihm unsere Organisation wirklich lückenlos anpassen konnten. Es war eben immer Krieg, seit die Welt besteht. Krieg ist der natürliche Zustand der Menschheit, nur seine äußere Form wechselt. Schauen Sie doch um sich, lieber Herr von Crudenius. Sieht diese belebte Straße, dieser Andrang vor dem Theater, diese Menschenströmung um die Warenhäuser herum und in sie hinein wie etwas Abnormales aus? Unsere Wirtschaftsmaschine arbeitet nach Überwindung einiger anfänglicher Störungen, die uns heute kindlich anmuten, tadellos. Der Export hat aufgehört, der innere Markt hat sich dafür erschlossen. Und mit welchem Erfolg, das sagen Ihnen die nie dagewesenen Dividendenhöhen unserer Aktiengesellschaften. Die Vernichtung von Werten wird durch die angeregte Erfindertätigkeit und Nutzbarmachung neuer Rohstoffe mehr als wettgemacht. Wir nähern uns dem Ideal des Fichteschen geschlossenen Handelsstaates. Die Umschichtung der Berufe ist leicht und radikal vor sich gegangen. Der Mann ist Krieger, die Frau zu jeder Art bürgerlicher Arbeit erzogen, mit ihr das Heer der Alten und Untauglichen. Gewiß bedauert es niemand mehr als ich, daß jährlich einige hunderttausend junge Leute an der Grenze fallen müssen, aber ist denn im sogenannten »Frieden« niemand gestorben? Wir haben es ja durch eine zielbewußte Bevölkerungspolitik, durch energische Kinderversorgung im Staatswege, Aufhebung der Monogamie, regulierte Mannschaftsurlaube zu Fortpflanzungszwecken, durch Bodenreform, Einfamilienhaus, Kriegerheimstätte, Gartenstadt und andere vernünftige Maßnahmen, deren Durchsetzung man früher für einen Traum hielt, dahin gebracht, daß die Bevölkerungszahl sogar einen prozentuell höheren Jahreszuwachs zeigt, als jemals und daß der allgemeine Gesundheitszustand sich konstant bessert. Infolge Rückgangs der Säuglingssterblichkeit ist sogar die jährliche absolute Sterbeziffer samt allen Kriegsverlusten um etwas, allerdings nicht viel, kleiner, als die vor dem Kriege. Bitte, das ist statistische Tatsache. Wir züchten heute sozusagen Volk, während der Staat früher unbegreiflicherweise geradezu volksfeindliche Tendenzen wie den Großgrundbesitz und unhygienische Fabrikationsmethoden begünstigte.«
»Und wie erklären Sie dann trotzdem diese allgemeine Unzufriedenheit, dieses nicht überhörbare dumpfe Grollen in der Welt, das sich zum Beispiel in solchen peinlichen Auftritten wie heute entlädt?«
»Gewohnheit ist noch nicht Zufriedenheit. Sagte ich es nicht schon vorhin? Der Mensch gewöhnt sich auch ohne jede Zufriedenheit an das Furchtbarste, weil ihm keine andere Wahl bleibt. Wir haben uns ja sogar an den Tod gewöhnt. Lachen Sie nicht. Ich meine das ganz im Ernst. Wir als Geschlecht, als genus humanum, machen uns gar nichts mehr aus dem Tod. Und doch ist es, wenn man so allein, als Einzelner darüber nachdenkt, ein entsetzlicher, ja unfaßbarer Gedanke, zu sterben, von einem bestimmten Moment an nichts mehr zu fühlen, nichts zu denken, einfach für alle Ewigkeit, nicht etwa vorübergehend, nicht mehr zu existieren. Wie mag es eine Stunde nach dem Tode in unserem Kopfe ausschaun? Und fünf hunderttausend Jahre nachher? Und dabei ist dieser unendlich lange Zustand des Nichtseins doch für jeden von uns sicher, unausweichlich, nicht etwa ein böser Zufall, dem man vielleicht entgehen könnte, wenn man Glück hat, und diese absolute, unbedingte Sicherheit des Sterbens eben ist das Gräßlichste an der Sache.«
Der junge Offizier errötete vor Bewegung. »Ich danke Ihnen, Herr Baron. O wieviel Dank schulde ich Ihnen schon, seit Sie sich in der fremden Stadt meiner angenommen haben. Sie machen mich zu einem Menschen. Ohne Sie könnte ich nicht mehr leben.«
»Sie haben sich nur an mich gewöhnt, lieber Freund. Alles ist Gewohnheit!«
»Nein, ich liebe Sie, Sie sind meine einzige Stütze« erwiderte Crudenius feurig. »Ich habe es schwer ertragen, schwerer als Sie ahnen, aus meiner Heimatstadt herausgerissen zu werden, von meinen Eltern weg, die ich verehre, aus dem Kreis lieber Kameraden, hierher an einen, sagen wir es offen, steifen, zeremoniösen Hof, dessen Sprache ich kaum verstand. Sie haben mich oft dieser Sentimentalität wegen ausgelacht . . .«
»Ja, das tue ich noch heute. Die Welt ist doch gleich, hier wie dort, die moderne Welt zumindest. Überall gibt es Schlafwagen, Badezimmer, Untergrundbahnen, Beton, Asphalt, dieselben eleganten Damenkostüme, sogar dieselben Parfüms. Der moderne Mensch findet überall das, was seinen Gewohnheiten entspricht. Ich sehe, von geographischer Länge und Breite abgesehen, gar keine Unterschiede zwischen unseren heutigen Großstädten.«
»Aber doch zwischen den Völkern. Sonst gäbe es ja keinen Krieg.«
Der Minister warf sich mit humoristischem Schreck in seinem Sitz herum: »Wehe mir! Sind das die Erfolge meines Nüchternheitskursus, den ich Ihnen seit Monaten vordoziere? -- Auch Sie fallen also immer noch auf solche Phrasen herein, wie die vom verschiedenen Geist der Völker, verschiedenen Ethos der Rassen? Nein, nein, gerade gegen solche Unterstellungen zu protestieren, das ist ja der bescheidene, aber doch vielleicht nicht ganz unwesentliche Sinn meines Lebens. Lernen Sie doch endlich, mein Herr, daß die Notwendigkeit dieses Krieges nicht beruht auf Völkerverschiedenheiten, die ich ja in mikroskopischen, wirkungslosen Ausmaßen zugebe, sondern gerade auf der unerbittlichen Gleichheit aller Völker, die mit ihren identischen Lebensnotwendigkeiten einander immanenterweise den Raum, die Entfaltungsmöglichkeit streitig machen müssen. Gleiche Bedürfnisse widerstreben einander eben, solange die Erdoberfläche nicht mehrmals übereinander, wie Orgelklaviaturen, solange sie nicht so oft, als es Völker gibt, vorhanden ist. Weil jedes Volk in einem fernen Zeitpunkt die ganze Erdoberfläche für sich allein brauchen wird. Und das umso schneller, je besser und stärker es ist, je entwicklungskräftiger, je sittlicher. Und dann kommt irgend so ein armer Teufel gesprungen und verlangt von mir emphatisch, ich solle »den Feinden Gerechtigkeit widerfahren lassen«. Das tue ich ja, habe ich stets getan. Meinen Sie, ich billige die abscheulich verhetzende und unanständige Sprache, die unsere Tagespresse gegen die Gegner führt? Höchstens als Kampfmittel, um die Energie unseres Volkes wachzuhalten, na ja, da ist sie unentbehrlich, ebenso unentbehrlich wie Minen und Flammenwerfer, die ja an sich auch nicht gerade sympathische Dinge sind. Aber es ist doch naiv zu glauben, daß wir von der Regierung aus das auch wirklich denken, was wir da über »Barbaren« und »Heuchler« schreiben lassen. Nein, wir sind gerecht, wir erkennen den Wert und das Recht der Feinde vollkommen an. Aber eben je gerechter wir sind, desto klarer erkennen wir ohne jeden Haß und jede Verbitterung, daß auch wir Wert und Recht auf unserer Seite haben, daß es eben, Gott sei es geklagt, nicht ein Recht, sondern zwei und mehrere Rechte auf der Welt gibt, daß unsere realen handgreiflichen Interessen (und nur auf die kommt es an, nicht auf irgend welche Erdichtungen) mit den ebenso handgreiflichen Interessen der Feinde kollidieren, daß die Völker kämpfen müssen, weil sie atmen müssen und solange sie eben atmen wollen. Ebenso wie auch der gerechteste und gutmütigste Schornstein nicht umhin kann, Ruß zu erzeugen. Ist denn wirklich jemand so kurzsichtig, der das nicht einsieht, diese ganz reale, unumstößliche _Tragik des menschlichen Daseins_? Ich muß sagen, wer das nicht einsieht, der ist auch ein schlechter Christ. Der Leim, aus dem wir gebildet sind, ist schon verdammlich, sagt Luther. Die Essenz des Menschseins ist nun eben nichts als böse Begierde, ist Erbsünde, und mir erscheint sehr oberflächlich, wer den traurigen Zustand der Menschheit auf ephemere Regierungsfehler, Unehrlichkeit, Beschränktheit, Eroberungssucht einzelner zurückführen will, statt auf diesen dunklen Urgrund alles Menschlichen, auch des bestgemeinten und wohlwollendsten. Sehn wir doch der Wirklichkeit ganz sachlich ins Auge! Der Kirchenmann entsagt der ganzen Welt auf einmal. Das ist ein Weg. Der Staatsmann aber, dem dieser Weg nicht erlaubt ist, weil er ja das Weltliche in der Welt lenken soll, und der dabei ein ebenso guter Christ sein will, wie der weltflüchtige Asket, muß sich ganz klar darüber sein, daß seine Maßnahmen niemals Aufhebung des Krieges, überhaupt des menschheitlichen Leidens und Unglücks bezwecken können, sondern nur -- wie soll ich es nennen -- eine bessere intensivere Organisation des Unglücks. Mehr nicht.«
Sie waren am Botschaftspalast angelangt. Der Offizier verabschiedete sich. -- »Ich muß sagen« schloß der Minister »mich hat gerade der Krieg dieses richtige, tödlich ernste Christentum gelehrt, die erhabene Religion des Leidens. -- A propos, Sie kommen doch heute nach zehn Uhr noch zu meiner Bridgepartie? Die schöne Gabriele wird da sein, auch Ihr Nannerl hab ich eingeladen.«
Im Ministerium harrte eine lange Reihe vortragender Räte. -- Baron von Klumm, dessen Fleiß und Sorgfalt geradezu sprichwörtlich waren, pflegte nach Parlamentsitzungen die verlorene Zeit, wie er sagte, nachzuholen und gönnte sich dann oft bis spät in die Nacht keine Ruhe. So lösten einander auch an diesem Abend in seinem Büro Referenten, Konzipienten, telephonische Anrufe und Diktate ab. Eine Abordnung aus dem eroberten Gebiete wurde empfangen, brachte Bitten und Wünsche vor. Der Baron notierte einige Bücher und Broschüren, die hiebei mehrmals erwähnt worden waren. Noch um neun Uhr nachts schickte er den Diener in die Ministerialbibliothek und endlich, auf der Heimfahrt in seinem Auto, versenkte er sich noch in die Lektüre eines der empfohlenen Werke, das die schwierigsten Geld- und Währungsfragen behandelte.
Gabriele, erste Tänzerin der Hofoper, wartete bereits mit den übrigen Gästen in der Privatvilla des Barons und entzückte die Tafelrunde durch die lustige Unbefangenheit, mit der sie sich die Rolle der Hausfrau angemaßt hatte. Die Gesellschaft war reichlich gemischt: Schauspieler, die unaufgefordert für Unterhaltung sorgten, indem sie mehr oder minder gewürzte Anekdoten zum besten gaben, ein paar Landräte, in ewige Jagdgeschichten vertieft, zwei bis drei ironische Causeure aus der Diplomatie, ein jüdischer Schriftsteller, der zu allererst betrunken war und sich dann in revolutionären Reden gefiel, worüber man sich sehr belustigte. Nannerl, eine offensichtlich aus dem untern Volke stammende, noch gar nicht entdeckte Chansonette, entzückte den Militärattaché durch ihren feschen Dialekt, den er bezaubernd natürlich fand, obwohl ihm jede Redewendung erst in die Schriftsprache übersetzt werden mußte, worauf er sie, von niemandem angehört, nur für sich, in die Sprache seiner Heimat übertrug und in Erinnerungen an die Felder und Bäuerinnen zu Hause schwelgte. Seiner bei diesem schleppenden Umweg des Gefühls erklärlichen Schüchternheit half der Minister durch eine geschäftsmäßige Feststellung ab. Schließlich glich der Kartentisch alle Leidenschaften aus. Gabriele, für die stets einige Zimmer in der Villa vorbereitet waren, hatte sich schon längst zu Bett begeben, als die letzten Gäste über knisternde Scherben der Champagnergläser hinweg, von schlaftrunkenen Lakaien unterstützt, sich zur Türe hinaustasteten. --
Baron von Klumm ließ sich von seinem Leibdiener eine kalte Kompresse um die Stirn winden. Er wollte, ehe er sich zu Gabriele begab, noch ein wenig arbeiten. Die von dem ökonomischen Buche angeregten Gedanken hatten ihn während des ganzen Soupers nicht verlassen, wie es überhaupt eine seiner Haupteigenheiten war, stets vollständig von gewichtigen Dingen bis zum Rande ausgefüllt zu sein, auch mitten in seichter Unterhaltung.
Er setzte sich an seinen Schreibtisch. Das Arbeitszimmer war, wie eben in einem rechten Junggesellenheim, sehr weiträumig und zentral gelegen. Es füllte mit seiner Front von vier Fenstern den größten Teil des ersten Stockwerkes, eigentlich mehr ein Saal als ein Zimmer zu nennen. Drei hohe Wände, bis zur Decke mit Bücher- und Aktenrücken austapeziert, verloren sich im Dunkel, vor den Fenstern breitete sich im sausenden Nachtwind die mondbeschienene Schneekette des nahen Hochgebirges aus.
»Du hast hereinschneien lassen, Peter.« Der Baron wies auf einen hellen weißen hügeligen Fleck auf dem Parkettboden.
Der Diener zuckte verständnislos die Achseln, griff an die Fensterklinken, um zu zeigen, daß alle geschlossen waren, strich aber dann trotzdem mit einem rasch herbeigeholten Wischfetzen über den Fußboden an der vom Baron immer noch mit ausgestrecktem Finger bezeichneten Stelle hin, allerdings mit der gekränkten Miene eines Mannes, dem ein schrullenhaft umständlicher Auftrag erteilt wird und der ihn nur aus Gutmütigkeit ausführt.
Dann ging er.
Der Baron begann zu lesen, bald aber störte ihn ein leises Knistern. Trat er immerfort noch auf Scherben? Er sah auf. -- Zu seinem größten Erstaunen war der weiße Fleck im Zimmer, der übrigens ganz jenseits des Mondlichtstreifens im Schatten eines Kastens lag, nun zu einem richtigen Hügel emporgewachsen, ja er rückte wie ein unnatürlich aufschießender Pilz sichtlich weiter in die Höhe. -- Nein, das war allerdings kein Schneehaufen, das bewegte sich ja. -- Plötzlich kam die Erkenntnis. Das ist ein menschlicher Kopf.
Im Augenblick hatte sich der Baron gefaßt, den Revolver ergriffen, den er immer bei sich trug, und auf den Kopf abgefeuert. »Ich wußte gar nicht, daß es Falltüren in meiner Villa gibt.« Er repetierte. Sechs Schüsse, dann war der Revolver leer.
Die Schüsse hatten offenbar nicht getroffen, sondern brachten eine andere ganz unerwartete Wirkung hervor.
»Ja, jetzt gehts« rief eine wie aus dem Schlaf gesprochene, ungelenke, verschleimte Stimme, und sofort schwebte mit einem Ruck wie ein straff gefüllter Gasballon die ganze, sehr lange Gestalt der Erscheinung empor, merkwürdigerweise ohne den Fußboden dabei merklich weiter aufzureißen. Es war ein stattlicher weißhaariger alter Herr, der mit geschlossenen Augen, die Arme fest an die Seiten des Körpers gepreßt, emporstieg. Der befreiende Auftrieb schien aber plötzlich nachzulassen, so daß die Füße und Unterschenkel des seltsamen Wesens unter dem Fußboden stecken blieben, ohne daß dies auf den Beschauer oder auf das Wesen selbst eine besonders befremdende Nebenwirkung ausgeübt hätte.
Dem Baron sträubten sich die Haare unter der Kompresse. Er fiel in seinen Lehnsessel zurück, aus seinen Beinen war jede Kraft, ja jedes Gefühl entwichen, so daß er sich wie mit eisernen Reifen um die Hüften in eine Art sitzender oder halbliegender Stellung festgeklammert fühlte, ohne ein Glied rühren zu können. Er war aber nicht der Mann, sich ohne Widerstand durch ein Gespenst oder vielmehr durch irgendeinen übermütigen Bubenstreich aus der Fassung bringen zu lassen. Gewohnheitsmäßig rang er nach einem einleitenden Gesprächsthema, doch über seine Lippen kam nur etwas Speichel, dann ein Gurgeln und Labern wie es Säuglinge ihren ersten Artikulationsversuchen vorausschicken. Endlich konnte er sich verständlich machen: »Ihr Name ist . . .?«