Die Eroberung von Peru

Part 6

Chapter 63,438 wordsPublic domain

Müde, auf den Feldern Cajamalcas zu schlachten, zogen sich die Eindringlinge, als die erschrockenen Peruaner sich bereits in den Mauern eingeschlossen hatten, und die Nacht ihren dunkeln Schleier über den mit Blut bespritzten Kampfplatz ausbreitete, abermals in ihre Zelte zurück. Eine unermeßliche Beute war die Frucht jenes berühmten Tages, so unermeßlich, daß sie die riesigen Begriffe und Hoffnungen, welche die Abenteurer von jenen reichen Gebieten gefaßt hatten, bei Weitem übertraf. Der prächtige, goldene Thron Atahulpas, die ungeheuer vielen Edelsteine, welche den Monarchen, seinen Hof und seine Adeligen bedeckten, Alles fiel in die Gewalt der Sieger, die sich in einem günstigen Augenblicke sozusagen der Reichthümer des Reiches bemächtigten. Obwohl unter sanften Vorstellungen und Gebärden, wurde der gefangene Kaiser, indem man ihm sagte, daß dieses, da es der Papst Alexander ihm überlassen hatte, dem großen König im Osten gehörte, aller seiner Reichthümer, womit er sich schmückte, beraubt, und wie es bei allen Siegen natürlich ist, zerstreuten sich die Sieger über das Schlachtfeld und beraubten und entkleideten beim Scheine des flimmernden Mondes die Leichen und Verwundeten. Es waren Ketzer, die unglücklichen Sonnenanbeter, denen das sechszehnte Jahrhundert nichts als Entsetzen, Verachtung, Tod und Verderben gewährte.

Durch den Schrecken, den sie ihren Gegnern eingeflößt hatten, sicher, gaben sich die Eindringlinge, ohne Furcht, angegriffen zu werden, in Mitten ihrer üppigen Beute der Schwelgerei und dem Lachen hin, und unverzüglich schritt man, gewissenhaft einen Fünftel für den König von Spanien bei Seite legend, entsprechend den militärischen Abstufungen zur Vertheilung so großer Schätze, und nach den besten peruanischen Texten entfielen auf jeden einfachen Soldaten Beträge von fünfzehntausend Duros.[3] Der Lärm und die Fröhlichkeit ertönten in einem mit dem Wehklagen der Verwundeten und den Seufzern Atahulpas, und so zog die schweigsame Nacht bereits ihren Schleier ein und der Morgenstern erhellte den Horizont.

[3] Span. Thaler = 5 Frs.

Der Inka konnte in den ersten Augenblicken seiner Gefangennahme, in Mitten seines Erstaunens, kaum an einen so unerwarteten und überraschenden Erfolg glauben; gar bald aber sah er die ganze Entsetzlichkeit seines Schicksals ein und seine Niedergeschlagenheit entsprach der Höhe, von wo er gefallen war. Pizarro, der die Vortheile, welche ihm der Besitz eines so ansehnlichen Gefangenen einbringen mußte, zu verlieren befürchtete, bemühte sich, ihn mit Liebes- und Achtungsbezeugungen zu trösten, und andrerseits erklärte ihm Luque bedächtig die Geheimnisse des Christenthums und ermahnte ihn, den Heiland am Kreuze anzubeten. Aber der Inka bat ihn in Mitten seines Entsetzens innigst, seine Ermahnungen einzustellen, da sie späterhin mit Bedacht über den Gegenstand sprächen, weil jene Augenblicke Gefühls- und nicht Verstandessache seien.

Pizarro indessen befahl seinen Soldaten, den Kaiser mit aller der einem so hohen Gefangenen gebührenden Aufmerksamkeit zu behandeln und zu bedienen, und kaltblütig berechnete er die Vortheile, welche er durch ihn aus einem ihre Herrscher vergötternden Volke ziehen konnte. Seitdem sich Pizarro der Person Atahulpas bemächtigt hatte, hielt er sich für den unumschränkten Herr des Reiches, er mußte sich aber noch so lange verstellen, bis daß ihm die Zeit sein Verhalten bezeichnete. Endlich, da er seinen Versprechungen nicht nachkam, triumphirte er, und trotzdem er den frommen Schrecken kannte, den seine Ankunft im Reiche verursacht hatte, konnte er doch nicht voraussehen, wie sich die Peruaner verhalten würden, und umsonst mochte er unter hundert Vermuthungen seinen Feldzugsplan entwerfen.

Das war der Zustand des feindlichen Lagers, als sie, nachdem bereits der Abend eingetreten war, ein kurzes und einfaches Gefolge aus der Stadt herausgehen sahen. Die schwachen, von einem unermeßlichen Volke gekrönten Mauern Cajamalcas zeigten die Erregung seiner Bewohner und die Wichtigkeit der Abordnung, worauf sie ihre Blicke hefteten; und Pizarro durchschaute alsbald, daß dieser Schritt ihm großen Aufschluß für seine Absicht geben würde. Wirklich kamen Ocollo und Coya mit einem kurzen Gefolge aus der Stadt heraus und lenkten ihre Schritte nach dem Lager der Eindringlinge. Aus einiger Entfernung sandten sie eine Botschaft an Pizarro, indem sie um Erlaubniß baten, ihn sprechen zu dürfen, was ihnen alsbald gewährt wurde, worauf sich die Peruanerinnen dem Lagerplatze näherten.

Nichtsdestoweniger überraschte es ihn, daß nur zwei schöne Frauen der Abordnung vorstanden, worauf, wie er glaubte, das Schicksal des Reiches beruhte; aber er verbarg sein Erstaunen während eines einzigen Augenblicks, als Ocollo zögerte, sich ihm vor die Füße zu werfen. »Sohn der Sonne«, rief sie aus, »welches ist das Schicksal Atahulpas, lebt dein Bruder, der Inka, noch?« Verwirrt hob sie Pizarro vom Boden und sagte zu ihr: »Er lebt noch, schöne Peruanerin, er lebt noch, und noch ist es Zeit, um ihn zu retten; stille deine Erregung.« Almagro heftete seine Blicke auf die göttliche Coya: Er fühlte die Liebe, welche sie ihm bereits eingeflößt hatte, immer heftiger entbrennen, und in tiefer Betäubung wahrte er das beredteste Stillschweigen. Coya durchdrang die Seele Almagros; arglose jungfräuliche Schamröthe erglänzte auf ihren Wangen, und die Flamme der reinsten Liebe loderte in ihrem Herzen.

Durch die tröstenden Worte Pizarros wurde Ocollo wieder beruhigt und sie bat ihn inständig, er möchte ihr erlauben, mit dem Monarchen zu sprechen. Sie sagte ihm ausführlich, wer sie war, die Liebe, welche sie zum Inka hatte, daß der Inka sie verehrte und die Zufriedenheit, welche ihm ihr Anblick verursachen würde; aber von seiner Freilassung, noch von dem Zustande Cajamalcas und des Reiches sagte sie ihm nichts. Pizarro sah die Schönheit und Reize Ocollos nicht mit Gleichgültigkeit; wenn auch ehrgeizig und stolz, war er am Ende doch ein Mensch und der Liebe empfänglich. »Ja, Ocollo«, sagte er zu ihr, »du kannst den Monarchen, den glücklichen Sterblichen, der sich deiner Reize erfreut, wohl sehen....« Und die Augen des Kriegers funkelten, ohne ihren rohen Stolz zu verlieren, vor lauter Liebe. Er befahl, sie in das nahe Zelt der Inkas zu führen, trug aber der Wache auf, daß sie nicht von deren Seite wiche, bald damit sie keine Liebkosungen austauschten, auf die Pizarro schon neidisch war, bald damit Atahulpa keine wichtigen Mittheilungen machte.

Almagro und Coya seufzten, von der Liebe, die sie im Innersten ihres Herzens verbargen, bedrängt; aber von hundert Zeugen umgeben, war es ihnen nicht möglich, ihre Schmerzen zu beklagen, noch ihre Leidenschaft auszulassen. Almagro jedoch benutzte einen Augenblick und sagte zu Coya, daß, wenn sie diese Nacht mit einigen Regimentern auf das Feld hinausginge, er die Flur durchstreifen und sie sehnlichst suchen würde, um ihr wichtige Geheimnisse zu enthüllen. Die Schöne durchschaute Almagros ganzen Gedanken, sie nahm die Bestellung an, und die Stille schien in diesen beiden beunruhigten Herzen einzukehren.

Ocollo wurde an das Zelt des unglücklichen Inkas geführt, der unter einer zahlreichen Bewachung seufzte, und als sich die beiden Ehegatten sahen, liefen sie, von einem höhern Antrieb, als ihrer Niedergeschlagenheit und ihrer Gefahr, hingerissen, sich an einander zu schmiegen. Trotz der sie umstehenden Spanier und Peruaner schmiegten sich ihre Herzen zärtlich aneinander, und ihre brennenden Lippen schlossen sich in hundert Liebesküssen. Lange Zeit herrschte, ähnlich der Windstille der Wogen nach schweren Gewitterstürmen, in dem Zelte und im Lager der Sieger ein tiefes Schweigen; reichliche Thränen benetzten die unschuldigen Ehegatten, und die Liebe, die Freude und großes Herzeleid glänzte auf den Gesichtern und lähmte die Lippen. Ocollo brach endlich das Stillschweigen, indem sie den Inka mit süßeren Liebkosungen als die Luft an heißen Sommerabenden tröstete, und Atahulpa frug nach seinen Edlen und seinen Kriegern, und jedes Mal, wenn ihm gesagt wurde, daß einer auf dem Schlachtfelde von Cajamalca getödtet worden sei, wandte er die Augen zur Sonne und rief geängstigt aus: »Gott des Lichtes, und du willst noch, daß ich lebe.« Ocollo versüßte seine Leiden, sie berichtete ihm die Aufmerksamkeitsbezeugungen, womit Pizarro sie empfangen hatte, sie wiederholte ihm die Liebe seiner Unterthanen und den Auftrag, den sie vom Rathe mitbrachte, seine Freiheit um jeden Preis zu erwirken.

Der Inka, der gesehen hatte, wie man ihn der Schätze beraubte, womit er geschmückt war, der gesehen hatte, wie man den Leichen die Edelsteine entriß, welche sie bedeckten, der den Ehrgeiz der von Osten Gekommenen befühlt hatte, faßte begründete Hoffnungen, auf Kosten von Schätzen seine Freiheit zu erkaufen. Als Ocollo und der Inka bereits ein wenig ruhiger geworden waren, kam Pizarro an das Zelt heran und erfüllte mit seinen gewohnten Achtungsbezeugungen die beiden bekümmerten Seelen mit Hoffnung. Atahulpa sagte ihm, daß sie ihn insgeheim sprechen müßten, und der Spanier befahl denen, die sie umgaben, sich zurückzuziehen und flößte ihnen Freiheit ein, damit sie ihm vertrauensvoll ihr Herz eröffneten.

Das Wohl des Reiches, sagte der Inka zu ihm, beruht einzig darauf, daß der Monarch wieder zu seinem umtrauerten Throne zurückkehrt. Ich und mein Volk schlagen einen, deiner und des großen Herrn im Osten, würdigen Loskauf vor. Wenn du dem Herrscher Perus die Freiheit giebst, füllt man dir dieses Zelt bis zu Mannshöhe mit Gold. Trotz den großartigen Begriffen, welche Pizarro von dem Reichthum Perus hatte, mochte ihn nichtsdestoweniger ein so herrliches Angebot verwundern und überraschen; das Zelt war zweiundzwanzig Fuß lang und dreizehn Fuß breit, die Summe war ungeheuer, und Pizarro zögerte, obwohl er immer zum Inka sagte, er müsse die Bestätigung des Königs im Osten abwarten, dessen Gemüth wohl ebenfalls zur Annahme hinneigen würde, keinen Augenblick mit dem Zugeständniß eines Lösegeldes, das seinen Ehrgeiz erfüllte. Er ging zu seinen Gefährten, theilte ihnen das unermeßliche Angebot mit und sie freuten sich schon sehnsüchtig auf den Augenblick, die Schätze der neuen Welt zu vertheilen, und Ocollo und Atahulpa gaben sich, als sie sahen, daß sie um den Preis eines blassen Metalles von Neuem zu den zärtlichsten Liebkosungen und zu dem stillen Glück zurückkehren würden, den reinsten Fröhlichkeitsergüssen hin. In Begleitung Luques kehrte Pizarro nach dem Zelte zurück und sie kamen überein, die Feindseligkeiten einzustellen und das Gold in den Zelten zusammenzubringen, bis daß Pizarro von seinem Herrn, dem König im Osten, die Bestätigung des Abkommens empfinge, ohne dessen Gutheißen er nicht für sich allein entscheiden konnte. Man versprach sich, da die beiden Heere untereinander verkehren durften, überdies gegenseitig die freundschaftlichsten Beziehungen, indem man den Auszüglern bis zu zehn an der Zahl den Eintritt in Cajamalca gestattete und die Peruaner bis zu hundert an der Zahl an die europäischen Zelte herankommen durften; daß das Lager Pizarros mit Lebensmitteln zu versehen war und man in jener Nacht den Sonnenpriestern gestattete, die Leichen, welche die Flur bedeckten, zu begraben.

In der Hoffnung, seine Freiheit wieder zu erlangen, sandte Atahulpa, vor Freude hingerissen, Boten nach Cuzco, Quito, Tititaka und andern goldreichen Ländern, damit man, um den Preis seines Lösegeldes aufzubringen, bald von den Tempeln, bald von den Palästen der Inkas, alle Schätze sammelte und sie nach Cajamalca überführte; und Ocollo, vor Lust und Freude aufathmend, zog nach der Stadt, um den Rath und das Volk von dem glücklichen Erfolge ihrer Botschaft in Kenntniß zu setzen.

Von Neuem umarmte sie Atahulpa, der ein wenig getröstet blieb, und da die Verbindung offen war, trennte sie nicht mehr die stumme Abwesenheit. Almagro, mit seinen durchdringenden Blicken der schönen Coya folgend, hatte mit ihr das Stelldichein wiederholt, und die beiden Geliebten flehten die Nacht an, baldigst ihren schwarzen Schleier auszubreiten. Die Bewohner Cajamalcas, welche auf den Mauern thronten, zeigten die Ruhe, die im Lager der von Osten Gekommenen herrschte, von glücklicher Vorbedeutung an und zweifelten, als sie Coya und Ocollo zurückkommen sahen, nicht, daß die Sonne, welche das Reich den ganzen Tag rein und schön erleuchtet hatte, ihre flehentlichen Bitten anhörend, ihnen das Ende ihrer Leiden zu berühren gewährte. Schließlich stellten sich die beiden Schönen dem Rathe vor; die Aeltesten des Reiches und ein zahlreiches Volk hofften sehnlichst, das Ergebniß der Botschaft zu erfahren, und als sie vernahmen, daß der Inka lebte, als die Schönen die gegenseitigen Schwüre berichteten, welche Pizarro und Atahulpa sich vor ihren Göttern geleistet hatten, herrschten Freude und Jubel in den Umkreisen der Stadt; einfache Laute bewegten harmonisch die nächtliche Luft, das Volk und die Krieger stimmten Freiheitslieder an und die Priester erhoben göttliche Gesänge als Dankgebet zu ihrem Gott, der sein wohlthätiges Licht über sie ergoß.

Kapitel 10.

Leichenbegängniß.

Die Nacht hatte ihren düstern Schleier ausgebreitet, die glänzenden Sterne sandten ihr spärliches Licht auf die Erde und schwarze Schatten bedeckten, obschon in friedlicher Ruhe, den Horizont. Ocollo hatte den Rath von dem mit Pizarro getroffenen Abkommen und demzufolge von der Freiheit, worin die Priester waren, die Leichen der Peruaner zu bestatten, verständigt. Vericochas verlor keinen Augenblick, um die ehrwürdigen Sonnenpriester zu der frommen Feier zu versammeln, und das bereits beruhigte Volk, das sich von Neuem auf die Verheißungen der Söhne der Sonne verließ, fand sich in Trauergepränge im Tempel ein, um ihre traurigen Stimmen mit dem Grabgesang der Priester zu vereinigen; aber die schöne Coya nahm, obschon sie ihr geliebtes Vaterland innig verehrte, in tiefe Betäubung versunken, kaum Theil an der allgemeinen Zufriedenheit, welche in Cajamalca herrschte: Die dunkle, stille Nacht folgte ihrem unveränderlichen Lauf, die Augenblicke verflogen und um zwölf Uhr sollte sie ihren artigen Almagro sprechen. Die reinste Liebe einer unschuldigen Jungfrau brannte in ihrem gütigen Busen und die köstlichste Unruhe bekämpfte ihr gefühlvolles Herz.

Nachdem sich die Priester in dem Tempel versammelt hatten und das Sinnbild des Mondes auf sehr reiche Bahren untergebracht worden war, ertheilte Huascar die nöthigen Befehle, damit zehn Bataillone auf dem Felde aufgestellt würden, welche das Gepränge des kriegerischen Begräbnisses erhöhten, und wobei Coya die militärischen Bewegungen leitete. Im Augenblick bereitete sich die Kriegsmacht vor; beim Tone von Trauermusiken zogen sie aus der Stadt hinaus und stellten sich, ohne Ueberstürzung, auf dem Felde, das der Schauplatz so großen Schreckens gewesen war, auf. Der junge, herzhafte Almagro streifte, von tausend Aengsten bewegt, im Lager der Spanier umher. Obschon unter Blut und Greuel der neuen Welt auferzogen, hatte er ein edles, gefühlvolles und großmüthiges Herz und Coya flößte ihm die reinste unauslöschlichste Liebe ein. Mit Sehnsucht erwartete er die zwölfte Stunde, um seine Angebetete zu sprechen, er befürchtete aber, seine Liebe verschmäht und sie ihrer politischen Lage entsprechend zu sehen. Im Lager Pizarros schlief indessen Alles ruhig und die peruanischen Bataillone zogen zur Stadt hinaus und stellten sich auf der Flur auf. Die Eindringlinge konnten im Augenblick den Zweck jener militärischen Bewegung nicht begreifen und beim plötzlichen Schall der Trommel machten sie sich über die Waffen her und zündeten große Scheiterhaufen an, welche die Schatten der Nacht ein wenig erhellten.

Eine ungeheure Menge ging, die Priester begleitend und mit brennenden Fackeln, welche in der dunklen Nacht wie schwermüthige Kometen erglänzten, dem Sinnbild des Mondes, vorausgehend, aus Cajamalca heraus; und ein dumpfes Gemurmel unterbrach die hochheilige Stille und vermehrte die Scheu vor dem prunkvollen Aufwand. Alsbald erkannten die Spanier, daß jene herrlichen Bräuche für die Bestattung der Todten waren, sie verhielten sich aber beobachtend, um einer Kriegslist, die sie bloßstellen konnte, vorzubeugen, und Almagro, der zwanzig Pferde befehligte, ritt ohne Bedeckung aus, um die schöne Coya aufzusuchen und sich vor ihre Füße zu werfen und ihr seine feurige Liebe zu enthüllen.

Von den ersten Stunden der Nacht an hatten viele Peruaner große Gräben ausgegraben, die den Todten zum Begräbniß dienen sollten, und der feierliche Traueraufzug erstreckte sich bis nach jener Art von Verschlägen, um den noch Unbeerdigten eine Ruhestätte zu geben. Einfache Weisen, aber von einer Macht, von einer zauberhaften Erhabenheit, begleiteten die Stimmen zahlreicher Chöre, welche für die Seelen ihrer verstorbenen Mitbürger heiße Gebete an ihren Gott richteten.

Volk.

Lieblicher Aufenthalt des Todes, In dessen Schatten kein Verbrechen wohnt, Der Tugend heilig’ Lager fleht dich an, In deinem Schooß die Tugend thront.

Priester.

Der Erd’ und Himmel du erleuchtest, Gott, und gebietest weit und breit, Zu dir flieht der Gerechten Seele, Bei dir sucht sie Glückseligkeit.

Volk.

Wenn schon als Staub zur Erde du gekehret, Entflammet dein Gedächtniß das Gemüth, Dein Dasein schwand nicht wie ein Feuer, Das in dem Aether nachts erglüht.

Priester.

Ewiger Gott des strahlenden Tages, Wenn deine höchste Macht entweih’n Schwächliche Menschen mit Verbrechen, Mögst du den Sterblichen verzeih’n.

Volk.

Lieblicher Aufenthalt des Todes, In dessen Schatten kein Verbrechen wohnt, Der Tugend heilig’ Lager fleht dich an, In deinem Schooß die Tugend thront.

Priester.

Der du das Erdenrund belebest, Dem Boden spendest sein Gedeih’n, Rufst du hinauf uns in den Himmel, Mögest du uns barmherzig sein.

Volk.

Wenn schon als Staub zur Erde du gekehret, Entflammet dein Gedächtniß das Gemüth, Dein Dasein schwand nicht wie ein Feuer, Das in dem Aether nachts erglüht.

Der Grabgesang ertönte schwermüthig und erhaben, die nächtliche Luft bewegte die Flammen der Fackeln lieblich hin und her, ein sehnsüchtiges und ununterbrochenes Schluchzen befeuchtete die heiligen Gräber und Alles flößte einen unbegreiflichen, frommen Schauder ein. Erstaunt und unbeweglich sahen die Spanier der religiösen Feier zu; Luque vielleicht hob seine Augen auf zum Himmel, den er, beim Anblick des prunkhaften Gottesdienstes, den die Peruaner Satan zollten, erzürnt glaubte, und er dachte dort in seinem Sinne über die Rache nach, welche er dem erzürnten Himmel geben mußte. Der Gott der Spanier war, wenngleich am Kreuze gestorben, der Vater der Sonne und des Weltalls; Luque war sein großer Stellvertreter in der neuen Welt und Luque hielt sich wegen der Götzendienerei der Indianer dem Himmel für verantwortlich.

Es war nachts zwölf Uhr und Coya sollte ihren Almagro sprechen; sie gab die nöthigen Befehle, und allein und von tausend trüben Aengsten angefochten, marschirte sie nach dem östlichen Theile hin, woselbst sie das Stelldichein verabredet hatten. Der edle Spanier irrte bereits auch auf der Suche nach seiner Angebeteten auf dem Felde umher, und bald trafen sich die beiden süßen Geliebten am Abhange eines friedlichen Baches, der lieblich rauschend an einem frischen Ufer dahinfloß. Sie erkannten sich und ein schmerzliches Zucken bemächtigte sich des Spaniers und der schönen Peruanerin. Ein langes Stillschweigen folgte der süßen Besorgniß, bis endlich Almagro das Schweigen brach.

»Schöne Coya,« sagte er zu ihr, »von dem Augenblick an, da ich deine durchdringenden Reize sah, fühlte ich mit unwiderstehlicher Gewalt deren ganze bezaubernde Macht. Hier, in meiner Brust....« und eine heiße Thräne lief an seinen Wangen herunter.

»Ich habe meine Krieger verlassen,« antwortete ihm Coya, »auf daß du mir die wichtigen Geheimnisse enthüllest, welche du mir angezeigt hattest. Sprich also, die Nacht verfliegt, die fromme Feier ist bald zu Ende und ich muß meinen Posten einnehmen; sprich Sohn der Sonne.«

»Ach Coya« (und er warf sich ihr zu Füßen), »ich liebe dich, ich bete dich an, du hast mein Herz bezwungen, hast meine Ruhe entrissen und mich in die grausesten Qualen gestürzt. Hier in meiner Brust brennt ein Feuer ewiger, unauslöschlicher Liebe; laß dich zum Mitleid rühren....«

»Steh’ auf, verlange nicht, daß meine Thränen auch mit den Deinen fließen. In dem Augenblick, da die Priester ihre Gebete für die Seelen so vieler Peruaner zum Himmel richten, entweihest du die Heiligkeit der Nacht mit Liebesworten!«

»Verzeihe, o Coya! Meine Liebe ist so rein, so heilig wie dieser Grabgesang, beleidige nicht die Sonne, welche du anbetest....«

»Und du liebtest mich und warfest dich mit deinen Gefährten auf unsere wehrlosen Bataillone und verdammtest, Blitze schleudernd, den peruanischen Hof und den Adel zum Tode und beludest den Herrscher von Peru, deinen Bruder, mit Fesseln!«

»Oh! nicht ich war schuld, nein Coya, die heilige Erfüllung der Befehle des großen Königs im Osten....«

»Ich bin auch eine Tochter der Sonne und niemals hat sie mir befohlen, den feierlichen Schwur zu brechen. So eine schwarze Unthat ist in Peru ein Todesverbrechen.«

»Schöne Coya, ich verdiene wenigstens dein Mitleid.«

»Und werden du und deine Gefährten Freunde Perus und des Inkas sein?«

»Almagro ist ein Freund Perus und auch seine Gefährten werden es sein.«

»Und wenn ich dich liebe, wird uns nachher die stumme Abwesenheit trennen?«

»Ah! nein Coya, wenn du mich liebst, bin ich der Glücklichste der Menschen; nur der Tod könnte mich deinen zarten Armen entreißen. Mit dir würde ich den Morgenstern aufgehen sehen, mit dir würde ich die Sonne durch den weiten Himmelsraum stürzen sehen, mit dir würde ich ihr Antlitz zum Untergange neigen sehen und unter süßen Liebkosungen sieht auch der Mond auf uns hernieder.«

»Ja, Almagro, ich verehre dich auch; hier in meinem Busen erstickte ich im Stillen die reine Liebe, die mir deine feurigen Blicke einflößten.«

»Und du liebst mich, Coya!...«

»Ob ich dich liebe, und mein Gott kündigt mir deine Liebe als einen schwarzen Unstern an.«

»Nein, meine Schöne, stille deine Erregung, dieser glückliche Augenblick wird der Anbruch günstiger Tage sein. Coya wird meine ganze Wonne sein, ich werde nur für Coya leben, Coya wird der Gegenstand meiner Anbetung sein.«

»Oh! wenn es uns vergönnt wäre, in sanfter Ruhe von Liebe zu reden.... Aber Almagro, wir entweihen diese heilige Nacht, wo einzig fromme Verehrung und schuldige Achtung vor den Todten herrschen soll, mit Liebesworten; lebe wohl, meine Krieger erwarten mich schon. Lebe wohl.«

»Warte, Coya, wenn du mich liebst, wie ich dich verehre, wird dir, fern von mir, das Leben eine unerträgliche Last sein; gewähre mir, nun der Verkehr der Lager gestattet ist, daß ich dich in Cajamalca aufsuche, daß meine Augen vor lauter Liebe in den Deinen tauchen....«

»Ja, in Cajamalca und auf der Flur werden wir uns sehen, lebe wohl.«