Die Eroberung von Peru

Part 3

Chapter 33,130 wordsPublic domain

Am 14. November 1525 ging Pizarro mit einem schwachen Fahrzeug und hundertzwölf Mann an Bemannung und Waffen endlich unter Segel; Almagro sollte ihm Verstärkungen zuführen, und Luque blieb, bis daß der Ehrgeiz die drei Genossen in den Thälern Perus vereinigte, um sehnlichst ihre Beute zu vertheilen, an der Spitze der Beziehungen in Panama. Ohne genaue Kenntnisse über die Theorie der Winde und der Strömungen irrte Pizarro siebzig Tage lang auf den Wogen umher, bis er endlich an verschiedenen Gestaden des Festlandes anfuhr und sich von der Unannehmlichkeit des Landes, das ihm schon Andere so wahr geschildert hatten, überzeugte. Flaches, sumpfiges Erdreich, von undurchdringlichen Wäldern bedeckte Gebirge, wenige und dafür um so wildere und tapferere Einwohner, das war es, was sein Ehrgeiz entdeckte. Der Hunger, die Müdigkeit, die häufigen Kämpfe mit den Eingebornen des Landes und mehr noch die den feuchten Ländern allgemein eigenen Krankheiten schwächten und zerstörten beinahe sein verächtliches Expeditionsheer, und er sah sich genöthigt, an der Insel Cuchamá, der Perleninsel gegenüber, zu landen, woselbst er von Panama Verstärkungen und Vorräthe zu empfangen hoffte.

Inzwischen ging auch Almagro, der in Panama Leute vereinigte, mit sechszig Mann unter Segel, um seinen Gefährten aufzusuchen und ihm Hülfe zu leisten. Vergebens landete er, dem Aufenthaltsort Pizarros nachspürend, ebenfalls mehrere Male auf festem Boden; die Indianer griffen ihn an und vernichteten ihn; und vertrieben und sogar verwundet, die gleichen Gebrechen wie sein Gefährte ertragend, fand er sein Heil in der Flucht, das Schicksal aber führte ihn nach Cuchamá, wo ihn sein Freund erwartete. Am 14. Juni war es, als die ersterbende Mannschaft Pizarros ein Fahrzeug jene unbekannten Meere durchfurchen sah, und beim Flattern der Fahne Panamas bemächtigte sich der entmuthigten Herzen gegenseitig ein göttliches Entzücken und nach langen Monden entstand der Trost in den geängstigten Gemüthern. Nach stummer Umarmung trösteten sie sich, einander ihre traurigen Abenteuer und erlittenen Schiffbrüche erzählend, und jeder tiefe Seufzer, den sie ausstießen, ergoß eine unüberwindliche Tapferkeit in ihre Seele.

Weder die Erinnerung an die Gefahren noch der Anblick des Todes an unbekannten und düstern Gestaden entmuthigten jene für große Unternehmungen geborenen Seelen. Almagro brach in der Absicht, neue Anwerbungen zu machen, nach Panama auf und Pizarro überließ sich, auf der Suche nach dem Goldlande, abermals der Ungunst der Winde. Nachdem er dieselben Trübsale wie bei seinem ersten Auszug erlitten hatte, segelte er längs der Bucht von San Mateo an der Quitoküste hin und landete in Tamanes, fruchtbareren und civilisirteren Gegenden, als diejenigen, welche er an der Küste des südlichen Meeres erkannt hatte. Er folgte dem Laufe seiner Nachforschungen, als der fürsorgliche Himmel, seine Schleußen öffnend, dem Donner und den Blitzen gebot, das schwache Fahrzeug, die Ueberbringerin so vielen Schreckens, zu begraben, und die Blitze kreuzten sich und die Wogen brüllten mit Entsetzen und zerschellten das gebrechliche Schiff. Ein gnädiges Schicksal bot den Schiffbrüchigen die nahe Gorgona- oder Hölleninsel an, wo der größte Theil derer, die Himmel und Meer zum Tode zu verdammen schienen, sich retten konnte.

Auf dieser wegen der Unbeständigkeit ihres Klimas, ihrer undurchdringlichen Wälder und ihrer abschüssigen Gebirge, wegen der Unmenge von Insekten und Thiere, die ihren Boden bedecken, wegen der ewigen Nacht, wozu sie die dichten Nebel verdammen, allgemein die Hölleninsel genannten Insel, hielt sich Pizarro, nicht um aufzuathmen und an seine Rettung zu denken, sondern um sein Schiff wieder in Stand zu setzen und neue Gefahren aufzusuchen, fünf Monate lang auf. Es wäre schwierig, die Qualen zu schildern, welche die Spanier an jener Stätte des Todes zu erdulden hatten; aber ihre Kraft war noch nicht gebrochen, sie gingen zum dritten Mal auf die Suche nach reichen Gestaden aus und entdeckten am zwanzigsten Tage die Küsten von Peru.

Nachdem er verschiedene unbedeutende Punkte berührt hatte, landete er in Tumbez, einer unter dem dritten südlichen Grade des Aequators gelegenen, ziemlich bevölkerten Stadt, wo sie einen großen Tempel und einen Palast der Inkas, der Beherrscher jenes Landes, vorfanden. Hier bewunderten die Spanier, da sie eine bevölkerte und mit Industrie betriebene Gegend und die Eingebornen anständig gekleidet sahen, zum ersten Mal den Anblick der Ueppigkeit und Civilisation des peruanischen Reiches; insbesondere aber zog ein solcher Ueberfluß an Gold und Silber die Aufmerksamkeit auf sich, daß diese Metalle nicht allein zur Verzierung der Tempel, sondern auch als gewöhnliche Gefäße und Geräthschaften zu häuslichem Gebrauche dienten, was keinen Zweifel ließ, daß in dem Lande ein ungeheurer Ueberfluß sein mußte. Pizarro und seine Gefährten hielten ihre Hoffnungen bereits für verwirklicht, sie zweifelten nicht, sie glaubten im Besitze ausgedehnter Gebiete und unerschöpflicher Schätze zu sein.

Pizarro jedoch erkannte, daß er ein großes Reich nicht mit einer so schwachen Kolonne bedrängen konnte; er unterdrückte seinen Ehrgeiz, untersuchte, in der besten Eintracht mit den Bewohnern lebend, die Küsten und erlangte von deren Großmüthigkeit für tausend Aufmerksamkeiten einige Hausthiere, einige silberne und goldene Gefäße und einige Werke der Industrie; sichere Proben, die er als Beweis der Entdeckung der neuen Continente vorzulegen gedachte, und er segelte nach Panama, woselbst er nach dem dritten Jahre seiner Abfahrt landete. Nein, kein Abenteurer hat so viele Drangsale erlitten, noch so vielen Gefahren getrotzt, wie Pizarro auf seiner dreijährigen Pilgerfahrt, und seine Geduld und seine Tapferkeit übertrafen alle Heldenthaten, die uns die Geschichte der neuen Welt aufweist.

Weder die Beziehungen, die Pizarro mit den von ihm entdeckten Ländern unterhielt, noch alle Anstrengungen der Verbündeten vermochten den Statthalter von Panama zu verpflichten, daß er ihnen irgend welchen Schutz angedeihen ließ; im Gegentheil, er glaubte, daß die Colonie nicht im Stande war, ein mächtiges Reich zu überfluthen, und er weigerte sich, eine Expedition zu ermächtigen, welche die seinem Befehle übertragene Provinz, ihr so die Arme, deren sie benöthigte, entreißend, zu Grunde richten könnte; sein Widerspruch aber vermochte den Eifer der drei Genossen nicht zu schwächen. Sie wußten, daß sie der Ausführung ihres Planes ohne den Schutz des Statthalters folgen, oder aber von ihrem Landesherrn die Erlaubniß, die ihnen vom Verwalter der Provinz verweigert wurde, einholen mußten, und Pizarro flog nach Madrid, um ihre gemeinschaftlichen Wünsche zu erlangen.

Die ausführliche Geschichte seiner Leiden und die schwülstigen Berichte, welche er über die von ihm entdeckten Länder abgab, bestätigt durch die von Tumbez mitgebrachten Erzeugnisse, machten auf Karl und seine Minister einen derartigen Eindruck, daß sie nicht nur den Plan einer neuen Expedition bewilligten, sondern den Anführer noch dazu ermunterten, dieselbe zu verwirklichen. Pizarro wurde zum Statthalter und Oberbefehlshaber ernannt, und über alle Länder, die er entdeckte, mit einer sowohl in Civil- als in Militärsachen unumschränkten Vollmacht mit allen bis dahin den Eroberern der neuen Welt zugestandenen Vorrechten ausgestattet; Almagro zu seinem Stellvertreter und Luque zum Generalverweser aller Besitzungen Pizarros. Mit so gutem Erfolge am spanischen Hofe kehrte er von Neuem nach Panama zurück, um sich mit seinen Genossen zusammen zu thun und um die letzten Anstrengungen zu machen.

Trotz alledem fehlte es ihnen bereits an Geld, und obschon sie ungeheure Opfer brachten, vereinigten sie nur drei kleinere Fahrzeuge und hundertfünfundneunzig Soldaten mit siebenunddreißig Pferden; eine solche Ueberlegenheit flößten jedoch den Spaniern damals ihre Siege in Amerika ein, daß Pizarro nicht daran zweifelte, das mächtige Reich, das durch seinen Ehrgeiz und seine Habsucht geplündert werden sollte, mit einer so schwachen Truppenmacht anzugreifen. Im Februar 1671 ging er unter Segel, und von der Gewalt der Winde und Strömungen getrieben, gedachte er in der Bucht von San Mateo zu landen; er wandte sich aber, ohne vom Ufer abzulassen, nach Süden, um mit desto größerer Leichtigkeit den Entsatz, den er von Panama erwartete, zu empfangen. Neue und große Entbehrungen bewiesen bei diesem Aufbruch seine Tapferkeit und Geduld. Anstatt sich das Vertrauen der Bewohner zu erwerben, griff Pizarro dieselben thörichter Weise an und nöthigte sie, aus ihren unschuldigen Zufluchtsorten zu entfliehen, und der Krieg, der Hunger, die Ermüdung und die dem Lande eigenen Krankheiten brachten die Eindringlinge in so eine grausame Nothlage, wie sie sie bei der ersten Expedition erlebt hatten. Die Küste von Peru ist an einigen Stellen unfruchtbar, ungesund und wenig bevölkert, die mächtigen Ströme, reißend und gefahrvoll zu überschreiten, durch den Muth aber, der von ihrem Ehrgeiz beseelten Spanier, war ihnen Alles möglich und leicht, und wenn ihnen der Sieg Beute und Ruhm sicherte, war der Triumph ihnen.

Sie gelangten endlich in die Provinz Coaque, und die Bewohner der Hauptstadt überraschend, bemächtigten sie sich der goldenen Gefäße und Verzierungen im Werthe von dreißigtausend Pesos[2] und vieler anderer Reichthümer, die das Mißtrauen, das sie angesichts der unfruchtbaren Gebiete, welche sie durchzogen hatten, gefaßt haben mochten, verschwinden ließen. Voll Vertrauen setzten sie, die ruhigen Einwohner, die sich unterwarfen, oder in das Innere des Landes flüchteten, ungestüm angreifend, ihren Marsch fort. Dieses plötzliche Erscheinen von Fremden, die in ihr Land einfielen, deren Gestalt und deren Sitten ihnen gleicherweise außergewöhnlich waren, und denen kein Mensch widerstehen konnte, machte auf die Peruaner denselben Eindruck des Schreckens, den es bei den andern Nationen Amerikas hervorgebracht hatte. Kämpfend, siegend und verwüstend kam Pizarro endlich in Pinca und in Tumbez an, wo er seine Truppen rasten ließ und auf Almagro und Luque wartete. Das waren die Männer, das Heer und die Hülfsquellen, womit man die Eroberung eines viertausend Meilen von der Metropole entfernten Reiches unternahm.

[2] Peso (Piaster) = 5 Frcs.

Ewiger Ruhm und Ehre solchem Muth und solchem Wagniß! Ewiger Ruhm den Spaniern und der glorreichen Regierung Karl des Fünften, die zur Zeit, als deren siegreiche Waffen den Hochmuth ganz Europa’s demüthigten, auch noch eine neue Welt eroberten und den entferntesten Zeiten eine nie versiegende Fülle von Glück und Seligkeit eröffneten!!!

Kapitel 5.

Peru.

Südamerika zählte im sechszehnten Jahrhundert auf seinem ungeheuren Territorium, von der Landenge von Panama bis zum Kap Horn, eine Unmenge von Volksstämmen und Nationen, die zu jenen Zeiten größtentheils unbekannt waren, ohne daß die Spanier in ihren glorreichen Triumphen weiter als über die Punta Rumena und den Rio Colorado vordrangen. Als Pizarro an den Gestaden des stillen Oceans landete, war das große Reich Peru, das sich von Norden nach Süden, der ganzen Küste des südlichen Eismeeres entlang, fünfhundert Meilen weit erstreckte, und das von Osten nach Westen von den riesigen Gebirgen der Anden, die sich ihrer ganzen Länge nach von einem Ende bis zum andern ausdehnen, eingeschlossen war, die mächtigste und ausgebreitetste Nation.

Ursprünglich war Peru, wie die ganze neue Welt, in herumziehende und unabhängige Stämme eingetheilt, die sich sowohl in ihren Sitten als auch in ihrer grotesken Art und Weise von einander unterschieden. Ohne Kultur und ohne Industrie, ohne gesellschaftliche Rechte noch Pflichten, zogen die Peruaner der Vorzeit wie wilde Horden, die besonders von der Jagd und vom Fischfang lebten, herum. Aber so wie alle Völker der Erde ihre ursprüngliche Civilisation gehabt haben, so verdankten auch die Peruaner zweieinhalb Jahrhunderte vor dem Erscheinen der Spanier an ihren Küsten dem Zufall zwei gerechte, einmüthige und erleuchtete Wesen, die sie sanft der Geselligkeit zuführten.

Wirklich erschienen während der Zeit der neuen Aera an den Ufern des großen Tititaka-Sees zwei erhabene Wesen von majestätischer Gestalt und gebildeten Manieren, die sich vornahmen, die Civilisation jenes Reiches durchzuführen; und wie alle berühmten Gesetzgeber, verfielen sie, um über den Menschen zu stehen, welchen sie zu befehlen hatten, auf den Aberglauben. Vergebens würden unter Völkern, denen kaum die Vernunft bekannt war, diese Legislatoren, um anfänglich die Aufmerksamkeit der Wilden auf sich zu ziehen, zu erhabenen und metaphysischen Theorieen gegriffen haben, und sie mußten daher zu natürlichen Dingen, die unter dem Reiche der Sinnesgefühle standen, ihre Zuflucht nehmen. Nichts Sichereres, als zu dem majestätischen Vater des Tages, dessen göttlicher Beeinflussung die Wilden zugänglich waren, die Augen zu erheben. Wenn der rosige Osten in herrlichem Purpur erstrahlt, lichtet sich die düstere und schwermüthige Finsterniß, die Vögelein entfalten ihre hellstimmigen Schnäbel, der Wald belebt sich, die Blumen blühen und es herrscht lauter Fröhlichkeit. Dann spannt der Wilde seinen Bogen und schärft seine Pfeile, wirft seine Netze aus und verehrt den Gott des Lichtes. Der erhabene Kultus der Sonnenanbetung lag im Bereiche der Bewohner der neuen Welt, und die weisen Gesetzgeber kündigten sich als Söhne dieser wohlthätigen Gottheit an, welche, mitleidig auf die Uebel der menschlichen Geschlechter herabschauend, sie, wie sie sagten, schickte, um dieselben zu belehren, sie zu bilden und glücklich zu machen. Vereint mit der Achtung, welche die Gottheit, in deren Namen sie sich anzeigten, einflößte, bestimmten jene Ermahnungen viele herumziehende Wilde, sich unter sich zu vereinigen, und da sie die Unterweisungen dieser beiden außergewöhnlichen Wesen als himmlische Befehle empfingen, folgten sie ihnen nach Cuzco, wo sie sich niederließen und eine Stadt gründeten.

Manco Capac und Mama Ocollo (das waren die Namen der beiden als Söhne der Sonne Angekündigten), so viele nomadisirende Stämme vereinigend, gründeten unter den Peruanern diese gesellschaftliche Verbindung, welche, indem sie das Ziel der Wünsche vervielfacht und die Kräfte der menschlichen Abart verbindet, zur Industrie antreibt und die Fortschritte aller Klassen belebt; sie gaben denselben weise Gesetze und flößten ihnen jene gesunde Moral ein, die an dem Glücke der Nationen wirkt, und Manco Capac wäre vielleicht der erste aller Legislatoren, wenn Confuzius ihn nicht darin überträfe, sich nicht des Aberglaubens bedient zu haben, um Moral und Gesetze empfangen und befolgen zu lassen.

Manco Capac stiftete die Sonnenanbetung, und es wurden Tempel errichtet und die Menschenopfer abgeschafft, und nur seine Nachkommen waren als Söhne der Sonne, dieser wohlthätigen und beschützenden Gottheit des Reiches, die ersten Priester des peruanischen Volkes. Manco Capac gab seinem Volke weise und strenge Gesetze, die seine Unterthanen von der Sonne, welche ihre Thaten erleuchtete, ausgegangen glaubten; die Uebertretung eines Gesetzes war eine Entweihung und bei ihren religiösen Handlungen offenbarten sie deren geheimste Umgehungen und verlangten deren Bestrafung. Die Inkas (Herren oder Könige von Peru), ebenfalls Nachkommen Manco Capacs und Mama Ocollos und daher Söhne der Sonne, waren die Tugendhaftesten im ganzen Reiche; ihr Betragen war das Vorbild der Thaten ihrer Unterthanen und niemals beging ein Inka ein Verbrechen. So wohlthätige Herrscher hätten ihre unumschränkte und auf jede Art und Weise in deren Hände gelegte Macht niemals mißbrauchen können, und durch weise, einfache, in unvollkommenen Hieroglyphen oder Quipos geschriebene Vorschriften bestimmte man die verschiedenen gesellschaftlichen Rangordnungen und die unverjährbaren, jedoch stets mäßigen und gelinden Abgaben für die Unterhaltung des Kaisers und der übrigen Beamten des Reiches, sowie für das prunkhafte Gepränge des Sonnenkultus und zur Erbauung seiner prächtigen, kuppelgewölbten, goldenen und silbernen Paläste.

Die Inkas, oder Herren von Peru, waren unumschränkt wie die Beherrscher Asiens, und nicht nur wie Monarchen, sondern auch wie Gottheiten verehrt. Ihr Blut galt als heilig; man ließ nicht zu, daß es sich durch irgend welche Vermischung herabwürdigte, und die Ehen zwischen dem Volke und den Inkas waren, obschon man ihnen eine Menge Konkubinen gestattete, damit sich das Geschlecht der Söhne der Sonne vermehrte, verboten. Ihre Familie zeichnete sich durch Kleidungen und Verzierungen aus, die kein Mensch gebrauchen durfte; niemals zeigte sich der Monarch ohne die Abzeichen des Thrones vor dem Publikum und er empfing von seinen Unterthanen Achtungsbezeugungen, die beinahe an Verehrung kamen.

Diese unbegrenzte Macht aber der Herrscher Perus war stets mit einer zärtlichen Bemühung für die Glückseligkeit seines Volkes vereint. Wenn wir den indianischen Texten glauben sollen, trieb nicht die Eroberungssucht die Inkas dazu an, ihr Reich auszudehnen, sondern der Wunsch, die Vortheile der Civilisation und die Kenntniß der Künste unter die barbarischen Völker, welche sie unterwarfen, auszubreiten. In der Aufeinanderfolge von zwölf Reichen war kein Inka von dieser wohlthätigen Denkungsart abgewichen, kein Inka hatte es unterlassen, sein Volk glücklich zu machen.

Eine so schöne moralische Aussicht bot Peru dar, als die Spanier an seinen Gestaden landeten, und die Pracht seiner Tempel und Paläste, seiner großartigen Straßen, seiner Brücken, kurz, seiner Denkmäler, deren Ueberreste das siegreiche Volk, das sie in den Staub stieß, noch bewundert, bewiesen die Fortschritte der Peruaner in den Künsten, der Industrie und der Mechanik. Unglückseligerweise aber kannten sie die Schrift nicht, und gerade ihre Gesetzgebung und Geschichte sollte noch alle die verhängnißvollen Folgen der nationalen Ueberlieferungen verspüren, weßwegen, falls wir beim Uebersetzen des Quipos oder der peruanischen Alphabete, die viel unvollkommener als die mexikanischen Hieroglyphen sind, in dieser Geschichte irgend eine Ungenauigkeit begängen, wir mit um so größerem Recht die Güte unserer Leser verdienen.

Mit diesen leichten Andeutungen werden wir uns von dem physischen und moralischen Zustande des ungeheuren Reiches, das der verwegene Pizarro sich vornahm, an den Siegeswagen des mächtigen Karl V. zu binden, leicht einen vollständigen Begriff machen und klar ableiten können, wie die Vorurtheile und der Fanatismus der einen und der andern Völker im sechszehnten Jahrhundert die Streitkräfte des großartigen Reiches mit den Streitkräften Pizarros, gefolgt von einer Hand voll Abenteurer, maßen.

Die Sanftmuth der Religion des Reiches trug über die Maßen zur Reinheit seiner Sitten und seines Glückes bei. Manco Capac leitete den ganzen frommen Kultus natürlichen Dingen zu. Die Sonne, als die erste Quelle des Lichtes, der Fruchtbarkeit der Erde und der Glückseligkeit ihrer Bewohner, war der erste und hauptsächlichste Gegenstand ihrer Verehrung; und alsdann erlangten der Mond und die Sterne, welche die Sonne in ihrem wohlthätigen Einfluß unterstützten, die Huldigung der Peruaner. So lange der Mensch, die Ordnung und die Herrlichkeit, welche in der Natur wirklich vorhanden sind, betrachtend, eine höhere Macht anbetet, ist der Geist des Aberglaubens mild und lieblich; im Gegentheil aber, hat man, die Welt regierend, Werke der Einbildung und des Schreckens der Menschen unterschoben, dann nimmt der Aberglaube die grausamsten und greulichsten Formen an.

Die erste dieser Religionen war diejenige der Peruaner und die zweite die der Mexikaner. Die an das strahlende Gestirn, das durch seine universelle und belebende Kraftfülle das schönste Sinnbild göttlicher Wohlthätigkeit ist, gerichteten gottesdienstlichen Bräuche waren milde und menschlich. Sie boten der Sonne einen Theil der Früchte, welche die Erde durch deren Wärme hervorgebracht hatte, dar, sie opferten zum Beweise ihrer Dankbarkeit einige Thiere, von denen sie aßen und deren Dasein sich durch ihren Einfluß vermehrte. Sie boten ihr ausgewählte und kostbare Werke des Gewerbefleißes aus ihren von deren Licht erleuchteten Händen dar. Niemals bespritzten die Inkas die Altäre mit Menschenblut, niemals bildeten sie sich ein, daß die Sonne, ihr Vater, Gefallen daran finden könnte, so barbarische Opfer zu empfangen. So verdankten die Peruaner, weit entfernt von diesem blutigen Kultus, der die Empfindsamkeit abstumpft und angesichts der Leiden der Menschen die Gefühle des Mitleidens erstickt, selbst dem Geiste ihres Aberglaubens einen sanfteren Nationalcharakter, als den der übrigen Völker Amerikas.

Dieser Einfluß der Religion erstreckte sich sogar auf ihre bürgerlichen Einrichtungen. Die Macht der Inkas wurde, obschon die willkürlichste der Gewaltherrschaften, durch den Einfluß der Religion gemildert. Die Seele der Unterthanen fühlte sich bei dem Gedanken an eine einem ihm ähnlichen Wesen gegenüber gezwungene Unterwürfigkeit weder gedemüthigt noch gering geschätzt. Der Gehorsam, den sie ihrem mit göttlichem Ansehen bekleideten Herrscher leisteten, war freiwillig und würdigte sie nicht herab. Ueberzeugt, daß die achtungsvolle Unterwerfung seiner Unterthanen davon herrührte, daß sie ihn für himmlischen Ursprungs hielten, verlor der Monarch die Gründe, die ihn dazu bewegten, das wohlthätige Wesen, das er vorstellte, nachzuahmen nicht aus den Augen und so findet man in der Geschichte Perus kaum eine Revolution gegen den regierenden Fürsten und keiner von den zwölf Inkas war ein Tyrann.