Die Eroberung von Peru

Part 1

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Alle Rechte vorbehalten.

Die

Eroberung von Peru.

Historische Originalnovelle

von

Don Pablo de Avecilla

General-Kriegsauditeur.

Aus dem Spanischen übersetzt

von

Adolf Knabenhans.

Erfurt, Zürich, Leipzig. Verlag von Eduard Moos. 1894.

Druck von Eduard Moos in Erfurt.

Einleitung.

Wenn wir im sechszehnten Jahrhundert auf alle europäischen Festländer, auf die ganze alte Welt einen philosophischen Blick werfen, zieht sich die Seele eines jeden gefühlvollen Menschen schwermüthig zusammen und sein Herz pocht bewegt. Denn nicht nur in Spanien war es, wo man unter dem Geklirre sarazenischer Waffen mit Entsetzen das harte Joch der Feudalherrschaft und hernach die Tyrannei der Könige verspürte; nicht nur die spanischen Grenzgebiete schauderten bei der Betrachtung der gräßlichen Auftritte, womit der düstere Fanatismus die reine und süße Religion Perus mit Blut befleckte; in dichte Nebel der Unwissenheit gehüllt, bot die alte Welt, wo man hinsah, den trostlosesten Anblick dar, und das Betragen der in jenem traurigen Zeitabschnitt der Oeffentlichkeit angehörenden Männer, nach der Moralität und Philosophie unseres Jahrhunderts zu bemessen, hieße in sehr schwere Irrthümer gerathen. Der allergrößte Held des sechszehnten Jahrhunderts wäre der, der vereinigt mit der wilden, persönlichen Verwegenheit in den Kämpfen, in heldenmüthigerem Grade den religiösen Fanatismus seiner Zeit besäße.

In so düstern Augenblicken war es, als die Kühnheit der Europäer sie bis nach dem Festlande der neuen Welt führte. Jene entlegenen Gestade, voller Unschuld und Arglosigkeit, bildeten den schrecklichsten Gegensatz zu den verfinsterten Herzen ihrer Entdecker. Aber nein; ferne von uns der Gedanke, die schändlichen Auftritte zu beschreiben, die der gefühlvolle Philosoph Raynal in seiner Geschichte der europäischen Niederlassungen beider Indien geschildert hat; ferne von uns, den Fußstapfen Robertsons in seiner Geschichte von Amerika zu folgen, weit entfernt endlich, mit feuriger Begeisterung den Greuel kläglicher Zeitabschnitte überladen zu wollen. Wenn die Pflicht jedoch geschichtlicher Novellenschreiber uns Thatsachen berühren hieße, mag es mit möglichster Leichtigkeit geschehen, und ohne deren düstere Farben zu überladen.

Alle Nationen Europas gründeten mehr oder weniger wichtige Niederlassungen in der neuen Welt, und alle Europäer verheerten deren Grenzgebiete; aber nur die Spanier beherrschten in ihr ausgedehnte Reiche und ungeheure Länderstriche, und die Kampfplätze der neuen Gestade werden kaum genügen, die Thaten der Tapferkeit und die Heldenthaten der spanischen Heroen aufzuzählen. Vertraut mit dem Kriege in achthundert Jahren der Kämpfe mit den Sarazenen; an die Verfolgung und Ausrottung der Gläubigen Mahomets gewohnt, mußten sie in den neuen Gebieten mit den Anbetern anderer Götter jenen selben Charakter des Schreckens und der Rohheit entfalten, der ihnen im Verlaufe so vieler Jahrhunderte bereits eigen und angeboren war. Die berühmten Ritter, in denen die wenigen Tugenden jenes Zeitabschnittes glänzen konnten, überließen, noch an die glänzenden Kreuzzüge gewohnt, die Gefahren der Wellen habsüchtigen Abenteurern, die sich mehr nach Gold und Reichthümern, als nach den frühern Lorbeeren der Kampfplätze von Palästina sehnten.

Wohl hausten die Spanier mit den wilden Naturtrieben jener Jahrhunderte entsetzlich auf dem neuen Festlande; ihre Verbrechen aber wären immer Verbrechen des sechszehnten Jahrhunderts, Verbrechen, die allen Europäern gemein waren, welche die neue Welt überflutheten; eigentliche Verbrechen des Fanatismus jener Zeiten der Unwissenheit und des Irrthums; kurz, Verbrechen von Abenteurern, die wie alle europäischen Abenteurer, den Tod oder ihren Ehrgeiz an den Schätzen des jungfräulichen Amerikas zu sättigen suchten; wenn uns aber die ersten Blätter der Geschichte der neuen Welt beschwerlich fallen könnten, verdankten doch am Ende jene Regionen den Spaniern die Liebe zur Freiheit, und das wahre Christenthum, die sie zur Civilisation und Unabhängigkeit geführt haben. Und heute können wir zufrieden ganz Europa sagen: *Sie nennen uns unsere Brüder!*

Inhalts-Verzeichniß.

Einleitung. Seite

Kap. 1. Die katholischen Könige 1

2. Columbus 7

3. Mexiko 14

4. Pizarro, Luque und Almagro 27

5. Peru 39

6. Tumbez 51

7. Huldigung 61

8. Fromme Bräuche 70

9. Waffenstillstand 80

10. Leichenbegängniß 89

11. Taufe 98

12. Feindseligkeiten 109

13. Atahulpa 122

14. Cajamalca 134

15. Knechtschaft 145

16. Verstärkung 156

17. Cuzco 163

18. Botschaft 172

19. Sieg 188

20. Duell 198

21. Staatsklugheit 210

22. Verurtheilung 223

23. Die Anden 238

24. Rache 254

25. Schluß 269

Kapitel 1.

Die katholischen Könige.

Es ließe sich unsern Lesern die vollkommene Uebereinstimmung der peruanischen Handschriften und Texte, welche uns bei Abfassung dieses Werkes gedient haben, schlecht vor Augen führen, wenn wir den politischen Stand der alten Welt im sechszehnten Jahrhundert nicht mit kurzen, leichten Strichen zu schildern und den Hof der katholischen Könige und dessen innere wie äußere Lage nicht etwas zu ergründen suchten.

Spanien, dieser von der schönsten Sonne Europa’s beschienene Boden, ist zu allen Zeiten der Tummelplatz gewesen, worauf mit Waffengewalt die Schicksale der alten Welt entschieden worden sind. Nachdem sich die kriegerische Republik Karthago auf den keltiberischen Schlachtfeldern besiegt sah, unterlag auch die römische Hoheit auf ihren Kampfplätzen; und wenn der Thron der Gothen im Verlaufe von Jahrhunderten auf unserm Boden an Volksthümlichkeit und Macht zunahm, so öffnete die Weichlichkeit der Höfe Witizas und Rodrigos den hinterlassenen Söhnen Libyens die Thore Spaniens und duldete, damit ihre Freiheit, ihre Unabhängigkeit und sogar ihren religiösen Glauben verlierend, während acht Jahrhunderten das harte, verhängnißvolle Joch der Sarazenen.

Aber der spanische Löwe sollte nicht immer niedergeschlagen zu Füßen seiner Unterdrücker brüllen; das Vaterland der Heroen erhob sein furchtsames Antlitz und Damaskus erbebte. Der Trieb zur Freiheit und die Liebe zum Vaterlande, eins mit dem Fanatismus und dem Aberglauben, reizten die alten Keltiberen und Lusitaner bei Cueba Donga auf und Pelayo eröffnete den hartnäckigsten und blutigsten Feldzug, den die Geschichte jemals bekannt gab. Siebenhundertachtzig Jahre der Kämpfe und dreitausendsiebenhundert Schlachten hatten die Sarazenen von den kantabrischen Gebirgen bis zu den Bergen vor Toledo hinabgetrieben, von den Bergen vor Toledo in die unwegsamen Sierras[1] von Andalusien und hatten sie endlich bis vor die Mauern von Granada gebracht. Ferdinand und Isabella behielt das Schicksal den Ruhm vor, die Kreuzesfahne auf den Zinnen der Alhambra flattern zu lassen und wenigstens für einmal machte der Fanatismus mit der Freiheit gemeinsame Sache.

[1] Gebirgsgegenden.

Zu so einem ungeheuren Feldzuge mußten von ihm mächtige Heere auf dem Fuße gehalten werden, da er, selbst mit genügenden Hülfsquellen für ausgedehnte Pläne, nicht einmal ein System öffentlicher Angelegenheit geschaffen hätte. Obschon die katholischen Könige, alle Jahre die Fluren der Sarazenen verwüstend, mit fünfzig- bis siebzigtausend Mann einzogen, bestanden diese Heere doch nur aus Vasallen, welche ihnen in früherer Zeit die feudalen Herren liehen, oder dann aus Fanatikern, die der Herr im Vatikan im Namen Gottes vierzig Tage lang aufwiegelte. Das französische Heer Karls VII. war die erste stehende Macht, welche Europa kannte, und welche den bedeutenden Umschwung vorbereitete, den Adeligen die Führung der staatlichen Militärgewalt zu entziehen. Die Könige waren machtlos; ihre Staatskasse war so schwach, daß sie sich weder auf Kosten noch auf Unternehmungen einlassen konnten, und gingen sie das Volk darum an, leistete dasselbe ihnen nur geringen Beistand.

Am zweiten Tage des Jahres 1493 zogen Ferdinand und Isabella als Sieger in Granada ein; um die Herrschaft der Sarazenen war es in Spanien geschehen und durch die Vereinigung der Krone von Aragonien und Castilien in Folge Vermählung dieser beiden Fürsten wurden, wiewohl sie keine unumschränkte Macht besaßen, ihre Besitzungen sehr ausgedehnt. Die gesetzgebende Gewalt lag in den Cortés und die ausführende des Königs war sehr begrenzt. Das romantische Zeitalter war noch nicht ganz zu Ende; die Herzhaftigkeit, Leutseligkeit und Tapferkeit waren das Unterscheidungszeichen der adeligen Ritter, das Feudalwesen aber erfreute sich unumschränkter Macht; die lehenspflichtigen Herren waren die Könige und die Monarchen hohle Truggestalten ohne Glanz und ohne Pracht. Doch Ferdinand, der die Frucht von viertausend Siegen einheimste, wußte die Vortheile, welche ihm die politische Lage darbot, auszunutzen. Von hohem Verständniß in der Zusammenstellung seiner Pläne, zehrte die Thätigkeit, die Standhaftigkeit und Entschlossenheit zu deren Ausführung, das Werk des Tyrannen, das ihm sein Herz eingegeben und sein Stolz vorgeschrieben hatte, auf. Ferdinand, vom Hofe in Rom nur der Katholische genannt, weil er ihn fürchtete, beraubte die frommen Väter, das eine Mal unter verschiedenen Vorwänden, das andere Mal unter Anwendung grausamer Gewaltthätigkeiten und viele Male durch Urtheilssprüche der Gerichtshöfe, eines Theiles der Besitzungen, die sie von der unbesonnenen Großmüthigkeit der früheren Monarchen und hauptsächlich von der Schwachheit und Verschwendungssucht seines Vorgängers, Heinrichs IV., erlangt hatten. Prächtig gestaltete er seinen Hof und flößte den Großen mit Flitter und Prunk Achtung ein. Er einverleibte der Krone die mächtigen Würden der Orden von Santiago, Alcantara und Calatraya, und er war (wiewohl seine Macht noch geringer als die anderer Herrscher Europas war) beständig ein scharfsinniger Tyrann, wo es galt, das Volk seiner Freiheiten zu berauben. Spanien war, bis auf die vollständige Niederlage, auf den Schlachtfeldern von Villalar frei.

Wenn so viele Vortheile den Thron Ferdinands riesenhaft zu gestalten vermochten, so schwächten jedoch seine politischen Mißgriffe dessen Macht. Die Bekehrungswuth, das unzertrennliche Attribut der Fanatiker, beherrschte Ferdinand, oder beherrschte zum mindesten dessen Politik, denn kaum flatterte die Fahne Zions auf den Mauern Granadas, als eine unsinnige Verordnung den in allen spanischen Provinzen zerstreuten Juden und Mohamedanern anbefahl, sich binnen vier Monaten taufen zu lassen oder aus den spanischen Besitzungen hinauszugehen. Wenige wurden getauft, aber achthunderttausend jeden Alters und Geschlechts suchten unter anderen Himmelsstrichen Duldung für ihren Glauben. Die durch den Krieg verheerten Fluren, der in wenigen Händen befindliche Grundbesitz, die kurze Ausdehnung des Handels und die geringe Entfaltung des innern Verkehrswesens, Alles machte, daß der Ackerbau nachließ und der öffentliche Reichthum sehr spärlich wurde. Ein verheerender Krieg von acht Jahrhunderten, eine schreckliche, vom Fanatismus vorgeschriebene Auswanderung, die den feudalen Rechten eigenthümliche Lähmung der Ehen, Alles trug zur Entvölkerung und zur Spärlichkeit der Arme für die Pflege der Künste und Wissenschaften bei.

Das war Spaniens politischer und innerer Zustand, als Columbus vor die spanischen Monarchen hintrat und ihnen ein ungeheures Reich anbot, dessen Vorhandensein ihm sein Antrieb eingegeben hatte. Obschon ein wenig über den Trümmern der Feudalherrschaft erhaben, war Ferdinand ein Herrscher, dessen schwache Staatskasse den inneren Anforderungen nicht genügte; ein Monarch, der nicht allzusehr auf die Liebe seines Volkes rechnete; ein Monarch endlich von größerer Pracht und Eitelkeit an seinem Hofe als Macht für ausgedehnte Unternehmungen, und da seine ganze Aufmerksamkeit von der Niederlage der Sarazenen in Anspruch genommen war, war es nicht leicht, daß er einem Manne, den ganz Europa für einen Träumer hielt, Gehör schenkte.

Wenn diese politische Lage den tugendhaften Entdecker der neuen Welt auch nicht gerade begünstigte, so stellte sich ihm die Unwissenheit und der Fanatismus als ein beinahe unüberwindliches Hinderniß entgegen. Die Unfehlbarkeit des Papstes hatte diejenigen, welche an das Vorhandensein der Antipoden glaubten, mit dem Kirchenbann belegt, und Spanien, wie alle Nationen, in Dummheit und religiöser Furcht begraben, war es nicht leicht, der Meinung eines dunkeln Mannes zu folgen, wo Papst und Genesis jede Zuverlässigkeit aufgaben. Es wäre schwierig, die Wegräumung so vieler Hindernisse zu erforschen, ohne dem Ehrgeiz der Könige nachzuspüren; die heftige Begierde aber, zu regieren, und das großartige Gepränge, ganze Reiche an den Siegeswagen zu befestigen, welche die katholischen Könige zu beherrschen schien, ließen sie dem unerschrockenen Columbus Gehör schenken, und indem sie der Genesis und dem Papste Stillschweigen geboten, warfen sie sich, auf der Suche nach Sklaven und Schätzen, der Wuth unbekannter Meere in die Arme.

Kapitel 2.

Columbus.

Durch die Eroberungen, welche sie täglich den Händen der Sarazenen entrissen, stolz, und in Folge der Triumphe, die sie, um ihre oberherrliche Macht damit zu vergrößern, über ihre Vornehmsten und den Adel, denen sie ihre alten, verbrieften Rechte entrissen, davontrugen, übermüthig geworden, hielten die katholischen Könige verwegen Ausschau auf den Ocean und ließen sich leicht von dem angenehmen Taumel bethören, daß es hinter jenen beweglichen Bergen von Wogen noch andere Reiche und andere Kronen gäbe, um damit ihre Stirnen zu schmücken und ihre Macht zu vergrößern. Es war ein kühner Mann, der, größer als sein Jahrhundert, eine neue Welt zu ihren Füßen niederlegte, und die frühere Halbinsel war schon eng begrenzt, um die Macht der Könige von Aragonien und Castilien in sich zu schließen. Columbus schmeichelte der Eitelkeit dieser gewaltigen Herrscherpaare und Papst und Genesis mußten vor dem unbeugsamen Willen der Eroberer Granadas, die an den riesigen Thron Karls V. noch eine neue Welt knüpfen wollten, verstummen.

Christoph Columbus, von Geburt ein Genuese, hatte sein kostbares Dasein mit mehr oder weniger wichtigen Seereisen zugebracht. Dieser unbekannte Mann, an Kenntnissen in der Astronomie und der Schifffahrt weiter fortgeschritten als sein Jahrhundert, wußte wie aus eigenem Antriebe, daß es noch einen andern Erdtheil haben mußte, und daß ihm der ewige Ruhm, denselben zu entdecken, vorbehalten blieb. Die Antipoden, welche die Vernunft als ein Hirngespinnst und der Aberglaube als einen Irrthum und als eine Gottlosigkeit hinstellten, waren für diesen außerordentlichen Mann eine unbestrittene Wahrheit. Von dieser Idee, der großartigsten, die je ein Mensch erdachte, besessen, schlug er seiner Vaterstadt Genua vor, eine andere Erdhälfte unter deren Gesetzgebung zu stellen. Von dieser schwachen Republik, von Portugal, wo er lebte, von England, das stets für irgend ein überseeisches Unternehmen bereit zu sein schien, verachtet, setzte er die einzigen Hoffnungen seiner Pläne auf Isabella.

Die Minister dieser Prinzessin hielten den Mann, der eine neue Welt entdecken wollte, gleich anfangs für einen Träumer, und lange Zeit hindurch behandelten sie ihn, wie gewöhnliche Menschen inmitten ihrer Glücksgüter Männer von Genie zu behandeln pflegen, von oben herab. Columbus jedoch schrak angesichts der Schwierigkeiten nicht zurück. Er besaß, wie alle diejenigen, welche außergewöhnliche Pläne schmieden, die Seelenhoheit und die Begeisterung, die sie gegen irrige Meinungen, gegen höhnische Verachtung des Stolzes, das Erniedrigende des Müßiggangs belebt. Entschlossen, energisch und muthig, triumphirte seine Klugheit und seine Geschicklichkeit über alle Hindernisse. Isabella verkaufte ihr Geschmeide und ihre Edelsteine, sie berief sich auf ihren Hof, und nachdem drei Fregatten mit neunzig Mann Besatzung für ihn ausgerüstet worden waren, ging Columbus am 3. August 1493 unter Segel, um die Welt in Erstaunen zu setzen.

Christoph Columbus gedachte die alte Welt umzugestalten und sein Unternehmen erforderte hohen Muth. Nach einer langen Seefahrt fingen die Mannschaften, entsetzt ob der ungeheuren Entfernung, welche sie von ihrem Vaterlande trennte, an, mißtrauisch darüber zu werden, an das Ziel ihrer Wünsche zu gelangen, und mehrmals wollten sie Columbus in’s Meer werfen, um wieder nach Spanien zurückzukehren. Der Admiral verstellte sich, so viel es ihm möglich war, bis daß, als er bereits den Ausbruch mit dem entsetzlichen Knalle bedrohen sah, er vorschlug, daß, wenn sie in drei Tagen kein Land entdeckten, sie nach Europa segelten. Glücklicherweise wurde noch vor dem dritten Tage, im Monat Oktober, die neue Welt entdeckt. Columbus landete auf der Insel San Salvador und nahm im Namen Isabellas Besitz von ihr. Kein Mensch hielt es damals in Europa für ungerecht, sich eines nicht von Christen bewohnten Landes zu bemächtigen! Bei dem Anblick der Schiffe und der von ihnen so sehr verschiedenen Menschen verwirrt, flohen die Inselbewohner entsetzt in die Tiefen der Wälder. Die Spanier konnten einige packen, die reichlich beschenkt und geherzt zurückkehrten, um ihre Horden zu schicken, was genug war, sich das ganze herumirrende Volk zuzuziehen.

Unter fröhlichem Gejauchze liefen die unglücklichen Bewohner der neuen Welt an das Gestade und erkannten die Schiffe und herzten die Europäer. Die Europäer hingegen, als sie kupferfarbene Menschen, ohne Bart in ihrem Gesicht, ohne Flaum an ihrem Körper, in natürlicher Einfachheit sahen, sahen dieselben für unvollkommene Thiere an, die zu ihrem Abscheu und dazu geboren waren, um sie an das Halseisen zu befestigen, um sie auf den Märkten zu verkaufen und sie zu ewiger Knechtschaft zu verdammen.

Die Insulaner, welche, die Wälder bewohnend, nach wildwachsenden Früchten der Natur suchten und ihrer Scham mit einfachen Geweben genügten, wußten nichts von dem Werthe der Metalle, und das verächtliche Kupfer und das ersehnte Gold stillten gleicherweise ihren einfältigen Stolz; sie zierten ihre Tempel und erhöhten den Liebreiz ihrer Schönen. Die Eindringlinge warfen inzwischen, auf der Suche nach kostbaren Metallen und Edelsteinen, durchdringende Blicke um sich her und sahen lächelnd die mit Schätzen beladenen Indianer in ihrem Zierrath und im Innersten ihres Herzens sannen sie auf Raub und Mord. Oh, erhabener Columbus! niemals wird die Geschichte deine Tugenden beflecken. Der Wissensdrang, nicht die Geldgier, gab dir das Vorhandensein neuer Erdtheile ein; hättest du das Buch der Schicksale der Völker aufschlagen können, so läge Amerika in ewiger Vergessenheit da, und du würdest nicht die Wogen ruhiger und entfernter Gestade stören, um sie nachher von Blut geröthet zu sehen. Gefühlvoll, weichherzig und tugendhaft, warst du die Liebe der einfachen Inselbewohner und der Haß des Hofes von Castilien, und dein Gedächtniß soll, indeß die Erinnerung an deine Tugend in den Herzen fortlebt, der neuen Welt theuer sein.

Columbus’ unermüdlicher Eifer für Entdeckungen und der Anreiz des Goldes in den Spaniern brachte sie nach der Insel Santo Domingo und nach andern Festländern Amerikas. So lange als Columbus an der Spitze der Mannschaften stand, stieß der Ehrgeiz der Expeditionäre auf einen unüberwindlichen Damm. Da er aber wieder an den spanischen Hof zurück mußte, da er sich zu neuen Entdeckungen der Unendlichkeit des Meeres überlassen mußte, ließen die widerrechtliche Besitzergreifung, der Fanatismus, die Grausamkeit und Unmenschlichkeit ihre Wuth an den unschuldigen Sonnenanbetern aus. Ohne andere Waffen als ihren Bogen und ihre Pfeile von Holz oder aus Fischgräten wagten die Indianer vergebens Zusammenstöße mit Feinden, deren Waffen, deren Mannszucht denselben so große Vortheile gewährten. Von ihren schwachen Opfern wie Götter angesehen, stimmten dieselben, bevor sie kämpften, den Sieg an und ihre Trophäen waren unmenschlich von Blut geröthet. Columbus jedoch warf die Ruchlosen zu Boden und war der Schutzengel der Indianer. Columbus aber würde der erste tugendhafte Kriegsheld sein, der nicht ein Spielball der Höflinge wäre und der schließlich nicht den Fußstapfen Belisars nachfolgte. Die Verleumdung richtete ihre grausamen Geschosse auf ihn und nachdem man ihn in Santo Domingo in Ketten zu legen befohlen hatte, wurde er wie der Gemeinste der Verbrecher nach Spanien geführt. Ueber so ein schimpfliches Vorgehen beschämt, ließ ihn der Hof zwar frei, jedoch ohne ihn an seinen Verleumdern zu rächen und ohne ihn wieder in seine Titel und Aemter einzusetzen. Das war das Ende dieses außerordentlichen Mannes! Die öffentliche Erkenntlichkeit hätte wenigstens diesem neuen Erdtheil den Namen des kühnen Schifffahrers, der ihn entdeckte, geben dürfen, und es wäre die geringste Huldigung, die zu seinem Gedächtnisse beitragen könnte; bald aber entrissen ihm der Neid, bald die Undankbarkeit, bald die Launen des Glückes, die also über den Ruhm gebieten, das Geschenk, welches ihm das Schicksal gewährt hatte, und sprachen es Florentino Vespucci zu, der nur seinen Fußstapfen nachfolgte. Der erste Augenblick, in dem Amerika für die übrige Welt bekannt wurde, wurde mit einer Ungerechtigkeit besiegelt. Verhängnißvolle Vorbedeutung derer, deren Schauplatz jene unglückseligen Länder werden sollten!

Nach dem Falle Columbus’ und dem Tode Isabellas fingen die Insulaner an, die ganze Entsetzlichkeit des sie bedrohenden Schicksals zu fühlen. Die Religion und die Politik des sechszehnten Jahrhunderts dienten dem gottlosen Gesetze, das Ferdinand der Katholische im Jahre 1506 erließ, in welchem er die Indianer den Eroberern zutheilte, damit sie dieselben bei den Ausbeutungen der Bergwerke und bei den allerbeschwerlichsten Arbeiten verwenden sollten, zum Vorwande. So lange wir, sagten sie sich in der freien Ausübung ihres Aberglaubens, diese Barbaren lassen, werden sie weder das Christenthum umarmen, noch dem Gehorsam den Nacken beugen. Oh! würdige Politik des sechszehnten Jahrhunderts!... Die Inseln wurden in eine Menge von Bezirken eingetheilt, und jeder Expeditionär erlangte, je nach seinem Grade, seiner Gunst oder seiner Geburt mehr oder weniger Boden, und von diesem Augenblick an waren die Indianer Sklaven, die ihrem Herrn ihren Schweiß und ihr Blut schuldeten, und diese entsetzliche Verordnung wurde, da die Krone unerhörte Abgaben über die Arbeiten an sich nahm, auf allen Niederlassungen der neuen Welt befolgt.

Die Auszügler befriedigten ihren Ehrgeiz auf einige Augenblicke; aber die schwächlichen, einer unerträglichen Arbeit nicht gewachsenen und der Härte unmenschlicher Strafen erliegenden Indianer verschwanden von ihren fruchtbaren Gefilden, und kaum blieben noch Arme dafür übrig, wann der Augenblick der Rache donnerte. Umsonst berief man sich im sechszehnten Jahrhundert auf gute Colonisationsprinzipien; umsonst flehte man die Rechte der Menschlichkeit an; das gezückte Schwert und der Name des Eroberers; das Crucifix in der Linken und die Fackel in der Rechten; die Sklaverei oder der Tod; das Christenthum oder der Scheiterhaufen; das waren sie alle die großen Grundsätze des katholischen Hofes, wie aller Höfe Europas, in dem verhängnißvollen sechszehnten Jahrhundert.