Die Entwicklung des Berliner Flaschenbiergeschäfts
Part 10
Wie die weitere Zukunft des Bierverlages sich in Berlin gestalten wird, darüber lassen sich nur Vermutungen anstellen. Im wesentlichen wird sie, wie aus den vorhergegangenen Betrachtungen ersichtlich ist, von dem Anteil abhängen, welchen der Weissbierkonsum in Berlin an dem gesamten Bierkonsum haben wird und ferner von der Weiterentwicklung der Berliner Weissbierbrauereien. In dem Augenblicke, wo diese ebenso allgemein, wie gegenwärtig die Berliner Lagerbierbrauereien, den Flaschenbiervertrieb in eigene Regie übernehmen, wäre meines Erachtens das Schicksal der Bierverleger besiegelt, und an Stelle der heute noch bestehenden Lieferungsgeschäfte mit grösserem Umsatz würden jene Unternehmungen der ersten Kategorie treten, welche sich zu den Geschäften alten Stiles etwa ebenso verhalten wie die gekennzeichneten Quetschen zu den soliden Weissbierbrauereien. Von den Geschäften dieser Art zu jener Spezies des Viktualienhandels, welcher nur nebenbei Bier führt und dieses nicht in Fässern, sondern in Flaschen -- bei der von uns angenommenen Voraussetzung also von den Brauereien -- bezieht, wäre nur noch ein Schritt, und sobald dieser erst gethan, wäre natürlich das Ende des Bierverlages in jeder Form besiegelt.
Aufgabe der Bierverleger muss es von ihrem Standpunkt aus natürlich sein, diese Entwicklung zu verlangsamen oder aufzuhalten. Der Einzelne kann hierzu natürlich nicht viel thun, es kommt auf den Zusammenschluss, die feste Organisation an. Unter diesem Gesichtspunkte ist es zu bedauern, dass der Verein der Berliner Bierverleger bis heute noch nicht dem Verbande deutscher Bierhändler angehört, vielmehr bei dem Verband der Gast- und Schankwirte von Berlin und Umgegend Anschluss gesucht hat, wie er ja auch laut Statut Gastwirte in seine Reihen aufnimmt. Die Interessen der Gastwirte sind denen der Bierverleger in vielen Fällen diametral entgegengesetzt, und ein Verein von Angehörigen beider Berufe kann für die Interessen des einzelnen Berufszweiges -- in diesem Falle für die Interessen der Bierverleger! -- oft nicht ungehemmt genug auftreten. Der V. d. B. dagegen hat trotz seines erst kurzen Bestehens bereits Beweise dafür gegeben, dass er seinem Berufe als Interessenvertretung der Bierhändler in sachlicher und doch zugleich energischerweise gerecht wird, wozu vor allem auch die vorzügliche Redaktion seines Fachorgans beigetragen haben mag, in dem (1899 begründet) fast alle bestehenden und empfundenen Missstände im Bierverlagsberuf und etwaige Mittel zur Abhilfe in ernster sachlicher Weise besprochen worden sind. Die Anregung, welche durch die hier gebotenen Artikel gegeben wird in Verbindung mit den vielfachen Versuchen der Berufsgenossen an anderen Orten würde vor allem dazu beitragen, die Hoffnungslosigkeit zu bekämpfen, welche heute vielfach unter den Berliner Bierverlegern herrscht und gewiss auch einen ungünstigen Einfluss auf irgend welche Versuche zur Hebung der bedrängten Lage ausübt. Solche Versuche liessen sich auf verschiedenen Gebieten machen, z. B. durch gemeinsamen Einkauf von Flaschen, Errichtung eines Flaschenaustauschlagers, gemeinsam erlassene Warnungen gegen Flaschenmissbrauch, vor allem aber für die unabhängigen Bierverleger: Durch einen abermaligen Versuch mit der _Gründung einer Genossenschaftsbrauerei_, die allerdings von vornherein kapitalkräftig genug sein müsste, um nicht aus denselben Gründen liquidieren zu müssen, wie jene erste. Auch sonst sind die Lehren sehr wohl zu beherzigen, welche jener erste Versuch gegeben hat. So müsste z. B. von vornherein auf die Aichung der Fässer und gleiches Maass gesehen werden. Wird der Genossenschaftsgedanke in _allen_ Punkten richtig erfasst, so kann der Erfolg nicht ausbleiben und ev. auch durch geschlossenes Vorgehen verhindert werden, dass die Weissbierbrauereien den Flaschenbiervertrieb übernehmen. Die Ausbildung und Ausführung des Genossenschaftsgedankens ist jedenfalls ein weit praktischeres Mittel, als eine Petition an den Reichstag um Einführung der Konzessionspflicht für den Flaschenbierhandel[33], die doch wahrscheinlich auch bei der heutigen Zusammensetzung des Reichstags kaum eine Mehrheit finden würde.
Wir sind am Schlusse unserer Betrachtungen angelangt. Vielleicht kein Gebiet ist gerade in den letzten Jahren so oft Gegenstand der öffentlichen Diskussion gewesen, als die Kleinhandelsfragen, sei es nun, dass sie im Zusammenhang mit der Warenhausentwicklung oder anderen Erscheinungen des modernen Wirtschaftslebens aufgetreten sind. Vielfach wird man aber gerade in wissenschaftlichen Kreisen der Ansicht gewesen sein, dass auf diesem Gebiete noch sehr viel Vorarbeit zu leisten ist, ehe wir zu einem Urteil kommen können, und dass wir uns vor allgemeinen, oft von einseitigen Gesichtspunkten ausgehenden Beurteilungen hüten müssen. Der vorliegende Versuch der Monographie einer bestimmten Art des Kleinhandels wird seinen Zweck erfüllt haben, wenn er einen Stein zu dem Bau dieser Vorarbeiten geliefert hat.
Fußnoten:
[26] Es geht dies u. a. auch aus der verhältnismässig sehr verschiedenen Anzahl derjenigen Geschäfte hervor, welche Fernsprechanschluss haben. Unter den 97 Bier-Engrosgeschäften sind dies 49 (nach Abzug der Fassbierhandlungen von 75 Biergrosshandlungen 27), von den 367 Bierverlegern dagegen nur 21. Auch die im Handelsregister eingetragenen Firmen finden sich nur unter der ersteren Rubrik.
[27] Vielfach gehen sie zur Flaschenbierabteilung einer Brauerei, da dort der Naturallohn und das Wohnen beim Brotherrn natürlich längst abgeschafft ist.
[28] Doch wird in allen Fällen der sogenannte Haustrunk gewährt, d. h. die Arbeiter brauchen das im Betriebe getrunkene Bier nicht zu bezahlen.
[29] D. h. Ausschankstätten von Branntwein, welche nur nebenbei Bier führen.
[30] Vgl. in dieser Hinsicht die sehr interessanten Verhandlungen des Verbands deutscher Bierhändler. Abgedruckt in dem Verbandsorgan. Der Bier-Verleger II. Jahrg. bes. S. 278 u. f.
[31] D. h. es wurden im Sommer 4, im Winter nur 2 Arbeiter beschäftigt. Die Lohnsumme ist nach den Buchungen angegeben.
[32] Aus begreiflichen Gründen habe ich die wirklichen Anfangsbuchstaben der betr. Namen durch fingierte ersetzt.
[33] Wie sie u. a. auch auf dem Vertretertage des V. D. B. vorgeschlagen wurde.
Vita.
Ich, Gustav Stresemann, evang. Konfession, wurde am 10. Mai 1878 als Sohn des Biergrosshändlers Ernst Stresemann zu Berlin geboren. Von Michaelis 1884 bis Ostern 1897 besuchte ich daselbst das Andreas-Realgymnasium, das ich mit dem Zeugnis der Reife verliess. Hierauf bezog ich die Universität Berlin und hörte während dreier Semester die Vorlesungen der Herren Professoren Boeckh, Bornhak, Gierke, Herrmann, Hintze, Jastrow, Lenz, Liesegang, Nandé, Pernice, Reinhold, Schmoller und Wagner. Im Winter-Semester 1898 setzte ich meine Studien in Leipzig fort und hörte während der folgenden vier Semester Vorlesungen bei den Herren Professoren Bücher, Fricker, Friedberg, Haepe, Pohle und Stieda. Ausserdem nahm ich an den Seminarübungen der Herren Professoren Bücher und Fricker, sowie des Herrn Oberlehrer Lambert teil. Allen meinen Lehrern fühle ich mich zu Danke verpflichtet für die mir zu Teil gewordene Förderung, insbesondere Herrn Professor Bücher dafür, dass ich in seinem Seminar zuerst systematisch arbeiten lernte.
Anmerkungen zur Transkription:
Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Rechtschreibung und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten.
Der vertikale Text auf beiden Seiten der Tabelle auf Seite 55 wurde an das Ende der Tabelle gesetzt.
Formatierung:
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Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem Originaltext vorgenommenen Korrekturen.
S. 3: in der Nähe belegenen -> gelegenen S. 5: In 242 Bänden von 1772-1858 -> 1858. S. 6: in Berlin nur oberjähriges -> obergähriges S. 7: Bevölkerung reserviert und und -> zweites 'und' überflüssig S. 7: der vorher angebenen -> angegebenen S. 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschänkern S. 14: sie berug -> betrug S. 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's S. 23: Bier eingeführt wurde -> wurde, S. 23: lediglich den unterjährigen -> untergährigen S. 25: steckt eine oder mehre -> mehrere S. 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473, S. 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556, S. 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich. S. 29: zu ihrer Einrichtung« -> zu ihrer Einrichtung.« S. 30: So heist -> heisst S. 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner S. 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich S. 31: dass diejenigen Familen -> Familien S. 31: etwas höher sen -> sein S. 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht S. 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen S. 40: über die Entwiklung -> Entwicklung S. 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im S. 50: ca. 9 % -> ca. 9 %. S. 53: Unternehmen dienen sollen -> soll S. 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger S. 55: .... " do -> do. S. 55: Löwenbräu do -> do. S. 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet S. 71: Hauptabsatz aber entfält -> entfällt S. 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 % S. 76: betrug 14,23 -> 14,23 % S. 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto S. 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor, S. 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers S. 86: Masse wie pen -> den S. 87: Verhältnisse im Bierverlaggeschäft -> Bierverlagsgeschäft S. 88: Haftpflicht, um möglicht -> möglichst S. 93: bedrängten Lage ausübt, -> bedrängten Lage ausübt. S. 94: Ich -> Ich, S. 94: Hierauf bezog -> bezog ich
Transcriber's Notes:
The original spelling and minor inconsistencies in the spelling and formatting have been maintained.
The text vertically aligned on both sides of the table was placed at the end of it on page 55.
Formatting:
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The table below lists all corrections applied to the original text.
p 3: in der Nähe belegenen -> gelegenen p 5: In 242 Bänden von 1772-1858 -> 1858. p 6: in Berlin nur oberjähriges -> obergähriges p 7: Bevölkerung reserviert und und -> superfluous second 'und' p 7: der vorher angebenen -> angegebenen p 7: Bier von den Bierschenkern -> Bierschänkern p 14: sie berug -> betrug p 20: Wiedfeld's -> Wiedfeldt's p 23: Bier eingeführt wurde -> wurde, p 23: lediglich den unterjährigen -> untergährigen p 25: steckt eine oder mehre -> mehrere p 26: 1869: 2473. -> 1869: 2473, p 26: 1874: 6556. -> 1874: 6556, p 27: Kleinbetrieben an sich, -> Kleinbetrieben an sich. p 29: zu ihrer Einrichtung« -> zu ihrer Einrichtung.« p 30: So heist -> heisst p 30: Errichtung vielfacher kleinen -> kleiner p 31: aber sie haben sicherich -> sicherlich p 31: dass diejenigen Familen -> Familien p 31: etwas höher sen -> sein p 31: den Berechnungen gescheht -> geschieht p 39: dass man nicht gezwungne -> gezwungen p 40: über die Entwiklung -> Entwicklung p 40: 1868 findet sich im im -> 1868 findet sich im p 50: ca. 9 % -> ca. 9 %. p 53: Unternehmen dienen sollen -> soll p 54: einem Berliner Bierverleger, -> einem Berliner Bierverleger P 55: .... " do -> do. p 55: Löwenbräu do -> do. p 70: zur Barzahlung verpflicht -> verpflichtet p 71: Hauptabsatz aber entfält -> entfällt p 76: bezifferte sich auf 2,51 -> 2,51 % p 76: betrug 14,23 -> 14,23 % p 79: in seinem Ausgabekonto -> Ausgabenkonto p 83: geht deutlich hervor- -> geht deutlich hervor, p 83: eines solchen Bierlegers -> Bierverlegers p 86: Masse wie pen -> den p 87: Verhältnisse im Bierverlaggeschäft -> Bierverlagsgeschäft p 88: Haftpflicht, um möglicht -> möglichst p 93: bedrängten Lage ausübt, -> bedrängten Lage ausübt. p 94: Ich -> Ich, p 94: Hierauf bezog -> bezog ich