Die Entstehung der Kontinente und Ozeane

Part 1

Chapter 12,896 wordsPublic domain

Anmerkungen zur Transkription: ##############################

Der vorliegende Text wurde anhand der 1920 erschienenen zweiten Ausgabe möglichst originalgetreu wiedergegeben. Inkonsistente Ausdrücke wurden beibehalten; dies gilt auch für Unterschiede in den Schreibweisen im Text gegenüber dem Namens- und Sachregister. Weiterhin wurden unterschiedliche Worttrennungen ebenfalls nicht angeglichen.

Kursive Textstellen wurden mit Unterstrichen gekennzeichnet (_kursiv_), fettgedruckte dagegen mit Rautensymbolen (#fett#). Insbesondere Eigennamen wurden im Originaltext gesperrt dargestellt; hier wird dies durch Schrägstriche repräsentiert (/gesperrt/).

Die folgenden typographischen Fehler wurden korrigiert:

# S. 16: „einmalig“ → „einmalige“ # S. 79: „Nornordwest“ → „Nordnordwest“ # Fußnote 41: „sogar nur 8 bis 9 km“ → „sogar nur 8 bis 9 km betragen“ # Fußnote 57: „Research in Chine“ → „Research in China“ # Fußnote 106: „in Kommission be“ → „in Kommission bei“

Die Bezeichnungen „Megascolecinen“ und „Lumbricinen“ für die üblichen Namen der biologischen Familien der Megascoleciden und Lumbriciden wurden im Text beibehalten; ebenso „Palorchectes“ und „Miolania“ für die Gattungsnamen Palorchestes und Meiolania.

DIE WISSENSCHAFT

Sammlung von Einzeldarstellungen aus den Gebieten der Naturwissenschaft und der Technik

Herausgegeben von Prof. Dr. EILHARD WIEDEMANN

BAND 66

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane

Von

Prof. Dr. Alfred Wegener

Abt.-Vorst. d. Deutschen Seewarte u. Priv.-Doz. d. Geophysik a. d. Hamburgischen Universität

Zweite gänzlich umgearbeitete Auflage

Mit 33 Abbildungen

Braunschweig

Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn

1920

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane

Von

Prof. Dr. Alfred Wegener

Abt.-Vorst. d. Deutschen Seewarte u. Priv.-Doz. d. Geophysik a. d. Hamburgischen Universität

Zweite gänzlich umgearbeitete Auflage

Mit 33 Abbildungen

Braunschweig

Druck und Verlag von Friedr. Vieweg & Sohn

1920

Alle Rechte vorbehalten.

Copyright, 1920, by Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig, Germany.

Vorwort.

Das vorliegende Buch ist die -- völlig umgearbeitete und wesentlich vermehrte -- zweite Auflage meiner gleichnamigen, 1915 in der Sammlung „Vieweg“ (Nr. 23) erschienenen Schrift, die vergriffen ist. Die Übernahme der neuen Auflage in die Sammlung „Wissenschaft“ erfolgte wegen des vergrößerten Umfanges; sie erscheint aber auch durch die starke Veränderung gerechtfertigt, die sie bei der Neubearbeitung erfahren hat und durch welche sie den Charakter eines neuen Buches annimmt.

Die Theorie der Kontinentalverschiebungen ist in allen Teilen schärfer gefaßt, und ihre Prüfung durch Heranziehung von Beobachtungsmaterial erheblich weiter im einzelnen durchgeführt, als es mir bei der ersten Auflage möglich war. Insbesondere konnten die Polverschiebungen und auch die Ursache der Kontinentalverschiebungen weit ausführlicher behandelt werden; dies sind wohl die beiden Punkte, in denen die Theorie am weitesten fortgeführt werden konnte. Die im Vorwort der ersten Auflage als experimentum crucis bezeichneten Änderungen der transatlantischen Längenunterschiede haben sich zwar für die zunächst in Betracht gezogene Strecke Europa-Nordamerika bisher nicht bestätigen lassen, dagegen haben die endgültigen Ergebnisse der Danmark-Expedition eine um so glänzendere Bestätigung für die Strecke Europa-Grönland gebracht.

Seit der ersten Auflage ist im In- und Auslande eine umfangreiche Literatur über die Kontinentalverschiebungen entstanden, deren Aufzählung mehrere Seiten füllen würde. Eine Reihe bekannter Fachgelehrter, allen voran /Dacqué/, hat sich trotz der Neuheit dieser Gedankengänge mit Interesse, ja teilweise mit vorbehaltloser Anerkennung dazu geäußert. Naturgemäß ist aber die Zahl der Zweifler noch immer groß, zumal die Theorie von verschiedenen Seiten, namentlich den Geologen /Diener/, /Semper/ und /Sörgel/ heftig angegriffen worden ist. Der teilweise verfehlte Ton dieser Angriffe ist bereits von anderer Seite getadelt worden[1]. Was an tatsächlichen Einwänden vorgebracht wurde, ist in der vorliegenden Neubearbeitung sorgfältig berücksichtigt. Leider beruht ein großer Teil der Einwände auf bloßen Mißverständnissen, ja sogar Versehen, die sich bei größerer Sorgfalt der Kritik leicht hätten vermeiden lassen. Obwohl auch hierauf bereits von anderer Seite hingewiesen worden ist[2], sind diese Mißverständnisse doch unerkannt in zahlreiche Referate übergegangen. Ich bin deshalb bestrebt gewesen, die betreffenden Fragen in der vorliegenden Darstellung möglichst unzweideutig zu behandeln.

Wie die erste Auflage durch die selbstlose geologische Beratung und Mitarbeit von /Cloos/ gefördert, um nicht zu sagen, ermöglicht wurde, so ist die zweite gekennzeichnet durch die nicht minder wertvolle Mitarbeit eines Klimatologen; ihre Ausarbeitung geschah nämlich in täglichem Gedankenaustausch mit /W. Köppen/, und ich hatte die Genugtuung, daß dieser, anfangs kühl und zweifelnd, sich mit wachsender Wärme in die Ideenwelt der Verschiebungstheorie vertiefte und schließlich mit hoher Freude zu der Überzeugung hindurchdrang, daß hier der rote Faden im Labyrinth der Paläoklimatologie gefunden sei. Mehrere Kapitel entstanden in so engem Gedankenaustausch mit ihm, daß die Grenze des geistigen Eigentums nicht mehr feststellbar ist. Seine wichtigsten Ideen über diesen Gegenstand wird /Köppen/ noch in zwei besonderen Abhandlungen in „Petermanns Mitteilungen“ veröffentlichen.

Von anderen Fachleuten bin ich namentlich den Herren /Andree/, /Irmscher/, /Michaelsen/ und /Tams/ für geistige Unterstützung dieser Arbeit zu Dank verpflichtet.

Der Leser sei nachdrücklichst darauf hingewiesen, daß eine große Zahl von Fragen -- wenn man nicht auf eigenes Urteil verzichten will -- durchaus die Benutzung eines Erdglobus erfordern. Ein Atlas reicht wegen der Verzerrung durch die Projektion nicht aus. Die Kritik der ersten Auflage krankt geradezu an der Nichtbenutzung des Globus.

/Hamburg-Großborstel/, im April 1920.

Alfred Wegener.

Inhaltsverzeichnis.

Seite

/Erstes Kapitel./ #Landbrücken, Permanenz der Ozeane und Isostasie# 1

Die Schrumpfungshypothese 1. -- Betrag des Gebirgszusammenschubs 2. -- Flachseenatur der marinen Ablagerungen 3. -- Isostasie 4. -- Hebung der Strandlinien 4. -- Nachhinken des isostatischen Ausgleichs 5. -- Mächtigkeit der Sedimente in Geosynklinalen 5. -- Massendefizit unter Gebirgen 5. -- Schwerkraft auf den Ozeanen 5. -- Dicke der Lithosphäre nach der Isostasie 6. -- Keine Isostasie für kleine Dimensionen 6. -- Hypothese der Brückenkontinente 7. -- Schelfbrücken 8. -- Die Permanenzhypothese 9. -- Horizontale Verschiebungen der Kontinente 10. -- Geschichtliche Bemerkungen 11.

/Zweites Kapitel./ #Die Natur der Tiefseeböden# 13

Barysphärische Natur der Tiefseeböden 13. -- Das doppelte Niveau der Erdrinde 14. -- Aufreißen der Lithosphäre als Kompensation der Gebirgszusammenschübe 16. -- Vulkanische Gesteinsfunde bei Dredschzügen 17. -- Größere Magnetisierbarkeit des Tiefseebodens 18. -- Schlichtheit des Tiefseebodens 19. -- Fehlen von Faltengebirgen am Meeresboden 19. -- Fortpflanzung von Erdbebenwellen in kontinentalen und in ozeanischen Gebieten 20.

/Drittes Kapitel./ #Geophysikalische Erläuterungen# 21

Sial und Sima 22. -- Spezifische Gewichte 23. -- Schollenmächtigkeit nach /Hayford/ und /Helmert/ 24. -- Schmelztemperaturen 25. -- Starrheitsgrad der Erde 26. -- Zähflüssigkeit des Simas 27. -- Deformierbarkeit des Sials 28.

/Erscheinungen der Kontinentaltafeln/ 29

Schelfgebiete 29. -- Gebirgsfaltung 30. -- Größere Mächtigkeit der Sedimente in Gebirgen 30. -- Faltung unter Wahrung der Isostasie 31. -- Abschmelzung von unten 32. -- Vergleich des Zusammenschubs mit der Höhe der Gebirge 32. -- Staffelfalten 33. -- Abtragung unter Wahrung der Isostasie 33. -- Kräfte der Gebirgsfaltung 34. -- Faltung am Vorderrand triftender Schollen 35. -- Äquatorialer Faltungsgürtel 35. -- Spaltung 36. -- Die ostafrikanischen Brüche 36. -- Das Dreieck zwischen Abessinien und der Somalihalbinsel 37. -- Eindringen des Simas in die Spalte 38. -- Niederbruch größerer Gebiete durch Dehnung 39.

/Erscheinungen des Kontinentalrandes/ 39

Schwerestörung am Kontinentalrand 40. -- Druckverhältnisse am Kontinentalrand 41. -- Vulkanismus 42. -- Die ostasiatischen Inselgirlanden 42. -- Parallelerscheinungen dazu 47. -- Gleiten der Randketten 48. -- Atlantischer und pazifischer Küstentypus 51.

/Erscheinungen der Tiefseeböden/ 52

Entblößung des hochtemperierten Simas unter Wasser 52. -- Verschiedene Tiefe der Ozeane 53. -- Verteilung der Tiefsee-Sedimente 53. -- Erklärung der Tiefenunterschiede durch Temperaturunterschiede 54. -- Strömungen im Sima 54. -- Mittelatlantische Bodenschwelle 55. -- Tiefseerinnen 56.

/Viertes Kapitel./ #Die Verschiebungen der Kontinentalschollen# 58

Die Panthalassa 58. -- Erstes Aufreißen und Zusammenschub der Lithosphäre 58. -- Hypsometrische Kurve der Erdoberfläche für die Vorzeit und die Zukunft 59. -- Allmähliche Abnahme der Faltungsvorgänge in der Erdgeschichte 60. -- Rekonstruktion der Kontinentalschollen für das Karbon 61. -- Landbrücken nach /Arldt/ 64.

/Die atlantische Spalte/ 66

Rekonstruktion der atlantischen Gebiete für das Eozän 67. -- Parallelität der atlantischen Küsten 70. -- Früherer Landzusammenhang zwischen Nordamerika und Europa 71. -- Geologische und tektonische Brücken 73. -- Frühere Landverbindung zwischen Südamerika und Afrika 77. -- Streichrichtungen im Urgebirge 77. -- Karbonische Faltung in Südafrika und bei Buenos-Aires 79. -- Unwahrscheinlichkeit des Zufalls 80. -- Die amerikanische Landbrücke 80. -- Die nordpazifische Landbrücke 81.

/Lemurien/ 82

Frühere Landverbindung zwischen Madagaskar und Dekan 82. -- Betrag der Himalaja-Faltung 83. -- Randliche Spuren des großen Zusammenschubs 83. -- Ablösung Madagaskars von Afrika 84. -- Abspaltung Vorderindiens von Madagaskar 84.

/Gondwana-Land/ 85

Dreifache Beziehungen der australischen Lebewelt 86. -- Die gondwanische Brücke 86. -- Die antarktische Brücke 87. -- Die hinterindische Brücke 89. -- Die Tiefenkarte der Sunda-Inseln 89. -- Angliederung Australiens an Vorderindien 90. -- Die australischen Kordilleren und Neuseeland 91. -- Unsicherheit der Angliederung Australiens an Antarktika 91.

/Fünftes Kapitel./ #Polwanderungen# 92

Theoretische Zulässigkeit großer Polwanderungen 92. -- Geologische Notwendigkeit der Annahme von Polwanderungen 96. -- Theorien von /Reibisch/ und /Kreichgauer/ 97. -- Methodische Vorbemerkungen 98. -- Kurve der Breitenänderungen 100. -- Pollage in der Eiszeit 102. -- Pollage im Pliozän 107. -- Im Miozän 107. -- Im Oligozän 108. -- Im Eozän 109. -- Im Paleozän 110. -- In der Kreide 110. -- Im Jura 112. -- In der Trias 113. -- Im Perm und Karbon 113. -- Im Devon 118. -- Tabellarische Übersicht der Pollagen 118.

/Sechstes Kapitel./ #System, Ursachen und Wirkungen der Kontinentalverschiebungen# 119

Polflucht 119. -- Westwanderung 120. -- Ursache der Polflucht 121. -- Ursache der Westwanderung 122. -- Polwanderungen als Folge von Kontinentalverschiebungen 122. -- Meridionale Spaltungen 123. -- Entstehung der mittelmeerischen Bruchzone 124. -- Transgressionen als Folge von Polveränderungen 124.

/Siebentes Kapitel./ #Nachweis der Kontinentalverschiebungen durch astronomische Ortsbestimmung# 125

Absolutes Zeitmaß der geologischen Abschnitte 126. -- Die nach der Verschiebungstheorie zu erwartenden Abstandsänderungen 127. -- Nachweis der Verschiebung Grönlands 127. -- Die Frage der Verschiebung Nordamerikas 129. -- Säkulare Breitenabnahme der europäischen und nordamerikanischen Sternwarten 130.

Erstes Kapitel.

Landbrücken, Permanenz der Ozeane und Isostasie.

Die heutige Geologie steht im Zeichen eines Wechsels ihrer zusammenfassenden Grundanschauungen. Bis heute herrscht noch, wenn auch nicht mehr unbestritten, die von /Dana/, /Albert Heim/ und /Eduard Suess/ vertretene Theorie einer Schrumpfung der Erde. Wie ein trocknender Apfel durch den Wasserverlust des Innern faltige Runzeln an der Oberfläche bekommt, so sollten sich durch die Abkühlung und damit verbundene Schrumpfung des Erdinnern die Gebirgsfalten an der Oberfläche bilden. /Suess/ fand den kürzesten Ausdruck: „Der Zusammenbruch des Erdballes ist es, dem wir beiwohnen“[3]. Noch in der 1918 erschienenen 5. Auflage von /E. Kaysers/ Lehrbuch der Allgemeinen Geologie wird diese Lehre vorbehaltlos angenommen. Man wird gewiß gern einräumen, daß diese Theorie das historische Verdienst hat, lange Zeit hindurch eine ausreichende Zusammenfassung unseres geologischen Wissens darzustellen. Heute ist sie aber bereits weit entfernt davon, dieser Aufgabe zu genügen, worin wohl die meisten Geologen und jedenfalls alle Geophysiker einig sind. Man hat sich aber bisher meist damit beschieden, daß „die Kontraktionstheorie längst nicht mehr voll anerkannt wird, und einstweilen keinerlei Theorie gefunden ist, die sie vollständig ersetzen und alle Umstände erklären kann“[4].

Von geophysikalischer Seite wird abgestritten, daß die Erde sich merklich abkühlt, weil durch den Zerfall der radioaktiven Stoffe in der Erdrinde so viel Wärme frei werde, daß die Temperatur sogar umgekehrt im Steigen sein könnte[5]. Und die Geologen müssen zugeben, daß schon im Algonkium große Inlandeismassen die damaligen Polargebiete bedeckten, die Bodentemperatur also nicht viel anders gewesen sein kann als heute. Aber noch viel schlimmer steht es mit der eigentlichen Beobachtungsgrundlage der Schrumpfungshypothese, nämlich dem Gebirgszusammenschub. Denn es stellt sich als immer unmöglicher heraus, diese riesenhaften Zusammenschübe auf Rechnung einer Abkühlung der Erde zu setzen. Die Arbeiten von /Bertrand/, /Schardt/, /Lugeon/ u. a. haben zu einer ganz neuen und eigenartigen Auffassung eines großen Teiles der Alpenfaltung geführt, indem hier statt eigentlicher Falten schuppenartige „Deckfalten“ oder Überschiebungen angenommen werden. Hierdurch wird der Betrag des Zusammenschubes noch wesentlich größer, als früher angenommen wurde. /Heim/ hat nach der älteren Auffassung für den Schweizer Jura eine Verkürzung auf 4/5, für die Alpen auf 1/2 berechnet, dagegen nach den neuen Anschauungen für letztere 1/4 bis 1/8[6]. Da die heutige Breite etwa 150 km beträgt, so wäre also hier ein Rindenstück von 600 bis 1200 km Breite (5 bis 10 Breitengraden) zusammengeschoben. Jeder Versuch, solche Größen auf eine Temperaturerniedrigung des Erdinnern zurückzuführen, muß scheitern. /Kayser/ bemerkt zwar, daß ein Zusammenschub um 1200 km nur 3 Proz. des Erdumfanges ausmacht, so daß sich auch der Radius um 3 Proz. verringert haben müßte, allein anschaulich werden diese Zahlen erst, wenn man die Temperaturen berechnet, die ihnen entsprechen. Legt man einen Mittelwert aus den vier linearen Ausdehnungskoeffizienten von Nickel (0,000013), Eisen (0,000012), Kalkspat (0,000015) und Quarz (0,000010) zugrunde [0,0000125], so kommt man -- allein um die tertiäre Faltung zu erzielen -- auf einen Temperaturverlust der Erde von etwa 2400°. Es bedarf keiner Erläuterung, daß man damit namentlich für die älteren Zeiten, in denen die Faltung viel universeller wirksam war, zu ganz absurden Temperaturen käme. Es ist auch nicht einzusehen, wie es physikalisch möglich sein soll, wie /Heim/ will, daß die Schrumpfung eines ganzen größten Kreises gerade an einer Stelle zum Austrag kommt. Wie /Ampferer/[7], /Reyer/[8], /Rudzki/[9], /Andrée/[10] u. a. gefordert haben, müßte vielmehr die ganze Erdoberfläche gleichmäßig von der Runzelung betroffen werden, was ja auch der trocknende Apfel zeigt.

Noch weit größere Bedenken stehen der Auffassung der Kontinente als stehengebliebene, der Ozeane als abgesunkene Schollen beim „Zusammenbruch“ nach der Schrumpfungshypothese entgegen. Nach /Lyells/ Vorgang nahm man einen schrankenlosen Wechsel zwischen dem Auftauchen von Tiefseeböden über Wasser und dem Versinken von Kontinenten bis zum Tiefseeboden an, gestützt einerseits auf die marinen Ablagerungen auf den heutigen Kontinenten und andererseits auf die Verwandtschaft der fossilen Fauna und Flora heute getrennter Kontinente, welche einen Brückenkontinent an Stelle des Ozeans zwischen ihnen zu erfordern schien. Doch muß man gerechterweise anerkennen, daß die Vertreter der Schrumpfungshypothese das besondere Problem, welches in den Kontinentalschollen steckt, als solches anerkannt haben. 1878 mußte /A. Heim/ bekennen, „daß, bevor genauere Beobachtungen über die kontinentalen Schwankungen der Vorzeit gemacht sind,... und bevor wir vollständigere Messungen über die Beträge des ausgeglichenen Zusammenschubes der meisten Gebirge haben, kaum ein wesentlich sicherer Fortschritt in der Erkenntnis des ursächlichen Zusammenhangs von Gebirgen und Kontinenten und der Form der letzteren untereinander zu erwarten sein wird“[11]. Und 1918 schreibt /E. Kayser/: „Gegenüber dem Rauminhalt dieser Steinkolosse erscheinen alle festländischen Erhebungen unbedeutend und geringfügig. Selbst Hochgebirge wie der Himalaya sind nur verschwindende Runzeln auf der Oberfläche jener Sockel. Schon diese Tatsache läßt die alte Ansicht, nach der die Gebirge das maßgebende Gebälk der Kontinente darstellen sollten, heute unhaltbar erscheinen... Wir müssen vielmehr umgekehrt annehmen, daß die Kontinente das Ältere und Bestimmende, die Gebirge aber nur nebensächliche jüngere Gebilde darstellen“[12]. Man kann in diesen beiden Zitaten wohl das Zugeständnis erblicken, daß die Kontinentalschollen der Schrumpfungshypothese Schwierigkeiten machen. Es dürfte in der Tat schwer sein, vom Boden dieser Hypothese aus zu irgendwelchen bestimmten Vorstellungen über die Entstehung der Kontinente zu kommen. Davon, daß einzelne Schollen beim Zusammenbruch bis zum Tiefseeboden absinken, andere unter Wirkung des Gewölbedruckes als Stufen stehenbleiben, kann doch bei den ungeheuren, hier in Betracht kommenden Flächen nicht die Rede sein. Die marinen Ablagerungen auf dem Lande haben sich überdies mit verschwindend wenigen Ausnahmen als Flachseeerzeugnisse erwiesen, wie sie sich heute auf den randlichen Überflutungen der Kontinentalschollen, den Schelfen, bilden. Früher für Tiefseeablagerungen gehaltene Sedimente haben sich durch neuere Forschungen als Flachseesedimente erwiesen, wie es z. B. für die Schreibkreide von /Cayeux/ nachgewiesen ist. Bei einer kleinen Anzahl, wie den kalkarmen Radiolariten der Alpen und gewissen roten Tonen, die an den roten Tiefseeton erinnern, nimmt man zwar auch heute noch große Entstehungstiefen an, vor allem, weil das Seewasser erst in großer Tiefe auflösend auf den Kalk wirkt. Aber die Deutung dieser Funde ist noch umstritten, meist kommt man mit Tiefen von 1000 bis 2000 m aus, die also noch immer zu der Kontinentalstufe gerechnet werden können, und jedenfalls ist die räumliche Erstreckung dieser Sedimente eine ganz verschwindende[13].

Es ist deshalb auch heute ein allgemein anerkannter Satz, daß die auf den Kontinenten abgelagerten Sedimente grundsätzlich nicht der Tiefsee, sondern seichten Überflutungen durch Epikontinentalmeere entstammen. Die heutigen Kontinente haben also zu keiner Zeit der Erdgeschichte den Boden der Tiefsee gebildet, sondern waren stets Kontinentalschollen, und /Lyells/ Vorstellung von einem wiederholten Absinken und Auftauchen ist also jedenfalls dahin einzuschränken, daß es sich nur um wechselnde Überflutungen von permanenten Kontinentalschollen handelt.

Ganz und gar unbrauchbar aber erweist sich die Schrumpfungshypothese, um die neueren Ergebnisse der Geophysik aufzunehmen, die uns ein ganz anders geartetes Bild von der Natur der Erdrinde entrollen. Diese Ergebnisse werden zusammengefaßt in der Lehre von der Isostasie, d. h. dem Druckgleichgewicht oder dem Schwimmen der Erdrinde (Lithosphäre) auf einer magmatischen, schwereren Unterlage (Barysphäre). Wie ein Stück Holz bei Belastung tiefer in das Wasser eintaucht, so taucht auch die Lithosphäre der Erde an der Stelle, wo die z. B. mit einer Inlandeiskappe belastet wird, nach dem /Archimedi/schen Gesetz tiefer in das schwere Magma der Barysphäre ein, um nach dem Abschmelzen des Eises die während der Depression gebildeten Strandlinien mit emporzuheben. So zeigen die aus den Strandlinien abgeleiteten Isobarenkarten /de Geers/ für die letzte Vereisung Skandinaviens eine Depression des zentralen Teiles um mindestens 250 m, die nach außen allmählich geringer wird[14], und für die „große“ Eiszeit sind noch höhere Werte anzunehmen. Dieselbe Erscheinung hat /de Geer/ auch für das nordamerikanische Vereisungsgebiet nachgewiesen. /Rudzki/ hat gezeigt, daß man unter Annahme der Isostasie hieraus plausible Werte für die Dicke der Inlandeisschicht berechnen kann, nämlich 930 m für Skandinavien und 1670 m für Nordamerika, wo die Senkung 500 m betrug[15]. Da die Barysphäre nicht leichtflüssig wie Wasser, sondern sehr zähflüssig ist, so hinken alle solche isostatischen Ausgleichsbewegungen stark nach; die Strandlinien haben sich meist erst nach Abschmelzen des Eises, aber vor der Hebung gebildet, und auch heute steigt Skandinavien, wie die Nivellements zeigen, noch um etwa 1 m im Jahrhundert[16]. Auch sedimentäre Ablagerungen haben, wie wohl /Osmond Fisher/ zuerst erkannte, eine Senkung der Scholle zur Folge. Jede Aufschüttung von oben führt zu einer freilich etwas nachhinkenden Senkung der Scholle, so daß die neue Oberfläche wieder fast in der alten Höhe liegt. Vom spezifischen Gewicht der Ablagerung hängt es ab, ob die alte Höhe überschritten wird oder nicht. Da Sedimente wohl stets leichter sind als das Urgestein, welches das eigentliche Material der Lithosphäre darstellt, so läßt sich eine Mulde (Geosynklinale) trotz Nachgebens der Unterlage allmählich ausfüllen, aber die Mächtigkeit der hierzu nötigen Ablagerungen wird erheblich größer sein müssen als die ursprüngliche Tiefe der Mulde, weil sich diese während des Prozesses weiter vertieft. Auf diese Weise können viele Kilometer mächtige Ablagerungen entstehen, die alle gleichwohl in flachem Wasser gebildet sind.