Part 7
Da diese Leute Bescheidenheit nicht kennen dürfen, weil sie an Kümmerlichkeit, der niederen Schwester der Einfachheit, übermäßig bedacht sind, trug er die Maske der Herausforderung. Er, der zitterte um jeden Blick seiner Frau, konnte nicht anders als den Libertinismus im weitesten Sinne verteidigen, ja rühmen. Dieser Enterbte der Natur, welcher mit guten Beinen und sportlicher Figur an den Gesetzen des Lebens gehangen hätte wie ein Priester, gab sich einer schrankenlosen Bewunderung der Ausschweifung hin. Zwischen der Angst und den Großmäulern hat schon Rabelais die verbindende Kurve gezogen. Die Macht, wenn sie in die Hände der Zwerge fällt, ist die schauerlichste Komödie des Heldentums. »Zum Teufel mit einem Jahrhundert, das uns Daumenschrauben anlegt,« sagte er höhnisch. »Sie reden, als seien Sie ein Mitglied der Inquisition. Ihre Vorzüge der Tugend sind Schrullen gegen die Vorzüge der Industriepapiere. Eine Frau ist eine alberne Gans, wenn sie nicht weiß, inwieweit >Canada Pacific< von >Garelly< unterschieden wird und wenn sie sich mit ihrer Keuschheit mehr beschäftigt als mit dem Mann, der ihr die Möglichkeit eines großen Lebens bietet, das, gestehen Sie es, heute eine Seltenheit ist. Ich bin nicht gebildet aber auch nicht dumm genug, um dem bloßen Genuß das Wort zu reden, oder Ihnen an Hand der Geschichte zu beweisen, daß jede Zeit ihre wirtschaftlichen Notwendigkeiten und danach ihre Ziele hat. Die Schätzung der Tugend würde eine Frau heute verhungern lassen. Es gibt einen Krieg, dessen Heldentypen Sie unterschätzen, das ist der Kampf um das Gold. Die Notwendigkeit der Zeit erfordert den Zynismus. Wer heute Greenbacks besitzt, ist morgen vielleicht bankerott, weil er verschiedentlich nicht à la baisse die polnische Mark gekauft oder den Dinar gestützt hat. Ich werfe in acht Tagen die Mark in Krakau auf Fünfzigtausend pro Dollar und senke sie in Berlin um die Hälfte von Vierzigtausend. Wenn ich morgen in New York Mark kaufen lasse und verteile die Schatzanweisungen an alle Großbanken und ziehe sie auf drei Tage Distanz mit einem Ruck ein, mache ich eine Knappheit des Geldes, gegen das die Heuschreckenschwärme und Hungernöte einer Zeit Bagatellen waren, wo man vielleicht den Import der Keuschheit als Sport betrieb. In dieser Zeit, wo ich die Hälfte Mitteleuropas vernichten kann, wenn ich die Kohlenkuxe senke oder Creusot und Krupp zusammenbringe, in einer Zeit, wo die Männer mit dem Degen in der Faust aus der Hand der jüdischen Bankiers wie die Tauben fressen, wo die Fürsten ihre alten Wappensprüche verhüllen, um in unsere Geschäfte mithineingenommen zu werden, damit sie nicht verhungern, in einer Epoche, wo die Kunst einfach überritten, die geistigen Berufe niedergemacht, wo die Seelen der Menschen wie Fische aufs Maul geschmissen und zertreten werden, und wo der Zusammenschluß der lothringer, der schlesischen und der Ruhrerze tausendmal größere Revolutionen bedeutet als etwa die Figur Napoleons oder die erste Völkerwanderung, in einer Zeit also, kurz gesagt, wo das Gold allein seine Generale ausschickt und die seitherige Welt in Armeen gegliedert ist, die von einem Tag bis zum anderen unter den Kanonen der Wirtschaft und Börse stehen und bluten, da gibt es nur eine einzige und mögliche Bewegung: die Zerreißung aller Rücksichten, den Krieg der Leidenschaften, die unbedingte Freiheit der Frau, die sich in ein Wesen von solcher Gefährlichkeit gewandelt hat, daß nur die wahre Macht, das Gold, sie zu halten imstande ist. Das ist mein Standpunkt.« Das Scheusal leckte sich die Zunge und warf einen glühenden Blick in die Ecke. Diese Frau aber wußte zu schweigen.
»In einer Zeit,« sagte ich, »wo die Seelen zerschmettert werden durch das Gold, wo das Laster eine Mode ist, wo die verruchtesten Erfindungen uns überschwemmen, in einer Zeit, wo die Mörder fast noch Heilige und die Heerführer Engel scheinen, in einer Zeit, wo die Kokotten Ehen eingehen, weil man sie ihrer Übung halber vorzieht und nicht die Zeit hat, Frauen anzulernen, eine Ehe zu führen, in einer Zeit, wo der Adel seine Töchter verkaufen muß und das Bürgertum verhungert, wo die Arbeiterinnen ihre Eingeweide zerstören, um in den Fabriken ihre Weiblichkeit an die Maschinen zu hängen und mit falschen Ringen durch die Sonntage zu spazieren, in einer Zeit, wo die Güte mit den Engeln auf den Mars ausgewandert ist und die Börsenmakler die fetten Heroen eines verabscheuenswerten Jahrhunderts geworden sind, in einer Zeit, wo jede Frau käuflich, aber jeder Mann ein Schelm geworden scheint, in einer Zeit, die, gestehen Sie, wie selten eine Zeit gemein ohne Größe und verdorben ohne Geist ist, gibt es nur eine Majestät der Haltung: die Tugend. Im Chaos der Moralbegriffe, die von der Hand des Hungers ausgejätet werden, im Zusammenbruch der Gebäude, die seit alters her den Staat mit wundervoller Kraft an unseren Horizont zeichneten, im Wanken der Gesetze, die seit Jahrhunderten Recht und Unrecht mit gewissermaßen ehernen Stirnen schieden, gibt es nur eine Säule: die Familie. Unter den Tugenden, an welche die Menschheit glaubte, und die von Konfutse bis Hartmann die Welt besang, die von den indischen Künstlern der Jahreszeiten bis zu Holbein und Fran Angelico die Welt gemalt und geheiligt hat, ist nur eine stark genug, die Welt in ihrem Brechen aufzuhalten: die Reinheit. Diese Tugend ist unzerschmetterbar, weil sie wahrlich vollendet ist. Sie besitzt die Weichheit des Himmels, und den Stahl, der die Körper der Helden wie ihre Seelen unsterblich machte. Diese Reinheit darzustellen, heißt die Liebe aufrechterhalten, die das einzige ist, was zu leben verlohnt. Die Laster, die Sie preisen und die Ungebundenheiten, von denen Sie schwärmen, sind Verirrungen, die von erbärmlicher Leichtigkeit sind. Einem Menschen, den eine gewisse Haltung gegen seine Zeit einzunehmen reizt, sollte es immer nur als eines Mannes würdig scheinen, sich nicht in dem Schmutz der allgemeinen Phrasen zu wälzen, sondern das schwierigste Ziel mutig anzuerkennen, das in der Regel das edelste ist. Ich weiß mich des Verdachtes, den Asketen ins Ohr zu reden, in dem Ausmaß erhaben, in dem ich das Leben mit aller Glut, deren ich fähig bin, angebetet habe, wo ich es traf. Aber ich sage Ihnen: wenn ich die Wahl zwischen einer schönen unberührten, einfachen aber großen Seele und der mit allem Glanz auftretenden Macht einer Kurtisane hätte, die meinetwegen die ersten Stellen des Staates mit ihrem Namen deckt, ich würde mich mit der letzten Bestimmtheit für das Kind entscheiden, dessen Einfalt mit ein Beweis der sittlichen Größe unserer Zukunft ist.«
Das Scheusal rekelte sich auf seinem Stuhl, als sei er ein Lotterbett. Ein Blick der Frau mußte ihn getroffen haben, er zog sein Kinn durch die Hand, als wolle er es bis zu seinem Magen herunterziehen:
»Sie haben Ihr Herz uns nicht vorenthalten. Die Geschmäcker der Menschen sind verschieden. In Mexiko macht man mit Revolvern Jagd auf Rosen, in Bukarest gibt es Flöhe so groß wie eine Hand, die wieder Läuse haben, die Söhne der amerikanischen Finanz heiraten nur noch Damen vom Film, in Partenkirchen ist ein General Ackerbauer geworden, hat eine Türkin zum Weib genommen und fährt in einem Wagen, den eine Kuh und eine Ziege gemeinsam ziehen. Der Bischof von Speyer, der im Schloß von Bruchsal gemalt ist, rühmte sich mehr geschrieben zu haben, als vierundzwanzig Ochsen transportieren konnten. In Ungarn lernt man die Kinder: es gibt zwei Reiche, Ungarreich und Himmelreich. Was wollen Sie, die Ideale sind immer persönlich. Sie ziehen dies vor, ich jenes. Das Resultat hat immer entschieden. Sie spekulieren in belgischen Francs, an denen Sie verlieren werden, da ich dagegen bin. Sie vertrauen mir an, daß Sie für unberührte Frauen schwärmen. Vertrauen gegen Vertrauen: ich habe einen Puckel.« Diese letzte Rohheit, die zu zynisch war, um verstanden zu werden, veranlaßte die Frau, ihn zu unterbrechen.
»Kehren wir zur Literatur zurück, die« und sie lächelte das Lächeln einer Madonna, »eine gewisse Logik verlangt, der sie nicht entbehren darf. Ich zweifle nicht, daß vor den Gesetzen der Literatur dieser Schluß Ihrer Geschichte ebensowenig standhalten kann wie vor denen Ihres Herzens. Sie haben einen Frevel verdammt, den Sie dann verklärt haben, Sie haben einem Glauben, der Sie auszeichnet, die Schärfe der Waffe genommen, die ihn glaubhaft machen kann. Wenn Fehler in der Architektur einer Geschichte liegen, müssen sie aus dem Herzen kommen, das seine Erlebnisse selbst über die Kunst zu stellen die Angst oder die Kühnheit hat.«
Diese Frau war nicht nur schön, sie besaß einen gefährlichen Geist. Selbst Lionardo wäre über die Gespaltenheit dieses Gesichtes erschrocken, dessen Schönheit unter roten Haaren fast schmerzhaft des Heiligenscheines entbehrte, deren Augen mit der Milde Maria Magdalenas schauten, deren Mund nichts zu wissen schien von den Verzückungen, die ihr Gatte auf schlechte Manier gepriesen hatte, und die eben dieser Gatte fast ebenso kompromittierte, als er sie auszeichnete, weil niemand zu sagen wagte, es gehöre mehr Verworfenheit oder mehr Demut dazu, diese Hyäne von einem Mann zu ertragen.
Der Lebenswandel dieser Frau war von dem denkbarsten Anstand. Man hätte jedermann, der sie verleumdete, niederschlagen können und hätte für ihre Unschuld garantieren dürfen. Und dennoch trug dieses Gesicht, das wie die Inthronisierung des Adels wirkte, den Zug eines Verhängnisses, den Anfang vom Hauch einer ungeheuren teuflischen Verderblichkeit, den Schleier unerhörter Verbrechen um sich, daß ihr Anblick auf die seltsamste Weise erschütterte.
In diesem Gesicht lagen das Engelhafte und die Glut der Messaline mit einer grandiosen Schönheit auf der Lauer, und dies Gesicht trug, wie von der Vorsehung berufen, die sonst im Inneren vergrabenen Leidenschaften mit einer schamlosen Sicherheit auf der Stirn. Dieses Gesicht ruhte noch in der Huld der Klarheit und seine Gedanken waren noch zart. Nur dem, den das Unheil einmal tödlich in diese Falle verstrickt hatte, war es möglich, auf ihm jene noch verdeckten Ungeheuerlichkeiten zu sehen, die sich darüber stürzen konnten. Die Geographie dieses madonnenhaften Gesichtes zeigte eine Lust-Welt noch ungesehener, oder entdeckter Frevel bereit, in die Kontinente der Reinheit hineinbrechen.
Die Augen dieser Frau waren schleierlos, sie waren groß wie die Augen pompejanischer Frauen, die die Hälfte ihres Gesichtes und dreiviertel ihres Gefühles damit bedeckten. Sie waren dunkel, fast achatdunkel, oval und klarer, als das Schwarz hergibt. Diese Frau durchschaute mich völlig. Ich konnte nichts großmütigeres tun, als es zuzugeben.
Die Frau hatte die Sensibilität eines Herzens, das bei einer Geschichte genau versteht, ob sie erfunden oder ob sie an eine Adresse gerichtet ist, die nicht mehr der Kunst unterliegt, sondern nur dem Herz. Frauen haben immer die unheimliche Witterung der Zusammenhänge, weil sie anders wie die Männer begabt sind, die Zwischentöne wichtiger als die Komposition zu nehmen. Dieser Mangel an Konzentration macht sie aus demselben Grund zu Menschenkennern, der die Männer zu Pedanten und Starrköpfen verbildet. Wo die Frau versteht, macht der Mann ein Gesetz. Wo die Männer aber versagen, nämlich die Gesetzmäßigkeit der Gefühle anzuerkennen, weil sie zu dumm sind, ihnen folgen zu können, da verlangen die Frauen mit einer Grausamkeit nach der Logik, die der furchtbaren Idee der Amazonen gleich ist, welche für die Hingabe an einen Mann den Tod verlangten.
Diese Frau, die einen Lionardo erschreckt hätte mit den Wegweisern unausgesprochener Träume über dem hermelinhaften Gesicht, wollte mir erpressen, daß ich endlich gestand, daß Frevel gegen die Natur von der Natur unerbittlich gerichtet werden. Man konnte sehen, daß die engelhafte Frau vor Heißhunger bebte, diese Gewißheit zu erhalten, und wenn ihr Mund nicht vor den Qualen einer geahnten Grausamkeit lebte, war es nur, weil dieser Mund der verschwiegenste war, den eine Frau besaß. Niemand konnte sich rühmen, ein Wort gehört zu haben, das die Seele der Sprecherin betraf.
In dieser Zeit waren alle Frauen, da sie den Weg der Familie und damit der Zurückhaltung verlassen hatten, bereit, mit einem schändlichen Zynismus Dinge auszusprechen, die einer Frau die Weiblichkeit nehmen und verächtlich machen. Eine Frau, die sich preisgibt, hat ihre wundervollste Begnadung, schweigend zu verstehen und ohne Enthüllung verehrt zu werden, eingebüßt.
Die Frau wollte mich durchbohren: »In der Tat,« erwiderte ich und warf ihr ebenfalls einen kalten Blick zu, »diese Geschichte nahm ein anderes Ende, da das Leben oft grausamer ist als die Literatur. Das Leben hätte in einer Zeit, wo die tolle Kühnheit die Ausnahme und die Tugend eine schöne Gewohnheit waren, ohne Zweifel nicht das Maß von Entsetzen aufgebracht, mit der Gier eines Panters zu vernichten, sondern hätte jenes Maß an Sühne zugelassen, das der Tod in seiner schönen Größe immer bereit hält. Diese Geschichte hätte ihren Beweis in einer vollendeten und klaren Epoche gefunden, wo die Frauen wirklich das Zeichen ihrer himmlischen Abkunft wie einen unsichtbaren Schein getragen haben. Diese Zeit des Verruchten aber macht das Schicksal, das den Sieg will, (das heißt, die Durchsetzung der echten Liebe, die Anerkennung der Größe der Gesittung), unerbittlich wie einen Feldherrn, der Tausende opfert, um das Schlachtfeld zu behaupten. Die Frauen, die mit einer Reinheit im Herzen untergehen, sind die Marksteine einer wunderbaren Generation von Frauen, die hinter diesen Märtyrerinnen herkommen werden. Die Natur macht aus ihrem Blut jene Sühne, an die Sie nicht glauben wollen, weil das Leben es nicht in diesem einen Fall bejaht hat. Zeiten der Gesetzlosigkeit zwingen zu töten, wo man in Jahren der Harmonie vor Liebe gebebt hätte.
Dieser Capt. Pound hätte es in der Hand gehabt, Ritch zu erschießen, aber er war in der Hand des Schicksals und dieses ließ ihn den Schuß nicht tun, der die Tugend gerettet hätte. Er entdeckte die Puppe nach zwei Stunden, warf Ritch aus dem Auto und fuhr zurück. In diesen zwei Stunden war Grace hinter George Good hergeschlichen und hinter ihm in die Wohnung geschlüpft. Der Kampf, der sich zwischen ihr und dem ehemaligen Matrosen des »Leviathan« abspielte, war der Kampf des Spleen gegen besinnungslose Anbetung. Der junge Mann flehte sie auf den Knieen an, sich die Kette schenken zu lassen. Der Trotz des Mädchens, das den Mann in ihm völlig übersah, lechzte danach, ihn zu rauben.
Diese Szene war von scheußlicher Dramatik, Grace versuchte, mit der Pistole in der Hand den Mann zu reizen, sie sagte ihm Verächtliches und wünschte, indem sie ihn wie Diana niederschmetterte, den Haß in seinen Augen zu sehen. Die Liebe aber war zum erstenmal in sein Herz gebrochen und er konnte ihr nichts wie die Ergebenheit beweisen, die von seiner Seele in sein Gesicht trat. Die Seele dieses Mädchens blieb von der Kälte umsponnen, in die sie verwirrt war. Sie trieb den Mann in die Ecke, als ihr zu ihrem Unglück eine Idee kam.
Sie öffnete den Rahmen eines Bildes, indem sie gegen die Wand schlug und sah die Kette in dem Augenblick, als Pound eindrang. Sie drehte sich um, schrie und fiel zusammen. Die zweite Kugel traf Good ...
Als der Wagen, der Graces Körper nach dem Friedhof brachte, durch das Tor des Landhauses in York fuhr, hatte man Mühe, die Windspiele zu beruhigen, die ein seltsames Spiel trieben. Sie waren den Pferden dicht gefolgt, plötzlich fingen die Gäule an zu laufen, daß sie den Sarg fast auf die Straße geschleudert hätten, die Allee hinauf, die sich geheimnisvoll vernebelte. Die Hunde sprangen mit großen Sätzen über den Wagen hin und zurück. Wäre es nicht schaurig gewesen, dieser Anblick hätte einen Henker rühren müssen. Die Tiere hatten mehr Gefühl für ein Herz, das auserlesen gut war, als das Leben, von dem sie es zurückverlangten.
Capt. Pound erlebte einen Zusammenbruch, der ein Damaskus war. An der Leiche brach er zusammen. Man kennt die Geheimnisse der Menschen nicht, ihre Erkenntnisse sind von noch größerer Dunkelheit. Da er in eine Melancholie verfiel, die ihn der Welt entzog, steht die Frage offen, was diesen rohen Meervagabunden gewandelt hatte. Es gibt nur eine Erklärung: die Liebe, die der Tod an seiner Seite als Sühne in ihm erweckte.
Dafür gibt es einen Beweis, den Jonny Rumford aufgezeichnet hat, wenn Beweise von Irren anerkannt werden sollen. Capt. Pound ward in einem Pflegehaus gehalten, das ein milder Name für einen Aufenthaltsort von Irren ist, und von dem aus er die Pfiffe der Dampferrohre hören, die Masten und Vertauungen der Handelsschiffe sehen konnte. In dem Garten gab es einen von Rosenstöcken umpflockten Weg, den der athletische Soldat auf- und abstampfte, sein Bein auf der Schulter. Wenn ein neues Schiff eingelaufen war, benutzte er es als Fernrohr. Er sah genau hindurch, und wenn es ihm mißfiel, kommandierte er Feuer. Als Jonny Rumford im Hafen hörte, sein Capt. hause hier, ging er in den Garten, wo ihn Pound mit einer Salve empfing. Er hatte das Bein auf eine Gabel gelegt wie ein Scherenfernrohr, als wolle er den Mars beobachten und stampfte mit dem Holzbein auf den Zement, daß es klang, als würden Schiffskanonen gelöst. »Halloooooo, Capt., come on ...« schrie Jonny, »Cuba ist ein Paradies gegen dieses Dreckloch,« da erkannte ihn Pound. Er ließ ihn eine viertel Stunde in Habtachtstellung stehen, was Jonny anstrengte, der im Hafen keinen Alkohol erhielt, dann umarmte er ihn. Die Tränen rannen ihm aus den Augen, was Jonny völlig verwirrte. Außerdem nannte er ihn Grace. Diesen Wahnsinn hat der Matrose seinem Herrn nicht vergessen, er verstand ihn nicht und, wie alle primitiven Naturen, empfand er eine Beleidigung in dem Satz, wo dem Soldaten das Herz geborsten war.
Es hatte sich geöffnet in einer verrückten Weise, aber was fragt die Liebe nach dem, was den Menschen Bequemlichkeiten oder ungeheure Leiden sind. Die Liebe hatte dieses Herz in einen erbarmenswerten Abgrund geschleudert, aber sie hatte es erreicht, auch wenn der Verstand diese Glut nicht mehr ertrug.« -- -- --
Die junge Frau sah mich, als ich zu erzählen aufhörte, mit jenen großen Augen an, die nicht feucht zu werden brauchen, um erschüttert zu sein. »Sie sind,« sagte sie mit einem furchtbaren Hohn, »stets auf der Seite, wo Sie entschuldigen können, während Sie die Verdammnis predigen.« Das Gesicht der Frau war in diesem Augenblick von einer Leidenschaft verdunkelt, die den Kopf von Bestien schmückt, deren Züge genug Süßigkeit der Linien und der Farben haben, um den Kontrast unerträglich wild zu machen. Sie hatte ohne Zweifel die Absicht, mich durch ihre Verachtung verzweifelt in sie verliebt zu machen. Sie bewegte ihren Stuhl ein wenig nach der Lampe, in diesem Augenblick hätte niemand gezweifelt, eine Madonna vor sich zu haben, deren Lieblichkeit Rafael bis ins Herz gerührt hätte.
»Was würden Sie tun?« frug ich die Hyäne, und lachte, »wenn man Ihnen vorwürfe, daß Sie die Währung einer Nation vernichteten, aber aus einer Sentimentalität heraus die Papiere lobten, die Sie verachten und die unter den Händen Ihrer Makler wie ein Höllensturz fielen?« Die Frau warf mir einen furchtbaren Blick der Sanftmut zu. Das Scheusal, das einige Jahre darauf von einer tobsüchtigen Dirne von der Galerie in einen Kronleuchter geschleudert und erdrosselt ward, war blaß vor Gift. Der Heroe seines Handwerks antwortete:
»Dasselbe, was Daniel Drew nach Vanderbildt tat, als man ihn fragte, warum er die Eisenbahn zum Entsetzen seiner Bürger vertrustet habe, wo er doch täglich für seine Mitmenschen bete: Ich würde Sie bitten, mir den Puckel herunterzurutschen, wenn es nicht so beschwerlich wäre.« Die Hyäne verschwand wie der Blitz. Es gibt Frauen, deren Herz die Liebe nie erreicht. Ihr Mund ist so verschlossen wie ihr Herz. Aber auch die Heuchelei der Ausschweifung, die hinter einer göttlichen Stirn haust, welche die Liebe nicht versteht, wird zu irgendeiner Stunde entlarvt.
Diese Geschichte, welche einmal den Trost der Liebe und der Sühne dem zerschmetterten Blick einer bewundernswerten und tapferen Frau bringen sollte, mit der ich für ein Drittel meines Vermögens durch die Schüsse verrückter Bauern eine Nacht im litauischen Leiterwagen fuhr, hatte diese nie erreicht. Auf der Station der Grenze, wo ich sie erwartete, kam damals nur die Nachricht eines Todes an mich, der im Anblick des vernichteten Kindes in ihre Seele jäh und sanft eingetreten war wie der Schlaf.
Diese Frau aber, an welche die Geschichte von Lady Grace nun durch einen Zufall gelangt war und deren Seele auf der Sanftheit eines reinen Herzens zu schimmern schien, verachtete die Liebe, deren sie nicht wert schien. Sie verließ das Scheusal, das fast zugrunde ging über die Entdeckungen, die seine Freunde nach ihrer Flucht über ihre Tätigkeit als Gattin machen mußten. Da er nur seinen Schmerz liebte, verging er vor Eifersucht über Qualen, die seine Eitelkeit über die Ausschweifungen dieser Frau empfand. Sie lernte in Ouchy einen Sekretär Kemal Paschas kennen, als dieser die Frauen aus den Harems zur Betätigung in der Öffentlichkeit ausrief.
Diesen verließ die ehrgeizige Frau, um ihr Schicksal an einen der Generale zu hängen, die das Bild unserer Welt zu bestimmen den unzweifelbaren Auftrag haben. Sie wußte den Frevel, den sie mit jener Freiheit, die sie nicht zu benutzen verstand, übte, hinter einem immer geschlossenen Lippenpaar zu verbergen, das der Glut einer nicht ganz erblühten Rose glich und hinter einer Stirn, die sich in nichts von dem kalten Glanz der Schneeberge unterschied. In Tripolis ward sie auf der Straße durch den Mund geschossen. Gott hat viel Mitleid und sieht lange zu, aber die Natur ist grausam, wenn seine Geduld zu Ende ist. Das Schicksal, das sich den Ort aussucht, an dem es straft, öffnet auf die furchtbarste Weise die Lippen, die sich der Liebe entziehen wollen.
Dieses Werk erschien im Sommer 1923 als vierzehnter und fünfzehnter Band der Reihe »Das Prisma« im Verlag Hans Heinrich Tillgner, Berlin. Den Einband entwarf W. E. Gerull. Druck des Textes F. E. Haag, Melle, der Steinzeichnungen A. Ruckenbrod, Berlin. Hundert numerierte Exemplare wurden auf Bütten gedruckt, mit der Hand in Leder gebunden und vom Autor signiert. Die ganzseitigen Steinzeichnungen dieser Ausgabe wurden vom Künstler signiert.
Anmerkungen zur Transkription
Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Weitere Änderungen sind hier aufgeführt (vorher/nachher):
[S. 20]: ... unseren Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer Überfahrt ... ... unsere Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer Überfahrt ...
[S. 20]: ... das letzte Drittel würde demjenigen das Leben kosten, der ... ... das letzte Drittel würde denjenigen das Leben kosten, der ...
[S. 23]: ... ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu verletzten. Ich ... ... ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu verletzen. Ich ...
[S. 29]: ... ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seele, die, wenn ... ... ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seelen, die, wenn ...
[S. 39]: ... müssen. »Was hatten Sie gehabt,« rief ich wohl etwas zu prahlerisch, ... ... müssen. »Was hätten Sie gehabt,« rief ich wohl etwas zu prahlerisch, ...
[S. 39]: ... auszubrechen, denn je mehr ich mich begeistere, um so furchtbarer ... ... auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so furchtbarer ...
[S. 40]: ... sie wie ohnmächtig zurückfallen. Ein Blick, den ich durch ein ... ... sie wie ohnmächtig zurückzufallen. Ein Blick, den ich durch ein ...
[S. 45]: ... vermochte. Besonders glänzende Figuren mußten damals sich ... ... vermochte. Besonders glänzende Figuren wußten damals sich ...
[S. 47]: ... in jener gewitterhaften Güte, die er selbst über die Schuldigsten ... ... in jener gewitterhaften Güte, die es selbst über die Schuldigsten ...