Die Engel mit dem Spleen

Part 6

Chapter 63,445 wordsPublic domain

In der Tat hatte Grace versucht, Good nicht mehr zu sehen, sie konnte ihn jedoch nicht vermeiden. An diesem Gletscher von einer Frau geriet der Junge in eine Glut, die ihn wie einen Verrückten herumrennen ließ. Er schien an manchen Tagen geistesabwesend, wenn er nicht gemurmelt hätte wie ein Shakespearischer Narr. Dies waren Beweisstücke für Capt. Pound, daß George Good ein Verräter war. Was ihn veranlaßte, der jungen Engländerin in die Falle zu gehen, war, daß Good plötzlich völlig verschwand. Es war Pound unmöglich, ein Lebenszeichen von ihm zu erhalten.

Das hing damit zusammen, daß George Good an einer Melancholie erkrankt war, die das äußere Zeichen eines furchtbaren Kampfes ist. Er begann zertrümmert zu werden unter der Neigung zu Grace, der sich seine Männlichkeit entgegenstellte, die sich an die Gesetze des Clubs klammerte, welche ihm allerdings einfältig erscheinen mußten, wo er wirklich liebte.

Er war dieser Frau so verfallen, daß er förmlich unter dieser Neigung zerfiel. »Darf ich Sie,« sagte Sir Davis bei Tisch zu ihm, »junger Mann darauf aufmerksam machen, daß man das Äußere an den Austern in England entfernt.« Good starrte den nackten Vogelschädel so geistesabwesend an, daß alle lachten. Good, der nichts verstanden hatte, faßte sich und sagte mit bewundernswertem Instinkt: »Well Sir. Doch sagte man, der Kondor lasse sie auf die Felsen fallen, um sie nur öffnen zu können,« und warf einen eisernen Blick auf Grace, die bei dem Wort Kondor lächelte.

Hier vermochte Sir Davis ein Lächeln nicht zu verbergen: »Dies,« sagte er und senkte den trockenen Diplomatenkopf, »ist in der Tat wahr. Zehntausend Dollars dem Kater, der das gleiche vermöchte.« Bei dieser Antwort wurde Good fahl und fiel vom Stuhl. Den Armen hätte seine Leidenschaft fast zum zweitenmal getötet.

Der Satz des alten Roués war eine Rohheit, die selbst seine gedrechselte Sprache nicht verbarg. Er spielte darauf an, daß man Good in letzter Zeit den Garten hatte abends umschleichen sehen. Selbst einem Blinden wäre aufgefallen, daß der Anlaß keineswegs ein krimineller war. »Sie werden ein Ständchen erhalten.« »Werfen Sie Baldrian in den Nebengarten,« hatte Grace gesagt. George Good war bei dem Satz, den er am Fenster vernommen, seinerzeit zusammengezuckt.

Als er nun eine Anspielung hörte, war er unter der Erkenntnis der Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen zusammengestürzt.

Er lag seit einigen Tagen nun in einem apathischen Zustand in einem Parterrezimmer von Graces Landhaus. Sie war so davon überzeugt, daß er die Kette nicht besaß, daß sie diese Gunst des Zufalls nicht einmal ausnutzte, bei ihm nachsuchen zu lassen. Zu ihrem Glück gelang es ihr, dadurch den Capt. auf ihre Spur zu bringen. Er sah ihr Gesicht zuerst im Spiegel eines Ladens an dem er stand, sprang in einen Wagen und folgte ihrem Auto in einer Versessenheit, die er nicht mehr bändigen konnte. Er nahm an, daß sie Good bei Seite geschafft habe und hatte die Kraft, den Toten noch zu hassen, was ihn nicht hinderte, ihn rächen zu wollen. Die Überlegungen der Redlichen sind von bezwingender Heiterkeit, wenn die verschiedenen Ergebnisse einer konsequenten Treue sich zu komplizieren beginnen und beweisen, daß die höchste Treue nicht ein Gesetz, sondern das mit allen Gesetzen harmonierende Gefühl ist. Mit welcher Schönheit ist Treue verklärt, wenn sie die Anmut eines reinen Herzens krönt. Den Fahnenträger eines Räuberhaufens der Treue vermag man höchstens zu schätzen, weil er unerbittlich ist, aber zu einfältig, um über der Anhänglichkeit auch den Sinn der Moral zu erkennen, für die er sich hergibt.

Als er mit seinem Wagen einfuhr in den Park, entschlossen, ans Äußerste zu gehen, erlag er dem Paroxysmus seines Blutes. Ein Diener wie aus Marmor, einer jener Domestiken, die aus den Zeiten Sullas und Vespasians stammen, die nie sprechen, sondern vor der Schaurigkeit des, was sie sehen müssen, Eisberge der Kühlheit geworden sind, wies ihn mit einer stummen Gebärde auf eine Tür. Gleichzeitig meldete er mit einer Stimme, die vor Entwöhnung von der Hohlheit eines Grabes geworden war: »Lady G. P. erwartet Sie zum Lunch.« Ehe Capt. Pound sich fassen konnte, sah er ein Ruhezimmer um sich, auf dem in der soigniertesten Weise ein Abendanzug aufgelegt war. Es fehlte keine Kleinigkeit, sogar die Seidenstrümpfe gingen über das Knie. Diesem wilden Scherz ergab sich selbst der Held von Cuba.

Er fühlte eine Falle, aber die Unverfrorenheit reizte ihn so, daß er seine Brutalität zurückschob. »Hallo,« murmelte er, als er bemerkte, daß das Abendjackett keine Taschen hatte, »Windstärke zehn, Capt. Pound.« Er pfiff vor sich hin, als ein Page mit einem Gong den Korridor entlang lief. Er folgte ihm, kam durch eine Menge Zimmer und wartete an einer Tapisserie. Plötzlich machte er einen Sprung und lief denselben Weg zurück, lief, als wolle er sein Leben retten. Durch eine Unvorsichtigkeit des Chasseurs, der die Tür hinter ihm schließen sollte, geriet Ritch in eine Falle. Er überraschte sie beim Untersuchen seiner Taschen, warf sie, obwohl sie ein Weib war, an die Wand. Sie hatte nichts gefunden, aber der Capt. brüllte nun vor Wut. Wie der Stier, in dem allerdings ein Gott saß, der Europa entführte, jagte er die Mestizin durch den Garten und eine Terrasse herauf. In diesem Zimmer hatte Grace die Absicht, ihm entgegenzutreten, der Stier warf ihr Programm über den Haufen. Sie zeigte, daß sie auch dem gewachsen war.

Der Auftritt sollte lange dauern und kürzte sich teuflisch ab. »Geben Sie Good heraus,« schrie der Capt., als er sie sah und versuchte, nach seiner Pistole zu greifen, fand aber keine Tasche, was ihn förmlich berauschte vor Zorn. Grace gab ihm einen fragenden Blick, der ihn vereiste. Dieser Blick wechselte, er war bald dunkel wie Samt, bald so weißblau wie das Meer unter einem Gewitter. Dieses Auge hatte in beiden Ausdrücken die Entschlossenheit eines Tigers.

»Ich will es tun,« sagte sie mit der möglichsten Einfachheit. »Geben Sie dafür die Kette.«

Dies warf Pound in sich selbst herum, er war vor Erstaunen sprachlos. Das Oranggesicht über der athletischen Schulter war einfach geistlos, selbst die Wildheit kennt einen Moment der Bestürzung, wo das Böse sich vor der Dummheit kuscht.

Dann blitzte ein Plan in ihm auf, der das Verrückteste war, denn er hatte die Kette holen wollen und nach Good gefragt. Nunmehr drängte ihn seine Verblüfftheit in ein primitives Rachegefühl: er versuchte, sich dieser Frau zu bemächtigen. In diesem Augenblick erschrak er bis auf den Rand der Lippen. Dieselbe Frau, die vor ihm stand, stand auch auf der anderen Seite des Zimmers. Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, lief auf die eine zu, hielt ein, wandte sich nach der anderen. Auf diese Weise waren beide verschwunden, als er sich erholt hatte.

»Jonny Rumford,« sagte er, als er die Terrasse herunterging, »ich müßte jetzt drei Beine haben, wenn wir die gleichen Gespenster wären wie diese da. Eins unter jedem Arm.« Er tobte vor Zorn mit seinem Holzbein auf den Stufen. Als er verschwunden war, ließ Sir Davis Wolfsteller im Garten legen und engagierte ein Dutzend neue Leute. Dieser Bursche war ihm auf die Nerven gefallen. Er zuckte zusammen, wenn er an das Geräusch des Stelzbeins dachte, das einem Engländer, auch wenn er ein Franzose sein will, entsetzlich ist.

Auf Good hatte der Auftritt eine merkwürdige Wirkung. Er stand auf. Das Gesicht dieses Mannes war völlig verändert. Es war heiter wie der Mond, obwohl es härter geworden war. Der junge Mann hatte einiges verloren und anderes gewonnen, wie dies bei Leuten unter Dreißig häufig ist, wenn ihre Seele sich unter Entschlüssen ändert. Er war weniger hübsch und langweiliger geworden. Dagegen waren seine Augen im Ausdruck besser. Im Ganzen schien er verloren zu haben. Es ist seltsam, daß junge Männer einfältiger wirken, wenn sie besser werden. Bei Frauen ist dies unmöglich, sie beginnen unter diesen Entschlüssen mit jenem Licht zu strahlen, das ihre erste Schönheit ist.

Der junge Mann hatte sich entschlossen, Grace die Kette zu bringen. Die Liebe hatte ihn überwältigt zu einer Handlung, die die erste leidenschaftliche seines Lebens war, aber sein Leben abschließen mußte. Dieser Gedanke, daß man ihn töten würde und daß er mit dieser Möglichkeit immer gerechnet hatte, sie jetzt aber erst begriff, machte ihn voll einer schmerzlichen Melancholie, die ihn wohl schön erscheinen ließ, aber mit einer Schönheit, die, anders als sein Geckentum, ihn von innen heraus erhellte.

Der junge Mann, der lieben gelernt hatte, ohne daß er wieder geliebt ward, empfand einen tödlichen Schmerz, als er nach seiner Wohnung schritt. Er wußte, daß nun alles vorbei war, aber er vermochte nicht anders zu handeln. Die Blätter fielen um ihn nieder von den Bäumen, er hätte weinen können, obwohl er seit Jahren den Tod herausgefordert hatte. In einer stillen Straße fühlte er die Tränen. Das machte ihn fassungslos, gab ihm aber eine Sicherheit des Schmerzes, die ihm die Welt verdunkelte.

Dieser süße Druck in seiner Brust war von sehr großer Kraft: Wenn er an Grace dachte, empfand er jene Begeisterung, die bei wirklich erhabenen Seelen auch den Tod verachtet, ja die um dieser Glut zuliebe den Tod als höchste Erhabenheit herbeisehnt.

Dies hatte bei aller augenblicklichen Täppigkeit ihm einen Ausdruck gegeben, der Grace neugierig gemacht hatte, sie war ihm durch eine Parktür in einem Umhang Ritchs gefolgt und so den Spionen Pounds entgangen. Dieser ließ, nur von dem Gedanken der Rache getrieben, das Haus umstellen. Er nahm keine Rücksichten mehr, weil das Bewußtsein des Geldes ihn vor jeder Torheit schützte. Man vermochte sich auch damals nicht zu denken, wenn man ein Einkommen von ein paar hunderttausend Dollars besaß, daß es Gesetze geben könne, die töten. Er kam mit zwei riesigen Autos an, stürmte das umzingelte Haus, durchsuchte es nach Good, den er nicht fand und stellte Ritch, die seine Faust bereits kennengelernt hatte. Er faßte sie, wie man Hasen anfaßt, und hob sie in die Höhe.

»Wo ist die Lady?« herrschte er sie an. Ein teuflischer Blick der Negerin traf ihn. »Schonen Sie sie, wenn Sie ein Gentleman sind,« schrie sie und schlang, während sie die Portiere aufriß, einen großen schwarzen Shawl um ihre Gebieterin. »Marsch,« schrie Capt. Pound, und da die völlig zusammengebrochene Frau ihn irgendwo verwirrte, stampfte er mit dem Holzfuß wie ein Verrückter auf den Boden. Sein eleganter Athletenkörper mit dem verwüsteten Gesicht sah aus wie ein Teufel, den einer der jungen Maler dieser Zeit geschildert hat, die von der Natur verflucht waren, die Dinge in höllischen Verzerrungen zu sehen. Er hielt die Pistole immer wieder zur Seite nach rückwärts und beobachtete beide mit einem flackernden Auge.

»Marsch,« schrie er heiser »in den Wagen,« und er stampfte vor, weil er sich fürchtete, entweder zusammenzubrechen oder schießen zu müssen. Er war völlig verstört und nur von dem Gedanken wie von einer Biene, die sein Hirn durchsummte und deren monotoner Ton ihn verrückt machte, gefüllt, diese Frau in die Hand zu bekommen. Die Javanerin warf ihm einen verschleierten Blick zu, als sie mit ihrer Lady einstieg. Die Wagen waren geschlossen, Grace war wie eine Betrunkene getaumelt. Der Capt. beobachtete sie mit funkelnden Augen. Grace saß mit der Starrheit des Todes und schenkte ihm keinen Blick. Sie schien bei jedem Sprung des Wagens zusammenfallen.

Diese Fahrt war eine abscheuliche Quälerei. Pound schien das zu bedenken: »He,« brüllte er plötzlich, »Lady, ich bin dafür, daß Sie meinen Platz tauschen.« Sie beachtete ihn wie einen alten Schuh. Der Soldat war diese Rache einer Feindin gewohnt und schwieg. Nach einer Weile versuchte er einfach die Lady herüberzusetzen. Er sprang auf und schrie so toll, daß der Chauffeur ihn gehört haben mußte. Er hielt eine Puppe in der Hand. Sie war Grace mit bewundernswerter Kunst nachgebildet.

Capt. Pound mußte den Verstand verlieren oder sich befreien. Er verlor den Verstand eine Sekunde, das Blut verließ seine Schläfen und er zitterte, weiß wie Wachs, mit geschlossenen Augen. Dann sagte er kalt: »Ich werde mich überzeugen, ob du aus derselben Wolle gemacht bist« und schoß viermal in Ritchs Körper, wo dieser dem Kapitän des »Leviathan« am köstlichsten erschienen war. Diese Schüsse waren nicht tödlich, aber sie verunstalteten, was schlimmer ist. Es gibt Schüsse, die das Herz oder die Lunge durchbohren und die ein unglaublicher Wille überwindet. Manche geringfügige Blessuren haben den Tod sofort hinter sich her. Capt. Pound begab sich in das andere Auto. Das seine drehte, mit Hilfe der Leute, die er bezahlte, ward Ritch in das Landhaus getragen und starb in Graces Armen, als sie zurückkam.

Der Tod hat eine lösende Kraft für junge Menschen. Er befreit sie von jenen Ängsten, die ihre Klarheit verbittern, er bringt sie zurück bis an die Schwelle ihrer Jugend, die die reinste Zeit eines Lebens ist, er hat die Ungeheuerlichkeit einer sühnenden Kraft, die beispiellos ist, weil sie blind ist. Nur das Leben ist ängstlich, weil es verwirrt ist. Der Tod ist von einer Reinheit und Größe, deren Horizont sich unvergeßlich aufschlägt und ordnet. Das Furchtbare des Todes empfinden nur die Verstockten, der Anblick des Todes ist für die Verirrten das erhabenste Erlebnis. Es ist der Freude ebenso nahe, wie der Schmerz ein Bruder der Liebe ist. Am Lager eines Toten herrscht die Harmonie, welche mit der Majestät der Liebe gesegnet ist.

Als Grace von dem Lager Ritchs zurücktrat, die für sie gestorben war, trat George Good herein. Er ging fast gebückt aber mit der Heiterkeit der Leute, die wissen, daß die Kugel für sie geladen ist. Er schreckte zusammen, als er eine Frau sah, die er kaum kannte. Sie trat ihm wie eine Fürstin entgegen, die beleidigt ist, aber so verziehen hat, daß alles an ihr schäumt vor einer kalten Güte, deren Entscheidungen ihn verdammen mußten, auch wenn sie segnen.

Er trug die Kette auf beiden Händen, für die sie keinen Blick hatte. Sie winkte ihm. In diesem Augenblick strömten ihm die Tränen aus den Augen. Das Glück dieses Augenblicks war das größte seines Lebens. Sie winkte noch einmal, er ging langsam zurück. An der Tür steckte er die Kette ein. Es rettete sein Leben, aber an dieser Wunde ging er zugrunde wie jener Prinz, dem ein Affe ein Stück aus der Brust gebissen, und der kein Fleisch hatte, die Wunde damit zu nähren. Dieser Prankenhieb schlug die Sehnsucht in ihm frei, und er litt mit dem Maß, mit dem er sie nicht gekannt hatte und nicht befriedigen konnte, nach diesem Erlebnis. Dieser junge Mann, der nie besiegt worden war, gewann sein Leben, aber die Liebe saß wie der Tod in seinem Herzen, das heißt, er ging verklärt aus diesem Haus, wie ein Wahnsinniger, vom Blitz gerührt von Glück, bis zur Besessenheit von Liebe beladen, die er kaum tragen konnte ...

»Sechsundzwanzig Jahre,« sagte Sir Davis, als sie drei Tage später über den Kanal fuhren, »und soviel Erlebnisse, daß man ein Jahr davon erzählen könnte, und man muß darüber schweigen, welches Verhängnis.« Grace sah ihn mit einem Blick an, der alle Erleuchtungen eines klaren Herzens trug: »Wovon reden Sie, Davis?« sagte sie, und der alte Geck war von dieser unwiderstehlichen Frage so verwirrt, daß er sich in den Arm kniff, um festzustellen, ob er denn träume oder sie. Der erfahrene Frauenkenner sah sie ängstlich an, er erblickte ein unberühmtes, nichts wissendes Gesicht. Dieses Gesicht war das einer Sechszehnjährigen voll großer Hoffnungen und ohne Erlebnisse, die eine Seele vergiften. Der Tod hatte diesem Mädchen die Barriere geschlossen, durch die ohne Trennung die Welt des Frevels neben der Welt ihrer Seele lag. Das Glück hatte sie verschwenderisch überhäuft. Das Glück, das im Augenblick des Todes einen Menschen überfällt, hat eine wundervolle Verwandtschaft mit dem Blut, das in dem Sinn der Sühne vergossen ist, dieses Glück heilt, verzeiht und macht vergessen. Es tilgt die Schuld, es wirft den Frevel zurück, es überwindet das Böse mit einer Übermacht der Reinheit, die mit der Majestät der Liebe darin gekrönt wird. Diese Liebe, die selbst das Vergessen lehrt, kennt keine Abgründe mehr, weil das Herz, das sie nunmehr regiert, unbeirrbar ist.

Dieses Glück, welches das junge Mädchen überfallen hatte, besaß das Anrecht, mit den zartesten Namen genannt zu werden. Davis staunte und bekam hektische Backen. Dieser Wollüstling, der die Frau als Wesen verehrte, ohne ihre Moral abzuschätzen, sah, statt einer Frau mit den kalten Augen des Tigers, eine liebliche Erscheinung. Davis hielt sich einige Sekunden für verrückt. In ihren Blicken war keine Spur mehr von der harten Glut, die ihr jene Entschlossenheit der Tollheit geliehen hatte, der er sich sofort gefügt hatte. Dieses Mädchen war völlig rein, hatte den Himmel im Auge und nur einen leichten Unmut, wie ihn verwöhnte, engelhafte Kinder haben, um den Mund: »Von was reden Sie, Davis?«

Dieser Satz machte den alten Wüstling, der die tollsten Sprünge seines Lebens in diesen Tagen erlebt hatte, fast närrisch. Er starrte sie an. Der Lüstling, welcher, ohne mehr zu tun als es festzustellen, Kurtisanen verröcheln, Damen zu Dirnen werden, Frevlerinnen bereuen gesehen hatte, der beobachtet hatte, daß Menschen sich blitzschnell herumwandten, als ob ihre Seele beweglicher sei als wie ihr Rücken, der Frauen aus Leidenschaft in den Tod und aus dem Tod in jene Wollust hatte tauchen sehen, die durch ihre Verzweiflung noch tiefer ist als der Tod, der Mörderinnen hatte sich bessern und Engel in ein Unglück hatte treiben sehen, das beispiellos war, der Mann, der die Wandlungen der Frauen einer Gesellschaft beobachtet hatte, welche an der Grenze zwischen zwei Menschenklassen stand, von der die eine sie band und die andere sie befreite, ohne daß die Fessel sie beglückte und die Befreiung sie erlöste, ... der Mann, der die Verheerungen des Teufels und einer lächerlich angewandten Vernunft unter den Frauen der Jahrhundertwende von den Verzückungen der Verwirrten bis zu den Heucheleien der Verdammten bis ins Kleinste kannte, starrte dieses Wunder vor sich an.

Vor diesem Mädchen, in der Tat, lag das Leben makellos. Er hatte eine Jungfrau vor sich, der kein Schatten die Stirn getrübt hatte. Reinheit ist immer unberührbar, weil sie vollkommen ist. Sir Davis, der nach der Sitte seines zurückliegenden Jahrhunderts nur beobachtete, ohne den Sinn zu ergrübeln, schwenkte sofort um. Er gehörte zu den Männern, die Gott oder der apokalyptischen Hure dienen, wenn beide nur in der Form der Frau erscheinen, die sie anbeten dürfen.

Davis lachte in sich hinein. »Ich freue mich auf Gaby,« sagte Grace. »Das,« sagte Sir Davis, »tut man mit sechzehn Jahren. Glückliche Windspiele, die herrlich sein müssen, auch mit sechsundzwanzig das Gleiche noch zu erregen. Warum soll man es mit einundziebzig nicht tun?« Der Alte, der ein Glück darin sah, der ewige Sklave der Launen schöner Frauen zu sein, und sein Alter zum erstenmal gestand, reichte ihr mit großartiger Bewegung den Schirm, damit die Sonne keine Wolke über diese Stirn ziehen ließe ... -- -- --

Fünf Jahre später las ich diese Geschichte, die hier abschließt, zwei Leuten vor, die in verschiedener Weise damit sich zu beschäftigen hatten. »Sie haben,« sagte der Mann, der im Kreis einer Lampe sich auf einen der breiten Stühle gelegt hatte, wie ein Hund darin Platz nimmt, »im wesentlichen hier Angriffe gegen eine Zeit gerichtet, welche ich ehre. Ich verstehe nichts von Literatur.« Dieses Scheusal hustete auf eine heimtückische Weise, indem er sich mit der Koketterie einer wohlgewachsenen Frau ausdehnte. Die Natur hatte ihm seine schlechte Seele in die linke Schulter gezogen, die wie ein zweiter Kopf ohne Augen neben seinem Scheitel in die Luft ragte. Er war eine der gefürchtetsten Hyänen der Börse und voll Launen, die einem Journalisten Ehre gemacht hätten. Dieser Kopf schien Milliarden aus der Börse ziehen zu können, Straßenzüge mit einem Gedanken zu schlucken, zu verdauen und mit einem märchenhaften Gewinst auszuspeien. Seine Agenten reisten, mit seinen Gedanken belastet, als Herolde der Vernichtung durch jene Staaten, deren Währungen sie bald vernichteten, bald nahe an eine unglaubliche Hoffnung auf Besserung kommen ließen. Der Kopf des Mannes, dessen Atem roch wie Vernichtung, und dessen Augen den spitzen Glanz hatten, der Totengräbern eigen ist, war der Kopf eines Götzen, dessen verbrecherische Größe von jenen Schlachtplänen der Leere und den Bilanzen des Umsturzes herkommt, die aus Europa ein Leichenfeld der Gesittung und eine Wüste der Schönheit gemacht hatten.

Dieser Mann glänzte förmlich wie eine häßliche Gottheit aus Kupfer, die sich an dem Elend von Millionen gemästet hat. Die Siege, die nicht mit dem Herzen errungen werden, sind zwecklos, wenn sie gewogen werden, aber von den Siegen der Macht sind die ohne Zweifel die erbärmlichsten, die ohne den Ruhm der Traditionen und mit der Gier der Häßlichkeit gestempelt sind.

Diese Hyäne, die anfing, ein Loblied ihrer Zeit zu singen, hatte eine Schwäche, seine Frau. Er war der Besitzer einer Frau von so überwältigender Schönheit, daß die Sicherheit seines Geldes ihn nicht von der Eifersucht freihielt, die jeden Zwerg selbst mit der furchtbarsten Macht im Gefühl seiner Niedrigkeit von der Schönheit entfernen mußte. Auch Schönheit allein ist nicht vollkommen und daher käuflich, aber immer nur mit der Menge Goldes, die eine Spanne, nicht eine Ewigkeit aufwiegt. Das Scheusal, dessen Erfolge seine Klugheit beweisen, war nicht blind, und wo andere ihn nachts auf seine Tagerfolgen ausruhen dachten, glühte es vor der Größe seiner Zweifel.