Die Engel mit dem Spleen

Part 5

Chapter 53,745 wordsPublic domain

Das Mädchen trug einen schwarzen Ledermantel mit einer ähnlichen Mütze. Als sie den Schlüssel umdrehte, der nach einer besonderen Weisung gedreht werden mußte, brach er ab. In dem gleichen Augenblick sah sie einen furchtbar aussehenden Mann eine Tür aus der gegenüberliegenden Wand herausdrücken und sich blitzschnell nach dem kleinen rot ausgeschlagenen Sarg hin bewegen. Ehe er zugriff, schoß Lady Grace einmal in das Glas. Es war nicht luftleer gefüllt und die Kugel prallte ab. Den zweiten Schuß gab sie in das Schloß, die Kugel drang ein, blieb aber stecken.

Zwischen den beiden Schüssen sah sie plötzlich von der Decke einen Matrosen herabstürzen. Dieser Mann war ohne Zweifel schön und bei anderer Zeit hätte man ihn bewundert. Er hatte eine klare weiße, fast zu hohe Stirn, was seinem Kopf eine Bedeutung gab, die etwas zu stark war für die banale Schönheit seiner Mund- und Augenpartien. Die Nase war nicht gerade edel, aber stolz genug, die übrigen Gesichtsfehler zu beherrschen und einheitlich zu machen. Seine blauschwarzen Haare setzten mit einem Halbbogen wie bei Jüdinnen an und waren tief und lang zurückgestrichen. Dieser Mann, der eine Spur zu gewandt war, um nicht weichlich zu wirken, griff nach der Kette. Es war zweifellos, daß er kein Matrose war.

Capt. Pound rollte die Augen, als ob er sterben wolle. Dieser Mann war George Good, sein Partner, der ihm die Beute abjagte und den er nicht berühren durfte, solange dieser nicht einen Verrat beging. In diesem Augenblick, den ihre Pupillen sich ineinanderbissen, griffen beide nach der Kette, es ward dunkel. Man stürzte auf die Schüsse herbei. Da man den Eingang durch die Kugel versperrt fand, mußte die halb wahnsinnige Grace den Eingang von der anderen Seite erklären. Man fand, wie sie gesagt hatte, durch Capt. Pounds ehemalige Kabine keinen Eingang, kam jedoch durch ein Loch über den Schornstein herein.

Ein Mann, der tagelang mit einer Rauchmaske gearbeitet haben mußte, hatte mit einer Unmenge Säure den Stahl zerstört. Im Innern fand man die Mechanik der Klapptüre, aber man kam nicht weiter, da die Öffnung nach dem Korridor und Pounds Kabine nur durch ein seltsames System von Druck- und Klopfbewegungen herzustellen war. Die beiden Männer mußten durch den Schornstein geflohen sein. Mittlerweile hatte Lady Grace jene Kälte angenommen, die unbegreiflich ist, wenn man sie vorher kannte. »Laternen« schrie sie sofort, während die anderen noch untersuchten, Davis ins Ohr.

»Sechsundzwanzig Jahre,« flüsterte der alte Seigneur, als er die Blendlaternen rollen ließ, »aber das Genie eines Feldherrn.« Sie entdeckten zwei Boote und folgten mit einem der kleinen Motore, die heruntergelassen waren. An der im glatten Hafenwasser noch stehenden Furche sahen sie, daß sie einen Motor vor sich hatten. Auf der Verfolgung hörten sie Ruderschläge. Sir Davis, der einen Scheinwerfer bediente, richtete ihn nach der Seite. Sie hatten zwei Matrosen bei sich und schossen durch ein Gewirr von Dampfern. Die Ruderschläge gingen nach der Seite und sie sahen einen Kahn, der, von einem Tollen gerudert, gerade an einem Segler anlegte. Sie schossen hinüber.

Bei ihrer Ankunft hatte der Mann sich an Bord begeben; indem er einen ganz unglaublichen Sprung, aufs Ruder gestützt, gemacht und ein Tau erreicht hatte. In diesem Moment zog einer der Matrosen Lady Grace bei Seite, bekreuzigte sich und hob den Daumen in die Höhe. Sie erkannten am Wimpel, daß das Schiff die Pest und das gelbe Fieber hatte. Sie hatten sich dem Quarantäne-Schiff genähert. Grace war außer sich. Sie warfen den Motor herum, fanden die Spur des anderen und folgten, sie sahen das Motorboot lediglich an einer Mole treiben. Als der Matrose auf das Fieberschiff sich schwang, hatte Lady Grace ihn erkannt. »Photographiere« zischte sie und Ritch faßte ihn mit einer wunderbaren Magnesiumflamme.

Der eine Matrose hatte ihn ebenfalls erkannt. »Capt. Pound,« sagte er zu sich, »war an Bord. Wir waren nicht allein. By Jove, er hat bestimmt, auch wenn es das erstemal ist seit Cuba, Gründe, sein Bein zurückzulassen.« Er täuschte sich. Es war vielleicht der verrückteste Erfolg, den Pound in seinem Leben hatte, als er sich mit seinem Bein unterm Arm auf das Fieberschiff schwang, das er vor Wochen nicht verlassen durfte und von dem der unerschreckbare Bursche nach drei Tagen ans Ufer schwamm.

Lady Grace schäumte vor Wut. Dieses junge Mädchen war von der Pranke des Geheimnisses erfaßt wie ein Süchtiger von dem Mond, der ihn verzaubert. Sie zermarterte hinter der glatten ruhigen Stirn ihr Hirn, man hätte sie nach dem Namen ihrer Mutter fragen können und sie hätte mit der Antwort gezögert. Sie bebte vor Zorn, daß sie besiegt war und verstand diesen Zustand hinter einer Vernunft zu verstecken, die eigentlich Mathematik ist.

Ein junges Mädchen, das vor Leidenschaft beginnt, ihre Chancen zu berechnen, ist in der größten Gefahr, weil sie ein fürchterlicher Gegner geworden ist. Sie treibt die Waffen der Feinde zur abscheulichsten Grausamkeit. »Ich habe,« sagte sie sich, »Ritch, die für mich zu sterben bereit ist und Mittel. Dazu zähle ich Davis. Er ist ein Gerippe, aber dieses Gerippe ist ehrgeizig auf seine Männlichkeit, darum wird er unendlich treu sein. Im übrigen werden wir sehen,« und sie biß sich auf die Lippen mit einem Ausdruck, der hätte sagen können, sie meine das Leben ihres Vaters.

Man wird diesen Zustand der Leidenschaft nur begreifen, wenn man immer daran festhält, daß, wenn das Höllische in ein so reines Gefäß fällt, es sämtliche Kraft zu allen guten Handlungen, ja selbst die zärtesten und unausgesprochensten Gefühle zu einer unglaublichen Energie zusammenbindet. An Hand der Photographien erfuhr sie in kurzer Zeit, daß Pound in Lissabon war. In Lissabon findet man jemand, den man sucht, leichter bei Nacht als am Tag. Auf der Placa do Commercio kauft man um Mitternacht nicht nur Tänzerinnen, sondern auch Gemüse. Dies Volk der Weltentdecker hat eine bezaubernde Art, seine Vergangenheit auf den Banknoten zu verherrlichen, die sie mit einer solchen Leichtigkeit ausgeben, daß die Geschäfte genötigt sind, die ganze Stadt nachts zu illuminieren. Hier läuft, während in den Varietés Quadronen und Mestizinnen tanzen, die Hochbahn wie auf Seilen durch den Sternhimmel, die Motorräder brausen vorüber, und wer auf einem zweispännigen Wagen oder einem Auto oder Sattel sitzt, schwenkt den Hut, um die Damen auf der Avenida in ihrem Korso zu begeistern, wenn sie zu einer ihrer heißblütigen Beichten gehen, zu denen die Kirchen die ganze Nacht offen stehen.

Lady Grace vermutete, daß es leicht sei, in diesem Tollhaus die Spur eines Mannes zu entdecken, den sie berauben oder zum mindesten übertölpeln wollte. Sorge machte ihr lediglich der Gedanke an jenen Matrosen, von dem sie nicht annehmen konnte, daß er Pounds Gehilfe war, da er gezittert hatte. Auch war ihre gemeinsame Flucht diejenige von Gegnern. Sie fühlte, daß sie diesen Mann nicht genügend bei ihren Plänen bedachte.

Sie machte trotzdem den Fehler, den imposanteren Mann für den gefährlicheren Partner zu halten, in den eigentlich nur Frauen fallen, die geliebt haben. Sie bedachte nicht, daß George Good sie gesehen hatte und sie von seiner Seite beobachtete.

Good, der auf eine glänzende Weise den Capt. übertölpelt hatte, indem er auf dessen Schiff sich aller Energieaufwände Pounds bediente wie die Parasiten, die in der Gestalt von Vögeln im Mund der Krokodile Sicherheit und Nahrung haben, um damit den Capt. zu betrügen, war ohne Zweifel vorderhand der geschickteste Feind. Er war der elegantere, das heißt der klügere. Seine Weichheit erlaubte ihm, auf Brutalität zu verzichten, aber die Rohheiten seines Partners durch seine Intelligenz auszunutzen. Er war eine jener glücklichen Naturen, dem diese Abenteuer dennoch ein, wenn auch glänzendes, so dennoch begrenztes Spiel da noch blieben, wo die anderen schon Fanatiker und damit gebunden waren. George Good beobachtete noch, wo Pound schon schäumte.

Als er im Augenblick der Schüsse, die Grace abgefeuert hatte, ihr Gesicht, daß er täglich beobachtete, sah, war ihm die Leidenschaft dieser Frau noch nicht klar. Er war entfernt, eine Besessene in ihr zu sehen, aber zu intelligent, einen so ungewöhnlichen Vorgang mit einer Liebesangelegenheit zu verquicken. Da er Lissabon an dem ersten Tag nicht verlassen konnte, reizte es ihn, das Geheimnis der Frau auszukundschaften. Er ging dabei in seine eigenen Netze. An diesem Tage wurden zwei Dutzend Offiziere der Marine verhaftet und der Hafen gesperrt.

Good hatte in einem Kasino masqué beim Chemin-de-Fer-Spiel Grace gesprochen und über die Halbmaske mit ihr Worte zu wechseln versucht. Sie hatte sich umgedreht, da sie ihn nicht erkannte und mit ihrem Hochmut den Mann gereizt. Er hatte in ihrem Hotel Wohnung genommen. Es gelang ihm, eine Sekunde in ihr Zimmer einzudringen. Zu seinem Unglück sah er sofort das Bild des Capt. Pound und hielt sie für Pounds Geliebte, ohne zu ahnen, daß jeder Detektiv Lissabons dieses Bild in der Tasche trug. Er fühlte sofort, daß er Pound unterschätzt hatte, der mit solchem Aufwand vorging und reiste dahin, wo man ihn am wenigsten vermuten konnte, nach Rotterdam.

Grace hatte natürlich das Fieberschiff umstellen lassen und Spitzel in der Baracke, durch welche die Gesundeten in Quarantäne gingen. Da sie Geduld noch nicht zu ihren Waffen zählen konnte, machte sie sich auf einen Einbruch in das Schiff bereit. Hier konnten ihr weder Davis noch Ritch zu Diensten sein, sie sandte sie weg. Davis hatte ohne Zweifel soviel in seinem Leben nicht flaniert. »Wenn sie,« sagte er sich, »meine Augen ruiniert, wird sie mir gestatten müssen, sie mit den Händen zu befühlen. Praxiteles soll im Alter auf ähnliche Weise die Schönheit wahrgenommen haben.« Im übrigen war dieser Geck bis zur Besinnungslosigkeit treu. Da sein Verstand sich vollkommen auf den Dienst bei jungen Frauen eingestellt hatte, war ihm das Bewußtsein des tieferen Sinns aller Vorgänge abhanden gekommen. Sein Verstand arbeitete wie die Vernunft der Setzer, die ein Wort aber nie einen Satz im Gedächtnis behalten. Er war vielleicht der geschickteste Detektiv, weil für ihn schließlich jeder Mann ein Konkurrent war und nur der Hahn das beste Gehör für jenes siegreiche Kikeriki eines anderen besitzt, das noch kaum angestimmt ist.

Als Grace sich zu dem furchtbaren Schritt entschloß, sich durch eine reichliche Bestechung an das Fieberschiff fahren zu lassen, erfuhr sie, daß Pound an Land sei. Eh weiteres bekannt ward, sprach erst sie dann Davis mit Good. Grace hatte ihn verachtet.

Die Maske hatte Davis eingeholt: »Diese Dame,« sagte sie ihm ins Ohr, »könnte eine Prinzessin sein, denn sie ist sehr stolz. Vermutlich kann sie eine Bürgerin sein, denn sie setzt so hoch, wie Aristokraten es nicht tun würden, die den Reiz des Geldes schon zu lange kennen, um es so unsinnig auf die Kante zu setzen. Aber ich wette, sie vermöchte auch, nachdem ich ihre Augen gesehen habe, die Geliebte eines Piraten sein, der eine Kanonenkugel von achtzehnhundertsiebzig als Kopf, einen Boxhandschuh als Herz, eine Leber an Stelle der Nase und als Charakter ein Stelzbein hat.« »Dies erste« erwiderte Davis ihm, »ist sie nicht, aber sie kann es jeden Tag sein. Der zweite Verdacht stellt Ihren Scharfblick so in Frage, daß man zweifeln muß, ob Sie ein Edelmann sind, so daß daher leider für die dritte infame Frage Sie von Sir Joshua Davis nicht zur Rechenschaft gezogen werden können.« Der alte Geck benahm sich wie ein verliebter Franzose und ließ den Maskierten stehen, nachdem er sich aus Eitelkeit verraten hatte.

Zwei Stunden später war Good im Hotel. Den Tag nach ihm reiste Pound ab, der ihn beobachtete. »Vielleicht,« sagte sich Grace, »ist auch Good hinter Pound hergefahren,« als Ritch ihr erzählte, daß sie Good auf dem Gang in dem Moment angetroffen hatte, wo er wie durch Irrtum ihre Tür öffnete. Auch Davis erinnerte sich an den Mann, mit dem er gesprochen hatte. Diese Personen, die nach Graces Angaben suchten, hatten alle durch ihre Fehler nur das Wesen Pounds zu entziffern gesucht in dieser Stadt, die sie wie ein Karneval überfiel und Good nicht beachtet. Grace richtete sich auf beide nunmehr ein, nachdem sie eine Niederlage von demjenigen erhalten hatte, den sie verachtet hatte. Sie hatte nunmehr seine Witterung.

Sie folgte bis Rotterdam. »Welcher von beiden hat die Kette?« fragte sie sich in zwei Nächten, die sie im Zug verbrachte. »Wer verfolgt und wer wird gejagt? Ist das ganze Arrangement gar eine Täuschung? Vielleicht führt sie ein Dritter weg, während ich hinter diesen beiden her bin? Genug,« endete sie jedesmal mit seltsamer Gelassenheit, »sie ist da, ist geraubt, sie muß zu finden sein.« Das hieß, daß sie an ihre Mittel und ihre Leidenschaft glaubte. Sie war derart besessen, daß sie vollkommen überlegen war.

Woher, fragt man, besaß dieses Mädchen, das vor drei Wochen die behütetste Erbin in York war, die Kenntnis dieser Welt, diese Erfahrungen, die einen Abgrund an Lastern voraussetzen, jene ungewöhnliche Sicherheit, die nur großen Kokotten oder alten Lebemännern eigen ist? Diese Frage erledigt eine Tatsache: ihr Genie. Die Tradition einer alten Familie hatte in ihr alle Fähigkeiten, der Welt gegenüber sicher zu sein, so vorbereitet, daß im Augenblick, wo sie innerlich entflammte, sie wie durch ein Geheimnis die Erfahrungen übersprang und aus dem Genie ihres Instinkts heraus alles beherrschte. Ihre Besessenheit gab ihr die Überlegenheit über die Ideen des Lasters und Verbrechens ebenso zu gebieten, wie sie es über diejenigen der Tugend und der Mädchenhaftigkeit getan hätte. Sie hatte sofort und ohne Probezeit den Schritt vom nichts zur Vollkommenheit getan.

Ungeschickterweise setzte man sie in Rotterdam auf eine falsche Spur. Es schien, als solle sie nicht aus der Eisenbahn herauskommen. Sie fuhr diesmal hinter Good her bis Warnemünde, von wo dieser nach Dänemark übersetzen sollte. Diese Nachricht kam von einem Paßbureau und zu ihrem Unglück prüfte sie sie nicht genauer. Sie verwirrte die Fäden damit ins Unendliche. Die drei Hauptspieler dieses Stückes hatten sich bereits derartig eingekreist, daß es kein Entrinnen mehr gab. Da einer immer den anderen beobachtete und mindestens vom Aufenthalt eines der drei auf dem Laufenden war, trafen sie sich stets zusammen und hingen mit unsichtbaren Ketten einer Leidenschaft aneinander, die ungeheuer war, aber deren Gefühle sich aufs schroffste unterschieden.

In der Tat reiste George Good nach Warnemünde, aber ohne Paß, und erst nach Lady Grace. Pound, der erfuhr, daß Good hinter einer Frau nach der Ostsee fuhr, erlitt einen Wutanfall. Nach der Beschreibung war kein Zweifel, daß es sich um jenes Weib handelte, das er tagelang durch sein Scherenfernrohr an dem Glas seiner Stahlkabine gesehen hatte. Er brachte es mit seinem Hereinfall zusammen und schlug die Zähne aufeinander vor Ärger. Er zweifelte nicht daran, in dieser Frau Goods Helferin und Geliebte zu sehen und war bereit, ihnen einen furchtbaren Streich zu spielen. In diesem Fall vereinte der Zufall, auf den zu setzen ein Wahnsinn, den nicht zu bedenken ein noch größerer Unsinn ist, die zwei Männer und die Frau, welche zu folgen glaubte, aber die Gejagte war. Angekommen, erreichte sie es, das Zimmer des Mannes zu sehen, hinter dem sie herzusein vermutete.

Einer jener seltsamen kleinen Zufälle, die scheinbar Beweise sind, ließ sie ein halbgeräumtes Zimmer sehen. Da die Fähre ausgeblieben war, hatte der Mann das Stations-Flugzeug genommen und sie sah dieses am Horizont noch niedergehen. Sie verfolgte das Wasserflugzeug, das eine Panne hatte, mit einem Küstenmotorboot, einem abscheulichen plumpen Kahn, der sie halb tot puffte und erreichte es, als der Passagier von einem der Hochsee-Fischerboote aufgenommen wurde, die drei Masten haben und wie eine Arabergasse stinken. Dieser Herr aber, den sie an Reeling rufen ließ, hatte nicht nötig, ihr die Gründe seiner Eile anzugeben, denn sie hatte dieses Gesicht auch im Traum noch nicht gesehen.

So kam es, daß, als sie nach Rotterdam zurückfuhr, ihr Schlafwagen die Züge kreuzte, in denen zuerst Good, dann Pound an ihr vorüber nach der Ostsee sausten. Keiner Betonung bedarf es, daß beide ihr wieder folgten. Dabei erlitt Good eine Schlappe, weil Pound ihn dem Zoll denunziert hatte und ihn durch eine scharfe Kontrolle laufen ließ. Da man nichts fand, konnte er triumphieren, aber er mußte diese Visitation einer Macht zuschreiben, die ihn überwachte. Er machte hier seinen größten Fehler, denn er begann Pound zu hassen, auf dessen Geliebte er die Schuld seiner Kontrolliertheit schob, und verlor damit seine Sicherheit. Der Haß schob die beiden Spieler der Leidenschaft auf einer Ebene nah zusammen, auf der es kein Entweichen mehr gab. Als George Good am Bahnhof Muiderpoort in Amsterdam ankam, war er tief in das Netz eines Hasses geraten, der ihm nur einen Ausweg ließ, den verderblichsten. Er hatte sich mit dem Bild jener Frau, die er mit Pound dauernd zusammenbrachte, so heftig beschäftigt, daß ein Mensch von seiner Schönheit und Gewandtheit sich glühend in sie verlieben mußte. Er begehrte dieses Mädchen plötzlich mit einer Wildheit, die ihn unfähig machte, seine Klugheit anzuwenden.

Er wäre vernichtet worden durch diese Leidenschaft, wenn nicht Capt. Pound von einer anderen Leidenschaft ergriffen worden wäre, die so finster war, daß sie ihn fast erblinden ließ. Dieses Stelzbein, das noch nie geliebt hatte, war unfähig zu begreifen, daß eine Frau schließlich jeden Fehler bei Männern entschuldigt, die sie lieben. Das Leben dieses Seemanns, der ein unerschrockenes und daher kindliches Herz besaß, war auf jene Treue gestellt, die überhaupt nur auf Männer rechnet. Einen Treubruch hätte er nicht überlebt, und als eifrigster der Mitglieder des Mégroz-Clubs hätte er einen Abfall von seinen Gesetzen als ebenso toll und verabscheuungswert angesehen, wie er in einer besseren Zeit den Übergang zum Feind von einer Front zur anderen verdammt hätte.

Dieser Mann war aus dem Holz der Leute, die früher in ihre Fahne gewickelt ins Meer gesenkt wurden, welche von ihren Königen mißbraucht wurden und für die Verführer ihrer Frauen starben und die jene Dummheit der Treue besaßen, mit der die Thermopylenkämpfer starben und welche die bewundernswerteste Größe eines menschlichen Herzens ist. Für Charaktere seiner Art bedarf es Zeiten, die entweder selbst Größe besitzen oder zum mindesten nicht von jenem Geist verseucht sind, der eine Nation gescheit, aber charakterlos macht. Diese Treue und ein vortrefflich geschultes Hirn gehen nicht zusammen, weil die Erde sonst vollkommen genannt werden müßte, was sie nicht sein darf, da sie dann als glühende Gotteslästerung durch die Sphären jagen würde. Capt. Pound war überzeugt, daß George Good der Frau zuliebe, die dieser wiederum für des Capt. Geliebte hielt, das Gesetz des Clubs verrate und das machte ihn besinnungslos vor Rachgier. Auf diese Weise hatten die Gegner nichts voneinander voraus.

Ihre Leidenschaften hatten sich verschoben und damit verschärft, ja sie hatten sich zu einer Ungeheuerlichkeit entwickelt, die sie nicht mehr aufeinander jagen ließ, sondern sie zusammenpreßte auf den engsten Raum, der ihnen möglich war. Sie suchten gegenseitig ihre Gegenwart, die sie nicht mehr entbehren konnten. Das Rätsel der Kette schien für alle außer Lady Grace völlig in den Hintergrund getreten. Gewöhnlich ist jede Leidenschaft trügerisch, weil das unbekannte Gesetz, das sie beherrscht, jeden Augenblick den Sinn zu wechseln vermag. Über den Verbleib der Kette konnte es indessen nur einen Anhalt geben. Jener geheimnisvolle Unbekannte, der die Geschicke dieser Menschen zu leiten schien, war allein in der Lage, an den Färbungen seiner Uhr es abzulesen.

Lady Grace kam dem Zustand der Annäherung entgegen. Es war soweit, daß ein Zusammentreffen für alle am erfolgreichsten schien. Sie lockte die Tiere ins Haus, von denen sie hören mußte, daß sie es umschlichen. »Sir Davis,« sagte sie und richtete einen tiefblauen Blick auf ihn, daß er nervös zu zittern anfing, »Sie erinnern sich des Mannes, mit dem Sie in Lissabon auf dem Tajoball beim Kasino über mich plauderten. Gehen Sie in das Doelenhotel. Ist er da nicht, finden Sie ihn im Flora-Varieté. Sie werden ihn finden.«

Davis fühlte die Notwendigkeit unter diesem Blick wie unter denen einer Armee sich zu halten. »Ihre sechsundzwanzig Jahre verlangen, daß ich, ehe Sie ihn sehen, ihn zur Rechenschaft ziehe. Er hat Sie beleidigt, auch wenn er eine Maske trug.«

Grace lachte und Ritch lachte mit ihr. Die Vorstellung, daß Davis fechte, war weniger komisch als die Grenadierpose, die dieser knieschwache Lebemann angenommen hatte. Da er gutmütig war, lachte er mit ihnen.

»Auf,« sagte Grace dann, indem sie die Stirn wieder ohne Bewegung hielt, »gehen Sie und vergessen Sie Ihre Ehre. Nicht alle Leute haben darin ein so langes Gedächtnis wie Sie.« Im Amstelroom kamen sie nach dem Theater zum Speisen. Vollkommener als Davis hätte niemand diese Zusammenkunft arrangieren können. Sie war vollendet in ihrer Zufälligkeit und brillant durch die Liebenswürdigkeit, mit der man sich voneinander versteckte.

Als Good zum Tee bei Lady Grace erschien, wurde er durch einen offenbaren Zufall in ein falsches Appartement geführt, der Sessel, in dem er Platz genommen hatte, fiel nach hinten und schraubte ihn an Händen und Füßen fest. Offenbar wurde er hinterher betäubt und untersucht. Als er zu sich kam, blickte er in das Gesicht von Ritch, das ohne Ausdruck war. Er befand sich in einem anderen Zimmer. Kurz darauf erschien Grace. Er konnte sein Mißtrauen kaum hinter seiner Gewandtheit verbergen. Die Stirn dieser Frau war ohne Trübung. Sie war von einer Höflichkeit und einer Würde, die ihn bezauberten, je stärker er hinter ihnen die Einfalt eines ausgezeichneten Herzens entdeckte. Diese keusche Frau, deren Formen unnahbar waren, hätte keinen Gedanken fassen können, der nicht vollkommen war.

Als er ihre Hand zum Abschied faßte, verlor er zum erstenmal die Besinnung. Er stürzte auf seinen Stuhl zurück. Ein unerhörtes Zittern überfiel ihn, bis er die Augen fest gegen die von Grace richtete, die so hell waren wie der Himmel. Dieser aufs wildeste erschütterte Mann hatte ihre Hand am Druck erkannt. Es gibt keine narkotische Betäubung, hinter der nicht die Leidenschaft des Mannes heraus Wege in das Leben findet. Die Hände, die ihn narkotisiert hatten, waren von einer Süßigkeit und Unerbittlichkeit, daß sie ihn besinnungslos machten, als er sie im Leben umfaßte. Dieser Spieler war zum zweitenmal besinnungslos, aber von einer Wollust, die ihn bis zur Raserei durchstürmte. Es wäre ihm früher unmöglich gewesen, eine Frau sich vorzustellen, die einen Engel Philippo Lippis mit der Gestalt der Judith vereinigte. Von diesem Augenblick an war er ihr ebenso verfallen, wie sie ihn verachtete.

Die Unerbitterlichkeit dieses Mädchens für ihren Spleen war viel härter als die der Männer. In den folgenden Wochen, die den Inhalt eines Detektivjournals füllen könnten und von beispielloser Grausamkeit der Ideengänge erfüllt waren, aber langweilen würden, weil sie die Charaktere nicht deutlicher, aber ihre Taktik auch nicht klarer machen könnten, ließ sie ein Instrument bauen, das beweist, daß das Mädchen wahnsinnig oder vollkommen verändert war. Sie ließ es in ein Landhaus bringen, das Davis gemietet hatte, und welches ein großer Garten umschloß. Es lag weit genug ab von einer Straße, um isoliert zu sein, ohne aus den Parkavenuen herauszufallen. Die Räume, die Capt. Pound und Good bewohnten, hatte sie mittlerweile verschiedentlich untersuchen lassen. Sie hatte eine kleine Armee von Verbrechern im Dienst, die teilweise für sie rekognoszierten oder sie schützten. Es war fast ein Sport, bei sich einbrechen zu lassen, um den anderen eine Falle zu stellen.