Die Engel mit dem Spleen

Part 4

Chapter 43,614 wordsPublic domain

Diese Uhr trug übrigens an der Seite ein Verzeichnis aller Namen des Clubs, hinter denen in einem breiten Feld ebenfalls kleine Glasgitter von verschiedenen Farben glühten. Dieses Verzeichnis konnte mit Auszeichnungen im Team gedeutet werden, es betraf aber die Frage, ob diese Leute sich im Spiel mit den Gesetzen berühmt gemacht hatten, ob sie unterlegen waren oder ob sie wegen Verräterei aus der Welt geschafft werden mußten. Das gelbe Licht war Verrat, das rote Verdacht, das weiße bezeichnete besonderen Ruhm, das grüne war der Durchschnitt, das schwarze das Todeszeichen. Dieses Register war für den, der es studierte, von den Schauern des Furchtbaren umweht, ein erschreckendes Thermometer jener Leidenschaften, die sich unterwarfen, um sich auszutoben. Bei besonderen Anlässen war dieses Register verhüllt.

Hinter den Namen Good und Capt. Pound glänzten die Scheiben grün, das Signal, daß, nachdem die Auszeichnung auf sie gefallen war, ihre Tätigkeit begann, die nunmehr neutral beurteilt ward. Jede Leistung begann auf diese Weise, aber keiner vermochte zu sagen, mit welcher dieser erschreckenden Farben sie aufhörte, weil noch verfehmter als das Mißlingen jene Untreue gerächt ward, die das Ziel aufgab oder dem Sinn des Auftrags sich entgegenstellte. Diese letzte Frage war diejenige, welche den Bann tödlich machte, der die Männer vereinte, weil sie mit letzter Raffiniertheit das Schicksal herausforderte, jenes Schicksal, das mit Vorliebe in menschliche Handlungen eingreift und sowohl ihre Kurve als auch ihren Sinn ins Gegenteil verkehrt.

Man muß gestehen, daß diese Vorkehrungen mit höllischer Genauigkeit getroffen waren. Nachdem die beiden Namen bekannt waren, gingen die Männer auf verschiedenen Ausgängen auseinander. Beim Curling hätte jeder sich eher die Zunge abgebissen, als daß er ein Wort über diese Dinge von sich gegeben hätte. Es versteht sich, daß das Geheimnisvolle halb gewesen wäre, wenn man es mit einer Silbe erwähnt hätte. Die Sitte des Verschweigens gestattet, das Ungeheuerlichste zu erleben. Es gibt keine Verschwörung, wenn man ihr die grauenhafte Größe nimmt, indem man davon spricht.

Am folgenden und den drei nächsten Tagen wurden an allen Börsen eine Masse Aktien der Nord W. L. Schiffahrtsgesellschaft gekauft. Der Agent, der das Paket erworben hatte, gab den telephonischen Auftrag zum Kauf von zwei Fabriken, in der einen wurden gewisse Sorten Edelstahl gewalzt, in der anderen wurden die Platten zu verschiedenen Zwecken zusammengesetzt. Am folgenden Tage erhielten die beiden Unterleiter des Direktoriums der Schiffahrtsgesellschaft einen seltsamen Besuch. Besuche verrückter Art sind in Amerika häufig, man schützt sich davor, indem man Leute in die Besuchszimmer der Direktoren setzt, die nicht die Direktoren sind, sie aber scheinen und in Haltung und Überlegenheit nachahmen, um die Besucher auszuforschen. Diese Täuschung ist eine der geringsten, welche die Handelswelt seit der Erfindung der alles zertrümmernden Trusts gegen die Menschheit vornimmt. Sie hat den Vorteil, daß von den großen Betrügern die kleinen entlarvt und die Narren beseitigt werden.

»Halloooo meine Herren,« sagte Capt. Pound, der ein Stelzbein hatte, »ich besitze dieses Paket Aktien. Die Nummern finden Sie hier eingetragen. Hier ist die Bescheinigung des Notars. Die Mäntel liegen bei Hallgarten. Telephonieren Sie.« Die Klerks blieben rührungslos, sie schienen aus Wachs, wie man es in Läden für Konfektion sieht. »Und was,« sagte einer, aber es war nicht zu erkennen, welcher, »hat dieses Ihr Eigentum mit Ihren Wünschen zu tun?«

Sie sahen gar nicht auf die Papiere, die Pound auf den Tisch geworfen hatte. »Dies,« sagte Capt. Pound, ohne im geringsten auf die beiden zu achten, »sind Beurkundungen, daß ich Besitzer der Rollway-Fabriken bin. Hier ist der Kaufvertrag. Hier die beeidigte Beglaubigung. Hier die letzte Bilanzabschrift des Unternehmens.« Und er warf sie auf den Tisch. »Und,« sagte einer der beiden Wachsmänner, die vermuteten, er wolle seinem Geschrei nach das Personal aus dem Hause treiben, »welchen Zusammenhang sehen Sie zwischen den beiden abgegebenen Erklärungen?« »Darüber,« sagte Capt. Pound, »werde ich mit dem sprechen, der am Ende dieses Gegenstandes sitzt,« und er schlug mit dem Stock auf einen großen Kautschukbecher, der die Gespräche aufnahm, und wandte sich einer dichtwattierten Tür zu, die sich von selbst vor diesem unerschrockenen Besucher öffnete.

Den Tag darauf begannen Arbeiter der Rollway-Fabriken den Einbau einer unerhört gesicherten Stahlkabine in den Dampfer »Leviathan«. Ein Mann mit Stelzbein kontrollierte. Die Arbeit mußte in fünf Tagen beendet sein, sie war es nach viereinhalb, weil Pounds Anwesenheit zauberhaft wirkte, er verstand mehr von dem Geschäft als seine Ingenieure. Außerdem ließ er nachts arbeiten. Der geheimnisvolle Mann ließ die Arbeiter dauernd wechseln und übertrug jedem nur einen geringen Teil der Beschäftigung, auf diese Weise übersahen sie in der Tat in keiner Weise, was sie arbeiteten.

Dieser Mann, der sie beaufsichtigte, machte auf alle den fürchterlichsten Eindruck. Dieser Capt. hatte in einem Krieg, den einige Jahre vorher seine Nation mit Spanien geführt hatte, sein Bein verloren. Obwohl niemand heute die Tatsache für möglich halten wird, daß eine edelmütige Nation wie die amerikanische mit dem friedlichsten Volk der Welt in kriegerische Verwicklungen kommen konnte, da man vergißt, daß die kubanischen Erze die Wirtschaftskapitäne beider Länder wie die Irrsinnigen lockte, trotzdem schoß eine der damals noch kindlich primitiven Kugeln eines kleinkalibrigen Geschützes ihm in das Knie, fetzte den unteren Teil ab und Capt. Pound sah sein Bein ins Wasser fallen. Einer seiner Leute holte es wieder heraus. Er ließ es präparieren und führte es zu jeder Zeit mit sich. Man hätte diesen eleganten Mann für einen Professionel im Boxen gehalten, er war Ende der Dreißig, hatte das Gesicht eines quadratischen Orang und eine furchtbare Stimme.

Was jetzt geschah, ist aufs äußerste geheimnisvoll. Das Schiff fuhr nach Beendigung der Arbeiten ab, durchfuhr eine Reihe von Tagen das Meer und kreuzte einen Tag an einem Teil der chinesischen Küste. Die Nacht erhielt es Signale und einen Lotsen und botete die meisten Leute aus. Die Europäer und Amerikaner standen neugierig auf dem Verdeck und betrachteten in der Morgendämmerung eine grauenhafte Szene. Sie sahen einen Kilometer lang eine Treppe gegen das Meer herunterkommen, die sich oben in einer Wolke verlor. Sie schien aus dem Himmel förmlich herabzufallen, was noch geheimnisvoller dadurch war, daß die Sonne vom Meer her das ganze Bild grell beleuchtete.

Zuerst rannten einige Tiere, die man als Kamele erkannte, auf den Stufen herunter. Es waren vier Tiere, von denen zwei stürzten und mit zertrümmerten Knochen von Stufe zu Stufe herabglitten. Dann kamen Stelzenläufer. Die paar Mann an Bord rissen die Augen auf und lachten über die possierlichen Sprünge. Hinter ihnen her kam ein Trupp, der die Treppenknäufe besetzte. Ihnen auf dem Fuß folgte eine Kompagnie mit Fahnen an sehr hohen Stangen. Hinter diesem Trupp, der übrigens von einer herabrennenden Schar Musikleute begleitet war, kam ein Kamel, das sehr langsam geführt wurde und ein Zelt auf dem Rücken trug. Die Leute, welche Ferngläser besaßen, konnten dann Falkenträger mit ihren Tieren erkennen, zwei bronzene Löwen, die getragen wurden, Fächerträger und einige Leute, die sehr breite, kurze Banner hielten. Es schien sich eine große Zeremonie zu entfalten, aber man vermochte nicht zu erkennen, wozu.

Es folgte offenbar in einem Wall von Speerträgern ein rotausgeschlagener kleiner, fast ovaler Sarg, dahinter ein Heer von Papageien und Reihern, die fürchterlich schrien. Dahinter liefen Leute die Treppe herunter, die mit Bällen jonglierten, unter ihnen bewegten sich andere, die Goldfischgläser mit eiserner Ruhe trugen, davor ein majestätischer gelber Sonnenschirm, unter dem sich niemand befand, zuletzt eine ebenfalls leere Sänfte. Die Treppe führte direkt ins Meer, verbreiterte sich aber bei der Mündung in eine riesenhaft mit breiten Stufen herabkommende Terrasse.

An diesem untersten Teil der Stufe hielt eine Motorbarkasse des »Leviathan«. Nun traten, während sichtlich verhandelt wurde, ein Teil der angeschwollenen Menge, die sich vermischt hatte, zurück, und endlich wurde der kleine Sarg mit einem Dutzend Begleiter in die Barkasse übernommen, die sofort abfuhr. In diesem Augenblick fingen sämtliche Menschen, die die Treppe hinuntergezogen waren, an sie in einer entsetzlichen Flucht hinaufzurennen und man hörte in der Ferne ein Signal von Hörnern, die abwechselnd weich und lang und dazwischen scharf geblasen wurden. Dieser Vorgang war ungewöhnlich, in seiner Eile verwirrend, das Schreckliche daran bestand in der Atmosphäre der Unheimlichkeit, die er ohne Grund hinterließ.

Diese wurde aufs Furchtbarste erhöht. Es waren drei Personen übrig geblieben, die nun etwa zwanzig Stufen herabstiegen, bis sie links und rechts auf die Brüstung kamen, die schon über dem Wasser hing. An dieser Stelle erschossen sie sich und stürzten in das Meer. Der letzte trat bis an die unterste Stufe, setzte sich und schnitt sich den Leib auf. Er schnitt, nachdem er die Kleider bei Seite geschoben hatte, eine lange langsame Linie, die Eingeweide fielen ins Meer, er stürzte zurück und blieb liegen. »By Jove,« sagte ein Mann am Reeling »er hat keinen Jonny Rumford, der sie ihm herausholt wie das Bein von Capt. Pound«. Der Matrose drehte sich um und bemerkte, daß Capt. Pound nicht anwesend war. Auf diesen Mann konnte sich Capt. Pound wie auf das Sakrament verlassen, er hatte jedoch, obwohl er in Kuba neben ihm gefochten hatte, vermieden, ihn von seiner Abwesenheit zu benachrichtigen. In diesen Augenblicken, die zwischen Grauen und Verständnislosigkeit schwanken, ist der Anblick eines verdutzten Gesichts eine wundervolle Rettung für den Verstand. Die Matrosen lachten, sie wieherten vor Vergnügen. Im selben Augenblick legte die Barkasse an.

Durch ein Signal wurde das Deck geleert. Die Leute, die heraufgestiegen, erblickte kein Auge. Sie nahmen Besitz von einem Teil des Schiffs, der nicht zugänglich war.

Das Geheimnis dieser Vorgänge ist völlig banal. Man wird es heute weniger verstehen, daß es Aufsehen machte als morgen und die Bedeutung, die man ihm beilegte, damit verstehen, daß in diesen Jahren der Untergang eines Eisbergs durch ein Schiff, das mit ihm zusammenstieß, die wahrscheinliche Ermordung einer Mutter durch die rothaarige Frau Steinheil in Paris oder die Flucht einer sächsischen Prinzessin mit einem italienischen Walzerkomponisten sensationelle Geschehnisse waren, die den Atem der Gesellschaft für Monate gepreßt hielten. Das Geheimnis, das nach Jahren noch nicht gelöst ward, hätten zwei Menschen leicht entschleiern können.

Der erste war natürlich Capt. Pound, der am Abend an Land gegangen, die Verhandlungen mit den Leuten über jener Treppe geführt hatte und sich daraufhin verabschiedet und mit einem Auto nach der nächsten Station hatte bringen lassen. Man war der Ansicht, daß er nach Peking fahren wolle. Der hühnenhafte Stelzfuß war drei Stunden am Strand zurückgelaufen und in der Nähe der Treppe trotz seinem Holzzusatz am rechten Bein nach dem Schiff zurückgeschwommen. Er hatte ungesehen seine Kajüte erreicht.

Hier nahm er ein Musterwerk der Mechanik vor, indem er eine Wand über seinem Bett öffnete, in einen Korridor geriet, von diesem in eine Stahlkabine, die allerdings nicht hoch genug war, um darin stehen zu können, dafür ein Ruhebett besaß, das sie in fünfundvierzig Grad diagonal durchschnitt. Der übrige Raum dieser Kabine war aufs verständigste ausgenutzt, um Lebensmittel, Wasser und Zigaretten unterzubringen. Der Mann hatte die Klappen hinter sich geschlossen, untersuchte die Nietungen, brummte, untersuchte die Nietungen an der anderen Seite der Kabine und nahm befriedigt Platz: »Diese Fabrik,« sagte er, »fertigt die anständigste Präzisionsarbeit der Welt. Es lohnt sich, eine Zeitlang schräg zur Erde sich aufzuhalten. Im übrigen werde ich sie behalten, denn sie scheint ausbaubar zu sein.«

Dann erst sah er in einen Apparat, der einem Stereoskop glich. Es war der Beginn eines Scherenfernrohrs. Er vermochte durch zwei winzige Löcher, die der Ventilation dienten, von der Decke der Kabine, die er hatte einbauen lassen, diesen ganzen Raum zu übersehen. Er befand sich durch fünfzig Zentimeter besten Stahl getrennt neben dieser Kabine.

Diese wurde am Morgen geöffnet, einige Leute betraten sie und untersuchten zwei Stunden lang. Sie benutzten dazu nicht nur Instrumente, sondern auch die Zunge, um geheime Ritzen zu erkennen. Capt. Pound, der offenbar wie auf die Auferstehung auf die Zuverlässigkeit der Mechanik vertraute, konnte es nicht unterlassen, während dieser Zeit Zigaretten zu rauchen. Der tollkühne Bursche hatte die Frechheit der Abenteurer, die jeden Einsatz auf der höchsten Quote spielen, ähnlich den Seiltänzern eines verschwundenen Jahrhunderts, die lieber zwischen Kirchtürmen, als in mittlerer Höhe und mit einem Netz geschützt laufen. Es gibt eine Berufsehre, die den Militärs mit den Verbrechern gemeinsam ist und die beide veranlaßt, mit der möglichsten Kühnheit zu leben.

Als die Untersuchungen abgeschlossen waren, wurde mitten in dem Raum, der vorher mit Blendlaternen übertaghell erleuchtet war, der Sarg, offen, aufgestellt, worauf der Raum in einem leichten grünen Licht schwamm. Daraufhin wurde die große Stahltür geschlossen und man konnte eine Scheibe aus meterdickem Glas darin beobachten, die trotzdem durchsichtig genug war, den Raum zu kontrollieren. Die Leute, die diesen Transport zu erledigen hatten, hatten scheinbar die Tür plombiert und mit Wachen umzingelt, denn das Schiff begann sich zu bewegen.

»Capt. Pound,« sagte der Matrose Jonny Rumford, »ist nicht zurückgekehrt. Er wird seine Gründe haben. Wir sind nicht allein. Sein Bein ist da.« Er ahnte nicht, daß Pound seine Ruhe, die er vor Kuba behalten hatte, als er ihm sein Bein überreichte, verloren hatte. Capt. Pound hatte damals, obwohl er vor Schmerz weiß geworden war, gesagt: »Das nächstemal deines, Junge, ich werde es dir bringen.« Capt. Pound starrte wie ein aufgeregter Verrückter in das Fernrohr. In dem offenen kleinen Sarg lag jene schauerliche Sache, die diesen Mann in seinem kleinen Käfig fast ersticken ließ, und deren Anziehungskraft stark genug war, ein junges Mädchen aus einem völlig vortrefflichen Dasein in das Verbrechen hineinzujagen, dem sie ebenso überlegen war wie den Tugenden.

Der zweite Mann, der das Geheimnis kannte, aber gelächelt hätte, wenn dieses Wort an sein Ohr gedrungen wäre, bedarf einer Minute Pause, um ihn einzuführen, weil die Literatur seinen Namen mit jenem Pomp behängt hat, den armselige Skribenten anwenden, wenn ihnen ein Begriff die Mühe ersetzen soll, einen Menschen darzustellen, dessen Schilderung sie nicht gewachsen sind. Eine gute Literatur tut gut daran, einen Menschen so zu bringen, daß man seine Stellung nicht kennt, denn die unbegabten Schriftsteller haben um gewisse Sachen einen Lärm gemacht, daß die Leser unter dem Namen schon Vorstellungen empfangen, die die erlesenste Schilderung nicht mehr beseitigen kann. Diese schlechten Zauberkünstler haben es fertig gebracht, daß ein Feldherr etwas Vollendetes erscheint und unmöglich pucklig und feig geglaubt wird, daß ein Flieger schlank und kühl sich vorgestellt wird, während das in der Regel neurasthenische Affen sind, daß man eine französische Frau kokett und eine englische langweilig findet, während die einen nur natürlich, die anderen höchst amüsant sind. Diese Schriftsteller haben es in hunderten von Fällen fertig gebracht, daß man sich entschuldigen muß, eine Illusion zu zerstören, die im Grunde nichts wie eine Bequemlichkeit unfähiger Leute war.

Die Kunst des Schreibens besteht in vielem darin, daß, wenn etwa von einer Wendeltreppe die Rede ist, der Leser nicht begeistert mit dem Zeigefinger eine Spirale in die Luft haut, sondern sprachlos vernimmt und glaubt, daß sie viereckig ist. In der Tat ist schon bei den Ägyptern eine Wendeltreppe stets ein im Grunde quadratischer Aufbau gewesen, und die Römer sind ihnen darin ebenso gefolgt wie die Früh-Germanen und Juden.

Diese Person ohne Zweifel, die der Anlaß einer immer schneller dem Ende sich nähernden Geschichte ist, ist von berückender Schlichtheit. Sie hatte das Unglück, eine Kette, die nicht den geringsten Wert besitzt, da sie keiner der bekannten Edel- oder Halbedelstein-Arten zugehört, zu zerreißen. Diese Person hatte Gründe, die nicht verheimlicht werden sollten, diese Kette in Europa reparieren zu lassen.

Diese Zusammenhänge sind von kläglicher Einfältigkeit. Würde ich Sie fragen, wie Sie sich den chinesischen Kaiser vorstellten, würden Sie ihn dick und würdevoll, offenbar mit der Unbequemlichkeit einer Krone, eines Szepters und eines Baldachins vorstellen und damit eine beklagenswerte Dummheit der Zivilisation vollziehen. Das in der Tat Wunderbare ereignet sich allerdings sekündlich in aller Öffentlichkeit dieses mechanisierten Zeitalters, ohne beachtet zu werden. Man hat sich jedoch, wahrscheinlich als Entschuldigung für soviel Blindheit einige phantastische Vorstellungen aufgebahrt, an denen nicht gerüttelt wird. Man begeht in fröhlicher Laune die Vergewaltigung, Menschen und Vorgänge, die unter den wirtschaftlichen Gesetzen der modernen Zeit stehen wie wir auch, zu geheimnisvollen, fast göttlicher Einwirkung fähigen Sachen zurechtzudenken.

Diese Kritik an der Zeit wäre im Munde eines Räsoneurs in der Tat voll großer Möglichkeiten. Diese Geschichte ist nicht im Stile Diderots geschrieben, sondern in einem verbrecherisch stoßenden Wagen erzählt und handelt von Halunken, deren Tempo und Technik auch die Erzählung anzunehmen hat. Dieser junge, elegante Mann also, dessen Stirn ein großes Nachdenken gefaltet, eine noch tiefere Weisheit aber wieder geglättet hat, der in dieser Nacht im Auto ankam und am Morgen auf dem Meer den »Leviathan,« auf der anderen Seite des Hügels einen Garten mit Springbrunnen, kleinen Kindern und Pelikanen beobachtete, wäre ohne Zweifel zusammengestürzt unter der Welle von Reflexionen, zu denen selbst Schiller und Moliere ihren Teil gegeben haben, wenn er unter jenem Titel vorgeführt worden wäre, dessen Machtvorstellungen ihn einfach zertrümmert hätten.

Dieser junge Mann, den jene Wolke nebst seinem Haus den Blicken Jonny Rumfords und seiner Kameraden entzog, war in der peinlichen Lage, vor einer der Legenden zu fliehen, die die Stütze eines Staates und der Dynastie, aber den Beteiligten ein Stachelbett der Unbequemlichkeiten sind. Er versuchte sich eines Wunders zu entledigen, dessen Tatsache die Leute so verrückt zu machen schien, daß sie es in der Tat erlebten. Jene zerrissene Kette, die unter Pounds Kontrolle auf dem Meer schwamm, sollte eine Kraft haben, die einer vertausendfachten Leidenschaft glich, das heißt, wer sie sah, ward von der Begierde angefallen, sie zu besitzen.

Diese Albernheit, die einer Anzahl Menschen, welche die Tradition lieben, zum Verhängnis und Tod gedieh, veranlaßte den klügeren Besitzer, sie aus dem Lande zu bringen, bis er den Gerüchten der Masse das Gerücht entgegensetzen konnte, sie sei in der Tat wieder vollendet zurückgekehrt. Man mußte sich einer Legende bedienen um eine Legende zu parieren ebenso, wie Achilleus sich in ein Löwenfell wickeln ließ, um einen Löwen zu erwürgen. Es ist bezeichnend für die Dummheit der Menschen, daß selbst Leute von der überlegenen Klugheit Europas, die dieses Metier der gutwilligen Fälschung in Kriegen und Revolutionen brillant verstanden, auf den Leim eines Wunders gingen, von dem der Urheber sich halb ärgerlich gerade befreit, der Urheber, den man als Kaiser vorzustellen freilich ohne diese Vorbereitung nicht den Mut besitzen konnte. In diesem Sinne waren selbst jene Menschen, die ihr Leben einsetzten um dieser banalen Sache willen, vollkommen Betrogene, aber es ist zu ihrer Erläuterung zu sagen, daß die Ziele eines Herzens in dieser Welt nicht wichtig sind, die Erlebnisse des Herzens aber ungeheuer gewogen werden.

Bald darauf, vor Genua, kam Lady Grace an Bord. Das Telegramm des Foreign Office hätte ihr die gepflegteste Aufmerksamkeit gesichert, wenn man sie ihr nicht von selbst gewidmet hätte. »Gehen Sie,« sagte sie, als sie das Schiff betrat, zu Sir Davis, der ihren schwarzen Shawl auf dem Arm hatte »und erzählen Sie mir beim Lunch, was Sie mir bieten wollen auf diesem Floß, auf das Sie mich geschleppt haben.«

»Sie ist sechsundzwanzig,« sagte Sir Davis zu dem Kapitän, der von ihrem Lächeln nicht rasch genug entzückt war, »aber sie besitzt die Linie von achtzehn und den Verstand von fünfunddreißig, wo er gerade groß genug ist, auch vom Genuß noch ein paar Jahre etwas zu haben.«

»Wir,« sagte der Kapitän, der jenen amerikanischen Typ Männlichkeit verkörperte, der halb weibisch, halb mulattisch wirkt, und steckte die Hände in die Manschetten, »wir, die zehn Monate des Jahres unter Männern und auf dem Wasser sind, haben, wie mir scheint, die gleichen Ideen wie die Herren vom Land.«

Er salutierte und dachte dabei an Ritch. Er fand Grace zu mager. Mit der Geschicklichkeit der Leute, die das für sie Unerreichbare aus ihrem Geschmack ausschalten, hatte er infolge ihrer runden Formen die Javanerin, die ein hübsches Tuch als Turban trug, bereits in sein Herz geschlossen. Sir Davis konnte Grace von dem Geheimnis erzählen, über welches das Schiff munkelte. Ritch erhielt gewisse Befehle. Der Kapitän widerstand der Neugier einer so hochstehenden Dame. Der chinesische Sekretär vermochte in der Angehörigen eines der höchsten englischen Beamten keine Feindin seiner Aufgabe zu sehen. Auf diese Weise erblickte Lady Grace die Kette durch das Glas.

Capt. Pound kam in die Lage, durch sein Scherenfernrohr zum erstenmal eine beispiellos schöne Frau zu sehen, die die Kette besichtigte. Er sah dieses Gesicht öfters und es prägte sich ihm ein. Pound empfand einen Haß gegen dieses Gesicht, das sich mit seinen meerblauen Augen an die Kette festsaugte und von dem er bemerkte, daß es zitterte. Es bebte nicht mit den Nerven oder mit den Augen, es zitterte mit der ganzen Gewalt einer Gefangenheit, die hinter einem kühlen Gesicht sich bäumt. »Ich gehe meine Bären füttern,« sagte sie im Scherz, wenn sie hinunterschlüpfte. In der Tat, sie hatte etwas von der Leidenschaft der Dompteusen, die ihre Macht über die Tiere genießen und dabei selbst etwas von der Grazie und der Gefährlichkeit ihrer Tiere angenommen haben.

Sie hatte die blitzhafte Kraft in der Wirkung ihrer Erscheinung beibehalten, aber es war ein wenig von der geheimnisvollen Gefahr der Steine auf ihr Gesicht getreten. Ihre Anmut schien voll tödlicher Schrecken, ihre Gefahr aber war ihre Anmut. Lachend verwöhnte sie die Wärter mit Früchten und Zigaretten. Die kleinen Chinesen aßen ihr aus der Hand wie einem Wärter die Katzen. Vor Marseille gab sie ihnen Opiumzigaretten, sie wirkten nicht und sie mußte das Experiment vertagen. Inzwischen hatte Ritch eingesehen, daß der Kapitän gewisse Eigenschaften, die ihn auszeichnen müßten, ebensowenig besaß als Schlüssel.

»Dieses Glas,« sagte Sir Davis eines Tages vor der Stahlkabine, »muß eine luftleere Füllung besitzen, sonst wäre das Gestein nicht zu sehen.« »Zehn Jahre auf dem Ozean,« sagte der Kapitän, »und es interessiert Sie nichts mehr als eine Frau.« »Aber,« sagte Sir Davis, »deshalb vermag doch ein gewisses Quantum Luftleere zwischen dem Glas sich zu befinden«. »Möglich,« erwiderte der Kapitän und nahm eine Pfeife in den Mund und pfiff, »ich kümmre mich nicht darum.« Diese Hoffnung ging für Grace verloren. Ritch verschaffte ihr aus dem Zimmer des Sekretärs den Schlüssel, nachdem sie ihn narkotisiert hatte. Man war vor Lissabon, die Wärter hatten ein Mittel im Bauch, das sie wie Klötze liegen ließ. Der Dampfer hatte schon angelegt und sollte am nächsten Tag nach Rotterdam fahren.