Die Engel mit dem Spleen

Part 3

Chapter 33,600 wordsPublic domain

Nach einer halben Stunde fanden wir unseren Wagen. Zwei Stunden später erreichten wir die Station. Hatte ich unrecht, daß ich ihr, als wir mit einer gewissen Heiterkeit die letzten Wagenstunden machten, eine Geschichte nicht vorenthielt, die ihr Herz stärken konnte? Da sie aus dem Leben stammte und mit ihren bekannten Figuren aus der Wahrheit wie aus einem Bilderbogen geschnitten war, hatte sie mehr Überzeugungskraft als die Literatur, die nur beweist, aber nicht atmet.

Ich wagte kaum zu zittern, als wir uns der Station näherten, ich war besinnungslos von einer Leidenschaft, die ich nicht zeigen durfte, und ich war genötigt, ihren Befehl zu respektieren, der mich zurückstieß. »Zeichnen Sie diese Geschichte auf,« sagte sie mit einem so verheißungsvollen Lächeln, daß mir die Tränen kamen, »und senden Sie es mir morgen nach als einen Beweis, der mich stärken wird.« Sie hatte eine wundervolle Zartheit im Klang, daß ich fürchtete, ich würde sie nicht wiedersehen. An der Grenze empfingen uns Soldaten. Plötzlich sahen wir uns an, von Fackelschein übergossen.

Dieses Gesicht, das lange nicht geweint hatte und auf dem Spuren unzähliger Schmerzen wie ein Verhängnis schwebten, trug die Spuren von Tränen. Ich reichte ihr die Hand, um auszusteigen, und bemerkte an dem Druck ihrer Hand, daß es Tränen der Freude, ja der Erlösung waren. In diesem Augenblick trat ihre ganze Seele, die noch nie gelebt hatte, auf ihr Gesicht, und ich wurde eines so himmlischen Glanzes ansichtig, daß mich die Besinnung verließ.

»Ich danke Ihnen mit aller Herzlichkeit, die soviel Unglück übrig gelassen hat,« flüsterte die Unbekannte mit hinreißender Anmut und gab mir eine Adresse, unter der ich ihr schreiben konnte. Sie empfing mit dem Nicken einer Vertrautheit, die nicht mehr menschlich war, mein Portefeuille.

Man fand mich auf dem Platz hingestreckt wie einen Toten. In der Nacht schrieb ich die Geschichte eines Frevels auf, dem ein Glück, das der Sühne, abzugewinnen ich meine Natur in unerhörter Weise zwang. Denn um das Glück der Sühne zu ertragen, bedarf es eines kalten Herzens. Das Kind mußte leben, oder sie starb. Ich blieb nach diesem Wettlauf mit der Wahrheit, der mein Innerstes zerriß, drei Tage besinnungslos in meinem Zimmer liegen. Ich war gezwungen, mich zur Herstellung meiner Natur ins Gebirge zu begeben, da mein Körper gewohnt war, alles zu ertragen, die härtesten Strapazen und die irrsinnigsten Enttäuschungen, aber nicht den Kampf gegen die Gesetze der Seele, die ihn regieren.

Es gibt vielleicht eine einzige Möglichkeit, ihn diesen Streit ertragen zu lernen, das ist, ihn zum Siege zu führen. Man hatte mir versichert, daß am Abend ein Zug gehe, der ihr als ein Herold meinen Brief senden sollte, der eigentlich mein Schicksal war, auf dessen Echo ich wie ein Verrückter warten mußte. Ich verbrachte diesen Tag mit einer so unheimlichen Getrenntheit meines Wesens, daß ich mit den Kerzen plötzlich vor den Spiegel sprang.

Ich reiste an diesem Tag in dem furchtbaren Hotelzimmer, während ich gleichzeitig Bogen auf Bogen hinter verschlossenen Läden füllte, an der Erinnerung der Nacht jede Minute zurück und badete mich, füllte meine Seele mit jeder Bewegung und jeder Silbe, welche die Unbekannte von sich gegeben. Gleichzeitig wußte ich, daß bei jedem Buchstaben, den ich für sie schrieb, sie der Ungewißheit entgegenfuhr, ob dieses Kind sie verflucht hatte, ehe es starb, oder ob es mit einem Lächeln sie ansehen würde, das der Anfang eines unfaßbaren Glückes war. Die Frist war kurz, in der dieses bewundernswerte Herz lieben durfte, und ich hätte nicht Gott sein mögen, in dessen Hand es lag, und der es vielleicht zertrümmern mußte.

Man wird mich nach der Geschichte, die ich aufzeichnete, fragen, ich verheimliche sie nicht. Sie besitzt jene Kostbarkeit, die Erlebnisse erst adelt, wenn sie ein Herz enthüllt oder getröstet haben. Man darf der Literatur nur dann jene Liebe, die sie zu Beweiszwecken benutzt, zuwenden, wenn die Literatur jenes geheimnisvolle Herz besitzt, das mit den wahren Leidenschaften der Menschen gefüllt ist. Dieses Herz kann sich plötzlich öffnen, und die Menschen sind in der phantastischen Stunde dieses Zufalls in der Lage, darin ihre Seele zu sehen. Eine vortreffliche Literatur wird ihre Bewunderer durch dieses Mysterium unbeschreiblich entzücken, eine erbärmliche wird sich in den Sekunden, wo man ihrer bedarf, als das akademische Geplapper entlarven, das nur sich selber liebt. Das Herz des Menschen ist der Ort, wo die Gegenstände, die Ereignisse und die Sitten der Welt gemessen werden und ihren Rang erhalten. Ausgezeichnet wird lediglich, was die Größe hat, dem Herzen gleich zu sein oder den Ehrgeiz besitzt, es zu übertreffen.

Es gibt in der Literatur einen Opfermut und eine Kühnheit von Gefühlen, die weit über das hinaus wollen, was menschlichem Ertragen und menschlicher Spannkraft möglich ist. Diese Literatur ist ohne Zweifel die höchste in den verschiedenen Klassen des Schrifttums, in dem der Zynismus die niedrigste, die Weisheit die erhabendste ist. Es ist unmöglich für ein gleichzeitig kluges wie feuriges Temperament, eine Literatur anzuerkennen, die ihr Wesen nur durch sich selbst erhält und wie Narziß sich von den Menschen und ihren Beispielen fernhält. Die Dichtkunst, meint Balzac, sei die Einleitung zum Staatsmann. Napoleon, Julius Cäsar, der große Friedrich, der erste Franz von Frankreich, Machiavell, ja selbst Goethe, Richelieu, der Kardinal Retz, Disraeli, Bulwer und Constant haben dieser These recht gegeben, indem sie ihren Geist, der das Schöne zu formen wußte, derart disziplinierten, daß er das Gebäude des Staates unter den letzten Gesetzmäßigkeiten der Vernunft, der Gerechtigkeit und der Harmonie erblickte.

Der Staat ist aber jene wundervolle Handschrift der Vorsehung, welche die Leidenschaften der Menschen auf den Rücken der Ewigkeit gezeichnet hat und in dem alle Linien des menschlichen Herzens enthalten sind. Wer diesen Kreis, den das Gebet eines unschuldigen Mädchens bis zur Grenzenlosigkeit der himmlischen Satzungen durchläuft, verläßt, begeht einen Frevel, den nur ein Opferwille sühnen kann, welcher stärker ist als die Natur. Wer kann die Erde aufhalten? Wer vermag die Sonne zu verdunkeln? Zur Sühne ist dem menschlichen Herzen die Kraft, zum Verzeihen die Größe gegeben. Zum Widerstand gegen die Gesetze der Natur besitzt es nur das Dulden, welches die Trotzigen und seit Prometheus ewig Zerschmetterten manchmal bis zu himmlischem Licht erhebt. Hier ist die Geschichte:

Im Jahre neunzehnhundertelf ereigneten sich drei Dinge, die an verschiedenen Stellen der Welt einen geheimnisvollen Zusammenhang schafften. Es war das Jahr, wo, drei Jahre vor den Schüssen von Serajewo, die Mitteleuropas Vernichtung und unsere Armut veranlaßten, einige Menschen anfingen, sich in die Luft zu schwingen, andere das Meer einige hundert Meter unter der Oberfläche mit Tauchbooten zu durchfliegen und jenen Kampf begannen, den ein ehrgeiziges Geschlecht mit seinen Maschinen der Natur ansagte. In einem zarten Vorspiel, das vier Jahre lang die grandiosen Schlachten ankündigte, die unsere Nachfolger mit Stumpf und Stiel hinwegrotten werden, hat sich gezeigt, daß die Natur diese Provokationen auf ihre Urheber zurückwirft.

Wenn in einem Landhaus in York Lady Grace ihr Leben in einer auffallenden Weise verließ, von einem Tag auf den anderen aus der behütetsten Dame in einer Reihe von Verbrechen sprang, bedarf es nur der einen Erklärung, daß sie von jener Krankheit erfaßt war, welche alle leidenschaftlichen Naturen in dieser Zeit erfaßt hatte: daß sie dieser Welt kein Interesse abzugewinnen vermochte. Besonders glänzende Figuren wußten damals sich allerdings in ihrem Innern zu beruhigen und für die Zeit aufzusparen, wo die künstliche Sicherheit dieses Jahrzehntes in Flammen aufging, und die Menschheit sich in die grauenhaftesten Kämpfe stürzen mußte, die diese Erde gesehen hat. Andere, welche mit der Kühnheit eine Unsicherheit des Glaubens vereinten, begannen jene furchtbaren Herausforderungen, welche die Natur nicht unbeantwortet ließ, indem sie die Versucher mit einem Lächeln abschüttelte, das die Welt mit Blut überschwemmte. Andere, zu denen Lady Grace offensichtlich gehörte, wechselten plötzlich ihre Seele aus.

Diese Menschen, die damals nicht zahlreich waren, scheinen unter ihrer Seele eine andere zu besitzen, die plötzlich die erste völlig verdrängt. Diese Annahme ist aber ohne Zweifel ein Irrtum, denn eine Seele kann nur durch den Tod den Menschen verlassen. Wenn ein erhabener Mensch sich plötzlich in furchtbarer Weise verändert, so beweist das nur, daß er den Weg, welchen das Schicksal ihm vorgeschlagen hat, völlig verläßt, und daß die Keime des Bösen, die in ihm lagen, tief in ihn eingedrungen sind. Es bedarf nur der Rückkehr mit gläubigem Herzen, um eine solche Figur wieder zum schönsten Licht zu entfachen.

Die Entschlüsse, die einen Menschen von großer Leidenschaft wie dieses kühle Mädchen, von ihrer klaren Bahn und aus der Familie wegtreiben, liegen oft mit der Kraft eines Abgrundes da in Momenten, wo sie am wenigsten erwartet werden. Der Übergang kann sich mit einer Plötzlichkeit vollziehen, der alle ratlos macht, welche die Zusammenhänge nicht erkennen, welche die Gesetze der Natur selbst mitten durch die Seele eines reinen Mädchens gelegt haben. Sie passieren zehnmal am Tage jene Stelle, wo ihr Leben furchtbar bedroht ist, ohne es zu wissen, und gehen in jenem Augenblick mit nachtwandlerischer Kraft in das Böse hinein, wo ihre Leidenschaft eine Laune gebiert, die jenseits ihres Gemütes liegt.

Diese Übergänge sind nicht weiter mit der Vernunft erklärbar, sie müssen nur bestimmt und von denen, die sie vornehmen, ausgetragen und erduldet werden. Das Schicksal ist gewaltig genug in jener gewitterhaften Güte, die es selbst über die Schuldigsten verteilt, auch an das Ende dieses Frevels ein Licht zu stellen.

Man kann nach Belieben bei Lady Grace alle jene Vorzüge voraussetzen, die eine Schilderung abkürzen werden, ihren Geist, ihre Erziehung, die Stellung ihres Vaters, ihre Lieblichkeit in gewissen Augenblicken, ihre körperlichen Fähigkeiten. Ihr Alter beträgt sechsundzwanzig Jahre, was erstaunlich ist, da ihr Vermögen auch das Leben ihres bevorzugten Bewerbers hätte ändern können. Ihre Nase, über jener schon sprichwörtlichen Verlängerung der Oberlippe hatte von der Seite einen leicht geschwungenen Bogen, sah von vorn aber fast etwas gesträubt und trotzig aus. Das gab ihr zwei Gesichter, ein durchgängig kühnes und ein romantisches, was sich sehr apart mischte. Ihre Figur, mehr groß als mittel, ward von jenem Dunkel der Augenfarben beherrscht, von denen man in gewissen Momenten erschrocken feststellt, daß sie hell wie das Meer und fast blau wie Perlmutt sind. Sie gehörte zu jenen Mädchen, die in den Mondnächten die Nachtigallen um ihren Gesang beneiden, in ihre Kissen weinen und selbst erstaunt sind, am Tag diese rätselhaften Spannungen aus sich gewichen zu sehen. Sie sind dabei von einer Verstandesschärfe, die nur jene Unerwecktheit ist, mit welcher die Mädchen in unbegreiflichem Instinkt unter den Erfahrungen her die Welt durchschauen und wohin sie erst durch die Weisheit der Leidenszeit wieder gelangen werden, ein Zustand, vor dem junge Männer zurückweichen, weil sie Überlegenheit und Stolz dahinter fürchten. Sie besaß dabei neben dem Weltblick, den ihre Erziehung ihr mitgegeben, eine Kameradschaftlichkeit, die jene Distanz der Männer zu ihr noch vergrößerte, weil sie so traumhaft sicher hingegeben ward.

Diese Sicherheit war es, die sie wie einen Diamant aufleuchten ließ, wenn sie im Abendkleid und phantastischem Schmuck in der Halle erschien. Es war ein unbeschreiblich siegreicher Schmelz in dem mit der Plötzlichkeit eines Schusses aufglühenden Lächeln, daß man, obwohl man sie haßte, ihr eine unvergleichliche Karriere voraussagte. Den Zorn der Frauen, die sich die Männer neideten, erregte sie erst durch ihre völlige Teilnahmlosigkeit für Bewerber. Man hielt sie für wählerisch und berechnend und nahm an, daß sie sich für den Besten aufhebe und vor Hochmut bis zum sechsundzwanzigsten Jahre noch keinen so Vortrefflichen gefunden habe, der ihren Träumen entsprach, während sie in Wahrheit ihre Seele noch nicht gefunden hatte und eigentlich eine Romantische war.

Diese Mädchen scheinen kalt, weil ihre Herzen glühender als die Möglichkeiten sind, die ihnen zu Gebot stehen, diese Herzen daran zu erproben. Man muß bedenken, daß das Fest, welches auf der Terrasse des Landhauses stattgefunden hatte, eigentlich eines der romaneskesten war, das die damalige englische Gesellschaft kannte, und daß Lady Grace bis zum Tod bleich und gelangweilt davon schien. Es war in den zarten und traumhaften Kostümen Gainsbroughs getanzt worden, dann hatte es geregnet, und nun gingen in der roten Dämmerung die Fenster alle auf und es roch nach dem Boden des Parks. In diesem Augenblick erregte es das Erstaunen eines jungen Mannes, daß ihr Auge sich auf ihn richtete.

Der junge Mann, der den Vorzug hatte, in Indien gekämpft zu haben, was seine Blässe und Melancholie mit einem dicken Kontrast unterstrich, war vor Schreck darüber fast erstarrt, in welcher Weise sich ihr Blick, während er auf ihm ruhte, veränderte. Ihm schwindelte ein wenig und er fühlte sich halb umstrickt, halb durchbohrt. Er folgte ihr, als sie das Auge zur Tür gleiten ließ: »Kann ich auf Sie vertrauen?« frug sie mit grauenhafter Kälte. »Vergessen Sie nicht, daß ich das Leben von fünfhundert Menschen, die mir dienten, monatelang in Händen hatte,« rief er. »Wollen Sie mir dienen, Charley?« sagte sie mit einer Stimme, die ihn erzittern machte. »Diese Frage,« sagte er ergriffen, »beleidigt das Herz, das nie etwas anderes tat.« »Sie werden mich verlassen, wenn ich es wünsche?« sagte sie ruhig. Er nickte betroffen. »Sorgen Sie für zwei Wagen. Vergessen Sie Ritch nicht abzuholen. Sie wohnt im Gartenhaus. Ich brauche einen älteren Begleiter. Nehmen Sie Davis und geben Sie ihm Geld, daß er einen Kammerdiener mitnimmt. Zweihundert Meter von der Parktür warten Sie auf mich in einer Stunde.« Sie nickte und zog sich zurück. Zwei Stunden später fuhr das Mädchen nach Dover, ohne sich die Mühe zu nehmen, ihr Kleid zu wechseln, das sie unter einem Staubmantel verbarg.

Ritch war ein schwarzes Faktotum, das ihren Vater aus den Kolonien begleitet hatte und auf das sie sich blindlings verließ. Diese Negerin war eigentlich javanischen Blutes, fast schön, nur zu dunkel, stark wie ein Tier und von der Wachsamkeit eines Hundes. Was im zweiten Auto folgte, war ein Greis mit Kammerdiener und einer alten Gouvernante. Sir Davis war von der senilen Schwäche eines Lebemanns, der nicht genügend Mittel hatte, seine Leidenschaften in der Jugend zu befriedigen, in diese Hörigkeit zu jungen Damen angekommen, die nichts begehrt, als ihnen zu Diensten zu sein. Sie opfern sich auf für den Beruf einer Attrappe und würden ihr Leben hingeben dafür, daß sie in der Nähe dieser Wesen trotz des Zustandes ihrer Zähne noch bleiben dürfen. Sie werden nicht beachtet, auch nicht bedankt und erfüllen die Dienste des Hofmarschalls mit größerer Leidenschaft, als diejenigen des Liebhabers, als sie noch Wünsche hatten.

In der Nacht fuhren sie noch über und setzen die Autos auf die Strecke Paris, Dijon, Valence, Montélimar, Avignon.

Ehe sie Calais verließen, frug Lady Grace, als sie den Fuß auf die Dampfbarkasse setzte: »Ist das Telegramm abgegangen?« »Es ist durch meinen Bruder vom Foreign Office aufgeliefert worden,« antwortete Charley mit dem Ton eines Menschen, der etwas unerhört Schweres erledigt hat. »Dann kehren Sie zu Gaby zurück,« rief sie mit jener Härte, die nur unverbrauchte Herzen über sich gewinnen, weil sie nicht wissen, wie unendlich sie damit schmerzen. Man muß wissen, daß sich bei ihrer Abreise eine Szene abspielte, deren Helden ihre Windspiele waren. Diese Tiere, die sie auf allen Einladungen, so auch nach York begleiteten, von denen einige noch von ihrem Vater kurz vor seinem Tod eingestellt waren, wollten sie nicht verlassen, holten die Autos ein und rannten eine Weile neben ihnen her. Sie hörten die Locktöne ihrer Herrin und wußten nicht, daß diese sie zum erstenmal zurücktrieb. Plötzlich begann ihr Lieblingstier Gaby etwas Unerwartetes, Ungeheures, es sprang über das hinrasende Auto. Diese Sprünge wiederholten sich, bis Lady Grace halten ließ. Man mußte die Tiere anbinden. Nun kommandierte sie den jungen Mann zum Schutz ihrer Tiere, ohne zu bedenken, ob er gemerkt habe, daß sie innerlich weinte, als Gaby ihre unglaublichen Sätze begann. Er konnte denken, daß sie ihn zu ihren Liebsten sandte, aber er vermochte sich dabei nicht voll Bitterkeit zu verschweigen, daß sie die Hunde mehr liebte als ihn. Ein englischer Junge dieser Kreise hat zum Glück genug Einfältigkeit, die Launen einer Frau zu prüfen. Er war tödlich gekränkt, aber, da er liebte, machte er sich ohne Umstände an den Anfang.

Das zweite Ereignis, das in jenem seltsamen Zusammenhang mit dieser Abreise stand, war der General-Appell des Mégroz-Clubs in New York, von dessen Bestand Lady Grace ebensowenig ahnte wie dieser Club von der Tatsache, daß eine glänzend schöne Frau sich anschickt, ein tödliches Wettrennen mit seinen besten Mitgliedern zu beginnen. Dieser Club, der sich nach einem der berühmtesten Eiskünstler nannte, vereinigte seine Mitglieder zum Curling. Das ist ein Spiel, welches, dem italienischen Bocca ähnlich, auf der Eisfläche geschossen wird und Kraft mit Gewandtheit verbindet. Man hielt sich jahrüber eine eigene geschlossene Eisbahn, was gewisses Aufsehen erregte, da dieser Sport in Amerika fast unbekannt war. Der Club hatte sehr strenge sportliche Satzungen, spielte Inter-League-Games und unterstand dem Olympischen Komitee. Man wird nicht vermuten, daß diese ernste Angelegenheit, die jeder Prüfung standhielt (denn keine menschliche Fähigkeit wird so genau kontrolliert wie das grausamste Spiel der modernen Zeit, der Sport) eine Lächerlichkeit sei.

Diese Sportleute fanden das Curling erbärmlich langweilig, es war ein Gesicht, das sie sich vorhielten, um ein anderes zu verstecken. Diese Zeit vor den Erfindungen der Tanks und der Vernichtungslust mußte Gefühle verstecken und mit den Kräften, die keine Auswirkung fanden, auf einer so gefährlichen Ebene zu spielen beginnen, daß sie ihr Leben und ihren Geist riskierten. Es gab so wenig Widerstände, daß man welche erfinden mußte wie jene Dächse tun, die sich Bauten so kompliziert anlegen, daß sie sie teilweise wieder zerstören müssen, um in ihren Hauptkessel zu gelangen. Hätte jemand vermutet, daß dieser Sport den Bedürfnissen seiner Mitglieder genügte, hätten sie ihn im Inneren für einen Verrückten gehalten. In der Tat hatten diese Leute eine ingeniöse Erfindung gemacht, sich das Geheimnis zu beschwören, nach dem sie lechzten. Das war eine Tambola der Gefahr, eine Machinerie der Leidenschaften, ein wahrhaftiger Apparat, dessen Einrichtung von genialem Irrsein war.

In dieser Einrichtung war ihr Schicksal mit einem Raffinement verbunden, das jeden von ihnen täglich mit aller Furchtbarkeit wahllos erfassen konnte, kurz, diese Leute waren begabte Spieler, die statt um Geld, das sie besaßen, um Erlebnisse spielten, bei denen mehr zu verlieren war als Vermögen. Vor allem verband sie, der Zuchtlosigkeit entgegen, die jedem erlaubte, nach Gutdünken zu leben, eine eiserne Disziplin, gegen welche der Gehorsam der Armeen ein Kinderspiel war.

Was sie beherrschte und im Notfall bestrafte, war ihnen nämlich unbekannt. Sie hatten sich eine geheimnisvolle Macht erfunden, die sie mit aller Tyrannei beherrschte, womit sie glücklich waren. Die Zucht, die diesen Haufen von Spielern, Abenteurern, Soldaten der Kolonialarmeen, Kenner oder Adepten des Wunderbaren, Blasierte und vom Leben Gezüchtigte zusammenhielt, verwickelte sie in fast jede scheinbar unmögliche Angelegenheit. Es wird nicht erstaunen, daß Curling nur ein liebenswürdiges Lächeln gegen die Welt darstellte, hinter dem sie zwischen halsbrecherischen Gefahren ja Verbrechen, sich jene Genugtuung ihrer Nerven verschafften, die verrückt, aber bewundernswert war.

Der eigentliche Vorgang war folgendermaßen: Das Haus war derart gebaut, daß es allen Entdeckungen auch durch Mitglieder gewachsen war und jede Manipulation erlaubte, die nötig schien. Jährlich wurden fünfzig Metallkapseln im Dunkeln gezogen, in einer befand sich der Schlüssel zu einem Verschlag, dessen Vorderseite eine viereckige Uhr war. Keiner, selbst der Besitzer des vorigen Jahres, wußte, in wessen Hand der Schlüssel kam. In dem Haus waren sechzig Kabinen aus Stahl, in denen die Mitglieder sich zu maskieren hatten, wenn sie aufgerufen wurden, einem Appell Folge zu leisten. Auch die Einrichtung der Kabinen, ihre Numerierung und die jedesmalige Verteilung der Nummern schloß jedes gegenseitige Erkennen aus. Ihre Vermummungen und die Art ihres Eintritts in den Hauptraum sowie die Abdämpfung der Lichter genügte ebenfalls, daß man nicht wußte, in wessen Nähe man sich befand.

Vor allem darf nicht vergessen werden, daß diese Leute das Geheimnis liebten, das sie eingesetzt hatten und toll gewesen wären, wenn sie es gelüftet hätten. Diese Leute flüchteten aus ihrer ungeheuren Macht in die Unsicherheit und waren damit beschäftigt, das Gift eines Frevels zu genießen und nicht, es zu enthüllen. Diese geheime Legion der Männlichkeit, die ihr Jahrhundert verachtete und seine Garantien wie seine Einrichtungen verlachte, besaß nur eine Abhängigkeit, das war jener Wille, der von dem Träger des Schlüssels ausging, welcher ihr Leben und Tod nach völligem Belieben in der Hand hielt. Wenn eine Sache dieser Welt groß oder verrückt genug schien, sich daran zu bewähren, berief er den Appell.

Zu diesem Zweck erschien irgendein Mann im Club und frug nach einem Glas Whisky. Dieser Mann mußte einen Satz sagen, der lautete: »Die Uhr ist aufgestellt, meine Herrn.« Diese Uhr war die Seele des Clubs. Da sie Schicksale bestimmte, war das Grausen auf sie übergegangen, das man der Vorsehung schuldet. Durch eine Vorrichtung war es möglich, daß am Tag nach der Ankündigung jeder der Vermummten, wenn er den Schlüssel besaß, sich, ohne aufzufallen, in den Raum hinter der Uhr begeben konnte. Dies geschah durch eine liftartige Versenkung, die lautlos alle Etagen durchglitt. Man konnte von fünf Etagen über zwei Dutzend Gänge in den Saal kommen, es war unmöglich festzustellen, wer in die Uhr eintrat.

Diese Uhr ruhte auf drei Säulen und hatte einige ovale Öffnungen. Die Mitglieder mußten in den dämmerigen Raum vor die Uhr, einer nach dem anderen, treten, in dem Verschlag zur Seite die Maske lüften und weitergehen. Jeder tat dies mit dem furchtbaren Gefühl, daß hinter der Milchglasscheibe einer in sein Gesicht sah und über sein Leben bestimmte. Dies geschah so, daß der Mann, der nach Whisky fragte, einen Brief abgab, der in der Regel nur einen aus einer Zeitung gerissenen Wisch enthielt. In den kurzen Nachrichten der Journale sind in trockener Form die ungeheuerlichsten Dramen enthalten.

Der Fall, der diese Geschichte mit England und einem ereignisvollen Teile der Geschichte Asiens verknüpft, hatte ein schauderhaftes Aufsehen unter den Mitgliedern gemacht. Ihr unverbrüchliches Schweigen bewies, daß sie zitterten vor Erregung. Die ersten Dreißig waren ergebnislos passiert. Da blitzte ein weißes Licht und rollte in einen Ausschnitt der Uhr, daneben glomm in dem Schalter auf der Platte der Name George Good auf. Bei dem zweiundvierzigsten wiederholte sich eine Linie tiefer dasselbe. Der Name hieß nur: Capt. Pound.