Part 2
Diese Blindheit unter den einzelnen Völkern ist das Schicksal unseres Jahrhunderts, das bestimmt scheint, diese Mißverständnisse als das hinzunehmen, was sie keineswegs sind: nämlich als die furchtbarsten Bürgerkriege.
Die unbekannte junge Frau, die mit mir durch ein in Flammen des Hasses aufgehendes Land in einer um ein Vermögen gekauften Kutsche unserer Großeltern jagte, war die Tochter eines Vaters, dessen Liebe ihr zum Verhängnis ward, mehr fast als seine Strenge. Dieser aus Deutschland eingewanderte und später in England naturalisierte Mann (der seine Nationalität nach der Sitte damalig freier Männer nicht aus Schwäche, sondern aus ausdrücklichem Bekenntnis zur neu gewählten Heimat änderte) war mit der fast kindischen Sorgfalt bestrebt, das Häßliche von seiner Tochter fernzuhalten und das Schöne und Vortreffliche um sie zu versammeln. Er hatte die Schwäche der Männer, die ihre Frau überirdisch geliebt haben und in der Tochter ihr Bild weiter verehren wollen.
Sie überhäufen ihre Kinder mit einem Maß von Güte, die jene nicht zu ertragen vermögen, und züchten den Geist eines Widerstandes, der um so mehr aus dem schlummernden Bösen kommt, je höher man die liebenswerten Seiten ihres Gefühles belastet. Ein Haus in London und das Sterbehaus der Mutter in Kairo standen ihr zur Verfügung, ihr Vermögen war in Holland angelegt, was so gut war, als sei es Gott in die Hand gegeben. Ihr Vater hatte geschworen, daß sie ihr Glück machen werde, und darum hatte vielleicht, weil dies ein Frevel ist, der Teufel sich bemüht, in ihr Herz die Widerstände zu säen, die das unmöglich machen sollten.
Je mehr der Vater sich versteifte, sie mit Geschenken, Aufmerksamkeiten, Überraschungen zu überhäufen, um so erbitterter sann dieses schöne und edle Mädchen darauf, sich dem entgegenzusetzen, wobei sie sich ihrer Handlung kaum mehr als eines fast schelmischen Trotzes bewußt ward. Diese Situation war furchtbar, denn sie liebte ihren Vater, der, wiederum aus Liebe, sie vor der Welt abschloß. Der alte Starrkopf, der seine Tochter vortrefflich machen wollte, sperrte das Kind vor jeder Gefahr ab. Er war ebenso eifersüchtig auf sie, für die er sich auf die Stelle die Hand hätte abschlagen lassen, wie voll ständiger Ängstlichkeit, so daß er sie unter anderem jeden Monat zu allen Spezialisten schleifte, um von allen die Versicherung ihrer Gesundheit zu erhalten.
Der Alte war bereit, ein Vermögen für jede ihrer lächerlichsten Wünsche auszugeben. Das junge Mädchen zeigte sich bedürfnislos. Es hätte keine noch so phantastische Angelegenheit gegeben, die der Alte ihr nicht zu Füßen gelegt hätte. Sie hätte den Eifelturm abreißen und eine eigene Bahnlinie nach Dover verlangen können, es wäre ihr ebenso sicher gewesen, wie daß sie keine Sekunde allein an diesen Genüssen hätte teilhaben können. Ihr Vater ließ sie keinen Schritt ohne Begleitung tun, nicht weil er mißtraute, sondern weil er um sie bangte, und gerade dies ist es, was junge Mädchen mit entzündlicher Phantasie zu Dämonen verwandeln kann. Es machte seine Güte so nutzlos wie einen verwilderten Garten. Das Mädchen begann diese Aufmerksamkeit zu hassen und sich vor der Liebe zurückzuziehen, die ihr Herz mit Entzückungen erwidert hätte, wenn sie weniger pendantisch sich gezeigt hätte.
Dieser Kampf zwischen der elterlichen Liebe, die bevormundete, und der Liebe des Kindes, die sich ihr entzog, und damit der Teuflischkeit zuwandte, dauerte bis zum achtzehnten Jahr dieses noblen Herzens, an welchem Tag sie verschwand.
Sie reiste ein Jahr, doch das genügte, sie völlig zu verderben. Sie reiste ein Jahr, ohne das geringste zu erleben. Ihr Vater, den die Entfernung der Tochter wie ein Schlag traf, ließ sie nicht im Stich, sondern bemühte sich erst recht, sie auf die Entfernung zu beeinflussen. Das trieb das merkwürdige Geschöpf, das selbst in dieser furchtbaren Nacht, halb dem Tod überliefert und von so vielen Leiden zusammengeschlagen, noch einen unbegreiflichen Schein von Reinheit um sich hatte, in einen entsetzlichen Widerstand. Die Briefe ihres Vaters, der sie mit Beweisen seiner Sorge in Gestalt von Detektiven, Auskunfteien, vorausbestellten Schiffen, Hotels und Zügen, ja mit Menschen, die plötzlich auftraten und ihr Geschick zu beeinflussen wagten, überschwemmte, bewirkten in ihr eine Anzahl launenhafter Widerstände, die verrückt bezeichnet werden müssen.
Die Geschichte ihrer Erlebnisse, mit denen ihr Vater sie ins Verderben jagte, hat hier keinen Sinn. Seine Güte ermangelte der Strenge, ohne die Liebe keinen Zweck hat. Statt sie arretieren zu lassen und sie an einen Mann von Vermögen, Sicherheit, Stellung und nicht zuviel Geist zu verheiraten, dessen männliche Nüchternheit ihr die versteifte Romantik abgenommen hätte, benutzte er ihr Entweichen zu verdoppelten Beweisen seiner Zärtlichkeit. Ein Jahr lang hatte sie alle Angriffe abgewiesen, ja sich eine Frau für ihre Toilette und eine zur Wahrung ihres Rufes gehalten, währenddem sie ihren Vater aus Trotz im Glauben ließ, sie reise allein und sei eine Emanzipierte, die sie in keiner Weise war, ein Jahr lang hatte sie über die Männer lachen können, bis allzuviele Warnungen sie ihnen in die Hände trieb.
Ihr Spleen trieb dieses im Grunde sanftmütige Mädchen in die Hände eines Mannes, den sie offensichtlich nicht liebte, als sie sich ihm gab, der sie nicht einmal reizte, in dem sie nach wenigen Wochen aber einen Verbrecher fand. Diese Erkenntnis, die sie fast zum Wahnsinn brachte, vermochte, daß sie sich entschloß, ihren Mann zu lieben.
Die Tyrannei des Verbrechens hatte die wunderbare Kraft, dieses edle Geschöpf anzuziehen und zu einer Hingebung zu bringen, welche die Liebe, vor der sie sich auf der Flucht befand, nie erreicht hatte. Diese furchtbaren Umstände sind bei leidenschaftlichen Menschen deshalb bis zur Unerschütterlichkeit bestimmend, weil die ersten Schritte, die sie von der Familie und den der Frau vorgeschriebenen Gesetzen abseits tun, bereits die Tragödie mit der unendlichen Kraft des Untergangs herbeigerufen haben.
Das Mädchen hielt mit einer Treue zu dem Mann, der weder ihren Geist noch ihre Vornehmheit des Charakters besaß, die einer beispielhaften Ehe jede Ehre gegeben hätte. An dem ungelösten Körper dieser Frau, deren Mädchenhaftigkeit durch ihren Kummer nicht vertrieben worden war, konnte man heute noch sehen, daß sie eine wahre befreiende Liebe nie gekannt hatte. Sie hatte sich aus Laune in eine Verliebtheit hineingestürzt, die von der glühenden Zartheit einer mädchenhaften Neigung unendlich entfernt war. Sie liebte einfach ihr Schicksal wie alle starken Naturen, die auch zu ihren Fehlern und Niederlagen stehen.
Die Spannkraft, die ein menschliches Herz für soviel Leiden hinzugeben hat, besitzt eine Grenze, und sie schien es mit dem Zittern, das sie hin und wieder grundlos überlief, zu ahnen.
Ihr Vater, der sie dem Mann entreißen wollte, hatte den Fehler begangen, es nicht mit jener Brutalität zu tun, die Halunken dieser Art allein einschüchtert, nämlich nach ihrer Entlarvung ihnen den Prozeß zu machen und sie henken zu lassen. Die Möglichkeit hierzu war gegeben, von einem Skandal spricht man einen Monat und in bewegten Zeiten eine Woche, und wenn es sich um ein vornehmes Herz mit großem Vermögen und einer gewissen Schönheit handelt, drei Tage. Er fürchtete, seine Tochter zu verletzen und gab ihr nach, er kaufte sie dem Mann ab, der mit einer großen Summe Geld verschwand. Er ließ eine Frau zurück, die ein zweijähriges Kind in der Wiege und eines unter dem Herzen trug und ihrem Vater diesen Streich nie verzieh.
Sie holte ihren Mann ein, der sich nicht weigern konnte, sie aufzunehmen, vielmehr die Waffe umdrehte und auf Grund seiner tatsächlichen Schandtaten ihren Vater erpreßte, dessen Angst vor Skandal größer war als sein Zorn. Dieser Balte, dessen Name keine Erwähnung fand, verpraßte einen Teil des väterlichen Vermögens auf eine schwachsinnige Weise. Er liebte diese Frau nicht, weil sie ihm ergeben war, und suchte Anregungen in Angelegenheiten, die er seinem damaligen Vermögensstand nach nicht gebraucht hätte. Er war ein Spieler, der auf jeden Zufall versessen war und den der Krieg, der erbarmungsvoll hauste, staatenlos und also zu den verrücktesten Unternehmungen geeignet fand. Sein Vermögen nahm in einer beängstigenden Weise ab, worauf er, bei der Unmöglichkeit, für einige Monate aus England Geld zu beziehen, da die Konten der ehemaligen Deutschen gesperrt waren, seine Frau kurzerhand verkaufte.
Man wird fragen, wie eine Frau, die jede Freiheit hatte und über eine Familie und Vermögen verfügte, dazu der übermenschlichen Liebe eines Vaters sicher war, diese Ungeheuerlichkeit ertragen konnte, zumal von der Seite eines Mannes, den sie nur in der Einbildung lieben konnte. Sie ertrug es, und diese Heldentat ist eines jener tiefen Mysterien der weiblichen Seelen, die, wenn sie von der Natur zur Reinheit bestimmt sind, alle Höllen des Lasters und der Erniedrigung durchlaufen können, ohne daß ihr Wesen auch nur im geringsten leidet.
Zu spät ließ ihr Vater den Mann verhaften, er setzte seine Ehre aufs Spiel, die er verlor, und erreichte, daß seine Tochter ihn haßte und das Jahr, bis ihr Mann aus dem Gefängnis entfloh, diesem glühende Briefe in seine Verlassenheit schrieb. Dieser Elende behandelte sie mit einer Kälte und Brutalität, die mit ihrer Liebe wuchs. Entflohen, verbot er ihr zu folgen. Sie folgte ihm. Ihr Vater hatte England, gebeugt, verlassen müssen, der Skandal seines Schwiegersohns hatte ihn zertrümmert. Die Kälte seiner Tochter brachte ihn zur Verzweiflung. Innerhalb zweier Jahre war der Alte um dreißig Jahre gealtert. Die drei Menschen lebten jahrelang in einer furchtbaren Verfolgung. Der Gatte diente seinen dunklen und abenteuerlichen Neigungen, die ihn jeden Tag in Gefahr brachten, mit den Gesetzen sich zu verwickeln. Seine Frau suchte seinen Aufenthalt auszukundschaften und bei ihm zu leben, wovon sie keine Erniedrigung abhielt. Ihr Vater bemühte sich, ihr Herz zu erweichen, mit ihm in sichere Verhältnisse zurückzukehren, Europa zu verlassen und ein Glück zu suchen, das ihr nach soviel Schmerzen vorbehalten sein mußte ... aber was er erreichte, war, daß sein Vermögen zerfiel. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, wie früher seine Tochter, so ihren Mann zu bespitzeln, und, um ihr Herz zu gewinnen, ihrem Mann ein Leben zu verschaffen, das ihn sorglos machen mußte.
Diese Geschichte der Liebe ist furchtbar, weil sie sinnlos bis zum Äußersten ist, denn jeder dieser Liebenden beging Verbrechen gegen die Liebe. Sie zerstörten sich in einer grauenerregenden Weise, während sie sich zu nutzen suchten.
Der Alte, der durch den Untergang Deutschlands zu einer rührenden Liebe zu seinem Heimatland gebracht wurde, legte sein Vermögen in Deutschland an, was seinen Schwiegersohn bald zur Raserei brachte, und als er es ablösen wollte, war es bereits ruiniert. Der Schlag, den Deutschland empfing, war auch mit derselben Teufelei in den Nackenwirbel des Alten gehauen. Er hatte sich mit der Freiheit seiner großzügigen Denkungsart von seinem Vaterland geschieden, als dessen unfeiner Reichtum ihm mißfiel. Als er es elend und am Boden fand, sah er die Möglichkeit, es wieder zu lieben, und kam in eine Begeisterung, die ebenso großartig und bewundernswert wie vernichtend war.
Er starb an dieser letzten Leidenschaft, die ihn unfähig gemacht hatte, vernünftig zu denken, was ein Lebensalter lang seine Stärke gewesen war. Er fiel mit dem Stolz seiner Heimat und begrub sein Vermögen im Sturz der deutschen Mark, deren wahnsinniges ungeheuerliches Vernichten sein letzter Seufzer war. Es war ihm nicht gelungen, seine Tochter wiederzugewinnen.
Als sie seinen Tod erfuhr, stand sie am Sarg ihrer zweiten Tochter, ohne zu wissen, wo ihr Mann sich befand, der ein Vergnügen darin suchte, sie mit einer Öffentlichkeit zu betrügen, deren nur ein Neger fähig ist. Die rohste Natur hat vor einem Grad des Leides jene Ehrfurcht, die der Zauber der Frau auch bei Kannibalen auszulösen vermag. Dieser Balte, dessen slawisches Blut seine deutsche Güte, dessen deutsche Rohheit seine slawische Weichheit vertrieben hatte, dieser Verbrecher, den die verfluchten Fehler zweier Nationen gezeugt hatten, ohne eine einzige Tugend außer einer schwachköpfigen Kühnheit ihm zu verleihen, fand einen beispiellosen Genuß daran, seine Frau zu demütigen. Es gibt wohl keine Schande, in die er sie nicht verwickelt hatte.
Wäre die junge Frau nicht mit einem so ungeheuren Stolz von der Natur versehen worden, so wäre sie ohne Zweifel durch das Übermaß der Erniedrigung dazu gebracht worden, diesen Mann zu vernichten. Sie hielt ihrem Schicksal eine beispiellose Treue, sie überwand das Verbrechen sogar, indem sie sich nicht wehrte. Es gelangte nicht bis in ihre Seele.
Als sie ihren Mann erreichte, fand sie ihn in Fesseln. Ihr wohltrainierter Körper war durch die Kinder und die Sorgen mitgenommen, unterhöhlt, aber nicht aufgerieben. Sie sah ihren Mann, den es, nachdem er die Familie seiner Frau zerstört hatte, wie alle Abenteurer nach dem Osten trieb, dessen wildes Chaos ihnen voll wunderbarer Reize scheint, an einer Mauer stehen. Sie lief aus dem Wagen in eine Umzäunung, ein Tuch in der Hand, als von der anderen Seite einmal die Trommel gerührt wurde. Darauf erschollen Schüsse, ihr Mann fiel vor ihren Augen langsam um, ohne sie anzublicken. Die Soldaten, die aus Bewunderung über den Mut des Mannes, der mit keiner Wimper gezuckt hatte, in die Hände klatschten, fanden sie auf dem Rücken liegen. Sie war am Abend bereits wieder bei Sinnen.
Eine Sekunde hatte genügt, sie ihre tiefe Schuld begreifen zu lassen. Eine geheimnisvolle Stimme hatte im Augenblick der Salve, als ihr Mann, der von Wuchs und Aussehen von vollkommener Schönheit war, fiel, gesagt, daß vom Augenblick ihrer Entfernung von ihrem Hause alle Schuld und alles Elend, das in ihrem Kreis geschehen sei, auf ihr liege, sie empfand unwiderleglich auch die Erschießung ihres Mannes als einen bewundernswerten Heldentod.
Sie fühlte mit einer Klarheit, die fast erhebend war, die Last dreier vernichteter Leben auf ihrer Seele und war einsichtig genug, daran nicht zu sterben, sondern ihren Glauben mit jener Tapferkeit, die schon überirdisch wirkte, auf ihr Kind zu setzen.
In diesem Kind und seiner Zukunft schien ihrer mütterlichen Seele der Sinn ihres Lebens und die Frage ihrer Schuld sich zu lösen oder zu knüpfen, und sie hatte ein Maß der Gläubigkeit darüber, das keinen Zweifel gestattete. Doch hat die Natur der Spannkraft eines Herzens Grenzen gesetzt, die nicht übertreten werden dürfen, ohne zu vernichten. Sie erfuhr die Erkrankung dieses Kindes, das sich in Dresden befand. Gleichzeitig brachen die Bahnen ab. Sie schien zurückgestoßen von einem Schicksal, das sie nach Jahren des Leidens zur Klarheit hatte erwachen lassen. Das Leben dieses Kindes ward das Ziel eines grauenhaften Wettlaufs, den sie mit dem Schicksal unternahm. Sie wäre ohne Schuhe bis an das Ende der Welt gelaufen, um dieses Kind wieder in die Arme zu nehmen und den Erfolg ihres vernichteten Lebens in jener Erkenntnis dem Kinde zuzuführen, das in einer Erziehung sich geäußert hätte, die die Fehler der ihren vermied und die Liebe so aus der Hand gab, daß sie genommen werden konnte, ohne in die Schuld hinauszutreiben.
Diese Frau konnte nur ein ganz ungeheures Glück retten, konnte nur ein sie dauernd in Sicherheit hüllendes Ereignis am Leben erhalten.
Sie hatte die Grenze des Lebens fast schon überschritten, und jede Enttäuschung war ihr sofortiger Tod. Ihre Seele war an das Leben ihres Kindes angebunden wie ein Flügel an den anderen bei einem Falter, sie würde sich mit diesem Kind in das Leben wieder retten oder mit ihm zusammen zerfallen müssen. Sie befand sich in dem Zustand einer gewissen Übererhöhtheit des Lebens, wie es in Augenblicken eintritt, an denen die Qual und das Leid so übertrieben sind, daß sie überirdisch scheinen. Die Frau schien von einer Zartheit der Seele zu sein, daß man nicht gewagt hätte, ihren Körper ohne Not zu berühren, aus Angst, er könne im Zustand dieser Verklärtheit zusammenbrechen. Man mußte diese Seele in eine Behandlung nehmen wie einen Lichtschein, den man nicht mit dem Schatten der Hand verderben möchte.
Diese Seele war nur in der Lage, die Welt in einer Verschleierung aufzunehmen, die sie ermunterte. Jeder Zweifel war schon der Tod für dieses Wesen, das nur einer Medizin, nämlich der Bejahung und des Trostes und der Zuversicht bedürftig war.
Man mußte diesem Körper, auch wenn man die Unwahrheit verabscheute, Lügen zuführen, die allein ihr die Kraft geben konnten, die nächsten Stunden zu überleben, kurz, ich war gezwungen, wenn auch ohne Begeisterung, so mit der Leidenschaft, die sie in mir entflammte, zu lügen.
Da sie eine Frau von Geist war, konnte man die Literatur zu Hilfe ziehen, die ähnliche Schicksale wie die ihren bejaht hat, ihnen sogar eine bestimmte Größe des Ruhmes zugewiesen hat, aber man mußte die fast tödlich verzogene Frage auf ihrem Munde lesen, welches denn die Gründe seien, die große Schriftsteller veranlassen konnten, ihre Wesen in Verbrechen zu führen, statt die ausgezeichneten Bahnen einer Literatur einzuschlagen, welche jenseits des Kriminellen genug Maße für höchste Leidenschaften findet. Der Abbé Prevost hat seinem Desgrieux, der ohne Zweifel ein Halunke aus Liebe war, ein großes Monument errichtet. Zwischen dem Rolla des Alfred de Musset und Karl Moor besteht nur der Unterschied, daß der Franzose Vernunft, der Deutsche nur Verzweiflung kennt, daß aber ein Schicksal beide mit einem Fangarm erreicht, dessen Rumpf eine verzweiflungsöde Epoche ist. Der Marquis de Sade hat die Verbrechen offenbar der Wollust unterlegt, während Shakespeares Halunken das Böse so genial verkörpern, daß ihre verwandtschaftliche Nähe zu den Engeln deutlich ist. Es bedarf nur einer kleinen Wendung des Charakters, um sie zu unsäglichen Heilbringern zu verwandeln. Die Antike, ähnlich dem britischen Genie, kannte nur Verstöße gegen heilige Institutionen der Götter, deren Verstoß aber ungeheuerlicher Frevel war. Zwischen Verbrechen und Heldentaten machten sie so wenig Unterschied wie alle Stämme, denen mit der Kriegerischkeit ein Sinn für große Ideen verliehen war.
Die Natur scheint die Gesetze des Blutes und der Familie mit einem ungeheuren Schutz umgeben zu haben, der in ihrer Reinhaltung die beste Auslese unter der menschlichen Rasse bewirken zu wollen schien. Die ungeheuerlichen Strafen für den Frevel an der Familie sind mit einem anderen Sinn nicht erklärbar. Es gibt Geheimnisse, in die alle Nationen einbezogen sind, und in denen die Reinheit der Frau als wundervollste Säule der Familie und des gewaltigen Bauwerks eines stolzen Staates mit nicht beweisbarer aber beispielloser Gesetzlichkeit verwoben sind.
Man mußte dieser in ihrem Elend bezaubernden Frau eine dünne Limonade der Ewigkeit brauen, wenn man ihr diese Gesetze verschwieg und aus der Literatur einen Saft zog, der vielleicht von großen Dichtern, aber schlechten Kennern des Schicksals stammte. Es hieß ihr die Welt mit wohlwollender, aber zitternder Hand verschleiern und erbeben unter der Hast und dem Glück, mit dem sie diese schwache Weisheit in sich sog.
Man konnte ihr auf die Frage, die am Anfang dieser Geschichte angeschnitten steht, schließlich sagen, daß die Dichter den Weg ins Verbrechen deshalb immer wieder suchten, weil in den närrischsten und grundlosesten Leidenschaften sie den unendlichen Goldgrund der besten Herzenstugenden am schönsten schimmern sehen, aber man konnte diese akademische Phrase nur loswerden, weil man das Geschöpf, an das sie gerichtet war, liebte. Das Bangen der jungen Frau hatte etwas von jener Gläubigkeit und Unberührtheit, deren Nähe niemand verlassen kann, ohne einer tiefen Rührung zu verfallen. Ich hätte meinen Kopf gegeben, wenn ich in diesem Augenblick die Hände der jungen Frau hätte an mich ziehen und ihr zuflüstern können, daß diese Neugeburt zur Mädchenhaftigkeit, die das Schicksal mit einer kurzen, vielleicht in Stunden schon beendeten aber jetzt in unvergleichlichem Glanz erstrahlenden Frist ihr verliehen hatte, mich in meiner tiefsten Seele getroffen habe.
Ich war in der verdammten Lage, sie ohne Pause belügen zu müssen. »Was hätten Sie gehabt,« rief ich wohl etwas zu prahlerisch, »wenn Sie ohne das Erlebnis so gewaltiger Schmerzen Ihr Leben verbracht hätten? Die Literatur zeigt, daß die Unschuld, wenn sie mit dem Verbrechen zusammentrifft, die wundervollsten Menschenblumen hervorbringt. Sie hätten ohne Zweifel einen Gatten und Kinder besessen, aber Sie wären sich nicht mehr der Welt bewußt gewesen, als daß Sie die wirtschaftlichen Mächte, unter denen wir stehen, mit einem geringen Stolz gespürt hätten. Das heißt, Sie hätten reich gewohnt, den sozialen Aufstieg Ihres Gatten bewundert, Ihre Kinder gekleidet, die Menüpläne Ihrer Köchinnen berichtigt und mit Verehrung oder Verachtung auf die Gesellschaft um Ihr Leben herumgeblickt, je nachdem sie im Rang über oder unter Ihnen gestanden wäre. Was wäre aus Ihrem Herzen geworden? Soviel an Großmut und soviel an spätem ungeheurem Glück, wie Sie es heute zu verlangen haben, vermag ein durchschnittliches Leben nie zu geben, und die Tugend, die nie an den Abgrund geschleppt ward, hat keinen Anspruch, ein Herz zu besitzen, das durch den Tod wie durch die Liebe mit derselben Kühnheit hindurchgeschritten ist.« Man wird mir zugestehen, daß ich mit Feuer log, obwohl mein Gefühl offenbar geneigt war, in Tränen auszubrechen, denn je mehr ich mich begeisterte, um so furchtbarer empfand ich, welch verabscheuenswerten Unsinn ich sprach.
Sie seufzte, als ob sie alle Liebe der Welt einsauge, und das brachte mich fast von Sinnen. Nur als ich mit der falschen Kühnheit, die Verliebten eigen ist, fragte: »Was hätten Sie gehabt?« schien sie wie ohnmächtig zurückzufallen. Ein Blick, den ich durch ein Licht, das aufglomm, auf ihrem Gesicht mit göttlicher Ergebung aufgeschlagen sah, belehrte mich, daß sie an ihren Vater dachte. In diesem Augenblick schienen wir umzingelt zu sein.
Um uns herum erschollen Stimmen. Der Kutscher hielt den Wagen an und gab sichtlich Auskunft. Ich öffnete die Wagentür nach der einen Seite und schloß sie im gleichen Augenblick. Offenbar hatte man sich an der Stelle zusammengeknäuelt, um eine Auskunft einzuziehen. Ich riß den anderen Schlag auf, zog die junge Frau heraus, und wir liefen über die Wiese. Als wir hinter Buschwerk kamen, zitterte sie so, daß ich sie tragen mußte. Als wir den Wald erreichten, fing eine sinnlose Schießerei an, überall loszuknallen. Wir standen hinter Bäumen, um nicht getroffen zu werden. In diesem Augenblick war ihr Herz auf der Höhe der Gefahr. Eine Verwundung hätte sie niedergeworfen und getötet. Denn dieses wundgelaufene Herz hatte nur noch eine kurze Frist, die die Natur ihr verliehen hatte, zu leben oder auszusetzen, und diese Frist langte noch bis zum Lager ihres Kindes, aber litt keine Minute Verzögerung.
Es gibt eine Zärtlichkeit bei Männern, die in Augenblicken der Gefahr für das geliebte Wesen sich in nichts von der Liebe unterscheidet, die das schönste Recht der Mütter ist. Ich hätte diese Frau, deren Schmerz und deren Schicksal ich offenbar wie ein Wahnsinniger liebte, mit meinem Körper zudecken mögen, um sie vor den Kugeln zu schützen, wenn diese Bewegung nicht eine Narrheit gewesen wäre und die Soldaten auf uns gelenkt hätte. Sie war im Augenblick der Gefahr von einer fast übermenschlichen Kühle. Als wir eine halbe Stunde durch den Niederwald gerannt waren, kamen wir auf eine Straße. Wir hatten die Vorposten hinter uns und waren in Sicherheit.