Die Engel mit dem Spleen

Part 1

Chapter 13,628 wordsPublic domain

Kasimir Edschmid

Die Engel mit dem Spleen

Mit Steinzeichnungen von Robert Genin

Hans Heinrich Tillgner Verlag Berlin 1923

Copyright 1923 by Hans Heinrich Tillgner Verlag in Berlin

Die Engel mit dem Spleen

Ich warne unbefangene Leute, sich in diese Geschichte einzulassen, die sich aus Kriminalitäten und Unwahrscheinlichkeiten zusammensetzt und vielleicht nicht einmal zeitgemäß scheint. Es werden in ihr die Menschen weder verdorben noch zu jenen dekorativen Läuterungen aufgerufen, mit denen der dichtende Schwert-Adel heute seine Unvollkommenheit zu echter Männlichkeit behängt. Man wird die Bürger darin am Leben gelassen und die Arbeiter nicht mit Verbeugungen bedacht finden und weder um Generäle noch um Kapitäne der Kohle jenes Wesen gemacht sehen, das nicht ihnen, sondern der Geschichte zukommt.

Man wird eine lächerlich phantastische Angelegenheit hinzunehmen haben, die vielleicht nicht einmal gut erzählt ist, weil sie des Nachts statt in einem Eisenbahnabteil in einer abscheulichen Landkutsche erzählt wurde, die zu heftig nach Apfelsinen und Zigaretten roch, um nicht Kopfschmerzen zu machen. Ich klage den Chef der Bahnen nicht an, daß unser Jahrhundert zerrüttet ist, vielmehr versuche ich für den Leser die Verbindung zu einer Zeit herzustellen, wo die Launen der Menschen noch stichhaltigere Werte waren wie heute ihre Verzweiflung. Man wird gewiß heute einen Mord ebenso zu kaufen bekommen wie eine verbotene Banknote, aber der Hunger und die Geschäfte der Börse werden die Erinnerung daran zerstört haben, daß es Zeiten gab, die so unmenschlich vollendet schienen, daß es Genies bedurfte, um sich jene Anregungen der Herzen zu verschaffen, die man Leidenschaften heißt.

Sie sind billig wie die Äpfel geworden und nichts erscheint heute im neunten Jahr des Dreißigjährigen Krieges, den die Herren Creusot und Stinnes, oder wie ihre Nachfolger heißen werden, sich liefern, um die lothringischen Erze zum Ruhrkoks oder den Ruhrkoks zu den lothringischen Erzen zu bringen, nichts scheint bewunderswerter als ein kaltes Herz.

Diese Geschichte in der Tat, welche aus der mathematischen Sicherheit eines Zeitalters hinausführt, von dem uns erst zehn Jahre zu trennen scheinen, das uns aber legendär wie ein Roman Jules Vernes erscheinen will, hat die fatale Absicht, sich in Gegenden zu verirren, die heute an der Tagesordnung, früher kaum in Romanen sichtbar waren. Ich fürchte, man wird mit phantastischen Darstellungen langweilen oder sich stets dann lächerlich machen, wenn die Gegenwart die unglaubhafteste Phantasie selbst ist.

Ohne Zweifel wäre es richtiger, nur engelhafte Wesen in dieser Zeit darzustellen, wo Frauen uns dadurch entwürdigt werden, daß wir sie bei allen jenen abscheulichen Maschinen an die Arbeit geschmiedet finden, die das letzte Jahrhundert zu erfinden die Bosheit hatte, und daß wir kaum erschrecken, wenn wir sie mit den Wahlzetteln in der Hand auf dem Weg finden, unsere Schicksale, den Staat, ja sogar die Führung der Kriege und Grausamkeiten zu beeinflussen.

Einer derart barbarisch verwilderten Zeit gehörten Frauenbilder, die wie in Walter-Scott-Romanen jene Anmut hätten, deren Anblick allein vergöttlichte Gedanken hervorruft. Die wahre Literatur hat immer nur Frauen dargestellt, die uns beglücken und die Herzen wie beim Anblick einer hinreißend süßen Natur erheben sollen oder solche, die sich durch das Böse, das sich in ihrer Schönheit, wenn es einmal in sie eingedrungen ist, nur um so verhängnisvoller auswirkt, zu unserer Vernichtung verschworen haben.

Die Sitten der Nationen waren immer von solcher Haltung, daß sie, sofern sie die Frauen nicht die Äcker bebauen ließen, ihnen jedenfalls die Freiheit nahmen, in jenem Sinne frei zu sein, der für eine Frau den Untergang bedeuten muß. Eine Frau darf nicht über jene Schwelle treten, wo sie das Geheimnis ihrer erhabensten Wirkung verlieren muß.

Eine Frau, die einer tragischen Schuld unterliegt, und jene Mädchen, welche mit den herrlichsten Gedanken der Sehnsucht auf den Lippen sterben, sind immer von dem verehrungsvollen Zauber verhüllt, den die männliche Gesellschaft bei den Frauen als ein Erbteil des Rittertums anbetet, welches seine Stärke demütig zu machen suchte, wo es jene wundervolle Schwäche fand, welche Frauen so unermeßlich erhebt. Die Literatur täte gut daran, wo heute die einen Frauen leiden, weil sie ihre Angehörigen auf den Schlachtfeldern getötet sehen oder die anderen in den Fabriken sie um die Sonne geschunden oder die meisten sie am Hunger zu Grunde gehen sehen, nur Frauen von einer unermeßlichen Lichtkraft darzustellen, deren Anblick allein erhebt.

Allein, wo die Furien der sozialen Aufklärung oder die Agentinnen der kriegerischen Verhetzung durch die Straßen jagen und dafür noch sich bezahlen lassen, scheint es nicht weniger für die Entdeckung der Geographie des menschlichen Herzens bedeutsam, einen Heroismus in der Literatur wieder darzustellen, der aus Spielerei und Spleen sich entfaltete und dabei keineswegs geringer an Freude und Schmerzen zugeteilt bekam als andere. Die Zeiten jener unbeschreiblichen Leidenschaft, welche Nonnen und Krieger, oder Arme und Adlige, sich verbluten ließ, sind verschwunden in dem Augenblick, wo man der Frau als sichtbarsten Fortschritt die Erlaubnis gab, sich der Freiheit des Mannes zu bedienen, und damit die Frauen vernichtete. Die Frauen mußten in einer Freiheit zerstört werden, die sie zu albernen Karrikaturen der Männer erniedrigte oder ihnen jenen zarten Reiz nahm, der sie manchmal himmlisch wirken ließ und der in ihrer Unfähigkeit, auf sich selbst gestellt zu leben, bestand.

Indem man den Frauen die Brutalität gab, sich Eisenbahnplätze vor dem Mann zu erobern oder ihn auf dem Motorrad zu überholen, tat man das gleiche, wie wenn man den Engeln Grünewalds Revolver oder den Jungfrauen Holbeins Strümpfe in die Hand gegeben hätte, man tötete sie. Man vernichtete die Leidenschaften und gab unruhvollen Herzen auf, sich Rebusse zu erfinden, um die Welt in ihren Widersprüchen bis zu jener Tollheit zu erleben, die manchmal mit dem Tod bezahlt wurde aber unvergeßlich war.

Es ist selbstverständlich, daß man derartige Launen heute leicht wie Capricen auffaßt und darin eher eine dumme Koketterie als eine Leidenschaft erblicken will. Ohne Zweifel war vor einem Dezennium, als die kriegerischen Wölfe noch in den Höhlen Europas schliefen, jene Laune einer Frau nur ihr unbewußter Drang zu einer Übertreibung des Gefühls, durch die es erst unsterblich wird. Es ist aber genau so ungeheuer offensichtlich, daß diejenige Frau, die sich soweit gegen die Gesetze ihres Schicksals und der Zeit stellte, vernichtet werden mußte.

Die Literatur kennt viele Beispiele, daß ein Dichter Vorwürfe wählt, die aus einem Leben von Höhepunkten in eine grauenhafte Kriminalistik münden, oder die in Absonderlichkeiten enden, die wahnsinnig sind. Die Pole gesicherten Lebens scheinen die mystische Anziehungskraft der umstürmten Pole schicksalhaft zu spüren. Es ist bekannt, daß Balzac sich der Listen der Gerichte bediente, um edle Menschen in ihren abscheulichsten Paragraphen aufzuhenken. Die Romane Dostojewskis sind in der Regel Scheußlichkeiten des täglichen Lebens, die ein Genie mit einem bewundernswerten Grad von Reichtum beschenkte, der sie über das Menschliche erhob. Stendhal mußte in der Kartause von Parma zeigen, daß in den erhabensten Seelen Mörderbanden steckten, die sich entfalteten, wenn die geringste Leidenschaft ihnen die Besinnung nahm, und welch unbeschreiblich edle Herzen hat er geschildert! Stiege man in die Jahrhunderte hinunter, wäre von Iweins Fahrten bis zu den Jünglingen im Feuerofen, von Muspilli bis zum Kastellan von Coucy, von Rabelais bis zu den beispiellosen Epen Krestien von Troies der Gleichklang von Adeligkeit und Verbrechen in einem Maße auffindbar, der sich fast über die gesamte Literatur erstreckte. Erinnert man sich nicht jener Prinzessin, die in der siebenjährigen Gefangenschaft ihres Turmes ihre Gefährtinnen verspeiste, um endlich erlöst zu werden, mit einem Lächeln, das die Unschuld der ganzen Welt auf ihre Stirne trieb?

Diese junge Frau, die mir gegenüber in einer nach Lysol und Zigaretten riechenden Arztkutsche saß, die, wie vom Teufel gejagt, über aufgepflügte Äcker sauste, weil durch irgendeine der Verwicklungen der ehrgeizigen östlichen Staaten die Bahnen eingestellt waren, hatte keinen anderen Wunsch, als von mir eine Erklärung gerade über diese Angelegenheiten des Herzens zu erfahren, nachdem sie die Torheit begangen hatte, mich in ihr Schicksal hineinschauen zu lassen. Man wird verstehen, warum ich, statt abzukürzen, so lange mich mit den Launen der Frauen beschäftige, weil dies in jener Zeit der Achtzehnjährigen, in der die Keime zu den Schicksalen der Menschheit von Dreißig heute gelegt wurden, tatsächlich die einzigen Möglichkeiten waren, Schicksale, die töten, zu erleben.

Die junge Frau war einer Puppe ähnlicher wie einer Dreißigjährigen und hatte, soweit man bei der unmöglichen Beleuchtung sehen konnte, die eigentlich nur aus der Gewöhnung des Auges an eine klassische Dunkelheit bestand, eine tiefe Melancholie über ihr Gesicht gleiten lassen, hinter der man die Spuren von Tränen zu sehen glaubte, die zu oft geflossen waren, um sich wiederholen zu können. Der Schmerz schien diese Figur, die auch unter dem fürchterlichen Tempo eines Wagens, der keine Federung besaß und querfeldein sprang, eine bemerkenswerte Elastizität zeigte, förmlich verstrickt zu haben.

Das Leben dieser jungen Frau war in einem Maße von ihm infiziert, daß sie gar nicht daran dachte, aufzuhören, über ihr Schicksal nachzudenken. Sie hatte sich ihm nicht ergeben, obwohl der Schmerz in einer fürchterlichen Form Gewalt über sie erlangt hatte. Die Art, wie sie von ihrem Leben sprach, bewies die Glut, mit der sie es erhofft hatte und die Enttäuschung, die sie mit gleicher Größe überrumpelt hatte und mit der sie sich noch auseinandersetzte.

Sie hatte, kurz, in einem wahnsinnigen Schicksal noch die Kraft, es abzuleugnen oder vielmehr nach seinem Sinn zu suchen, weil, wenn sie es anerkennen und sich die Schuld zuschreiben müßte, sie sofort daran zu Grunde gehen würde.

Das gab ihrer Haltung eine merkwürdige Eleganz, eine Süßigkeit der Bewegungen, die vom Tod gelähmt aber von einer wundervollen Energie noch gehalten wurden. Ihr Körper hatte eine Lässigkeit, die Frauen oft besitzen, denen der Sport einmal eine Beherrschung aller Muskeln geschenkt hat, die sie nun besitzen, aber nicht mehr auszuüben vermögen. Es war nicht möglich, ihren Kopf, der mit dem matten Schein einer fremden Blume aus dem Pelz herauskam, in der Beleuchtung zu sehen, man vermochte ihn aber mit seinen blassen Lippen, den etwas schrägen aber mandelgroßen hellblauen Augen und der Stirn, die an den Schläfen eigensinnig nach vorn gewölbt war, irgendwo zu vermuten, obgleich man, wenn sie sprach, bemerkte, daß man ihn vorher an einem falschen Platz geglaubt hatte. Der Kopf besaß also die Einprägsamkeit, daß man ihn deutlich körperlich wahrnahm, selbst, wenn er unsichtbar war, was für seinen Reiz sprach. Der Charme des Kopfes lag wohl mehr in jenem Teil, wo die Stirnwurzeln über dem Nasenbogen sitzen und wo die Erlebnisse dem Kopf die Charakternoten geben, als in dem Mund, der von Entsagungen nichts zu wissen schien, ja einen fast leblosen Eindruck machte. Die Glut, die diesen Kopf hinter den Augen bewohnte, war die des Untergangs und nicht der Reiz der Zukunft.

Es war offensichtlich, daß diese Frau nach etwas nur hungerte und das war, daß man sie tröstete, indem man ihr Leben bejahte.

Für den Mann, der das Leben jeder Frau nur mit seinem eigenen vergleichen und nur nach dem Weg seines eigenen beurteilen kann, wenn es wie der Mond dieses begleitet und ihm daher untertan war, ist nicht in der Lage, dies zu tun. Eine Frau wird kein Glück haben, wenn sie die Lebenskurve einen Mann prüfen läßt, der darin nichts erkennt als seine eigenen Bewegungen, seine eigene Freiheit, alle jene Torheiten, aber Bestimmungen seiner Männlichkeit, die nun einmal zu einer Frau nicht gehören.

Er kann den harten Stahl, die scharfe Linie, die Exponiertheit eines weiblichen Daseins nicht ertragen, das ihm verwildert, entzaubert, geschändet vorkommt; er kann es nicht anders sehen wie eine Frau, die ihm in seinen eigenen Kleidern entgegentritt. Der Mann hat ein tiefes und unerschütterliches Gefühl der Zuneigung zu jedem weiblichen Schicksal, das sich im Glanz der weiblichen Schwäche, die er als Stärke verehrt, vollzieht. Er will die Frau anbeten, aber sie nicht als Konkurrentin erblicken. Er vermag den Schein an ihr nur zu verstehen, der ihm in seinen dunklen Minuten von seiner eigenen Flamme entfacht von ihrer Stirn zurückscheint.

Er wird ein auf den Spuren der männlichen Energie abenteuerndes Frauenschicksal nur verehren, wenn es Spuren des schöpferischen Genius an sich trägt wie das der Dido, der Sappho, der Jeanne d'Arc, der Cortey, der Bettina, der Rahel, der Sand. Er wird diesen Frauen jenen äußersten Respekt der Verehrung in seinem Herzen einräumen, den er den großen Ausnahmen der Natur: Gewittern, Lawinen, Erdbeben, Vulkanen entgegenbringt. Er wird wissen, daß die Erscheinung dieser Frauen diesen wunderlichen Entladungen der Natur ähnlich und tödlich, jedenfalls unberechenbar aber toll aus Größe ist. Er wird sie anerkennen, aber als Frauen nicht begehren. Er wird ihnen ausweichen und sich vorlügen, daß ihr Leben ihn nichts angehe, wenn ihre Produkte nur das Siegel des Genius tragen, und wird versuchen, sich an die Werke zu halten, wobei er bei letzter Ehrlichkeit sogar hier noch widerstrebt.

Es gehört die Schwäche eines romantischen Zeitalters, die Melancholie Mussets, die Verzweiflung Constants dazu, sich herrischen Naturen wie der Sand und der Tochter Neckers in einer Liebe hinzugeben, die eine Tyrannei werden mußte und in unfruchtbarer Verzweiflung endete.

Frühere Epochen, die sich durch die Tugend einer Männlichkeit auszeichneten, die, sicher auf der Erdkugel stehend, das Gesicht selbstbewußt nach allen Seiten zu kehren wußte, haben einen Schlag Frauen verehrt, der ihnen wohl mit der Üppigkeit eines Rubens, mit der süßen Erscheinung der Lady Alice in schottischen Balladen, mit den visionären Überirdischkeiten eines Grünewald, den sanften Traumfiguren des Botticelli, den verstrickten zarten Klarheiten des Holbein als die wahrhaftigen Erfüllerinnen der tiefen Sehnsuchtsträume des Mannes erscheinen, und die, so verschieden sie kamen, mit schicksalstreuer Gewalt irgendwo mädchenhaft blieben. Sie hatten einen Hintergrund der Demut, die wohl eine Abart des Stolzes sein konnte, aber dann sicher immer nur der süße Trotz der Schwäche war.

Diese Hilflosigkeit kann der Mann verehren, sie kann ihm als das wundervollste aller begnadeten Dinge erscheinen, er kann sich in diesem unwahrscheinlichen, ja himmlischen Mysterium der Schwäche als der notwendige Ergänzer vorkommen, den die Vorsehung dazu bestimmte. Die Griechen, die in ihren Anfängen wohl Männer gewesen zu sein scheinen, haben vermutlich gewußt, warum, wer Diana sah, dem Tod verfallen, wer aber Aphrodite sah, gesegnet war.

Diese junge Frau, die mir gegenüber die Stöße des Wagens mit einer bemerkenswerten Ruhe ertrug, hatte die unverzeihliche Sünde begangen, die die Natur nie verzeiht, sich auf die Pfade des Mannes zu begeben und seine Freiheiten zu ihren zu machen, eine Sünde, die nur dadurch entschuldigt wird, daß sie die einzige Kühnheit einer Zeit war, die den Namen Hindenburg noch nicht kannte, nicht wußte, daß mit dem Namen eines Amerikaners, Wilson, sich die größten Enttäuschungen, mit denen des General Foch vollständige Änderungen in der Geographie der Nationen Europas einstellen würden. Aus den Klammern der Feiertage und Eisenbahnzeiten, der narrenhaften Versteifung der Gesellschaft, in der nur die Ränge, aber nicht die Bedeutungen entschieden, in einer Zeit, die cäsarisch angelegt aber mit den Methoden eines Warenhauses verwaltet war, aus dieser Zeit vermochten nur Capricen jener furchtbaren Art zu erlösen, die die Frau aus ihren gesellschaftlichen Banden heraus in Abenteuer gegen die erstarrte Gesellschaft trieb. Es war ein aufregendes Spiel, weil der gesellschaftliche Untergang stets das Atout war, mit dem gespielt wurde, und das dann Sieger bleiben mußte, wenn einen Herzschlag lang die Haltung nicht größer war als die Gefahr.

Ich will die Frauen nicht verteidigen, indem ich sie entschuldige, ich will sie zeigen. Man muß dem Elend einer Zeit, das seine Frauen zu Wölfen und Maschinen, statt zu Müttern und zarten Geliebten erzieht, das sie aufklärt über Geheimnisse, die eine Frau nie ausgesprochen hören darf, die sie mit Männern zusammen in den Universitäten belehrt über Angelegenheiten, von denen eine Frau keine Ahnung haben dürfte, man muß dem Elend einer solchen gegenwärtigen Zeit nicht ein falsch und herrlich gemaltes Bild der vorangegangenen Zeit entgegensetzen, um sie zu belehren. Die Frauen in der Tat, welche freudig bereit ihre Söhne in den Tod eines Krieges entließen, dessen Sinn sie nicht verstanden, die aber später in dem Ruin der Revolutionen und Friedensschlüsse fast zu Hyänen erniedrigt wurden, die fast an nichts als die Befriedigung ihres Hungers denken durften, waren ohne Zweifel ein Übergang. Sie waren im Besitz einer Freiheit, deren Anwendung man ihnen nicht erlaubte. Sie waren bereits Halbemanzipierte dem Mann gegenüber, sie lagen nicht mehr tief gebettet im Schoß der Familie, die sie vor den harten Forderungen des Lebens behütet, sondern sie klammerten sich gerade noch an die Türen der Familie, deren Schein sie noch umschwebte, aber den sie abzustreifen begannen. Trotzdem aber war es damals möglich, oft Frauen zu sehen, die jene Scham kannten, die unter Blicken errötet und die sich bewußt waren, daß es Sünde gibt, obwohl sie nicht wußten, daß sie unschuldig waren. Es gehört die Kühnheit eines Looping the Loop-Fahrers dazu, sich aus diesem durch tödliche Strafen gerade noch gehaltenen Zersetzungszustandes der Familie hinauszustürzen, aber diese Kühnheit war der Mut des Frevels und nicht jener der Entdeckung und der Opferungsbereiten.

Die junge Frau, die nun unter den verrückten Stößen des Wagens zu seufzen begann, hatte diesen Sprung getan, sie war nun der Ruin aller Vorzüge, die sie einst hatten vergöttern lassen, und sie hatte jetzt nur die eine Hoffnung im Herzen, während sie zu dem Sterbelager ihres letzten Kindes fuhr, daß ich ihrem Leben recht gab, das ich verabscheute. Ich hatte diese Gestalt, die aus der Ferne in ihrem gestreiften zusammengesetzten Pelz, wie ihn die Engländerinnen um diese Zeit trugen, mitten in den Äckern vor zwei Tagen angetroffen, wo sie mehr einem Tier aus der Entfernung als einer Frau glich, die im Zusammenbrechen noch die Kraft hatte, nach ihrem Kinde zu rufen.

Dieser Ruf, der mich, als sie zu sich kam, in ihr Leben mit einzuziehen schien, war der Grund, daß sie ihr Schicksal vor mir öffnete, ohne daß ich es gewünscht hätte. Wir hatten zwei Tage, beide abgeschnitten durch den Streik der Bahnen und die sich daran schließenden kriegerischen Unternehmungen irregulärer Banden, die uns eines Nachts mit Kugeln verpfefferten, als ob sie auf unsere Pelzen sich einschießen wollten, den Fluß nach einer Überfahrt abgesucht, die mich den dritten Teil meiner Barschaft kostete. Ihre Sehnsucht, selbst auf die tollste Weise nach Deutschland zu kommen, hatte mich gerührt, obwohl ich keineswegs eilte und mit Vergnügen die Entwicklung dieses Bauernkrieges aus Kowno durch die Zeitungen verfolgt hätte.

Dieser Wagen kostete mich das zweite Drittel meiner Barschaft, das letzte Drittel würde denjenigen das Leben kosten, der es begehrte, da ich entschlossen war, es an der Grenze der Dame einzuhändigen, um sie nicht schutzlos zu lassen. Ich gestehe, daß ich unter ihren Geständnissen ebenso litt wie ich erstaunt war, daß sie hingegen über sich selbst und ihren Namen ein tiefes Geheimnis breitete. Sie hatte mich mit einem unwiderstehlichen Blick gebeten, sie an der Grenze allein zu lassen. Man hörte zwischen den Windstößen, die den Regen auf den Boden schlugen, den Kutscher abgerissen die Pferde anfeuern, plötzlich sank der linke Teil des Wagens auf die Seite. Der Sturz hatte die Unbekannte auf meine Kniee geschleudert.

»Vertrauen Sie mir,« flüsterte ich ihr zu, da ich fürchtete, daß der Wagen umstürzen werde. Im gleichen Augenblick rissen ihn die Pferde aus der Mulde und jagten weiter. Die junge Frau hatte die Nervosität abgelegt, die Frauen an den Tag legen, die ihr Leben selbst zu bestimmen gedenken und sich der Führung des Mannes anzugliedern nicht entschließen können. Der Druck ihres mädchenhaften Körpers hatte eine bezaubernde Vertrauenswilligkeit gezeigt. Sie war so zerschmettert vom Leben und so in Eile, einem furchtbaren Verhängnis vorzugreifen, daß sie weich genug war, zu glauben.

Dieser Moment, wenn ein Herz sich bezwingt, hat etwas von überwältigender Größe, und ich hätte ihr die Hände geküßt, wenn ich nicht gefürchtet hätte, sie in ihrem Schmerz zu verletzen. Ich stand ohne Zweifel als Verteidiger vor einem Schicksal, das ich ablehnte und war entflammt für eine Frau, der ich es nicht zeigen durfte und deren Leben davon abhalten mußte, daß sie mir gefiel. Dazu waren wir in Lebensgefahr. Ich fürchtete, daß sie unter den grotesken Sprüngen, die der Wagen immer öfter vornahm, vor Schmerzen ohnmächtig werden müßte.

Man mußte eine belebte Gegend erreicht haben, obwohl es noch weit zur Grenze sein durfte, denn man hörte von Zeit zu Zeit das Rufen von Stimmen, denen unser litauischer Kutscher antwortete. Plötzlich wurde an den Zügeln gerissen. Diesem schlug der Kutscher die Peitsche quer durch das Gesicht, das wie ein Gespenst am Fenster vorbeifiel. Jedesmal in solchen Augenblicken fühlte ich, daß mein Gegenüber zitterte wie nur eine Frau zittern kann, deren letzte Zuflucht, deren Glaube an die Güte der Welt und ihres Schöpfers auf dem Spiel stand und die zu dem Lager ihres Kindes wie eine Wahnsinnige, die sich kalt stellt, floh.

Ich vermutete ihre Augen zu sehen, obwohl das Dunkel fast undurchdringlich war, und ich hatte den Eindruck, daß ihr Licht etwas Verklärtes habe, trotzdem es verwirrt war, als habe der Tod hineingeschienen und in die Süßigkeit dieses Lächelns den Zauber gebracht, der es erst unübertrefflich macht. »Glauben Sie, daß wir es erreichen?« murmelte sie. »Vertrauen Sie,« sagte ich und begriff, wie sehr sie litt, denn diese Fahrt entschied über ihr Leben.

Sie war sich als Kind eines Luxus bewußt gewesen, der ihr fast alle Neigungen gestattete, und sie hatte nicht mehr als den unbewußten Gebrauch gemacht, der ihr als selbstverständlich erschien und von dem sie annahm, daß alle Menschen über ihn verfügten. Das Gold hat genug Kraft, die edelsten Menschen, die in seiner Umgebung aufgewachsen, in einer wunderbaren Weise über die Leiden der Welt im ungewissen zu lassen.

Die Kinder des Luxus leben wie die der Armut in einer gleichen Unklarheit, die einen über die Tiefen, die anderen über die Höhen des Daseins. Das Bewußtwerden erst dieser furchtbaren Kluft schafft in diesen Kreisen die Emporkömmlinge, die krepieren werden oder die Macht zwischen den Schenkeln haben wollen, und jene Messiasse, die im Dunkeln ein Selbstgenügen predigen, das in dem Munde dessen eine Lüge sein muß, der aus dem Reichtum kommt. Es wird nur eine Vermischung, aber keine Versöhnung der Klassen möglich sein, indem die Elenden sich bereichern und die Begüterten etwas verarmen und zwischen ihnen die Schranken fallen, denn es ist offenbar, daß die Armen die Notwendigkeit des Luxus und die Reichen die Entsetzlichkeit des Elends gegenseitig immer weniger verstehen, als ein Chinese einen Marabu, oder ein vollblütiger Franzose einen deutschen General verstehen kann.