Part 2
Die Luft der Welt ist rauh und scharf; In ihrem Sturm wird manche Blume, Voll Frucht des Geistes, abgestreift, Wenn ihre Pflanz' im Heiligthume Der Stille nicht zur Dauer reift. Befruchtung, die der Still' entträuft, Die kann den Sonnenschein vergüten, Den Thau, der sich auf Nesseln senkt, Und seltner die bescheidnen Blüten Des Geistes und des Herzens tränkt.
Sie ist das Land der Geistessaaten, Der Herzensblüten! Reiften nicht In ihrem Schatten jene Thaten, Die leuchtend, wie ein flammend Licht, Hinstralen durch so manch Jahrhundert, Von einer Ewigkeit bewundert, Die dankbar ihre Frucht noch bricht? Sie trug von jeder schönen Pflanze Die schönste Blume zu dem Kranze, Der sich um Friedrichs Namen flicht. Ihm galten Kron' und Zepter wenig; Mit tausend Sorgen überstreut, Fühlt' er in ihrem Prunk den König, Sich fühlt' er — in der Einsamkeit! Mit eignen Stralen sich bekränzend, Gieng still sein Geist, so still und glänzend Wie sein Gestirn, aus ihr hervor, Aus ihrem Hain, den zum Asyle Für ihre seligern Gefühle Sich seine Königssorg' erkor.
Das Laster brütet nur Verderben In ihrem Schoos, tränkt hier mit Gift Den Mörderpfeil, der noch den Erben Des kommenden Jahrhunderts trift. Doch wird sie die Entweihung rächen; Sie hält das fliehende Verbrechen, Das ihrer Rache lang' entrann, Noch an des Lebens Gränzen an; Und macht die lezte Lagerstelle, Wenn's nun umsonst nach einer Quelle Des Trostes und der Ruhe lechzt, Zu einer fürchterlichen Hölle, Vom Wehgewinsel laut umächzt; Und stösst es endlich von der Schwelle Des Lebens wütend in die Gruft!
Du, Unschuld, komm zu ihrem Schatten! Komm, athme diesen Lilienduft, Worin sich Fried' und Tugend gatten! Wie heilig! selig! ist die Luft, In der ein Tugendtrieb erwachte! Empfind' es, von ihr wach geküsst: Daß nirgendwo ein Himmel ist, Den Unschuld nicht zum Himmel machte.
Dein Tasso athmete so rein, In hoher Unschuld, aus dem Hain Der Einsamkeit, die grossen Triebe Geweihter grosser Seelen ein: Und dennoch blühte seiner Liebe Kein Zweig in ihrem Mirtenhain, Um seinen Lorbeer sich zu winden, Zu überduften seine Ruh. Er sang, er glühete den Gründen Und Hügeln Phyllis Namen zu. Ach! ihn umstrikten die Geflechte Der Tyrannei; und Bosheit rächte An seinem Herzen, was der Kranz Verschuldet hatte, der den Glanz Der Sklaven eines Fürsten schwächte. Verstossen floh er zu dem Glük Der Einsamkeit — von den Medusen Des Neides weit entfernt — zurük, Und sie empfieng, mit seinen Musen Gern ihren Liebling, ihren Sohn; Und er entschlief an ihrem Busen, Getränkt mit ihrem süssten Mohn.
Ihr ruhevoller Athem näret Den Funken Geist, der in uns glüht, Den Frieden, welcher, oft gestöret, Am zarten Halm des Lebens blüht; Nur wilde Leidenschaft verheeret Ihr stilles, seliges Gebiet. In dieser ungestörten Stille Rafft sich mit ihrer ganzen Fülle Die Leidenschaft empor, und reisst In ihre Flammen Herz und Geist. Und flieht ein Thor zu ihrer Stille, Weil er den Weg zum Glük verlor: So kommt aus ihrem Hain der Thor, Mit jedem Wahn, mit jeder Grille, Die ihn hinein trieb, auch hervor.
Die Weisheit nur streut edlen Saamen In dies, oft zwar entweihte, Feld; Ihr wuchsen da die grossen Namen, Die, über Welt und Enkelwelt, Herab von lichten Sternenhöhen, Mit ihren Lorbeerkronen wehen, In deren Schatten, angeglüht Vom Feuergeiste jener Weisen, Die junge Kunst bescheiden blüht. Fern, von des Lebens Wirbelkreisen, Mit Wettlaufstaube schwarz bestreut, Tief in den Hain der Einsamkeit Hinein zu flüchten, ziemt dem Weisen, Der gern mit seinem Herzen spricht: Nur sich, und Schäzze seiner Gaben, In ihrem Schoose zu begraben, Wie Diogen, das ziemt ihm nicht. Sie stärk' ihn nur zur edlen Pflicht, Für's Wohl der Menschheit aufzustreben; Die Ruhe sey's, die hier sein Leben Zur Reife schöner Thaten nährt, Um es der Welt zurük zu geben, Der auch ein Theil von ihm gehört.
Die Kraft, die sich, für die Pachome[1], So mild, und doch umsonst, ergoss, Die wars, die, gleich dem Tiberstrome, Von jenes Römers Lippen floss, Und einen silberhellen Spiegel In stille Blumenthäler goss; Dann aber, aufgestürmt vom Flügel Der Leidenschaft, die sieben Hügel Errettend in die Arme schloss. Als Katilina schon die Ketten In ihre freien Thäler trug; Da konnt' ein Tullius nur retten, Der mächtig das Gespinst zerschlug; Der Weise, welcher in den Fluren Des stillen Tuskulums die Spuren Der Wahrheit fand, an deren Quell, Der durch die Wiesenblumen schäumte, Sein Geist, in stiller Laube, hell Den grossen Traum der Zukunft träumte; Der Weise, der uns jede Pflicht Der ungeschminkten Tugend malte, Die er mit seines Geistes Licht Warm, wie mit Lebensglut, umstralte; Die, nur in eignem Daseyn froh, Aus dem zu rauschenden Getümmel, Mit ihrem Kato zu dem Himmel Der süssen Lebensstille floh.
[1] Einer der ersten Anachoreten.
Hier brach Lukrez auch manche Blume Der keuschverhüllten Wahrheit ab, Die dann aus ihrem Heiligthume, Troz ihm, Unsterblichkeit ihm gab. Hier sah er manches Glied der Kette Der grossen Unermessenheit, Werth, daß er auch Unsterblichkeit Geglaubt, gefühlt, gesungen hätte!
Und du, mein Maro, holtest du Nicht deinen Lorbeer aus dem grünen, Vertrauten Grottenhain der Ruh, Wo jene Bilder dir erschienen, Womit du, wahr, wie die Natur, Die Lieder deiner Hirten schmüktest, Und, wie die Schäfer deiner Flur, Den üppigen Mäzen entzüktest, Den längst die Grazien verwöhnt, Und nun zu ihrem Richter hatten? In deinem süssen Mirtenschatten, Von deiner hohen Laut' umtönt, Schwelgt' er in deines Geistes Fülle.
Wer aber schöpft' aus deiner Stille, Geliebte Einsamkeit, so tief Die feine Kunst, des Narrn zu spotten, Der sich auf Ahnenschaft berief, Und träg auf fremdem Lorbeer schlief? Wer war's, der aus den Venusgrotten Der Griechenflur die Scherze rief, Die nun auf Tiburs Hügeln tanzten, Und in die todten Wüstenei'n Den Liedervollen Opferhain Der schönen Grazien verpflanzten? Dein Flakkus! der, am Lenzgesträuch Froh hingegossen, süss und weich, Wie das Geseufz' im Hain des Taubers, Für Lalage die Flöte blies; Und nun, mit allem Pomp des Zaubers, Den hohen Hymnus rauschen lies; Und nun auf einer Rasenstelle, Beim leisen Flüstern seiner Quelle, Den Himmel reiner Seelen pries! Dein Flakkus fand erst in der Stille, Von Roms Tumulten ungestört, Die Ruhe, welcher keine Grille, Die sich in falscher Hoheit ehrt, Das Rieseln ihrer Tag' empört. Er schöpft' aus ihr die ganze Fülle Der Lebensweisheit, die uns lehrt, Den Werth der Dinge, nach Gesezzen Der richtenden Vernunft, zu schäzzen, Die, was ihr minder angehört, Als fremde Güter, leicht entbehrt. So schlich er, nur mit Stunden geizend, Die frohe Leier in der Hand, Durch seinen Wald, den er so reizend, Vor allem Erdgepränge, fand; Zufrieden, wenn ihm nur die Mirthe, Durch welche sanft die Sympathie Verliebter Turteltauben girrte, Zum Abendschmaus den Kranz verlieh.
Katull — auf Nachtigallenflügeln Flog seine Phantasie empor, Wenn sich auf stillen Schattenhügeln, Mit Lesbia, sein Geist verlor. Fern von dem Taumel, der, halb thierisch, Den gröbern Sinn für sich erkor, Sang er den Lüften, welche lyrisch Um seine Leier schwärmten, vor. Noch blühn die Rosen, die den Sizzen Der Freundschaft ihren Purpur streu'n; Noch grünt der schöne Mirtenhain, Worin, auf zarten Blumenspizzen, Sein Lied, das keine Zeit begräbt, Weil es die Grazien beschüzzen, Leicht, wie ein Zephyr, hingeschwebt; Und lieblich, wie die Blüt' im Thale, Das nie Petrarka's Lied vergisst, Wo, wie bei einem Liebesmahle, Ein Veilchen sanft das andre küsst; Wo das Vermälungsfest der Düfte Ein süsser Seelenwechsel ist, Und selbst der Athemzug der Lüfte, Von jenem Zauber noch berauscht, Melodisch in den Zweigen schmachtet, Von deren Schatten grün umnachtet, Und von der Stille nur belauscht, Der Sänger jenen Blütenregen Besang, der sich auf Laura goss, Daß, unter seinen Harfenschlägen, Der stille Bach noch stiller floss.
Und Thomson — welche Hymnustöne Entquillen seiner Einsamkeit! Die über jede Frülingsszene Die Jugend eines Lebens streut, Das, angehaucht von einem Gotte, Die Welt, wie eine Braut umschlingt, Die Haine stimmt und bis zur Grotte, Worin ein Wesen schlummert, dringt. Durch alles weht der Geist der Liebe, Die aus den Nachtigallen singt, Und sich mit ihrem Schmeicheltriebe Selbst um die grauen Eichen schlingt. Wie rauschen jene Wasserfälle, Gleich dem Gewühl der wilden Lust! Wie schmiegt sich um die Silberbrust Der Nymphe sanft die Rasenstelle, Um die der Ahornschatten hängt! Wie sich der Nymphentanz der Quelle In krausen Reihen, Well' an Welle, Von Veilchen angelächelt, drängt! Nun blüht die Ros', und Sommerlüfte Wehn um die heitre Königin, Und bringen ihre frischen Düfte Zum Opfer einer Schäferin, Die, von der Mittaghizze glühend, Zu einem Ulmenwäldchen irrt, Wo Liebe flüstert; wo ein Hirt, In vollen Jugendlokken blühend, Sie freundlich überraschen wird. Gern flieht der Dichter das, mit Schiefer Und mit Statü'n beschwerte, Dach; Er schleicht Gedankenfreuden nach, Zur Hainesstill', und dringet tiefer Zum Sizze der Begeisterung: Er sieht durch grüne Dunkelheiten Tief in des Waldes Heiligung Die feierlichen Geister schreiten[2], Die, nah mit unserm Geist verwandt, Ins Land der Ruh hinein geflüchtet, Wo keine Zeit, und keine Hand Des Frevels mehr den Kranz vernichtet, Den sich die stille Tugend wand.
[2] Siehe Thomsons Sommer.
Nun tritt sein Herbst auf, im Gesange Der lezten Stimme jeder Flur; Und an der Waldung blühet nur Das Schwindsuchtroth noch auf der Wange Der ruhig sterbenden Natur! Nun schleicht zur röthlichgelben Laube, Zur dichterischen Einsamkeit Des Denkers Abgeschiedenheit. Willkommen, Ruhe! wo die Traube Den Lippen ihren Nektar beut. Schon ziehn die Vögel, und begleiten Den längern Tag zur wärmern Welt; Und grosse Wolkenschatten schreiten Nun Riesenmässig übers Feld; Und ihnen folgt dann öd' und traurig Die Todesfeier der Natur. Horch! ihre Manen ächzen schaurig Um den gestorbnen Halm der Flur! Der Hain verschied; den grünen Schleier Des Lebens warf er seufzend ab! Dort sinkt der Jubel seiner Feier Zu den Verwesungen hinab! Sag! welcher Spiegel zeigt wol treuer Dem Menschen sein gewisses Grab? Doch wird er leben, wieder leben! Der Wald wird wieder auferstehn! Dann wird ein geistigleises Wehn Sein wallendes Gewand umschweben; Begeistert werden Thal und Höh'n Den Auferstehungspsalm erheben, Und ihr Verklärungsfest begehn!
Nun folge mir zu jenen Nächten, Wo neben Young der Tiefsinn wacht, Der, troz der schwarzen Mitternacht, Aus labyrinthischen Geflechten In eine heitre Sphäre blikt, Und unter Ahndungsvollen Lüften, In heiligen Zypressendüften, Von Gräbern Himmelsfreuden pflükt. Hier sah' er leuchtender den Stempel Der Gottheit, Welten aufgedrükt; Und Welten waren nun sein Tempel, Die Wahrheit seine Priesterin. Mit welchem feierlichen Sinn Trat er an ihren Altar hin! Wie himmelvoll! wenn nun das kühnste Der Lieder diese Szene sang, Und zu dem grossen Gottesdienste Der feiernden Natur sich schwang! Das Grab, das seinen Tag verschlang, Sah er im Schatten ruhig modern; Sie, die sein süsses Leben war, Sie sah er stehn am Glanzaltar, Auf welchem glorreich Sonnen lodern. Ein Himmel der Unsterblichkeit, Die zu den eingesunknen Trümmern Verblühter Tag' ein leises Schimmern, Durch Mondgewölk, hernieder streut, Entstieg dem theuren Aschenkruge, Auf den des Sehers Thräne fiel. Die Einsamkeit gab seinem Fluge Den hohen Schwung zum Palmenziel.
Sie führte Popen durchs Gewühl Der Erdenszenen, bis zum Throne, Wo er, in einer sichern Hand, Das erste Glied der Ordnung fand. Die Stille wars, die diesem Sohne Der Weisheit, mit geweihter Hand, Die grosse Epheulorbeerkrone Des hohen Mäoniden wand. Die Stille wars, die keinen Störer In seine werthe Grotte lies, Wo sie den Denker an den Lehrer, Den grossen Lehrer, Tod! verwies; Der, unter Palmendämmerungen, Von Knoten, die ein Gott geschlungen, Ihm die Entwikkelung verhies.
So flog, in den Begeisterungen Der hohen Abgeschiedenheit, Dein Kronegk zu der Seligkeit, Zu den erhabnen Huldigungen Der reinen Geisterwelt empor, Wo er der Erde Dämmerungen Aus dem entzükten Blik verlor. Hell trat aus einem Götterchor, Mit ihrem Stralenkranz umschlungen, Serena's lichte Seel' hervor. Er fühlte kaum noch vom Getümmel Des Lebens eine leichte Spur; Serena's Gottheit fühlt' er nur.
Und er, mein Opitz, welchen Himmel Fand er auf Zlatnas goldner Flur! Im Stolz am Arme der Natur Der höhern Freude nachzuschleichen, An der ein Stral von Seele blizt, Verachtet' er den Stolz des Reichen, Der arm ist, und nur Gold besizt. Hier war der weise Sänger freier, Und liederreich, wie Zlatnas Hain. Die Stille hauchte seiner Leier Die hohe Lebensweisheit ein. Ihm hat der Genius den reinen Einweihungskuss zuerst geküsst: Begeistert sang er nun den Hainen Germaniens, das ihn — vergisst.
Noch stolzer gieng, wie eine Blüte Des Aethers, den sie früh erhellt, Die Sonne Leibnitz auf, und glühte Den jungen Stral durch ihre Welt. Da flohe vor des Denkers Strale Die dumpfe kalte Dunkelheit! Ihn lud ein Wink der Einsamkeit Zum hohen Geistesbakchanale, Dem aus dem schönsten Quellenthale Die Wahrheit ihre Blumen streut. Im Innersten des Heiligthumes Der Nacht, erzog die Einsamkeit Die schönen Kränze seines Ruhmes.
Wenn wir uns in des Lebens Hain Weit von uns selbst verloren hatten: Sie samlet uns in ihrem Schatten, Und führt uns in uns selbst hinein. Weh aber! weh dem Wahn des Thoren, Der da in eine Wüste tritt! Wie fremd ist's rund um seinen Schritt! Er fühlt sich nur noch mehr verloren. Nun flüchtet er voll Ungeduld Aus sich hinaus, hin zum Getöse, Daß ihn der rauschende Tumult Wohlthätig von ihm selbst erlöse; Erlöse vom Gefühl der Pein, Sein eigener Gefährt zu seyn, Durch irgend eine Flur des Lebens. Und wenn nun ihn der Rausch verläst: Ganz einsam sucht er dann vergebens In sich ein stilles Friedensfest!
Wo blüht ihr feierlichen Rosen, Dem Denkerbakchanal geweiht? Empfangt mich von dem wilden Tosen Der Flut in eure Einsamkeit! Nimm mich, gedankenvolle Ruhe, In deine Abgeschiedenheit, Die dann auf alles, was ich thue, Die Blumen ihrer Stille streut! Geliebte, süsse Einsamkeit, Auf alles drükst nur du den Stempel Der dauernden Vollkommenheit! Von nun an sey ein Göttertempel Von meinem Herzen dir geweiht!
Wie leicht wird jede Wunde heilen, Die irgend eine Hand mir schlägt: Wenn mich der Wellenstrom, zuweilen Nur, an ein stilles Ufer trägt, Wo jene tausend Stimmen schweigen, Von welchen, wie's der Zufall schikt, Die Eine gleich die Andr' erstikt; Wo unter leis' umhauchten Zweigen Die Ruhe mir entgegen nikt; Wo keine Blüte meiner Jahre Die Flut des Weltgewühls verschlingt, Von dem ich dann nichts mehr erfahre, Als was ein Schiffbruch zu mir bringt, Der sich, von Sturm und Tod umringt, Ans Ufer meiner Stille rettet, Wo, jedem Herzenszwang' entkettet, Das Leben dem Gewässer gleicht, Das, nie von einem Sturm erreicht, In Veilchenufer hingebettet, Durch singende Gebüsche schleicht; In deren Schatten das Vergessen Des Harms auf seidnem Rasen liegt.
Wo grünt ihr dämmernden Zypressen, Um die kein Wunsch der Thorheit fliegt; Die ihr, zu still dem wilden Schwarme, Im Liebgekose grüner Arme Mein Eremitenhüttchen wiegt. Da tritt, mit manchem Kranz umschlungen, Entflohne Zeit, da tritt hervor! Hervor mit den Beseligungen Des Thals, in dessen Dämmerungen Mein Leben sich schon halb verlor. Bring alle deine Jugendtänze; Bring alles, was ich that und litt, Die Rosen und Zypressenkränze, Selbst meine Thorheit bring mir mit, Samt ihren Träumen, ihren Spielen, Und alles, was mein Herz bereut: Denn auch auf Stellen, wo wir fielen, Zurük zu schaun, ist Seligkeit. Die Hoffnung hat mir oft gelogen; Je glühender mein Herz gehofft, Je kälter hat sie mich betrogen; Die Gegenwart selbst täuscht uns oft; Wir stehn uns dann noch viel zu nahe, Um uns, so wie wir sind, zu sehn; Wer hat wol — las es uns gestehn! — So gut er in der Fern' auch sahe, Nie seine Nähe falsch gesehn? Erinnrung ist der treue Spiegel, Der uns, so wie wir sind, uns zeigt, Wenn viel zu hoch mit uns der Flügel Der allzuraschen Hoffnung fleugt. Sie führe mich zum stillsten Hügel Der Ruhe, den ihr Geist umweht, Wo, Schritt vor Schritt, das Herz am Zügel Den ihre Warnung führet, geht; Das Herz, das nur zu gern am Riegel Der dunkeln Zukunft horchend steht. Auch mein Herz stand mit Wunsch und Klage Vor der, mit Recht verschlossnen, Thür, Nicht achtend, daß es traurig hier Den Tag der Gegenwart verschlage. Die nächste Zukunft meiner Tage Gehört der Zukunft und nicht mir! Und doch, wenn je zum Reiz der Ferne Mein Geist hinaus zu fliegen strebt, So sey's ein Blik zum Abendsterne, Wo meine Seelenfeier schwebt; Wo unter seligen Gesträuchen Der Liebe sich mein Geist verlor, Wenn sich den Schatten dunkler Eichen Zum Tempel meine Seel' erkor.
Ihr seelevollen Schwärmereien! Ihr Geister meiner schönsten Zeit! Verlast nie meine Einsamkeit, Um sie zum Tempel mir zu weihen, Um den, im Lispel junger Maien, Der Ulmbaum seine Arme schlägt! Die Priesterin in diesem Tempel Sey nur die Freude, die den Stempel Des hohen Götterfunkens trägt. Las michs — in seiner höchsten Fülle Mit Zittern fühlen, süsse Stille, Die unter meinen Ulmen thront, Daß tief in meiner Blütenhülle Die Gottheit einer Seele wohnt!
Gedrukt bei W. G. SOMMER in LEIPZIG.
End of Project Gutenberg's Die Einsamkeit, by Christoph August Tiedge