Part 1
Anmerkungen zur Transkription
Im Original kursiver Text ist _so dargestellt_.
Die Originalschreibweise wurde beibehalten.
_Die Einsamkeit_
_von_
_August Tiedge._
_Leipzig in der Sommerschen Buchhandlung._
DIE EINSAMKEIT.
_Vorbericht._
_Ueber die nachstehende Epistel hätte ich dem Publikum eigentlich nichts zu sagen, wenn mir nicht die Ursache ihrer Erscheinung ein paar Worte abnöthigte, die mich sehr die Verlegenheit fühlen lassen, von mir selbst reden zu müssen. Ich gehe damit um, meine zum Theil noch ungedrukten, zum Theil aber seit 1783 zerstreut erschienenen Episteln, nach einer strengen Auswahl und Durchsicht, in einer Samlung den Händen des Publikums zu übergeben, wovon nun schon eine nähere Ankündigung erschienen ist. Mancherlei Ursachen bestimmen mich, den freilich oft gemisbrauchten Weg der Pränumeration einzuschlagen. Sehr viele meiner Freunde haben sich indessen für mein Unternehmen interessirt. Und wenn mich die Aussicht eines entsprechenden Erfolgs bei den ersten Schritten nicht durchaus verläst: so wird die ganze Samlung meiner epistolarischen Gedichte Michaelis dieses Jahres ohnfehlbar erscheinen, unter Bedingungen, welche die bereits ausgegebene Anzeige darlegt. Die gegenwärtige Epistel über die Einsamkeit soll eine Vorläuferin der ganzen Samlung seyn, um dem Publikum, dem ich nur aus früheren Ausstellungen bekannt bin, den Erwartungspunkt an die Hand zu geben. Ich glaube dies unsern Zeiten schuldig zu seyn, die mit einem sehr begreiflichen Widerspruche zu sehr und zu wenig poetisch sind._
_Halberstadt, im Januar 1792._
_An_
_Lina._
Es giebt auf Gottes schöner Welt Gewis noch manche schöne Stelle, Wo ich mir wol ein Hirtenzelt Hinbaut', an einer kleinen Quelle, Verstekt in einem Schweizerthal, Wo, wenn die Wind' aus Norden stürmten, Vertraute Pappeln mich beschirmten, Und wo ein Wäldchen, wenn der Stral Aus Südens Feuerschoos die Schwinge Dem West versengte, mich empfinge: Wo ich, vom Drang und Schein der Dinge, Von Lug und Trug der Menschen fern, Mich vest an meine Stille schmiegte; Wo ich den lezten Hang zum Spott, Den ein bethörter Donquixott Sonst leicht in Flammen blies, besiegte. Ja solch ein Pläzchen liegt noch hier Und da verstekt; allein vor allen Hat Dein geliebter Hügel mir Im Schlehenkranze wohlgefallen, Wo friedlicher die Lüfte wehn; Wo durch das Thal der Nachtigallen Sich lieblicher die Bäche drehn; Wo silberner die Blüten wallen, Die von des Frülings Schoose fallen.
Wie einsam steht er da! wie schön! Im frischgewebten Feierkleide, Als hätt' er sich zum Tanz geschmükt; So schön, wie in der grünen Seide Kaum Minnas weisser Finger stikt, Und welche Aussicht in die Auen, Die er beherrscht! — O Freundin, hier, Hier möcht' ich mir die Hütte bauen, Wo Turteltauben über mir In schönen Zweigen traulich girrten, Und zu der Hand des stillen Hirten Herunter flatterten, und sich Vertrügen unter meinem Zelte, Und mich umschmeichelten, wenn ich Zur Botin eines Briefs an Dich Die kleine Tejerin bestellte.
Da legt' ich mir ein Gärtchen an, Und flüsternd sollten, wie Gedanken Der Liebe Deine Seel' umranken, Die Spröslinge der Rebe dann Mein kleines Ohnesorg' umschwanken. Da wär' ich erst ein freier Mann, So frei, wie meine Nachtigallen; Da lüd' ich aus dem nahen Hain Die Sänger in die grünen Hallen, Zu süssen Wettgesängen, ein. Wir sängen, bis am dunkeln Hain Uns Cynthia von fern begrüste: Nun führe selbst die Königin Der Sterne durch die graue Wüste Des Aethers, minder eilend, hin.
Gern würde mich der Wald verstekken; Da könnte mir den heitern Sinn Kein Hasser aus dem Herzen nekken; Da sollte wol die Schwäzzerin, Die Neugier selbst, mich nicht entdekken; Mich würd' ein immer froher Muth Zu lauter Freudenliedern stimmen; Entfernt von jeder Lasterbrut, Würd' ich zum Zorne nie entglimmen; Nie würde mir in seinem Blut Ein guter Nam' entgegen schwimmen. Auf einer stillern Lebensfluth, An deren Ufern, überhangen Mit Rosen, unbelauscht von Schlangen, Ein reines Herz so selig ruht, Würd' ein entwölkter Himmel spiegeln; Und leise würde hinter mir Ein Genius der Ruh die Thür Zum Tempel der Natur verriegeln; Damit in meiner Einsamkeit Mich nicht die tausend Dinge störten, Die einst an Blüten meiner Zeit, Gleich gierigen Insekten, zehrten, Bis sie zur Abgeschiedenheit, Zum Selbstgenus, mein Herz bekehrten, Und mich durch ihren Unbestand, Den meine Ruh so oft empfand, Die Kunst, sie zu verachten, lehrten. Von jedem Weltgetös' entfernt, Und fern vom Pöbel niedrer Freuden, Der täuschend gute Seelen körnt, Würd' ich mich an der Einfalt weiden, Die selbst vom Hänfling Weisheit lernt. O welche Wollust, auszuruhen Vom Wirbeltanz der Unnatur! Dann würden Thal, und Hain, und Flur, Beredter als die Bourdalouen, Die goldnen Sprüche der Natur Mir in die stille Seele flüstern; Nie würd' ich nach der Täuschung lüstern, Die alles, nur nicht glüklich, macht.
Nein, ich beneide nicht die Pracht, Die manches Elend überschimmert, Und, wie der stolze Blik auch lacht, Die Ruh im Herzen niedertrümmert! O der betrügerischen Pracht! Ein frohes Herz, frei von Verschuldung, Ist warlich mehr, als die Verguldung, Die keinen Gek zum Weisen macht. Schau hin auf jene Vorgemächer, Wo man einander quälend ehrt! Die liebe Langeweile leert Auf diese Gruppen einen Köcher, Der nie mit seines Pfeiles Gift Das Leben Deiner Stunden trift. Tritt näher, Freundin, den Geräuschen, Nach welchen man sein Daseyn misst, Das, klein und kriechend, wie die List Durch die es Nichts, und Alles, ist, Sich martert, um sich selbst zu täuschen.
O wie verliert sich das Gefühl Der Wahrheit auf dem Welttheater, In Nachahmung und leeres Spiel! Vergönnt mir nur der gute Vater Des Lebens, die Zufriedenheit, Mein Herz mit jener Heiterkeit Und Wahrheit der Natur zu nähren: So weilt im Schatten meiner Zeit Das stille Glük, das selbst der Neid Nicht würdig achten wird zu stören.
Dich, Vater, find' ich überall In der Natur! Der Wasserfall, Das Lüftchen, das mit seinem Flügel Die Blüt' umarmt am Schlehenhügel, Das hohe Lied der Nachtigall, Selbst das Gekreische froher Raben, Ja Alles spricht so gut von dir, Und nichts verläumdet dich, als — wir! Wir Menschen, voll von deinen Gaben, Und dennoch von dir selbst so leer! Was Menschen erst entgöttert haben, Nur darin find' ich dich nicht mehr!
Ja, Freundin, es ist warlich schwer, Zur Unnatur sich zu gewöhnen, Und durch die trügerischen Szenen Der Klugheit, die so freundlich hasst, So höflich mordet, froh die Last Des Lebens vor sich herzuwälzen. Im Schuz der Einfalt einer Flur, Und zwischen friedlichen Gehölzen, Verstatte mir nur die Natur, An ihrem Tisch mich zu vergnügen! Bei ihr ist Wahrheit! Ihre Flur Straft jeden Fürstenteppich Lügen; Bei solchem Freudenmale nur, Trank ihr geliebter Epikur, Ihr Priester, einst, in langen Zügen, Die unvermischte Wollust ein. O er verstand's, im grünen Hain, An ihrem Busen sich zu wiegen! Und das wär' ihm nicht zu verzeihn? Nicht zu verzeihn, daß er die Schale Des Lebens aufschloss, und den Kern, Von allem Weltgetöse fern, In einem kleinen Rosenthale, Das seine Hand erzog, genoss? Nicht zu verzeihn, daß auf der Stelle Der Veilchen seine Weisheit spross? Daß ihm in grün umwebter Quelle Die Lehre seiner Tugend floss? Verzieh doch er dem grossen Tross Der Thoren, die an Schalen käuten, Die Armuth ihrer Schwelgerei! Las sich die Streitsucht müde streiten, Die ewig fragt: was Freiheit sey? Mein Epikur war weis' und frei! Und war er's nicht: wo würd' ein Leben, Und wär's an Götterfülle reich, Im Himmel und auf Erden, euch Bericht auf eure Frage geben?
Oft hört' ich auch: ein weiser Mann Ist immer frei! wie leicht gesprochen, Nur nicht so leicht gethan! Wie kann Auch selbst ein Weiser sich entjochen Von manchem Niederdruk, woran Die Sorg' ihn knüpft, mit allen Härten Des Misgeschiks, und wenn er dann Zur Einsamkeit in seine Gärten, Wie Epikur, nicht flüchten kann, Wo ihm der Freiheit Mirten blühen? Was bleibt ihm nun? Etwa der Welt, Worin ihm manches nicht gefällt, Wie Jakob Rousseau, zu entfliehen, Und von den Possenspielen fern, Worin sie wirbelt, aus dem Kern Sich eine bessre Welt zu ziehen? Wo Hass und Unruh nie das Fest Der Unschuld und der Freude stören? Ich rathe nicht dazu! Es läst Sich immer noch die Frage hören: Ob wir bei einem ew'gen Fest Der Freude wol beglükter wären, Als diese Welt uns werden läst, Die freilich uns noch manche Zären Und Seufzer aus dem Herzen prest, Dem schöne Pflanzungen verwildern, Die schönste Hofnung Täuschung giebt. Was hilfts, nach rosenfarbnen Bildern Zu haschen, die ein Hauch zerstiebt? Man schafft, empört von dem Tumulte, Der um uns her sein Wesen treibt, Sich eine Welt, bei seinem Pulte, Die glüklicher im Pulte bleibt.
So hab' auch ich, in schönen Träumen, Mir manches Paradies geträumt, Und seinen Horizont mit Säumen Des schönen Morgenroths besäumt, Aus dem, mit Lichtgeström umschäumt, Im Schimmer seines Glanzgeschmeides, Der Tag den Elisäern keimt, Und das Phantom des Weltgebäudes, Das ich für meine Ruhe schuf, War lieblich anzusehn! Des süssen, Des reinen Daseyns zu geniessen, War hier der einzige Beruf Der Göttermenschen, die ich schuf. Sie waren alle Virtuosen Der Tugend, und die Unschuld lag Auf Blättern hingewehter Rosen, So ruhig, wie der Feiertag, Der ewig meinen Fluren glänzte, Vollauf von der Natur beschenkt, An deren Busen, ungekränkt, Der Friede sich mit Epheu kränzte, Mit keiner Fessel mehr bekannt, Auf welche Trug und Bosheit pochten, Als nur mit der, die, von der Hand Der Treu im Mirtenhain geflochten, Sie nur im Schoos der Liebe fand. Kurz meine Welt, das Vaterland Der Ruh, war eine schöne Welle, Die in den Strom der Welten rann; Da lächelte aus jeder Quelle Ein Engel einen Engel an.
Der Freundschaft süsse Rosen glühten So unverwelklich durch den Hain Des Lebens, so von Giftthau rein, Wie sie nur auf der Insel blühten, Die, ohne Stolbergs Phantasie, Im grossen, unbegrenzten Meere Der weiten Idealogie, Wol unentdekt geblieben wäre. Man lebt' in süsser Harmonie. Sanft athmete, durch alle Triebe Des Strebens, nur der Geist der Liebe, Der Geist der holden Sympathie, Der meinem Volke, fern vom stolzen Aufstrebungsgeist, den Sinn verlieh, Mit welchem, Herz in Herz verschmolzen, Die allerreinste Melodie, Der Wohllaut eingestimmter Saiten, Den Plato selber nur vom weiten Im Traum empfunden haben soll, Ins grosse Chor der Wesenheiten So zauberisch hinüber quoll.
Bei diesem ungestörten Liede Der Seelenharmonien, lag In seinem Palmenhain der Friede, Und feierte, der Flucht nun müde, Den feierlichsten Ruhetag, Der jemals auf dem Augenliede Der jungen Morgenröthe lag. Und ausgesöhnt war Erd' und Himmel, Ein nie umwölkter Sonnenschein Beschien das frölichste Getümmel, Beschien den ewig grünen Hain.
Die von der Weisheit selbst verehrte, Nicht leichte Kunst, sich stets zu freun, Die sonst kaum Weisen glükte, hörte Ganz auf, die schwere Kunst zu seyn, Die Vater Utz im Mirtenhain Der Unschuld und der Liebe lehrte, Und Gleim, den jede Rosenflur Der Musen liebt, und immer liebte, Durch vierzehn schöne Lustren übte: Sie war blos Gabe der Natur.
Das Heiligthum der Gabriele Gab meinem Volke jeden Zug, So wahr, daß er das Bild der Seele, Aus welcher er gequollen, trug; Und Sanftheit sprach aus jedem Zug.
Kein Wild durchächzte die Gebüsche, Vor wildern Menschen auf der Flucht; Man war noch menschlich; kein Gemische Vergossnen Bluts und grüner Frucht Lies man zu seinem Mahle tragen — Der Mensch, aus unschuldvollern Tagen, Der fiel gewis das Thier erst an, Eh er es über sich gewann, Sein eignes Wesen zu erschlagen. — Noch lebten meine Lotophagen Mild, wie der Hain, sanft, wie die Flur, In süsser, unschuldvoller Frohheit, Weit zwar entfernt von wilder Rohheit, Doch dicht am Busen der Natur, Umwebt mit friedlichen Oliven; Den Segen der Zufriedenheit Lies ich von allen Zweigen triefen, In deren Schatten, überstreut Mit Blumen jener goldnen Zeit, Die Unschuld und die Liebe schliefen.
Vielleicht, wenn mein Vielleicht nicht irrt, Erwartest du, wie hell die Wahrheit, Im ganzen Aufwand ihrer Klarheit, Durch meine Schöpfung leuchten wird? Sie kam von selbst, auf allen Wegen, Die sich durch mein Elisium Hinschlangen, meinem Volk entgegen, Man irrte nie um sie herum; Man pflükte nicht aus Dorngehegen, Nicht mühsam ihren Rosenkranz; Sie warf ihn jedem Wunsch entgegen; Sie mischte sich in Spiel und Tanz: Da ward sie, troz dem ofnen Segen, Den sie durch meine Götterwelt Hinströmen lies, in leichten Spielen Verstekt, zum Wettkampf aufgestellt. — Wie doch die Wahrheit den Gefühlen Des Herzens, nur verhüllt, gefällt! Mit Mühe wollen wir sie haschen! Die Freude, sie zu überraschen, Ist das, was ihren Reiz erhält.
Und streng und freundlich wog die Waage Der offensten Gerechtigkeit, Von keiner Frevelhand entweiht, Das Recht der Wahrheit zu, und Tage Voll Einfalt, Still' und Heiterkeit.
Die reizende Bescheidenheit, Der reinen Wahrheit treu, verhüllte So tief sich in sich selbst hinein, Daß meine Welt der Wiederschein Von ihren Thaten nur erfüllte.
Die Duldung — himmlisch hold erschien Sie im erhabnen Schmuk der Demuth, Und um ihr Lächeln lies die Wehmuth Ein sanft verhüllend Wölkchen ziehn. So führte sie in jede Hütte Die stille Sanftmuth selbst hinein, Die schloss den Druk, durch den sie litte, Geheim in ihrem Busen ein. Den Druk? — Woher denn Druk und Pein In einer Welt, der die Verschuldung Nichts zu verzeihn, zu dulden gab? Wie kam denn Sanftmuth, wie kam Duldung, Wie kam Zufriedenheit herab Auf eine Welt, die, von Verguldung Der Thorheit weit entfernt, sich froh Im Sonnenschein des Friedens sonnte, Vor welchem jedes Laster floh; Wo man durchaus nicht anders konnte, Als nur zufrieden seyn und froh? Bedurften jene stillen Tage Der Unschuld, die kein Unrecht kennt, Der Tugend jener gleichen Waage? Der Hand, die Recht und Unrecht trennt? Man lebt' in einer süssen Jugend Der Kindheit noch, zu kindlich rein, Zu fromm, um tugendhaft zu seyn; Du siehst denn, Freundin, manche Tugend Kann unter Lastern nur gedeihn! Der Sturmwind, der den Feldern wütend Die tiefsten Narben hinterläst, Errettet, tausendfach vergütend, Das Land vielleicht von einer Pest. Nimm zwanzig Laster weg, so schwinden Vielleicht zehn Tugenden dahin! So las uns denn, für den Gewinn, Auch immer den Verlust verwinden, Und stets der Tugend Blumen streun! Der Kranz, den wir der Tugend winden, Wird einst ein schönes Erbtheil seyn, Das wir in ihrem Schoose finden, In irgend einem Friedenshain, Wo sich die Knoten von den Dingen Vielleicht ein wenig anders schlingen, Als in dem Erdenlabyrinth, Das uns, wie weit wir immer dringen, Mit seiner Schattennacht umspinnt.
Verzeihe denn, du gutes Kind Der Unschuldwelt, daß an den Frieden Der bessern Zukunft, die hienieden Gehofft wird, ich nicht glauben kann! Vom Schauplatz, wo an wilden Dolchen Manch edles Leben blutig rann, Schwing' ich zur Gottheit mich hinan, Die dies Gewebe nur aus solchen, Und nicht aus andern Fäden spann, Wie sie vielleicht der Mensch ersann, Der weise Thor, der, in der Mitte Der Schöpfung da zu stehn, sich deucht; Und mit der Schöpfung seine Hütte, Sich mit der Gottheit selbst vergleicht, Die er noch, Wunder! glaubt zu ehren, Wenn er so gütig für sie sorgt, Und, zu der Haushaltung der Sphären, Ihr seine Hüttenweisheit borgt. Nach tausend aufgeklärten Jahren, Wird noch die Sonne Menschen sehn, Wie, unter längst verschwundnen Schaaren, Die Borgia's und Alba's waren, Und Titusseelen, gross und schön, Die unverlezlich die Gefahren Der Zeitenpestilenz bestehn.
Die Welt rollt stets in Einem Gleise: So schleicht auch Menschenleben fort, Sich immer gleich, von Ort zu Ort, Als dreht' es sich in einem Kreise. Wir hoffen, hoffen! und das Dort Wird endlich hier, dieselbe Reise, Derselbe Weg, dieselben Gleise, Bald Wiesenplan, bald eingeengt; Nun einsam, izt vom Tross gegängelt; Hier blumig, dort vom Stral versengt, Der über unserm Haupte hängt; Und die Gefärten, nie verengelt, Ein Haufe, der sich immer drängt, Bis sich der Weg ins Dunkle schlängelt, Und uns das öde Thal empfängt, An dessen stille, dumpfe Schatten Die lichte Heimathflur sich schmiegt, Die den Ermüdeten, den Matten Im mütterlichen Schoose wiegt.
Doch, wie die Ruhe nun erlangen, In einer Welt, wo Laster sind, Auch wol seyn müssen; die durch Schlangen So viel Vollkommenheit gewinnt, Als durch die sanfte Ringeltaube, Die, aus den Zweigen deiner Laube, Durch holdes Girren mit dir spricht? Wie läst sich da die Ruh erringen, Die unserm Herzen doch gebricht? — O! dazu führt, vor allen Dingen, Die schöne, menschlichschöne Pflicht: Alliebend, wie das Sonnenlicht, Ein jedes Wesen zu umschlingen, Das sich in unser Daseyn flicht; Die bessern Seiten aufzuspüren, Die jedes Wesen trägt, und schön Den Sphärenraum damit zu zieren, In dem sich unsre Tage drehn; Zu sorgen, daß kein Tag vergebens Für uns die Schwalbenflügel regt, Weil jeder einen Theil des Lebens Von uns auf seinen Schwingen trägt; Frisch fort zu gehn, was unsern Tritten Auch in den Weg sich wirft, und dann — Die Gottheit selbst um nichts zu bitten, Was man sich selber geben kann. Ein reines Herz, ein Herz voll Ruhe, Kann uns die Gottheit nicht verleihn, Was ihre Huld auch für uns thue! Der Mensch soll selbst, er soll allein Der Schöpfer seiner Seelenruhe, Der Gott in seinem Himmel seyn!
Doch wird uns oft die Ruh' entrissen; Die Ebb' und Fluth, die uns umringt, Läst nur zu oft sie uns vermissen: Doch, Lina, desto süsser schlingt Der Friede, von der Lind' umdüftet, Und fern von allem eitlen Schmuk, Um uns den Engelarm, und lüftet Dem müden Pilger jeden Druk, Wann endlich von verbrannten Haiden, Durch welche seine Bahn sich krümmt, Der blaue Wald, voll Lebensfreuden, In seine kühle Ruh ihn nimmt.
Nun seyd gegrüst, geweihte Schatten Der Einsamkeit! Nun sey gegrüst, Du frische Quelle, die dem matten Verschmachteten entgegen fliest, Die, unter grün umflohrten Schatten, Die weitre Wallfarth ihm versüst. Die kleinen lieblichen Sirenen Der Waldgesänge laden nun Den Pilger ein, bei ihren Tönen, Am Bachgeriesel, auszuruhn. Und endlich giebt er seinen Segen Dem Rasen, wo er ausgeruht, Und eilt mit hofnungsvollerm Muth Dem vorgestekten Ziel entgegen. Denn diese Ruhe, diese Kühle, Die seine Flammen löschte, macht Der Pilger nicht zu seinem Ziele; Gestärkter eilt er nur, gelehnt Auf seinen Stab, durch die Gefilde. Sprich! kennst du nicht in diesem Bilde Das Herz, das sich nach Stille sehnt? Das, oft verkannt, sich selbst nur kenntlich Durch manche Hofnung hingeharrt, Durch manche Täuschung, bis es endlich Sein eigner Gott, sein Schuzgott ward!
O Ruhe! wenn im Abendgolde Zu Dir des Haines Athem stieg, Und feiernd die Natur, du Holde, Vor deinem Altar stand und schwieg: Wie strebte dann aus dem Getümmel Mein Herz hinaus, um hinzufliehn Zu dir, und deinen ganzen Himmel Dicht um mein Wesen herzuziehn! Wo an vergötternden Gedanken Die edlern Lebensfrüchte schwanken, Die nur in deinem Schoose blühn, Wo rein, und unberührt vom Neide, Durchs Haar der unentweihten Freude Die königlichen Rosen glühn: In diesem stilleren Geschmeide Flieht sie den Stolz und wandelt nur, Mit jenem Sinn der Unschuld freier, Und seliger, durch Hain und Flur; Da wischt sie jede dunkle Spur Des Grams, mit ihrem reinen Schleier Hinweg vom Antliz der Natur.
Die Einsamkeit, die hohe Stille Vergöttert und erhebt den Geist, Daß er sich kühn, aus dieser Hülle Der engen Sinnlichkeit, zur Fülle Der Feier seines Himmels reisst. Hier blühn ihm ewige Naturen Aus der Unendlichkeit hervor; Hier tönt der Welten grosses Chor, Hier spriest auf reinen Aetherfluren Ein junges Sonnenheer empor; Hier blizzen heller ihm die Spuren Der Gottheit auf. Ein stilles Licht, Unsichtbar dem profanen Volke, Versilbert jede Schattenwolke, Die sich um seine Ruhe flicht, Und ihm die Aussicht in den Spiegel Der schönen Zukunft unterbricht, Die auf dem weichen Taubenflügel Der Ahndung um den Rasenhügel Geliebter Urnenreste schwebt, Und nun, entfesselt von dem Zügel Des Erdensinnes, sich zum Spiegel Der reinern Fluth der Wahrheit hebt. Er hüllt sich tiefer ein ins Grauen Der Mitternacht, dem Ernst geweiht, Und auf die Blumen seiner Zeit, Auf seine schönsten Stunden thauen Die Tropfen der Unsterblichkeit. Er sieht am Ufer, wo die Zeit Ihr Laub noch fallen läst, mit Schweigen Das Wogenfluthen, und das Steigen Und Sinken der Vergänglichkeit. Der Vorwelt graue Schatten zeigen Von fern ihm jedes grosse Ziel, Von welchem jede Krone fiel, In der sie noch den Strom umschimmern, Der über Piramiden siegt, Sie wegspült, und mit ihren Trümmern Vorbei an seinem Ufer fliegt. Zum Lispelton der Laubenrosen, Die um den stillen Denker blühn, Tönt lieblich das entfernte Tosen Der Wellen, die vorüber fliehn. Er nimmt zur Stille seiner Rosen Die Welt- und Menschenkunde mit, Die er aus jener Fluth erstritt; Die leitet dann zu dem Gebiete Der Wahrheit, wo die stille Blüte Der Ruhe duftet, seinen Schritt. Gerettet von den Truggestalten, An die der Wahn der Thorheit glaubt, Uebt er die Kunst, sich vest zu halten, Daß ihn kein Trug ihm selber raubt.
Komm! las mich jedes Harms vergessen, Der mit der Welt mich oft entzwei't, Und folge mir zu den Zypressen, Zur Stille meiner Einsamkeit! Ein Pläzchen sey mir zugemessen, Wo nie ein Stolz den andern drängt; Wo still, wie eine Sabbathfeier, Und heilig, wie ein Altarschleier, Der Schatten der Zypressen hängt. Geheiligt sey die Feierstille, Die Ruh, die von den Zweigen tröpft, Aus der das Daseyn erst die Fülle Des wahren, reinen Lebens schöpft, Dem nie die stillen Freuden fehlen, Die Gott in unser Daseyn warf! Das Leben, nicht das Daseyn, darf, Nach Tagen, seine Summe zälen.