Die Einsamen

Chapter 2

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So gehen wir auf die Wiese.

Dort ist es wieder zu hell, Teresa. Ihr wißt nicht, wie schwierig es ist, das rechte Licht zu finden.

Wartet, sagte sie, und öffnete rasch die Fensterläden. Ich meine, es ist nun ein hübsches Licht im Hause. Ich wenigstens, wenn ich's gelernt hätte, ich wollt' Euch hier aufs Haar an die Wand zeichnen.

Nun denn, sagte er kecklich, so fangen wir an.

Er schob zwei Stühle an das eine Fenster, das die Schlucht hinunter den ganzen Lauf des Baches übersah, und bat sie, niederzusitzen. Jene Blätter, die er zu sich gesteckt, um irgend eine Eingebung der Muse darauf festzuhalten, zog er hervor und legte sie auf sein Knie, den Stift in der Rechten. Eine tiefe Röte überflammte die braunen Wangen des Mädchens, als sie nun seinen Blick gespannt auf sich ruhen fühlte. Ihr Auge, über dem die dichte Wimper wie die Schwinge eines schwarzen Falters auf und nieder ging, war starr hinaus gerichtet und in wenig Augenblicken feucht umwölkt durch die Spannung des Blicks. Er bat sie, frei sich zu bewegen, es werde darum nicht schlechter werden. Auch konnte er es sich nicht versagen, an ihrem starken Haar sich ein wenig zu schaffen zu machen. Teresa--! sagte er.

Was ist?

Nichts.--Es war ihm unmöglich, dem großen Blick ihrer Augen gegenüber etwas Zärtliches oder Fades zu sagen. Wie fest und breit und eben war die Stirn, die Brauen wie ruhig geschweift! Er hatte sich jetzt entschlossen, eine halbe Stunde lang eifrig zu tun, als sei er im besten Werk begriffen, und dabei des Anblicks sich zu erfreuen; dann aber das Blatt rasch zu zerreißen, auf seinen schlechten Tag und sein verwirrtes Auge zu schelten und sich zu verabschieden.

Als er nun eben ruhig seine Stellung gewählt hatte und die Miene des Anfangs machte, bemerkte er in der Schlafkammer drüben an der Wand ein männliches Bildnis in schwarzem Rahmen, das ihm einen willkommenen Vorwand gab, noch einmal inne zu halten.

Ihr habt da ein schönes Bild Eures Bruders, sagte er und stand auf, es näher zu betrachten. Wer hat es gemalt? In der Tat, eine treffliche Arbeit. Welch ein sanftes und feuriges Gesicht! Es macht mich immer neugieriger, ihn selber zu sehen.

Den dieses Bild vorstellt, sagte sie zögernd, werdet Ihr nie mehr lebend sehen.

So ist es nicht Euer Bruder?

Es war sein Freund. Er starb jung, und viele haben ihn beweint.

Es tut Euch weh, Teresa, davon zu sprechen; verzeiht, daß ich so viel zudringliche Fragen tue. Er nahm seinen Platz am Fenster wieder ein. Die Röte war von ihrem Gesicht verschwunden, und ihre Augen sahen erloschen aus. Nach einer Pause, in der nur das Rauschen von der Schlucht herauf an ihr Ohr drang, fing sie von selbst wieder an: Ihr habt recht, sanft und feurig war er, ein Kind konnte ihn betrügen, und doch für die, die er liebte, hätte er sich in den Vesuv gestürzt, wenn sie es verlangt hätten. Die Männer sind alle schlecht, sagt Tommaso. Aber ihn nahm er aus und hatte recht. Wer ihn ansah, wußte, keine reinere Seele atmete die Luft unterm Monde. Ist es ein Wunder, daß Tommaso das Meer haßt, welches ihm einen solchen Freund verschlungen hat? Daß er ein schweres Herz hat seit jenem Tag, wo er mit ihm hinausfuhr zum Fischen und ohne ihn wiederkam? Niemand hat es ihm verdacht, daß er tiefsinnig ward von Stund an und sein Gewerbe ihm verleidet war.

Er war auch ein Fischer, wie Euer Bruder?

Er war ein Sänger, Herr, aber ein armes Fischerkind; seine Eltern leben noch heut. Schon als Knabe in den Kirchen schmolz er allen das Herz, wenn er zu singen anfing. Ein reicher Onkel von ihm, der eine Trattoria am Strande hatte, ließ ihn dann lernen bei einem Singmeister; er sollte zur Oper gehen. Und nun stellt Euch vor, am Tage vor seinem ersten Auftreten, wo ganz Neapel schon von nichts anderm sprach, kommt er so gegen Abend zu meinem Bruder; denn sie kannten sich von Kind an und hielten noch immer zusammen. Tomà, sagte er, wollen wir noch eine Meerfahrt machen? Ich habe zu tun, Nino, sagt mein Bruder; die Netze müssen herein, und der Beppo, sagt er, der Knecht muß mit. --Laß ihn zu Hause, Tomà, ich helfe dir schon, ich hab's nicht verlernt über dem Notenlesen.--Und so fahren sie beide hinaus, ich sehe sie noch immer, den Bruder am Steuer, Nino am Ruder; sein Haar flammte in der Abendsonne, und er hatte die Augen auf unser Haus gerichtet; immer steht mir der Blick vor der Seele. Und die Sonne war kaum hinunter, da hör' ich Ruderschlag und springe unter die Tür, um sie zu grüßen--aber Tommaso war allein im Kahn und ruderte wie ein Rasender und schrie mir zu: Guten Abend, Teresa; ich soll dich grüßen von Nino, er schläft schon, unten am Meeresgrund--! Und mehr hört' ich nicht.

Entsetzlich! die schöne hoffnungsvolle Jugend! Wie war es nur möglich, das Unglück, da sie zu zweien waren und den Kahn hatten?

Das schwere Netz zog ihn hinab. Der Pflock, an dem es im Kahne festhing, wich plötzlich aus der Fuge und schoß über Bord, und er, mit den Armen übergebeugt, das Netz zu fassen, verstrickte sich in den Maschen, und der Kahn schlug um, und wie Tommaso wieder auftaucht, sieht er den leeren Kahn ruhig in der Abendröte schwimmen und von Nino nur den Strohhut mit dem Bande, das ich ihm Tags vorher daran geheftet hatte.-Armer Nino!

Beklagt Ihr ihn? Er ging geradewegs in das Paradies ein und singt vor dem Thron der Madonna mit seiner goldenen Stimme. Beklagt meinen Bruder, Herr; dem liegt sein Frieden unten im Meer versunken, und kein Taucher bringt ihn herauf. Seit jenem Tag hat er nicht mehr gelacht, mein armer Tommaso. Und ehe er ins Gebirge ging, verbrannte er seinen Kahn und seine Netze, und die Leute standen am Ufer und sagten: Er hat recht, der Arme! denn man wußte, daß sie wie Brüder gewesen waren.

Sie schwieg und sah in die Schlucht hinunter, die Hände still in den Schoß gelegt. Er aber hielt die Blätter müßig auf den Knien und versenkte seine Gedanken in das wundersame Schicksal, das auf ihrem Gesicht zu lesen war. Alle Bitterkeit des Erlebten schien verschwunden zu sein und nur das reine Bild des Jünglings ihr vor der Seele zu stehen und die "goldne Stimme" sie zu umklingen.

Um so heftiger erschrak der Fremde, als er diese edlen Züge plötzlich sich in wilder Leidenschaft verfinstern sah. Wie ein Schwan, der eine Schlange sieht, fuhr sie mit einem kurzen zischenden Tone auf vom Sitz, zitternd am ganzen Leibe, die Brust arbeitete, die Lippen erblaßten und öffneten sich krampfhaft. Was ist Euch, Teresa, um des Himmels willen? rief er. Sie versuchte vergebens, ein Wort zu sprechen. Da folgte sein Blick der Richtung des ihrigen, der fest auf einen Punkt am Ende der Schlucht geheftet war. Aber was er sah, steigerte nur sein Erstaunen; denn durchaus nichts Furchtbares war's, was langsam dort unten den überschwemmten Weg heraufkam, vielmehr eine Gestalt, in ihrer Art nicht minder anziehend, als ihm vorher Teresa erschienen war. Ein blondes junges Weib, ganz in Schwarz gekleidet, erstieg, behutsam durch das Wasser watend, den Weg zur Mühle. Die Schuh und Strümpfe trug sie in der Linken, mit der Rechten hatte sie den faltigen Rock hoch zusammengeschürzt, freilich mit etwas mehr Dreistigkeit, als vorher Teresa getan. Ein Strohhut, von dem breite schwarze Bänder flatterten, saß ihr, wie vom Winde zurückgeweht, tief im Nacken und ließ das blühende Gesicht völlig sehen, dessen leuchtendes Weiß und Rot schon aus der Ferne heraufschimmerte. Die Augen aber hatte sie auf den Weg gesenkt.

Wer ist diese Frau, Teresa? fragte der Deutsche, und warum verwandelt Ihr Euch so bei ihrem Anblick?

Was wird er sagen, murmelte sie vor sich hin, ohne auf die Frage zu achten. Sie ist noch schöner geworden, noch schlimmer. Was soll das Schwarz? Wenn der Alte gestorben wäre--! Heilige Madonna!

Eine wilde Jagd von Gedanken schien an ihr vorüberzuziehn. Sie komme nur! sagte sie endlich, sie komme nur! Wir fürchten sie nicht, wir kennen sie. Dann, sich erinnernd, daß sie nicht allein war, sprach sie hastig: Ihr müßt dort hinein, in die Mühlenkammer. Sie darf Euch hier nicht finden, sie haßt mich, und wer weiß, was sie mir nachredete, wenn sie einen Fremden hier getroffen hätte. Steht auf, Herr, und um Jesu willen, haltet Euch ruhig, daß sie Euch nicht hört. Ich denke, es währt nicht lange.

Wenn ich Euch im Wege bin, Teresa, so will ich dort hinaus auf der anderen Seite der Schlucht.

Ihr findet Euch nicht hinaus auf jener Seite, und hinunter dürft Ihr nicht, an der Hexe vorbei.

Überlegt Ihr's auch wohl, Teresa? Und wenn Euer Bruder in die Mühlenkammer träte und einen Fremden dort versteckt sähe?-Mein Bruder kennt mich, sagte sie stolz. Fort!

Nur ein Wort noch. Wer ist sie? was fürchtet Ihr von diesem Weibe?

Alles; aber ich kenne Tommaso. Sie ist die Frau von Ninos Onkel. Als man den Toten fand, bei Puzzuoli ans Ufer gespült, da blieb ihr Auge allein trocken; Gott verzeihe ihr's, ich nicht! denn sie haßte mich, weil mich viele schöner fanden als sie. Nun will sie mir meinen Bruder rauben, die Listige. Tommaso aber kennt sie; er und ich--ich und er, wer will uns scheiden?--Tretet in die Kammer, Herr, und haltet Euch still. Hernach sag' ich's meinem Bruder, warum ich es getan.

Sie drängte ihn hinein und zog die Tür hinter ihm fest an; dann hörte er, wie sie eilig durch die Hintertür auf die Wiese ging. Er aber, allein gelassen in seinem Gefängnis, konnte sich zuerst einer starken Aufregung und Beklommenheit nicht erwehren. Bald jedoch gewann der Reiz des Abenteuers die Oberhand, und er überlegte, wie er sich in allen möglichen Fällen zu benehmen haben würde. Währenddem sah er sich unter den mancherlei fremdartigen Dingen um; das einfache Radwerk musterte er, die großen Siebe und Bütten, die Mühlsteine der verschiedensten Größe, die an der Wand lehnten. Dort im Winkel war Tommasos Bett aufgeschlagen, ein Gebetbuch lag auf der Decke, ein Weihkessel hing zu Häupten an der Wand. Alles Licht, was in die Kammer fiel, drang von der Seite des Mühlenrades durch große Öffnungen herein, durch die man in die Speichen sah und auf das jenseitige Felsenufer der Schlucht. Aber auch in der Wand, die den Mühlenraum von dem mittleren Gemach schied, entdeckte er bald eine Öffnung, die ihn den größten Teil desselben überschauen ließ. Hier faßte er Posto und wartete mit wachsender Spannung der Dinge, die kommen würden.

Nicht lange, so traten von der Wiese her die Geschwister ins Haus. Er sah Tommasos Gesicht unter einer Fülle schwarzer Lockenhaare, von einer zwillingshaften Ähnlichkeit mit den Zügen der Schwester. Eine tief zurückgehaltene Bewegung belebte jeden Muskel und glänzte unheimlich aus den finstern Augen. Die Jacke glitt ihm von der Schulter, ohne daß er es bemerkte; lange stand er mit gekreuzten Armen am Tisch und nickte zuweilen mit der hohen Stirn, als hörte er der Schwester aufmerksam zu, die seinen Arm gefaßt hatte und mit heftigem Flüstern, für den Deutschen unvernehmbar, zu ihm redete. Aber seine Gedanken schienen abwesend zu sein. Zuweilen zuckte seine volle Unterlippe; doch schwieg er während der ganzen Zeit. Er konnte nicht über dreißig Jahre alt sein; eine herrlichere Männergestalt entsann sich der Späher in der Mühlkammer nie gesehen zu haben.

Da klopfte es an der äußeren Tür. Im Nu flog Teresa von des Bruders Seite fort auf einen Sessel am Herd, an den der Spinnrocken gelehnt stand. Als Tommaso, der seine Stellung nicht verließ, herein! rief und die Tür sich auftat, schwang Teresa den Rocken und schien schon eine Stunde so gesessen zu haben. Auch ihr Gesicht war kalt und gelassen.

Mit einigem Zögern trat die blonde Frau herein und machte sich, während sie den ersten Gruß sagte, mit ihrer Kleidung zu schaffen, offenbar um ihre Erregung zu verbergen. Sie schüttelte vom Saum ihres Rockes die Tropfen ab, warf die Schuhe nieder und zog sie leicht an die nackten Füße. Jede Bewegung war weich, anmutig, halb bewußt, halb natürlich reizvoll. Das Gesicht, erhitzt vom Wege, glühte über und über, und die schwarze Kleidung ließ die Zartheit ihrer Farben und das matte Blond des Haars in diesem südlichen Lande um so wundersamer erscheinen. Sie war kleiner als Teresa, voller und schmiegsamer, rascher, wenn sie sich bewegte. Aber die braunen Augen trugen alles Feuer des neapolitanischen Himmels in sich.

Guten Abend, Teresa! Wie geht's, Tommaso? sagte sie.

Ihr seid's, Lucia? erwiderte das Mädchen. Was führt Euch von Neapel herüber in unsere Einsamkeit?

Nehmt Platz, Lucia, und seid willkommen, sagte der Bruder, ohne sich ihr irgend zu nähern.

Sie folgte der Aufforderung und setzte sich ans Fenster, immer noch mit ihrer Kleidung beschäftigt. Ich hatte in Carotta zu tun, fing sie wieder an, indem sie den Strohhut abnahm und ihr Haar aus der Stirn strich. Da dacht' ich, ehe ich wieder heimfuhr, Euch zu besuchen, Teresa. Der Weg hier herauf ist schlecht; wir hatten böses Wetter.

Für die Mühle war es gut, sagte Teresa kurz.

Lucia ließ ihre Augen im Gemach herumgehen und leicht über Tommasos Gesicht gleiten, der in scheinbarer Gleichgültigkeit mit einem Stück Kreide, das auf dem Tisch gelegen, einen Strich neben den andern malte. Die drei Menschen wußten, daß entscheidende Worte fallen sollten, und jeder wollte dem andern den Eingang dazu überlassen.

Bring doch ein Glas Wein für Lucia! sagte Tommaso jetzt, ohne die Schwester anzublicken.--Teresa spann eifrig fort. Die Fremde sprach nach einigem Zaudern: Lasset den Wein; ich habe nicht lange Zeit zu bleiben. Der Abend sinkt herein und mein Boot wartet auf mich an der Marina von Carotta; denn ich will auf die Nacht nach Neapel zurück. Wie lange haben wir uns nicht gesehen! Warum kommt Ihr nie nach Neapel herüber, Teresa? Der Winter muß hart sein hier in der Schlucht.

Keine Zeit ist mir hart mit meinem Bruder zusammen, entgegnete das Mädchen. Und was hab' ich in Neapel zu suchen? Es zieht mich zu niemand dort, zu niemand.

Wieder schwiegen sie alle. Endlich wandte der Mann sich nach der Schwester und sagte ruhig: Hast du dem Tier den Stall gemacht für die Nacht, Teresa!

Sie zuckte zusammen, denn sie verstand den Wink. Aber wie sie aufsah, erkannte sie an seinem festen Blick, daß es des Bruders Wille war; sie stellte rasch den Spinnrocken weg, verließ das Gemach, und man hörte sie draußen absichtlich laut an der Gittertür des Stalles sich zu tun machen, um jeden Verdacht, als ob sie horche, abzuschneiden.

Dem Deutschen auf seinem Lauerposten schlug das Herz, als er die beiden nun allein einander gegenüber sah. Obwohl die Vergangenheit dieser Menschen ihm nur zur Hälfte offen lag, wußte er doch genug, um eine Szene der seltsamsten Art vorauszufühlen. Er sah bald den Mann, bald die schöne Frau am Fenster an, und seine eigene Lage wurde immer peinlicher, wenn er sich sagte, daß die Worte, die auf beider Lippen schwebten, für keines andern Menschen Ohr bestimmt sein konnten. Einen Moment dachte er daran, sich in die entfernteste Ecke der Mühlenkammer zurückzuziehen. Aber jeder Schritt konnte ihn verraten, und so mußte er stehen bleiben, wo er stand.

Das Schweigen drinnen dauerte noch eine kurze Zeit. Dann sagte Lucia: Eure Schwester haßt mich, Tommaso; was habe ich ihr zuleide getan?

Der Bruder zuckte die Achseln.

Seht, fuhr sie fort, es hat mir oft keine Ruhe gelassen, wenn ich dachte, daß sie es vielleicht allein ist, die Euch so fern von uns gehalten hat. Sie gönnt es keinem, daß Ihr nur ein Wort an ihn richtet. Sie allein will Euch haben.

Ihr irrt, sagte er trocken. Ich hatte meine Gründe, daß ich aus Neapel fortging.

Ich weiß, Tomà, ich weiß. Es begreift es ein Kind, daß ihr damals die Lust am Meere verlort, nach jenem Unglück. Aber sie wäre schon wiedergekommen, wenn Teresa Euch nicht zugeredet hätte, Euch hier in der Wildnis und Öde einzuschließen. Erleben wir nicht alle unsere Schicksale und müssen doch aushalten unter den Menschen? Kommt das Unglück nicht vom Himmel? Und darf es uns so versteinern, daß wir die Menschen hassen, die doch nichts dafür können?

Nichts dafür können? Das ist die Frage.

Sie sah ihn durchdringend an. Ich versteh' Euch nicht, Tomà. Ich verstehe vieles nicht mehr, seit Ihr fort seid. Warum habt Ihr mir auf die Briefe nicht geantwortet, die ich Euch durch Angelo, den Bauern, geschickt habe? Er sagte mir doch, er habe sie Euch allein übergeben, beide; sonst könnte ich denken, Teresa habe Euch das Antworten verwehrt.

Die Briefe? Ich habe sie verbrannt.

Und was antwortet Ihr jetzt darauf?

Lucia, ich habe kein Wort gelesen, das darin stand.

Sie zuckte zusammen. Er aber fuhr fort: Euer Mann ist gestorben, wie mir Angelo sagte; er tut mir leid, er war ein Galantuomo, und das Unrecht, das ich gegen ihn auf dem Herzen habe, brennt mich noch heut. Ihr seid jung und schön, Lucia; Ihr werdet bald einen andern finden, einen jüngeren. Seid glücklich mit ihm!

Damit warf er das Stück Kreide fort und ging, die Hände auf den Rücken gelegt, durch das Zimmer. Sie folgte seinen Bewegungen mit ängstlicher Spannung. Endlich sagte sie: Weiß Teresa, daß ich Witwe geworden?

Sie erfuhr es erst eben aus Eurem schwarzen Kleid. Wir haben die vier Jahre her Euren Namen zwischen uns nicht genannt.

Wenn Ihr die Briefe nicht gelesen habt, so wißt Ihr auch nicht, daß mein Mann Euch dreihundert Piaster vermacht hat; Ihr müßt aber selbst nach Neapel kommen, sie beim Gericht abzuholen, wo sie für Euch niedergelegt sind.

Sie können dort liegen bleiben bis an den jüngsten Tag, sagte er ohne sich zu besinnen, wenn Ihr nicht vorzieht, sie den Armen zu geben. Ich hole sie nicht, auch wenn ich sie nötiger brauchte, als gottlob der Fall ist. Geld von Eurem Manne, Lucia! Lieber verhungern!

Wie redet Ihr? sprach sie leise, mit einer Stimme, die von Bestürzung zitterte. Wie soll ich dieses alles deuten? Es war sonst anders zwischen uns, Tommaso!

Um so schlimmer, daß es anders war!

Sie stand von ihrem Sitz auf, tat einige Schritte auf ihn zu und suchte mit scheuen Augen die seinigen. Die aber bohrten sich fest in die Platte des Tisches, hinter den er wieder getreten war, als suche er etwas Fremdes zwischen sich und das schöne Weib zu bringen, zum Schutz gegen ihre Reize. Sie hatte die rechte Hand fest unter die volle Brust gelegt; der Deutsche sah durch die Wandspalte die blauen Adern auf dem runden Arm und wie die schmalen Finger bebten an dem klopfenden Herzen.

Was habe ich Euch getan, Tomà? sprach sie kaum hörbar. Hat man mich verleumdet bei Euch, so sagt es mir, alles, und ich will meine Finger auf die Hostie legen und schwören, daß ich mir keiner Schuld bewußt bin. Wie eine Begrabene hab' ich gelebt mit meinem Manne, seit Ihr fortgegangen, und niemand kann aufstehen und sagen, daß die Wirtin der Sirena ihm einen Blick oder ein Lächeln gegönnt hat.

Das ist Eure Sache und war die Sache des Toten. Warum kommt Ihr her und sagt das mir?

Große Tränen traten ihr ins Auge, als sie die harten Worte hörte, und er fühlte es wohl, wie tief der Schlag getroffen hatte, obwohl er sie noch immer nicht ansah. Dann sagte er nach einer Weile: Was hilft es, daß wir durch die Maske sprechen, und unsere Stimmen verstellen? Gerade heraus, Lucia: du bist gekommen, um mir zu sagen, daß du nun frei seiest und niemand mehr im Wege stehe zwischen uns beiden. Aber ich sage dir, es steht doch einer zwischen uns, und wir sind verdammt, für unsere Sünden ewige Flammen zu fühlen und ewig getrennt zu sein.

So entschieden er sprach, so lebte doch die Hoffnung wieder auf in ihr. Für unsere Sünden? sagte sie rasch. Was haben wir uns vorzuwerfen? Hat es mir je eine andere Frucht getragen, daß wir uns liebten, als Seufzen und Weinen aus der Ferne? Wenn ich jetzt an deinen Hals stürzen dürfte, wäre es nicht unser erster Kuß? Aber wohl weiß ich, wer zwischen uns steht, Tommaso:--deine Schwester.

Er schüttelte heftig den Kopf. Nein! nicht sie! Aber frage mich nicht, und denke nicht, daß du ihn jemals aus dem Wege räumen kannst, unsern Feind; er ist keiner von den Lebenden. Geh nach Neapel zurück, Lucia, und komm nie wieder herauf nach der Mühle. Ich will, ich darf dich nicht wiedersehen.

Sie trat dicht an den Tisch heran, ihm gegenüber, daß ihn die heftige Bewegung selbst erschütterte und er plötzlich aufsah. Alle Schrecken einer verzweifelten Leidenschaft standen ihr im Gesicht. Ich gehe nicht, sagte sie mit gewaltsamer Festigkeit, oder ich muß alles wissen. Tommaso, mein Mann ist tot, Nino schläft lange in seinem Grab, deine Schwester soll in meinem Hause sein wie die Herrin und ich wie die Magd; bei dem ersten bösen Wort von mir zu ihr magst du mich ausstoßen, als hätt' ich Feuer unter dein Dach gelegt; und du sagst--und ich seh' es--, daß dein Herz noch nicht verwandelt ist: wer steht noch zwischen uns, Tommaso?

Der Tisch zitterte, auf den der junge Mann sich stützte. Ich will es dir sagen, keuchte er dumpf heraus; aber dann geh und frage nicht weiter. Nino steht zwischen uns!

Du betrügst mich, antwortete sie. Du willst meine Gedanken von Teresa ablenken, damit ich es ihr nicht eines Tages vergelte, was sie mir angetan. Du wirst es noch einmal bereuen, daß du mit mir Ärmsten gespielt hast, und mich dann weggeworfen. Und auch sie, auch sie soll die Unnatur büßen, dich hier vor der Sonne versteckt zu halten, wie der Geizige seinen Schatz. Ich gehe.

Bei Christi Blut, Lucia, ich betrüge dich nicht. Es ist wahr, meine Schwester hat dir eine Sache nie verziehen. Aber das ist es nicht--und du weißt nicht, wie ich es meine, wenn ich sage: Nino steht zwischen uns! Niemand weiß es, Teresa am wenigsten. Sie stürbe, wenn sie es wüßte.

Und wenn ich es wüßte?

So würden dir alle Gedanken an den elenden Tommaso vergehen, und du würdest den Weg zur Mühle nicht wiederfinden.

Er bedeckte sein Gesicht mit den Händen.

Du irrst, sagte sie, das kann nie geschehen. Es ist ein Wahn, was zwischen uns liegt, und ich werde ihn wie einen Rauch wegblasen, wenn du ihn mir zeigst. Wo nicht, so finde ich keine Ruhe Tag und Nacht, und übers Jahr hörst du, daß du mich ins Grab gestürzt hast.

Er schauderte in sich zusammen und schien einen letzten Kampf zu kämpfen. Dann sah er sie trostlos, glühend, starr und lange an und sprach: Es muß aus werden, ich will die verzehrende Qual, dich zu sehen und dir zu entsagen, nicht zum zweiten Male zu überstehen haben. Schwöre mir bei deiner Seligkeit, Lucia, daß du niemand sagen willst, was noch niemand von mir gehört hat und was du nun hören sollst. Auch in der Beichte und im Sterben komme das Wort nicht über deine Lippen. Es ist nicht, weil es mir selbst zum Verderben wäre, wenn die Menschen es wüßten; aber Teresa überstünde es nicht. Schwöre, Lucia!

Sie erhob die Hand. Bei unserer Seligkeit schwöre ich dir's zu, Tommaso, niemand soll es wissen außer mir und dir.

Er seufzte tief auf und warf sich in einen Stuhl, die Arme auf die Knie stützend und den Boden zu seinen Füßen anstarrend. Lucia, sprach er halblaut, ich habe die Wahrheit gesagt, Nino steht zwischen uns, jetzt im Tode, wie damals im Leben. Er war rein und unschuldig wie Abel, und auch ihm zur Seite stand ein Kain. Kain floh in die Wildnis; begreifst du's nun.

Sie schwieg.

Du hast recht, fuhr er fort. Wer kann es begreifen? Aber es kommen Stunden, wo die Hölle Macht hat über uns, daß es ist, als säße ein fremder Geist in unserer Brust und knebelte alle rechtschaffenen Gedanken, und nur die teuflischen ließe er frei, zu tun, was sie wollten. Haben wir's dann getan, was hernach das Ende davon ist?--Das soll mir einmal ein Pfaffe auslegen, das weiß keiner!