Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman
Part 9
Und da saß ein kleines Weib mit grünen Augen, der das Blut aus der Brust tropfte, mit dem Gesicht eines Affen. Sie war grau und sagte, sie wüßte nicht wie alt sie wäre. Man fragte sie näher aus, hielt sie an den Händen fest. Tu-schi, der berühmte Beschwörer der Roten Stadt, der sich diese Nacht bei dem bedrohten Pavillon aufgehalten hatte und mit in das Haus gedrungen war, gab ein Warnzeichen den Leuten, welche die graue Hexe hielten; aber es war zu spät. Sie hatte sich in eine schwarze Katze verwandelt, zerkratzte den Männern Hände und Arme. Tu-schi warf sich über sie; im Augenblick, als er über sie fiel, hatte er sich durch einen Blick in seinen achteckigen Handspiegel in einen weißen Tiger verwandelt, zerriß die Katze. Blutend schlugen und bissen sie sich am Boden unter dem Geheul der Weiber; da schlug Ngoh der Hexe den Kopf ab.
Er stand lachend da, freute sich blutrünstig über die schmale rote Lache am Boden, während die andern durch die finstern Gänge liefen, sich zu waschen und von dem Anblick des toten Dämons zu befreien.
Das Kind der Nebenfrau war gerettet. Ngoh erhielt vom Kaiser ein Pfefferminzsäckchen geschenkt.
Bei seiner nun folgenden Tätigkeit im inneren Hofdienst wurde Ngoh den Waffen rasch entfremdet; er mußte sich in die Intrigen, die Klatschträgerei, die Eunuchenatmosphäre einfügen. Er hatte schon eine gewisse spielerische und leidenschaftliche Richtung in sich, der er nun ausgeliefert wurde. Er verliebte sich in den vierzehnjährigen Jungen einer armen Gärtnerswitwe, namens King-tsung, stattete den Jungen völlig aus, nahm ihn zu sich in seine Wohnung, machte viele und feine Gedichte auf ihn. In den Zimmern des ehemaligen Soldaten lagen Schminktöpfe, Parfümflaschen, gestickte Überwürfe herum; der eitle Knabe, der ein weibisches Wesen hatte und nicht ohne gewisse Grazie war, lag auf den Knien des Dämonenbezwingers und ließ sich lächelnd von dessen demütigen Lippen küssen und Konfekt reichen.
Sie liebten sich, bis der Junge, der in seidenen Kleidern wie ein Prinz stolzierte, behauptete, Ngoh schenke einem andern Knaben mehr als ihm und davonlief. Tagelang weinte Ngoh fassungslos auf seinen Zimmern; die Gärtnersfrau brachte den Knaben zurück, der böse Streiche bei ihr gemacht hatte. Ngoh verzieh ihm, auch als er gestand, daß ein Eunuch ihm nachstelle und daß er schon Geschenke von ihm angenommen habe. Nach und nach erfuhr Ngoh Einzelheiten von dieser Freundschaft, erfuhr, um wen es sich handle und wurde darüber so betrübt und angeekelt, daß er wieder anfing, zu bitten, man möchte ihn zum Wachdienst auf der Mauer zulassen. Er war dabei keineswegs böse über den Jungen; aber der merkte eine Veränderung in der Art seines Freundes.
Und ob er nun durch den längeren Umgang mit Ngoh feiner und empfindsamer geworden war, er wurde zusehends stiller, verfiel in Schwermut, aß wochenlang kaum, lag in dauernder Abwesenheit. Der Hauptmann verzehrte sich an dem Bett seines Lieblings vor Schmerz, verließ die langen Wochen der Krankheit die Wohnung nicht. Endlich genas der Knabe. Ihre Freundschaft glühte, sie waren sich zugetan wie nicht zuvor. Man übersah zwar in diesem eigentümlichen Kreis die Merkwürdigkeiten der Menschen, aber über die Verliebtheit des tapferen ernsten Ngoh lachte man allgemein. King-tsung war ein großer verzärtelter Bursche; der Hauptmann behandelte ihn, als wäre er empfindlich gegen einen Windstoß, fuhr ängstlich bei dem bitteren Blick des Knaben auf.
Nicht dem Hauptmann, der zu sehr in seine Empfindungen versunken war, fiel das Naserümpfen der Umgebung auf. Der Knabe, noch von seiner Krankheit reizbar, geriet in Zorn über Ngoh, der ihn zum Gelächter machte, beschloß sich von ihm zu trennen, ließ sich willig von einem andern Hauptmann, der mit ihm über Ngoh spottete, kapern. Ngoh wanderte ohne Besinnung auf den Mauern der Tatarenstadt, fiel im Palast in eine lange Ohnmacht, raste; Freunde hielten den Mordlustigen zurück. Sie beruhigten den Mann schwer, dem noch nicht die Augen über sein sentimentales Verhalten aufgegangen waren.
Als er seine Verzweiflung heruntergedrückt hatte, sann er, was tun für sich. Heer und Soldatentracht war ihm verleidet; in der Roten Stadt mochte er nicht bleiben. Er ließ sich an das Flußtransportamt zu Süen-kwa am Yang-ho versetzen. Hier brachte er in eifriger Tätigkeit, mit Reiten, Segeln, Versemachen seine Zeit hin, wurde auf seinen Wunsch weitere drei Jahre da belassen, rückte in eine höhere Stelle auf, steigerte den Verkehr und die staatlichen Einnahmen während seiner Amtszeit nicht unerheblich.
Nach Schluß seines Dienstes in Süen-kwa machte er noch eine kleine Reise zum Besuch eines Oheims in Ta-tung; von dieser Reise kehrte er nicht wieder; man mußte ihn, nachdem er ein halbes Jahr gesucht war, aus den amtlichen Listen streichen. Es wurde ein Verbrechen der Nan-kuräuber angenommen. Aber Ngoh war zu den Wahrhaft Schwachen gegangen, eben in dem Augenblick, als sie aus dem Dörfchen zogen und Wang-lun sie verließ.
Dies war für die sonderbare Gesellschaft, die um die Schönn-i genannten Klippen herumpilgerte, um ostwärts nach dem berühmten Nan-kupaß zu wandern, der erste Augenblick des Schreckens und Staunens, als ein einsamer eleganter Mann auf seinem Maultier hinter ihnen trabte und mit zweien von ihnen zu plaudern anfing. Sie zogen durch das lange schmale Tal; der Reiter folgte. Ngoh folgte in einem unsichern Gefühl; es war im Grunde der Anblick eines jungen Burschen, den er mitten in dem Zug bepackter und zerlumpter Vagabunden erblickt hatte, der ihn fesselte und beunruhigte. Er wußte nicht, daß dieser Bursche eine Ähnlichkeit mit seinem treulosen Freund in der Roten Stadt hatte. Die Männer erzählten vieles; es schienen Sektierer zu sein, die den Behörden zur Last fallen würden. Mittags lagerte er, lachend über sich, aber irgendwie froh, hoffnungsfroh, unter den Gesellen, die ihn wie ihresgleichen behandelten.
Es war eine tolle Umgebung, in der er sich befand, er war beruhigt, in nicht faßbarer Weise angelangt. Sein Oheim in Ta-tung drängte nicht; man muß die Fische fangen, wenn sie kommen; und das Wetter war voll Pracht, schwer von Schnee, wie wenn ein Kind sich über einen Abgrund bückt, seine seidenen Überhänge, dünnen Schals werden bauschig von dem Wind aufgebläht, über seinen Kopf weg, man sieht nur die wallenden Schleifen, Tücher, bunten Schwellungen, glaubt dazwischen lustige verschmitzte Augen zu sehen, schlagende Hände, und ab und zu weht wirklich ein Ingwerduft herunter an eine saugende Nase.
Ngoh in der Mandarinenmütze, braunem dicken Pelzwerk, pelzbesetzten Schuhen kauerte neben einem Teekessel am Boden; sein Maultier neben ihm; eine einzige Tasse wanderte in dem Kreise der sechs Männer; Ngoh trank mit einem starken Vergnügen. Ehe es dunkel wurde und sie in Höhlen Feuerchen schlugen, sagte er mit leiser Stimme, daß er bei ihnen bleiben möchte.
An dem nächsten Tage trat die Notwendigkeit an ihn heran, sich zu entscheiden. Ma-noh erklärte ihm vorsichtig, daß sie die Geschenke aus dem Dorf aufgezehrt hätten; es müsse jeder für sich und für einige Schwache sorgen; ob er sein Pelzwerk verkaufen und gegen Reis und Bohnen eintauschen wolle in dem nächsten Dorfe, wenn er bei ihnen bleiben wolle. Der Priester überlegte dabei, wie der vornehme Mann mit den kühnen Augen auf dem Maultier aussehen würde, wenn er in dickwattierten Kitteln wie sie ginge und die Almosenschale ausstreckte.
Ngoh sagte nicht nein; er bat sich einen Tag Bedenkzeit aus. Er verlangte nur einen Tag Bedenkzeit, weil er das Gefühl hatte, als ob er ein Nachdenken über seine Situation nicht länger ertragen könnte; er wollte hindurch durch diese Wand. Er zog sich dumpf in sich zusammen. Die Gelehrsamkeit des Menzius hatte ihm nichts genützt, die Lieder des Schi-king kannte er auswendig mit ihren Kommentaren. Sie hatten nicht verhindert, daß ein großäugiger Knabe mit schlanken Beinen ihn verriet, ihn verhöhnte.
Brüllend brach es da wie ein Tiger in ihm aus, lief auf dem Wege vor ihm her; er könnte in starrer Wut zuschlagen, wenn er nur ein Schwert in den Händen hätte. Es sprang ihn wie ein Tiger an, den er mit gespreizten Fingern erwürgte, eine halbe Stunde als Leiche vor sich in den Händen hielt und schlenkerte. Ein großäugiger Knabe mit rotgeschminkten Backen; King-tsung. Er rang mit ihm, legte sich atemlos an die eisige Erde. Man ließ ihn still liegen.
Er kaute heftig, kaute mit zusammengeschlagenen Kiefern, so daß er das Spiel seiner Backenmuskeln fühlte, betrachtete angestrengt zwei grüne kantige Steine, die aussahen wie rohe Jade.
Aber es war doch unwahrscheinlich, daß sich hier rohe Jade auf dem Wege finden ließ; vielleicht hatte sie einer verloren.
Aber es war rohe Jade; hier handelte auch niemand mit rohen Jadesteinen.
Ngoh griff vorsichtig an seinem Mund vorbei nach einem und dann nach dem andern, fühlte sie in der geschlossenen Hand ab, wollte sie jedenfalls aufbewahren, in Süen-kwa, wo gute Steinschleifer wohnten, bearbeiten lassen.
Wenn sie gerieten, könnte er sie an einer Gürtelschärpe anbringen lassen in einer Weise, die er sich schon vor einigen Jahren ausgedacht hatte, zwischen einer grünen und lila Stickerei.
Ja, das konnte man mit diesen merkwürdigen Steinen machen.
Die beiden letzten Männer des Zuges bogen um eine Ecke der winkligen Straße, sie ließen sich beim besten Willen nicht mehr erblicken. Sie gingen jetzt vielleicht geradeaus, dann rechts und links, rechts und links.
Ngoh suchte.
Sie gingen vielleicht rechts und links.
Diese schneeschwere Luft, dieses neblige Grau an den kahlen Hängen, fuderhoch über dem Geröll, über das man trat, diese weiche gespenstige Masse, die sich nicht ausschütten und reinigen wollte. Man konnte sie mit den schaufelnden Armen nehmen, sich an die Ohren drücken.
Plötzlich fiel ihm ein: »Lotosblumenlampen, Lotosblumenlampen, heute zünden wir euch an, morgen seid ihr abgetan.« Das Kinderlied flimmerte beharrlich in ihm und ermöglichte ihm, den linken Arm aufzustemmen, die Knie zu biegen, das linke Bein vorzustellen, zu gehen. Und schon bog er selbst um die Ecke des Weges, lief, so rasch er konnte, hinter dem Zuge her.
Er schloß sich vier Männern an, von denen einer, ein buckliger mit sehr klugem mageren Gesicht, vorgewölbten Augen, aus einer Sutra vorlas, langsam, so gut er bei seiner Atemnot konnte. Ngoh hörte auf das alberne Gewäsch. Die vier Männer kniffen aufmerksam Stirnen und Lippen zusammen. Der Fremde mischte sich nicht ein. Zwei grüne kantige Steine drehte er in den Händen her und hin, hob sie vor den Buckligen mit dem Sutrablatt, fragte, ob er glaube, daß dies Jadesteine wären. Der sah ihn an, dann prüften die vier ernst die Stücken, rieben sie gegeneinander, leckten mit der Zungenspitze daran. Sie schüttelten nacheinander die Köpfe; der Bucklige gab mit Ausdrücken des Bedauerns die Steine zurück.
»Ich wollte mir«, sagte Ngoh nachdenklich mit ihnen marschierend, »eine Schärpe mit grünen und blauen Stickereien machen lassen; daran sollten die Steine angebracht werden in einer Weise, die ich mir vor einigen Jahren ausgedacht habe. Aber wenn ihr meint, daß es keine echten Jade sind, so werde ich mir keine Schärpe machen lassen.«
Der Bucklige hob sein Sutrablatt, strich ein Quadrat in der Gebetspyramide darauf mit Holzkohle aus. »Wir wollen noch einmal die Sutra lesen von der Kleinen Überfahrt.«
Ngoh ließ den Tag bis auf den letzten Tropfen der Wasseruhr verrinnen.
Es war ein schöner, einhüllender Abend.
Er gelobte die Armut, die Ruhe, das Nichtwiderstreben. Verlangte keine Versuchszeit, flüsterte, er schlösse sich ihnen an; dabei machte er eine kühle abweisende Bewegung, eine einsargende glättende Bewegung.
Der sehnige Mann stand am nächsten Tage um dieselbe Zeit des Sonnenuntergangs dreißig Li von der Felsenkammer entfernt, in der Ma-noh ihm seine zobelverbrämte Mandarinmütze abnahm, den kostbaren langen Pelzmantel auszog. Er sah ärmlich aus wie alle. Die Männer kauerten auf dem grasbewachsenen weichen Waldboden; sie schöpften Hirse und Hundereis aus Kesseln, tunkten in Näpfe mit Essig.
In zwei drei Tagen war die Ebene erreicht; da mußte man sich trennen bei Tag, betteln. Die Städte kamen, Pe-king kam.
Ngoh hörte auf das metallene Klappern der Näpfe, Gefäße, Eßstäbchen.
Er schloß mit einem harten Ausdruck die Augen. Er schnappte krampfhaft Luft, saß gerade da.
* * * * *
Die auffälligste Wandelung der nächsten Wochen bewirkte der Zustrom von Frauen und Mädchen, der bald, nachdem man in die Ebene stieg, einsetzte. Wang-lun hatte gesagt, es sollte niemand, der Mensch war, von ihnen zurückgewiesen werden; wenn Frauen kämen, sollten sie getrennt von ihnen sich aufhalten, getrennt lagern; man sollte sich nicht durch Lüste in das Fieber des Daseins stoßen lassen; geschähe das öfter, so sei es besser, man schließe die Frauen aus. Dies war klar, und daran hielt man sich. Es war niemand gezwungen, bei den Wahrhaft Schwachen zu bleiben; wer glaubte, die Wanderung über die Erde ohne ihre kurzen glühen Süßigkeiten nicht zu ertragen, durfte umkehren.
Jenseits des Liu-li-ho kam Liu, ein tüchtiger etwas zappliger junger Mensch, der ein schwatzhaftes gutmütiges Wesen hatte, mit einer älteren Frauensperson nach einer zweitägigen Abwesenheit an. Man wollte für ein paar Tage in dieser sanftwelligen Gegend bleiben, traf sich abends in den verlassenen Ställen eines reichen Stierbesitzers unfern einer schlecht gepflegten Pagode. Daß ein Weib da war, sprach sich herum; daß Liu es mitgebracht hatte, erregte allgemeines Schmunzeln; zweifellos hatte sie ihn bewogen, sie zu heiraten.
Es war die kinderlose Witwe eines Teewirtes, die mit ihren schwarzen Pumphosen, schmutzigem Kittel und einem vergrämten breiten Gesicht vor der Stalltür erschien, nach allen Seiten Verbeugungen machte, süßliche Mienen zog. Sie hatte sich einsam gefühlt. Als ihr Liu unaufgefordert bei der schweren Arbeit half, beim Wasserschöpfen und Eimertragen, glaubte sie, er mache sich lustig über sie, war dann geschmeichelt, hörte sein maniriertes Gerede an von Wang-lun, von den Nan-kubergen, und daß sie in keine Klöster gingen, sondern überall auf den Straßen und Feldern wohnen würden. Und welch Zauberer Wang-lun sei; sie hätten so viel, so viel zu erwarten.
Die Witwe sah den jungen Liu, klagte ihr Los; Liu half, redete dies und das. Sie gab ihm ihr Zimmer zur Nacht, indem sie erzählte, sie hätte ein anderes; saß die Nacht auf dem Feld ihres Herrn in einem Schober, dachte, ob sie versuchen sollte, ihn zur Heirat zu bewegen.
Verführungskünste, die sie am nächsten Morgen beim Betreten ihres Zimmers übte, mißlangen; Liu merkte nichts; sie kam sich dumm vor.
Dann gab es ein Wetteschnattern zwischen beiden; sie fragte nach allen Männern an der Pagode, Liu antwortete, sie fragte, wiederholte, Liu wiederholte.
Als der zapplige Junge abends mit einem kleinen Reissack am Arm gehen wollte, nahm sie einen zweiten Reissack, sagte, sie würde mitkommen. Worüber Liu nicht erstaunt war, sondern erklärte, dies sei sehr schön, dann könne er ihr über Ngoh und Chu noch weiter erzählen; Ngoh sei nämlich ein erstaunlicher Mensch und werde bald mit Ma-noh Führer ihres Bundes sein.
Die Witwe war froh. Unter den Männern tat man gleichgültig und zuvorkommend zu ihr; Liu, der sich nicht um die Frau kümmerte, erwarb sich allgemeines Lob, worüber er sich freute. Die Frau pflegte in der nächsten Zeit zwei Kranke, denen die Füße erfroren waren, zimmerte einen Karren für sie, dessen Teile sie zusammenbettelte.
Nach vier Tagen ging sie in das Dorf herüber, half einem Schreiner beim Sägen den hellen Tag für ein paar Käsch, erzählte Bekannten von ihrem neuen Leben, kam mit ihrer fünfzehnjährigen schönen Nichte und einem dicken asthmatischen Weib, der Ehefrau eines Schmiedes, zurück. Auch diese blieben bei den Wahrhaft Schwachen.
Die Frau des Schmiedes war kinderlos, die Nebenfrau hatte sich völlig zur Herrin des Haushalts aufgeworfen; die rechtliche Frau fühlte sich ihres Lebens nicht sicher. Sie meinte, daß die Nebenfrau ihr eines Nachts einen Werwolf aufs Bett geschickt hätte; von der Zeit rühre ihre Atemnot her. Es kam ihr überhaupt nicht geheuer in dem erbärmlichen Hause vor, das nur aus einem stallartigen Zimmer hinter der Schmiede bestand. Daß das Kind der Nebenfrau nicht von dem Schmied herrührte, sondern von irgendeinem abscheulichen Wesen, dessen Natur sie noch nicht genau kannte, war ihr sicher. Die fünfzehnjährige Nichte jener Witwe war gut befreundet mit dieser jugendlichen Nebenfrau des Schmieds. Als die Witwe kam, von den Brüdern erzählte, die Schmiedfrau hoch erregt hörte, welchen kräftigen Zauber diese Männer verstanden, verabredeten sie und beschworen sich gegenseitig, daß sie sich nicht verlassen wollten; die Frau wollte aus der Wohnung heraus, die unter bösen Einflüssen stände, später zurückkehren, wenn sie starke Beschwörungsformeln gelernt hätte bei den Brüdern. Fest entschlossen sich so zu rächen stand das dicke Weib auf. Sie erklärte aber, als sie schon an der Hinterwand der Schmiede abends standen, die Nichte ihrer Freundin müsse mit. Sie säße oft sehr lange mit der Nebenfrau zusammen; aber unter der Diele des Wohnzimmers scharre eine große Ratte, und man könne nicht wissen, was in diesem Hause entstehe zwischen dem begehrlichen Tier und dem arglosen Mädchen.
So nahm denn die Witwe, beunruhigt und kurz entschlossen, ihre Nichte, die sich sträubte, aus dem Dorf, und sie zogen zu dritt nach der Pagode. Es war in den Scheunen schon ganz still; die drei legten sich in eine Ecke auf Bettzeug, das das junge Mädchen hatte unter beiden Armen mitnehmen müssen. Frühmorgens sammelte die Schmiedfrau seufzend und zerdrückt ihre Knochen; die Nichte kraxelte wie ein Hühnchen hinter ihr her, die sich resolut bei diesem und jenem Mann erkundigte, wer am stärksten von ihnen sei und was sie tun sollte. Ein zittriger Mann, der mit einem Stock in dem Sandboden stocherte und sich ein Loch für seinen Wasserkessel wühlte, gab ihr am umständlichsten Bescheid, ohne sie nur einmal anzublicken. Sie fühlte sich sehr angezogen durch das gelassene Wesen des Mannes, der ihr überall beistimmte. Er sagte, es würde wohl bald zu Ende sein mit den Werwölfen, Nachtmahren, wenn erst viele recht tüchtig gegen sie vorgingen. Die Wahrhaft Schwachen hätten ja noch zu ganz andern Sachen Beziehung; sie werde schon noch hören, für die Bündler sei alles nur eine Kleinigkeit, zweifellos Werwölfe seien eine Kleinigkeit. Zum Beispiel Wang-lun --. Er trat ihr auf den Fuß und bat sie weg zu gehen, weil er Platz brauche.
Die Frau, hoch befriedigt, hörte zu. Ihr gefiel besonders, daß offenbar jeder einzelne, Mann oder Frau, ohne Vermittlung eines kostspieligen Wu das Nötige bewirken könne.
Die Nichte kükelte steifbeinig, mit scheinheiligen Äuglein hinter der Schmiedfrau, ratschlagte, wann sie fortlaufen sollte. Wenn sie nur nicht zu Hause saftige Schläge erwartet hätten. Vielleicht verjagte oder verkaufte man sie. Chu sah sie im Vorübergehen mit ihren tränenschwitzenden Augen, einen Schleier vor dem flennbereiten Mund. Er lachte über dies wuschlige widerspenstige Mitglied. Sie vertraute sich ihm an, um ihn auszuhorchen. Er gab ihr Bescheid, daß sie keiner holen würde. Sie ging mit drei Männern schmunzelnd fort, die er beauftragt hatte.
Nonnen, Pilgerinnen, Bettlerinnen, Verunglückte jeder Art nahm der Bund in großer Zahl auf. Um die Zeit, als Wang-lun den Westfuß des Tai-ngan umging, die Binsenruten auf den Winteräckern geschnitten wurden und der erste Regen fiel, wälzte sich der Strom der Wahrhaft Schwachen in mehreren Betten durch die westliche und südliche Ebene von Tschi-li.
Aber weder die Aufnahme der Frauen, noch die Zersplitterung wurde von so großer Bedeutung für das Schicksal der Wahrhaft Schwachen, wie die Veränderung, die Ma-noh erlitt. Dieser ehemalige Fopriester von der Insel Pu-to-schan, Sonderling und Krähenfreund auf Nan-ku, hob sich draußen mit einer fürstlichen leidenschaftsvollen Gebärde auf, begrub unter dem Wallen und Stampfen seines entfesselten Stolzes einen großen Haufen der Wahrhaft Schwachen und sich selbst in der nördlichen Ebene von Tschi-li.
In Pa-ta-ling hielt Ma-noh nur gefesselt, was in Wang vorging. Ein Gefühl aus mütterlicher Angst, Ehrfurcht, Entzücken füllte den kleinen hageren Mann. Als Wang seufzte am Morgen und allein fortzog, blieb Ma-noh in völliger Ratlosigkeit. Er saß in der kahlen Gerätekammer, betrachtete seine aufgetriebenen Fingergelenke, die Buddhas, die er vom Karren hereingetragen hatte, die armgroße Kuan-yin mit den tausend Gliedern aus Bergkristall, die auf dem Fensterbrett stand. Strolche, Diebe und Mörder waren seine Gesellschaft; es hieß wandern, wandern. Vielleicht sah man ab und zu eine Zibetkatze, gleich der fetten alten, die jeden Abend mit der gepolsterten Schnauze gegen seine Tür stieß und wie ein Sperling piepste; sie lief jetzt wohl in seiner Hütte herum, schnüffelte, oder es nistete ein Strolch drinnen, pelzte dem verdutzten Getier Steine auf. Krähen gab es überall, man wird andere Krähen sehen. Was sollte er unter den Wegelagerern? Wang war nicht mehr da. Es hieß wandern, nicht widerstreben, wahrhaft: nicht widerstreben. Das Wort hatte keinen Sinn ohne Wang. Hohl blaffte die Lehre Wangs: »Was nützt alles Toben und Ankämpfen, wenn das Schicksal seinen Gang geht? Was nützt alle Anspannung, wenn das Schicksal mit Glück, Erfolg, Krankheit, Übersättigung nichts als ersticken kann?« Das war ein sonderbarer Feiertagsstaat für Bettler!
Mißtrauisch, in sich versunken ging er mit den andern. Er sprach an dem Tage wenig. Ihm fiel, während er träumte, die letzte Nacht ein, und er hätschelte eine schlimme Sehnsucht nach der tiefen, harten Stimme Wangs. Erst schob er selbst den kleinen Karren mit seinen überdeckten Buddhas, lehnte es bissig ab sich helfen zu lassen. Nach ein paar Li als es aufwärts ging, erlahmten seine dürren Arme, er mußte die Deichsel abgeben. Die Müdigkeit steigerte seine Ungeduld, die ganz klein, quälend rasch an seinen Muskelbündeln wie an winzigen Gitarren zupfte. Er setzte sich auf einen runden Granitblock mitten auf den Weg.
Der Zug staute sich. Ma-noh merkte nach einer kleinen Zeit, da er mit den Blicken immer stier den Schneeboden schaufelte, daß alle haltmachten. Er wollte gereizt aufspringen, den Mann an seinem Karren anfahren, wurde durch die ernsten erwartungsvollen Mienen entwaffnet, sah um sich. Er gurgelte rasch: »Weiter.« Rümpfte beschämt die Nase. Es war lächerlich: diese Leute warteten auf seine Befehle, durchtriebene Gesellen warteten auf den Wink eines Fopriesters, um zu wandern. Wie würde der große Prior auf Pu-to lachen! Er Bandenführer, Räuberhauptmann.
Erst jetzt fiel ihm ein, daß er an Wangs Stelle stand. Aber das wollte er nicht, er brauchte selber Wang. Im Augenblick ergriff das »Ich will nicht«, das Verlangen nach Wang auf eine gewaltsame Weise seine Därme, quetschte seinen Schlund hoch, melkte seinen Speichel. Verzweifelt drückte er die Arme vor die Brust. Er kam sich rettungslos verloren vor. Sein Gehirn schwindelte, seine Haut kochte bei der Vorstellung, daß Wang auf einmal weg sei und alles sinnlos geworden, die freudige Niederlage unter ihm, der Abstieg ins Dorf, die Wanderung der Massen vom Paß. Alles durchlöcherte, entleerte seine Brust, pfählte seine Wirbelsäule.
Er stand an Stelle Wangs: diese starklaunige, plötzlich anspringende Vorstellung schüttelte an ihm.
Er roch mit einer wabbligen Übelkeit im Munde sein altes Leben. Wang konnte ihm entgleiten: was sollte er tun? Er fürchtete sich, er greinte.