Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 8

Chapter 83,617 wordsPublic domain

Abend um Abend ging Wang herüber in die Stadt. Zwischen den Kohlenhaufen mußte er sich durchwinden, die wie spitze Hüte aussahen. Dann kamen leere abgezäunte Flächen, über denen ein erstickender Säuregeruch stand; hier kristallisierte in großen Gefäßen das Schwefeleisen an der Sonne, das sie aus einer Lauge von Schwefelkies gewannen. Am sechsten Tage traf der Besitzer ein, er hatte schon von dem fremden Arbeiter gehört, der Tag für Tag nach ihm fragte.

Chen-yao-fen war groß und breitschultrig, mit starkknochiger Stirn; hatte ein energisches Wesen, sprach in den kurzen dringlichen Sätzen der vielbeschäftigten; seine Fragen griffen unmittelbar an. Wang hatte solchem Manne noch nicht gegenüber gestanden. Er schwankte im Beginn des Gespräches; seine Sicherheit verließ ihn einen Augenblick; einige dunkle Erinnerungen aus seiner Betrügerzeit in Tsi-nan überhuschten ihn; er kam sich ertappt vor. Erst als er den Namen Chus ausgesprochen hatte, der Kaufmann verblüfft an ihn herantrat, und er, Wang mit Chen zu verhandeln anfing, schwieg alles unter kalter aufmerksamer Ruhe. Chen stand geraume Zeit, die linke ringgeschmückte Hand am Mund, still da, von dem Schicksal Chus erschüttert. Dann versperrte er die Türe, hieß den Gast, dessen Wünsche er nicht begriff, sich an einem kleinen Tisch vor dem Hausaltar setzen, bot ihm seine eigene Teetasse an. Wang, dessen Gesicht und Ohren Reste von Kohlenstaub bedeckten, trug sein Anliegen vor, knapp und einfach; welche Not sie in den Nan-kubergen gelitten hätten diesen Winter, wie sie in das kleine Dorf eingedrungen wären, wie die Bettler sich verbrüdert hätten und ihm folgten, was der Unterpräfekt von Cha-tuo gegen sie unternommen hätte. Sie würden untergehen, bäten um den Schutz der Vaterlandsfreunde, denn sie seien schuldlos, wie Chu.

Der Kaufmann, der die aufgerissenen Augen nicht von dem Mann ließ, welcher mit hängenden Armen und geschwollenen Fäusten dasaß und seine Sache hersagte, wie wenn es sich um eine Schale Reis handle, fragte nur, welcher Art der Schutz sei, den man ihnen gewähren sollte. Er erhielt zur Antwort: Druck auf die Behörden; im Notfall unmittelbare Aufnahme der Verfolgten und Eintreten für sie. Dann bat er schon mit leisen Worten Wang zu gehen, um keinen Verdacht zu erregen; morgen würden sie bei den Laugetöpfen, an denen er ein neues Verfahren ausprobe, das er auf seiner Reise kennen gelernt habe, sich in Ruhe weiter sprechen können. Wang verneigte sich und schwang die Hände, nachdem er auf das stündlich Dringende seiner Sendung hingewiesen hatte.

Der Kaufmann keuchte, als er allein war. Er verstand dies alles nicht, verstand nicht, warum Chu, der Schweigsamste von allen, der Hab und Gut liegen gelassen hatte, ohne ein Wort zu verlieren, sich diesen Vagabunden offenbart hätte, sie alle verraten hätte. Er warf sich in der Nacht. Als er sich morgens ankleidete, steckte er ein kurzes breites Messer in seinen Tabaksbeutel am Gürtel; wenn es sein müßte, wollte er den Sendboten bei den Laugetöpfen beseitigen. Chen war nichts weniger als totschlaglaunig; diese Sache erforderte ein augenblickliches Eingreifen. Um keinen weiter zu belasten, suchte er seine Freunde und Gildengenossen nicht auf. Er zündete Räucherkerzen an vor der Ahnentafel in seinem Wohnzimmer, gelobte hundert Täls zum Bau einer Pagode beizutragen, wenn diese Angelegenheit gut abliefe, rief seine Träger.

Seine Sänfte trug ihn bis an die Abzäunung der Felder. Dann schleppten die Träger zu zweien große eigentümlich geformte Tonkrüge mit einer bleischweren Masse gefüllt hinter ihm her, setzten sie auf seinen Ruf neben eine der flachen Laugeschalen ab, die groß wie ein Zimmer war. Eine schwarzbraune Flüssigkeit bedeckte ihren Boden, atmete einen zusammenziehenden ätzenden Dunst aus. Die Träger schickte Chen weg mit einer Handbewegung.

Wang kam, hockte auf Chens Wink neben ihn vor der Schale nieder. Beide wanden sich dünne Seidenschals, die neben Chen lagen, vor Mund und Nase.

Wieviel sie auf den Nan-kubergen seien?

Hundert, als er wegging, jetzt vielleicht vierhundert, vielleicht tausend.

Warum so ungewiß, vielleicht vierhundert, vielleicht tausend? Wodurch könnten sie sich so rasch vermehren?

Sie seien einer Ansicht. Sie litten alle viel. Sie beschützten sich gegenseitig.

Noch einmal, wer er sei, woher er stamme, welche Rolle er bei ihnen spiele?

Er heiße Wang-lun, sei der Sohn eines Fischers, aus Hun-kang-tsun im Distrikt Hai-ling, Schan-tung, gebürtig. Er führe sie; er hätte ihnen geraten, nichts zu tun gegen Bedrückungen, sondern als Ausgestoßene zu leben ohne Widerstand gegen den Weltlauf.

Was er damit bezwecke, der Führung, dem Raterteilen, was er mit alledem bezwecke? Warum sie sich denn nicht einfach in die acht Himmelsrichtungen zerstreuten, so lebten, ganz so lebten, wie er meine und wie es ja wohl entsprechend sei; statt sich zusammenzutun, die Aufmerksamkeit der Ortsbehörden auf sich zu lenken, Schutz fremder Genossenschaften zu verlangen und all das.

Wer sich zerstreue, verkäme, meinte Wang. Auch er hielte es für gut, daß die Brüder zusammenhielten; sie wären sonst in Kürze wieder Mörder, Seeräuber, Frauenschänder, Einbrecher. Es sei nicht genug, Wegelagerer zu sein, sondern man müsse wissen, auf welchem Wege man zu lagern habe.

Jetzt erst befiel den entschlossen dasitzenden Kaufmann ein Erstaunen. Er betrachtete den Mann neben sich, der ruhig Antwort erteilte und immer in die schwarzbraune saure Galerte blickte.

»Du hast deine Lauge vier Tage lang stehen, Chen. Es genügt nicht, daß du den Kies, den wir aus der Grube holen, wäschst. Du hältst die Lauge tagelang unter dem Sonnenlicht. Ein Kristallschwefel nach dem andern schießt auf, je mehr das Wasser abdunstet. Gieß deine Lauge in einen Bach: es wächst kein Kristall, Chen.«

An den nächsten Tagen stundenlange Unterhaltungen der beiden. In der letzten spielte Wang seinen Trumpf aus; daß er wohl den Schutz der Weißen Wasserlilie für seine Brüderschaft erbitte, aber nicht mit leeren Händen komme. Denn er bringe dem Bund ein ständig wachsendes Heer, auf das Verlaß sei. Wenn man die Saiten des Juch-kin zu stark spanne, hören sie auf zu klagen und zu tönen, springen wie ein Schwärmer um Neujahr dem Spieler an die Wange, pfeifen eine blutige Strieme hin.

Schwer entschloß sich Chen am Spätabend des vierten Tages Freunde zu sich einzuladen zu einer Mahlzeit auf den folgenden Tag. Und nachdem sie, sechzehn an der Zahl, drei Stunden diniert hatten, viele seltene Gemüse, Krebsschwänze, Pasteten, Hahnenköpfe, Hammelklößchen, gedünstete Nudeln, nachdem das zarte Gebäck, die Weine, Liköre und der Essig von den kleinen Tischen geräumt waren, mußte Chen seinen rauchenden Freunden von dem seltsamen Bettler aus den Nan-kubergen in Tschi-li erzählen.

Er erzählte erst scherzweise, anekdotenhaft von ihm, dann als die Gäste auf andere Dinge übergehen wollten, hielt er fest, und plötzlich war der Ton ihres Gespräches, nach ganz unmerklichen Wendungen, geändert, und das Gurgeln der Wasserpfeifen ließ nach. Es trat alles ein, was Chen gefürchtet hatte. Es gab Lachen, Entrüstung, Befremdung über seine Rolle; bei manchen, den klügeren, Angst und Versteinerung.

Sie saßen um die kleinen, dicht aneinander geschobenen Tische in dem prunkhaft erfüllten Wohnzimmer. Bunte Teppiche und Bambusmatten wärmten den Fußboden. Dunkel gebeizte Holzsäulen, zwei Reihen, stützten eine fein gefelderte Decke, von der eisengetriebene Lampen und Laternen herunterhingen an den Füßen von Greifen, aus den Mäulern von Drachen. Fleckige Orchideen lagen an jedem Platz. Ein ausgezogener prachtvoller Wandschirm verkleidete den Achtgenientisch an der Hinterwand des Hauses vor dem Hausaltar. Ein ungeheurer meterhoher Prunkspiegel war nach der Wand zu gedreht und zeigte auf seinem glanzigen schwarzen Holz Reiher, die über Wellen hinziehen, auf Felsen am Ufer sitzen, ganz klein am Firmament gegen Sonnenstrahlen auffliegen.

Chen-yao-fen saß in einfachem schwarzen Seidengewand unter seinen bunt geschmückten Gästen. Sie naschten Süßigkeiten, schluckten aus winzigen Teetassen, brachen Nüsse. Sie genossen die Weichheit und Leichtigkeit der Stunde, warteten auf die Schauspielerinnen, die Chen aus der Stadt zu mieten pflegte, und waren gar nicht geneigt, an Bettler aus den fernen Nan-kubergen zu denken. Als dann der Name Chus fiel, und daß Chu in den Nan-kubergen anscheinend von ihnen gesprochen hatte, wurde die Erregung, das Aufspringen, das Drängen um Chen allgemein. Das Klappern der feinen Bonbonschälchen hörte auf. Sie scharten sich an dem Wandschirm vor Chens Hausaltar zusammen.

Pelien-kao, die Weiße Wasserlilie, tagte.

Die Flüche auf Chu wurden laut. Man wollte Näheres, Näheres, Näheres wissen. Was denn, wie denn, warum denn? Die Erklärungen Chens wiederholten sich; man sollte die Anhänger der Wasserlilie in Tschi-li orientieren, auf die Entwicklung der Dinge aufmerksam machen, sie veranlassen, ihren Einfluß geltend zu machen, daß nichts gegen den neuen Bettlerbund geschehe, die Bettler im schlimmsten Fall selbst aufnehmen und verbergen.

Durch den heftigen Widerspruch der andern wurde Chen, der nicht ganz sicher sprach, gereizt, sprach mit großer Kraft und nicht ohne Spitzen. Man trennte sich auf das Verlangen vieler, die sehr bestürzt waren, kam überein, sich abends noch einmal zu treffen.

Es war Furcht, was die meisten dieser sechzehn Männer beherrschte. Ihre Sache sollte plötzlich ein Gesicht bekommen. Plötzlich: das war das Wesentliche; ohne Not, ohne Grund. Die Regierung Khien-lungs dauerte lange. Der Kaiser hatte eine harte, nicht ungerechte Hand. Es war gefährlich, aussichtslos gegen ihn Aufruhr zu erheben. Es war nicht die Zeit.

Abends flackerten die bunten eisengetriebenen Laternen und Lampen von der getäfelten Decke. Die Vorwürfe, die einzelne gegen Chen vorbrachten, waren heftiger als mittags. Daß er sich eingelassen hätte mit diesem Sendling, statt einem raschen Mann fünf Schnüre Käsch zu geben, dazu ein kleines scharfes Messer. Einer jammerte, weinte, gab sich und seine Familie verloren.

In der Finsternis schlug mit einem verabredeten Zeichen Wang an die Hintertür des Hauses. Neben dem Altar kam der große lumpenbekleidete Mensch hinter dem Wandschirm hervor, stand unter den erregten Kaufleuten. Er sagte fast wörtlich, was er Chen erzählt hatte. Als sie in ihn drangen, berichtete er, wie sie vom Berg laufen mußten, die armen und kranken Männer, die mit ihm auf dem kahlen Nan-kugebirge wohnten. Er sprach, als ob es ihn nicht beträfe. Einigen von den stolzen Kaufleuten kam der Gedanke: man füttert diesen verhungerten Burschen aus und schickt ihn mit ein paar Täls nach Hause. Sie beruhigten sich bei seinem Anblick, den sie genossen. Er sah wahrhaft nicht ängstlich aus, sie lächelten leise und nickten sich mit den Köpfen zu. Es mag sein, daß es ihm und den andern schlecht ging; die armen Teufel sollten nicht verkommen, keineswegs. Aber wozu dieser Lärm? Wegen ein paar Hungerleider bemüht man nicht Kaiser und Zensoren; wenn der Hwang-ho übertritt, kommen in einer Stunde zwanzigtausend Menschen um, und das Reich zittert nicht, und der Himmelssohn fährt sich nur einmal fragend über die Stirn. Es war ein Irrtum Chus, die Weiße Wasserlilie für eine Wohltätigkeitsanstalt zu halten. Wer wußte, was Hunger und entartete Gesellschaft aus ihm gemacht haben.

Die Erregung flaute ab, das Kopfschütteln wurde allgemein. Sie unterhielten sich miteinander, während Wang diesem und jenem Auskunft gab. Es war lächerlich dieses Argument, daß sich ihnen Scharen kräftiger Menschen anschlössen, wo sie doch nicht wußten, was mit ihnen tun. Man ließ sich nicht von hundert, von tausend Menschen hinreißen zu Dingen, die man nicht billigte.

Wang schwitzte, wischte sich nach Bauernart mit dem Handrücken Nase und Stirn, verbreitete unter die exquisiten Parfüme den beleidigenden Geruch der Landstraße. Er begriff die Lage völlig. In Chen, der gewohnt war zu befehlen, stieg der Zorn über seine Brüder auf, die sich in einer ihm unfaßlichen Weise abwandten, als bestünde keine Gefahr für sie, untereinander schon plauderten und herumgingen, als überließen sie den Mann und seine Sache ihm. Wangs und Chens Blicke begegneten sich.

Plötzlich lächelte der große zerlumpte Mensch, als er über die feinen Konfitüren auf den fünf runden Tischchen inmitten des Saals blickte. Pfiffig verbreiterte sich sein Mund, die gelben Zähne traten hervor; er drehte grinsend den Kopf nach beiden Seiten, indem er langsam unter höflichen Verneigungen die plaudernden Herren zerteilte und mit der Hand über eine gefüllte Porzellanschale fuhr, wie man das nackte Köpfchen eines Säuglings streichelt. Er hockte auf einem geflochtenen Schemel neben den Tisch nieder, aß mit feuchtem Schmatzen die Schale leer. Die Herren hinter ihm gurrten, kicherten, lispelten, stellten sich in kleinen Gruppen um ihn herum, boten ihm von einem Nachbartisch eine neue Schale, die er dankend abnahm. Er erzählte, wie schön und ausgewählt der Geschmack dieser Bonbons sei, nahm auf den Rat der Herren besondere Stücke aus der Schale und aß. Chen stand am Wandschirm still; die Blicke der lächelnden Herren kreuzten sich; man blinzelte sich an; es wurde vergnüglich.

Dann ließ Wang seine Beine herunter, ging um sein Tischchen herum und nötigte einen feinen Herrn, der ihm am freundlichsten Stücke angeboten hatte, -- es war der jüngste, eben der, welcher sich über die neuste Wendung der Sache herzlich freute --, sich auf seinen strohgeflochtenen Schemel zu setzen. Der Herr ging amüsiert mit um das Tischchen, drehte aber vor dem Schemel, stehen bleibend und sich verfinsternd, den Kopf zur Seite und wandte Wang den Rücken. Der sprang vor ihn unter vielen Verbeugungen, wies mit unverändertem Lächeln auf den besetzten Tisch, pries die auserwählten Süßigkeiten. Als der Herr kalt ein paar Schritte an ihm vorbeiging, folgte Wang mit entzücktem Kopfnicken, bot ihm den Arm zur Stütze und die Schultern, um ihn zu dem Platz zu führen an dem Tisch mit den ganz unübertrefflichen Bonbons. Der streifte wortlos mit einer raschen Handbewegung Wangs Ellenbogen. Da umfaßte ihn seufzend der knochige Bettler aus den Nan-kubergen von hinten, trug ihn unbekümmert um sein kinderhaftes Schreien und Strampeln an den Schemel, setzte ihn mit einem Krachen darauf, drückte ihm die aufstrebenden Schultern herunter. Mit dem linken Arm umschlang er dem Herrn von hinten den Hals. Er wandte das wutkalte Gesicht nach allen Seiten, in Fischerplatt drohend, hielt in der rechten Hand das schmale fein ziselierte Messer, das der Herr zum Schmuck an seinem Gürtel getragen hatte, im Kreis um sich schlagend. Immer wieder lud er den jungen Herrn ein, zu fressen; bis der, gedrängt durch die halblauten Zurufe der andern, einen Bonbon nahm und schluckte. Wang zog seinen Arm von dem Hals des Mannes, rekelte sich offen und gähnte. Er spuckte einem fettleibigen älteren Herrn, der in der Mitte des Saales ganz allein erstarrt stand, den halbzerkauten Rest einer Dattel auf die bemalten Schuhe. Er begrüßte unter Totenstille den Hausherrn, den hohen ernsten Chen-yao-fen im schwarzen Seidenkleid, verneigte sich grinsend, versprach morgen wieder die Ehre des Empfanges zu erbitten, schlich um den Wandschirm und war zur Tür hinaus. Das Messer des angefallenen Herrn klirrte, geworfen gegen den Ebenholzrahmen des Wandschirmes.

Chen war der einzige, der während des Spiels alles erfaßt hatte; aber auch die andern, sofern sie nicht vor Bestürzung ohne Gedanken dastanden, wußten etwas Neues, was nicht sich deckte mit ihren Gesprächen. Es krachte im Zimmer, ein dumpfes Aufwuchten; der junge Herr war von dem Schemel, auf dem er noch hockte, ohnmächtig hintenüber gefallen; der umgestürzte Schemel lag halb unter seinen Beinen. Man lief zusammen, bemühte sich um den Bewußtlosen, der plötzlich erbrach, bald die Arme bewegte, sich hoch richtete und die trüben Augen zwinkerte. Es kam zu keinem lauten Gespräch. Die reichen Herren stellten, als wären keine Diener im Haus, peinlich die Ordnung im Zimmer wieder her, beseitigten mit seidenem Schal das Erbrochene. Man ging hin und her.

Chen-yao-fen, mit energischer klarer Stimme, sagte, es würde ihn beglücken, wenn die kostbaren Herren morgen oder in den nächsten Tagen wieder den Fuß über seine verwahrloste Schwelle setzen würden; heute bäte er sie nur noch, bei ihm zu speisen. Einer nach dem andern dankte; man konnte sich schwer trennen, schurrte zerstreut zu den Sänften.

Wang berührte mit keinem Wort den Vorgang in Chens Wohnung, als er den Kaufmann am folgenden Tag auf den Schwefelfeldern traf. Er setzte ihm auseinander, daß kein Mißverständnis darüber herrschen möge: die Brüder aus den Nan-kubergen bäten um keinen Schutz, sondern um Anerkennung und Brüderschaft. Sie seien an sich stark, aber sie könnten gefährlich werden: und dies sollte verhindert werden. Während sie Zusätze zur Lauge in die Pfannen gossen, drang Chen tiefer in die Vorstellungen Wangs ein; seine Ansichten über die Armut, sein Glauben an die goldenen Buddhas wurde ihm deutlicher; er dachte, während er sich vor den blauen Dämpfen das Gesicht mit dem Schal einhüllte, über das Tao, jenen starren unbiegsamen Weltlauf nach, der Anfang und Ende von Wangs nicht ganz klaren Gedanken war. Es waren Schwärmer, die unter der Not, den Behörden, den stolzen Kung-fu-tseanhängern bald Entsetzliches leiden würden. Das heimische alte Tao klang ihm so freudig aus Wangs Gesprächen entgegen.

Als sie nach stundenlangem schweigenden Dahocken und Rühren aufstanden und Chen die Hände schwang, wußte Wang, daß er die Weiße Wasserlilie gewonnen hatte.

Zweites Buch

Die Gebrochene Melone

Durch das westliche Tschi-li puffte der Name Wu-wei sanft wie ein Schwärmer; Schwirren, Verhallen zwischen Bergtälern.

Durch das westliche und südliche Tschi-li ging ein Ziehen, ein rheumatisches Unbehagen, im Arm, in der Schulter, über den Fußrücken, schmerzhaftes Zucken in einem Zahn, Nervenstechen über dem linken Auge.

Das westliche und südliche Tschi-li fühlte in diesem Frühjahr den warmen beunruhigenden Dampf um die Nan-kubettler.

Aus den Hundert, die das Dörfchen Pa-ta-ling verließen, waren nach ein paar Wochen mehrere Tausend geworden. Was man Vagabunden, Straßendieben, Verunglückten zutrug, war nichts als das Eingeständnis der Not. Es hieß nicht mehr wie in den Nan-kubergen: Wang-lun, der lange gefährliche Kerl aus Hun-kang-tsun in Schan-tung, hat sonderbare Sachen von den goldenen Fos erzählt; er hilft uns, er kann zaubern, wir wollen mit ihm zusammengehen. Die Menge predigte für sich. Entfernter wohnende Dorfleute, Pilger bis in die Ebene hinein hörten von den vielen Menschen, die Pa-ta-ling nach dem strengen Frost verlassen hätten und sich bettelnd, arbeitend, betend nach Süden vorschoben. Zuerst wurde behauptet, es handle sich um die Vagabunden und Strolche, welche die Pässe zum Wu-tai-schan unsicher machten; rasch verschwand dieses Gerede. Von Wang-lun erzählte man, er sei nach dem Kun-lungebirge auf einem blauen Pferde geritten, um der Kaiserin des Westlichen Paradieses die Gründung ihres Bundes anzuzeigen. Er sei nach Schan-tung gewandert, um das Goldwasser und die Perlen des ewigen Lebens zu holen. Diese Meinung erhielt sich am längsten. Man entwarf nach den Erzählungen der älteren ein sonderbares Bild von ihm. Man stellte ihn sich vor als einen sanftmütigen Mann, der mit ungeheurer Körperkraft begabt war, mit der er nichts anzufangen wußte. Von Zeit zu Zeit befielen ihn starke Dämonen, die er zu bezwingen gelernt hatte, da er eine furchtbare Zauberformel brauchte. Er hatte ein gutes Herz für die armen Ching-yin, sie sollten alle an seinen fabelhaften Gaben teilhaben.

Wang-lun hatte seinen Schatten hinterlassen, in dessen Dunkel der Bund lag. Ganz von selbst wurden ein paar Männer in den Vordergrund geschoben, an die sich die Menge hielt. Zwar schwang sich einer und der andere auf, aber dies geschah nebenbei. Jeder empfing seine Rolle.

Ngoh, aus Ta-ku in Tschi-li gebürtig, war durch seine Geschicklichkeit im Reiten und Bogenschießen und ein feines Wesen trotz seiner dreißig Jahre schon zum Jo-ki einer oberen Bannerschaft aufgerückt. Er trug mit Stolz, ohne zu prunken, den Mondstein auf der Mütze, die Tigerkatze im Brustschild; wenn er beim Schachspiel die weiche rechte Hand hob und der Perlmutterring am Daumen matt schimmerte, so wußten seine Mitspieler nicht, welche starke Seele ihnen gegenüber saß. Er hielt jahrelange Freundschaft mit einem weibisch geschminkten Schauspielerknaben, einem jungen Herrchen, wie man sich ausdrückte. Der Kaiser schätzte Ngoh sehr, wie Khien-lung überhaupt eine Vorliebe an den Tag legte für feine elegante Männer, die nicht widersprachen, gut turnen und schießen konnten, Sprödigkeit und Härte besaßen.

Infolge der Unerschrockenheit, die Ngoh bei einem damals vielbesprochenen Vorfall zeigte, kam er in den inneren Höflingsbetrieb der Roten Stadt zu Pe-king hinein. Er war mit seiner Abteilung gegenüber dem oberen Stadttor stationiert, wo auf den breiten Wassergraben, der die Kaiserstadt umzieht, das Tor des Wu-ti führt. Dicht an diesem Teil der Mauer, so daß Ngoh und seine Mannschaften von ihren Wachtürmen herüberblicken konnten, lagen die Paläste der kaiserlichen Frauen und der Nebenfrauen. Es verbreitete sich einmal im Herbst, zu einer Zeit, wo das Wasser des Grabens mit Fröschen, Fliegen bedeckt ist, das Gerücht, daß das kleine Kind einer Nebenfrau an Krämpfen gestorben sei, und ihr anderes Kind, ein junger Säugling schon krank liege. Ärzte und Priester bemühten sich, den Fieberdämon aus dem Kind zu bannen, das viel weinte, aber nicht den Namen des Dämons verriet.

Durch ein lautes Geschrei mehrerer Frauen wurde eines Nachts die Wache Ngohs alarmiert; in die Gärten eindringend bis vor den Pavillon der Nebenfrau, hörte Ngoh, daß man im Pavillon eben den Dämon des kranken Kindes gesehen hätte in Gestalt einer kleinen Fledermaus, welche der Mutter ins Haar schoß, dann über das hitzige Gesicht des Kindchens flatterte und zur Tür hinausfuhr. Ngoh erkannte aus der Beschreibung, an der Größe des Tiers, der weißlichen Bauchfärbung und aus der Richtung des Fluges, daß es sich um einen Schatten handele, den er selbst öfter an dem Wassergraben beobachtet hatte, in Gesellschaft einer Libelle und zweier brauner Kröten. Er postierte vor das Tor des Wu-ti zu Einbruch der nächsten Nacht sechs beherzte Männer seiner Truppe, die er mit Schilden, Pfeil und Bogen bewaffnete; er selbst stellte sich vor den Eingang des bedrohten Pavillons mit einem nackten Schwert.

Am Ende der ersten Nachtwache sahen die sechs Männer etwas aus dem Wasser aufschwirren; sie schossen ihre Bogen ab; die Frauen, durch den Lärm geängstigt, ließen Brander auf Brander los, um das Gespenst zu verscheuchen; weiß und grün strahlten die Raketen durch die finsteren Gärten. Der Dämon, nur geblendet, drang durch, umflog die Zypressen; Ngoh sah ihn in dem Licht eines Branders wie betäubt heranflattern. Er hieb auf ihn zu; man hörte ein Quaken und Kreischen. Die Bestie wandte sich, flog zurück. Ngoh verfolgte sie brüllend, mit dem Schwert fechtend; sie kamen vor das Haus des kaiserlichen Musikmeisters, eines Eunuchen; im Nu war die Bestie über der Mauer des Hauses verschwunden. Als noch die Frauen angelaufen kamen und das Licht der zitternden Lampions zunahm, erwachte drin der Beamte, trat im Nachtgewand erstaunt vor die Tür, fragte, was geschehen wäre. Ngoh schrie: »Der graue Fledermausdämon ist hinter deine Mauer geflogen.« Entsetzt lief der schwerfällige Mann mit Ngoh und anderen in das Haus hinein; als sie schon in alle Winkel geleuchtet hatten, schlug sich der Musikmeister vor die Stirn, flüsterte, sie sollten einmal rasch neben dem Ofen im Wohnzimmer suchen.