Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 6

Chapter 63,733 wordsPublic domain

Ma-noh, in der schwefelgelben Kutte, mit roter Schärpe, auf dem Schädel die vierzipflige Mütze, öffnete die Tür. Brausen des Flusses drang in das dumpfe Zimmer, in dem die Klapper nicht mehr lärmte. Blendende Weiße warfen die Schneemassen herein. Ma pfiff und gluckste. Er hielt die große Almosenschale in der Hand, mit Körnern und Brocken gefüllt. Die Krähen stießen wütende Schreie aus. Er hielt die zudringlichen Vögel mit spitzem Lachen zurück. Weit über die Stiege, in den hohen Schnee der Straße flogen die harten Stücke.

* * * * *

Obwohl Wang schon am ersten Abend unruhig drängte, hielt Ma-noh ihn über drei Tage auf dem Berge fest. Am Morgen des vierten klopften Männer an Mas Tür, fünf Räuber aus dem Dorf. Sie hatten Wang gesucht und brachten die Nachricht, daß sie verraten seien, daß gestern nachmittag dreißig Berittene, abgeschickt aus der Unterpräfektur Cha-tuo, unter einem riesigen Pa-tsoung in das Dorf einfielen. Sie hätten, unterstützt von Dorfbewohnern, die Soldaten verjagt, ein Pferd lahmgeschlagen; es konnte aber nicht verhindert werden, daß vier ältere Wegelagerer, darunter ein Kranker, von den Soldaten ergriffen und auf den Pferden mitgeschleppt wurden. Als sie den Raub bemerkt hätten, waren die Reiter schon im Galopp und schossen mit Pfeilen nach rückwärts. Die Brüder drängten sehr fort, berichteten sie. Auch die gutmeinende Dorfbevölkerung bäte, rasch abzuziehen, weil sonst beide, Banditen wie Dörfler, verloren seien. Alle Wege wären gut passierbar, das Wetter erträglich, es werde ein rasches Frühjahr geben.

Von den Männern, die zu der Einsiedelei geschickt waren, gehörten drei zu den engeren Freunden Wangs von den Pochwerken. Es waren die erfahrensten, zuverlässigsten Männer.

Auf das erregte Bitten Wangs blieben sie fast einen halben Tag gemeinsam in Ma-nohs Hütte.

Wang konnte sich schwer bezwingen. Er ging ratlos in einem Durcheinander von Empfindungen an den niedrigen glühenden Herd, über dem der Wassertopf an einem rohen, schlecht geschnittenen Eichmast hing. Sein breites Gesicht schrumpfte unter der Hitze. Er wandte sich und streifte mit den fliegenden Ärmeln die goldenen Buddhas, die ihre bezaubernde, flimmernde, irisierende Miene zuwandten dem stummen Ma-noh, der ihre Blicke aufzufangen suchte, dem Wanderer Wang, den hockenden fünf Vagabunden, die die Köpfe zusammensteckten, teeschlürfend die Nachbarorte durchhechelten. Über und über waren sie bepackt mit zerlumpten Kitteln, Tuchfässer, schwer bewegliche Fleischpakete.

Wang schwankte unter einer Aufwallung und einem unertragbaren Sieden in der Brust die Stiege herunter, und seine schrägen schmalen Augenschlitze kniffen sich zu, geblendet vom Weiß, das entgegenprallte. Er stand am Rand der Bergstraße. Aus dem Flußtal schleiften Nebelschlieren. Von einem drehenden Windstoß gerafft zogen sie sich schlangenartig rasch hoch und pufften, breitschleiernd, über Wang und die lange Bergstraße. Das Rauschen der Schnellen klang unglaublich nah. Das Tal kochte kalt und war verschüttet in den brodelnden Dunst. Muskellose weiche Schneearme streckten sich herauf.

Sie berieten in der kaum mannshohen Hütte unter dem Felsen. Ma-noh mit welkem spitzen Gesicht, im bunten Flickmantel und aufgewundenen Zopf, höflich, leicht gnädig, im Inneren aufgebläht, erwartungsvoll erregt. Wang, zwischen den andern am Herd, bog den Rücken rund; seine Blicke wanderten von einem Augenpaar zum andern.

Er fing an zu sprechen, die Hände auszustrecken, die Freunde zu beschwören: »Die vier Alten haben die Reiter mitgenommen, und man wird sie ins Gefängnis werfen und ihnen die Köpfe abschlagen. Sie konnten nicht so schnell laufen wie ihr. Den Lahmen hab ich auf meinem Rücken getragen, als wir vom Berg herunterliefen. Es wird ihnen keiner glauben, wie elend wir sind und daß der Frost so schlimm war. Der Lahme muß daran glauben, daß ihm ein Bootsmann das Bein zerschlagen hat. Sein Unglück ist groß, man wird ihn an einem ungünstigen Ort verscharren, sein Geist muß betteln, wie im Leben hungern, frieren. Sein Bein war zu kurz und die Soldaten hatten Pferde. Uns nimmt man alles. Wir sollen in den leeren Bergen erfrieren, die Raben sind mit uns ausgezogen, keiner konnte mehr leben, keine Karawane gab zu essen. Unsere armen Brüder nimmt man uns. O, wir sind arm.«

So jammerte Wang-lun, blickte ihnen allen in die traurigen gesenkten Gesichter und litt. Mit einmal kam die Angst wieder und die Befremdung vor ihnen. Er wandte sich, schluckte an dem Kloß hinter seinem Gaumen. Er preßte es gewaltsam herunter, hielt seine eiskalten schwitzenden Hände über den Herd. Sie taten ihm nichts, sie wollten nichts von ihm, es war nur ein Gerede gewesen, er wollte sie gar nicht fragen. O, war das Leben schwer. Dazu blitzte es ihm vor den Augen; bald schienen es von dem Herd verwehte Funken zu sein, bald fuhr es so rasch und glatt zusammen, fünf Säbel und eine kleine getünchte Mauer.

Ein breitschultriger alter Mann unter den abgesandten, ein Bauer, dem sein Land mitsamt seiner Familie fortgeschwommen war, veränderte seine entschlossene Miene nicht bei den zitternden Worten Wangs: »Wir müssen unsere Brüder wieder holen. Wenn du ihn in das Dorf getragen hast, Wang, mußt du ihn zurückbringen. Hätten wir Pferde und Bogen wie die Soldaten, wäre nichts geschehen. Der Unterpräfekt von Cha-tuo soll ein kluger Mann sein aus Sze-chuan. Aber er ist zu feingebildet für uns in Nan-ku. Sag selbst, Chu, Ma-noh, wir müssen mit unserer Sprache herauskommen.«

»Der Unterpräfekt Liu von Cha-tuo,« fiel ein jüngerer großer neben ihm ein, auffallend helle Gesichtsfarbe, große scharfe Augen, »der ist aus Sze-chuan gekommen, aber der klägliche Sü weiß, woher Liu seine Täls genommen hat. Er hat sie nicht aus den kanonischen Büchern herausgelesen, die Lieder des Schi-king sollen keine Goldschnüre um den Hals tragen. Ich habe gehört von einer großen Stadt Kwan-juan, als ich einmal über den Ta-pa-schan herüberwanderte. Da kam in das Jamen des glanzvollen Unterpräfekten ein Kurier vom Vizekönig von Sze-chuan; es sollten neue Steuern für den Krieg mit dem und dem erhoben werden auf das und das. Der klägliche Sü weiß die Antwort, die der glanzvolle Liu an den erhabenen Vizekönig zurücksandte, weil er nämlich dem heimwandernden Kurier einen Strick um die Beine legte, um ein paar Käsch beim Betreten einer so großen Stadt zu besitzen. Liu, besorgt um die Stadt, wie ein echter Vater, lehnte die Steuer ab für Kwan-juan: »Die Stadt ist zu arm, die schwarzen Blattern grassieren, die Reispreise unerschwinglich für den kleinen Mann.« Aber als ich selber nach zwei Tagen entzückt über solche Landesliebe in die glücklichen Mauern eintrat, klebten schöne lange Zettel an jeder Wand mit dem Stempel des glanzvollen Liu, in deutlicher würdevoller Sprache. Er gab dem mächtigen Vizekönig zuerst das Wort: »Himmelssohn, Krieg mit dem und dem.« Und zum Schluß Steuern auf das und das, für jeden eine Gabe, diese Gilde jene Gilde. Die guten Leute wußten auf einmal, wie unbezahlbar bei ihnen in den Mauern alles war, das und das und das. Sie waren sehr glücklich und priesen Liu, der sich um die Hebung ihrer Stadt so wohl verdient machte, priesen seine Eltern und Großeltern und zahlten drei Jahre die Likinabgaben für -- Liu, den weisen Unterpräfekten.«

Der hellfarbene Mann lachte wie berauscht. Ma sah ihn streng an; Wang erkannte, daß Sü nicht zu halten war. Einer neben Wang stieß seinen Nachbarn an, dessen Gesicht glühte von dem heißen Wasser, flüsterte, er solle doch reden; das sei besser, als halblaut fluchen vor den Fenstern anderer Leute.

Wang wurde von seinem Schmerz gefaßt und mit eisernen Händen unter ein dickes dunkles Moor zum Ersticken gehalten. Er keuchte. Das war alles falsch, was hier gesprochen wurde.

Während die zwei neben ihm verlegen gestikulierten und heftig auf sich einsprachen, Sü prahlerisch eine neue Geschichte schmetterte, fing Wang an zu klagen, Ma-noh neben sich auf den Boden zu ziehen. Er redete hilflos schnappend, drehte den Kopf, seine Lippen bebten: »Ma, bleib sitzen hier. Seid nicht aufgeregt, liebe Brüder. Sü, du bist gut, es ist richtig, was du sagst. Ich will euch ja nicht langweilen, aber mir fiel etwas ein, wie Sü erzählte von dem Unterpräfekten aus Kwan-juan in Sze-chuan, der uns die vier Armen hat rauben lassen. Wir wollen sie ihm gewiß nicht lassen, liebe Kinder. Habt mich nicht im Verdacht, liebe Kinder, als ob ich das tun wollte. Mir fiel nur ein von Schan-tung etwas, als ich in der Stadt Tsi-nan-fu war, in dem großen Tsi-nan-fu und bei einem Bonzen diente; er hieß Toh-tsin. Ihr werdet ihn nicht kennen, es war ein guter Mann, der mich sehr geschützt hat. Da war mein Freund ein Mann, den sie auch totgeschlagen haben. Ich will euch alles erzählen von Su-koh, so hieß er. Ihr werdet mir glauben, daß ich unsere armen Vier nicht dem Unterpräfekten lassen werde. Nachdem mir das passiert ist in Tsi-nan-fu, und sie mir meinen Freund Su-koh totgeschlagen haben. Er war ein Anhänger des westlichen Gottes Allah, der seinen Anhängern vieles erfüllen soll. Aber in Kan-suh fingen Unruhen an, als diese Leute plötzlich laut beten wollten, und Su-kohs Neffe las zuerst aus einem alten Buch laut vor, und sie haben ihn in Stücke geschlagen mit seiner Familie. Dann haben sie nach meinem Freund in Tsi-nan-fu gesucht, er war ein so würdiger ernster Mann, er hätte die höchsten Prüfungen bestanden. Es kam, wie es will. Sie haben ihn wieder gefaßt, als ich ihn schon herausgeholt hatte mit seinen beiden Söhnen. Er sagte, sie dürften ihm nichts anhaben, er wolle schon auswandern, erst müsse er seine Schulden bezahlen und sein Haus verkaufen und sein Priester müsse ihm einen günstigen Tag angeben. Aber es gab ein Trommeln. Eine Eidechse, ein weißer Tiger, ein dünnbeiniger Tou-ssee gab ihm einen Stoß von hinten mit dem Degenknauf, neben seinem Haus an einer kleinen getünchten Mauer. Dann haben sie ihn eben, wie er sich umdrehte, mit fünf Säbeln totgeschlagen. Ihr müßt nicht lachen, weil ich nichts dabei getan habe. Sein Geist, der eben aus ihm geflogen war, muß in meine Leber gefahren sein, denn ich war besessen die Tage darauf. Und dies ist mir in Tsi-nan-fu an meinem eigenen Freunde passiert. Der Tou-ssee lebt nicht mehr, ihr werdet es mir glauben. Aber es ist zum Weinen, um selbst über den Nai-ho zu gehen: sie kommen immer wieder und nehmen etwas weg. Sie geben keinen Frieden und keine Ruhe. Sie wollen mich und euch und uns alle ausrotten und nicht leben lassen. Was wollen wir machen, liebe Kinder? Ich, euer Freund Wang aus Hun-kang-tsun, bin schon wie weich gerittenes Fleisch, wie stinkende Zeugmasse. Ich kann nur weinen und jammern.« Wang hatte die Haltung eines kranken Kindes angenommen vor Ma-noh, und in einem Stöhnen, Keuchen und Schluchzen arbeitete seine Brust.

Das Wasser stürzte ihm aus Auge und Nase, sein breites derbhäutiges Gesicht war ganz klein und mädchenhaft. Er lehnte gegen Ma-noh in einer Art Betäubung.

Er log nicht von Su-koh. Man hatte ihm in Su-koh einen Freund weggerissen. Wang, der Gassenläufer und Ausrufer in Tsi-nan-fu, war in der Herberge dem Mohammedaner begegnet. Das ernste gelassene Wesen fesselte ihn stark. Es zog ihn intensiver an, als er sich bewußt wurde in dem unruhigen Treiben der Stadt. Er hatte rasch das völlig unklare Gefühl, hier etwas Verhängnisvolles zu treffen, etwas so Tiefes, daß er sich davon abwenden müßte. Er kam wenig mit Su-koh und seinen Söhnen zusammen; ihre Gespräche betrafen tägliche Dinge. Dann kam die Verhaftung Su-kohs, und sie deckte ihm die Stärke seiner Beziehungen zu dem Mann mit Furchtbarkeit auf. Nicht kam er zu einer Vorstellung, worum es sich handelte zwischen ihm und dem Mohammedaner; er merkte nur die Hingerissenheit und unbedingte Teilnahme an Sus Schicksal. Wang hatte das schwerlastende Empfinden, daß man ihn selbst, etwas in ihm von einer schaurigen Verborgenheit, angriff. Und es war nicht die Roheit des Eingriffs, die ihn erschreckte, sondern das Entsetzen vor dem Verborgenen, das ihm vor Gesicht kam, das er nicht sehen wollte, nicht jetzt schon, vielleicht später, viel viel später. Die fünf Säbel und die kleine Mauer fuhren vor seinen Augen zusammen, immer erneut, jede Stunde jede Minute; es war nicht zu ertragen, es mußte überdeckt, vergraben werden. Und so kam die Rache für Su als etwas Erdachtes, Erzwungenes. Erst als er sein Hirschgeweih in Händen hatte in der Kammer des Bonzen, als er sich flüchtete zu den Erinnerungen an die Späße, die mit dem starken Geruch des Geweihs in ihm aufstiegen, an die Jagden über Marktplätze, Jonglieren über Dächer, da wußte er sicher, daß er den Tou-ssee töten würde, mit der Maske glatt und fest alles zustülpen würde. Diese Bewegung machte ihn damals glücklich und sicher: zustülpen. Er wollte sich noch einmal wegtäuschen über die Zukunft, vor der er sich schämte und graute. Es war schon nicht mehr nötig, daß er am Morgen aus dem Wegeschrank aufstand und auf den Übungsplatz lief: er hatte in der Nacht schon zehn, fünfzigmal den Hauptmann erstickt unter der Maske, es war schon alles geschehen. Aber er lief hin; er mußte sich dabei sehen, es sich tief einprägen. Und so geschah der Mord, als ein Opfer, das er sich brachte. So rächte Wang den Mohammedaner, seinen Freund.

Die scharfe nüchterne Stimme des Mannes, den vorher Wangs Nachbar gedrängt hatte, übertönte das Durcheinander von gezischelter Wut und Drohworten. Er rief, es möchte derjenige, welcher am nächsten der Türe sitze, die Hütte umgehen und nachsehen, ob einer draußen sei; er wolle dann sprechen. Als die Türe aufgestoßen wurde und ein langer Bursche mit vorgestrecktem Kopf aus der Hütte verschwand, war es für eine Minute still in der Hütte, so daß man zum erstenmal das Geräusch des Flusses und der stürzenden Schneemassen hörte. Der Bursche kam grinsend zurück: es hätte nur etwas Totes neben der Hütte gesessen. Und er zog das Fell einer graubraunen Zibetkatze aus seinem Kittel hervor. Ma-noh schüttelte sich vor Abscheu; er wollte den Burschen davonjagen, bezwang sich und schnüffelte erregt, als er die andern überernsten Gesichter sah.

Der Mann am Herd, dem unter dem Kinn ein kleiner grauer Bart wuchs, stand auf, stellte sich an die Tür, die er mit seinem Rücken versperrte, sprach leise scharf; fuchtelte sonderbar in der Luft, als ob er Fliegen fange. Er zupfte seinen Bart. Sein altes Gesicht mit den großen Augensäcken war lebendig wie eines schnurrenden Katers. Die schlaffe Haut tat dem Spiel seines Ausdrucks keinen Eintrag; es kräuselte, blitzte, rollte über das platte Gesicht mit dem weit vorgeschobenen Unterkiefer. Er klappte oft laut die Zähne zusammen, man sah seine dünne rosa Zunge spielen, er bog den dickgepolsterten Rücken, machte dies und dies Knie krumm. Von dem Mann wußte man, daß er ohne Grund aus seiner Heimat aufgebrochen war in geachteter Stellung. Er hauste seit Jahren in den Nan-ku-Bergen, tat in Dörfern ehrbare Dienste. Leute aus seiner Heimatstadt, die von dem neugierigen Gesindel nach ihm ausgefragt wurden, berichteten kopfschüttelnd, daß er ohne mindeste Veranlassung alles habe stehen und liegen lassen. Sie waren überzeugt, daß der Alte der Aufdeckung eines Verbrechens zuvor gekommen sei, das aber dann nicht aufgedeckt wurde, eine Geschichte, die sie viel belachten und zur Beleuchtung seines ebenso furchtsamen wie geheimtuerischen Wesens benutzten.

Chu sprach leise: »Da niemand vor der Türe horcht, will euer Diener reden. Wir müssen verschwiegen darüber sein, werte Herren, nicht meine ich aus Angst und Besorgtheit, die gar nicht angebracht ist bei Leuten, welche nichts zu besorgen haben, sondern aus Gründen. Euer Diener Chu hat viele Gründe, leise zu sprechen und die Türe zu versperren, und wenn die werten Herren ihn ruhig angehört haben und ihm zustimmen sollten, so werden sie wie er leise sprechen. Ich habe gute Beziehungen zu Po-schan, meiner Heimatsstadt in Schan-tung, wo meine Neffen und Geschwister meinen Besitz verwalten. Was der geliebte Bruder Wang erlitten hat und was die Einwohner Kwan-juans erlitten haben, ist uns vielmals begegnet da. Schöne Sachen sind uns begegnet, schöne Sachen, aber das Kind, das vor euch steht, will nicht vor alten Kennern schwatzen. Seht einmal: wie oft tritt in den südlichen reichen Provinzen der Gelbe Fluß über die Ufer, und wie oft wirft sich das Meer mit einer weißen Brust über das Land und erdrückt Häuser und Mann und Frau und Kind? Wie oft läuft der Taifun die wimmelnde Küste herunter, tanzt über das gelbe Meer, und alle Dschunken, Boote, großen Segler bekommen plötzlich Beine und tanzen mit ihm auf eine barbarische grausige Art mit. Und das kleine Kind will gar nicht sprechen von den bösen Dämonen, die den Mißwachs auf den Äckern bringen, daß die Hungersnöte ausbrechen. Aber seht, die Menschen wollen es den großen Gewalten nachtun; und wer ein großer Herr ist, will ein größerer sein. Und da treiben Menschen, von Müttern geboren, in den achtzehn Provinzen herum, die die Macht in Händen haben, und werfen sich wie die finstere See über das flache, sorgsam bebaute Land hin und quetschen mit ihrem breiten Leib den Reis und alle Früchte zusammen. Da gibt es Herren, die drehen sich wie die dunkelfarbigen Sandstürme über ganze Städte und bewohnte Dörfer und reißen im Drehen soviel Sand wie Menschen mit, daß alle das Atmen vergessen. Und am schlimmsten wütet eine Springflut, die vor langer Zeit über das kostbare Land, über die Blume der Mitte, gefallen ist, ihr die Blätter und Blüten abreißt. Von Norden ist die Springflut gekommen und brandet über unsere fetten Äcker und Städte. Sie hat den Schlamm und das spitze Geröll auf unsere fetten Äcker und friedreichen Städte geworfen, und sie nennt sich Tai-tsing, die reine Dynastie. Und von ihr will ich etwas erzählen.«

Wang hatte sich längst hochgerichtet, sah den Alten mit aufgerissenen Augen an, stellte sich ihm gegenüber. Die andern reckten die Hälse, rückten näher an die Tür; die Pulse rollten voller durch ihre Schläfen; sie sahen den Alten, sie waren seine Beute.

»Ich will euch nichts von ihr erzählen, denn die alten Herren wissen alles selbst. Wenn der Tiger heult, dringt der Wind in die Täler. Die Mandschus, die harten Tataren, die aus ihren nördlichen Bergen geradewegs von der Fuchsjagd über unser schwaches Land gefallen sind, werden nicht bis zum Eintritt der Ewigkeit über uns leben. Unser Volk ist arm und schwach, aber wir sind viel und überleben die stärksten. Ihr wißt, was man macht, wenn man am Meere wohnt und die sieben ruhigen Jahre sind vorbei, die Regenzeit und der Nordweststurm ist vorbei, das Unglück ist geschehen, was man macht, wenn man noch lebt? Bauen, Dämme bauen, Tag und Nacht, Pfähle rammen, den Lehm häufen, Ruten, Stroh dazwischen, Weiden anpflanzen. Die klugen Männer werden mich unbescheiden nennen, wenn ich sie in dem fremden Hause frage, welche Dämme sie gebaut haben, weil sie sich doch vor der Springflut fürchten und weil sie die Wasser aus dem Lande zurückdrängen wollen? Aber andere haben langsam und leise den Lehm in den Händen zusammengetragen, haben Stroh gestohlen von dem und dem, zu einer Zeit, wo keiner auf sie achtete, haben heimlich feine Weidenschößlinge gesetzt und sie geschützt. Es gehen schon unsichtbar Wälle und Dämme durch das Land, mit Schleusen und Abzügen, die wir schließen, wenn der Augenblick gekommen ist: das Wasser kann nicht zum Meer zurück, das Land ist nicht ersoffen; wir verdunsten unter dem Feuer langsam das Wasser wie die Salzpfänner und behalten die Körner zurück. Ich bin aus Po-schan; wir haben nicht soviele Fruchtbarkeit wie am gelben Sandfluß; aber bei uns blüht zwischen den Kohlen seit langer Zeit eine Blume, heimlich, aber wohl geschützt: die Weiße Wasserlilie.«

Keiner der Männer saß mehr an der Erde; »die Weiße Wasserlilie« stießen sie erregt aus, um Chu sich stellend, klopften ihm freudig die Hände, blitzten ihn aus ihren schwarzen Augen an. Sie waren entzückt über die Verwandlung des trotteligen Katers. Sie lachten mannigfach, befriedigt leise, meckernd und mit Herausforderung, wie Hornsignale klar und triumphierend; Ma-noh glucksend, aber unsicher. Ihre Lippen waren naß, die Münder voll Speichel. Unter ihren Backen glühten dünne Heizplatten. Der Magen schlingerte sanft hin und her.

»Wir sind, alte Herren, zur Beratung hier. Jeder kann beitragen, soviel er im Kopf hat. Wang hat geredet, was ihm mit einem ernsten Su-koh in Tsi-nan-fu begegnete. Ich bin nicht weit her von Tsi-nan, aus Po-schan. Ich habe nicht gewartet, bis mich ein flinker Freund rächen brauchte, und hätte vielleicht nicht gleich einen so raschen gefunden. Steht hinter meiner Straße auch schon die kleine getünchte Mauer, die für mich bestimmt war. Hat die leblose Hand des Himmelssohns schon den roten Todeskreis hinter meinen Namen gemalt. Das Urteil war schon fertig, das nötig gewesen ist, meinen Mund zu versperren.«

Der Alte wollte weiter stammeln; Wang unterbrach ihn. Er nahm ihn stark bei der Schulter, preßte ihn neben sich auf den Boden. Wang streichelte dem Alten die Wangen und die knotigen Hände, bot ihm heißen Tee. Der schluckte noch, schnappte, schlug mit dem Unterkiefer, sah aus geröteten Augen geradezu, hatte gellende Ohren.

Die Vagabunden, von Grimm ausgehöhlt, schluchzten ihren Ballast von sich. Die Arme wurden in einem Wirbel herumgerissen. Die heiße Wut wurde in die Hälse gepreßt, über einen blechernen Resonanzboden geledert, und schnarrend, tremolierend weg in die Luft geprustet. Sie kamen sich bloßgelegt bis auf die Blutröhren, die Lungenbläschen, vor, ihr Rätsel war von Chu gelöst: sie waren Ausgestoßene, Opfer; sie hatten einen Feind und waren glückselig in ihrem schäumenden Haß.

In dieser Minute gab sich Ma-noh an Wang verloren. Ma erlebte die mitleidigen, umdunkelten Blicke Wangs, fühlte, wie Wang innerlich diese rasenden Tiere an sich zog, furchtlos begütigte und küßte; und jäh riß ein Faden in ihm. Was kam nun? In ihm war keine Besinnung. Was lag an ihm! Was lag an dem Prior, an den Buddhas, an den Freudenhimmeln! Versagen aller Bremsen, Niederschmettern aller Widerstände. Verächtliches Lippenzucken über die Vagabunden; ihre Not belanglos gegen das, was in Wang vorgeht. Frösteln. Eine stählerne fremde Sicherheit, von innen heraus zielend. Schwindelloses Fallenlassen in einen Schlund. Schwaches federleichtes Hinlegen vor Wangs Fuß.

Wang bemühte sich stumm, traurig um den Alten. Er sah schon sie alle mit Messern zwischen den Zähnen den Berg herunterlaufen. Sie entglitten ihm.

Er sprach erst, als sie unruhig seine veränderte abwesende Miene bemerkten. Sein Gesicht war noch naß von den Tränen. Er redete müde, er murmelte vor sich hin, zuckte oft zusammen: »Das nutzt alles nicht. Das nimmt kein Ende, und wenn wir zehnmal hundertmal so viel wären als wir sind. Was sind wir? Weniger als die Freunde früher des Chu, und Chu sitzt bei uns und muß sein Herz aufreiben. Eine Schar von Bettlern aus den Nan-kubergen. Es wird Mord auf Mord kommen.« Der listige Erzähler von Kwan-juan überschrie ihn. Seine vorhin höhnende harte Stimme klang bewegt, weich und leicht zornig. Wang und er rangen mit den Blicken. Sie seien keine faulen Bettler. Wer dies erlebt hätte, was sie, sei kein bloßer Wegelagerer. Ja, sie seien arme ausgestoßene Menschen, die kaum mehr widerstreben könnten, halbtote, denen man rasch einen Schluck Wasser einflöße und die man dann mit Fußstößen aufjage, rasch, damit sie nicht vor der Tür stürben. Ihre vier Brüder seien verloren, bald käme die Reihe an sie. Wieder funkelten seine Augen.