Die drei Sprünge des Wang-lun: Chinesischer Roman

Part 5

Chapter 53,619 wordsPublic domain

Das Dorf hatte fünfzig Häuser, die an einer einzigen Straße lagen bis auf vier Häuser, die um einen immergrünen Eichbaum beim Eingang der Straße von den Hügeln her standen. Von diesen Häusern sahen die Leute zuerst das Springen von Menschen über die Schönn-i genannten Felsenklippen, das Fallen und Aufraffen immer neuer Menschen. Sie näherten sich rasch über den weißblauen Schnee, es schien als ob sie verfolgt wären. Ihre Zöpfe flogen wagerecht; man sah sie über die Schultern wie Peitschen schwingen.

Die Frau des Bauern Leh gellte zuerst auf dem Hofe: »Banditen, Banditen, Banditen!« Es rannten Frauen, Kinder, zuletzt Männer, Betten hinter sich, die Dorfstraße herunter, schlugen an Hoftore, verschwanden in den Häusern. Winseln, Kreischen wirbelte über den Höfen, von Dach zu Dach getragen, zitterte über der leeren Landstraße.

Von den Hügeln her kam das Trappen, das ungleichmäßige Knistern und Knarren, weitausgreifendes Bewegen, das nicht einmal zu atmen schien. Gebleichte Gesichter mit reglosen Zügen, Hände, die im Schwung wie Keulen hin und her schaukelten. Körper, die empfindungslos liefen. Rümpfe, die steif auf Schenkeln saßen, welche wie Pferde ritten. Hinter der langen Linie der Einzelläufer schwammen schwarze Gruppen, Hand an Hand gefaßt. Aufgelöste Nachzügler schleuderten die Arme wie Hämmer, um vor sich Löcher in die Luftmauern zu schlagen.

Die wenigen auf dem Dorfe, die vor ihrer Türe standen und den langgestreckten Keil heransausen sahen, sahen auch die schwarzen krächzenden Vogelschwärme, die mit den Vagabunden die Berge verlassen hatten.

Die ersten Räuber warfen sich mit Steingewicht gegen die Tore. Sie prallten hintereinander auf, drangen ein. Die nächsten an die folgenden Tore. Sie überrannten einander. Das Kreischen ließ nach; die Bergläufer in den Häusern strömten Eiskälte aus und das Grausen von Sterbenden; sie konnten ihre Kiefer nicht öffnen; ihre Augen zwinkerten nicht. Die letzten Häuser waren verrammelt. Ein Heulen entstand draußen, ein Gebrüll verwundeter Tiere, daß sich die Frauen verkrochen. Die Lebenden draußen hoben die Körper der Hinstürzenden auf, rannten mit den kopfschüttelnden Rümpfen gegen die Holzpfosten an. Dann öffneten plötzlich die Bauern die Tore, fällten die Wimmernden mit Beilen, liefen in die Nachbarhöfe, hackten in die keuchenden Münder. Nachzügler, die Stärksten, mit den Lahmen auf den Rücken, hetzten ins Dorf, warfen ihre Last in den ersten Hof, folgten dem Schreien, zerquetschten die Bauern wie Geschosse, würgten sie, zerschmetterten ihre Kinder auf der Dorfstraße, wortlos ohne die Mienen zu verziehen.

Die Toten froren dünn und steif auf dem Wege.

Die Lumpen drängten sich zitternd in den Häusern. Die rohen Gesellen umarmten und streichelten sich. Die Starken und Schwachen befiel ein Schütteln. Sie brachen in ein dumpfes Greinen aus, von dem sie sich nach Stunden noch nicht erholten. Sie schlangen flennend herunter, was sie vorfanden. Es wurde keiner in den Häusern angerührt von ihnen.

Als die Dunkelheit herunterfiel, gingen zwanzig von den jüngeren Burschen von Haus zu Haus, verteilten Beile, Dreschflegel, bestimmten Nachtwachen.

* * * * *

Es wurde von der Bande geplant, solange die härteste Kälte anhielt, im Dorf zu bleiben, dann gemeinsam auszuziehen. Die Hausbewohner wurden davon verständigt; an den Ortsvorsteher konnte keine Nachricht erfolgen; er war mitsamt seiner Familie erschlagen.

Man hatte nichts zu fürchten von Verrat während dieser Zeit, der nächste Ort lag sechs Stunden entfernt, und der Weg ungangbar.

Einen ganzen Monat lag das Dorf von jedem Verkehr abgeschnitten. Eine Verbrüderung fand unter den Banditen statt. In der Zeit erlangte Wang über die hundert Männer die Gewalt, die ihm die Rolle des Bandenführers aufnötigte. Bei den täglichen Streitigkeiten, der Regelung des Verkehrs mit Ansässigen, der Beaufsichtigung, dem notwendigen Kundschafterdienst setzte sich seine Körperstärke und schonende Diplomatie durch; die Achtung der älteren Leute schob ihn vor.

Schon nach zwei Wochen besprachen die Wegelagerer unter sich, nach Auszug aus dem Dorf nicht auseinanderzugehen, sondern ein bequemeres Leben unter Wangs Hauptmannschaft weiterzuführen. Wang trennte sich eines Morgens von ihnen, verschwand auf zwei Tage ins Gebirge.

Er lief zu Ma-noh, fand ihn munter, unter Massen Decken und Werg vergraben, in einer Ecke seiner Hütte grinsend liegen, brachte ihm Reis, Bohnen und Teeblätter.

Nach seiner Rückkehr sprach er Tage und Nächte viel mit den Älteren. Daß sie arme ausgestoßene Menschen seien. Daß man ihnen nichts tun dürfe, wie sie selbst keinem etwas täten. Daß nichts schrecklicher sei, als wenn Menschen sich töteten, und der Anblick nicht zu ertragen. Ma-noh, der Einsiedler aus Pu-to-schan, habe ihm viel Gutes und Kostbares von den goldenen Buddhas erzählt, besonders von der Frau Kuan-yin, welche tausend Arme an beiden Schultern hätte und den Weibern Kinder schenkte. Sie seien seine Freunde und sollten tun wie er. Soviel Leiden bringe schon das Schicksal allein, soviel Leiden; warum sie der Himmel hasse, wer wisse das? Er werde, wenn das strenge Wetter nachließe, durch die Dörfer gehen und allen Leuten, auch den Mandarinen sagen, was er denke; dies sei er fest entschlossen.

Die Vagabunden, die ihn von den Pochwerken her kannten, erstaunten keineswegs, als sie Wang so reden hörten; sie hatten solche Gespräche aus seinem Munde erwartet. Sie dachten nicht daran, sich von ihm abzuwenden; seine Meinung stimmte völlig mit ihrer überein; der Himmel haßte sie; man durfte es nicht schlechter machen.

Sie waren gesellige Menschen mit besonderen Vorstellungen über allerhand Dinge, mit großer Lebenskenntnis, in vielen Dingen überlegen dem Durchschnitt ihrer Volksgenossen. Es gab kaum fünf unter ihnen, die sich nicht verjagt und getreten vorkamen und den Eindruck hatten, ein unfreies, gezwungenes Leben zu führen.

Manche waren die Opfer eines starken Triebes geworden, den sie nicht beherrschen konnten, auch nicht beherrschen wollten, die alle Schlauheit in sich aufboten und schärften, um diesem Triebe zu dienen, mit dem sie sich gleichsetzten. Einige Opiumraucher, Spieler von feinerem Gesichtsschnitt, ältere Leute. Nicht wenige, die ein Gewerbe trieben, ab und zu betrogen, entdeckt und bestraft wurden, nun sich schikaniert von den Polizisten fühlten, Schabernack auf Schabernack, Gehässigkeit auf Gehässigkeit folgen ließen, die Grenzen überschritten, und im Grunde froh waren, mit einem Schlage vogelfrei zu werden, der brütenden Gesetzlichkeit entflohen. Dies waren die Glücklichen, die wenig Bitterkeit in ihrer Freiheit fühlten.

Am schlimmsten waren die Hitzköpfe, die Rachsüchtigen, die Zügellosen dran. Sie hatten sich, meistens jung, wegen eines Ehrgeizes, einer Verliebtheit, einer Eifersucht, zu einem verhängnisvollen Schritt reißen lassen, standen außerhalb ihrer Familie, Sippschaft, Heimat, in deren Rahmen ihre Triebe wie ihr Verbrechen sinnvoll wurden, gingen mit bösen Blicken herum, verfluchten sich, kauten an dem unzerreißbaren Gummi ihrer Leiden. Ihnen nützte nichts; sie waren zu allem fähig; man durfte sie nicht anrühren. Sie waren nicht mitteilsam, überall dabei, wo etwas vorging und geplant wurde, machten ihrer Grausamkeit Luft, wo sie konnten, wurden von den Kameraden scharf beobachtet.

Dann kamen viele, die warteten, die sich angeschlossen hatten, nur um irgendwo in den achtzehn Provinzen zu hausen. Das waren die entlassenen Soldaten, die noch ihre zerrissenen blauen Kittel trugen und auf neue Anwerbung hofften. Krüppel, die aus kleinen Ortschaften stammten, wo man sie nicht ernähren konnte, und die nun die Wallfahrtswege belagerten. Tüchtige ernste Menschen, die ihre Familien durch Überschwemmungen verloren hatten; solche, bei denen der Mißwachs auf den Äckern ein jährlicher Gast war; solche, die erst vorübergehend aus Scham in die fernen Berge zum Betteln liefen, dann schwer loskamen und keinen Ausweg sahen.

Es gab besondere auffallende Erscheinungen, unter ihnen Wang-lun; unruhige Geister, die es nirgends hielt, die hier wie überall unter Vertrauten auftauchten und verschwanden; derartige Menschenwellen wogten in dem ungeheuren Reiche viel.

Den harten und unbeweglichen Kern aller Bergläufer bildeten die vier, fünf alten Verbrecher, welche seit Jahren die Plage der Pässe und höheren Wege ausmachten. Sie waren freundliche, etwas falsche Gesellen, die viele Anekdoten zu erzählen wußten, gutmütig die andern aushorchten, über die jüngeren grobe Späße machten. Einer hatte in seiner Körperfülle das Aussehen eines würdigen Mandarins; es fehlte ihm an seiner Mütze nur der Knopf. Er hielt sehr auf respektvolle Behandlung und bediente sich eines komischen Höflichkeitszeremoniells bei den kleinsten Dingen im Verkehr, wobei gestört er in unsäglich gemeines Schimpfen ausbrechen konnte. Er war Hypochonder, äußerst wehleidig und verbrachte das meiste Geld, das er durch Diebstahl und Raub erwarb, bei kleinen Wurzelfrauen, Hökerinnen in den Nachbarorten, bei denen er nach Medikamenten ein und aus ging. Er hatte eine Masse Eigenheiten, schnitzte sehr gewandt Tabaksdosen mit Blumendeckeln, suchte bei jedem frisch Ankommenden zu erfahren, was es für Neuigkeiten darin in den Städten gäbe, bemühte sich auf die furchtbarste Art, wenn er es wollte und es für ihn nötig wurde, die Muster zu beschaffen. Er seufzte seinen Hökerfrauen vor, die ihn als feinen Herrn behandelten, wie ein armer Mensch seine Haut zu Markte tragen müsse, um auch nur eine Spielerei zu erwerben. Wenn er einbrach, war er der zähste, sicherste Mensch, mit Muskeln von Stahl, einer unbezwinglichen Geduld und Kälte. Vor Leuten, besonders jungen Männern, die ihn überraschten und die er angreifen mußte, hatte er einen Ekel, wenn sie sich nicht wehrten oder um Schonung bettelten, nachdem er sie gefaßt hatte. Er hatte zwei Kaufmannsgehilfen einmal, die vor Entsetzen auf ihrem Ofenbett laut schrien, als er in ihr Zimmer nachts eindrang, mit einem Eisenstück erst betäubt, dann aber, als die kräftigen Menschen trotz seines Befehls unter ihrer Decke weiter wimmerten, sie mit der ersten besten Schnur einen nach dem andern erwürgt, war toll, ohne etwas zu nehmen, in die Berge zurückgerannt. Er führte seitdem den Namen »Seidenschnur«.

Ein anderer dieser fünf Gesellen war ein großer hagerer Kantonese mit einer Hornbrille. Dieser liebte weder Totschlag noch Einbruch, er war Gelehrter und verfaßte Gedichte, gesellschaftliche und sittenfördernde Abhandlungen, Betrachtungen über allerhand Themata, auch aus der Tierwelt, Geologie, Astrologie. Sein Wesen blieb den meisten der Vagabunden dauernd fremd. Er hielt sich völlig fern von ihnen; sie kamen in seine Höhle, um sich über vielerlei Dinge, besonders Krankheiten und günstige Tage, Rats zu erholen. Es war ein Mann von einer gewissen Bildung, der viele Dichter abschrieb und saubere Charaktere malte. In diesen großen ruhigen Menschen kam alle paar Monate eine Veränderung. Die ihn besuchten, merkten das vorher; er hörte ihnen nicht mehr geduldig zu; es herrschte Unordnung in seiner sonst ziemlich gerichteten Wohnung im Felsen. Er erklärte selbst, wenn ihn einer fragte, daß er jetzt viel mit eigenen Sachen beschäftigt sei, nur diese Tage; sie sollten sich nicht abstoßen lassen; er würde über die Sache, die sie ihm vortrügen, später noch genau nachdenken und ihnen Auskunft geben. Dann kamen die paar Tage, wo die Banditen sich nicht von ihrem Gelächter erholten. Wo der gelehrte Mann schmierig und zerfetzt von oben bis unten über alle Wege kletterte, bei allen Bekannten vorsprach in diesem Aufzug unter einem Schwall hochtrabender unverständlicher Worte und Brocken, dazwischen mit kolossalen Schlüpfrigkeiten, die an ihm sonst unbekannt waren, um sich warf, und selbst aus dem Lachen nicht herauskam, das sein Gesicht unter tausend trockenen Fältchen vergrub. Auf diesem Hin und Her, bei dem er sich keine Ruhe gönnte, kaum ein paar Stunden tags schlief, ohne sich zu erschöpfen, versteckte sich die hagere Gestalt auch gelegentlich hinter einem Block bei Mondlicht an einer Straßenbiegung, fiel mit lautem Geschrei ganze Karawanen an, die nicht selten auseinanderstoben vor ihm, stieß einen einsamen Pilger, nachdem er lange hinter ihm her mit Wutbläken geschlichen war, unter einem Freudenjuchzer in den Abgrund, verging sich bei Marktflecken in viehischer Weise an Frauen und Kindern. Nach ein paar Tagen saß er wieder in seiner Höhle, zeigte ernst seinen Gästen die Schrunden und Beulen, die er davongetragen hatte. Er behandelte diese Verletzungen in den ersten Tagen wie eine heilige Sache, kam rasch in das alte Geleise, in die gelehrte Arbeit, bei der ihn keiner, unter schwerster Gefahr, an die unruhigen Tage erinnern durfte. Der Einfluß dieser Männer auf die andern war gering; schon unter sich kannten sie sich wenig; unter den andern allen galten sie als gefährliche Sonderlinge, die zu keiner gemeinsamen Sache zu bewegen waren.

Die Vagabunden sprachen geheimnisvoll über Wang-lun in den überhitzten Stuben des Dörfchens. Seine langen Besuche bei dem Zauberer Ma-noh brachten sie zum Erschauern; alle gaben zu, daß dahinter etwas stecke. Er war ein Verfolgter, der nicht zur Ruhe kam. Ein Buckliger in dem Hause, das auch Wang bewohnte, schlug auf den Tisch: »Diesem Wang ist in Schan-tung etwas passiert, er will Gespenster bannen lernen, um sich an jemand zu rächen. Auf dem Liang-fu-schan sitzt einer, der hat in Krügen die Dämonen der ganzen Provinz gefangen.« Ein anderer stimmte bei: »Ma-noh wohnt schon lange oben; er kennt alle Berggeister. Was soll Wang von ihm wollen?« Der Bucklige: »Ich habe ihn einmal an der Pochmühle sitzen sehen; er schlug mit den Händen an seinen Augen vorbei. Warum? Er hat Dämonen gesehen und wollte sie zerquetschen.« Ein Alter legte sich über den Tisch und grinste: »Ein Gelehrter ist Wang-lun. Er trägt etwas mit sich herum. Was ist dabei wunderbar, wenn er zaubern kann? Wer eins kann, kann das andere.«

In Wang überwucherte unter dem Einfluß der Gespräche mit Ma die Versonnenheit und der Ernst. Er beruhigte sich. Die Wände und Vorhänge, mit denen sich etwas Dunkles in ihm umstellt hatte, fielen; er ebnete und bewältigte sich in der größten Heimlichkeit. Der Zickzack in ihm kam nur gelegentlich zum Vorschein; in Possenstreichen, die andere vor den Kopf stießen, in stundenlanger grundloser Gleichgültigkeit, in vorübergehender Böswilligkeit, Widerspenstigkeit. Die älteren Vagabunden wußten, daß etwas Heiliges dahinter steckte, wenn er Späße machte; daß dies nicht anders war, als ob er sich in einem Krampf wälzte.

Gegen Ende ihres Aufenthalts in Pa-ta-ling stampfte Wang eines Abends kältegeschüttelt in die Stube; er lachte, brüllte, sprang an den Wänden herum. Er hätte auf einem frischen, völlig frischen, eben gefallenen weißen Schneehaufen, sie sollten einmal denken und sich das vorstellen, einen großen verschlossenen Lederbeutel mit dem kaiserlichen Kriegssiegel gefunden; und wenn er in den Beutel griffe, hätte er lauter runde Goldkugeln in der Hand. Er warf einen schwarzen Beutel auf den Tisch. Zehn glattrasierte bezopfte Köpfe stießen über dem Beutel zusammen, ein freudiges erschrecktes Schnattern erhob sich. Einer griff und hatte dicken Kohlestaub bis an den Ellenbogen; ein anderer faßte vorsichtig hinein, es ging ihm ebenso. Und so zwei andern. Sie sahen sich verblüfft über dem Tisch mit der Öllampe an, schwiegen betreten, blinzelten gegen den langen Wang, der ruhig am Ofenbett stand, sahen sich wieder einer nach dem andern an, schüttelten die Kohle von den Händen. Ein feister hellfarbiger hielt den Beutel hoch gegen sein Ohr, schüttelte ihn, horchte. Auch die vier, die in den Beutel gefaßt hatten, drängten sich durch und legten den Kopf an den Beutel. Der erste stellte den Beutel auf die Tischplatte, wich von dem Tisch zurück, sagte, ohne Wang anzublicken, mit einem bestürzten Gesichtsausdruck: »Er hat recht. Wang hat recht.« Er war so fassungslos, daß er nicht tat, was einem andern, dem Buckligen, nach einer Pause einfiel: nämlich, ohne den Beutel zu berühren, Wang zu bitten, ihnen das Siegel des Kaisers zu zeigen und zu fragen, ob es das Siegel Khien-lungs oder eines früheren Kaisers sei. Wenn er es ihnen aber nicht zeigen wolle, ihnen doch etwas noch zu sagen über das Siegel; auch über die vielen Goldkugeln. Sie seien zwar erschreckt, sehr erschreckt, er auch, aber sie würden es doch gern hören und den andern sagen.

Der lange Wang-lun hatte inzwischen längst aufgehört zu lächeln. Mit einer Miene, die immer ängstlicher wurde, stand er am heißen Ofenbett; seine linke weite Hose schwälte am Rost, ohne daß er es merkte und den feinen sengenden Rauch beachtete. Er ging langsam und ganz unsicher von einem zum andern, zog ihn an der Hand zur Lampe, sah ihm suchend ins Gesicht: »Was ist denn? Was ist denn? Was meint ihr denn?« Er stemmte beide Hände auf die Tischkante auf, hinter dem Tisch stehend, beäugte den Beutel von allen Seiten, bückte sich, strich furchtsam über ihn. Dann umspannte er ihn mit der linken Hand, ging mit ihm in die Nachbarkammer, immer Blicke nach rechts und links auf die Männer werfend, als erwarte er Schläge von ihnen. Eine dünne Spur des Kohlenstaubs rieselte hinter ihm her. Die Kammertür versperrte der lange Wang und hockte am Boden in dem engen Raum, in dem nur Krüge, leere Tonnen und Ackergeräte herumstanden, drehte eine Holzhacke in der rechten Hand, legte sie vorsichtig neben sich. Dann hob er den fast ausgelaufenen Lederbeutel, auf beide ausgebreitete Hände gelegt, an sein schweißtriefendes Gesicht und fiel mit dem Kopf so auf seine aufgestellten Knie. Er sagte mit klappernden Zähnen laut, daß die nebenan es hörten: »Was ist denn? Was wollen sie von mir?« Die Kleider klebten ihm an den Gliedern. Er stand auf, besah das Loch in seiner Hose. Es befiel ihn eine so lautlose schwindelnde Angst, daß er sich im Kreise drehte, auf die Holzdiele unter seinen Filzsohlen blickte, den Boden befühlte mit der Hand, die krummen Finger gegen die Wand drückte.

Er stand, mit dem runden Rücken in einen Winkel gelehnt, die Arme unter den weiten langen Ärmeln ineinander verschränkt, sann mit hervortretenden Augen, was ihm passiert war. Plötzlich erstarb alles in ihm. Er ging ruhig zwischen dem Gerätekram an das offene Fenster. Die schneidende Luft wehte. Wang-lun, den Kopf hinaus in die Dunkelheit gesteckt, wußte nicht, was er hier blickte. Die kleinen Häuser drüben standen sehr fern, die Finsternis des Himmels stand nicht ferner. Er betrachtete alles mit Befremden.

Er mummelte sich in seinen Kittel, zog den Kopf zwischen die Schultern, ging in das Nachbarzimmer, wo fünf der Vagabunden saßen und mit Figuren spielten. Ihnen fiel auf, wie stier sein Blick und wie ausdruckslos sein Gesicht war. Er blieb am Tische stehen. Er sagte leise zu dem Buckligen, den er umfaßte, ohne aber den Blick höher auf ihn als bis zu den Schultern zu richten, daß er noch einmal durch das Dorf gehen wolle.

Und dann ging er durch die leere Straße; kehrte um, ging hügelwärts weiter. Lief, indem er die Schwärze der Nacht Schale um Schale, Panzer um Panzer, durchbrach. Ehe er verstand, was geschah, hatten seine Arme das Schwingen der Keulen angenommen, war eine Sichel aus seiner Stirne gewachsen, mit der er die Nacht durchschnitt. Er sprang über die Schönn-i genannten Klippen. Sein Körper lief schon empfindungslos weiter; er ritt ruhig atmend auf federnden Schenkeln. Er freute sich, daß etwas ihn mitgenommen hatte und mit ihm davonlief. Über die Hügel, auf die Felsen. Zu Ma-noh, zu Ma-noh. Der mußte die Gemse hören, die zu seiner Hütte heraufkletterte aus der liegenden Nacht.

Es war noch kein Zeichen des Morgens am Himmel, als Ma-noh seinen Namen rufen hörte, die Stiege zu seiner Hütte hinuntersprang.

Der trübe Docht blakte. Stumm und mild saßen die Buddhas im Hintergrund; die Ohrlappen bis auf die Schultern gezogen, blauer Haarknoten, weite Blicke, ein verschwimmendes Lächeln um die prallen Lippen, auf runden glatten Schenkeln hockend. Wang lag mit der Stirne vor der tausendarmigen Göttin aus Bergkristall, anklagend, bettelnd, verwirrt. Gewillt, hier liegen zu bleiben, nicht fortzugehen. Durcheinander stammelnd, was ihm geschehen sei.

»Was Su-koh geschah, ist nichts gegen dieses. Su-koh haben sie mit fünf Säbeln niedergeschlagen an der kleinen Mauer. Sie haben ihn gefangen genommen und dann über den Nai-ho geschickt. Mich haben sie verlockt, in ihre Mitte geschlossen, bezaubert. In meine Brust wollen sie einen Dämon zaubern, der Bucklige will das, alle wollen das. Ich bin gut zu ihnen gewesen, habe jeden Zank ausgewischt. Mancher von ihnen lebte nicht mehr ohne mich. Ich bin die Dorfstraße heruntergegangen. Es war Kohle in dem Beutel. Ich kann nichts dafür, es war nur Kohle. Und es ist doch kein Gold und kein Siegel. Warum soll es Gold sein, wie soll das Siegel des Kaisers in den Lederbeutel kommen? Warum verlangen sie das von mir? Sie sollen es nicht wollen; sie sollen es nicht wollen. Sie sollen mich wieder gehen lassen; ich habe nichts gesagt von dem Lederbeutel. Ich bin der Wang-lun aus Hun-kang-tsun. Ich bin ein Mörder; kein Mandarin hilft mir jetzt. Ich lasse mich nicht verhetzen. Ihr sollt mir helfen, ihr fünf Fos; Ma-noh, hilf mit; bete mit mir; hilf mir sie bezwingen.«

Er richtete sich auf den Knien auf, hielt Ma-noh an der Brust fest, der sich schon neben ihn geworfen hatte. »Oder bin ich schon verzaubert? Sag, Ma-noh? Es kommt schon zu spät bei mir, nicht wahr, ja, es kommt schon zu spät.«

Heulend stieß er, von den Buddhas abgewandt, lange Schreie aus, öffnete immer die Arme und schlug sie wieder zusammen. »Was soll geschehen, Ma-noh? Was soll mit Wang-lun geschehen? Die bösen Geister haben ihn befallen. Wang-lun haben die bösen Geister befallen.«

Ma-noh drückte Wangs verklammerte Finger von sich ab, ließ ihn auf den Boden rutschen, legte einen dünnen gelben Mantel mit roter Borte über sein Flickkleid, setzte die viereckige schwarze Mütze auf, das Dach des Lebens, schlug den Rasselstab, schüttelte die Klapper. Die pfeifenden Worte, die er ausstieß, gingen unter in dem blechernen Geklirr; und während er die eklen Schlangengötter mit Flüchen anrief, die Nagas, die Lus und ihre Könige, während unter dem Dröhnen der Klapper die Garudavögel gebannt aufschwirrten aus dem Kreise, die grünschwingigen Garudas mit roten Menschenbrüsten, weißem Bauch, auf ihren schwarzen Vogelköpfen standen zwei Hörner, zitterte in Ma-noh das Herz vor Glück. Er tanzte, selbst träumend und hingerissen, um Wang, der den Kopf duckte; er verstand alles, was Wang sagte; er bückte sich, strich ihm über die Schultern, den Scheitel, und hätte sein Knurren und Zischen in Lachen verwandeln mögen. Wang dachte an seinen Vater und seine Mutter, und wie seine Mutter eingeschlafen war, als der Vater unter Hundegekläff in einer Tigermaske hin und her sprang vor der Frau und über die Hingesunkene schnaufte und flüsterte. Ihn fror plötzlich sehr unter der Achsel, an den Knien, an den Fersen.

Er lag schwindlig, lang auf den Leib gestreckt am Boden. Ma häufte Decken über ihn, drückte das Licht aus. Eine weiße Helligkeit trat durch die verklebten Fenster. Ein Scharren und Kratzen an der verriegelten Tür, Füße und Schnäbel von hungrigen Krähen. Dann lief es einmal weich über die Stufen, kroch über das niedrige Dach, schnuppernd, schlüpfte wieselartig über Balken weg. Alle Augenblicke krachte es ganz weit; fernes Schieben, Schurren, Poltern folgte. Schneemassen kamen ins Rollen, stürzten in die Schluchten.